21. Du bist ein Idiot!
Es verging eine ganze Weile bis Bills Stöhnen Bohne wieder in die Gegenwart zurückholte.
„HALT!", schrie sie, als sie sah, wie Bill sich heimlich auf allen Vieren davonschleichen wollte.
Sie rannte auf ihn zu und stellte sich ihm in den Weg.
„Wo willst du hin?", fragte sie streng und verschränkte die Arme.
„Geht mir aus dem Weg!", fauchte Bill.
„Du wirst nirgendwo hingehen!", rief Bohne voller Ärger. „Warum hast du das getan?! Er könnte sterben!"
Bill schnaubte gleichgültig. „Er hat er verdient."
Bohne schnappte hörbar nach Luft und gab ihm eine schallende Ohrfeige. Bill taumelte zur Seite und landete unsanft auf dem Boden.
„Sag das nie wieder!", schrie Bohne ihn an. „Niemals hat er das verdient! Niemals! Niemals! Er würde seine Seele für jedes hilflose Wesen geben. Er hat es absolut nicht verdient! Was bist du nur für eine Kreatur? Du bist das Abscheulichste was ich jemals…"
Plötzlich erstarrte Bohne zur Salzsäule.
Bill atmete erleichtert auf. „Ein Glück."
Mit zusammengepressten Zähnen stand er auf. Seine Wunden schmerzen immer noch extrem, doch er durfte keine Zeit verlieren. Und so rannte er, trotz plagender Schmerzen, querfeldein. In diesem Moment lösten sich Bohnes Lippen und redete wie ein Wasserfall gleich wieder drauf los.
„… in meinem Leben gesehen habe! Du nimmst das jetzt sofort zurück, oder ich werde…!" Ihr blieb das Wort im Hals stecken. „Was…?"
Bill war inzwischen schon ein paar Meter weit entfernt.
Fassungslos hielt Bohne sich den Kopf. „Nicht schon wieder… Bill, bleib hier!"
Sofort rannte sie ihm hinterher, doch Bill dachte nicht daran stehen zu bleiben.
„In deinen Träumen, kleine Lady."
Bohne machte einen großen Sprung nach vorne, bekam Bill an den Schultern zu fassen und warf ihn zu Boden. Da das Gila-Monster wegen den Wunden zu geschwächt war, fiel er um wie ein Sack Kartoffeln.
„Du verdammtes Miststück!", brüllte er.
Er nahm erneut Anlauf und sprang sie an. Doch Bohne hatte bessere Reflexe als Rango. Sie wich ihm aus, sodass er ins Leere griff. Mit einem harten Aufprall landete das Gila-Monster auf dem steinigen Bodengrund. Für einen Moment sah es so aus, als würde Bill sie wieder angreifen wollen. Doch dann gab er auf. Die große Echse war komplett erschöpft. Kraftlos blieb sie schwer atmend auf dem Bauch liegen.
Bohne stand im sicheren Abstand hinter ihm und sah auf ihn herunter. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals.
„Bist du jetzt zufrieden?", fragte sie. „Oder willst du nochmal auf die Schnauze fliegen?"
Mühsam richtete die Gila-Echse sich auf, doch er hatte keine Kraft mehr und sank wieder zu Boden.
So langsam verflog Bohnes Ärger. Sie drehte sich um, während Bill auf dem Boden liegen blieb.
Sekunden später vernahm er tapsige Schritte eines Roadrunners.
„Komm", sagte Bohne ruhig. „Wir reiten in die Stadt."
Bill öffnete die Augen und sah sie an. Dann schüttelte er den Kopf.
„Niemals", keuchte er. „Dieser Teufel wird mich umbringen."
Bohne hob die Augenbrauen. „Willst du lieber hier sterben?"
Bill schwieg zuerst. Dann grinste er. „Wen kümmerts. Vielleicht wird Roscoe die Stadt auslöschen."
„Wieso sollte er das tun? Und was ist eigentlich los?"
„Habicht, das ist passiert."
„Das sehe ich. Aber was ist vorher passiert? Was hat Rango damit gemeint, wo was sein könnte?"
„Nichts für eine Frau", antwortete Bill abfällig.
„Aber für eine Klapperschlange, was?", konterte sie düster. „Bill, jetzt sei kein Idiot und sag mir was hier los ist."
„Ich sag nichts mehr."
Bohne stieß ein entrüstetes Schnauben aus. „Du bist ein Idiot! Du wirst immer ein Idiot bleiben. Sag mir die Wahrheit!"
„Nein! Jetzt lass mich gehen."
Wieder krabbelte er auf allen Vieren voran. Bohne nahm die Flinte von ihrem Roadrunner und richtete sie direkt auf Bill. „Du bleibst hier, und du wirst mit mir in die Stadt kommen!"
Bill schnappte nach Luft, als er sich aufzurichten versuchte. Er stieß ein keuchendes Lachen aus.
„Du bist wirklich wie dein Vater. Auch er hat mich immer mit seiner Schrottflinte bedroht, wenn er mich sah."
„Und das aus gutem Grund! Du hattest damals einen Pekari von unserer Farm gestohlen!"
„Ich hab ihn mir nur geborgt", keuchte Bill. „Ich wollte es später zurückbringen. Vielleicht morgen."
Bohne ignorierte seinen Sarkasmus.
„Steig jetzt auf den Runner und los geht's."
„Es ist besser, du lässt mich alleine gehen."
Bohne rollte die Augen. „Nein! Du wirst mit mir in die Stadt gehen. Jake wird sonst sehr sauer sein, wenn ich ohne dich zurückkomme."
Bill schüttelte energisch den Kopf. „Falls dein Freund nicht überleben sollte… Denkst du wirklich, dass ich so dumm bin und meinem eigenen Ende in die Arme laufen werde?"
Bohne versuchte sich nicht den schlimmsten Fall auszumalen.
Rango wird nicht sterben, dachte sie. Bitte nicht.
Sie schluckte schwer. „Er wird auch verärgert sein, wenn er am Leben bleiben sollte und du einfach wegrennst. Mal im Ernst, glaubst du wirklich, du wirst mit deinen Verletzungen weit kommen? Nun, tust du das? Ich könnte mir vorstellen, dass der Habicht zurückkommen könnte und dich mitnehmen wird."
Für einen Moment wusste Bill daraufhin nichts zu antworten, sondern blieb auf dem Boden sitzen und starrte gedankenverloren vor sich hin.
Schließlich hob er den Kopf. „Aber du musst mir versprechen, dass er mich nicht tötet."
Die Augen von Bohne verengten sich. „Warum soll ich dir das versprechen?"
„Ansonsten sage ich dir nicht wo dieses Ding versteckt ist."
„Was genau meinst du damit?"
Bill verschränkte die Arme. „Versprich es mir erst."
Bohne rollte genervt die Augen. Wurde das jetzt ein „Versprechens-Tag" oder sowas? „Ich werde nie mehr ein Versprechen abgeben. Das von Gestern hat mir gereicht."
Sie wandte den Kopf ab und hielt sich den Mund zu, um nicht laut loszuweinen.
Bill sah sie überrascht an. „Was hast du denn angestellt?"
„Geht dich nichts an", sagte Bohne schnell.
„Gut, dann sage ich auch nichts."
„Jake wird wütend sein."
„In diesem Fall werde ich nicht zur Stadt zurückgehen."
Bohne schnaubte abfällig. Wie sehr sie doch diese Echse hasste.
„Dann bleib da!", zischte sie wütend.
Sie stieg auf ihren Roadrunner und ritt davon.
Bill sprang auf, fiel aber sofort wieder hin. „HEY! Bist du bescheuert? Du kannst mich doch nicht einfach so hierlassen!"
„Dann rede!"
„Nein! Ich hab ein Recht auf Begleitschutz!"
Bohne winkte zum Abschied mit der Hand. „Dann leb wohl."
Bill stieß einen tiefen Seufzer aus. „Na gut, na gut. Du hast gewonnen. Ich werde mit dir in die Stadt kommen, doch du musst es mir versprechen."
„Ich hab doch gesagt, dass ich keine Versprechen mehr gebe!"
„Na gut! Schön! Dann hoffe ich, dass Roscoe dich und alle anderen killen wird. Einschließlich deinen Freund."
Bohne hielt inne.
„Diese grüne Echse hat überhaupt keine Ahnung, um was es hier geht", rief Bill zu ihr. „Absolut nichts weiß er. Ich bin der Einzige, der mehr sagen kann."
Sie warf ihm einen verachtenden Blick zu. „Bill. Du bist ein Idiot."
„Das ist für mich nichts Neues."
Bohne knurrte. „Na gut. Ich gebe dir mein Wort, dass er dir nichts tun wird."
„Ist das jetzt ein Versprechen oder ein…"
„Ja, das ist ein Versprechen", antwortete Bohne verärgert.
Bill seufzte erleichtert. „Gut."
Es war nicht leicht für Bohne Bill auf ihrem Huhn aufzusetzen. Zuerst musste sie ihm auf die Füße helfen. Der schwierigste Teil war der Weg ihn auf ihren Roadrunner zu hieven. Nach mehreren Versuchen saß die große Echse endlich im Sattel. Bohne nahm die Zügel und führte sie durch die Wüste.
Bill war immer noch am keuchen und ließ seinen Oberkörper auf dem langen Hals des gefiederten Reittieres ruhen.
Eine Weile schwiegen beide, bis Bill eine Frage stellte, die ihm einfach nicht aus dem Kopf ging. „Nebenbei bemerkt, was war das eigentlich vorhin gewesen? Hab ich das richtig verstanden? Du hast eine Abmachung mit diesem Wüstenteufel?"
Bohne stieß wütend die Luft aus und hob ihre Nase höher. „Bill, ich will nicht darüber reden. Bitte."
„Wieso nicht?"
Bohne hielt abrupt an.
Bill hob den Kopf, als er kein Wort mehr von ihr hörte.
„Bist du wieder erstarrt, Babe?"
Bohne presste ihre Lippen zusammen. Nur mit Mühe unterdrückte sie ein Schluchzen.
„N-ein. Sei einfach still und halt den Mund."
Normalerweise hätte Bill sie jetzt so lange ausgefragt bis er eine Antwort erhalten hätte. Doch er war zu geschwächt und erschöpft, sodass er keine weiteren Fragen mehr stellte.
Während sie durch die Wüste gingen, wanderten Bohnes Gedanken Meilen weit entfernt in die Stadt.
Schweigend saß Doc in seinem Haus vor dem Schreibtisch. Gelangweilt ging er alte Papiere durch. Es war ihm unbegreiflich, dass schon so viel Zeit vergangen war, seit er Arzt dieser Stadt geworden war.
„Ach ja, Zeit, wo bist du geblieben?"
Er zuckte zusammen, als es laut an der Tür klopfte.
„Mach die Tür auf!"
Doc sprang vom Stuhl und rannte zur Haustür.
Er hatte Jakes Stimme sofort erkannt und das Erste was er sah, war ein bewegungsloses Chamäleon umwickelt im Schlangenkörper.
„Sheriff? Aber wie…"
„Frag nicht", unterbrach ihn Jake und stieß Rango in den Raum. Doc sprang nach vorne und find das Chamäleon im letzten Moment auf, bevor es auf den Boden fallen konnte.
„Nicht schon wieder, Mister Rango!", rief Doc verzweifelt, als ihm die Erinnerungen der Nach vor wenigen Wochen wieder hochkamen. „Was ist denn diesmal passiert?"
Jake steckte den Kopf in den Vorraum. „Dieses dreckige, kaltblütige Reptil, das ist passiert."
Doc verstand nicht was er meinte. „Äh… Pardon?"
„Bill", beantwortete Jake die Frage mit einem einzigen Wort.
„Aber was…" Doc unterbrach sich selber, als er das Tuch um Rangos Arm erkannte.
Sanft legte der Arzt das Chamäleon auf den Boden ab und entfernte die Bandage.
„Gütiger Himmel", murmelte Doc, als der die Bisswunde sah. Sie war inzwischen blau-rot angelaufen und dick geschwollen. Hastig befühlte Doc Rangos Hand. Der Puls war noch spürbar.
„Gottseidank, sein Herz schlägt noch."
Danach kontrollierte er Rangos Augenreflexe.
„Sheriff? Sheriff? Sheriff Rango? Können Sie mich hören?"
Er tätschelte Rangos Wange, doch es kam kein Wort aus ihm heraus.
„Er wird doch wieder gesund, oder?", fragte Jake.
„Nun, ich kann nichts versprechen…"
„Er WIRD wieder gesund! Verstanden?"
Doc nickte hastig. „N-natürlich wird er, Mister Jake."
