Kassandra

„Sie war schwanger?", wiederholte Tonks geschockt. „Und sie hat ein Kind? Aber wie? Und wann?"

„Wie? Vermutlich auf dem natürlichen Wege wie die meisten Frauen.", mutmaßte Michelle. „Und wann... nun, ich nehme an vor etwa 15-20 Jahren."

„Wie kommst du denn jetzt darauf?"

Überrascht sah Sandra ihre Freundin an.

„Ich habe mir das Passbild in den Kopf gerufen," erklärte Michelle, „und dann versucht zu schätzen. Diese Kassandra ist bestimmt mindestens 15 gewesen und kann eigentlich höchstens 20 sein. Ansonsten wäre Alannas Schwangerschaft in ihre Schulzeit gefallen und dann wäre sie sicher aufgeflogen."

„Du glaubst, diese Kassandra ist ihre Tochter?", hakte Sandra nach.

„Ich bin mir fast sicher, da es die einzig logische Erklärung ist.", antwortete Michelle. „Ich vermute, diese –eventuell gefälschten – Pässe sollten ihr und Kassandra nach dem Krieg eine Ausreise und die Verwischung ihrer Spuren ermöglichen. Denn selbst wenn man einen internationalen Haftbefehl für Severus Snape ausgestellt hätte, hätte man nach einem Mann gesucht. Und wen sonst sollte sie mitnehmen – bei ihrem ohnehin beschränkten Kontakt – als ihr eigenes Kind?"

„Wohl wahr.", stimmte Moody nickend zu. „Aber die Frage wäre: Wer ist der Vater?"

Bevor Michelle darauf etwas erwidern konnte, erklang Lupins leise Stimme:

„Glauben Sie, es könnte Sirius gewesen sein?"

Schockiert starrte besonders Harry ihn an, doch Michelle nickte.

„Ich vermute es stark. Diese Erinnerungssammlung war für Albus Dumbledore gedacht für den Fall, dass Alanna diesen Krieg nicht überleben sollte. Ich sehe das Ganze als eine Art Lebensbeichte, die sie dem Direktor gegenüber ablegen wollte."

„Ziemlich widersinnig, ihn dann selbst zu töten...", murrte Moody, doch Michelle ließ sich nicht rausbringen:

„Sie wird diese Sammlung nicht mir unnützen Informationen versehen haben, denn alle Erinnerungen hatten – wenn vielleicht auch erst zusammen betrachtet – einen bestimmten Sinn. Die Tatsache, dass sie eine Frau ist, hätte sie mit der Erinnerung an den Vater ihres Kindes ebenso herüberbringen können, wenn es jemand anderer gewesen wäre. Außerdem war es – wie schon gesagt – für Alanna gefährlich, sich als Frau zu zeigen. Alles in allem gehe ich deshalb davon aus, dass Sirius Black tatsächlich der Vater von Alanna Snapes Kind ist."

„Aber diese Kassandra war doch blond.", erinnerte sich Sandra. „Und Sirius Black hatte doch, soweit ich weiß, auch dunkles, beinahe schwarzes Haar. Ist das nicht widersprüchlich?"

„Nicht unbedingt."

Überraschender Weise war es Tonks, die antwortete.

„Sirius war der Cousin meiner Mutter. Sie hatte braunes Haar, ihre ältere Schwester Bellatrix pechschwarzes und die Jüngste Narzissa ist beinahe weißblond. Da Sirius' Mutter ihren Cousin 2. Grades geheiratet hat, war es wirklich eine reine Familiensache – ausgeschlossen ist es deshalb wohl nicht, dass seine Tochter blonde Haare haben könnte."

„Wenn er das gewusst hätte...", murmelte Lupin, „...er wäre der glücklichste Mensch auf der Welt gewesen."

„Das glaube ich auch.", stimmte Tonks zu und legte ihrem Geliebten den Arm um die Schultern.

„Aber hat sich mal einer von euch gefragt, wo diese Kassandra jetzt ist?", fragte Shacklebolt. „Sie hat aller Wahrscheinlichkeit nach keine Papiere, das heißt, sie kann das Land nicht verlassen, sie kann aber auch nirgendwo unterkommen, da sie offiziell gar nicht existiert. Verwandte, bei denen man sie verstecken könnte, gibt es nicht und sowohl das Haus in Spinner's End als auch alle Räumlichkeiten in Hogwarts sind mehrmals auf den Kopf gestellt worden. Wo kann sie sein – für den Fall, dass sie noch lebt?"

„Ich denke, diese Frage kann uns nur eine Person sicher beantworten."

Mit diesen Worten erhob sich Michelle.

„Wo willst du hin?", fragte Sandra.

„Erneut nach Askaban.", antwortete Michelle. „Ich möchte dringend noch einmal genau mit dem zuständigen Arzt reden."

„Sollen wir Sie begleiten?", fragte Moody.

„Nein, vielen Dank.", lehnte Michelle ab.

Mit einem Nicken verabschiedete sie sich und machte sich auf nach Askaban.

Die Hoffnung, dass der Aufenthalt im Zauberergefängnis nicht so schlimm sein würde wie beim ersten Mal, erwies sich zu Michelles Bedauern als falsch. Nachdem sie die Zustände in Snapes Zelle gesehen hatte, tat es ihr fast noch mehr weh, an all den anderen Zellen vorbeizugehen und zu wissen, dass diese Insassen auch auf solch eine unwürdige Weise vor sich hin vegetierten.

‚Vielleicht können wir uns damit später befassen.', dachte sie, als sie ihr Ziel erreichten.

Michelle nickte dem Wächter verabschiedend zu und betrat die Krankenstation. Es war ein für diesen Zweck eher kleiner Raum, in dem vier Betten standen, die jeweils Vorrichtungen zur Fixierung der Patienten aufwiesen.

‚Welch ein angenehmes Bild!', dachte Michelle, auch wenn so etwas auf der Krankenstation einer Strafanstalt nicht unbedingt von der Hand zu weisen war.

„Kann ich Ihnen helfen?"

Erschrocken fuhr Michelle herum. Vor ihr stand eine etwas kräftigere Frau mit markanten Gesichtszügen und taxierte Michelle streng.

„Ja, guten Tag, mein Name ist Michelle Clarkson. Ich bin die zugeteilte Sachverständige im Prozess gegen Professor Snape und würde in diesem Fall gerne mit dem behandelnden Arzt sprechen."

„Da haben Sie Glück.", erwiderte die Frau. „Der steht vor Ihnen. Doktor Mary Davis, sehr erfreut."

Dr. Davis hielt Michelle die Hand hin, die diese auch lächelnd ergriff.

„Wie schön, dass ich Sie direkt hier antreffe.", begann Michelle dann. „Ich wollte mich nach den genauen Ergebnissen der Untersuchung erkundigen."

„Sind Sie dazu autorisiert?", fragte die Ärztin streng.

„Sicher."

Michelle zog einen Ausweis aus ihrer Tasche, den sie bekommen hatte, als sie in das Gericht berufen worden war, um sich als Teil dessen überall ausweisen zu können.

„Gut.", stellte die Ärztin nickend fest. „Ordnung muss ja sein."

Dann trat sie an einen kleinen Beistelltisch und nahm eine Akte herunter.

„Die Patientin wurde ohne Bewusstsein hierher gebracht. Man hatte die richterliche Anweisung übergeben, eine ganzkörperliche Untersuchung besonders im Hinblick auf das Geschlecht vorzunehmen. Um diese nicht zu gefährden, wurde der Patientin ein leichtes Betäubungsmittel injiziert, dass sie in ihrer Bewusstlosigkeit hielt. Die Untersuchung ergab – neben dem Befund, dass es sich um eine weibliche Person handelt – folgende Verletzungen: eine mittelgroße Wunde am linken Unterarm – offensichtlich selbst zugefügt durch Bisse und das weitere Aufkratzen der dadurch entstandenen Wunde, weiterhin wurden ältere Druckstellen im Bereich der oberen Rippen festgestellt. Diese sind allem Anschein nach darauf zurückzuführen, dass die Patientin sich die Brust mit einem festen Verband abschnürte und dies schon über längere Zeit – nach erster Einschätzung wohl seit mehreren Jahren. Sonstige Anmerkungen: Die Patientin wies ein sehr niedriges Gewicht auf, was sowohl in ihrer Haft als auch in einer erblichen Veranlagung begründet sein könnte. Weiterhin stand sie kurz vor dem Ende ihrer Regelblutung. Da gemeldet wurde, die Patientin hätte Anzeichen von Unterleibskrämpfen gezeigt, wurde ihr ein krampflösendes Medikament verabreicht. Bei der Untersuchung wurden folgende Fremdkörper gefunden: Ein schwarzer Stein in der Kehle, eine über dem natürlichen Gebiss angebrachte Reihe falscher Zähne und einige Fragmente in der Nase. Nachdem die Patientin ansonsten für haftfähig befunden wurde, wurde ihr Kleidung für weibliche Häftlinge und – bezüglich ihrer abklingenden Regelblutung – eine Binde angelegt. So wurde sie immer noch ohne Bewusstsein der Wacheinheit übergeben und zur Beobachtung in einer nahen Zelle untergebracht."

Nach diesem Vortrag sah die Ärztin auf und Michelle abwartend an.

„Vielen Dank.", bemerkte Michelle und schüttelte schnell ihre Verwunderung über die Sachlichkeit des Vortrages ab.

‚Sie ist Ärztin in einer Haftanstalt. Sie muss das Ganze so nüchtern sehen.'

„Könnte ich diese ‚Fremdkörper' mal sehen?"

„Bitte."

Dr. Davis hielt Michelle ein Metallschälchen hin, in dem sich die Funde befanden.

„Danke."

Michelle nahm das Schälchen samt einer kleinen Pinzette entgegen und untersuchte den Inhalt. Der kleine, dunkle Stein ließ darauf schließen, dass Mrs Weasley mit ihrem Bericht von Apollsteinen tatsächlich Recht gehabt hatte. Von der Größe her ließ sich der Stein problemlos schlucken und die Farbe war sehr dunkel, was nach dem Bericht eine Vertiefung der Stimme zur Folge hätte. Die Zähne sahen an sich aus, wie ein gutes Kunstgebiss. Ungewöhnlich war lediglich, dass dieses hier offensichtlich über das echte Gebiss gelegt und fixiert wurde und dass die Zähne recht gelblich und teilweise auch nicht ganz gerade waren.

‚Ich sagte es ja bereits: Mut zur Hässlichkeit.'

Dann stieß sie auf zwei kleine dünne Stäbchen.

„Was ist das?", fragte sie die Ärztin.

„Die haben sich in der Nase der Patientin befunden.", antwortete diese. „Die ist im Übrigen in der Vergangenheit wohl mehrfach gebrochen worden. Unerklärlicher Weise schienen diese kleinen Fragmente innen an der Nasenscheidewand genau dazu da zu sein, dass der Knochen nicht richtig zusammenwachsen konnte und eine unschöne Krümmung ergab."

‚Nein, eigentlich nicht unerklärlich.', dachte sich Michelle, nickte aber.

„Ich habe gehört, Sie hätten auch eine zurückliegende Schwangerschaft festgestellt."

„Ja," bestätigte die Ärztin und blätterte in der Akte, „die Patientin ist keine Jungfrau mehr und eine genauere Untersuchung hat ergeben, dass sie einmal schwanger war und auch ein Kind geboren hat. Ob dies lebendig oder eine Totgeburt war, kann ich nicht sagen."

„Können Sie denn einen Zeitraum eingrenzen?"

„So gut wie nicht.", antwortete Dr. Davis kopfschüttelnd. „Ich kann nur sagen, dass es nicht vor allzu kurzer Zeit gewesen sein kann, da ihr Körper nicht mehr auf die Versorgung eines Babys eingestellt ist."

„Verstehe. Ich danke Ihnen."

Mit einem Lächeln gab Michelle der Ärztin die Untersuchungsschale zurück und verabschiedete sich höflich.

Auf dem Weg durch das Gerichtsgebäude begegnete sie dem Vorsitzenden.

„Miss Clarkson, ich wollte Sie nur darüber informieren, dass die Ladung von Mister Snape veranlasst wurde.", erklärte er ihr. „Da man ihn vorbereiten muss, auch gegenüber den Muggelbehörden, werden wir ihn erst morgen anhören können."

„Verstehe."

Michelle nickte.

„Wird die Verhandlung dann bis morgen ausgesetzt?"

„Nein."

Der Richter schüttelte den Kopf.

„Die Ärzte haben Professor Snape sowohl für haft- als auch für verhandlungsfähig erklärt. Und mir wurde gemeldet, dass auch der letzte Teil der Erinnerungen entschlüsselt werden konnte. Damit werden wir uns dann in Kürze befassen."

„Verstehe.", erklärte Michelle, worauf der Richter sich von ihr verabschiedete.

Sie war sich nicht sicher, ob diese frühe Fortsetzung eine gute Idee war. Körperlich mochte Alanna verhandlungsfähig sein, aber über ihre psychische Verfassung lag keinerlei Beurteilung vor.

In der Verhandlung etwa eine Stunde später schien sich Michelles Befürchtung zu bestätigen. Alanna stand in starrer Haltung in ihrem Käfig. Sie trug nun die Kleidung weiblicher Häftlinge, die eigentlich nur ein einfaches, langes, weißes Gewand war. Die Haare fielen – offensichtlich entknotet worden – über die Schultern der Gefangenen. Ihre Augen starrten in die Ferne, doch trotz dass sie den Anschein machte, lediglich eine körperliche Hülle zu sein, ließ das Gericht die letzte vorhandene Erinnerung in Augenschein nehmen.

Der Nebel entließ den Blick in eine stürmische und anscheinend auch ziemlich kalte Nacht. Erst beim zweiten Hinsehen konnte man erkennen, dass man sich wieder in dem heruntergekommenen Muggelviertel befand, dass man aus den Kindheitserinnerungen kannte. Eine leicht gekrümmte Person schlug sich durch den Wind, um schließlich die nun auch schon bekannte Hütte zu erreichen. Mit zitternden Händen wurde die Tür aufgeschlossen und mit um den Bauch geschlungenen Armen lehnte sich die Gestalt von innen daran. Mit vor Schmerz verzogener Miene brachte sich die Gestalt mit einem dicken nassen Umhang wieder auf die Beine und schwankte ins Bad. Dort wurde der Mantel abgelegt und in eine Art langes Gewand gekleidet, sank die Person in die Badewanne. Auf dem Rücken liegend trat nun auch ein eindeutiger Bauch zu Tage, der in Zusammenhang mit dem Schmerzwimmern und dem Zucken nur eines bedeuten konnte: Die nun eindeutig zu erkennende Alanna würde wohl in der nächsten Zeit ein Kind auf die Welt bringen.

Sie wand sich hin und her, gelegentlich verschwamm das Bild, sodass man kaum sagen konnte, wie lange es damals wirklich gedauert haben mochte, doch irgendwann wurde ein letzter, wenn auch unterdrückter Schrei Alannas von dem schwachen eines Babys abgelöst. Mit dem letzten bisschen Kraft, das ihr zur Verfügung stand, stemmte sich Alanna hoch und durchtrennte mit einer in greifbarer Nähe liegenden Rasierklinge die Nabelschnur.

Schsch! Ganz ruhig, mein kleiner Liebling! Mama ist bei dir!", flüsterte sie, während sie das Baby leicht im Arm wiegte.

Da das Baby leiser wurde, hörte Alanna plötzlich das Klopfen an der Haustür. Unter furchtbarer Kraftaufwendung stieg sie wieder aus der Wanne, wickelte ihr Baby in ein Handtuch, legte es sicher ab und warf sich schnell den nassen Umhang wieder über, um an die Tür zu gehen, vor der sie eine etwa Mitte 40-jährige Frau erblickte.

Elisabeth!", sagte sie und täuschte mit einem Röcheln eine Erkältung vor.

Hallo, Severus! Junge, ich hab dich vorhin kommen sehen und du sahst so schlecht aus, da dachte ich, ich bring dir ein bisschen Suppe rüber."

Aber Elisabeth, das kann ich doch nicht annehmen. Charly hat doch bestimmt noch Hunger und der ist ja auch noch im Wachstum..."

Ach was!"

Elisabeth winkte ab.

Der soll sich nicht so haben! Du nimmst jetzt die Suppe und isst sie, solange sie noch warm ist. Die Schüssel kannst du mir dann ja in den nächsten Tagen zurückbringen. Erhol dich gut, Kind!"

Mit diesen Worten drückte sie Alanna eine mit einem Deckel verschlossene Schüssel in die Hand und eilte durch das schlechte Wetter zu ihrem Haus nach nebenan zurück. Alanna schloss langsam die Tür, stellte die Schüssel auf dem alten Esstisch ab und ging ihr Baby aus dem Badezimmer holen.

Siehst du, mein Spatz? Das haben wir doch schon gut gemeistert. Und jetzt haben wir dann auch beide etwas zu essen."

Mit einem leise gemurmelten Zauberspruch ließ sie einen Löffel zu sich kommen und begann langsam die warme Suppe zu essen, um von irgendwoher wieder Kraft zu nehmen.

Nach der Rückkehr in den Gerichtssaal beobachtete Michelle Alanna. Die Frau im Käfig hatte wieder einen klaren Blick bekommen und sah auf die Stelle, an der sie eben noch ihr jüngeres Ebenbild und ihre kleine Tochter hatte sehen können.

‚Der Anblick der Tochter hält sie aufrecht.'

Leise wandte sie sich an den Richter.

„Ich würde darum bitten, den Prozess bis zur Vernehmung des Vaters auszusetzen. Die momentane psychische Verfassung lässt mich zweifeln, ob weiteres Verhandeln Sinn machen würde."

„Wie Sie meinen."

Der Richter nickte, verließ sich auf das Urteil der Analytikerin und schloss die Verhandlung.