Das Erbe Merlins


Einundzwanzigstes Kapitel

Das Anwesen der Lestranges


»Kein Problem. Wir verstecken dich einfach unter meinem Tarnumhang, dann können sie dich ja wohl schlecht finden.«

Sirius lief unruhig in ihrem Schlafsaal auf und ab, ohne James' Vorschlag so recht aufzunehmen. Er hatte seinen Freunden gerade alles offenbart und James und Peter hatten ihr Schachspiel unterbrochen.

Remus klappte das Buch, in dem er zuvor gelesen hatte, zu (nicht ohne die Seite sorgfältig zu markieren) und legte es auf seinem Nachttischchen ab. »Quatsch! Professor McGonagall rastet aus, wenn er das macht. Dann kann er gleich sein restliches Leben unter dem Tarnumhang verbringen.«

»Bessere Vorschläge, Mr Lupin?«, wandte sich James genervt an Remus.

»Nun – nein. Aber wenn du deinen Eltern vielleicht schreibst…«

»Wie oft denn noch?« Sirius blieb stehen und funkelte seinen Freund an. »Die Ehre der Familie Black steht da auf dem Spiel. Meine Eltern werden einen Teufel tun und mich hier bleiben lassen, wenn ich ihnen einen netten kleinen Brief schreibe!« Damit nahm er seine Schritte wieder auf.

»Na ja, dann musst du wohl hingehen.«

»WAS?!« Sirius und James hatten zugleich gesprochen und Sirius starrte Remus mit offenem Mund an.

»Sehen wir es doch mal logisch. In den Sommerferien sitzt du fast zwei Monate bei deiner Familie fest und, so sehr ich mit dir auch mitfühlen kann, dagegen ist ein Wochenende doch fast gar nichts.«

»Ein Wochenende bei den Lestranges!«, verbesserte Sirius. »Du weißt nicht, wie es bei denen abgeht!« Sirius erinnerte sich, schon einmal als kleiner Junge in der Villa der Lestranges gewesen zu sein, doch es waren nur noch ganz blasse Erinnerungen. Doch die paar Erinnerungen, die ihm verblieben waren, waren schrecklich genug. »Meine ganze Verwandtschaft wird da sein. – Und außerdem will ich gerne mit euch Sylvester feiern!

Remus seufzte auf. »Wir hätten dich ja auch gerne hier, aber…«

»Allerdings. Und deswegen bin ich immer noch für meine Tarnumhangidee«, warf James ein, doch Remus ging nicht auf ihn ein, sondern fuhr fort: »Aber wenn du nicht den Zorn deiner Eltern und der Lehrer auf dich ziehen willst, dann musst du da durch.«

»Wir eulen dir auch«, versprach Peter leise. Alle wandten sich etwas überrascht dem kleinen Jungen zu, der die ganze Zeit lang auf James' Bett gesessen und das Schachspiel angestarrt hatte. Er war dafür bekannt, immer stundenlang zu brauchen, ehe er einen Zug vornahm. »Turm auf D5!«, murmelte er schließlich seinen Figuren zu. »Du bist dran.«

»Springer auf F7«, befahl James schnell und schlug somit einen von Peters Bauern. Dann wandte er sich wieder Sirius zu: »Hey, ich hab noch eine viel bessere Idee! Wir brauen dir einen Krankheitstrank! Wenn du übel Fieber hast oder irgend so was, dann können sie dir nicht befehlen, trotzdem zu kommen.«

»Brilliante Idee, James«, verdrehte Remus die Augen. »Hat nur einen kleinen Haken: Wer von uns ist gut genug in Zaubertränke, um einen derartigen Trank zu brauen – ganz abgesehen davon, dass ich mal nicht annehme, dass du schon einen bestimmten Trank im Kopf hast?«

»Ähm… nein. – Aber wir könnten in der Bibliothek nachschauen.«

»Und du glaubst, dass wir bis morgen früh einen Trank gefunden und den dann auch noch gebraut haben?!«

»Jungs?«, unterbrach Sirius seine Freunde. »Ihr wollt mich nicht im Ernst krank machen, oder?!«

»Ich nicht«, wehrte Remus mit verteidigend erhobenen Händen ab.

Doch James zuckte nur die Schultern. »Vielleicht brauen wir auch nur was, das so tut, als ob du krank wärst oder so.«

»Okay, macht, was ihr wollt«, seufzte Remus schließlich. »Aber schaut, dass ihr den Gryffindor-Turm nicht sprengt, wenn's geht.« Damit nahm er sein Buch wieder und schlug es auf der markierten Seite auf.

»Gut, vergesst den Trank, keine gute Idee. Ich hab's jetzt!«, fuhr James mit leuchtenden Augen auf. »Wir belegen Schniefelus mit dem Imperius-Fluch, verkleiden ihn als Sirius und schicken ihn an deiner Stelle zu den Lestranges!«

»Na klar, weil wir uns auch so ähnlich sehen!«, meinte Sirius sarkastisch. Ihm wurde so allmählich klar, dass es keinen Ausweg aus dieser Situation gab. Dass er seine Familie wirklich ein endloses Wochenende lang ertragen müsste…

In dieser Nacht tat Sirius kaum ein Auge zu. Immer wieder kam James mit einer neuen, seiner Ansicht nach genialen Idee an und immer wieder war ein größerer oder kleinerer Haken daran. Nachdem James zum fünften Mal den ganzen Schlafsaal geweckt hatte, belegte Remus ihn mit einem Schlafspruch. Doch das machte die Sache auch nicht viel besser. Obwohl Sirius nun nicht alle paar Minuten von einem Aufschrei hochschrak, schlief er nur äußerst unruhig.

Anscheinend war er doch noch eingeschlafen, denn das nächste, was er mitbekam, war, wie jemand ihm die Bettdecke wegzog.

»Ich hätte es mir denken können! Aufstehen, Mr Black, Sie haben genau zehn Minuten Zeit, unten beim Frühstücken zu sein.«

Sirius öffnete verschlafen ein Auge und dachte, er befände sich noch immer in einem Alptraum. Die Schreckschraube stand streng vor ihm und hatte ihren Blick aufgesetzt, den Sirius nun schon kannte als ›Wenn-nicht-Weihnachten-wäre-dann-gäbe-es-jetzt-Strafarbeit‹. In dem Moment fiel ihm ein, dass Weihnachten eigentlich schon vorbei war und er hoffte sehr, dass es kein ›Das-setzt-Strafarbeit‹-Blick war.

Doch ehe er sich noch länger Gedanken darüber machen konnte, ertönte eine verschlafene Stimme: »Mann, es ist fünf Uhr morgens! Wenn ich denjenigen erwische, der hier so früh so einen Radau macht, dann verpetz ich den bei der McGonagall!«

»Schön, dass Sie auch wach sind, Mr Potter. Wenn Sie sich von Ihrem Freund noch verabschieden wollen, dann würde ich auch Ihnen raten, nun aufzustehen.« Damit wandte sie sich um und verließ den Schlafsaal wieder.

»War das gerade Professor McGonagall?«, fragte jetzt Remus verdutzt, der die Vorhänge von seinem Himmelbett zurückzog.

»Den Traum hatte ich auch eben«, erwiderte James, wobei er sich den Schlaf aus den Augen rieb.

»Ich schätze, ich hab zehn Minuten«, wiederholte Sirius tonlos. Nur langsam drangen die Worte der Schreckschraube in seine Gedanken ein.

Die Hektik an diesem Morgen im Jungenschlafsaal war unbeschreiblich. Sich in zehn Minuten fertig zu machen war die eine Sache, doch sich in zehn Minuten fertig zu machen und zugleich noch Koffer zu packen, das war etwas anderes. In all der Aufregung am Vorabend hatte er das Packen total vergessen.

Während Sirius sich also hastig anzog, warf James schnell alles, was ihm unter die Finger kam und nach Sirius' Sachen aussah, in dessen Koffer. Remus indessen nahm das Bad in Beschlag.

Peter schlief immer noch selig in seinem Bett und schien von alledem nichts mitzubekommen, bis Remus, der mit der Zahnbürste im Mund aus dem Bad trat, ihn schließlich wecken ging.

Genau zehn Minuten später betraten alle vier Freunde gemeinsam die Große Halle. James war immer noch im Pyjama, da er ja Sirius' Packen übernommen hatte, ebenso wie Peter, weil dieser die Zeit zum Fertigmachen verschlafen hatte.

Das Frühstück verlief ruhig, was kein Wunder war, denn sie waren die einzigen, die so früh in der Großen Halle waren. Der Gryffindor-Tisch war der einzig gedeckte und so vermutete Sirius, dass das Frühstück bei Tagesanbruch extra für sie vorbereitet worden war. So früh am Morgen war es noch stockdunkel und eine seltsame Atmosphäre hing in der Luft. Vielleicht war es die Gewissheit, dass er ein schreckliches Wochenende vor sich hatte und seine Freunde zurücklassen musste oder vielleicht lag es an der Müdigkeit oder aber es war einfach nur die Aufbruchstimmung, Sirius wusste es nicht.

Jedenfalls sagte kaum jemand ein Wort, bis sie fertig waren. Peter gähnte ausgiebig, während Remus wortlos die Teller zusammenstellte.

»Sie sind ja tatsächlich schon fertig.« McGonagall kam mit einem milde überraschten Gesichtsausdruck herein, gefolgt von einem verschlafen aussehenden Luke. Ihr Blick blieb kurz an James und Peter hängen, letzterer im Elefantenpyjama. »Sehr schön«, fuhr sie dann an Sirius gewandt fort. »Mr McSarade wird Sie nach Hogsmeade begleiten.«

Sirius nickte schicksalsergeben.

»Also dann«, meinte Remus behutsam. »Mach's gut. Wir sehen uns ja bald wieder.«

»Ja und lass dich nicht unterkriegen, 'kay?« James starrte auf den Boden. Sirius wusste, dass er Sylvester sicherlich auch gerne mit ihm feiern würde, aber immerhin hatte Remus Recht: Das hier war eine Trennung für ein paar Tage, nicht für zwei Monate, wie etwa vor den Sommerferien!

»Schreib uns einfach, wenn dich deine Familie zu sehr nervt.« Peters Stimme klang noch immer verschlafen, doch er brachte ein leichtes Lächeln zustande.

»Danke, Jungs. Auch, dass ihr heute extra wegen mir schon so früh aufgestanden seid.« Er betrachtete schmunzelnd die müden Gesichter seiner Freunde. »Das bedeutet mir echt was.«

In dem Moment räusperte sich jemand hinter ihnen vernehmlich. Sirius fuhr zur Schreckschraube herum. »Nun, Ihr Vater wartet sicher schon, Mr Black. Ich wünsche eine schöne Zeit, wir werden Sie am Montag wieder von Hogsmeade abholen.«

»Okay, also – ciao.« Damit folgte Sirius Luke aus der Halle hinaus und ließ seine Freunde zurück.

Als sie die Eingangshalle Richtung Ausgang durchquerten – Luke zog Sirius' Koffer –, sah es so aus, als ob der Auror etwas sagen wollte, doch in dem Augenblick kamen Schritte hinter ihnen hergerannt.

Piler schloss schnaufend zu ihnen auf. »Uff, hätte fast nicht mehr gedacht, dass ich euch noch erwische!«, keuchte er. »Was dagegen, wenn ich euch mit nach Hogsmeade begleite?«

Sirius war sich nicht sicher, aber er glaubte, dass Luke Piler einen seltsamen Blick zuwarf. Doch dann nickte der Auror. »Natürlich nicht.«

Sie sprachen auf dem Weg zum Dorf kaum miteinander. Es herrschte eine ähnliche Stimmung wie am Frühstückstisch und Sirius hatte das Gefühl, wenn er irgendetwas sagen wollte, würde ohnehin kein Laut über seine Lippen kommen.

Entgegen McGonagalls Vorhersage war Pherkard noch nicht an ihrem Treffpunkt und so trat Sirius zitternd vor Kälte von einem Fuß auf den anderen, während die beiden Auroren sich ab und an wartend umsahen und ihre Blicke über das verwaiste Dorf schweifen ließen, welches im Morgengrauen starr, von Schnee bedeckt vor ihnen lag.

Plötzlich ertönte keine drei Meter von ihnen entfernt ein ›Plopp‹ und ein Mann kam auf sie zugeschritten.

»Guten Morgen, Mr Black«, begrüßte Piler Sirius' Vater freundlich und hielt ihm die Hand entgegen.

Pherkard ließ diese Geste unbeachtet und nickte nur den beiden Auroren zu, woraufhin er Sirius' Koffer nahm und Sirius selbst am Handgelenk fasste. »Wir haben es eilig«, war alles, was er sagte, ehe er seinen Sohn mit sich davonzog.

Sirius drehte sich im Laufen – und sein Vater legte einen schnellen Schritt vor – noch einmal um, um Luke und Piler zuzuwinken, die ihm etwas irritiert zurückwinkten.

»Das waren Auroren«, stellte Pherkard verächtlich fest. Er drückte den Koffer, kaum waren sie außer Sichtweite, Sirius in die Hand, während dieser sich fragte, wie sie wohl nach Hause kommen wollten. »Die sollten lieber nicht mitkriegen, dass wir einen unregistrierten Portschlüssel benutzen«, antwortete Pherkard auf die unausgesprochene Frage, womit er eine alte Zauberertaschenuhr aus seiner Manteltasche holte.

Es begann wieder leicht zu schneien und Pherkard zog sich seine Kapuze tief über den Kopf, sodass sein Gesicht im Schatten lag. Anschließend hielt er Sirius die Taschenuhr entgegen, der sie widerwillig anfasste.

Sirius spürte, wie die Temperatur ein paar Grade stieg, während er vom Portschlüssel mitgerissen wurde, vermutlich da das Anwesen der Lestranges weiter im Süden lag. Der Schnee hörte auf und stattdessen fand sich Sirius in einem Regenschauer mitten auf einer Wiese wieder. Er ließ die Uhr los und sah sich um. Um ihn herum waren weite Felder, die im Morgengrauen stumpf und trist dalagen. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er gar nicht mitten auf einer Wiese gelandet war, sondern auf einem etwas verschlammten Weg, der sowohl rechts als auch links von ihm von Wiesen eingeschlossen war.

Sein Vater marschierte ohne ein weiteres Wort zu sagen, den Weg entlang los und Sirius folgte ihm nach ein paar Sekunden zögerlich.

Sie mussten nicht weit laufen, doch die kurze Strecke genügte, um Sirius bis auf die Knochen zu durchnässen. Seine langen Haare klatschten ihm nass ins Gesicht und obgleich es ein wenig wärmer war als im Norden, in Hogwarts, war es immer noch gehörig kalt. Sirius vermutete, dass es lediglich ein paar Grad über Null hatte.

Schweigend schritten Vater und Sohn hintereinander her, bis plötzlich eine Villa vor ihnen auftauchte, die Sirius eher an ein Spukschloss erinnerte.

Grau und düster lag sie im Tagesanbruch da, auf einer kleinen Anhöhe erbaut, und der Regen prasselte vor den erleuchteten Fenstern herunter.

Sirius bemerkte, dass er stehen geblieben war und beeilte sich, zu seinem Vater aufzuholen, der bereits an der Tür angelangt war, um nun den großen Türklopfer zu betätigen.

Sirius hörte sich nähernde Schritte und im nächsten Moment wurde die Tür geöffnet und es dauerte einen Moment, bis er die Person erkannte, die sie geöffnet hatte, da er eigentlich jemanden in Augenhöhe erwartet hatte. Es war ein Hauself, der, sobald er die Gäste erkannte, einen Schritt zurücktrat, um sie einzulassen.

»Maby wird die Herren holen gehen. Wenn Sie hier warten würden«, meinte der Hauself, ehe er sie alleine ließ.

Sirius' Blick schweifte in der gigantischen Eingangshalle umher. Sie war so pompös, wie er sie in Erinnerung gehabt hatte, obwohl er angenommen hatte, dass sie ihm nur als kleines Kind so groß vorgekommen sein mochte. Wenn es jemanden gab, der noch reicher war als die Blacks, dann waren es zweifelsohne die Lestranges.

Die Fackeln an den Wänden erhellten die weißen Wände, welche mit seltsamen, grünen Schriftzeichen geziert waren.

»Alte Beschwörungsformeln unserer Urahnen«, ertönte eine Stimme direkt hinter ihm. Sirius fuhr herum und erkannte Mrs Lestrange, deren Blick einen Moment auf den Schriftzeichen an den Wänden hängen blieb. Sirius wandte sich schnell demonstrativ gleichgültig ab, es sollte schließlich niemand denken, er wäre freiwillig hier oder würde sich in irgendeiner Weise gar für das Anwesen der Lestranges interessieren.

Mrs Lestrange war eine Hexe mittleren Alters, die allem Anschein nach viel auf ihr Äußeres gab. Ihre rötlich schimmernden Haare hatte sie elegant hochgesteckt, sie war mit allen Arten von Schmuck behängt und eine Wolke von Parfum umgab sie, die Sirius übel werden ließ.

»Hallo Pherkard«, begrüßte sie nun, da sie sah, dass Sirius sich nicht mit ihr unterhalten wollte, seinen Vater. »Wie schön, dass ihr kommen konntet. Capella hat mir eben geeult. Sie meinte, sie warte das Unwetter noch ab, ehe sie herappariert. Apparieren bei Unwetter ist aber auch wirklich gefährlich… Ach du meine Güte, Maby!«, rief sie dann.

Sofort kam der Hauself aus einer nahe gelegenen Tür herbeigeeilt.

»Du hast unseren Gästen die Mäntel nicht abgenommen!« Damit holte sie aus und schlug den Hauselfen, sodass dieser gegen die nächste Wand flog, ehe sie ein Tuch aus ihrer Umhangtasche holte, um sich damit die Hand abzuwischen.

Erst jetzt bemerkte Sirius, dass sich unter ihm eine Pfütze gebildet hatte.

»Nur keine Umstände«, meinte Pherkard, ehe er seinen Zauberstab zunächst auf sich, dann auf Sirius richtete und jeweils einen Trockenzauber sprach.

Ein weiterer Hauself kam nun wie auf Kommando hereingewuselt, um Pherkard seinen Mantel abzunehmen, während Maby sich wieder aufrappelte und sich um Sirius' Koffer kümmerte, um ihn mit sich wegzuziehen.

Sirius starrte ihm einen Moment lang nach und war sich unsicher, ob er ihm vielleicht folgen sollte, doch Mrs Lestrange hob erneut an: »Na, dann, gehen wir doch in das Esszimmer. Ihr seid die ersten.«

Kein Wunder, wer sonst kommt schon um sieben Uhr morgens an! Laut sagte Sirius allerdings: »Ich hab schon gefrühstückt. Ich geh auf mein Zimmer auspacken.«

»Die Treppe hoch und das dritte Zimmer links«, erklärte Mrs Lestranges, die Sirius' kühlen Ton wahrscheinlich absichtlich überhörte.

»Und lass in den Schränken noch Platz, du teilst dir dein Zimmer mit Regulus«, fügte Pherkard dazu.

»Was?!«, fuhr Sirius herum, der schon einen Fuß auf der Treppe gehabt hatte. »Hier wird es ja wohl genügend Zimmer für jeden geben!«

»Regulus ist dein Bruder, also wirst du dich um ihn kümmern, solange wir hier sind.« Damit folgte Pherkard Mrs Lestrange und verschwand aus Sirius' Sichtfeld. Seufzend wandte er sich wieder der Treppe zu. Jetzt durfte er auch noch Babysitter für seinen Bruder spielen!

Sein Zimmer lag auf der Nordseite und obgleich ein großes Fenster Ausblick auf die umliegenden Felder bot, war es recht düster darin. Es war noch zu früh, als dass die Sonne hätte Licht spenden können, doch selbst wenn sie schon aufgegangen wäre, so vermutete Sirius, wären ihre Strahlen nicht durch die dicken Wolken gedrungen. Draußen peitschte noch immer der Regen über die Landschaft und ein Blitz durchzuckte den stürmischen Morgen.

Sein Koffer stand bereits vor einem der beiden Betten. Am liebsten hätte sich Sirius in das Bett gelegt, um wieder einzuschlafen, doch stattdessen beschloss er, seine Sachen auszupacken.

Sirius öffnete also den Koffer und entdeckte zu seinem Verblüffen James' Tarnumhang, der ordentlich gefaltet oben drauf lag. Er dachte schon, dieser wäre in der Eile am Morgen versehentlich mit in seinen Koffer geraten, als er eine kleine Notiz entdeckte: ›Den kannst du wahrscheinlich dieses Wochenende besser gebrauchen als ich.‹ Sirius lächelte leicht. James hatte ihm den Umhang also absichtlich beim Packen in den Koffer getan. Noch wusste er jedoch nicht, wie Recht James mit seinen Worten haben würde…


Am späten Nachmittag ließ der Regen ein wenig nach und Capella traf mit Regulus ein. Letzterer stellte nur schnell seinen Koffer in Sirius' Zimmer ab, ohne seinen Bruder eines Blickes zu würdigen, um sich dann von Rabastan das Haus zeigen zu lassen.

Auch die Malfoys ließen nicht mehr lange auf sich warten, ebenso wie Onkel Alphard, Tante Desdemona mit Mann und zwei der drei blackschen Töchter, Narzissa und Bellatrix, sodass bald volles Haus herrschte.

Die Hauselfen hatten ein regelrechtes Bankett im Speisesaal aufgebaut, stellte Sirius fest, als er von Maby geführt den Raum betrat. Der Hauself wies ihm einen Platz neben Lucius und Mrs Lestrange. Neben dieser war noch ein Platz frei, ebenso wie zwischen Onkel Alphard und Tante Desdemona und Sirius bemerkte, dass mal wieder Andromeda die einzige war, die fehlte. Abgesehen von Mr Lestrange, der eben den Saal betrat, um sich neben seiner Frau niederzulassen. Der Hausherr war groß, ernst und ganz im Gegensatz zu Mrs Lestrange eher schweigsam.

»Das Büffet ist eröffnet«, verkündete Mrs Lestrange in dem Moment, da ihr Mann sich neben ihr niederließ. Auf diese Worte hin begann ein altes Klavier, das in einer Ecke des Saales stand und Sirius bisher noch gar nicht aufgefallen war, von alleine, eine schreckliche Melodie zu spielen.

Er sah sich um, doch niemand anderem an der gedeckten Tafel schien es aufzufallen, wie verstimmt es war. Alle plapperten vergnügt miteinander und luden sich von den verschiedenen Speisen auf.

Sirius zuckte die Schultern. Solange er unbeachtet blieb, konnte er sich glücklich schätzen.

»Und, was gibt es so Neues aus dem Feindhaus?« Zu früh gefreut! Bellatrix' Augen leuchteten vor Hohn.

»Keine Ahnung. Bin lange nicht mehr in der Nähe der Slytherin-Kerker gewesen«, erwiderte Sirius keck.

»Was – du wagst es…«

»Lass dich von dem Blutsverräter nicht aufregen, Bella. Er wird schon noch bekommen, was er verdient.« Lucius' Funkeln in seinen Augen gefiel Sirius gar nicht, doch er beschloss, es unbeachtet zu lassen.

Die Erwachsenen schienen von dem kleinen Streit nichts mitbekommen zu haben, da sie zu sehr in ihre eigenen Unterhaltungen vertieft waren.

Fortan hatte Bellatrix offensichtlich beschlossen, ihren jüngeren Cousin mit Verachtung zu strafen, denn sie ließ ihn das ganze restliche Essen in Ruhe.

Von den quietschenden Tönen des Klaviers bekam Sirius bald Kopfschmerzen, doch er konnte es noch nicht wagen, die Runde zu verlassen, wenngleich das Mahl bereits beendet war.

»Wo ist eigentlich meine liebe, kleine Andromeda?«, wollte Onkel Alphard in dem Moment von Tante Desdemona wissen. Er hatte immer diese ruhige Art, die Sirius so sehr an ihm schätzte. So wie Andromeda immer ›seine liebe, kleine Andromeda‹ bleiben würde, würde auch er immer ›sein lieber, kleiner Sirius‹ bleiben, ganz gleich, was sie anstellten, und ganz gleich, wie alt sie dabei würden. Vielleicht lag es daran, dass Onkel Alphard selbst schon so alt war – aus seiner Sicht blieben sie wohl immer jung.

»Sie wollte nicht kommen, wenn dieser Terry nicht kommen darf, aber sei gewiss, dass sie noch nachkommen wird.«

»Ted«, hörte Sirius sich selbst unwillkürlich mit zusammengebissenen Zähnen verbessern.

»Was weißt du denn schon darüber?!«, fuhr Tante Desdemona ihn an.

»Anscheinend mehr als du über den Verlobten deiner eigenen Tochter!«, konnte Sirius sich nicht zurückhalten. Er war aufgefahren und glänzte seine Tante quer über den Tisch an.

Von der anderen Seite der Tafel nahm er wahr, wie Onkel Alphard ihm mäßigend andeutete, sich wieder zu setzen. Sirius kam dem nicht nach.

»Alles, was ich darüber wissen muss, ist, dass er ein Schlammblut ist!«, entgegnete Tante Desdemona ebenso hitzig.

Das Klavier im Hintergrund spielte eben die Schicksalshymne, eines der bekanntesten Stücke der Zaubererwelt.

»Sirius, setz dich!« Das war sein Vater mit seinem üblichen, befehlenden Unterton, der keinen Widerstand zuließ.

»Und wenn nicht? Was wollt ihr tun – mich wieder nach Hogwarts zurückschicken? Schön, ich wollte sowieso nicht hierher kommen!«

Er wollte schon aus dem Speisesaal stürmen, als eine ruhige, tiefe Stimme erklang: »Das hier ist mein Haus und ich dulde es von niemandem – einschließlich von dir, Desdemona –hier einen solchen Ton anzuschlagen. Das hier ist eine Familienfeier, also verhaltet euch auch so. Sirius, setzen.«

Sirius war dermaßen überrascht, da es das erste Mal war, soweit er sich überhaupt zurückerinnern konnte, dass er Mr Lestrange reden hörte, dass er sich, ohne es bewusst wahrzunehmen, wieder auf seinen Stuhl sinken ließ.

»Na bitte«, meinte Tante Desdemona schnippisch.

Die letzten Töne der Schicksalshymne verklangen und hinterließen bei Sirius nur noch mehr Kopfschmerzen. Allmählich hoben wieder normale Gespräche um den Tisch herum an, diesmal von einem sanfteren Stück begleitet.


Als er sich abends endlich zusammen mit Regulus in sein Zimmer begab, hämmerte sein Kopf regelrecht und nichts würde er lieber tun, als seinen Freunden einen Brief zu schreiben. Doch sein Bruder war im selben Raum und gerade damit beschäftigt, seinen Koffer auszupacken.

»Ich seh gar nicht ein, warum ich dich babysitten sollte, du bist ja wohl alt genug. Also nerv mich bloß nich!« Damit setzte sich Sirius an den einzigen Tisch in dem Zimmer und öffnete ein Tintenfass. Nur von Regulus würde er sich sicherlich nicht davon abhalten lassen, Briefe zu verschicken.

»Mensch, du bist ja sogar noch naiver, als ich gedacht hatte!«, schnaubte Regulus verächtlich auf, als er Sirius' Umhänge zur Seite schob, um seine eigenen in den Schrank hängen zu können. »Du glaubst im Ernst, du sollst auf mich aufpassen?!«

Sirius drehte sich verwirrt zu seinem jüngeren Bruder um. Dieser schüttelte gerade mit einem hohlen Lachen den Kopf. »Ich sag dir mal was, Bruder: Die haben uns ein Zimmer teilen lassen, damit ich ein Auge auf dich haben kann und du nicht wieder auf die Idee kommst, irgendwas anzustellen.«

Sirius traute seinen Ohren kaum. »Was?«, fragte er baff und vergaß für einen Augenblick völlig seinen Brief. Das konnte nicht sein! Seine Eltern würden nicht Regulus als Überwachung für ihn engagieren! Aber irgendwo wusste Sirius, dass seine Eltern genau das tun würden.

»Aber ich seh gar nicht ein, warum ich dich babysitten sollte. Du bist ja wohl alt genug. Also nerv mich nicht allzu sehr«, wiederholte Regulus Sirius' Worte genüsslich, womit er seinen leeren Koffer unter seinem Bett verstaute.

Das reichte Sirius. Er brauchte sich so etwas von Regulus nicht anzuhören! Da er das allerdings tun müsste, wenn er hier bleiben würde, stand er auf und verließ ohne ein weiteres Wort ihr Zimmer.

Er wusste selber nicht so genau, wo er hinwollte. Einfach nur weg von seinem Bruder, von seinen Verwandten, von den Freunden seiner Verwandten – kurz, weg von all den Freaks!

Erst, nachdem er etwa zehn Minuten ziellos durch die Villa gelaufen war, fiel ihm auf, dass er weder auf den Weg geachtet hatte, noch wusste, wo er sich gerade befand. »Man sollte annehmen, ich wäre an große Häuser gewöhnt!«, murmelte Sirius zu sich selber, ehe er sich intensiver umsah.

Der Gang, auf dem er sich befand, war fensterlos und somit recht dunkel. Lediglich ein paar Fackeln schmückten die Wände und erhellten diese gerade so weit, dass man erahnen konnte, wohin der Gang führte.

»Man muss aufpassen, dass man sich hier nicht verläuft.«

Sirius fuhr erschrocken herum. Erleichtert erkannte er Onkel Alphard.

»Mir passiert das wohl kaum mehr. Als Kind war ich so oft hier…«

»Bei den Lestranges? Was hattest du denn mit denen zu tun?!«, fragte Sirius, als sie beide ihre Schritte wieder aufnahmen.

»Nein, nein… nicht bei den Lestranges. Damals gehörte dieses Anwesen den Mantons. Kenneth Manton war einer meiner engsten Freunde in Hogwarts. Halbblut. Dann zogen sie eines Tages überstürzt weg. Versetzung des Vaters oder irgend so etwas. Ich habe nie mehr etwas von ihm oder seiner Familie gehört.«

»Traurige Geschichte«, meinte Sirius. »Und warum erzählst du mir die?«

»So können Freundschaften manchmal zerstört werden, bevor sie überhaupt erst so richtig angefangen haben.«

»Aha.« Sirius überlegte kurz, was Onkel Alphard ihm damit sagen wollte, kam jedoch nicht darauf. »Um mit Mums Worten zu sprechen: Halt dich fern von diesen Gryffindors?«, grinste er schließlich und war sich gleich bewusst, dass der alte Mann so etwas nie sagen würde.

Onkel Alphard grinste. »Nein«, schüttelte er dann den Kopf. »Im Gegenteil. Freundschaft ist es wert, darum zu kämpfen, Junge.«

Mittlerweile waren sie am Ende des Ganges angelangt und standen vor einer großen hölzernen Tür.

»Aber überlege dir dabei, in wie weit du dich gegen deine Familie stellst. Den Rebell zu spielen mag in manchen Situationen angebracht sein. In anderen aber wiederum nicht.«

Sirius war klar, dass er auf seinen Ausraster beim Abendessen anspielte.

Doch ehe er noch etwas sagen konnte, stemmte sich Onkel Alphard gegen die Tür, welche sich knarrend öffnete.

Zum Vorschein kam ein Raum, dessen ganze Ausmaße Sirius mit einem Blick gar nicht erfassen konnte, voll gestopft von oben bis unten mit Büchern aller Art und Größen.

»Wow!«, stieß Sirius hervor, wenngleich er sich eigentlich nicht so sehr für Bücher interessierte. Remus wäre sicherlich begeistert… »Die ist ja größer als die Bibliothek in Hogwarts!«

»Ja. Und voll gestopft mit den schwarzmagischsten Büchern, die es in der Zaubererwelt gibt. Du findest hier kein einziges weißmagisches Buch.«

Sirius pfiff anerkennend durch die Zähne. »Tolle Sammlung!«

»Aber du hältst dich davon lieber fern.« Onkel Alphard sah ihn von der Seite her an. »Gehen wir weiter.«

»Wohin?«, wollte Sirius irritiert wissen.

»Na, auf unserer Hausführung. Sag bloß nicht, du hast den ganzen Weg hierher nicht aufgepasst, wo wir vorbeigekommen sind?!«

Sirius musste unwillkürlich grinsen. »Du hast nie gesagt, dass das hier eine ›Hausführung‹ sein sollte!«

Mit Onkel Alphard war es leicht, sich den Weg zu den verschiedenen Badesälen, zur Küche und zu den Gästezimmern der anderen Besucher zu merken. Wie er dann aber plötzlich wieder vor Regulus' und seinem Zimmer angekommen war, war ihm schleierhaft.

Sein Bruder schlief bereits, als er sich von Onkel Alphard verabschiedete und das Zimmer betrat und dennoch war er zu müde, um sich noch an einen Brief zu setzen. Stattdessen ließ er sich auf seinem Bett niedersinken und sein letzter Gedanke, bevor er einschlief, war, dass er immerhin den ersten Tag ohne größere Schäden überstanden hatte.

tbc...

Frohe Weihnachten wünscht eure Paddy!