21. All Hell Broke Loose

Dunkelheit. Dann Schmerz. Und Lärm.

Langsam kam ich wieder zu mir und versuchte, meine Augen zu öffnen. Doch das stellte sich als gar nicht so leicht heraus. Als ich es endlich geschafft hatte, schmerzte das grelle Licht und mein Kopf fühlte sich an, als ob er gleich explodieren würde. Ich versuchte mich aufzurichten, da ich mich wieder erinnerte, wo ich war (und mitten in einer Schlacht auf dem Boden rum zu liegen war wohl nicht das intelligenteste), doch mein rechter Arm versagte mir den Dienst und knickte unter mir weg.

„Verdammt."

Jetzt fiel mir alles wieder ein: der Kampf mit dem Hexenkönig und wie er mich noch an meiner rechten Seite getroffen hatte. Scheiße.

Vorsichtig und nur meinen linken Arm benutzend, richtete ich mich schließlich auf. Um mich herum lagen jede Menge Gestallten auf dem Boden, doch gekämpft wurde nur noch vereinzelt. Das meiste Kampfgeschehen schien sich etwas weiter weg verlagert zu haben, was mir ganz recht war. Stöhnend erhob ich mich auf meine Knie und untersuchte gaaanz vorsichtig meine rechte Seite: meine Kleidung war leicht zerfetzt und überall war Blut.

‚Hoffentlich ist das nicht alles mein Blut,' dachte ich und tastete meinen Arm ab.

Glücklicherweise schien er nicht gebrochen zu sein, was ich von meinen Rippen leider nicht sagen konnte. Doch mein Oberarm schien mehrere tiefe Fleischwunden davon getragen zu haben, die noch immer bluteten. Ich sah mich um nach etwas, das ich als Verband benutzen konnte und schnitt schließlich irgend einer Leiche einen Teil des Mantels ab. Daraus bastelte ich nun einen Notfallverband für meinen Arm. Meine Hüfte schien zwar auch etwas gelitten zu haben, doch der Arm war am schlimmsten dran, soweit ich es erkennen konnte. Als ich fertig war, sah ich mich nach meinem Schwert um.

Da lag es, keine zwei Meter von mir entfernt, und seine Klinge war von dem leeren schwarzen Umhang des Nazguls bedeckt. Ich robbte zu meiner Waffe hinüber und befreite sie von ihren Hüllen. Die Klinge war merkwürdig dunkel, fast schon schwarz, doch ansonsten schien es unbeschadet zu sein.

Mit Gilmegils Hilfe schaffte ich es nun auf die Beine zu kommen. Leicht unsicher stand ich da und sah mich um. Dem Stand der Sonne nach musste es bereits nachmittags sein. Aragorns Banner befand sich nicht mehr dort, wo ich ihn in den Boden gerammt hatte, sondern irgendwo vor mir. Ich blickte in Richtung Minas Tirith und etwas rechts davon, konnte ich den schwarz-silbernen Banner zusammen mit der Fahne Rohans über dem Schlachtgetümmel wehen sehen. Dort mussten sich Aragorn und die anderen befinden.

Ich machte probehalber einige Schritte und stellte fest, dass ich zwar hinkte, doch konnte ich mich einigermaßen fortbewegen. Mein Schwert in der linken Hand (die rechte war unfähig, das Gewicht der Waffe zu halten) ging ich langsam in Richtung der beiden Banner.

Ich war noch nicht weit gekommen, das griff mich auch schon ein Ork an. Linkisch wehrte ich seinen Schlag ab und machte ein paar Schritte rückwärts. Doch der Ork hatte zu viel Schwung genommen und stolperte leicht nach vorn, was ich natürlich sofort ausnutzte und mit einem nicht besonders gutem aber effektivem Schlag, streckte ich ihn nieder.

Verdammt, es war gar nicht so leicht, nur mit der linken Hand zu kämpfen! Doch es blieb mir gar nichts anderes übrig, also ging ich weiter.

Ich erschlug gerade einen bereits angeschlagenen Haradrim, als mich ein anderer Ork von rechts angriff. Ich konnte mich nicht mehr rechtzeitig umdrehen, um seine Waffe abzuwehren, doch bevor sie mich treffen konnte, wurde er von einer Streitaxt zu Fall gebracht: Gimli! Ich war noch nie so froh gewesen, den Zwerg zu sehen.

„Gimli!" rief ich erfreut aber atemlos aus. „Danke!"

„Nichts zu danken," brummte er und sah mich dann fragend an. „Ich habe dich aus den Augen verloren in der Schlacht und habe mir schon Sorgen gemacht. Wo warst du denn so lange?"

„Ich musste noch etwas grässliches erledigen," antwortete ich, doch als ich seinen fragenden Blick sah, winkte ich ab. „Es geht mir gut. Wo sind denn die anderen?"

Der Zwerg schien mir meine Notlüge zwar nicht so ganz zu glauben, doch er führte mich weiter in Richtung der beiden Fahnen.

„Éomer ist vor einiger Zeit zu uns getroffen. Gemeinsam haben er und Aragorn die Lage mittlerweile fast unter Kontrolle."

Na, dass war doch mal eine gute Nachricht. Ich folgte Gimli langsam und tat mein Bestes um nicht hinzufallen, was gar nicht so einfach war, da überall Leichen herum lagen und der Boden mit Blut getränkt war. Ugh. Igitt. Bei all dem Gemetzel wurde mir langsam aber sicher schlecht. Doch ich unterdrückte meinen Brechreiz so gut es ging und konzentrierte mich lieber darauf, auf den Beinen zu bleiben.

Nach einiger Zeit hatten wir einen kleinen Hügel erreicht, auf dem sich Aragorn und Éomer befanden. Doch Legolas konnte ich nirgends erkennen. Ich hatte auch keine Zeit darüber nachzudenken, denn in dem Moment griff uns eine neue Welle wüst aussehender Ostlinge an.

‚Oh shit!'

Ich riss mein Schwert hoch um die Angreifer so gut es ging, abzuwehren, doch ohne Gimli an meiner Seite, wäre es schlecht bestellt gewesen um mich.

Nach einer halben Ewigkeit schien der Ansturm schwächer zu werden. Ich nutze jede Gelegenheit, die sich ergab, um mich etwas auszuruhen, denn mittlerweile musste ich mich sehr zusammenreißen um nicht auf der Stelle zusammen zu brechen. Doch gerade als ich dachte, das Schlimmste wäre überstanden, fiel einer der Ostlinge gegen mich (natürlich auf der rechten Seite) und riss mich mit zu Boden. Gleißender Schmerz durchzuckte mich und Sterne tanzten vor meinen Augen. Als ich versuchte, mich wieder aufzurappeln, traf mich etwas am Kopf und alles um mich herum versank in willkommener Dunkelheit.

„Elena!"

Wie durch einen Schleier aus tiefer Schwärze hörte ich wie jemand meinen Namen rief. Ich wollte antworten, doch ich brachte keinen Ton heraus. Je mehr ich wieder zu Bewusstsein kam, desto präsenter wurde auch der Schmerz in meiner ganzen rechten Seite und in meinem Kopf. Schließlich schaffte ich es, meine Augen zu öffnen. Über mir konnte ich den grauen Abendhimmel sehen. Moment mal. Abend? Verdammt, ich musste mehrere Stunden lang bewusstlos gewesen sein! Mühsam versuchte ich mich aufzurichten, doch ich kam nicht weit.

„Elena!"

Mittlerweilewaren die Stimmen schon viel näher. Ich wollte wieder rufen, doch ich brachte nur ein Krächzen zustande. Aber es war anscheinend genug, denn nun hörte ich wie sich Schritte näherten und Legolas nach mir rief:

"Elena? Ist mit dir alles in Ordnung?"

Ja klar doch, es geht mir bestens, wollte ich antworten, doch bevor ich irgendetwas sagen konnte entfuhr mir ein gequältes Stöhnen.

„Elena!" Legolas hatte mich nun erreicht und war neben mir zu Boden gesunken. Sachte zog er meinen Kopf auf seinen Schoss.

„Kannst du mich verstehen?" fragte er mich besorgt.

Ich nickte leicht und verzog gleich darauf das Gesicht vor Schmerzen, als er mich vorsichtig hochhob.

„Kannst du stehen?"

„Ja," brachte ich mühsam hervor. Doch meine Beine schienen mir nicht so ganz zu gehorchen wollen, also legte der Elb vorsichtig seinen rechten Arm und mich und stütze mich.

„Danke" flüsterte ich erschöpft.

Langsam führte er mich nun in Richtung des großen Tores von Minas Tirith.

Ich musste mich darauf konzentrieren auf den Beinen zu bleiben und hatte deshalb kaum Augen für die prächtige weiße Stadt die vor uns aufragte. Vor den großen Toren in der untersten Stadtmauer befanden sich mehrere Zelte. Ich konnte die grüne Rohan Fahne erkennen, doch Aragorns Banner war nirgends zu sehen.

Elladan und Elrohir erwarteten uns bereits bei den Zelten. Sie sahen nur leicht angeschlagen aus. Ha, Elb müsste man sein.

Sie hatten uns anscheinend schon von weitem gesehen (was ja auch nicht schwer war, nicht dass wir besonders schnell gewesen wären) und hielten Legolas' weißes Pferd bereit.

„Hannon le, mellyn nín," sagte der blonde Elb.

Während mich Elladan stützte, schwang sich Legolas auf Arod. Zusammen mit seinem Bruder hob mich der dunkelhaarige Elb hoch.

„Reitet voraus, wir kommen nach," rief uns Elrohir noch nach.

Den Ritt bekam ich nur schemenhaft mit. Sicher in Legolas' starken Armen lehnte ich mich zurück und versuchte mich so gut es ging zu entspannen. Hin und her ritten wir, den Berg hinauf, durch mehrere Tore hindurch und durch einige Tunnel.

Schließlich kamen wir zu einer dichten grünen Hecke und durchquerten einen Garten. Legolas hielt vor einem großen weißen Haus an und im selben Moment kam Gandalf heraus.

„Legolas. Elena," grüßte er und kurz und half mir vom Pferd herunter.

„Ist alles in Ordnung mit Euch, Elena?" fragte der Zauberer besorgt.

„Meine rechte Seite..."

Legolas war nun an meiner Seite und gemeinsam brachten mich die beiden hinein.

„Ioreth!" rief Gandalf einer alten Frau zu. „Ich brauche ein freies Bett, schnell!"

Die Frau führte uns durch einige Zimmer in denen überall Betten und Liegen mit Verwundeten waren.

Erleichtert lies ich mich auf das Bett sinken. Ich stöhnte leise auf als Legolas mir vorsichtig half die Lederjacke auszuziehen und meinen provisorischen Verband vorsichtig entfernte. Nun konnte ich das volle Ausmaß meiner Verletzungen sehen: Meine ganze rechte Seite war dunkelrot von getrocknetem Blut und mein Pullover sah ziemlich mitgenommen aus. Oh, shit. Auf einmal fühlte ich mich gar nicht so gut und der Raum schwankte so komisch...

„Elena!"

Legolas' Stimme holte mich wieder ins Bewusstsein zurück.

„Mir ist kalt..." flüsterte ich schwach.

„Elena," diesmal sprach mich Gandalf an. „Was ist passiert? Eure rechte Seite, das war kein Schwert."

Ich schüttelte leicht den Kopf. Ups, keine gute Idee. Ich wartete einen Moment, bis die Sterne wieder verschwanden, bevor ich antwortete.

„Es war ein Morgenstern... der Ringgeist mit der eisernen Krone..."

„Der Hexenkönig!" rief Gandalf überrascht aus. „Ich bin gleich wieder da, ich hole Aragorn."

‚Aragorn?' dachte ich verwundert. ‚Was hat der denn damit zu tun?'

Doch dann wurde mir wieder schwindelig und ich wurde bewusstlos.