Kapitel 20

Ein wenig besorgt blickte Carlisle in das Gesicht des Jungen, er war etwas blass, starrte wortlos auf die Tischplatte vor sich und spielte mit dem Wasserglas in seiner Hand. Seine Reaktion war vollkommen menschlich gewesen und der Blonde hatte beschlossen, ihm den Rest in Ruhe zu erklären und ihn nicht mit der ganzen Familie zu überfallen.
Dafür hatte er Helios in sein Arbeitszimmer gebracht und saß nun neben ihm, während er ihn aufmerksam beobachtete. „Ich weiß, dass das hier echt ist, aber es… ist unglaublich schwer zu glauben", murmelte der Junge, seine ersten Worte seit zehn Minuten und blickte auf. „Können wir vielleicht wo hin gehen, wo nicht jeder im Haus uns hören kann?"
„Ich weiß, dass alles etwas viel ist. Aber es war besser, dir alles zu erzählen, als dich im Unklaren zu lassen", meinte Carlisle und beugte sich hinüber, um dem Kleineren einen sanften Kuss auf die Schläfe zu drücken. Er war etwas überrascht, dass Helios zurückzuckte, zumindest bis die Erklärung kam. „Nicht, die können das alle hören", wisperte er und eine entzückende Röte breitete sich auf seinen Wangen aus. Der Blonde lachte leisen und vergrub seine Hand in den Haaren des Menschen, um ihn in einen richtigen Kuss zu ziehen. „Das können sie schon lange", flüsterte er lächelnd zurück und setzte sich wieder auf. „Mit mehreren erwachsenen Kindern hört man einiges und lernt auch, bewusst wegzuhören."
Mit einem Stöhnen vergrub Helios das Gesicht in seinen Händen und murmelte: „Das wollte ich jetzt wirklich nicht wissen! Hat man hier denn jemals etwas Privatsphäre?" Plötzlich riss er den Kopf hoch und starrte Carlisle mit riesigen Augen an. „Oh Gott… ich war bei euch auf der Toilette!"
Nun konnte sogar er hören, wie Emmett im Erdgeschoss in schallendes Lachen ausbrach und erneut verbarg er stöhnend das Gesicht. Der Blonde selbst lachte leise und schüttelte den Kopf. „Wirklich, manchmal ist es wirklich schwer zu glauben, dass er einhundert Jahre sein soll und nicht noch ein Teenager ist. Zum Glück weiß ich, dass sich der Junge auch erwachsen verhalten kann, wenn es sein muss."

Das brachte Helios endlich dazu, an etwas anderes als die vermutlich lauschenden Vampire zu denken und er legte den Kopf schief. „Sie sind wirklich deine Kinder, nicht? Das ist nicht nur eine Geschichte für die Öffentlichkeit wie die Ehe mit Esme, hab ich recht?" Der Blonde nickte nur als Antwort und mehr brauchte es auch nicht. Sie waren eine Familie und auch wenn Carlisle und Esme keine romantische Beziehung hatten, waren sie trotzdem die Eltern der Anderen. Punkt.
Was ihm dann auch noch in den Sinn kam, ließ den Menschen die Stirn runzeln und er fragte: „Sag mal… was haben Jacob und Seth heute hier gemacht? Die paar Mal, die ich mit Seth unterwegs war, hat er sich ganz anders verhalten als jeder von euch, er ist also kein Vampir, oder?" Der Mann hörte, wie im Erdgeschoss jemand schnaubte und sah kurz etwas verärgert aus, bevor er meinte: „Es wäre sehr freundlich, wenn ihr langsam aufhören könnten, uns ständig zuzuhören. Auch wenn es sicherlich interessant ist." Und erneut landete das Gesicht des Jungen mit einem Stöhnen in seinen Händen.
Dann wandte er sich wieder Helios zu und meinte freundlicher: „Nein, sind sie nicht. Aber ich denke, das solltest du mit ihnen selbst besprechen." Damit musterte er den Jungen kurz und wirkte weit zufriedener. „Gut, deine Gesichtsfarbe ist wieder normal. Ich war wirklich besorgt, dass dir das alles zu viel geworden ist und dein Kreislauf zusammenbricht." Mit einer eindeutigen, wenn auch wortlosen Aufforderung schob Carlisle das Glas näher zum Jüngeren und der verdrehte die Augen, schmunzelte und murmelte „Ja, Dr. Cullen" bevor er das Wasser leertrank. Der Vampir verkniff es sich, bei dem mehrstimmigen Kichern vom Erdgeschoss die Augen zu verdrehen.

„Du scheinst wirklich wieder vollkommen erholt zu sein, wenn du wieder so… ungehemmt sein kannst", meinte er stattdessen mit einer hochgezogenen Augenbraue und selbst einem Lächeln auf den Lippen. „Willst du etwa damit sagen, dass ich frech bin? Ich? Niemals!", grinste Helios, was dem Mann ein kleines Lachen entlockte. „Natürlich nicht, was dachte ich nur?" Schnell beugte er sich vor, um den Jungen wieder zu küssen und war ziemlich zufrieden mit sich selbst, als er die Röte auf dessen Wangen erblickte.
„Vielleicht sollte ich dich wieder nach Hause bringen", murmelte der Blonde, was der Andere mit heftigem Kopfschütteln beantwortete. „Vergiss es. Wir zwei müssen noch über etwas anderes reden, und zwar nicht hier", verlangte Helios mit strengem Blick, den er wohl durch jahrelange Übung mit seinem Bruder perfektioniert hatte.
Trotzdem war es unglaublich süß, dass er einen vierhundert Jahre alten Vampir so ansah und Carlisle konnte nicht anders, als ihm sanft durch die Haare zu streichen. „In Ordnung. Aber dann möchte ich dir etwas zeigen." Schnell nahm er die Hand des Menschen in seine und zog ihn auf, um mit ihm – die Blicke der Anderen und Emmetts Pfeifen ignorierend – vor die Haustür zu treten.
Dort ließ er es sich nicht nehmen, Helios hochzuheben, ein Arm unter seinen Beinen und einen um seinen Rücken geschlungen. Natürlich quietschte dieser protestierend auf und sah ihn entrüstet an. „Lass mich sofort wieder runter!", rief er verlegen und klammerte sich gleichzeitig Halt suchend an das Hemd des Mannes. Grinsend gab er dem Kleinen einen flüchtigen Kuss, bevor er sich in Bewegung setzte. Weit schneller als für Menschen möglich.

Es wäre etwas einfacher gewesen, wenn er Helios auf seinen Rücken genommen hätte, doch er hatte unbedingt das Gesicht des Jungen sehen wollen. Nur das dieser sein Gesicht in der Brust des Vampirs verbarg und anscheinend nicht vorhatte, das zu ändern. Der Wind zerrte an ihrer Kleidung und ihren Haaren, doch der Weg war nicht so weit, um sich Sorgen um seinen menschlichen Geliebten zu machen. Allerdings sollte er das nächste Mal vielleicht eine Jacke um den Jüngeren wickeln, um dem kühlen Luftzug vorzubeugen.
Sie waren an einer von Carlisles Lieblingsstellen angekommen, eine kleine Bucht des Flusses, in der das Wasser fast stand. Es gab gerade genug Strömung, damit kein fauler Geruch entstand. Um sie herum erhoben sich immer noch die Bäume und schützten sie vor Blicken, zumindest vor denen von Menschen.
Helios hatte es gewagt, seinen Kopf zu heben, als sie stehen geblieben waren und starrte nun auf das Bild, dass sich ihnen bot. „Wow, das ist wunderschön", flüsterte er ehrfürchtig und vergaß sogar, dass er sich darüber beschweren wollte, wie ein Mädchen getragen worden zu sein.

„Hier sollten wir in Ruhe sprechen können", meinte Carlisle und setzte den Jungen vorsichtig wieder ab, der zuerst noch einen Moment die Umgebung bewunderte und sich dann zum Vampir umdrehte. „Ich kann mir zwar denken, dass deine Lüge letztens mit dem Fakt zu tun hat, dass du ein Vampir bist, aber mach das nochmal und wir haben ein ordentliches Problem. Selbst dann, wenn du aus irgendeinem Grund meinst, das zu meinem Schutz tun zu müssen, erlaube ich keine Lügen. Und dazu tendieren leider alle Erwachsenen in meiner Umgebung", grummelte er und schnaubte kurz.
„Wieso hast du eigentlich gelogen? Dass ihr Tagsüber nicht raus könnt ist eindeutig Mist, aber direktes Sonnenlicht ist ein Problem?" Sanft schüttelte der Blonde den Kopf und lächelte. „Nein, es ist nur… es wäre ziemlich auffällig, dass wir keine Menschen sind, sollten wir ins Sonnenlicht geraten", erklärte er und hoffte, dass es damit gut war, doch Helios sah ihn abwartend an und mit einem Seufzen knickte Carlisle ein. „Wir… man könnte sagen, wir glitzern."
Kurz kam keine Reaktion, dann biss sich der Junge auf die Lippen und für den Vampir war es eindeutig klar, dass er sein Bestes gab, um nicht lauthals loszulachen. Er konnte es ja auch irgendwie verstehen. Die Monster, von denen man in Gruselgeschichten hörte, existierten wirklich. Und glitzerten. Natürlich hing das mit ihren verhärteten Zellen zusammen, dennoch war es ein wenig unglücklich.

Sobald sich Helios beruhigt hatte, nickte er und meinte grinsend: „Das würde ich gerne mal sehen." „Wirst du sicherlich, keine Sorge." Langsam trat der Blonde auf den Jüngeren zu, nahm seine Hand und küsste sie sanft. „Und ich verspreche, dich nie wieder anzulügen. Verzeih mir bitte. Aber es war notwendig, um uns und dich zu schützen."
Hätte er den letzten Satz nicht gehört, wäre der Schwarzhaarige wohl zu einem verliebten Schulmädchen geworden, doch so runzelte er die Stirn. „Was meinst du damit, zu meinem Schutz? Dass ihr euer Geheimnis bewahren wollt, ist klar, aber was hat das mit mir zu tun?"
Eigentlich hatte Carlisle noch nicht so bald davon reden wollen, doch jetzt schien es unausweichlich und vorsichtig zog er den Jungen zu einem der Felsen, die die Bucht umgaben, und setzte sich mit ihm nieder.

„Es gibt Vampire, die sich dem Schutz unserer Art verschrieben haben. Sie sehen sich als unsere Anführer und sie haben sich einen Ruf aufgebaut, der den Rest von uns zwingt, uns ihren Regeln zu beugen. Vor allem, da die meisten tatsächlich zum Schutz unsere ganzen Gesellschaft dienen. Sie heißen Volturi, ihre Anführer sind Aro, Caius und Marcus. Du hast sie tatsächlich schon gesehen, auf dem Gemälde in dem Museum. Ich war zu der Zeit bei ihnen, deshalb bin auch ich darauf.
Jedenfalls ist eine dieser Regeln, unser Wesen vor Menschen zu verbergen, und glaub mir, das war früher nicht für jeden selbstverständlich. Erst, als sie ihre Wachen geschickt haben, um all jene zu bestrafen, die gegen ihre Gesetz verstießen, wurden sie eingehalten. Und dadurch, dass du jetzt von uns weißt, haben wir eben dieses gebrochen."
Dem Menschen wurde schlecht bei der Erklärung und sein Gesicht war noch blasser als zuvor, während er leise fragte: „Was… was folgt darauf für eine Strafe?" Der Blick in den Augen des Älteren verhieß nichts Gutes und seine Angst bestätigte sich mit dessen Worten: „Der Mensch muss zum Schweigen gebracht werden. Sei es durch seinen Tod oder… durch eine Verwandlung.
Solange die Volturi davon nichts bemerken, ist alles in Ordnung, allerdings haben sie auf uns ein besonderes Auge. Unter anderem weil Alice wegen ihrer Fähigkeit wollen und aufgrund eines Konflikts, der durch Renesmee ausgelöst wurde. Sie nutzen jeden Grund, um uns anzuklagen, auch wenn wir sie jedes Mal vom Gegenteil überzeugen können. Was ihren Wunsch, uns loszuwerden, natürlich verstärkt.
Bella wäre von ihnen beinahe getötet worden. Alice konnte das nur dadurch verhindern, dass sie eine Vision von ihr als Vampirin hatte. Aber nachdem sie dich nicht sehen kann…" Kurz schwieg Carlisle, bevor er seufzte. „Deshalb wollte ich verhindern, dass du etwas rausfindest, aber da habe ich deine Neugierde und deinen Verstand unterschätzt", meinte er mit einem kleinen Lächeln. „Mach dir keine Sorgen, wir werden nicht zulassen, dass sie von dir erfahren."
Helios nickte kurz und lehnte sich dann an die Schulter des Vampirs, bevor er den Kopf hob und ihn küsste. „Aber hey, ich wusste, dass es mit einem weitaus älteren Mann kompliziert wird. Du hast mich sogar davor gewarnt", sagte er grinsend und lockerte so etwas die Stimmung, was genau sein Ziel gewesen war.