Kapitel 21: Chemie
Anne befand sich in der Schwebe zwischen ihrer Traumwelt und einem halbbewußten Dämmerzustand. Ihre Augen öffneten sich blinzelnd und versuchten, sich auf das Morgenlicht in ihrem Wohnheim einzustellen. Leider fand sie heraus, dass sie vor Müdigkeit so schwer waren, dass sie bei jeder Bewegung stachen.
„Du bist unmöglich!"
„Nein, ich bin hartnäckig. Und ich habe Recht!"
Anne seufzte und fragte sich, ob sie halluzinierte, dass sich laute, zankende Stimmen über ihrem Kopf befanden.
„Siehst du! Jetzt hast du Anne aufgeweckt!" Selbst in ihrem schläfrigen Zustand konnte Anne Bens Stimme erkennen.
„Ich habe sie nicht aufgeweckt!" Lisas südlicher Akzent prallte von den Wänden ab. „Du bist derjenige, der LAUT ist!"
Anne setzte sich im Bett auf. Sie war in ihren gestrigen Kleidern eingeschlafen. Dicke Lehrbücher waren offen über ihr Bettlaken verstreut und ihre Turnschuhe waren noch an ihren Füßen. Anne neigte dazu, in solch stilvollen Positionen aufzuwachen, wenn sie in der Nacht lange gepaukt hatte.
„Oh Anne", sagte Lisa mitfühlend und ihre Aufmerksamkeit verlagerte sich von ihrem Streit mit Ben zu ihrer aus dem Schlaf gerissenen Mitbewohnerin. „Du siehst so müde aus. Es tut mir leid, dass Ben so früh in unser Zimmer kam und deine dringend benötigte Ruhe störte. Er kann manchmal sehr ungezogen sein."
Ben verdrehte die Augen.
„Mach dir darüber keine Gedanken", sagte Anne zwischen Gähnanfällen. „Ich musste sowieso aufwachen. Wie spät ist es?"
„Zehn", antwortete Ben. „Wann bist du eingeschlafen?"
„Etwa vor drei Stunden."
„Geh wieder ins Bett!" rief er.
Anne schüttelte den Kopf. „Ich habe in zwei Stunden eine wichtige Prüfung."
„Du bist verrückt ...", sagte Lisa ehrfürchtig.
Ben verschränkte die Arme und sah Lisa an. „Siehst du, das ist die Art von Engagement, die du in deine Schularbeiten stecken solltest."
Anne gluckste und fing an, sich für den Unterricht bereitzumachen, wobei sie versuchte, das beständige Gezänk ihrer Freunde zu ignorieren. Ihr Körper bewegte sich langsamer als üblich, aber das war nach so wenig Schlaf zu erwarten. Sie musste einen Weg finden, vor der Prüfung etwas Koffein in ihr Körpersystem zu pumpen.
„Ich nehme an, du gehst dann in die Bibliothek?" fragte Ben Anne ein paar Minuten später.
„Deine Annahme ist richtig", sagte Anne und stopfte Papiere in ihre Tasche. „Ich muss noch ein paar Dinge wiederholen."
„Dann sehen wir dich heute Abend auf Wills Party, oder?" fragte Ben.
Lisa hob die Augenbrauen. „Du gehst da hin?" fragte sie Ben ungläubig.
„Oh Gott! Das war mir komplett entfallen. Danke, dass ihr mich daran erinnert habt, Leute." Mit der Invasion des Studiums in ihr Leben hatte Anne die Party ganz vergessen, die ihr Freund und seine Mitbewohner heute Abend ausrichteten. Sie schrieb schnell eine Erinnerung auf ihre Hand, bevor sie aus der Tür flitzte.
Nachdem Anne gegangen war, wandte sich Lisa mit den Händen auf ihren Hüften Ben zu. Sie hatte diesen Blick in den Augen - einen Blick, mit dem Ben in diesen letzten Wochen nur allzu vertraut geworden war.
„Was?" fragte er abwehrend. Er ging zu ihrem Schreibtisch, um einige Papiere durchzusehen, aber er merkte, dass sie ihn immer noch anstarrte.
„Nichts", sagte sie. „Ich schätze, ich frage mich nur, warum du hier bist ... in meinem Zimmer ... um 10 Uhr."
„Hallo? Wo warst du denn in den letzten paar Wochen?" sagte er. „Ich gebe dir Nachhilfe! Schon vergessen?"
„Es gibt einen Unterschied zwischen Nachhilfe und Nachstellen", betonte sie.
Ben wirkte amüsiert. „Glaubst du, es macht mir Spaß, meine Zeit mit jemandem zu verbringen, der im Alleingang alle Energie und allen Optimismus meines Körpers aufzehrt?"
„Gehst du heute Abend auf die Party?" forderte sie ihn mit erhobenen Augenbrauen heraus.
„Ja."
„Sag ich doch."
„Du denkst, ich gehe, weil du gehst? Ich gehe, weil ich eingeladen wurde", sagte er. „Ich habe keine Hintergedanken."
„Wirklich?" fragte Lisa. „Weil du, als ich es letztes Mal überprüft habe, nicht gerade der hartgesottene Party-Keg-Stand-Typ (*1) warst, Ben. Du bist vielmehr so eine Art Streber."
„Und du bist irgendwie egozentrisch", rief Ben. „Ist es dir jemals in den Sinn gekommen, dass ich jetzt andere Dinge im Kopf habe als deine gesellschaftlichen Termine? Dass ich einfach nur ausgehen will, einmal Spaß haben und eine Pause einlegen will bei all dieser akademischen Folter, zu der du mich genötigt hast? Nur weil du selbstsicher und schön bist, bedeutet das nicht, dass sich alles um dich dreht!"
Sie lächelte. „Du denkst, ich bin schön?"
Ben hustete nervös. „Das habe ich nicht gesagt!"
„Doch, du das hast du."
„Nein, habe ich nicht! Ich kann dich nicht ertragen! Ich denke, du bist egoistisch, eingebildet und faul!" beharrte er. „Du macht mich regelrecht verrückt. Wenn du es schaffen würdest, alle deine Intelligenz auf den Unterricht zu lenken, anstatt mich unaufhörlich aufzuziehen, könntest du jedes Semester auf der Dekanatsliste (*2) stehen."
Plötzlich sah Lisa sehr gerührt aus. „Du denkst, ich bin schlau?" fragte sie und trat näher zu Ben.
„Nein .. ich meine, das ist nicht ... na ja ..." Ben war entnervt. „Der Punkt ist, ich wollte dich nicht bitten, mit mir auf die Partei zu gehen."
„Wie schade", sagte Lisa und drehte an ihren Haaren.
„Warum?"
„Weil ich dich bitten wollte."
„Du wolltest - was?" fragte Ben und schwieg fassungslos.
Lisa kicherte. „Ach komm, Ben. Bei uns stimmt die Chemie."
„Chemie?" fragte Ben verwirrt. Als literarischer Snob wusste Ben wenig über Chemie. Als Mann wusste er noch weniger über romantische Chemie.
„Du weißt schon ..." Lisa deutete zwischen ihnen beiden hin und her. „Dieses Zeug. Das Streiten ... das Geplänkel ..."
„Aber ... wir hassen einander!" rief Ben.
Lisa seufzte. Ben mochte intelligent sein, aber derzeit stellte er sich ziemlich dumm an. „Das denkst du. Hier ist deine Hausaufgabe für heute Nachmittag, Ben: Hör ein paar Tage lang auf, sentimentale Poesie zu lesen, und lass dich auf die schöne, gestörte Realität unserer Situation ein. Ich muss jetzt zum Unterricht gehen", sagte sie, während sie auf ihre Uhr schaute. „Schade ... wir waren gerade dabei, Fortschritte zu machen."
Sie nahm ihre Bücher, schritt auf den fassungslosen Ben zu und bückte sich zu einem unschuldigen Kuss auf die Wange herab. Seine Ohren färbten sich rosa.
„Oh, und du kannst mich um 10 Uhr abends abholen!" sagte sie, als sie zur Tür hinaus ging.
(*1) Keg Stand: Einen Handstand auf dem Bierfass machen (wobei andere die Füße festhalten) und direkt aus dem Zapfhahn soviel trinken, wie irgend möglich.
(*2) Studenten mit gutem Notendurchschnitt kommen auf die „Deans List"; nach unserem alten Notensystem von 1 bis 6 sollte der Durchschnitt nicht schlechter als etwa 2,0 sein.
