Nach einem langen Arbeitstag, an dem ich unterrichtet, Neville Nachhilfe gegeben, dem Gryffindor-Quidditch-Team beim Training zugesehen und ein Schülergespräch als Vertrauenslehrerin geführt hatte, zog ich mich endlich in meine Privaträume zurück. Dort duschte ich ausgiebig und fiel dann totmüde ins Bett. Diese Woche war insgesamt unerwartet stressig gewesen und ich hatte keine Zeit für Severus gehabt. Er fehlte mir, obwohl uns nur einige Stockwerke trennten. Sollte ich zu ihm gehen?
Enya, es ist bald Mitternacht! Er möchte bestimmt schlafen!
Mit dieser Entscheidung schlief ich auch endlich ein.
...Bis mich mitten in der Nacht ein Geräusch weckte. Ich hörte Stimmen ganz in der Nähe. Einmal Auror, immer Auror, dachte ich mir, zog meinen Morgenmantel an und schnappte mir meinen Zauberstab. Je näher ich der Tür kam, desto lauter wurden die Stimmen. Sie mussten sich im Klassenraum befinden! Mit erhobenem Zauberstab öffnete ich die Tür, spähte hinaus und…
...sah Harry und Remus in meinem Klassenraum stehen. Sie unterhielten sich, in ihre Pyjamas gekleidet.
"Was wird das hier eigentlich? Eine Pyjamaparty?", fragte ich und erschreckte die beiden damit. Harry sah mich schuldbewusst an und Remus überrascht.
"Enya! Was machst du hier?"
"Was ich hier mache? Ihr haltet ein Pläuschchen vor meinen Privaträumen. Davon bin ich aufgewacht."
Ich hatte den Eindruck, er hatte mir gar nicht zugehört, denn er sah an mit herunter und schluckte. Erst als ich seinem Blick folgte, merkte ich, dass weder mein Nachthemd noch mein Morgenmantel länger waren als bis zur Mitte meiner Oberschenkel.
Er antwortete: "Tut mir Leid, Enya, ich wusste nicht, dass du hier schläfst. Ich wusste, ehrlich gesagt, überhaupt nicht, wo du schläfst. Ich dachte, diese Räume wären nur dein Büro."
"Naja, jetzt bin ich ja wach. Was macht ihr zwei hier eigentlich, mitten in der Nacht?"
"Severus hat Harry mit der hier im Flur herumwandernd erwischt." Er hielt ein Stück Pergament hoch.
"Was ist das?", fragte ich und kam die Treppe herunter. Remus gab es mir.
Ich untersuchte den eigentümlich gefalteten Bogen Pergament. Er weckte Erinnerungen in mir. Erinnerungen an James, Sirius, Remus und Peter, die in einem ungenutzten Klassenraum saßen und mit Feder, Tinte und Zauberstab bewaffnet an einem Bogen Pergament herumwerkelten und ihn mir nach monatelanger Arbeit stolz und bis über beide Ohren strahlend präsentierten.
"Ist das was ich denke, dass es ist?", fragte ich ihn. Harry sah mich verwirrt an.
"Ja.", antwortete Remus.
"Harry, wie ist es in deinen Besitz gekommen?", fragte ich mein Patenkind.
"Ich … äh… ich habs … gefunden…", stammelte er. Ich wusste, dass er log, aber auch, dass er mir die Wahrheit nicht sagen würde.
"Weißt du, was das ist?"
"Eine Karte von Hogwarts."
"Eine sehr nützliche Karte zudem. Vor allem jemandem sehr nützlich, der hinter dir her ist. Du weißt, von wem ich spreche. Diese Karte in den falschen Händen könnte großen Schaden anrichten. Und du wanderst mitten in der Nacht durch die Gänge, während Dumbledore und das gesamte Lehrerkollegium große Anstrengungen betreiben, um dich zu beschützen.", erklärte ich streng.
"Nicht nur wir betreiben große Anstrengungen, um dich zu schützen. Deine Eltern sind für dich gestorben, Harry. Damit du sicher bist. Und du wanderst nachts allein mit einer gefährlichen Karte in den Gängen herum, während ein gesuchter Massenmörder dich jagt. Eine merkwürdige Art, es ihnen zu danken, meinst du nicht?", fügte Remus hinzu.
Ich fand das etwas hart, aber es zeigte Wirkung. Harry schien ehrlich betroffen und murmelte eine Entschuldigung.
"Gut. Ich denke, du solltest jetzt schnellstens ins Bett.", sagte ich, Harry nickte und ging zur Tür.
"Ich behalte die Karte bei mir, nur zur Sicherheit.", informierte Remus mich und ich nickte und wünschte ihm eine gute Nacht.
Ich wollte gerade die Treppe zu meinen Räumen hinaufsteigen, als ich Harrys Stimme sagen hörte: "Ich habe Peter Pettigrew auf der Karte gesehen. Ich wollte ihn suchen. Deswegen war ich nicht im Bett."
Ich wirbelte herum. "Was?!"
"Das ist unmöglich, Harry. Peter ist tot.", erklärte Remus ruhig, während meine Gedanken rasten. Sirius hatte auch behauptet, Peter sei am Leben und hatte ihn gesucht. Was, wenn er recht hatte?
"Ich weiß. Aber warum ist er dann auf der Karte? Ich dachte, sie kann sich nicht irren.", wandte Harry ein.
"Ich weiß es nicht, Harry. Geh schlafen.", erwiderte Remus müde.
Als Harry gegangen war, sah er mich an. "Was hat das zu bedeuten, Remus?", fragte ich ihn.
"Ich habe keine Ahnung."

Eines Abends sah ich von meinem Fenster aus Harry und seine beiden Freunde, wie sie zu Hagrids Hütte gingen, um ihrem Freund beizustehen. Mir war bewusst, dass sie um diese Uhrzeit draußen nichts mehr zu suchen hatten und es eigentlich meine Pflicht war, sie aufzuhalten, aber ich brachte es nicht übers Herz. In ihrem Alter war ich auch abends über das Schlossgelände gelaufen. Allerdings würde ich hier stehen bleiben und darauf warten, dass sie ins Schloss zurückkehrten.
Eine Weile später kamen die drei mit betrübten Gesichtern wieder herauf, blieben aber an der Peitschenden Weide stehen. Mr. Weasley schien mit irgendetwas zu kämpfen, das er in den Händen hielt. Es schien seine Ratte zu sein, die ihm aus den Händen sprang und in Richtung des Baumes davon lief, die Kinder hinterher. Waren sie verrückt geworden? Die Peitschende Weide war gefährlich!
Da kam plötzlich ein zotteliger, schwarzer Hund hervor, packte Mr. Weasley am Bein und zog ihn in ein Loch im Stamm der Peitschenden Weide. War es möglich…? Sirius!
Ich packte meinen Zauberstab und rannte, so schnell ich konnte, hinaus. Auf halbem Weg merkte ich, dass meine Kondition auch schon mal besser gewesen war. Lehrerin war eben doch kein körperlich so anstrengender und Fitness erfordernder Beruf wie Aurorin. Etwas außer Atem kam ich dann doch bei der Peitschenden Weide an und sah durch den Geheimgang gerade noch ein Stück eines schwarzen Umhangs verschwinden. Ich nutzte die Gelegenheit, dass die Peitschende Weide kurz gelähmt war und verschwand ebenfalls durch den Geheimgang. Erst jetzt erinnerte ich mich, wie Sev mir erzählt hatte, dass Sirius ihn damals durch diesen Geheimgang zu Remus gelockt hatte und er hätte sterben können. Ich lief mit erhobenem Zauberstab den Geheimgang entlang, der keine Spur mehr von dem schwarzen Umhang zeigte. Er streckte sich ziemlich lang und ich begann mich zu fragen, wo er hin führte, als ich an eine Treppe kam und sie herauf stieg. Ich befand mich in einem verfallenen Haus. Wo konnte ich sein?
Dann hörte ich Stimmen und folgte ihnen bis zu einem großen Raum, aus dem sie kamen. Im Türrahmen stand Severus, zwei Zauberstäbe in der Hand, der sagte: "Ich hatte gehofft, dass ich derjenige bin, der dich findet, Black."
Verdammt! Severus und Sirius - ganz schlechte Kombination!
"Was geht hier vor?", fragte ich und trat ein. Alle drehten sich zu mir um. Severus mit erhobenem Zauberstab, den er aber schnell sinken ließ, als er mich erkannte. Ihm gegenüber standen Sirius, der aussah wie vor einigen Monaten, als ich ihn getroffen hatte, und Remus. An der Wand stehend sah ich Harry, Hermine und Ronald, letzterer saß auf dem Boden, das verletzte, blutüberströmte Bein schonend und hielt seine Ratte panisch umklammert.
"Enya!", sagte Sirius überrascht.
"Was machst du hier?", fügte Severus hinzu.
"Dafür sorgen, dass ihr euch nicht gegenseitig umbringt! Was wird das hier?"
"Ich bin dabei, Black festzunehmen. Die Dementoren werden sich freuen.", erklärte Sev mit einem zufriedenen Grinsen.
Ich legte ihm die Hand auf den Arm, um ihn zu beruhigen. Meine Gedanken rasten. Wenn Sev Sirius auslieferte, würden sie ihn 'küssen' und dann wäre er nie mehr derselbe. Das musste ich verhindern. Sirius musste fliehen, am besten England verlassen. Ich sah zu ihm und bemerkte erst dann, dass er meine Hand auf Severus' Arm anstarrte.
"Hast du es ihm schon gesagt, deinem neuen Lover?", fragte er, nun plötzlich süffisant lächelnd. Sev sah mich an. Allmählich bekam ich Kopfschmerzen - und Panik. Woher wusste Sirius von Sev und mir? "Dass wir uns geküsst haben? Im November?"
Ich schloss die Augen, in der Hoffnung, dass sich das alles nur als böser Traum heraus stellte, wenn ich sie wieder öffnete.
"Wie bitte?!", fragte Severus scharf.
"Sirius, du verdammter Idiot!", keifte ich ihn an und wandte mich dann Sev zu, "Severus, ich … ich möchte dir das erklären…"
Sirius funkte wieder dazwischen. "Ja, Schniefelus, Enya und ich haben uns geküsst."
"Nenn ihn noch einmal so und ich hexe dir einen Fluch auf den Hals, der sich gewaschen hat!", fauchte ich ihn an.
Plötzlich hörte ich "Expelliarmus!" und Severus flog in hohem Bogen auf ein Bett, das an der Wand stand und nun über ihm zusammen krachte.
Ich drehte mich um und sah Harry, Hermines Zauberstab in der Hand. "Entschuldige, Tante Enya. Ich konnte darauf jetzt keine Rücksicht nehmen. Ich will wissen, was hier los ist."
"Mr. Weasley, geben Sie mir Ihre Ratte, bitte.", sagte Remus sanft.
"Nein!", rief der Rotschopf panisch und umklammerte die quiekende Ratte.
"Vertrauen Sie mir. Das ist keine Ratte. Es ist ein Animagus namens Peter Pettigrew."
"Seid ihr jetzt beide komplett verrückt geworden?!", fragte ich, wurde aber ignoriert. Ronald schien gerade einlenken zu wollen, da biss die Ratte ihn und huschte davon. Sirius und Remus jagten sie mit Flüchen und kurz bevor sie unter einer verfallenen Kommode Zuflucht suchen konnte, traf einer sie. Innerhalb von Sekunden wurde aus der Ratte ein untersetzter, dicklicher Mann mit sandfarbenem, schütterem Haar und wässrigen Augen. Er drehte sich zitternd um, immer noch in einer rattenähnlichen Körperhandlung. "Sirius! Remus! Meine Freunde!", sagte er mit einer Stimme, der man anhörte, dass sie schon lange nicht mehr benutzt worden war. Ich war zu geschockt, um zu reagieren.
"Peter. Lang nicht mehr gesehen.", erwiderte Sirius mit seinem typischen trockenen Humor.
"Ihr werdet mich doch wohl nicht umbringen… Wir sind doch Freunde…"
"Oh nein, Peter. Wo denkst du hin? Wir überlassen dich den Dementoren, die sind viel besser in sowas. Das weiß ich aus Erfahrung."
Peter zitterte noch stärker. Er wandte sich Ron zu. "Ron! Ich war dir so lange ein treues Haustier…" Ronald robbte unter Schmerzen von ihm weg.
"Harry! Du bist ein guter Junge, das würdest du doch nicht zulassen, oder?" Harry sah ihn angewidert an.
"Sprich Harry nicht an! Du hast seine Eltern verraten!", brüllte Sirius.
"Bitte!", flehte Peter, "Lass nicht zu, dass sie mich töten!"
Harry schwieg und Sirius und Remus warteten auf seine Antwort.
"Wir sollten ihn ins Schloss bringen. Dort wird man was mit ihm anzufangen wissen.", sagte er schließlich und Peter dankte ihm überschwänglich.

In einer ziemlich merkwürdigen Prozession verließen wir die Heulende Hütte durch den Geheimgang. Remus trieb Peter vor sich her, ich stützte den wehleidigen Ronald, Harry unterhielt sich mit Sirius und Hermine ließ den bewusstlosen Severus vor sich her schweben, dessen Kopf immer wieder gegen die Decke stieß, woraufhin Hermine immer "Verzeihung, Professor." murmelte, obwohl er sie nicht hörte. In einem anderen Zusammenhang hätte das Ganze vielleicht lustig sein können.
Als Sirius Hogwarts sah, blieb er stehen. "Jetzt sehe ich es endlich in seiner ganzen Pracht. Ich vermisse die Zeit, als ich dort zur Schule gegangen bin, die Zeit mit James und Remus." Harry sah ihn an und Sirius drehte sich schließlich zu ihm um. "Harry, im Moment bin ich auf der Flucht, aber wenn sich alles beruhigt hat und Gras über die Sache gewachsen ist… dann könntest du bei mir wohnen, wenn du das möchtest."
"Er wohnt in den Ferien bei mir, Sirius. Wenn er die zwei Wochen bei den Muggeln abgesessen hat, die der Zauber erfordert.", warf ich schnippisch ein. Ich war wütend, weil er Severus unseren Kuss unter die Nase gerieben hatte.

Die dunklen Wolken am Himmel verzogen sich und es wurde heller. Remus starrte zum Himmel und ich folgte seinem Blick.
Oh nein. Vollmond.
Sirius bemerkte es ebenfalls und wurde blass. Remus sah uns mit weit aufgerissenen Augen an, die allmählich dunkel wurden. Dann begann seine Verwandlung. Es war schrecklich anzusehen, wie aus dem mir vertrauten Mann Remus der große, dunkle, sehnige Werwolf wurde, der und mit gebleckten Zähnen anstarrte. Sirius neben mir verwandelte sich in den zottigen, schwarzen Hund und knurrte Remus an. Er versuchte, uns zu beschützen. Werwölfe wussten im verwandelten Zustand nicht mehr, wer sie waren und erkannten ihnen in menschlicher Form bekannte Personen nicht mehr wieder, was dazu führen konnte, dass sie diese angriffen oder gar töteten.
Der Werwolf Remus griff den Animagus Sirius an und sie kämpften einige Sekunden gegeneinander. Ich hatte Angst um beide und hasste den Gedanken, dass Remus gerade eine Gefahr für uns darstellte. Ich hörte ein Stöhnen von der Seite und sah, wie der am Boden liegende Severus begann, sich zu regen. Dann hörte ich ein Heulen und sah noch, wie Sirius durch die Luft geschleudert wurde, auf den Boden prallte und bewusstlos liegen blieb.
"Nein!", schrie ich. Das wiederum lenkte Remus' Aufmerksamkeit - nein, die Aufmerksamkeit des Werwolfs - auf mich und die Schüler. Er knurrte ein weiteres Mal und kam auf uns zu. Ich stellte mich vor die drei Kinder und hob meinen Zauberstab.
"Remus, hör auf!", sagte ich, wissend, dass es vergeblich war, "Das bist nicht du. Du würdest niemals deine Schüler angreifen." Er bleckte die Zähne und war nun fast bei uns.
"Ich warne dich, ich werde uns verteidigen." Dann sprang er mich an. Ich schaffte es mit einem gezielten Schwung meines Zauberstabs, ihn zur Seite zu schleudern. Dann entfernte ich mich von den Schülern. Ich würde den Werwolf ablenken.
"Lauft!", brüllte ich den dreien zu, "Weg von hier!".
Doch diesen kurzen Moment, in dem ich abgelenkt war, nutzte der Werwolf, um mich wieder anzugreifen, diesmal mit Erfolg. Er hatte sich auf die Hinterbeine gestellt und mit einem kräftigen Schlag seiner Vorderpfote schleuderte er mich zur Seite. Ich fiel hart ins Gras und schnappte nach Luft. Warmes Blut rann aus der Wunde an meinem Bauch. Ich versuchte, mich aufzurichten, doch dann wurde plötzlich alles schwarz um mich.

Das Erste, was ich wahrnahm, war der weiche Grund, auf dem ich lag. Langsam kehrte mein Bewusstsein zurück und ich schlug die Augen auf. Das helle Licht blendete mich, also schloss ich sie schnell wieder. Nun vorsichtiger, versuchte ich sie ein weiteres Mal zu öffnen und sie gewöhnten sich an die Helligkeit. Ich blickte an eine mit Lampen bestückte Decke und drehte den Kopf, um mich weiter umzusehen. Dann erkannte ich, dass ich mich in einem Bett im Krankenflügel befand. Nur zwei weitere Betten waren besetzt, in dem einen lag Ronald Weasley, im anderen Harry. Beide schienen zu schlafen. Nur langsam und in Fetzen kam meine Erinnerung an die Ereignisse zurück, die mich hier herein gebracht hatten. Ich schlug meine Decke zurück und sah, dass ich nur Unterwäsche trug und ein dicker, weißer Verband um meinen Bauch gewickelt war.
"Hallo, Enya." Ich zuckte zusammen und blickte mich um. An der anderen Seite meines Bettes saß Albus Dumbledore. Ich war mir sicher, dass er eben noch nicht da gewesen war. Ich spürte es üblicherweise, wenn jemand in meiner Nähe war.
"Albus.", sagte ich überrascht und versuchte, meinen rasenden Herzschlag unter Kontrolle zu bekommen.
"Wie fühlst du dich?", fragte er sanft.
"Ganz gut, denke ich. Ich habe keine Schmerzen.", antwortete ich.
"Poppys Schmerzmittel wirken. Das freut mich."
"Wie geht es den Schülern?"
"Harry hatte eine Begegnung mit einem Dementor. Es ist nochmal gut gegangen. Mr. Weasleys Bein ist gebrochen, aber es heilt gut. Miss Granger ist putzmunter."
"Remus?"
"Er ist in seinen Privaträumen und schläft sich aus. Er weiß noch nicht, was vorgefallen ist."
"Wir sagen es ihm auch besser nicht. Er wird sich nur Vorwürfe machen, weil er den Trank vergessen hat. Was ist mit Sirius?"
"Er wartet im Nordturm darauf, dass die Dementoren kommen."
"Wie bitte?! Sie werden ihn doch nicht…"
Dumbledore blickte traurig zu Boden. "Ich fürchte schon. Der Zaubereiminister persönlich hat das Urteil verhängt."
"Aber… Albus, du musst doch was tun können! Er befindet sich in Hogwarts, dessen Schulleiter immer noch du bist!"
"Ich kann mich Fudge nicht einfach so widersetzen. Aber ich werde tun, was ich kann, Enya. Das verspreche ich dir."
Der Gedanke, dass Sirius bald nur noch als Schatten seiner selbst und ohne seine Seele dahinvegetieren musste, trieb mir Tränen in die Augen. Ich liebte ihn nicht mehr, trotzdem bedeutete er mir noch viel.
"Und Severus?", fragte ich weiter, als ich mich wieder gefangen hatte.
"Er ist, bis auf eine kleine Beule an der Stirn, die er sich nicht erklären kann, unverletzt." Ich musste schmunzeln. "Er hat die Schüler verteidigt, nachdem du bewusstlos wurdest."
Ich versuchte, mich aufzusetzen, aber Schmerz schoss durch meinen Bauch, also sank ich keuchend zurück in mein Kissen.
"Hier ist das Schmerzmittel. Es verschafft dir außerdem traumlosen Schlaf." Albus reichte mir ein kleines Fläschchen, das ich zögernd annahm. Ich hatte das Zeug kaum heruntergeschluckt, da dämmerte ich bereits weg.

Zwei Tage später wurde ich entlassen, allerdings nicht ohne eine ausgiebige Examinierung meiner Wunde und meiner Blutprobe. Poppy wollte absolut sicher gehen, dass die Verletzung durch einen Werwolf keine weiteren Folgen hatte. Ich musste ihr außerdem versprechen, jeden Morgen zum Verbandwechsel zu kommen und sie gab mir einen Vorrat an Schmerzmitteln mit.
Ich ging zuerst in meine Privaträume und nahm eine schnelle Dusche. Ein einfacher Wasserabweise-Zauber schütze den Verband vor dem Durchnässen. Dann hatte ich zwei wichtige Gespräche zu führen. Ich entschied mich, mit Severus anzufangen.
Er hatte das wöchentliche Passwort zu seinen Privaträumen noch nicht geändert und die Schutzzauber waren noch darauf eingestellt, mich hereinzulassen. Entweder er hatte es vergessen oder er wollte, dass ich zu ihm kam. Ich betrat also sein Wohnzimmer und sah ihn in seinem dunkelgrünen Samtsessel sitzen, die neue Ausgabe von Zaubertränke Heute lesend. Er sah auf, als er mich bemerkte. Sein Gesichtsausdruck war so kühl, man konnte das Eis fast klirren hören. Es brach mir fast das Herz.
"Severus, ich … ich denke, wir müssen reden.", sagte ich schüchtern.
"Was gibt es da noch zu besprechen?", erwiderte er. Allmählich verstand ich, warum die Schüler Angst vor ihm hatten.
"Es tut mir leid, Severus. Ich kann dir nur erzählen, wie es war." Und dann berichtete ich, jedes Detail, und unterstrich, dass Sirius mich geküsst hatte und nicht anders herum. Und dass ich den Kuss schnell gelöst hatte. "Ich war einfach überrumpelt. Da stand er plötzlich und sah so … heruntergekommen und verwahrlost aus. Ich hatte ihn zwölf Jahre nicht gesehen. Und er freute sich so, mich zu sehen und sagte, nur der Gedanke an mich hätte ihn da bei Verstand gehalten. Ich… Es stimmt, ich hätte ihn davon abhalten sollen, hätte ihm sofort von dir und mir erzählen sollen, aber ich konnte es nicht, Severus. Ich konnte ihm nicht das Herz brechen. Wenn du mir nicht glaubst, dann kannst du Legilimentik anwenden, ich werde mich nicht wehren. Ich kann nur hoffen, dass du mir irgendwann vergeben kannst."
"Warum hast du es mir nicht gesagt? Du hast mich belogen, Enya. Du sagtest, in dem Raum sei niemand gewesen. Und dann hast du mich geküsst, wahrscheinlich nur Sekunden, nachdem du ihn geküsst hattest!", fragte er, heiße Wut loderte in seinen Augen.
"Du hast Recht. Das hätte ich tun müssen. Ich habe es mich nicht getraut. Ich war zu feige. Hatte Angst, unsere Beziehung zu zerstören."
"Nun, das hast du aber dadurch geschafft, dass du es mir verschwiegen hast! Habe ich dir jemals etwas bedeutet? Oder war ich die ganze Zeit über nur dein Ersatz für Black? Ein Spielzeug, das du wegwerfen konntest, wenn er wieder da war?"
Mir rannen inzwischen Tränen über das Gesicht. "Nein, Severus! Du bedeutest mir mehr als alles andere auf der Welt! Bitte, das musst du mir glauben!"
"Das kann ich nicht, Enya. Denn wenn ich dir etwas bedeuten würde, hättest du nicht zugelassen, dass er dich küsst, ihm die Wahrheit gesagt und anschließend mir davon erzählt. Du wusstest genau, wie sehr mich das verletzen würde. Black und ich waren und sind Erzfeinde. Du warst doch selbst dabei, als er mir damals das Leben zur Hölle gemacht hat."
"Ja, du hast Recht. Ich habe einen großen, dummen Fehler gemacht, aber was soll ich jetzt tun?", fragte ich ihn verzweifelt.
"Du könntest einfach gehen und aus meinem Leben verschwinden."
Seine harten Worte pressten mir die Luft aus den Lungen. "Severus…"
"Nein! Ich wurde schon zu oft benutzt, meine Gefühle mit Füßen getreten! Jetzt von dir, von der ich dachte, ich würde ihr etwas bedeuten! Ich kann das nicht mehr! Ich ertrage es nicht mehr! Geh einfach."
Ich erkannte, dass es keinen Sinn hatte, weiter auf ihn einzureden, und verließ seine Privaträume.

Auf dem Weg nach oben merkte ich, dass die Bedeutung seiner Worte noch gar nicht bei mir angekommen war. Also entschloss ich mich, Remus besuchen zu gehen. Ich wollte noch mit ihm sprechen.
Nun klopfte ich also an die Tür seines Büros und wartete, bis das gedämpfte "Herein!" erklang. Ich trat ein und sah Remus, wie er das Inventar seines Büros in den zerknautschten alten Koffer packte. Er hielt inne und sah mich an.
"Hallo, Remus."
"Enya. Ich hatte dich nicht erwartet.", sagte er und senkte den Blick.
"Wieso?"
"Dumbledore hat mir erzählt, was in der Nacht passiert ist. Ich habe ihn dazu gedrängt. Deshalb habe ich nicht erwartet, dass du je wieder etwas mit mir zu tun haben möchtest.", sagte er, Verzweiflung in seinem Blick.
"Remus…"
"Ich habe dich verletzt, Enya. Du hättest verbluten können, hätte ich dich härter getroffen. Ich habe Sirius angegriffen und ihn verletzt. Ich hätte die Schüler töten können. Meine Schutzbefohlenen. Sechs Menschen hätte ich ermorden können, oder schlimmer: beißen können. Dann müssten sie jetzt das Gleiche durchleiden wie ich. Ich bin ein Monster, Enya."
"Nein, das bist du nicht, Remus! Du kannst nichts dafür. Du bist, was du bist und niemand von uns hält dich deshalb für ein Monster! Mir geht es gut, die Wunden heilen bereits, Sirius geht es gut, die Schüler haben nicht abbekommen. Du solltest nur vermeiden, den Wolfsbanntrank zu vergessen, in Zukunft."
"Es hat keinen Sinn, Enya. Jemand hat ausgeplaudert, dass ich ein Werwolf bin und ich möchte den wütenden Elternbriefen zuvor kommen. Ich habe eben bei Dumbledore meine Kündigung eingereicht."
Ich glaubte zu wissen, wer dieser 'jemand' war und verspürte eine Wut auf ihn. Trotzdem musste ich Remus' Entscheidung akzeptieren. "Das tut mir leid, Remus. Du warst so ein guter Lehrer. Die Schüler haben dich verehrt."
"Wirklich?" Er wirkte überrascht.
"Ja. Ich bin nicht umsonst Vertrauenslehrerin. Da bekommt man so was mit."
Er lächelte endlich wieder.
"Was machst du denn jetzt, Remus?", fragte ich dann. Ich wusste, wie schwer es für einen Werwolf war, eine Anstellung zu finden. Das Ministerium sorgte dafür.
"Ich weiß es nicht. Dumbledore sagte, er würde mir helfen, so weit er kann, aber ich habe nicht viel Hoffnung. Ich suchte schon lange nach einer Anstellung, bis er mich anwarb."
"Du solltest wissen, dass ich dir viel Glück wünsche.", sagte ich und ging um den Schreibtisch herum, um Remus zu umarmen. Er war überrascht, erwiderte dann aber die Umarmung. Es gab wahrscheinlich nicht viele Menschen, die warmherzig ihm gegenüber waren.
"Hast du mit Severus gesprochen?", fragte er sanft.
Ich löste mich aus der Umarmung und spürte den Kloß im Hals. "Ja. Er hat sich von mir getrennt."
"Was?", fragte er entgeistert.
"Ich kann ihn verstehen, ich habe ihn sehr verletzt."
"Oh, Enya, das tut mir leid. Was willst du jetzt tun?"
"Ich denke, ich werde ihm etwas Zeit lassen und dann wieder versuchen, mich bei ihm zu entschuldigen. Im Moment sind die Wunden noch zu frisch."
"Ich verstehe. Dann wünsche ich dir dabei mal viel Erfolg."
"Danke." Ich verabschiedete mich herzlich von ihm und kehrte dann in meine Privaträume zurück, die ich zwei Tage lang nicht verließ.

Mein Herzschmerz war schrecklich. Als ich in meinem Wohnzimmer angekommen war traf mich die Erkenntnis der Trennung von Severus mit voller Wucht. Ich weinte stundenlang und wenn ich mich dann mal beruhigt hatte, versuchte ich mich mit etwas anderem zu beschäftigen. Aber alles erinnerte mich an Severus und dann musste ich wieder weinen. Am zweiten Tag schämte ich mich für mich selbst. Du bist wie ein Teenager, der nicht mit seinen Gefühlen zurecht kommt, Enya!, fuhr ich mich selbst an, Reiß' dich zusammen!. Irgendwie schaffte ich es, am Montagmorgen aus dem Bett zu kommen. Beim Blick in den Spiegel erschrak ich mich. Ich sah aus wie eine aufgewärmte Leiche! Blasse, von roten Flecken bedeckte Haut, dunkle Ringe unter den Augen und struppige Haare. Ich verwandte eine Stunde darauf, wieder ansehnlich auszusehen und beeilte mich dann, zum Frühstück zu kommen. Das Essen war am Wochenende etwas zu kurz gekommen, folglich hatte ich Bärenhunger. In der Großen Halle angekommen bemerkte ich zwei Dinge. Erstens starrten die Schüler mich an, was vermutlich darauf zurückzuführen war, dass ich fast zwei Wochen aus unbekannten Gründen gefehlt hatte. Zweitens war der einzige freie Platz am Lehrertisch, selbstverständlich, der neben Severus. Mein üblicher Platz. Doch jetzt traten mir bereits die Tränen in die Augen als ich daran dachte, schweigend neben ihm sitzen zu müssen. Ich setzte mich trotzdem, nach einem kurzen Gruß an die Kollegen, und begann zu essen. Minerva erkundigte sich besorgt nach meinem Befinden. So wirksam war meine Schönheitsbehandlung heute Morgen also doch nicht gewesen. Klasse.

Der Unterricht machte mir auch nicht wirklich Spaß, zudem die Schüler nervös wegen der Prüfungen waren. Zum Glück waren es nur noch zwei Wochen bis zu den Ferien. Diese beiden Wochen schaffte ich zwischen Unterricht, Prüfungsaufsicht und -kontrolle ohne Nervenzusammenbruch. Mit Harry besprach ich, dass er zunächst zwei Wochen bei den Dursleys verbrachte und dann zu mir nach London kam. Ich konnte in der nächsten Zeit erstmal keinen Teenager in meiner Wohnung gebrauchen. Meine schlechte Laune würde Harry sonst die Sommerferien vermiesen.
Mit Severus hatte ich weder Wort noch Blick gewechselt, seit wir uns getrennt hatten. Wir beide brauchten den Abstand, den die Ferien boten, um nachzudenken.

Zum ersten Mal verließ ich Hogwarts mit Erleichterung.