Er saß auf dem großen weichen Bett gegen das Kopfende gelehnt und hielt die Augen geschlossen, während ein paar warme, samtige Lippen seinen Hals hinauf wanderten um dann wie ein sanfter Hauch seinen Kiefer nachzufahren. Als er ihren Atem auf seinem Mund spürte, legte er die Hände auf die schmalen Wangen der Frau, die rittlings auf seinem Schoß saß und zog sie näher zu sich, küsste sie. Erst noch vorsichtig und zärtlich, dann immer fordernder.
Sie presste ihren schlanken, nackten Körper gegen seinen, so dass er ihre warme Haut auf seiner spüren konnte. Eine Hand löste sich von ihrer Wange, glitt behutsam über Brust und Taille zu ihrer Hüfte, packte sie und versuchte sie noch dichter an sich zu bringen. Dabei fuhr er mit dem Daumen immer wieder über den leicht hervorstehenden Hüftknochen. Wie er diese Stelle liebte. Er berührte sie gerne, fuhr mit den Fingerspitzen darüber, küsste sie, neckte sie mit der Zunge. Das wollte er jetzt auch wieder tun, richtete sich ein wenig auf und brachte sie beide in eine andere Position. Sie lag nun unter ihm. Sein Herz schlug schnell und schwer gegen seine Brust als er den Kuss endlich löste und sie ansah. Der Raum war schlecht beleuchtet, das Licht fiel so, dass er ihr Gesicht nicht erkennen konnte, aber das machte nichts. Er wusste in diesem Moment, wer sie war und ließ seine Finger durch die langen braunen Haare gleiten. Dann ließ er seine Lippen über ihren Körper wandern, schloss die Augen wieder und sog dabei gierig ihren Duft ein, den er unverständlicher Weise nicht richtig entziffern konnte. Er war sich sicher gewesen, zu wissen, wer sie war, oder nicht?
Egal. Es war egal, als sein Mund die Stelle an ihrer Hüfte fand und sich ein leises Stöhnen aus ihrer Kehle schlich. Eine schmale Hand grub sich durch sein Haar.
„Draco…", flüsterte sie und er hob die Lider. Das warme Gefühl unter ihm war verschwunden.
„Draco…" Ihre Stimme war leise, kaum mehr als ein Flüstern, aber angsterfüllt und von Tränen erstickt. Er sah sich um, lag immer noch im Bett, aber sie war nicht da. Ein Lichtschein kam von einer Tür am andern Ende des Zimmers.
„Draco…", wimmerte sie wieder.
Langsam stand er auf, ging auf die Tür zu und glaubte sich in der Hölle wiederzufinden. Jetzt erkannte er das Gesicht ganz deutlich, aber das konnte nicht sein. Das konnte nicht die Frau von vorhin sein, deren schmalen, schlanken Körper er unter seinen Händen gespürt hatte. Das war nicht wichtig. Nicht jetzt! Astoria kauerte auf dem Boden, Tränen überströmten ihr schmerzverzerrtes Gesicht. Ihre Finger krampften sich um ihren Bauch und überall war Blut. Hellrotes Blut, das ihre Schenkel herabfloss. Sein Sohn!
„Wir müssen ins Krankenhaus! Sofort!" Sofort! Das war alles, was er noch denken konnte. Er musste sie augenblicklich ins Hospital bringen und die Welt um ihn herum versank im Chaos.
Er hörte das peinvolles Wimmern, spürte die Panik, die ihm die Kehle zuschnürte und überall war Blut. Ihr Blut! Vielleicht vermischt mit dem seines Kindes? Er wusste es nicht und er konnte nichts tun. Nichts außer zu warten. Warten in diesem sterilen weißen Gang, wo Heiler in ihren limonengrünen Umhängen an ihm vorbeiliefen, aber ihm einfach keine Informationen zukommen ließen. Vielleicht wussten sie es nicht, vielleicht wollten sie es nicht oder durften nicht. Vornübergebeugt saß er auf einem unbequemen Holzstuhl, das Gesicht in den Händen vergraben und versuchte irgendwie seiner Panik Herr zu werden.
Er sah kurz auf, als er spürte, wie sich eine Hand auf seine Schulter legte. Er kannte die langen schlanken Finger, die den Stoff seiner achtlos übergeworfenen Jacke griffen. Er kannte den silbernen Ehering mit dem eingearbeiteten grünen Smaragd. Seine Mutter.
In diesem Moment ging die Tür auf und ein Heiler, das Zeichen auf seinem Kittel wies ihn als Chefheiler aus, kam in den Flur. Draco sprang auf, aber der Mann ihm gegenüber schüttelte nur den Kopf.
Nein! Nein, das war nicht wahr! Er log ihn an! Das konnte, das durfte nicht sein!
„Nein!", widersprach er. „NEIN!"
Als er an dem Mediziner vorbeistürmen wollte, wurde er von ein paar Händen gepackt.
„Draco, bitte, versuch erst mal dich zu beruhigen." Seine Mutter, aber sie war egal. Alles war egal!
„Ich will zu ihnen!", schrie er, mit dem Resultat, dass ihn noch mehr Hände packten und zurückzogen.
Aber er musste zu ihnen! Er musste zu seiner Frau und zu seinem Sohn! Er hatte ein Recht darauf!
Mit einem plötzlichen Ruck riss er sich los, lief in das Zimmer und fühlte nur noch, wie seine Beine nachgaben. Hilflos sank er vor dem Bett auf die Knie, während Tränen seinen Blick verschleierten. Er klammerte sich an ihre Hand, aber sie rührte sich nicht.
„Bleib bei mir", flehte er. „Bitte, bleib bei mir."
Draco schlug die Augen auf. Sein Hals schmerzte, fühlte sich zugeschnürt an und als er sich mit den Händen über das Gesicht fuhr, stellte er fest, dass seine Wangen nass waren. Er hatte geweint, nein, er weinte immer noch. Das Licht der Morgendämmerung stahl sich durch die Vorhänge. Er schloss die Lider erneut und schluckte schwer, zwang sich zur Ruhe. Ein Traum. Nur ein Traum oder eine Erinnerung oder beides zusammen. Er hatte den Trank nicht genommen.
Der blonde Mann atmete tief durch und nahm den Wecker zur Hand.
1. September 2008, 06:46 am. Heute wäre ihr sechster Hochzeitstag gewesen.
Danach hatte er nicht mehr schlafen können und so saß Draco nun im Wohnzimmer auf der Couch. Die Ellenbogen hatte er auf den Knien abgestützt und das Gesicht in den Händen abgelegt.
„Master Malfoy, Sir", sprach ihn der Hauself mit piepsiger Stimme an und er hob den Kopf.
„Master Malfoy, wenn Ihr schon wach seid, soll Snuggles das Frühstück herrichten?"
„Nein, ich habe keinen Hunger", wehrte er ab.
Der Elf verbeugte sich. „Kann Snuggles Ihnen etwas anderes bringen, Sir?"
Der blonde Mann überlegte kurz. „Einen Tee."
„Sehr wohl, Master Malfoy, Sir." Das kleine Wesen wollte sich schon abwenden, aber dann streifte sein Blick die leicht zittrigen Finger seines Herrn und es hakte nach: „Den normalen schwarzen Tee, Sir oder… oder den anderen?"
„Den anderen", entschied Draco und Snuggles verschwand Richtung Küche.
Er wusste genau, was der Elf gemeint hatte, nämlich den Beruhigungstee. Astoria hatte ihm diesen nach so einer Nacht immer gebracht.
Astoria…
Er ließ sich zurücksinken und rieb sich mit den Händen über das Gesicht. Dieser Traum… Über den ersten Teil wollte er sich gerade gar keine Gedanken machen. Im Schlaf meinte er, gewusst zu haben, wer sie war, aber dieses Wissen war wie weggeblasen und der Rest… Warum musste er diesen Horror immer und immer wieder erleben? Seit Astorias Tod war es wieder so viel schlimmer geworden. Schon früher hatten ihm die Dinge, die sein Vater ihm angetan hatte, zur Strafe oder um Magie aus ihm heraus zu prügeln, die ein oder andere schlaflose Nacht beschert, aber es war erträglich gewesen. Kaum der Rede wert, schließlich war er damit aufgewachsen. Es war quasi normal gewesen. Die Träume nach dem Krieg waren schlimmer gewesen, viel schrecklicher, hatten ihn fast um den Verstand gebracht, bis die Schule wieder angefangen hatte. Der Stress im Abschlussjahr war eine gute Ablenkung gewesen, aber er wusste von Blaise, dass er seine Zimmergenossen trotzdem ab und an aufgeweckt hatte, wenn er eine besonders unruhige Nacht durchlebt hatte. Erst nach der Schule, als die Frustration darüber, dass ihm niemand einen Job, eine Chance geben wollte und in ihm die Hoffnung geschwunden war, dass das Mal doch noch verblassen würde, war es wieder so schlimm geworden, dass er kaum ein Auge zugetan hatte.
Sein Blick fiel auf seinen linken Unterarm. Wie eine Mahnung an all die Fehler, die er begannen hatte, prangte der Totenkopf mit der Schlange auf seiner weißen Haut, grinste ihn hämisch an. Mittlerweile hatte er es als seine persönliche Strafe akzeptiert, aber was hätte er dafür gegeben das schwarze, vernarbte Gewebe los zu werden? Eine zweite Narbe, eine feine dünne Linie, wenn man nicht genau hinsah, kaum auszumachen, so dicht neben dem Dunkeln Mal, dass sie es fast berührte, zog sich dort entlang.
Ruckartig verschränkte er die Arme vor der Brust. Er konnte es nicht so lange ansehen und dass seine Schwiegermutter ihm wirklich vorwarf, dieses Ding wäre der Grund für Astorias und Scorpius Tod! Es würde ihn vergiften und damit hätte er wohl seine Frau mit vergiftet. Was für ein ausgemachter Blödsinn! Robinia hasste ihn. Von ihr hatte er auch nie eine Chance bekommen, ihr zu zeigen, dass er anders sein konnte. Er war ein Malfoy, ein Todesser und damit nicht der richtige Umgang für ihre Tochter. Diesen speziellen Vorwurf schob er trotzdem in diesem Moment ihrem Verlustschmerz zu. Verzeihen würde er ihr die Aussage nie, aber normalerweise war diese Frau zu rational für so einen Humbug.
Oh Merlin, Astoria fehlte ihm so sehr! Er hatte zuerst versucht seine Probleme vor ihr versteckt zu halten, was natürlich nicht funktioniert hatte. Seine Frau war nicht dumm gewesen, ganz und gar nicht. Sie hatte gespürt, dass etwas mit ihm los war, dass ihn etwas belastete und nun, irgendwann war der Zeitpunkt gekommen, an dem er ihr die quälenden Alpträume nicht mehr hatte verheimlichen können. Damals hatte er furchtbare Angst gehabt, sie könnte ihn nun doch nicht mehr wollen, aber stattdessen war sie bei ihm geblieben, war seine Stütze gewesen. Sie hatte sich gegen ihre Eltern durchgesetzt, sich für ihn entschieden, hatte grauenhafte Nächte mit ihm durchgestanden. Sie war einfach da gewesen, hatte ihn langsam, Stück für Stück über all die Jahre wieder aufgebaut. Sie hatte ihn manchmal scherzhaft als ihre Lebensaufgabe bezeichnet.
Ein kurzes Lächeln huschte über sein Gesicht. Vermutlich hatte sie das durchaus ernst gemeint und damit wahrscheinlich gar nicht so falsch gelegen.
Als Snuggles den Tee brachte, drehte Draco gedankenverloren seinen Ehering zwischen den Fingern. Platin, doppelter Milgrain-Rand. Schlicht, aber elegant. Als sie ihn ihm vor genau sechs Jahren ansteckte, war das einer der glücklichsten Momente seines Lebens, neben jenem, als sie seinen Antrag angenommen hatte und Belindas Geburt.
In zwei Tagen wäre diese furchtbare Nacht schon fünf Monate her. So lange kam es ihm noch gar nicht vor, schoss es ihm durch den Kopf.
„Daddy?"
Er wandte sich um und erblickte seine Tochter, die mit verstrubbelten Haaren in ihrem kurzen roten Schlafanzug an der Tür stand. Sie hielt das Marienkäfernachtlicht an sich gedrückt.
„Ja, Prinzessin?", fragte er und steckte den Ring wieder an.
Sie kam auf ihn zu und kletterte auf das Sofa, dann auf seinen Schoß.
„Daddy, hast du wieder böse geträumt?" Mit ihren großen hellblauen Augen, ihnen fehlte der Graustich, den seine hatten, sah sie ihn an und Draco erkannte nicht ohne Schreck die Sorge darin.
„Wie kommst du darauf?"
„Weil du geschrien hast", murmelte das Mädchen.
Er schluckte. Er hatte nicht… Er hatte doch nicht gewollt, dass sie… dass sie das mitbekam. Er sollte vielleicht einen Stillezauber über sein Zimmer legen, wenn er versuchte ohne den Trank zu schlafen? Er konnte ihn nicht dauernd nehmen. Er kannte sich mit Tränken sehr gut aus und wusste, dass bei diesem durchaus die Gefahr einer Abhängigkeit bestand. Das letzte, was er wollte oder jetzt noch zusätzlich gebrauchen konnte.
„Daddy, kann man nicht machen, dass die Träume dich in Ruhe lassen?"
„Doch." Er nahm sie in den Arm und drückte ihr einen Kuss auf den Scheitel. „Ich versuche es", versprach er.
Vielleicht, überlegte er, während seine Augen wieder zu seinem Ehering wanderten, vielleicht sollte er damit beginnen über den Verlust hinwegzukommen oder, ihm fielen Mias Worte ein, lernen damit umzugehen und zu leben. Es wäre zumindest ein Anfang.
„Hier." Belinda streckte ihm das Stofftier hin. „Vielleicht kannst du dann besser schlafen. Ich schlaf immer besser mit den Sternenlichtern."
„Danke, Prinzessin. Das ist sehr lieb von dir."
Mit diesen Worten nahm er das Plüschinsekt und strich ihr den Pony aus der Stirn.
Als Hermine im Flur des Appartements auftauchte konnte sie ihr Lächeln einfach nicht unterdrücken. Kopfschüttelnd registrierte sie, wie normal es mittlerweile war, dass sie einfach in Dracos Wohnung apparierte und es kam nicht mal mehr Prostest von ihm. Was aber auch diesmal daran liegen konnte, dass er es gar nicht mitbekommen hatte. Aus dem Wohnbereich hörte sie Stimmen und Lachen. Draco und Belinda.
Die Erzieherin ging rüber zur Tür und blieb ein paar Schritte dahinter stehen. Vater und Tochter saßen auf dem Boden, zwischen ihnen ein Spielbrett.
„Du schummelst!", empörte sich die Kleine gerade und deutete anschuldigend auf Draco.
„Ich und schummeln? Nie im Leben." Er tat äußerst pikiert über diese Unterstellung.
„Doch, ich hab es ganz genau gesehen, Daddy! Du hast gemogelt!"
„Hab ich nicht", bestand er.
„Doch!"
„Nein."
„Doch! Ahhh, Daddy!", quietschte sie, als der Blonde sie packte und durchkitzelte. Schließlich kniete er über dem Kind, das schon ganz rot im Gesicht war vor Lachen und erfreut stellte Hermine fest, dass er selbst auch sehr ausgelassen schien.
Schließlich konnte sie bei dem Bild nicht mehr an sich halten und lachte ebenfalls los, was die Aufmerksamkeit auf sie lenkte.
„Mia!", rief Belinda freudig aus.
Draco ließ sie los und schon stand sie vom Boden auf und lief auf die Erzieherin zu, die noch ein paar Schritte in den Raum getreten war. Als das Mädchen sie umklammerte, strich sie ihr durch die hellblonden Haare.
„Daddy, Daddy, Daddy, schau! Mia ist wieder da!"
„Kleines, du schnürst mir die Blutzufuhr im Bein ab", scherzte die Dunkelhaarige, während Draco sich erhob und auf sie zukam.
„Ich hab dich vermisst", meinte das Mädchen und ließ sie los.
Hermine ging in die Hocke, steckte ihr den Pony noch mal ordentlich mit der Haarspange zurück und erwiderte: „Ich hab dich doch auch vermisst und ich hab jeden Tag geschrieben."
„Ja, so wie du versprochen hast." Belinda grinste sie an.
„Jetzt muss sie ja nicht mehr schreiben, jetzt kann sie ja wieder unangekündigt im Flur auftauchen", bemerkte der junge Mann. Die Hexe richtete sich wieder auf. Auf den Seitenhieb hatte sie nur gewartet und stieß ihm freundschaftlich gegen die Schulter.
„Frettchen", schmunzelte sie und war schon drauf und dran ihn zur Begrüßung in die Arme zu schließen, als der Blonde doch im letzten Moment einen Schritt zurückwich. Sie stutzte kurz, ließ dann die Hände wieder sinken und verzog die Mundwinkel ein wenig krampfhaft nach oben. Bei aller Freundschaft, sie sollte nicht vergessen, wen sie da vor sich hatte. Draco war nun mal immer noch ein Malfoy und Malfoys umarmten vermutlich eher weniger andere Menschen. Von der eigenen Familie offenbar mal abgesehen, schließlich tat er das bei seiner Tochter doch recht häufig, aber sonst... An Belindas Geburtstag hatte sie ihn wohl einfach damit überrascht.
Sie konnte sich nicht genau erklären, aber irgendwie verletzte sein Verhalten sie. Er hatte ihr gefehlt. Hatte er sie etwa kein bisschen vermisst?
Bei Merlins Bart, es war Draco! Sie sollte von ihm nichts erwarten oder mit irgendetwas rechnen, das sollte sie doch langsam wissen. Sie hatte ihn schließlich selbst äußerst treffend als Zwiebel bezeichnet und trotzdem…
Er war sich nicht sicher, ob sie wirklich vorgehabt hatte ihn zu umarmen. Er war sich nur sicher, dass er es nicht wollte. Nicht jetzt zumindest, nicht heute. Er war aufgewühlt seit er aufgestanden war. Der Tee hatte etwas geholfen und mit seiner Tochter zu spielen hatte ihn ein wenig abgelenkt, aber er konnte Hermine in diesem Moment nicht an sich drücken. Er war etwas perplex gewesen, als sie ihn an Belindas Geburtstag zum Abschied einfach an sich gezogen hatte, aber es war schön gewesen.
Draco wusste nicht wieso, aber er fühlte sich schlecht. Es war ein seltsames Gefühl, verwirrend und vermutlich völlig verquer, aber heute war sein Hochzeitstag. Er sollte Astoria im Arm halten, keine andere Frau und zu wissen, dass er es irgendwie mochte diese vertraute Geste mit der Erzieherin zu teilen, machte es nicht besser.
Der Blonde fuhr sich mit der Hand über den Nacken.
„Schön, dass du wieder da bist", sagte er und meinte es auch ehrlich so. Die Brünette nickte lediglich. „Wie war dein Urlaub?"
„Gut. Es war… gut. Monterey ist wirklich schön."
Sie verfielen in Schweigen und Belinda sah verwirrt zwischen ihnen hin und her. Nein also wirklich, Erwachsene benahmen sich manchmal echt komisch, wie sie fand. Mia war wieder da, warum freute sich ihr Vater denn nicht genauso wie sie darüber?
„Daddy?" Sie stellte sich vor ihn, sah ihn direkt an und griff mit ihrer kleinen Hand nach seiner. „Daddy, warum bist du heute traurig?", fragte sie schließlich gerade heraus.
Der blonde Mann ging in die Hocke. „Prinzessin, weißt du, das ist…" Er stockte kurz, immer wieder erstaunt über seine Tochter, und blickte zu Hermine, dann wandte er sich wieder dem Mädchen zu. „Weißt du, mir fehlt deine Mum und das immer ganz doll, wenn ein besonderer Tag ist."
„Und heute ist besonders?"
Er biss sich auf die Unterlippe und nickte langsam. „Ja, heute vor sechs Jahren hab ich deine Mummy geheiratet, Liebling."
Die Kleine zog eine Schnute und drückte den Zeigefinger dagegen, dachte kurz nach. Dann umarmte sie ihren Vater und meinte: „Ich vermiss Mummy auch, aber Daddy, sie passt doch auf uns auf. Mia hat doch erklärt, dass sie jetzt ein Schutzengel ist."
Draco nickte. Ja, das hatte sie erklärt und es half der Kleinen ungemein.
Das hatte sie nicht gewusst. Woher denn auch?
Hermine schluckte das Stechen in ihrer Brust, das seine ablehnende Reaktion vorhin hervorgerufen hatte, hinunter. Sie hatte erlebt, wie sehr es ihn mitgenommen hatte, als er gemeint hatte Astorias Geburtstag vergessen zu haben. Wenn heute ihr Hochzeitstag war, konnte sie ihn unmöglich den ganzen Tag einfach zu Hause hocken lassen. Das würde ihn nur fertig machen. Gut, dass sie eh gekommen war, um die beiden Malfoys mit nach Brooklyn zu nehmen.
„Val hat uns eingeladen", begann sie.
Draco sah auf und erhob sich. Fragend rutschte eine Augenbraue Richtung Haaransatz.
„Es ist Labor Day", erwiderte sie, als wäre das schon Erklärung genug, aber natürlich wusste sie, dass das in diesem Fall ganz und gar nicht ausreichte. „Es ist Feiertag. Die Levines grillen wieder im Prospect Park."
„Ist Sean auch da?", wollte Belinda wissen, noch bevor Draco überhaupt dazu kam irgendetwas zu antworten.
„Ja, natürlich ist er auch da", bestätigte die Hexe.
„Daddy, bitte sag ja. Können wir hin? Biiiiiitttteeeee." Sie machte große Augen.
„Ich weiß nicht. Wir können doch nicht schon wieder unangemeldet…"
„Red keinen Blödsinn. Val ist mir noch mal auf die Füße getreten, dass ich euch beide bloß einlade. Ich hätte sowieso gefragt, aber du kennst sie."
Oh ja, er hatte die blonde Frau mittlerweile zur Genüge kennen gelernt. Sie war verrückt, überdreht, anstrengend, furchtbar dickköpfig und irgendwie mochte er diese nervtötende Hexe. Ein bisschen zumindest. Anders als Artemisia hatte sie wenigstens was im Kopf und gegen den Daddy-bitte-bitte-Blick seiner Tochter kam er eh nicht an. Also stimmte er zu.
Etwas Ablenkung und Abwechslung würde ihm heute nicht schaden. Ganz im Gegenteil und ein Nachmittag mit den Levines versprach eine durchaus überzeugende Ablenkung zu werden.
„Sieh mal einer an, da sind ja unsere Briten", begrüßte sie Valerie etwa eine dreiviertel Stunde später im Park, drückte ihre beste Freundin an sich und diesmal entkam Draco der Umarmung auch nicht. Irgendwann würde ihm eine dieser Schaubstockaktionen noch das Genick brechen, davon war er überzeugt und froh, dass die anderen Familienmitglieder nicht ganz so stürmisch waren. Zumindest nicht, was ihn betraf.
Sie setzten sich an den Picknicktisch, während Belinda zu Sean, Adam und Michelle lief zum Spielen.
„Süß, wie die Vier sich verstehen", bemerkte Danielle, die älteste der drei Schwestern und wandte sich dann Mia zu: „Val hat erzählt, du warst im Urlaub."
„Ja, ich war eine Woche an der Monterey Bay."
„Wirklich? Ich hab schon davon gehört. Es soll da richtig schön sein. Was hast du alles gemacht?"
Hermine hob kurz die Schultern. „Das Übliche. Ich war am Strand, war beim Wale Watch, bin den Küstenpfad ein wenig lang spaziert, war einen Tag in San Francisco. War ganz nett."
„Das klingt toll. Roger, wir sollten mit den Kindern vielleicht auch nächsten Sommer mal an die Westküste."
„Wir können uns ja mal erkundigen", stimmte ihr Mann zu.
„Wart ihr mit?"
Draco brauchte ein paar Sekunden, bevor er begriff, dass die Frage auf ihn und Belinda bezogen war.
„Nein", er schüttelte den Kopf, „wir waren nicht mit. Wir sind hier geblieben."
Vielsagend warf Danielle Valerie einen Blick zu. Dem blonden Zauberer gefiel das nicht so wirklich. Warum hätte er mit Mia in Urlaub sein sollen? Sie waren Freunde, ja, aber deshalb musste man ja nicht im Sommer gemeinsam wegfahren. Er war noch nie mit Freunden in den Ferien gewesen, wenn er sich recht erinnerte. Oh Merlin, mit Familie Crabbe oder Goyle eine Woche zu verbringen war auch nicht die beste Vorstellung. Mit Blaise wäre das vielleicht eher möglich gewesen. Bei ihm sollte er sich wohl auch noch mal melden. Seit er nach New York gekommen war, hatte er seine Freunde und Bekannten in England ziemlich vernachlässigt. Er hatte ja sogar seiner eigenen Mutter kaum geschrieben.
„Los ihr Rasselband, kommt her! Es gibt Essen!", rief Bernard den Kindern zu, während er das Grillgut auf den Tisch stellte und Draco damit aus seinen Überlegungen riss.
Während des Essens meinte Natalie schließlich: „Schön, dass ihr wieder mitgekommen seid, Draco."
„Solche Tage sollte man nun mal mit Familie und Freunden verbringen", grinste ihr Ehemann breit. „Und Mias Freunde sind uns immer mehr als willkommen. Wobei du und die Kleine bisher auch die einzigen seid, die sie je mitgebracht hat."
Ein scherzhaft strafender Blick traf die Erzieherin, die sich ohne ein Wort ihrem Salat zuwandte.
„Ähm… ja. Danke für die Einladung", erwiderte der ehemalige Slytherin. Er wusste nicht wirklich, was er sonst sagen sollte, aber das schien die Levines nicht zu stören.
„Wann wollte Tony vorbeikommen?", fragte Natalie stattdessen ihren Mann.
Dieser warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „In zwei Stunden etwa. Ich sag ja, ein guter Tag, um seine Freunde um sich zu haben."
Draco nickte. Dieser Tony war dann also folglich mit Bernard befreundet.
„Immer noch Zeit, bis Tony und Co auftauchen", stellte Henry fest, als er den Teller von sich schob. Mrs. Levine versuchte währenddessen Draco noch eine Ladung Nudelsalat aufzuhäufen. Sie schien der Meinung zu sein, der Brite sei zu dünn.
„Natalie, glaub mir, er war schon immer so. In der Schule war er sogar noch schmaler. Das ist normal", ging Hermine schließlich dazwischen, wohlwissend wie hartnäckig die Frauen dieser Familie waren.
„Hey!", protestierte der Blonde. „Das klingt ja, als wäre ich nur so eine halbe Portion gewesen."
„Das warst du doch auch. Du bist heute noch kein Schrank und wirst es wohl auch nie werden, aber mal ehrlich, zwischen zwei Kanten wie Crabbe und Goyle hast du schon fast schwindsüchtig ausgesehen."
„Na, vielen Dank für die Blumen", brummelte er.
„Komm, lass dich von den Mädels nicht ärgern." Roger, der neben ihm saß, stieß ihm scherzhaft gegen den Oberarm und deutete auf seinen Sohn. „Lassen wir die holden Damen tratschen. Adam scheint schon ganz ungeduldig zu sein."
Der schwarzhaarige Junge stand zusammen mit Sean auf der Wiese und hielt einen ovalen, braunen Ball fest.
„Dad, kommt endlich!", rief er.
„Ja, fangt schon mal an", erwiderte dieser und drehte sich wieder zu Draco um. „Nun komm, die Jungs warten schon drauf, dass wir zusammen Football spielen. Das machen wir jedes Jahr."
Football? Was bei Merlins stinkenden Socken sollte denn das jetzt schon wieder? Er hatte sehr wohl in der Schule schon mal einige Mitschüler mit Muggelverwandtschaft über diesen Sport reden hören, aber aus den Erzählungen und den Bildern, die er hier und da mal aufgeschnappt hatte, hatte er zumindest den Ball in ganz anderer Erinnerung.
„Ist der Ball nicht eigentlich rund und schwarzweiß?", wollte er wissen, während er langsam aufstand. Das Resultat seiner Frage war lautes Lachen von den drei anderen Männern.
„Wir reden hier von Football! Mensch Draco, nicht Soccer, sondern American Football", grinste Henry. „Diese Engländer."
„Wohl eher die Kombination aus Engländer und Zauberer", meinte Bernard. „Was habt ihr noch mal für eine komische Sportart? Der Schwachsinn auf den Besen da."
Schwachsinn? Ging es denen zu gut, oder was? Quidditch war der beste Sport der Welt!
„Das heißt Quidditch!", empörte er sich. „Und das ist überhaupt kein Blödsinn. Ich habe selbst im Team meines Hauses gespielt während der Schule."
„Lass sie, die Muggel haben davon keine Ahnung", grinste Roger. „Aber als Junge hab ich auch viel Football gespielt und es in Salem schon ein wenig vermisst. Quidditch ist absolut genial, aber ich garantiere dir, Football ist mindestens genauso gut."
Noch bevor er sich in irgendeiner Form weiter sträuben konnte, wurde Draco bereits mit auf die Wiese gezogen.
„Hat irgendwer eine Kamera? Diesen denkwürdigen Moment möchte ich bitte festhalten", meinte Hermine. „Draco Malfoy spielt Football mit zwei Muggeln, einem Muggelgeborenen und zwei kleinen Halbblütern. Wenn sein Vater davon erfährt, wird Lucius sich sicherlich den Nagel in den Sarg schlagen."
„Du meinst wegen diesem komischen Blutstatusquatsch in England?", erkundigte sich Valerie, die ihrer Nichte Michelle gerade den Zopf neu flocht.
„Das glaubt mir sonst niemand", bestand die Brünette.
„Na ja, noch spielen sie ja nicht richtig, sondern schmeißen den Ball ein wenig hin und her, damit die Jungs ihn fangen können", stellte Jennifer fest und nahm einen Schluck von ihrem Eistee.
Merlin noch mal, wenn Adam und Sean nicht mehr dabei waren, würden die Männer bestimmt richtig spielen und die Dunkelhaarige glaubte nicht, dass Draco sich dabei unbedingt so wahnsinnig gut schlagen würde. Sicher, er war kein schlechter Flieger, ganz und gar nicht. Was ihn allerdings zu einem schlechteren Sucher als Harry gemacht hatte war die einfache Tatsache, dass er nicht so risikofreudig war. Während Harry in Kauf genommen hatte vom Besen zu fallen, um den Schatz zu fangen, hätte Draco abgebremst. Aber fliegen konnte er. Nur Football war etwas ganz, ganz anderes als Quidditch.
„Du, Mia?"
Sie wandte den Blick von dem Treiben auf dem Rasen ab. Belinda hockte vor ihr auf der Bank.
„Ja Kleines, was ist?", erkundigte sie sich und wunderte sich ein wenig über den ernsten Ausdruck auf dem Gesicht des Mädchens.
„Mia, kann man machen, dass böse Träume weggehen?"
Oh, daher wehte der Wind also. Erstaunlich, wie feinfühlig dieses Kind manchmal war und wie besorgt um ihren Vater.
„Hat dein Dad wieder einen Alptraum gehabt?"
Belinda nickte und Hermine nahm sie zu sich auf den Schoß. „Ja, heute. Er hat ganz laut geschrien. Immer wieder hat er ‚Nein' geschrien. Mia, warum lassen die Träume Daddy nicht in Ruhe?"
„Das ist ziemlich kompliziert und da musst du dir auch gar keine Gedanken drum machen, verstanden? Ich kümmer mich darum."
„Versprochen?"
„Ja, versprochen und jetzt spiel ein bisschen mit Michelle."
Die Kleine schien beruhigter zu sein, rutschte von ihrem Schoß, krabbelte unter dem Tisch hindurch auf die andere Seite und schließlich liefen die beiden Mädchen in Sichtweite durch das Gras und spielten Fangen.
„Wie lange geht das jetzt schon mit den Träumen?", hakte Valerie nach, der Belindas Angebot an ihren Vater mit dem Leuchtplüschtier an ihrem Geburtstag nicht entfallen war.
Hermine kaute auf ihrer Unterlippe und beobachtete ihren alten Schulkamerad nachdenklich, während er den Ball auffing. Wenn man ihn so sah, sollte man gar nicht meinen, dass er solche Probleme haben könnte.
„Ich weiß nicht genau, schließlich hab ich ihn jahrelang nicht gesehen. Nach dem, was Belinda erzählt hat, ist es wohl wieder schlimmer geworden nach Astorias Tod. Ich denke, er wird öfter mal den Trank für traumlosen Schlaf nehmen."
„Was? Mia, dieser Trank ist nicht ganz ungefährlich. Die Abhängigkeitsrate ist…"
„Ich weiß, enorm wenn man nicht richtig mit der Dosierung umgeht. Draco wird das wissen, er ist sehr begabt, was Zaubertränke angeht. War er schon immer. Ich hoffe, er geht verantwortungsvoll damit um, aber eigentlich muss er mal mit jemandem reden. Das hätte er vermutlich schon vor Jahren tun müssen."
„So wie du es getan hast", bemerkte Danielle und die Erzieherin nickte.
Die Levines waren hier ihre Familie und natürlich wussten sie, dass Hermine kaum ein Jahr nachdem sie nach New York gekommen war einen Spezialisten aufgesucht hatte. Valerie hatte sie dabei unterstützt. Auch sie hatte quälende Nächte durchlitten. Vor allem ein Traum hatte sie immer und immer wieder heimgesucht. Unbewusst legte sie die rechte Hand auf ihren linken Unterarm. Bellatrix hatte ihr vor zehn Jahren das Wort Schlammblut eingeritzt. Die Erinnerung, wie sie auf dem kalten Boden des Manors gelegen hatte, völlig wehrlos ohne Zauberstab und dann diese unsagbaren Schmerzen, die Dracos Tante ihr zugefügt hatte. Immer und immer wieder. Die Folter war ihr vorgekommen, als würde sie kein Ende nehmen wollen. Sie hatte geschrien, aus Leibeskräften, aber niemand hatte ihr geholfen. Niemand. Sie hatte damit abschließen müssen, bevor es sie kaputt gemacht hätte. Es war ein großer Schritt gewesen und schwierig, wie sie wusste, aber er war nötig gewesen und genauso nötig war er für den blonden Mann. Aber Draco davon zu überzeugen würde kein Kinderspiel werden, ganz und gar nicht. Ein Malfoy bei einem Psychoheiler? Sein Stolz stand ihm da bestimmt im Weg.
Was genau das jetzt mit Football zu tun haben sollte, dass er einen Ball fing, der eher die Form eines Eis hatte und ihn warf, so dass die Jungs hinterherliefen, erschloss sich Draco nicht so ganz. Es schien es aber auch vorerst niemand für nötig zu halten, ihn aufzuklären, aber sollte dieser Sport nicht rein vom Namen her mit den Füßen gespielt werden? Er würde die Muggel wohl nie ganz verstehen, egal wie viel er über sie und ihre Lebensweise las.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, Adam und Sean schienen nichts davon zu halten, müde zu werden, kam Belinda zu ihnen.
„Sean", rief sie dem Braunhaarigen zu und der Junge blieb stehen.
„Was ist denn?"
„Spielt ihr wieder mit uns?", wollte das Mädchen wissen und als ihr die Antwort offenbar zu lange dauerte, stemmte sie die Hände in die Hüften und sah ihn durchdringend mit hochgezogenen Augenbrauen an. Draco kannte diesen Blick. Astoria hatte genau diesen immer aufgesetzt, kurz bevor sie wegen ihm in die Luft gegangen war.
„Na gut", ergab Sean sich schließlich und winkte seinen Cousin zu sich rüber, der nicht so wirklich glücklich mit der Entscheidung schien, aber zusammen liefen die Drei rüber zu Michelle.
„Dein Sohn hat aber nicht besonders viel Durchsetzungsvermögen", scherzte Roger.
„Wenn Valerie mich so angesehen hätte, hätte ich auch gekuscht. Glaub mir, manchmal ist das gesünder."
„Ja, ich weiß, immerhin bin ich mit ihrer Schwester verheiratet. Draco, begeh nie den Fehler eine Levine zu heiraten. Das kostet Nerven."
„Hey, wie redet ihr denn über meine Mädels", lachte Bernard. „Ihr hat ja keine Ahnung, schließlich hab ich ihre Mutter am Hals, also tut nicht so. Lass dir nichts einreden, Draco. Natalie übertrifft unsere Töchter manchmal haushoch."
„Nehmt es mir nicht übel, aber ich denke, ich verzichte", erwiderte der Blonde. Immerhin war er nicht lebensmüde und mit Astoria hatte es oft genug gekracht, er wollte gar nicht rausfinden, wie die Fetzen wohl mit einer von Bernards Töchtern fliegen würden.
„Ich verübel es dir nicht, dass du dich für Mia entschieden hast", bemerkte der ältere Mann. „Sie ist so ein nettes Mädchen. Eine Schande, dass sie so lange allein war und ihren letzten Freund hat sie uns nicht mal vorgestellt."
„Ähm, nein. Also, das muss irgendwie ein Missverständnis sein. Mia und ich sind nicht…"
„Ja ja, schon klar", Henry schlug ihm kumpelhaft auf die Schulter. „Aber jetzt wo die Jungs weg sind, können wir ja ein richtiges Spiel starten. Tony und seine Söhne können dann ja einfach einsteigen."
Richtiges Spiel? Das hier war es noch nicht gewesen?
„Würde mir mal jemand…", begann Draco, wurde aber von Bernard unterbrochen.
„Sag mal Henry, was hälst du davon, wenn wir mal gucken, was die beiden Zauberer so drauf haben ohne Magie? Zwei gegen zwei und ihr beiden" Er deutete auf Draco und Roger, „gebt eure Stecken mal meiner herzallerliebsten Göttergattin, damit ihr ja nicht auf die Idee kommt hier irgendwelche kleinen Tricks anzuwenden."
Seinen Zauberstab abgeben? Bitte was?! Das letzte Mal, als er ihn aus der Hand gelassen hatte, hatte Potter ihn ihm entrissen und danach hatte er den Weißdornstab nie wieder gesehen.
Sein Unmut schien sich nur zu deutlich auf seinem Gesicht abzuzeichnen.
„Dann gib ihn halt Mia", schlug Roger vor, packte ihn am Arm und ging mit ihm rüber zum Picknicktisch, wo er seinen eigenen Stab aus der Tasche zog.
„Unsere beiden Nichtmagier haben Angst, wir könnten schummeln", flötete er und gab das Holz seiner Frau Danielle, anstatt Natalie. „Nun komm Draco, sei kein Spielverderber."
Unentschlossen drehte dieser seinen Stab zwischen den Fingern. Er wollte ihn eigentlich nicht hergeben.
„Ich pass drauf auf", versprach Hermine und streckte die Hand aus.
Nun gut, er vertraute ihr schließlich. Sie war zuverlässig und er wollte den Tag nicht verderben, der Morgen hatte völlig gereicht und so überließ er ihr den Zauberstab. Hermine betrachtete das helle Holz aufmerksam.
„Lärche?", fragte sie und Draco nickte.
„Ja. Lärche, Einhornhaar, 10 ¾ Zoll, leicht federnd."
„Ollivander", stellte die Dunkelhaarige fest.
Sie hatte recht mit ihrer Vermutung, so wie immer eigentlich.
Hermine schlug die Hände vor ihr Gesicht. Oh Merlin, dass er das ernsthaft mitmachte! Er schien wirklich Ablenkung zu brauchen. Flag Football wäre ja eine Sache gewesen, aber ganz offensichtlich waren die Männer, Draco einmal ausgeschlossen, sich darin einig, dass Tacklings einfach zu diesem Sport dazugehörten.
Henry hatte den blonden Engländer gerade zu Boden gerissen.
„Hey, da sind sie ja!"
Bei diesem Ausruf drehte sie sich um und erblickte einen etwas älteren Mann mit dichtem schwarzem Haar, das an den Schläfen bereits ergraute. Tony Giansante. Sie hatte ihn schon ewig nicht mehr gesehen. Er war wegen eines Jobs vor etwa sieben Jahren mit seiner Frau Samantha von New York nach Philadelphia gezogen und seine Söhne Aaron und Rick hatte sie, da beide nach Kalifornien zum Studieren gegangen waren, eh kaum drei Mal gesehen. Alles in allem kannte sie Bernards Freunde so gut wie nicht.
Lächelnd stand Natalie auf und begrüßte ihre alten Bekannten.
„Schon viel zu lange her, dass man euch hier gesehen hat", grinste sie.
„Ich weiß, ich weiß, aber deshalb sind wir ja heute da. Wenn wir schon mal wieder in New York sind, dann darf ein Besuch bei den Levines doch nicht fehlen und ich sehe, ihr habt euch vermehrt."
Tony ließ seinen Blick über die Kinder und den Picknicktisch schweifen und blieb schließlich an den footballspielenden Männern hängen.
Hermine biss sich auf die Unterlippe und wandte die Augen ab, als sie sah, dass Draco wieder zu Boden gegangen war und diesmal von Henry und Bernard festgehalten wurde.
„Bernard, lass den Jungen am Leben!", rief Tony mit seiner dunklen Stimme und unterbrach damit das Spiel.
Ziemlich froh über diese Zwangspause, was die Muggel an diesem Sport fanden würde er wohl nie verstehen, folgte er den andern Drei zurück zum Grillplatz. Die Grasflecken auf seiner Hose würde er wohl nachher mit einem kleinen Reinigungszauber entfernen.
Bei den Frauen angekommen, entdeckte er fünf Personen, die vorher noch nicht dagewesen waren.
„Tony, schön, dass du es geschafft hast." Bernard und der dunkelhaarige Mann, er sah nach Dracos Meinung ziemlich italienisch aus, umarmten sich freundschaftlich. „An Henry und Roger erinnerst du dich doch bestimmt noch. Das hier…"
„Moment, lass mich mal versuchen das selbst auf die Reihe zu bekommen. Also." Er musterte die drei jüngeren Männer vor sich, betrachtete die Frauen am Tisch und schließlich die Kinder, die ungestört weiter spielten.
„Roger gehört zu Danielle und ich denke mal, der Große gehört zu euch. Adam hab ich schließlich noch kennen gelernt, bevor wir weggezogen sind. Henry und Valerie. Allerdings warst du noch schwanger, als ich dich zum letzten Mal gesehen habe." Er lächelte die Blonde breit an. „Dein Vater hat mir erzählt, dass du einen Sohn hast, also wohl der andere junge Mann dort drüben."
„Ja, das ist Sean", erklärte sie.
„Gut, dann ist mein Gedächtnis ja doch nicht so schlecht. Die beiden Mädchen bekomm ich allerdings nicht unter und dich kenn ich auch noch nicht." Er streckte Draco die Hand entgegen. „Tony Giansante. Bernard und ich kennen uns noch von der Highschool. Meine Frau Samantha, Aaron und seine Frau Lucy." Der ehemalige Slytherin nickte den Genannten höflich zu und stellte fest, dass diese Lucy augenscheinlich ein Kind erwartete. „Und mein jüngster Sohn Rick", beendete Tony die Vorstellung.
„Draco Malfoy", erwiderte er.
„Lass mich raten, du gehörst dann wohl zu Jennifer?"
„Nein, er gehört zu Mia", wehrte die jüngste Schwester ab und der Mann drehte sich zu der brünetten Hexe um, verzog überlegend das Gesicht.
„Dich kenn ich aber noch irgendwoher. Du kommst mir so bekannt vor."
„Ja, wir haben uns ein paar Mal gesehen. Das ist aber schon ewig her. Ich bin Valeries Freundin."
„Genau, da war was. Jetzt klärt mich aber mal bitte auf, zu wem die Mädels gehören." Und er nickte in Richtung der Kinder.
„Die kleine Blonde ist Belinda. Das ist Dracos Tochter", fing Val an.
„Sie schlägt aber äußerlich eher nach ihrem Dad, was?", lachte Tony Hermine an. Draco entging das keinesfalls und er antwortete: „Mia ist nicht ihre Mutter. Wir sind lediglich Freunde."
„Achso, ich dachte, weil Jenny gemeint hat, du gehörst zu ihr und…"
„Nein, wir sind nicht zusammen", unterbrach ihn der Blonde bestimmt.
„Auf jeden Fall ist Michelle meine Tochter", ging Danielle dazwischen.
„So, Familienverhältnisse geklärt? Wunderbar. Ich hab gesehen, ihr wart mitten im Spiel? Ich bin dafür es wieder aufzunehmen", lenkte Rick das Thema wieder auf den Sport.
Salazar, bitte nicht! Ablenkung gut und schön, aber er würde sich dabei noch irgendwas brechen.
„Wir sind dann aber ungerade", warf Aaron ein.
„Das macht nichts. Wir könnten einen mehr gebrauchen. Der Engländer hat es einfach nicht drauf", witzelte Roger.
Er hatte es… Moment mal! Er hatte es einfach nicht drauf? Jetzt war er definitiv in seiner Ehre gekränkt. Er ließ sich doch nicht einfach sagen, er hätte es nicht drauf! Sie wollten weiter dieses blöde Spiel spielen? Bitte, er wäre dabei.
Bei Merlins lackierten Zehennägeln, einem Malfoy so etwas an den Kopf zu werfen war schon ein starkes Stück und vor allem die sicherste Methode ihn dazu zu bringen, etwas zu tun. Dass er seinen Zauberstab nicht hatte, verhinderte zumindest, dass Draco schummelte. Sie hatte ja heute bereits mitbekommen, dass er das durchaus tat. Vermutlich war das besser für die Muggel und immerhin waren das jetzt ganze fünf, die dort mitmischten.
„Besorgt um deinen Liebsten?", riss ihre beste Freundin sie aus ihrem Gedankengang.
„Red keinen Stuss!", ereiferte sich Hermine, spürte aber wie ihr die Röte in die Wangen schoss.
„Sie werden ihn schon in einem Stück lassen", beschwichtigte sie Natalie nicht ohne ein wissendes Grinsen, dass dem von Val sehr ähnlich war, auf den Lippen.
„Wir sind nur…"
„Ja ja, nur Freunde. Die Leier kennen wir mittlerweile alle, Mia", ging Jennifer dazwischen.
Immer wieder das gleiche! Vals ganze Familie schien sich gegen sie verschworen zu haben. Was war nur los, dass sie alle zusammen mit dem blonden Zauberer sehen wollten?
Sie waren Freunde, verdammt noch mal! Nur Freunde!
Hoffentlich überstand er diese sportliche Betätigung ohne zu viele Blessuren…
Aber nach einer ganzen Weile kamen die Männer schließlich zurück zum Tisch und Draco ließ sich neben Mia fallen. Er schien äußerlich, bis auf ein paar Flecken auf der Hose, unversehrt. Ihm tat allerdings alles weh. Nie wieder würde er Football spielen. Die waren doch verrückt! Ob es noch mehr so mörderische Sportarten bei den Muggeln gab? Er wollte es vermutlich gar nicht wissen. Nein, wenn er darüber nachdachte, das wollte er wirklich nicht.
Belinda kam nun auch zu ihnen rüber gelaufen, aber nicht zu Draco, sondern drei Plätze weiter rechts von ihm, wo Rick saß. Sie baute sich vor ihm auf, zog die Augenbrauen zusammen und meinte: „Du, Mister?" Der junge Halbitaliener drehte sich zu ihr um. „Das war nicht nett, dass du meinen Daddy so oft geschupst hast. Meine Mummy hat immer gesagt, man muss sich für Gemeinheiten entschuldigen. Magst du nicht Entschuldigung zu meinem Daddy sagen?"
Ein paar Augenblicke war es mucksmäuschenstill, Rick hatte Draco wirklich oft zu Boden gerissen, dann brachen die Erwachsenen in lautes Gelächter aus.
„Das ist aber doch nicht lustig!", protestierte das kleine Mädchen.
„Prinzessin, komm mal her zu mir." Draco streckte die Hand nach ihr aus und hob sie auf seinen Schoß, als sie bei ihm war. „Liebling, das hat zum Spiel gehört. Das war nicht böse gemeint, verstehst du?"
Verwirrt verzog sie das Gesicht. „Das ist aber ein komisches Spiel. Ich mag das nicht spielen."
„Glaub mir, ich mag auch nicht, dass du das machst." Selbst wollte er das immerhin auch nicht mehr.
Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und drückte ihr einen Kuss auf.
Sie blieb auf seinen Beinen sitzen, während sich die Erwachsenen unterhielten. Unauffällig hatte Hermine Draco unter dem Tisch seinen Zauberstab wieder zukommen lassen. Belinda kaute derweil an einem Stück Apfel rum und beobachtete die Wolken am blauen Himmel.
„Daddy?"
„Ja, Prinzessin?", unterbrach er sein Gespräch mit Aaron, der ihm gegenüber saß.
„Daddy, ich frag mich, was die Sonne macht wenn es Nacht ist. Geht die dann auch schlafen?"
„Nein, die Sonne geht nicht schlafen", erwiderte er ein wenig überrumpelt von der Frage, während die andern um ihn herum leicht grinsten.
„Globuszeit!", rief Hermine neben ihm lachend aus. „Ich erklär es dir."
Sie griff in ihre Handtasche, nahm ein Blattpapier heraus und zerknüllte es zu einer Kugel. Belinda rutschte zu ihr auf den Schoß und folgte gespannt den Ausführungen der Erzieherin, die ihr erklärte, dass die Kugel jetzt einmal die Erde sein sollte.
„Wie alt ist sie?", wollte Aaron von Draco wissen.
„Vier. Wieso?"
„Ziemlich aufgeweckt, die Kleine. Sicher, dass sie erst vier ist?"
Er schüttelte den Kopf und erwiderte: „Ich war bei ihrer Geburt dabei, also eigentlich sollte ich es wissen, aber nein, ich bin mir da manchmal ganz und gar nicht sicher."
Heute war wieder einer dieser Tage, an denen seine Prinzessin ihn mal wieder in Erstaunen versetzte. Sie hatte ganz definitiv den Verstand ihrer Mutter. Astoria hatte Hermine da in absolut nichts nachgestanden. Die beiden Frauen waren die mit Abstand intelligentesten Hexen, die er je getroffen hatte und seine Tochter schlug ganz nach seiner Frau. Immer wieder überraschend.
„Da kann uns ja noch was erwarten", mischte sich Lucy ein und strich über ihren Bauch.
Nachdem die Giansantes gegangen waren, es standen wohl noch mehr Besuche in der Stadt an, unterhielt sich Draco mit Henry oder vielmehr ließ sich der Blonde von dem Andern die Funktionsweise eines Motors erklären. Offenbar war er in den Bibliotheksbüchern auf das Thema Autos gestoßen. Natürlich kannte er diese Gefährte, aber er wusste nicht, wie sie funktionierten und anscheinend hatte das Buch auch nur eine unbefriedigende Antwort geliefert.
Hermine schmunzelte ein wenig darüber, aber offenbar ertrug es Draco nur sehr schlecht, etwas nicht zu wissen. Wenn Astoria wirklich so gewesen war, wie er ab und an erzählte, wunderte es sie kein bisschen, dass Belinda einem Löcher in den Bauch fragte. Die hatte sich mit ihrer Erklärung, ob die Sonne nachts schlief übrigens zufriedengegeben.
Ein Stückchen Brot fiel ihr in den Schoß, als sie von der Scheibe abbiss. Sie blickte nach unten und klaubte es auf. Dabei blieben ihre Augen an Dracos Arm hängen. Er hatte beide auf den Oberschenkeln unter dem Tisch abgelegt und die Unterseite seiner nackten Unterarme war so weit nach oben gedreht, dass sie auf dem linken nur zu deutlich das Dunkle Mal erkennen konnte.
Seit er sie im Zoo so angegangen hatte, hatte sie zuerst krampfhaft versucht es nicht mehr zu beachten und schließlich hatte sie sich so an den Anblick gewöhnt, dass sie es glatt vergessen hatte. Sie hatte es vorher noch nie bewusst von so nah gesehen. Die Haut schien an den schwarzen Stellen wulstig. Wie bereits im Zoo fand sie, dass es seine glatte weiße Haut verunstaltete und dass es wie eingebrannt wirkte. Ein Brandmal, erzeugt durch schwarze Magie. Eine Magie, die offensichtlich verhinderte, dass es verschwand. Hermine fragte sich, wie genau sie wirkte, war sich aber gleichzeitig nicht sicher, ob sie es wirklich wissen wollte. Wenn Voldemort sie verwendet hatte, musste sie tiefschwarz sein, so wie das Symbol selbst. Etwas, wovon man besser die Finger ließ.
Beinah hätte sie die feine Linie, dicht neben dem Totenkopf übersehen. Eine Narbe. Ein heller, dünner Strich. Unauffällig im Gegensatz zu dem eingebrannten Zeichen. Woher mochte er die wohl haben? Sie zog sich vom Schädel über den ganzen Unterarm bis zum Kopf der Schlange hinab.
Plötzlich spürte sie, wie eine schlanke, aber trotzdem kräftige Hand ihre Kehle packte und sie zwang den Kopf zu heben. Sie blickte direkt in Dracos eisblaue Augen. Er war kaum einen Zentimeter von ihr entfernt und er war wütend. Sie konnte das zornige Funkeln in seinen Augen erkennen.
„Was habe ich dir gesagt?", zischte er.
„Entschuldige, ich wollte nicht…", fing sie an.
„Was habe ich dir bereits im Zoo mehr als deutlich gesagt? Hör auf es anzustarren! Lass das endlich sein!"
Hermine nickte und spürte, wie sich der Druck um ihren Hals löste, als er von ihr ließ und sich abwandte.
Keiner der noch Anwesenden hatte sich getraut etwas dazu zu sagen, sogar Valerie hatte dieser plötzliche Ausbruch die Sprache verschlagen. Erst als Draco ein wenig später außer Hörweite und mit seiner Tochter beschäftigt war, die ein paar hübsche Blümchen auf der Wiese entdeckt hatte, wandte sie sich ihrer Freundin zu.
„Was war das gerade?", hakte sie nach.
Hermine zuckte mit den Schultern. „Das war ein Einblick darin, wie Draco Malfoy sein kann."
„Aber das ist doch jetzt kein Normalzustand, oder?", mischte sich nun auch Natalie ein und blickte die Brünette leicht besorgt an.
„Nein, das ist mittlerweile nicht mehr normal, denke ich."
Früher ja, da hätte sie diese widerliche Art als durchaus gewöhnlich eingestuft, aber nicht so, wie sie ihn in den letzten Monaten kennen gelernt hat.
„Es war ja auch irgendwie meine Schuld", gestand sie ein. „Ich weiß, wie überempfindlich er reagiert, wenn es um das Mal geht. Außerdem habe ich Val schon erzählt, dass Draco nicht unbedingt der netteste Mensch auf Erden ist. Vielleicht glaubst du mir ja jetzt endlich mal, dass er ein ziemliches Arschloch sein kann."
Die Blonde machte eine abwehrende Handbewegung. Mochte ja sein, aber dass das zur Schulzeit dauerhaft so gewesen sein sollte, konnte sie sich immer noch nicht vorstellen.
„Was hat es eigentlich mit diesem Mal auf sich? Ich hatte ja jetzt eher vermutet, dass das vielleicht eine Jugendsünde ist. Ich mein, manche haben sich dieses tolle Tribal auf den Steiß tätowieren lassen und andere dafür einen Totenkopf mit Schlange."
„Jugendsünde vielleicht, aber das ist kein Tattoo. Wenn es das wäre, gäbe es Mittel und Wege, es zu entfernen. Das ist… Nennen wir es ein Überbleibsel der Vergangenheit. Einer Vergangenheit, die wir wohl beide lieber vergessen würden."
Damit war die Sache für sie abgeschlossen. Kein weiteres Wort würde über ihre Lippen kommen. Der Krieg war Vergangenheit. Er kam zwar immer mal wieder an die Oberfläche, aber sie wollte, dass er dort blieb, wo er hingehörte, in einer zurückliegenden Zeit. Sie wusste, dass sie das Dunkle Mal auf Dracos Arm nicht so intensiv begutachten sollte, dass der Blonde es nicht mochte, aber es ließ sie einfach nicht in Ruhe. Vor allem die Frage, warum es noch da war, kam wieder in ihr hoch und was das für eine andere, kaum sichtbare Narbe daneben war. Sie ahnte dabei nichts Gutes.
Es war spät geworden, als er schlussendlich mit Hermine in der U-Bahn zurück nach Manhattan saß. Belinda hockte neben ihm und beobachtete ihre Füße, wie sie vom Sitz baumelten. Die Kleine war müde vom vielen Spielen und momentan ziemlich still. Schweigen herrschte auch zwischen den beiden Erwachsenen, allerdings eines der eher unangenehmen Sorte.
Draco schluckte schwer. Er hatte überreagiert. Aber er konnte nichts dafür, bei allem, was dieses Ding betraf war er so furchtbar dünnhäutig und er hatte ihr verdammt noch mal gesagt, sie solle es nicht anglotzen! Er mochte das nicht. Er hasste das Zeichen auf seinem Arm abgrundtief. Es erinnerte ihn ständig daran, was er getan hatte, hatte tun müssen, wie er gewesen war und so wollte er einfach nicht mehr sein! Aber Mia… Nun ja, sie meinte es bestimmt nicht böse.
Er atmete hörbar aus und sagte dann leise, ohne sie anzusehen: „Es tut mir leid."
Die Brünette hob den Kopf. Sie war in Gedanken versunken gewesen. „Was?", fragte sie nach.
„Ich sagte, es… es tut mir leid. Vorhin im Park. Das war… nicht richtig."
„Okay." Sie nickte und lächelte ihn zaghaft an. „Ist in Ordnung."
„Nein, ich sollte dich nicht so behandeln. Es ist nur…" Er brach ab. Nicht jetzt, nicht hier.
Hermine spürte, dass er sich nicht wohl fühlte und legte ihm die Hand auf die Schulter. Er wandte ihr sein Gesicht zu und sie lächelte erneut.
„Draco, wir sind Freunde. Ich wusste, dass du das nicht magst und dass du dabei ausflippst. Wenn ich dir sage, es ist okay, dann meine ich das auch so."
„Keine weiteren Fragen?"
„Es wäre nicht so als hätte ich keine, aber ich glaube nicht, dass es der richtige Zeitpunkt ist, um sie zu stellen."
Der Blonde nickte und murmelte: „Danke."
Die restliche Fahrt verbrachten sie wieder schweigend, aber die Stille war angenehmer, als die vorangegangene, nicht so gespannt.
Es war etwa halb elf, als der Blonde schließlich auf dem Rücken in seinem Bett lag. Er dachte schon eine geraume Weile über diesen Tag nach.
Astoria fehlte ihm sehr, aber er musste lernen damit umzugehen. Schließlich traf er eine erste Entscheidung, zog er den Ehering aus und legte ihn auf den Nachttisch. Vielleicht konnte er sich langsam daran gewöhnen ihn nicht mehr zu tragen. Vorerst zumindest nachts nicht.
Aber das war nicht alles, was ihm durch den Kopf ging. Er war unfair zu Mia gewesen und das sollte er einfach nicht sein. Sie waren Freunde und zwar wirklich Freunde. Er war der jungen Hexe dankbar für so vieles, aber heute war nicht sein Tag gewesen. Ganz und gar nicht. Die Ablenkung hatte gut getan, er mochte die Levines und Mia war ihm mittlerweile wirklich wichtig und trotzdem hatte er den ganzen Tag einen kleinen Stein im Magen gehabt, der ihn belastete.
Er musste sein Leben wieder auf die Reihe kriegen, es ordnen. Astorias plötzlicher Tod hatte ihn reichlich aus der Bahn geworfen. Bei diesen Gedanken betrachtete er das kleine Glasfläschchen in seiner Hand mit der purpurenen Flüssigkeit. Nein, er würde versuchen ohne den Trank auszukommen. Er musste es. Musste zumindest probieren öfter ohne ihn durchzuschlafen. Zur Not stand er auf dem Tischchen neben dem Bett. Zur Sicherheit hatte er außerdem einen Stillezauber über den Raum gelegt. Geräusche von draußen drangen zu ihm durch, falls mit Belinda irgendetwas war, aber sollte er wieder einen Alptraum haben, würde er seine Tochter damit nicht behelligen.
Draco stellte die Phiole weg, drehte sich auf die Seite und schlief, mit Belindas Nachtlichttier neben ihm, sie hatte darauf bestanden, dass er es nahm, ein.
Ihr Lieben,
weil ich nach der Narbe neben dem Dunklen Mal gefragt wurde hier eine kleine Erläuterung:
Nein, die stammt nicht aus den Büchern oder Pottermore oder einer sonstigen Quelle von JKR. Die Grundidee, das muss ich gestehen, ist allerdings auch nicht auf meinem Mist gewachsen. Ich bin nun wahrlich nicht die Erste, der in den Sinn kam, dass Draco sich das Mal entfernen will. Übel nehmen kann man ihm das wohl nicht...
Diese Grundlage habe ich in unzähligen, ganz verschiedenen Varianten in ebenso unzähligen Fanfictions gelesen und hier meine eigene Version davon kreiert ;)
Eine ganz eigene, richtige Hintergrundgeschichte gibt es in meinem Kopf dazu natürlich auch, nur weiß ich nicht, ob die sich im Verlauf der Story einbauen lässt...
Ich hoffe, das löst die Irritation etwas :)
Liebe Grüße,
Amira
