Kapitel 20 - Eine neue Aufgabe
Von Krolock hatte sich schneller auf seine gute Erziehung besonnen, als Sarah lieb gewesen war. Natürlich, der Graf hätte seinem Sternkind nur zu gerne gezeigt, welches Verlangen sie in ihm auslöste und dass er sie mit Haut und Haar liebte. Aber dies war noch nicht der richtige Zeitpunkt dafür, so entschied es zumindest seine Vernunft.
So hatten sich die beiden in das Kaminzimmer zurück gezogen und sich von Koukol eine Kleinigkeit zu essen bringen lassen, wobei der Vampir peinlichst genau darauf geachtet hatte, dass sein Diener ihn nicht in seiner menschlichen Form sehen konnte. Er kannte den treuen Buckeligen gut genug, um zu wissen, dass dieser sofort in Panik ausgebrochen wäre.
"Wie lange wird es wohl noch andauern?", durchbrach Sarah schließlich die Stille und blickte ihren Gegenüber an.
"Was meinst du? Meine… Verwandlung?"
"Ja. Ich meine… vielleicht bleibt es ja diesmal. Dauerhaft."
"Aber was sollte der Grund dafür sein? Ich habe nichts getan, das eine solche Verwandlung hätte auslösen können."
"Möglicherweise gibt es so was wie eine zeitliche Begrenzung für das Vampir-Dasein?"
Von Krolock schüttelte den Kopf.
"Nein. Und wenn doch, würden sich sämtliche Vampire und Vampirforscher hocherfreut zeigen. Die meisten meiner Artgenossen lernen mit der Zeit, ihr Schicksal zu hassen, nur wenige resignieren und finden sich damit ab. Für uns gibt es keine Erlösung, Sarah."
"Nach dem, was du erzählt hast, musst du der erste und damit auch älteste Vampir sein, den es gibt. Vielleicht... vielleicht weißt du ja gar nicht, was mit sehr alten Vampiren geschieht."
"Ich weiß deine Hoffnungen zu schätzen, Sternkind, aber ein Pakt mit dem Teufel - und dieses beinhaltet mein Dasein als Vampir nun mal - endet nicht. Und warum sollte er auch, immerhin bin ich als sein Lakai dem Satan nützlich. Ich bringe ihm neue Seelen. Jeder, der durch einen Vampirbiss stirbt, kann nicht auf Gottes Gnaden und einen Platz im Himmel hoffen. Er gehört fortan dem Teufel. Und die, die selbst zu Vampiren werden, geben ihre Seele ohnehin automatisch an den Herrn der Finsternis. Es gibt keinen Ausweg und erst recht keine Erlösung, Sarah. Nie wird Satan denen, die ihm gehören, die Freiheit schenken. Niemals."
Langsam ging die junge Frau zu dem Grafen und legte zögerlich die Arme um seinen Körper. Von Krolock erwiderte die Geste sofort und nahm Sarah die Unsicherheit, indem er sie ebenfalls in die Arme schloss und ihr Haar küsste.
"Das tut mir sehr Leid", flüsterte die Wirtstochter und zwinkerte mühevoll ein paar Tränen weg, die vehement versuchten, nach draußen zu gelangen.
"Das braucht es nicht. Ich habe mich an mein Dasein gewöhnt. Mich damit abgefunden. Es ist nun einmal so. Ich war dumm und naiv und es ist meine eigene Schuld, dass ich dieses Schicksal tragen muss."
Die Rothaarige stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte von Krolock einen Kuss auf die Lippen.
"Trotzdem bin ich stolz auf dich. Einfach so", erklärte sie und legte ihren Kopf dann wieder an seine Brust. "Sehr stolz."
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Mit etwas Mühe und Herberts Hilfe hatte es Alfred die Wendeltreppe hinauf geschafft; als er allerdings oben ankam, machte sich so etwas wie Enttäuschung in ihm breit, denn der Raum am oberen Ende der Treppe sah nicht viel anders aus als der am Fuße dieser.
"Und... nun?", fragte er den Grafensohn irritiert, während seine Augen versuchten, sich an das nun schwache Licht anzupassen.
"Warte es ab, Chèrie. Du wirst begeistert sein!", prophezeite Herbert und griff in eine Vertiefung in der Wand vor ihm. Als er leicht daran zog, bewegte sich diese beiseite, so als läge sie auf Rollen.
Was zum Vorschein kam, raubte Alfred beinahe den Atem.
Hinter der Wand lag ein Turmzimmer, das in jeder Hinsicht ein kleines Paradies zu sein schien. Nicht nur, dass der gesamte Raum inklusive eines kleinen Erkers mit Decken, Kissen und dergleichen ausgelegt war. Die Fenster, die den Erker säumten, boten einen unglaublichen Ausblick. Das sah der Student sogar von seiner Position am Eingang, obwohl er noch ein ganzes Stück von dieser Ausbauchung des Raumes entfernt war.
Eine Hand, die beinahe schüchtern nach seiner griff, riss den Jüngling aus seinen Gedanken.
"Komm", sprach der Weißhaarige nur und zog den geliebten Jungen mit sich. Gemeinsam mit ihm ließ er sich dann auf den Kissen im Erker nieder, wobei er schmunzeln musste, als Alfred sich etwas unbeholfen beim Hinsetzen ob seiner Fußverletzung anstellte.
Jetzt beobachtete er den blonden Lockenkopf aus wachen Augen und nahm erfreut zur Kenntnis, dass keine Angst oder Panik in Alfred Blick lag, sondern nur Neugier und ein Hauch von Faszination. Eine ganze Weile blickte der Jüngere sich um, inspizierte alles genauestens, bevor sein Blick über Herbert schweifte und er sich wieder bewusst wurde, wo er sich befand. Und vor allem mit wem.
"Das hier, Chèrie, ist meine ganz persönliche, geheime Zufluchtsstätte. Niemand außer mir - und jetzt dir - kennt das Turmzimmer. Ich habe es vor einer ganzen Weile mal entdeckt und wenn ich meine Ruhe haben möchte, komme ich hierher", erklärte der Grafensohn mit leiser Stimme und sein Gegenüber nickte.
Plötzlich entdeckte Herbert einen kleinen Lichtstrahl, der sich den Weg quer durch das Zimmer bahnte und an der gegenüber liegenden Wand endete.
"Es ist schon spät, mein Schatz. Wir sollten schlafen. Schau, die Sonne fällt bereits ins Zimmer. Wenn du möchtest, kannst du dir den Sonnenaufgang anschauen. Aber schließe dann bitte die Vorhänge", meinte er weiter und deutete auf die schweren, dicken Stoffbahnen, die rechts und links an den vorderen Ecken des Erkers hingen.
Alfred schüttelte nur den Kopf, zog die Vorhänge sofort zu und stand dann unschlüssig in dem nur schwach von ein paar Kerzen beleuchteten Raum - bis Herbert neben sich auf das Meer aus Kissen und Decken deutete. Und tatsächlich, der Student ließ sich zaghaft neben dem Vampir nieder, ließ sich von diesem sogar, wenn auch etwas widerwillig, in eine liegende Position drücken und zudecken.
Und kaum dass sich der Grafensohn neben seinen Liebsten gekuschelt hatte, waren beide auch schon eingeschlafen.
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Karola gähnte herzhaft, streckte sich in ihrem weichen, warmen Bett ausgiebig und öffnete schließlich ein Auge einen Spalt weit. Im Gegensatz zu den anderen Schlossbewohnern hatte sie die Nacht zum Schlafen genutzt und kroch nun, noch etwas verschlafen, aber von den Sonnenstrahlen motivierend gekitzelt, aus den Federn.
Der Tag versprach sehr schön zu werden, das verriet ihr ein Blick aus dem Fenster. Denn nicht nur die Sonne lachte fröhlich, die Schneelandschaft draußen war außerdem ein wunderschöner Anblick - einer, den sie das erste Mal, seit sie bei Nikolajew hatte anfangen müssen zu arbeiten, wieder genießen konnte.
Und genau das würde sie tun.
Rasch zog sie sich an und stürmte dann nach draußen, durch die Gänge, vorbei an allerlei bekannten und unbekannten Räumen, durch die Empfangshalle und durch die schweren Eingangtüren hinaus in das weiße Märchenland.
Ihre Augen glitzerten mit dem Schnee um die Wette. Sie fühlte sich frei. Endlich wieder frei.
Mit einem Freudenschrei rannte sie los, einmal das Schloss zu umrunden; allerdings kam sie zum Stehen, als sie hinter dem Bauwerk Koukol entdeckte. Sie beobachtete ihn kurz und lief dann, ihm einen Guten-Morgen-Gruß zurufend, zu ihm. Der buckelige Diener blickte auf, nickte und gab ein paar Laute von sich, die Karola für ich als Erwiderung ihres Grußes verstand.
Erst jetzt sah sie sich um, wo sie eigentlich gelandet war und stellte fest, dass dies der Schlossgarten sein musste, in dem sie sich befand. Jedoch wirkte der Garten, anders als das Schloss, gar nicht ansehenswert und beeindruckend. Er war verwildert, verkommen, voll mit toten Bäumen und Sträuchern. Es war ein wahrlich trauriger Anblick.
"Sag, Koukol, ist denn hier niemand für die Instandhaltung des Gartens verantwortlich?", erkundigte sich das junge Mädchen bei ihrem Gegenüber, der das Gelände scheinbar nur zum Zwecke der Inspektion durchquert hatte.
"Gaaaa'n ni gpfee't, shooon laaan", erhielt sie als Antwort.
"Der Garten wird gar nicht gepflegt? Schon sehr lange nicht mehr?", hakte sie noch einmal nach, um sicher zu gehen, dass sie Koukol richtig verstanden hatte. Der nickte zustimmend.
"Mhh..." Nachdenklich sah sich das Mädchen um, schwieg für einen Moment und überlegte angestrengt. "Wie wäre es, wenn wir hier ein wenig Ordnung reinbringen? Der Garten könnte wirklich mal eine Generalüberholung gebrauchen. Wollen wir das nicht mal in Angriff nehmen und seiner Exzellenz damit eine Freude bereiten?", fuhr sie dann fort und schaute den Buckeligen erwartungsvoll an.
Der schien seinerseits ebenfalls alles gedanklich durchzugehen, stimmte aber letztlich zu. Dem treuen Diener war nicht entgangen, dass sich sein Herr in den letzten Tagen etwas verändert hatte, es ihm nicht allzu gut ging. Es wäre also eine gute Idee, ihm eine Freude zu bereiten.
Und Karola freute sich, endlich eine Aufgabe zu haben, sich nützlich machen zu können, schon allein als Dank dafür, dass der Graf es gestattete, dass sie im Schloss blieb.
