21. Kapitel

Pemberley, Derbyshire – Der Tag nach dem Ball und ein Abschied

Frühstück auf Pemberley war am nächsten Morgen eine späte, aber auch recht fröhliche Sache. William hatte den Vormittagsunterricht großzügig ausfallen lassen und so traf man sich erst am späteren Morgen im Speisesalon. Georgiana war natürlich besonders erpicht darauf, alles über die gestrige Nacht zu erfahren. Wie oft hatte ihr Bruder mit Elizabeth getanzt? Wie oft mit den anderen Ladies? Wie hatte ihre neue Freundin die Aufgabe, Gastgeberin an Williams Seite zu sein, gemeistert? Fragen über Fragen, auf die sie unbedingt klare Antworten haben wollte.

William schaute sie stirnrunzelnd an. Sehr krank sah sie wahrhaftig nicht aus, ein bißchen müde vielleicht, aber sicher nicht kränklich. Im Gegenteil, ihre Wangen waren gerötet, ihre Augen strahlten. Hätte William auch nur die leiseste Ahnung davon gehabt, woher die Müdigkeit seiner Schwester in Wahrheit rührte, er wäre aus dem erstaunten und mißbilligenden Kopfschütteln nicht mehr herausgekommen. Daß sein Schwager ebenfalls keinen allzu wachen Eindruck machte, schob er darauf, daß dieser wahrscheinlich die halbe Nacht über seine Frau gepflegt hatte. Fenwick hätte über die Gedanken von William sicherlich geschmunzelt – oh ja, und wie er seine Frau gepflegt hatte vergangene Nacht!

Elizabeth, selbst frisch und munter wie ein blühendender Sommertag, kam Georgianas Bitte nach weiteren Informationen nur zu gerne nach. Sie quoll regelrecht über und berichtete ihrer Freundin sämtliche Details über die anwesenden Gäste, deren Kleidung und deren Gespräche. Auch Charles Bingley steuerte einiges dazu bei und bald entwickelte sich eine lustige Gesprächsrunde, an der nur eine sauertöpfische Caroline sowie die immer so mädchenhaft-schüchtern wirkende Contessa nicht teilnahmen. Elizabeth, so mit essen und plaudern und lachen beschäftigt, merkte die Blicke nicht, die ihr sowohl William als auch Thornton zuwarfen. William war wie immer fasziniert von der Fröhlichkeit seines Kindermädchens, Thornton ebenfalls, doch seine Faszination ging noch viel weiter und verwandelte sich in Nachdenklichkeit. Als das Frühstück vorbei war, hatte er einen Entschluß gefaßt.

Als Mrs. Reynolds, auf der Suche nach ihrem Herrn, das Speisezimmer betrat, löste sich die fröhliche Runde schließlich auf und jeder ging entweder seinen Verpflichtungen oder seinen Vergnügungen nach. Elizabeth war entschlossen, die unverhoffte Freizeit zu nutzen und einen kleinen Spaziergang im Park zu machen. Es war ein kalter, aber sonniger Tag und wer wußte zu sagen, ob nicht schon bald wieder Schnee fallen würde. William hatte ihr von den grimmigen, schneereichen und langen Wintern erzählt, die Derbyshire jedes Jahr heimsuchten und sie war hin- und hergerissen zwischen Faszination und ein bißchen Furcht. Er hatte aber auch von Fahrten mit dem Pferdeschlitten erzählt und vom Eislaufen auf den dick zugefrorenen Gewässern. Sie fand, daß diese Art von Winter durchaus etwas für sich hatte und stellte es sich ebenfalls recht gemütlich vor, bei heißer Schokolade und frischgebackenen Keksen am warmen Kamin zu sitzen, ein interessantes Buch zur Hand, während draußen die Welt im Schnee versank. Andererseits fürchtete sie die langen, dunklen, kalten Winternächte, die trübe Aussicht, monatelang ans Haus gefesselt zu sein bis sich die ersten Sonnenstrahlen im Frühling zögernd wieder hervorwagten.

In diese Richtung gingen ihre Gedanken und während sie nach ihren Handschuhen griff und sich von einem Hausmädchen in den Mantel helfen ließ, kam Mr. Thornton auf sie zu.

„Miss Bennet?"

Elizabeth schaute auf und lächelte. „Mr. Thornton! Möchten sie etwa auch eine Runde spazierengehen, Sir?" fragte sie unbefangen, aber nicht richtig ernsthaft. Umso mehr erstaunte sie seine Antwort. „Sehr gerne, wenn sie gestatten?" Elizabeth hatte natürlich nichts dagegen, sie wunderte sich nur ein wenig über seine so ernste Miene. Thornton lächelte leicht, als hätte er ihre Gedanken gelesen, ließ sich seinen Mantel geben, der Bedienstete am Hauptportal öffnete ihnen die Tür und das Paar machte sich auf den Weg zu einem erfrischenden Spaziergang im Park.

Die ersten Minuten legten sie schweigend zurück. Elizabeth sog die frische Luft in tiefen Zügen ein und genoß die Kälte, nachdem sie den ganzen gestrigen Tag und vor allem Abend praktisch im Haus verbracht hatte. Thornton lenkte ihre Schritte zu dem kleinen Teich, der Elizabeth im Sommer beinahe zum Verhängnis geworden wäre und stellte wieder einmal fest, wie wohl er sich in ihrer Gegenwart fühlte. Ihre Hand lag leicht in seiner Armbeuge, ihre Nähe tat ihm gut. Thornton holte tief Luft. Der Zeitpunkt war gekommen.

William stand am Fenster seines Arbeitszimmers und runzelte die Stirn, als er die beiden aus dem Haus treten und in Richtung Teich hatte gehen sehen. Der so eilige und wichtige Brief seines Londoner Anwalts, den er in der Hand hielt und der heute morgen in aller Herrgottsfrühe mit einem Sonderkurier eingetroffen war, war vergessen. Er seufzte. Es wurde langsam Zeit, daß er seinen Seelenfrieden wiederfand. Er mußte zu einer Lösung kommen, was die beiden Damen betraf, die sein einsames Herz so in Aufruhr versetzten.

Bevor Alicia wieder in sein Leben getreten war, hatte er sich langsam mit dem Gedanken angefreundet, den Rest seines Daseins mit Elizabeth Bennet zu verbringen. Er konnte sich durchaus vorstellen, ihr einen Heiratsantrag zu machen und die Chancen, daß sie glücklich miteinander werden würden, standen seiner Meinung nach recht gut. Allerdings konnte er ihre Gefühle ihm gegenüber nicht so gut einschätzen, aber er hatte nicht den geringsten Zweifel daran, daß Elizabeth sein Angebot nicht würde ablehnen können.

Das John Thornton ihm jetzt möglicherweise in die Quere kam, grämte William, nur wußte er nicht, ob es sich bei diesem Gefühl bloß um gekränkte Eitelkeit handelte. Die wenig schmeichelhafte Tatsache, daß Elizabeth ihm vielleicht einen anderen vorzog. Möglich wäre es, gestand er sich ein.

Andererseits gab es jetzt auch noch Alicia, die Frau, die er vor über acht Jahren schon hatte heiraten wollen. Sie war immer noch lieb und süß und forderte seine Ritterlichkeit zu jeder Zeit heraus. Alicia war eine Frau, so glaubte er zumindest, die einen starken Mann an ihrer Seite brauchte. Mehr ein süßes, schwaches Weibchen, das er beschützen konnte und das ihm ein behagliches Heim bereitete. William seufzte noch einmal tief. Die beiden Frauen hätten unterschiedlicher nicht sein können! Wie Feuer und Wasser. Warum konnte es nicht eine Frau für ihn geben, und diese eine Mischung aus beiden? Elizabeths offene, erfrischende Herzlichkeit gepaart mit Alicias Häuslichkeit und naiver Anschmiegsamkeit…

William ahnte noch nicht, daß seine Überlegungen fruchtlos waren. Die Entscheidung, welcher dieser Damen er den Vorzug geben sollte, war bereits für ihn gefällt worden und er wußte es in dem Moment, in dem John Thornton nur wenig später an seine Tür klopfte und um eine Unterredung bat.

Obwohl William schon seit einiger Zeit zwar insgeheim damit gerechnet, aber es immer erfolgreich verdrängt hatte, traf ihn Thorntons Enthüllung wie ein Schlag in den Magen. Schweigend, fast ungläubig starrte er seinen alten Freund an. „Und sie hat zugestimmt," sagte er tonlos.

Thornton nickte.

„Du nimmst sie in den nächsten Tagen mit nach Cornwall." Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

„Nein, Darcy. Sie wird zuerst ihre Schwester besuchen und Weihnachten dort verbringen, wie es abgemacht war. Im neuen Jahr hole ich sie dort wieder ab, wir reisen nach Longbourn und dann nach Cornwall. Da meine Mutter ja ebenfalls auf Milton Manor lebt, kann Elizabeth bereits vor der Hochzeit dort wohnen, ohne daß es unschicklich ist."

William nickte bloß schweigend. Elizabeth. Mit Thornton nach Cornwall. Als dessen Ehefrau. Warum schockierte ihn das jetzt so sehr? Er hätte es sich doch denken können, nicht wahr? Selbstverständlich würde er ihr keine Steine in den Weg legen und ihr Arbeitsverhältnis ihrem Wunsch gemäß auflösen. Und trotzdem war er schockiert. Zu wissen, es könnte passieren und dann die getroffene Entscheidung schließlich in all ihrer Endgültigkeit zu erleben, waren definitiv zwei Paar Schuhe. Die Kinder werden sie vermissen, dachte William unkonzentriert. Und ich auch. Und will nicht einmal mir selbst eingestehen, wie sehr.

Elizabeths Gedanken zu diesem Zeitpunkt waren verständlicherweise in allergrößter Aufruhr. Sie wußte überhaupt nicht, was sie überhaupt denken sollte, so viel ging ihr gleichzeitig durch den Kopf. Sie würde in wenigen Monaten heiraten, sie würde Jane besuchen, sie würde nach Cornwall ziehen, sie würden Pemberley verlassen, sie müßte sich von den Kindern trennen – und von deren Vater. Völlig unfähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, lief sie planlos durch die große Eingangshalle und stieß dort kurze Zeit später mit Georgiana zusammen, die sie neugierig anschaute.

„Elizabeth, Liebes, was ist denn los? Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen!"

Elizabeth bemühte sich um ein Lächeln, aber sie war einfach noch viel zu aufgeregt und völlig durcheinander. „Oh Georgiana, ich weiß nicht, was ich denken soll! Ich kann es nicht glauben, ich bin tatsächlich verlobt!", platzte es auch schon aus ihr heraus.

Georgiana sah sie einen Augenblick stumm an, dann strahlte sie. „Nein! Hat er sich doch endlich getraut, ich kann es nicht glauben! Oh Elizabeth, ich freu mich so für dich!"

Sie nahm die Freundin in den Arm und drückte sie herzlich. Elizabeth lachte und weinte gleichzeitig und freute sich über Georgianas Mitgefühl.

„Ich kann es noch gar nicht glauben, Georgiana. Trotzdem werde ich in ein paar Tagen mit Charles nach Lincolnshire fahren, um meine Schwester zu besuchen, und anschließend tatsächlich ein neues Leben beginnen. Liebe Güte, wer hätte das gedacht! Wer hätte gedacht, daß ich ausgerechnet hier auf Pemberley einen Ehemann finden würde! Abgeschieden, wie es hier nun mal ist!"

„Nun ja, wenn es der richtige ist, genügt auch einer, nicht wahr? Ich bin allerdings doch ein wenig überrascht, daß er dir jetzt so kurzentschlossen einen Antrag gemacht hat."

„Ich auch, ehrlich gesagt. Wir haben die letzten Tage viel miteinander gesprochen und uns sehr gut verstanden, aber damit hätte ich in meinem ganzen Leben nicht gerechnet! Allerdings war die Spannung zwischen uns gestern auf dem Ball schon sehr viel größer als sonst – und heute hat er sich dann tatsächlich ein Herz gefaßt." Elizabeth lächelte verträumt und Georgiana betrachtete ihre Freundin amüsiert. Wie niedlich, so eine junge Liebe, dachte sie gerührt. Und wie wundervoll für ihren Bruder! Pemberley bekam endlich wieder eine Herrin und die Kinder eine liebevolle Mutter.

Aber Elizabeths nächste Worte holten sie mit einem schmerzhaften Schlag wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

„Aber es tut mir so leid, Pemberley zu verlassen", sagte sie traurig. „Ich werde Alex und Hannah schmerzlich vermissen... und natürlich auch Mr. Darcy." Sie seufzte und bemerkte nicht, daß sich Georgianas Blick von Ungläubigkeit zu Entsetzen wandelte. „Vielleicht ist es mir ja erlaubt, Pemberley ab und zu zu besuchen, was meinst du? Oder Mr. Darcy bringt die Kinder nach Cornwall ans Meer? Die Küste muß traumhaft schön sein und..."

Georgiana hörte ihrer Freundin nicht mehr zu. John Thornton hatte ihr einen Antrag gemacht, und nicht ihr Bruder! Und Elizabeth hatte angenommen. Sie konnte es nicht fassen. Georgiana unterdrückte den Drang, sofort ihren Bruder aufzusuchen und ihm ordentlich den Kopf zu waschen, aber sie wußte, es hatte sowieso keinen Sinn mehr. Elizabeth hatte den Antrag angenommen und würde John Thornton heiraten. Sie war für William endgültig verloren.

Elizabeth kam in der kurzen Zeit zwischen Annahme des Antrags und ihrer Abreise einfach nicht zur Ruhe. Es war alles so aufregend und vor allem, es war so überraschend gekommen. Eben noch Kindermädchen auf Pemberley, im nächsten Moment bereits die zukünftige Ehefrau eines wohlhabenden Gentleman – das mußte erst einmal verdaut werden. Elizabeth brauchte einige Zeit, um ihre Gedanken zu ordnen, aber schließlich kam sie doch zur Ruhe und konnte der Zukunft mutig und optimistisch ins Auge blicken – sie freute sich auf ihr neues Leben als Ehefrau. Als Ehefrau an der Seite von Mr. John Thornton.

Mr. Thornton. John. Wenn sie alleine waren, durfte sie ihn John nennen. Oh ja, sein Antrag war überraschend gekommen für Elizabeth, sehr überraschend. Niemals hätte sie gedacht, daß ein wohlhabender, anspruchsvoller Mann wie Mr. Thornton sich für sie, die Gouvernante, würde interessieren können. Natürlich, sie hatten nette Gespräche geführt und sich von Beginn an gut verstanden, aber war das eine Basis für eine Ehe? Sie brachte kein Vermögen mit in die Verbindung, was ihn nach eigenen Angaben nicht störte. Ihre Familie war zwar nicht arm, aber gesellschaftlich eher unbedeutend, was also reizte einen Mann wie ihn, sie zur Frau zu nehmen?

Nein, er hatte nicht von Liebe gesprochen. Von großer Zuneigung, ja, davon, was er sich von ihrer Zukunft erhoffte. Daß er sich darauf freute, sein weiteres Leben mit ihr zu teilen, eine Familie zu gründen, sie an seiner Seite zu haben. Elizabeth selbst war sich ihrer Gefühle etwas unsicher. Sie wußte, es gab einen großen Schatten über ihrer Beziehung, und das war Thorntons erste Frau. Margaret. Die große Liebe seines Lebens. Auch die einzige? Niemals würde er sie vergessen, was Elizabeth auch gar nicht wollte. Es gab keinen Grund, einen geliebten Menschen zu vergessen, wie sie fand. Nein, das war schon in Ordnung. Aber würde sie, Elizabeth Bennet, ihm diese Frau ersetzen können? Würde er sie nicht bei allem, was sie tat, mit ihr vergleichen?

Elizabeth war fest entschlossen, Mr. Thornton eine gute, hingebungsvolle Ehefrau zu sein, seine Kinder auf die Welt zu bringen und lernen, ihn aufrichtig und vorbehaltlos zu lieben. Sie war noch niemals richtig verliebt gewesen, in diesen Dingen gänzlich unerfahren, woher sollte sie wissen, wie sich das anfühlte? Oh ja, ihr Herz klopfte aufgeregt, wenn sie ihn sah, in seine tiefdunklen, blauen Augen schaute. Sie fühlte sich körperlich zu ihm hingezogen, fand ihn sehr attraktiv, gepflegt, in keinster Weise abstoßend. Sein Lächeln, das er leider nur selten zeigte, ließ ihr Herz schmelzen wie Butter in der Sonne. Sie war gern mit ihm zusammen. War das schon so etwas wie Liebe? Sie hatte immer gedacht, wenn sie sich einmal richtig verliebte, würde sie das mit allen Fasern ihres Körpers spüren. Sie sollte in hellen Flammen stehen, so stellte sie sich das vor, an nichts anderes mehr denken als an ihn, überwältigt sein von ihren Gefühlen.

Elizabeth Bennet war verunsichert wie noch niemals zuvor in ihrem Leben. Wahrscheinlich kam dieses „brennende Gefühl" schon noch mit der Zeit, sagte sie sich und zwang sich zur Geduld. Sie würde noch herausfinden, ob John Thornton die Liebe ihres Lebens war. Die Voraussetzungen dafür waren jedenfalls sehr gut, in der Tat.

William Darcy dagegen hatte sich nur schwer damit abgefunden, sein Kindermädchen (und möglicherweise die Frau, die er würde lieben können), zu verlieren. Aber er konnte weder seinem Freund noch Elizabeth böse sein oder ihnen Vorwürfe machen. Schließlich hatte er selbst lange genug Zeit gehabt, sich über seine Gefühle klar zu werden und somit traf Thornton keine Schuld, wenn er ihm zuvor kam, zumindest redete er sich das ein. Ja, er würde Elizabeth vermissen und ihr sicher hinterhertrauern. Aber seine größte Sorge hatte seinen Kindern und seinem Anwesen zu gelten und da war ja auch noch die ungeklärte Geschichte mit Alicia. Würde sie ihm ein Trost sein? Würde er sie wieder so lieben können wie damals, vor acht Jahren? Würde er sie zur Herrin von Pemberley machen? Würde Elizabeths Abschied ihn wirklich so stark treffen? Fragen, die er nicht beantworten konnte oder wollte. Das Kindermädchen hatte ihr Glück gefunden, na und? Sie würde glücklich werden und er gönnte ihr dieses Glück, gemeinsam mit seinem Freund. William lachte über sich selbst, aber es war ein bitteres Lachen. Elizabeth war für ihn verloren, sie gehörte nun einem anderen. Niemals hätte er es sich eingestanden, aber er würde sie schmerzlichst vermissen.

Auch Hannah und Alexander waren schockiert, daß sie ihre Gouvernante so plötzlich und überraschend verlieren sollten. Die Nachricht löste erst Unglauben, dann heiße Tränen aus. Beide Kinder taten ihr bestes, Elizabeth davon zu überzeugen, daß ihr Platz auf Pemberley war und sie sie bitte nicht im Stich lassen sollte. Elizabeth war gerührt, und es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätte alles wieder rückgängig gemacht. William sprach schließlich ein Machtwort, so schwer es ihm auch fiel. Hatte er etwa insgeheim gehofft, die beiden kleinen Teufel würden Elizabeth überreden können zu bleiben? Er schalt sich einen Narren, weil er sich an solche Strohhalme klammerte. Elizabeth würde Pemberley verlassen und mit John Thornton als dessen Ehefrau nach Cornwall gehen – daran gab es nichts zu rütteln. Finde dich endlich damit ab, Darcy, redete er sich immer wieder ein.

Der Tag des Abschieds war für alle sehr schwer. Mr. Ladislaw hatte sich bereits am Abend vorher von Elizabeth verabschiedet, Caroline und Charles Bingley würden ihr natürlich auf der Fahrt nach Lincolnshire Gesellschaft leisten. Die Herren aus Matlock waren schon vor einigen Tagen abgereist, ebenso Georgiana und ihre kleine Familie. Die Countess hatte ihren ersten Schock, daß Elizabeth John Thornton heiraten wollte und nicht ihren Bruder, bald überwunden und die beiden jungen Frauen gelobten, den Kontakt aufrechtzuerhalten.

Die Contessa, die übrigens selbstkeinerlei Anstalten machte, Pemberley zu verlassen, hatte sich nicht die Mühe gemacht, Elizabeth zu verabschieden und war auf ihrem Zimmer geblieben. So blieben nur noch William Darcy und seine Kinder übrig, die fröstelnd an dem kühlen, regnerischen Morgen an der abfahrbereiten Kutsche standen, um die junge Frau, die sie über die vergangenen Monate in ihr Herz geschlossen hatten, zu verabschieden.

Die betrübten Mienen der Kinder waren mitleiderregend. Sie würden heute nicht nur ihre Gouvernante verlieren, sondern auch ihre Freundin, Vertraute, ja vielleicht sogar Ersatzmutter. Hannah hatte ganz rote, verweinte Augen und auch Alexander sah man an, daß ihm die Trennung sehr schwerfiel, auch wenn er tapfer versuchte, die Tränen zurückzuhalten. Traurig umarmten die Kinder ihr Kindermädchen und Elizabeth wollte die beiden gar nicht mehr loslassen. Sie machten nicht viele Worte, es war entschieden, was hätte man auch noch sagen sollen. William hatte am Tag vorher lange mit ihnen gesprochen und dabei nahegelegt, Elizabeths Abschied als gegeben hinzunehmen und es ihr nicht schwerer zu machen, als es ohnehin schon für sie war. Liebe Güte, er selbst war todtraurig über ihr Weggehen, nur durfte er es nicht so deutlich zeigen.

Noch eine letzte Umarmung, einen Kuß auf die Wange, ein leises Schniefen und am Ende schließlich ein gequältes, gezwungenes Lächeln. William zwang sich dazu, seine Gefühle nicht preiszugeben. Er hatte ebenfalls gestern bereits mit Elizabeth gesprochen, ihr für alles gedankt, was sie für die Kinder getan hatte, ihr sozusagen als vorgezogenes Hochzeitsgeschenk einen nicht geringen Geldbetrag überreicht, den er als den ihr „zustehenden Lohn" bezeichnete und ihr am Ende alles Gute für ihre Zukunft mit Mr. Thornton gewünscht.

Nun trat er zu ihr hin, bevor sie die Kutsche bestieg und endgültig aus seinem Leben verschwinden würde. „Miss Bennet, Pemberley wird sie sehr vermissen," sagte er leise. „Behalten sie uns in guter Erinnerung und lassen sie den Kontakt nicht ganz abreißen. Hannah wird sich sehr freuen, weiterhin mit ihnen zu korrespondieren! Und denken sie daran, sie sind uns auf Pemberley immer herzlich willkommen." Er nahm ihre Hand, küßte sanft ihre Fingerspitzen, und mit einem letzten, tiefen Blick in ihre tränenverschwommenen Augen verbeugte er sich und ging langsam zum Haus zurück.

Mr. Thornton, der geduldig und diskret in einiger Entfernung gewartet hatte, bis sich die Bewohner Pemberleys von seiner Verlobten verabschiedet hatten, sagte seinem Freund ebenfalls Lebewohl. Darcy verabschiedete ihn herzlich. Er grollte ihm nicht, warum auch? Elizabeth hatte ihre Wahl getroffen – wobei von Wahl ja keine Rede sein konnte. Sie wußte schließlich nichts von seinen heimlichen Gefühlen. Ob sie sich dann für ihn entschieden hätte? Darüber nachzudenken war müßig, und er wußte es auch. Seine Gelegenheit war vertan und Thornton würde Elizabeth bekommen. Aber trotzdem nagte es an ihm.

Charles und Caroline Bingley stiegen in die Kutsche, während Elizabeth sich am Schluß noch von ihrem zukünftigen Ehemann verabschiedete. Seltsamerweise fiel ihr der Abschied von ihm nicht so schwer wie von den Darcys, aber das mochte daran liegen, daß sie John schon bald wiedersehen würde. In nur wenigen Wochen sollte sie bereits wieder nach Longbourn reisen und dort Thornton treffen, der bei dieser Gelegenheit alle Formalitäten mit Mr. Bennet abklären würde. Elizabeth hatte ihre Familie bereits brieflich informiert und rechnete nicht ernsthaft mit Widerspruch. Wieso auch? Mr. Thornton hatte ein ansehnliches Vermögen und nahm eine Bennet-Tochter ohne große Mitgift zur Frau – solch einem Mann schlug man nichts ab.

Die Hochzeit selbst sollte im Sommer in Cornwall stattfinden. Das Elizabeth ihre Verlobungszeit in Cornwall und nicht auf Longbourn verbringen würde war zwar etwas ungewöhnlich, aber es geschah auf ihren eigenen Wunsch. Sie konnte sich nach ihrem Aufenthalt auf Pemberley nicht vorstellen, jemals wieder auf Longbourn zu leben, und sei es für noch so kurze Zeit. Die Vorstellung, monatelang mit ihrer Mutter unter einem Dach zu leben! Sie würde nichts anderes tun als Elizabeth mit zu ihren Freundinnen und Bekannten nach Meryton zu zerren und sie dort wie ein preisgekröntes Stück Nutzvieh vorzuzeigen. „Seht alle her, die nächste Tochter heiratet in allerbeste Verhältnisse ein!" Nein, Elizabeth mochte sich das nicht antun und Mr. Thornton hatte nicht das geringste dagegen einzuwenden. Da ihre zukünftige Schwiegermutter ebenfalls auf Milton Manor lebte, war es auch durchaus schicklich und Mr. Thornton war ein Mann von Ehre, der sich niemals Freiheiten bei ihr herausnehmen würde. Selbstverständlich wäre Elizabeth keinesfalls alleine zu Mr. Thornton gezogen, aber diese Regelung kam allen zugute. Auch wenn sich Mrs. Bennet wahrscheinlich um die Freude gebracht sah, mit ihrer Tochter angeben zu können.

Mit Charles und Caroline in der Kutsche und den Darcys in der Nähe hatte das zukünftige Ehepaar nicht unbedingt viel Privatsphäre, um sich etwas inniger zu verabschieden. Mr. Thornton nahm Elizabeths Hände in seine und hielt sie fest. „Ich muß sagen, ich lasse dich nicht gerne schon wieder ziehen, Elizabeth, aber ich weiß, wie sehr du dich auf deine Schwester freust." Er schenkte ihr ein kleines Lächeln und sein Blick wurde weich. „Versprich mir, daß du gut auf dich aufpaßt, ja? Ich kann es kaum erwarten, dich in wenigen Wochen in Longbourn wiederzusehen."

Elizabeth hätte ihm gerne deutlicher gezeigt, daß auch sie ihn vermissen würde, aber sie traute sich nicht hier, vor so vielen neugierigen Blicken. So lächelte sie ihren Zukünftigen nur etwas schüchtern an und nickte. „Ich vermisse dich bereits jetzt," flüsterte sie. „Auf Wiedersehen."

Thornton hob ihre Hände an seine Lippen und küßte sie sanft, der fast sehnsüchtige Blick aus seinen blauen Augen schien sich bis in ihr innerstes zu bohren. „Auf Wiedersehen, Elizabeth."

Zögernd ließ er ihre Hände los und Elizabeth bestieg ebenso zögernd die Kutsche, die sie in ihr neues Leben bringen sollte. Es war so weit, sie verließ Pemberley endgültig. Mit Tränen in den Augen nahm sie neben Caroline, die ihr böse Blicke zuwarf, auf der weichgepolsterten Bank platz und schaute bedrückt nach draußen. Das große Haus, das ihr die letzten Monate lang ein glückliches Heim war, wirkte im stärker werdenden Regen düster und abweisend, aber Elizabeth hatte überwiegend angenehme Erinnerungen, die sie von hier mitnahm. Diese Erinnerungen würde ihr auch niemand jemals nehmen können.

Mit einem letzten Blick auf das Haus – die drei Darcys waren schon längst in seinen Mauern verschwunden – und einem gehauchten Kuß in Richtung Mr. Thornton, setzte sich die Kutsche langsam in Bewegung. Elizabeth glaubte im Vorbeifahren, hinter den großen Flügeltüren der Bibliothek eine einsame Gestalt stehen zu sehen, war sich aber nicht sicher. Zögernd hob sie grüßend die Hand und schaute so lange zu den Glastüren hin, bis die Kutsche um die nächste Kurve bog und das Haus langsam, aber endgültig aus ihrem Blickfeld verschwand.

William Darcy stand nachdenklich am Fenster in der Bibliothek und sah der Kutsche noch lange nach. Er glaubte, eine Bewegung am Kutschenfenster gesehen zu haben. War es Elizabeths Hand gewesen? Hatte sie ihn auf die Entfernung erkannt? Ihn zum Abschied noch einmal gegrüßt? Er seufzte schwer. Es machte keinen Unterschied. Sie war gegangen. Fort aus seinem Leben. William hoffte bloß, sie würde glücklich werden in Cornwall. Er wünschte es ihr von ganzem Herzen.

Schließlich riß er sich widerwillig los und schalt sich einen albernen Narren. Er hatte keine Zeit, ihr hinterherzutrauern oder sich Gedanken über verpaßte Gelegenheiten zu machen. Seine Kinder, sein Anwesen würden seine ganze Aufmerksamkeit erfordern, darüberhinaus mußte er sich Gedanken machen, was mit der Contessa geschehen sollte. Er hatte diese Fragen viel zu lange aufgeschoben und brauchte dringend Antworten. Wieder entrang sich ein tiefer Seufzer seiner Brust. Gleich morgen würde er damit anfangen, heute wollte er nur noch seine Ruhe haben und ein wenig um seine verlorene Liebe trauern. Ganz für sich alleine.