Kapitel 21
Time
„Ah, Severusss, mein getreuer Diener", zischte der Lord, als Snape das Esszimmer der Malfoys betrat.
Er senkte den Kopf und verbeugte sich vor seinem Herrn. „Mein Lord."
„Ich habe eine Gefangene genommen, um sie daran zu erinnern, wem sie verpflichtet ist. Würdest du bitte in den Keller gehen und sehen, ob unser Gast etwas braucht."
Es war keine Frage, soviel stand fest.
„Ja, mein Lord", antwortete Snape. Er war betroffen von der Nachricht, ließ sich jedoch nichts anmerken. „Wo ist Lucius?", fragte er, vorsichtig abschätzend, wie weit er gehen konnte. „Er ist der Herr dieses Hauses und ich möchte mich nur ungern in seine Angelegenheiten einmischen …."
„Ich fürchte, Lucius ist hier fehl am Platz. Ich habe ihn fortgeschickt, um einige Aufträge für mich auszuführen." Voldemort schlich näher, seine schlitzartigen Nasenlöcher bebten. „Ich bin es, der jetzt über dieses Haus wacht, Severusss."
„Mein Lord", sagte Snape matt. Dann senkte er zur Verbeugung den Kopf und verließ rückwärts den Raum.
Gedankenverloren und auf leisen Sohlen schwebte er die Treppe hinunter.
Lucius' Keller glich einem Verlies. Es war kalt und feucht. Sogar jemand wie Snape fühlte, dass dies kein geeigneter Ort für einen Menschen war, um sich länger als notwendig darin aufzuhalten.
Er brauchte nicht lange nach dem vergitterten Raum zu suchen, in dem die Gefangene versteckt wurde, aber es schockierte ihn, als ihm bewusst wurde, wen er suchen sollte. Es war dunkel, doch er konnte sehen, dass es eine Frau war.
Sie hockte auf dem Boden, die Füße eng an den Körper gezogen und mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Ihre Hände hingen schlaff neben ihr auf dem Boden und steckten in schweren Eisenketten. Ihr Kopf war schwerfällig auf die Schulter gefallen und das Gesicht von ihren verworrenen Haaren verdeckt.
Er atmete schwer ein, als er sie erreicht hatte, ging in die Hocke und schob vorsichtig mit dem Zauberstab die wirren Haarsträhnen auseinander, bis er ihr Gesicht sehen konnte - oder das, was davon zwischen all dem Blut und den Schwellungen zu erkennen war.
Wäre er nicht an Voldemorts Methoden gewöhnt gewesen, hätte es ihm das Herz gebrochen, die stolze Narcissa so zu sehen. In der Tat jedoch wurde er furchtbar wütend.
Vorsichtig weckte er sie, bis sie endlich die Augen aufschlug und ihn verwirrt ansah. „Severus", flüsterte sie leise.
Er nickte. „Was ist passiert?" Seine Stimme war ungleichmäßig, es hatte ihn bewegt, sie so zu sehen. Und das, obwohl er einst selbst ein Todesser war.
„Der Dunkle Lord ...", sie hustete, das Sprechen fiel ihr schwer.
Er verzog die Mundwinkel, sie war in einem schlechteren Zustand, als er befürchtet hatte und seine Wut steigerte sich dadurch nur noch mehr.
„Vielleicht sollte ich mit ihm reden", murmelte er leise vor sich hin.
Sie schüttelte energisch den Kopf. „Nein, Severus. Das darfst du nicht!"
Er beugte sich näher und flüsterte leise in ihr Ohr. „Er traut mir."
„Nein!", stieß sie aus. „Glaube mir, du würdest damit alles nur noch schlimmer machen ..." Ein schwerer Hustenanfall schüttelte ihren Körper durch.
„Warum hat er das getan?", fragte er, als sie sich beruhigt hatte. Er sah sie eindringlich mit seinen schwarzen Augen an.
Sie versuchte zu lächeln. „Es war der Preis dafür, dass er Draco verschont hat."
Er seufzte. „Es war dumm von dir, dich gegen ihn aufzulehnen."
Sie sah ihn mit flehenden Augen an. „Ich bin eine Mutter, Severus. Du weißt nicht, wie es sich anfühlt, mit ansehen zu müssen, wie er den Jungen unter Druck setzt, ein Todesser zu werden."
Snape legte ihr die Hand auf die Schulter. „Du hast Glück, dass du am Leben bist, Narcissa", knurrte er leise.
Sie schniefte. „Severus, so witzig wie eh und je." Das Blut an ihrer Wange fing erneut zu fließen an, als sie sprach. „Kannst du dir vorstellen, was er erst mit deinem Schlammblut anstellen wird, wenn er schon die Reinblüter in Ketten legt?"
Er antwortete nicht, wusste jedoch nur zu gut, wozu Voldemort im Stande war.
Wortlos richtete er seinen Zauberstab auf ihre Verletzungen und murmelte mit tiefer Stimme einige Silben vor sich hin. Das getrocknete Blut auf ihrer geschundenen Haut verschwand und die Schwellungen gingen zurück.
„Das wird fürs Erste reichen", sagte er schließlich. „Die Schmerzen werden mit der Zeit nachlassen."
Sie nickte dankbar. Er wendete sich von ihr ab und wollte gehen, doch sie streckte die Hand nach ihm aus. Die schweren Eisenketten klirrten, ohne dass sie ihn erreichen konnte. „Severus", flüsterte sie. Er hielt inne und drehte sich zu ihr um. „Sei vorsichtig."
Er versuchte zu lächeln, auf seine ganz typische Art. „Das bin ich doch immer."
Dann verschwand er.
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Er war unglaublich wütend, als er wieder in Hogwarts eintraf. Es wurde Zeit, etwas zu unternehmen, um den Lord aufzuhalten. Sein Weg führte ihn zu Dumbledore, bevor er überhaupt etwas anderes tun konnte. Er sagte das Passwort zum Büro des Schulleiters, stürmte die Treppe hinauf und war mit wenigen Schritten am Schreibtisch seines Mentors angekommen.
„Er hat Narcissa gefangen genommen", knurrte er wütend. „In ihrem eigenen Haus."
Dumbledore saß an seinem Tisch und hatte die Hände ineinander gefaltet. Wortlos hörte er sich an, was Snape zu sagen hatte.
„Lucius weiß nichts davon. Er ist fort, um die Drecksarbeit für ihn zu erledigen."
Dumbledore wirkte betroffen. „Er scheint zu verzweifeln, wenn er so etwas tut", murmelte er vor sich hin. „Was können wir für Narcissa tun, Severus?"
Snape stützte sich schwerfällig auf den Tisch und sah ihm tief in die Augen. „Ich habe sie mit verschiedenen Zaubern belegt, um ihr die Schmerzen zu nehmen. Sie hat es für Draco getan. Ich fürchte, dass Bella dahinter steckt. Sie ist dem Lord verfallen und würde alles für ihn tun."
Dumbledore wurde bleich. „Aber sie ist ihre Schwester", flüsterte er ungläubig.
„Ich erkenne Bellas Handschrift, wenn ich sie sehe. Narcissa war bereit, sie in Schutz zu nehmen, sie hat kein Wort über sie verloren."
Der alte Mann seufzte nachdenklich. „Wir sind nicht stark genug gegen ihn, solange er unsterblich ist."
„Wie lange noch, Albus?", fragte Snape ungeduldig. „Wie lange wird es noch dauern?"
„Das hängt davon ab, wie schnell wir alle Horkruxe zerstört haben."
„Ich hatte gehofft, Sie hätten bessere Nachrichten für mich."
Er sah Snape über den Rand seiner Brille hinweg an. „Es tut mir Leid."
„Sagen Sie das Narcissa", knurrte er zurück.
„Severus", sagte Dumbledore. „Bitte!"
„Was? Wir müssen sie da raus holen, ehe sie zu schwach ist."
„Wir werden einen Weg finden."
„Dazu bräuchten wir Zeit und die haben wir nicht." Er drehte sich um und stürmte wutentbrannt davon, ohne Dumbledore weiter zu beachten.
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Hermine war sich sicher, dass Snape in schlechter Stimmung sein würde, wenn er nach Hause käme. Sie konnte jedoch nicht ahnen, dass es so schlimm sein würde.
Er kam durch die Tür und knallte sie hinter sich zu. Dann nahm er seinen Umhang ab und warf ihn über die Lehne des Sessels. Alles ohne sie zu beachten. Erst als er sich die Schuhe abstreifte, nahm er Notiz von ihr.
„Granger", knurrte er missmutig.
Sie saß zwischen einem Stapel Bücher auf dem Bett und kaute angespannt auf ihrer Lippe herum. „Professor." Ans Lesen oder gar Lernen war jetzt nicht mehr zu denken.
Er ließ sich schwer atmend in den Sessel fallen und streckte seine langen Beine aus. „Accio Cognac!" Schon sauste die Flasche aus seinem Büro durch die Luft und landete in seiner Hand.
Hermine rollte mit den Augen, als er einen Zug nahm. Sie hatte befürchtet, dass das passieren würde. Nur weil sein verzaubertes Glas in die Brüche gegangen war, bedeutete das noch lange nicht, dass er fortan auf Alkohol verzichten würde, wenn ihm danach war.
„Wie war es bei den Malfoys?", fragte sie mit klopfendem Herzen. Es fiel ihr schwer, ihre Enttäuschung zu verbergen.
Er sah sie einen Moment an, dann setzte er die Flasche erneut an die Lippen und trank. „Anders als erwartet", sagte er knapp.
„Ah." Sie nickte. „Draco wirkte heute im Unterricht sehr abwesend ..." Seine Augen fixierten sie und sie verstummte sofort wieder.
„Schon möglich."
Sie seufzte tief. „Professor. Wollen Sie mir nicht einfach sagen, was los ist? Früher oder später erfahre ich es ja doch."
„Glauben Sie das wirklich?", fragte er spöttisch.
„Ja. Sie können nicht ewig alles vor mir geheim halten."
„Vielleicht will ich aber genau das, Granger."
„Das glaube ich nicht. Jedes Mal wenn Sie zu Trinken anfangen, ist das nichts anderes, als ein verzweifelter Schrei aus Ihrer Seele."
„Sie müssen es ja wissen", gab er ironisch zurück.
„Ich weiß, dass Sie etwas Besseres verdienen als das."
„Und woher, Miss Granger, wollen Sie das wissen?"
Da war sie wieder, diese grausame Betonung, die auf Miss Granger lag und die nur er auf diese Art zustande brachte.
„Weil ich Sie beobachtet habe", antwortete sie mit einem Zittern, das durch ihren Körper fuhr.
Er räusperte sich. „Sie glauben tatsächlich, dass Sie dazu in der Lage sind, innerhalb von - sagen wir mal - zwei Wochen mein ganzes Leben zu analysieren?"
„Nein. Aber mir ist durchaus aufgefallen, dass Sie nach einem gewissen Muster handeln. Alles was Sie tun, ergibt mehr oder weniger einen Sinn, im übertragenen Sinn natürlich."
Er rollte mit den Augen. „Wenn Sie es sagen."
Sie merkte, dass sie so nicht viel bei ihm erreichen konnte, also entschied sie sich dazu, einen anderen Weg einzuschlagen. „Am Freitag ist mein Geburtstag, Professor."
Er hob seine Brauen, ohne etwas dazu zu erwidern.
„Ich wünsche mir, dass Sie bis zu diesem Tag Ihre Finger vom Alkohol lassen."
Auf seinem Gesicht zeichnete sich ein Grinsen ab. „Das ist lächerlich, Granger." Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare.
„Ich weiß. Genau deshalb wünsche ich es mir ja."
Er überlegte. „Warum sollte ich das tun? Glauben Sie, dass mich Ihr Geburtstag auch nur im Mindesten interessiert?"
Sie schüttelte den Kopf. „Keine Sorge, Professor. Ich erwarte nichts weiter von Ihnen. Nur diesen einen Gefallen." Sie stand auf und kam näher.
„Ich schulde Ihnen keinen Gefallen." Seine Augen bohrten sich erbarmungslos tief in ihre, als sie vor ihm stand.
Sie legte ihren Arm um seinen Nacken und setzte sich auf seinen Schoß. „Bitte", hauchte sie leise und drückte ihm einen sanften Kuss auf die Lippen. „Bitte." Ein weiterer Kuss landete auf seinem Hals.
Er schloss die Augen und stöhnte auf, als sie an seinem Ohrläppchen lutschte. Ihre Hand rutschte an seiner Brust nach unten, zu seinem Bauch, doch bevor sie zwischen seine Beine fassen konnte, hatte er sie am Arm gepackt.
„Das wird nicht funktionieren, Granger", zischte er in ihr Ohr. Seine Augen starrten sie an.
„Nicht wenn Sie nicht mitspielen."
Er grinste kaum merklich. „Das ist also Ihr Plan? Ich bin enttäuscht von Ihnen. Ich hätte mir mehr erwartet."
Sie sah ihn ernst an. „Sagen Sie mir, was Sie wollen und ich werde es tun."
„Ich will gar nichts von Ihnen."
Plötzlich war es mit ihrer Ruhe vorbei. „Sie lügen!", rief sie irritiert. „Das hängt alles nur mit dem zusammen, was passiert, wenn Sie fortgehen. Sie kommen zurück und sind total verändert. Warum?"
Noch immer hielt er ihren Arm fest. „Ich habe Ihnen gesagt, dass es gefährlich für Sie ist, wenn Sie zu viel wissen. Warum können Sie mir nicht einfach glauben, Granger?"
„Weil Sie alles kaputt machen, wenn Sie gehen. Sie kommen jedes Mal vollkommen verstört zurück, betrinken sich und lassen sich gehen. Und das gefällt mir nicht."
Er hob die Augenbrauen. „Es gefällt Ihnen nicht? Ich sag Ihnen was! Mir gefällt es auch nicht, aber ich habe keine andere Wahl, als zu gehen."
„Ich weiß. Aber jetzt sind Sie hier, bei mir. Und ich brauche Sie. Ich fühle mich einsam, wenn Sie nicht bei mir sind."
„Ich kann nicht einfach zwischen Ihnen und dem Dunklen Lord wählen. Ich bin sein verdammter Sklave, Granger. Und das solange, bis er aufhört zu existieren."
Sie schüttelte ihre wilde Mähne. „Was ist heute passiert? Und was passiert mit Ihnen, wenn Sie fortgehen?"
Er atmete geräuschvoll ein und wieder aus. „Das sollten Sie Narcissa fragen, Miss Granger."
„Narcissa? Dracos Mutter?" Sie sah überrascht aus.
Er nickte matt.
„Was ist mit ihr geschehen?"
„Sie ist Voldemorts Gefangene - in ihrem eigenen Haus."
Hermine fiel die Kinnlade runter.
„Lucius hat mich davor gewarnt, dass mich die Gegenwart einer Frau verändern würde. Und das darf nicht passieren."
„Warum sagen Sie so etwas?"
„Weil es wahr ist! Es ist zu gefährlich bei dem, was ich tue."
„Es ist mir gleich, was Lucius Malfoy gesagt hat!", rief sie patzig.
„Das würden Sie nicht sagen, wenn Sie Narcissa gesehen hätten! Sie ist ein Schatten ihrer selbst. Sie war kaum wieder zu erkennen. Und das alles nur, weil sie auf ihre Gefühle gehört hat." Er atmete stoßweise. „Gefühle offenbaren Schwächen, Miss Granger. Und für Schwäche ist kein Platz in meinem Leben." Traurig senkte er den Kopf.
Sie biss sich auf die Lippe. Es brach ihr das Herz, ihn so zu sehen. „Aber …"
„Kein Aber! Lassen Sie es gut sein", sagte er. „Bitte."
Er packte sie mit seiner anderen Hand an der Hüfte und schob sie von sich, bis sie vor ihm auf die Knie sackte.
„Gehen Sie schlafen. Morgen ist ein neuer Tag."
Damit stand er auf und ging ins Bad.
Hermine saß schweigend auf dem Boden und starrte ihm nach. Sie konnte hören, wie er das Wasser in der Dusche anstellte, während um sie herum eine bedrückende Stille herrschte.
