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Wege zur Macht

Es regnete in Strömen und man konnte durch die Strahlen aus Regen und die Dunkelheit nicht einmal die Hand vor Augen erkennen. Hart, schwer und unerbittlich prasselte der Regen auf zwei Gestalten nieder, die sich ihren Weg in Richtung Hogwarts bahnten. Sie gingen gemessenen Schrittes, als mache ihnen der Regen gar nichts aus.

„Severus, es ist unbezahlbar, wenn man weiß, wo man hingehört", sagte Albus Dumbledore. „Und ich weiß, dass mein Platz in Hogwarts ist, ich könnte meine Schule nicht im Stich lassen. Außerdem fehlt es im Ministerium an Ehrlichkeit und Geradlinigkeit, es herrscht zu viel Korruption und Machthaberei".

„Ich habe mir gedacht, dass du so entscheiden würdest", gab Severus mit dunkler Stimme zurück. „Aber warst du nicht versucht…". Er ließ den Satz in der Luft hängen.

„Versuchung". Dumbledore schwieg ein paar Augenblicke. „Es ist seltsam", sprach er dann. „Ich will nicht abstreiten, dass es einer meiner größten Fehler ist, dass ich leicht in Versuchung geführt werde. Doch in diesem Fall war es nicht so. Als ich Hogwarts verließ, um mich mit den Politikern zu treffen, galt mein einziges Interesse der Frage, wie ich diese Leute so schnell wie möglich von meiner Person würde abbringen können".

Unter seiner Kapuze lächelte Severus voller Verständnis sein feines, leichtes Lächeln. Er blickte in Richtung Hogwarts, wo man durch den Regen nur den Lichtschein sah, der vom Gebäude ausging, ein einladendes, warmes Licht. Hogwarts war der Mittelpunkt ihres Denkens, Tuns und Handels, es war ihr eigenes kleines Reich und gleichzeitig ihr Zuhause.

Als die beiden durch die großen schweren Eingangstore Hogwarts betraten, schien es so, als löse sich die Nässe wie ein unsichtbarer Film von den Umhängen ab. Der Meister der Zaubertränke und der Direktor hielten kurz inne, als gebühre dieser Augenblick der Schule. Dann nickten sie einander zu und trennten sich ohne ein weiteres Wort.

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Das Erste, was Severus tat, war Laetitia rufen zu lassen. Doch es dauerte ein halbe Ewigkeit, als es schließlich klopfte. Severus stand sogleich von seinem Arbeitstisch auf und rief: „Komm herein". Laetitia schob sich zur Tür herein, in der Hand Pergamentpapier. „Laetitia". Severus wollte auf sie zugehen und sie fest in seine Arme schließen, doch bevor er sich auch nur bewegen konnte, sagte das Mädchen reserviert: „Du hast mich rufen lassen?". Severus stockte in seiner Bewegung und hob ungläubig die Augenbrauen. „Meine Strafarbeit habe ich geschrieben", sprach Laetitia weiter, als habe er sie dafür rufen lassen. „Hier ist sie". Sie streckte ihm das Pergamentpapier hin. Mit einer gewissen Ruhe, die Severus gegeben war, musterte er seine Tochter ernst und machte keine Anstalten, den Aufsatz anzunehmen. Laetitia hielt seinem Blick ein paar Augenblicke mit gerecktem Kinn stand, dann sah sie fort und ließ das Pergament sinken. „Also", brach Severus schließlich die Stille. „Was ist los?".

„Nichts ist los", gab Laetitia angriffslustig zurück.

„Nun, es muss einen Grund für deine rebellische Miene geben. Ich habe nicht die Geduld dich zu enträtseln und da ich nicht hier war, habe ich auch nicht die geringste Ahnung, was passiert sein könnte. Du musst mich schon aufklären".

„Du könntest jetzt einfach den Aufsatz nehmen und mich in Ruhe lassen, damit wäre mir schon geholfen!", fauchte Laetitia. Severus Augen blitzten. „Nicht in diesem Ton, Laetitia!". Laetitia zeigte sich unbeeindruckt. „Du redest auch immer so mit mir, wenn dir etwas nicht passt!", konterte sie schon. „Also wundere dich nicht, wenn ich es dir mit gleicher Münze heimzahle". Laetitia wartete auf den großen Knall. Jedoch tat ihr Severus diesen Gefallen nicht. Ihm war klar, dass eine Moralpredigt Laetitias Trotz nicht gerade mindern würde. Er verbiss sich die bösen Worte und sagte stattdessen mit dunkler Stimme: „Laetitia. Willst du mir sagen, was los ist?".

Seine ruhige Art nahm ihr den Wind aus den Segeln. Ohne, dass sie es wollte oder hätte kontrollieren können, schossen ihr die Tränen in die Augen. „Wo warst du die ganze Woche?", rief sie nun. „Wieso hast du dich nicht blicken lassen… oder dich wenigstens gemeldet?".

Severus sah seine Tochter einen Augenblick überrascht an. So kannte er die sonst so selbstbewusste Laetitia gar nicht. Doch er wusste gleich, was los war. Und auch, wenn er sie dazu für zu verständig dafür gehalten hätte, er selbst kannte aus seiner Kindheit zu sehr die Angst davor, allein gelassen zu werden. Und er wusste auch, dass es, obwohl er nicht gerne über Gefühle sprach, auf die Fragen, die sie ihm gestellt hatte, nur eine Antwort gab. „Laetitia, ich bin dein Vater und ich liebe dich. Und egal, was passiert, ich werde dich niemals im Leben im Stich lassen".

Ein so deutliches Bekenntnis zu ihr hatte er noch niemals ausgesprochen, eine Tatsache, die das Gewicht seiner Worte deutlich erhöhte. Und wenn Laetitia ehrlich zu sich selbst war, war es genau diese Versicherung, die sie hatte hören wollen. Sie musste heftig schlucken.

„Jetzt steh nicht so da, als hätte der Blitz eingeschlagen", sagte Severus rau und packte sie an den Schultern. „Sondern lass dich umarmen". Damit schloss er sie väterlich in seine Arme. Es war Laetitia, als ob sich ein Knoten in ihrer Kehle löse. Und obwohl sie das Gefühl hatte, nun frei atmen zu können, heulte sie jetzt erst recht. „Hör auf damit", wies sie Severus an. Laetitia versuchte sich zu beherrschen. „Es tut mir leid, wie ich mit dir geredet habe", sagte sie. Severus ließ sie los und küsste sie auf die Stirn. „Das will ich hoffen. Und jetzt setz dich erst einmal und beruhige dich". Er ging in die Küche und kam mit ein paar belegten Brotschnitten und heißem Tee wieder. „Es ist gezaubert", meinte er beiläufig. „Ich bin eben erst gekommen. Hast du schon zu Abend gegessen… ach, was rede ich, es war noch kein Abendessen". Er deckte den Tisch und setzte sich wieder. „Es tut mir leid, Laetitia, dass ich mich nicht gemeldet habe. Es gab sehr viel zu tun. Hätte ich gewusst, dass du… dass du dir Sorgen machst… ich wusste dich eben in guten Händen und ich habe nicht bedacht, dass du andersherum auch gerne wissen möchtest, wie es mir geht".

„Schon in Ordnung", nuschelte Laetitia, die aufgrund der Entschuldigung ihres Vaters sogar ein wenig errötete. „Ich habe mich hineingesteigert". Ihr Blick fiel auf die Strafarbeit, die sie auf dem Seitenschränkchen abgelegt hatte. „Vielleicht… vielleicht solltest du den Aufsatz nicht mehr lesen".

„Nein, nein, ich lese ihn. Ich weiß ja dann, in welcher Stimmung du ihn geschrieben hast – aber ich bin allein schon froh, dass du ihn bereits geschrieben hast, ich hätte wetten mögen, dass du dafür noch eine eindrückliche Aufforderung bräuchtest".

„Die Aufforderung, die du mir gegeben hast, war schon recht eindrücklich", sagte Laetitia trocken. Severus musste lachen und Laetitia betrachtete diesen seltenen Augenblick fasziniert. Er war bei guter Laune… konnte sie es riskieren, ihm ein paar Fragen zu stellen? „Wie war deine Woche?", begann sie vorsichtig. Severus hob die Augenbrauen, er wusste sofort, was sie vorhatte. „Es gab viel zu tun, das sagte ich glaube ich bereits".

„Wegen der Entführung von dem Bagnold? Dem Rücktritt der Zaubereiministerin? Was ist da genau passiert? Und wie geht es jetzt im Ministerium weiter?".

„Dumbledore hat die Position abgelehnt. Jetzt wird nach jemand anderem gesucht". Laetitia spürte eine gewisse Erleichterung bei dieser Nachricht. Doch sie fragte sofort weiter: „Aber der Rücktritt der Zaubereimisiterin wurde doch durch die Entführung eingeleitet?".

„Das geht dich nichts an". Severus hatte plötzlich einen sehr kühlen Tonfall.

„Ich habe Catrins Entführung doch selbst miterlebt… das ist jetzt nur eine ganz normale Schlussfolgerung".

„Erschließe, was du willst".

„Was tut die Allianz nun? Will einer von euch gewählt werden?".

Severus hob die Augenbrauen. „Ich habe dir bereits gesagt, dass ich mit dir nicht mehr über die Allianz reden werde. Schon gar nicht über ihre Pläne".

„Warum das nicht?".

„Fragst du das im Ernst? Ich will nicht, dass du irgendetwas weißt. Schon gar nicht, wenn Avery irgendwo herumläuft und Rachepläne schmiedet. Es ist einfach zu gefährlich. Ende der Diskussion".

„Ich bin hier in Hogwarts, mir wird nichts passieren, ok? Ich möchte ja nur ein paar Informationen".

„Ich sagte, Ende der Diskussion. Und mach, dass ich das nicht noch einmal sagen muss". Jeder normale Mensch hätte bei Severus eisigem Tonfall die Flucht ergriffen. Laetitia aber war hartnäckig… es war schließlich ihr Vater, sie konnte nicht jedes Mal in Ehrfurcht vor ihm ertrinken, so wie Adler.

„Meine Güte!", stöhnte sie. „Sei nicht so eine Glucke! Du machst mir den Weg nur schwerer. Ich finde es ja doch irgendwie heraus". Severus hob die Augenbrauen. „Du hast mir einmal versprochen, Laetitia, nicht über die Allianz zu forschen. Ich möchte, dass du mir einfach vertraust und mich machen lässt. Du kannst da eh nichts ausrichten".

„Aber um mich in den Kerker zu schleichen und mein Leben zu riskieren war ich gut genug?", fragte Laetitia, nun erhitzt.

„Du weißt genau, dass ich genauso mein Leben riskiert habe!". Severus hatte nun auch die Stimme erhoben. „Außerdem wollte ich dich nie da mit hineinziehen. Es war mir sehr Unrecht, was alles passiert ist".

„Aber es ist passiert – und jetzt kannst du mich nicht einfach so raushalten!".

„Und wie ich das kann", meinte Severus mit Nachdruck und versuchte sein Gemüt zu beruhigen. „Du kannst dich aufregen solange du willst, ich bleibe dabei. Und du würdest meine Nerven sehr viel weniger strapazieren, wenn du das ohne Diskussion akzeptiertest".

Laetitia spürte, wie es in ihr kochte. „Du bist so gemein! Jeder andere hätte die Allianz schon längst dingfest gemacht… aber du und Dumbledore, ihr kocht einfach euer eigenes Süppchen und nehmt den Tod Anderer willig in Kauf!". Severus sah Laetitia einen Augenblick fassungslos an, dann erhob er sich ganz langsam. Mit entschlossener Miene packte er Laetitia am Oberarm, zog sie vom Stuhl, drehte sie in aller Ruhe zur Seite und klatschte ihr eine. Laetitia biss fest die Zähne zusammen und spürte, wie ihr das Blut in den Kopf stieg. Severus drehte sie wieder zu sich und mit seiner Hand immer noch ihren Oberarm umklammert, sagte er unterkühlt: „Du gehst jetzt in deinen Turm und bleibst dort. Denk mal darüber nach, was du mir gerade an den Kopf geworfen hast. Solange hast du Hausarrest". Laetita spürte einen unglaublichen Frust in sich. Mit hochrotem Kopf riss sie sich von Severus los, fuhr herum, sodass ihr Tee umfiel und sich über den Tisch verteilte, ging schnurstracks zur Tür, öffnete sie, ging hinaus und schlug sie hinter sich zu. Severus hörte, wie sie den Gang hinunterlief. Er atmete einmal tief durch, bevor er einen fürchterlichen Fluch ausstieß.

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Laetitia ging statt in ihren Turm auf direktem Wege zu Adlers Studium. Er war gerade dort und fiel fast vor Schreck vom Stuhl, als sie hereinkam. „Ich bin einverstanden. Wir arbeiten zusammen. Aber ich werde auch meine Freunde einweihen". Adler starrte sie an. „Das ist dein Ernst oder nur eine fixe Idee?"

„Es ist mein Ernst". Adler brauchte zwei Sekunden, dann erhob er sich. „Ich hätte dir von vorneherein Bedenkzeit lassen sollen", murmelte er. „Warte hier bitte kurz auf mich". Er ging aus dem Raum. Als er wiederkam, hielt er Laetitia ein Buch hin. „Lies es. Danach tauschen wir uns über die Allianz aus". Laetitia starrte ihn an. „Woher hast du das?".

„Unwichtig. Verwahre es gut, halte immer ein Auge darauf, niemand darf davon wissen – oder dein Vater bringt uns um". Laetitia machte eine wegwerfende Handbewegung, doch Adler bedachte sie mit einem dunklen Blick. „Das meine ich wortwörtlich", sagte er todernst. Laetitia nickte ihm nun ernst zu. „Ist gut. Ich lese es". Sie steckte das Buch ein und wollte gehen. „Beeil dich damit", sagte Adler da. „Die Ereignisse überschlagen sich… ich… ich habe das Gefühl, wir haben nicht mehr viel Zeit".

Laetitia nickte ihm zu und ging. Ihr erster Weg führte zur großen Halle – und sie fand ihre drei besten Freunde dort sitzen. „Leute, ich habe eine Überraschung für euch!", flüsterte sie. „Kommt. Wir brauchen einen ruhigen Ort".

„Laetitia, ich habe Hunger. Können wir bis nach dem Abendessen warten?", fragte Michael. Laetitia beugte sich vor und flüsterte mit gesenkter Stimme: „Ich weiß nicht, ob die Wege zur Macht solange warten können".

Die drei bekamen große Augen. „An welchen ruhigen Ort hattest du gedacht?", meinte wiederum Michael.

„An den Astronomieturm?".

Die vier sahen sich an und nickten. „Lasst uns gehen", meinte Delux.

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„Ok wartet… Einführung… Die Faszination von Artefakten… Die Heiligtümer des Todes… da ist es! Die rote Kristallkugel. Meine Güte, ihr hattet Recht, so lautet das vierte Kapitel!". Delux war außer sich. „Jetzt lies schon!", drängte Catrin ihn. Delux schlug das Kapitel auf. „Das Artefakt der roten Kristallkugel oder auch Kugel des Schicksals genannt gehört zu den berühmtesten Artefakten der Hogwartsgründer, namentlich gehörte es Rowena Ravenclaw. Die Herkunft des Artefaktes ist ungeklärt. Es deutet viel daraufhin, dass Ravenclaw die erste und bislang die einzige Besitzerin der Kugel war. Nur wenige Forscher vertreten die These, die Kugel habe sich bereits zuvor in Familienbesitz befunden. Die meisten gehen davon aus, dass Ravenclaw die Kugel selbst erschuf. Es existiert auch eine Legende, die die Entstehung der Kugel zu erklären versucht. Sie besagt, das Schicksal selbst sei in persona der Gründerin des Hauses Ravenclaw erschienen und habe gesagt: „Meine Bürde zu tragen ist mir leid. Ich habe dich auserwählt, mit deiner Weisheit mich zu bestimmen und die Last meiner Aufgabe zu tragen. Ich weiß, du wirst weitsichtig von mir Gebrauch machen und mich nicht ausnutzen". Darauf sei das Schicksal in Form der roten Kristallkugel in Rowena Ravenclaws Hände geraten. Soweit die Legende. Was die Fähigkeiten der Kugel betrifft, ist man sich nicht einig. Es ist erst einmal fraglich, ob sie überhaupt von jemand anderem als von Rawenclaw selbst genutzt werden kann. Als sicher darf gelten, dass Ravenclaw mit der Kugel Einblick erhielt in den Lebensweg eines jeden Geschöpfes auf der Erde, in seine Vergangenheit, seine Gegenwart und seine Zukunft. Die Gerüchte um die Kugel ranken aber viel mehr um die Frage, ob und inwieweit es ihr möglich war, ihr Schicksal und die Schicksale anderer mit Hilfe der Kugel zu beeinflussen. Die Legende legt jedenfalls nahe, dass die Möglichkeit dazu zumindest bestand. Ob Ravenclaw davon Gebrauch machte, ist eine andere Frage. Ohne Zweifel hieße das Schicksal beeinflussen zu können, ein kompliziertes Gefüge zu verschieben, was schwer durchschaubare Folgen und Auswirkungen auf das Ganze haben könnte, selbst wenn diese Kraft mit guten Absichten genutzt würde. In den falschen Händen wäre die Kugel gar ein extrem gefährliches Instrument, das zu unsagbaren Gräueltaten und zur Manipulation der gesamten Erdbevölkerung führen könnte. Deswegen ist es leicht zu verstehen, warum es in der Legende so dargestellt wird, als habe das Schicksal Rowena Ravenclaw richtiggehend auserwählt: Bei allem, was wir von dieser Frau wissen, kann ihr eine einzigartige Auffassungsgabe und Weisheit attestiert werden, weswegen es unwahrscheinlich ist, dass sie tatsächlich in den Lauf des Schicksals eingriff. Sicher ist dagegen, dass auch ihre Weitsichtigkeit ohne Beispiel gewesen ist... meinte Güte, ist das crass!". Delux war allein nur vom Lesen der Seite außer Atem. „Wisst ihr was diese Kugel in den Händen der Todesser alles bewirken könnte? Manipulation der gesamten Erdbevölkerung! Meine Güte, das ist genau das, was sie möchten!".

„Ich habe da einen etwas anderen Gedankengang gehabt!", entgegnete Catrin. „Man hat Einblick in den Lebensweg eines jeden Geschöpfes auf der Erde, macht euch das mal klar! Mit dieser Kugel wäre es ein leichtes für die Todesser, Du-weißt-schon-wen aufzuspüren! Und was meint ihr, wie der sich nett bedankt, wenn die Allianz ihn nicht nur zurückholt, sondern als besonderes Geschenk ihm noch die Kugel überreicht, die er dann nach seinem Gutdünken nutzen kann!".

Die vier sahen sich atemlos an. „Steht da etwas über den Standort der Kugel?", wollte Laetitia wissen. Delux überflog den Rest des Kapitels und schüttelte dann bedächtig den Kopf. „Genauso wie andere sagenumwobene Besitztümer der vier Hogwartsgründer gilt auch die rote Kristallkugel als verschollen", las er schließlich die betreffende Stelle vor. „Da man nur Ravenclaw selbst in Besitz der Kugel sah, ist davon auszugehen, dass sie dieses mächtige Artefakt sicher vor dem Zugriff Anderer schützte, indem sie es entweder an einem sicheren Ort verbarg oder es gar zerstörte. Ersteres kommt eigentlich nur in Frage, wenn Ravenclaw der Meinung gewesen ist, dass in Zukunft ein Anderer in der Lage sein würde, die Kugel ähnlich weise zu nutzen wie sie selbst. Nämlich dass die Kugel wiederum nur auserwählten Händen würde anvertraut werden können, muss ihr klar gewesen sein ".

„Die Kugel ist wahrscheinlich zerstört?", fragte Michael enttäuscht. „Das wäre ja ein Witz, wenn die Todesser etwas hinterherjagen, was gar nicht mehr existiert".

„Wenn sie noch existiert, dann hat Ravenclaw sie zumindest so geschützt, dass nur bestimmte Leute darankommen, zu denen die Todesser sicher nicht gehören. Also eigentlich dürften sie überhaupt nicht daran glauben dürfen, dass die Kugel auch nur irgendwie in ihren Besitz kommen könnte", meinte Delux nachdenklich.

„Du kennst diese Leute nicht… zum Beispiel Avery", warf Laetitia ein. „Er fühlt sich allen so überlegen und so mächtig, er glaubt sich zu allem fähig. Und natürlich ist ihm alles unterlegen, was zu anderen Häusern gehört… die Gründer mit eingeschlossen. Und es gibt einige Todesser, die diese Mentalität besitzen".

„Ich bin gespannt, was Adler zu alldem noch beisteuern kann. Und was er schon herausgefunden hat".

„Also als nächstes steht das Gespräch mit Adler an. Danach entschließen wir, was zu tun ist".

Auf dem Weg zurück zum Gemeinschaftsraum, meinte Catrin: „Ich verstehe nicht, warum dieses Buch so gut bewacht wurde. Es ist ja rein informativ und es steht sogar darin, dass die Kugel nicht zum Missbrauch gedacht ist… und dass selbst der Gebrauch mit guten Absichten schwere Folgen haben könnte".

„Ich finde es schon gut, dass es verboten ist", gab Delux zurück. „Allein schon die Information reicht doch aus um in irgendwelchen Köpfen fanatische Sehnsüchte zu wecken – also Laetitia, erzähl das bloß nicht deinen Slytherin-Freunden".

Laetitia schnitt ihm eine Grimasse. „Mache ich eh nicht. Nur Adler ist im Boot".

„Aber dessen Absichten müssen wir auch gründlich durchleuchten", warnte Delux. „Ich vertraue ihm nicht".

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Am selben Abend noch brachte Laetitia Adler das Buch wieder. „Wir haben das gelesen, was wir wissen wollten", sagte sie bloß. Adler schien zufrieden. „Gut. Wann wollen wir uns treffen?".

„Morgen Abend? Nach dem Abendessen im Astronomieturm".

„Ich werde dort sein".

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„Hey, Vogel", lachte Laetitia dem Einlasser des Turmes zu. „Alles klar bei dir?".

Die Statue reckte den Kopf und schüttelte sich. „Du bist es. Außerhalb der Ausgangszeiten, wie gewöhnlich, meine Liebe".

„Entschuldige", meinte Laetitia und hoffte, dass er sie ohne Frage reinlassen würde. Doch er meinte: „Sag mal, was glaubst du, sollte man seinen Eltern zuvorderst entgegen bringen?". Laetitia sah ihn einen Augenblick verdutzt an, dann sagte sie finster: „Mein Vater war hier, richtig?".

„Richtig. Und er war nicht gerade begeistert darüber, als ich ihm sagte, dass du nicht hier seiest. Es schien, als habe er dir Hausarrest erteilt".

„Das nächste Mal sagst du, ich schliefe", knurrte Laetitia.

„Ich sagte ihm, du seist zu Flitwick gerufen worden".

Laetitia starrte ihn ungläubig an. „D…danke", stotterte sie. „Warum hilfst du mir?".

„Warum ich einer kleinen Fünftklässlerin helfe, die immer zu den unmöglichsten Zeiten um Einlass bittet?", meinte der Vogel. „Frag besser nicht so genau nach, sonst geht mir auf, dass ich eigentlich keinen Grund dazu habe". Er zwinkerte ihr zu und Laetitia lächelte. „Ravenclaws müssen doch zusammenhalten", sprach sie. „Kann ich jetzt rein?".

„Moment… meine Eingangsfrage hast du nicht beantwortet". Da Laetitia die Stirn runzelte, wiederholter er: „Was glaubst du, sollte man seinen Eltern zuvorderst entgegen bringen?".

„Liebe", sagte Laetitia.

„Weiter, was fällt dir noch ein?".

Laetitia seufzte. „Ehrlichkeit. Respekt". Der Vogel sah sie bedeutungsvoll an, dann gab er den Weg zum Gemeinschaftsraum frei. Laetitia trat ein. Sie hatte ein verdammt schlechtes Gewissen, als sie nun schließlich den Gedanken an ihren Vater zuließ. Sie rieb sich die Stirn und spürte ein paar Tränen. Wie hatte die Geschichte nur so aus dem Ruder laufen können? Doch Laetitia wollte nicht aus Selbstmitleid weinen. Ich muss das irgendwie wieder geradebiegen, sagte sie sich. Ich muss mich bei ihm entschuldigen.