Kapitel 19: Lauter Gespräche

Heute war der vierte März. Die Mädchen saßen zusammen beim Frühstück und Kitty schlug vor, heute Nacht auf den Astronomieturm zu gehen. Das gehörte zu den Dingen, die sie während ihres letzten Schuljahrs unbedingt noch hatten unternehmen wollen. Die anderen erinnerten sich an das Vorhaben, fragten sich aber, wie sie das bewerkstelligen sollten, war der Turm doch nachts immer abgeschlossen. Gut, sie könnten das Schloss magisch öffnen, doch waren zur Schlafenszeit immer ein oder zwei Lehrer unterwegs, um für Ruhe und Sicherheit zu sorgen. Es würde schwer werden, überhaupt zum Astronomieturm vorzudringen. Lea schlug schließlich vor: „Du könntest James Potter fragen. Vielleicht hat er eine Idee, wie man ungesehen hinkommen könnte." Kitty stimmte ihr zu: „Wenn jemand so etwas weiß, dann ist es einer der Rumtreiber." Lily nickte. Da hatten die beiden wohl recht. „Ich werde ihn heute fragen, beim Abendessen erzähl ich euch dann, was er mir gesagt hat." Lily nahm sich ein Brötchen und fragte Lea, was sie heute vorhabe? „Ich treffe mich mit Peter in Hogsmeade", erwiderte diese und griff nach ihrem Glas. Kitty fragte neugierig, wie es denn so laufe zwischen ihr und Peter. Lea lachte: „Da ‚läuft' gar nichts. Aber sonst läuft es gut!" Sie streckte der wissbegierigen Freundin die Zunge heraus, verabschiedete sich von ihr und Lily und lief hinaus, um sich fertig zu machen.

Kitty hatte sich mit Alice zum Lernen verabredet und verließ Lily bei der Bibliothek. Lily selbst ging weiter und betrat schließlich die Wohnung. Auf einem der Sofas sah sie James sitzen und etwas lesen, das nach einem Werbeprospekt aussah. Als sie sich ihm gegenüber auf das andere Sofa fallen ließ, erkannte sie, dass es in der Tat ein Werbeprospekt war: Es ging um Flugbesen. Sie lächelte und fragte James, ob er einen Moment Zeit für sie habe. Er legte den Prospekt beiseite. „Aber klar!" Sie lachte ein bisschen verlegen und fragte dann: „Weißt du, wie man nachts auf den Astronomieturm kommen könnte?" Er sah sie verblüfft an, überlegte einen Moment und fragte dann, warum sie denn auf den Turm wolle. Sie erzählte ihm von der Liste mit Dingen, die sie und ihre Freundinnen gerne noch in Hogwarts tun würden und dass einer der Punkte ein nächtlicher Besuch auf den Astronomieturm war. „Ziemlich albern, ich weiß. Es ist halt eine der letzten Gelegenheiten, nochmal so etwas richtig Kindisches zusammen zu machen!" Er nickte grinsend und sagte, dass er ihr vielleicht wirklich helfen könne. „Doch du musst mir versprechen, dass weder du noch Kitty oder Lea es irgendjemandem verraten werdet!" Lily nickte überrascht und war gespannt, was James vorzuschlagen hatte. Er stand vom Sofa auf und ging in sein Zimmer. Gleich darauf kam er mit einem zusammengefalteten Stück silbernen Stoffes wieder. „Das ist ein Tarnumhang." Sie starrte ihn verblüfft an und fragte ungläubig: „Ein Tarnumhang?" Er nickte. „Ich habe ihn von meinem Vater, und der hat ihn von seinem. Es ist ein ziemlich altes Familienerbstück. Und im Gegensatz zu anderen Erbstücken ein ziemlich nützliches!" Sie blickte ihn verwundert an: „Du weißt aber schon, dass Tarnumhänge nicht so lange halten, oder?" James lächelte sie an und schlug ihr vor, ihn mal auszuprobieren. Lily stand auf, warf sich den Umhang um die Schultern und sah an sich herunter. Tatsächlich: Alles, was von dem silbernen Stoff verdeckt wurde, war nicht zu sehen. Sie war fasziniert. Noch nie hatte sie einen Tarnumhang getragen; das war also schon spannend genug. Dass dieser aber schon seit Generationen existieren sollte, konnte sie kaum glauben. Sie legte den Umhang wieder ab und meinte, ein so kostbares Erbstück könne sie doch nicht für eine so unwichtige Unternehmung benutzen. James lachte laut auf und erklärte ihr, dass er und seine Freunde ihn nun schon seit der fünften Klasse nutzten, um sich ungesehen durchs Schloss bewegen zu können. Lily schnaubte. Das war wohl nicht anders zu erwarten gewesen – die Rumtreiber eben! Sie nahm den Tarnumhang an sich, dankte James dafür, dass er ihn ihr anvertraute und versprach, ihn morgen wieder zurückzubringen. James lächelte ihr hinterher. Bald würde er auch losgehen müssen; er wollte heute noch einen Spaziergang nach Hogsmeade machen.

Angelica verließ gerade das Schloss. Sie hatte eigentlich keine Lust, nach Hogsmeade zu gehen, brauchte aber dringend einige neue Federn und Pergamentrollen. Warum musste sich gerade heute ihr Bruder mit ihrem Ex-Freund treffen? Immerhin wusste sie, wo die beiden sein würden, so dass sie eine Begegnung mit ihnen vermeiden konnte. Gerade verließ sie das Schlossgelände, als sie eine Stimme hörte, die ihr vertraut vorkam. „Hey, Angelica, auch unterwegs nach Hogsmeade?" Sie drehte sich um und sah James auf sich zukommen. Sie lächelte. Der Tag würde also doch nicht so schlimm werden, wie sie geglaubt hatte, als sie erfuhr, mit wem sich ihr Bruder heute treffen wollte. Sie wartete auf James und zusammen gingen sie weiter ins Dorf. Unterwegs fragte James, warum sie eben so düster dreingeschaut habe. Sie lächelte ein bisschen verkrampft und wehrte ab, doch er hatte gesehen, dass sie etwas beschäftigte. „Ist irgendetwas geschehen?", fragte er weiter. Sie zögerte. Sollte sie ihm wirklich erzählen, was sie beschäftigte? Sie war sich nicht sicher, ob sie über dieses Thema mit ihm sprechen wollte. Sie sah ihn an und bemerkte seinen aufmerksamen und teilnahmsvollen Blick. Das war nicht der übermütige James, den die meisten kannten, sondern der gute Freund, mit dem sie in den letzten Monaten viele ernsthafte Gespräche gehabt hatte. Kurz entschlossen erwiderte sie: „Ich habe über Graeme Stevenson nachgedacht", und trat dabei einen Stein ins nächste Gebüsch. James dachte einen Moment nach. „Ah, der Große mit dem düsteren Blick und den dunklen Haaren? Was ist mit ihm?" Angelica antwortete düster: „Er ist mein Ex-Freund." Schon bereute sie, darüber gesprochen zu haben. Ärger und Kummer wallten in ihr auf. Warum musste Graeme so besitzergreifend sein? Das war der einzige Grund, warum sie ihre Beziehung beendet hatte! James fragte, warum dieser Freund ein Ex sei und vor allem: warum sie sich so sehr über ihn ärgere. Sie fing an zu erzählen: „Er hat es nie akzeptieren können, dass ich auch einmal etwas ohne ihn machen wollte. Er hing wie eine Klette an mir - und deshalb habe ich mich von ihm getrennt."

James erinnerte sich, dass er sie am Ende der sechsten Klasse häufig zusammen mit einem Jungen auf dem Gelände gesehen hatte. Er rief sich die ruhige Gestalt an der Seite des lebhaften Mädchens in Erinnerung und erkannte, dass das tatsächlich Graeme Stevenson gewesen war. „Ihr wart bis zum Ende des letzten Schuljahres zusammen, oder?", fragte er sie. Angelica nickte und sagte, dass sie sich im September des letzten Jahres von ihm getrennt habe. Sie wirkte mittlerweile traurig und verfiel in Schweigen. Es war kein schöner Herbst gewesen. Sie hatte nun alle Freiheit, die sie sich wünschen konnte; doch ohne Graeme konnte sie lange Zeit nichts mehr wirklich genießen. James legte ihr den Arm um die Schultern und sagte tröstend: „Vielleicht hat er sich geändert? Du solltest es noch einmal mit ihm probieren." Sie schnaubte. „Nicht sehr wahrscheinlich. Und da auch ich mich nicht geändert habe, sehe ich keine Zukunft mit dem Sturkopf!" James lächelte: „Naja, wenn es um Sturköpfe geht, solltet ihr beide doch bestens zusammenpassen. Sehr nachgiebig bist du auch nicht gerade, meine Liebe." Nachdenklich fügte er hinzu: „Ich kann ihn verstehen! Wenn ich mit einem Mädchen zusammen sein könnte, das ich liebe, würde ich auch am liebsten Tag und Nacht mit ihm verbringen." Entwaffnet lächelte nun auch Angelica. „Ach, ihr Romantiker! Deine Zukünftige tut mir jetzt schon leid. Naja, vielleicht solltest du dich mit Graeme zusammentun? Eine große Gemeinsamkeit habt ihr ja schon mal." Laut auflachend setzten die beiden einträchtig ihren Weg nach Hogsmeade fort.

Dort angekommen schlug James ihr vor, mit ihm in die Drei Besen zu gehen, doch Angelica lehnte das Angebot ab und sagte, sie müsse etwas einkaufen. „Ich kann dich begleiten, wenn du willst", bot James ihr an. Sie lachte, meinte aber, dies sei nicht nötig und winkte ihm zum Abschied zu. So betrat James alleine den Pub und setzte sich an einen leeren Tisch am Fenster. Nicht weit entfernt saßen zwei Jungen in seinem Alter. Der eine hatte braune Locken und der andere dichtes, dunkles Haar. Erst auf den zweiten Blick erkannte James in einem der beiden Connal McPherson. Auch Connal war aufmerksam geworden und winkte freundlich herüber. Dann wandte er sich wieder seinem Gefährten zu. Graeme Stevenson, denn um den handelte es sich, fragte: „Ist das nicht Potter aus Gryffindor?" „Richtig", antwortete Connal, „netter Kerl. Er ist mit Angelica befreundet." Graeme nahm einen Schluck Butterbier und sagte dann: „Richtig, ich habe die beiden schon zusammen gesehen." „Wie geht es ihr eigentlich?", fügte er hinzu. Connal sah auf. Seit die beiden sich getrennt hatten, war das Thema Angelica tabu gewesen. Nie erwähnte Graeme Connals Schwester und auch Connal selbst hatte es vermieden, über sie zu sprechen. „Soweit ich weiß, gut. Sie bereitet sich auf die Prüfungen vor. Nun, das tun wir ja alle." Graeme nickte. Connal beobachtete ihn einen Moment lang, dann fragte er vorsichtig: „Seit wann interessiert du dich wieder für sie?" Graeme schüttelte hastig den Kopf. „Ich interessiere mich nicht für sie!", sagte er etwas lauter, als es angebracht war. Er trank sein Glas in einem Zug leer. Connal hob beschwichtigend die Hand. „Ganz ruhig, ich wollte dir nichts unterstellen! Klar, ich finde es schade, dass ihr zwei nicht mehr zusammen seid. Aber du musst zugeben, dass ich mich nie eingemischt habe." Sein Freund sah ihn bedrückt an. „Dafür bin ich dir dankbar! Entschuldige, dass ich dich angefahren habe! Das Ganze macht mir immer noch ganz schön zu schaffen." Für eine kurze Zeit war es ruhig zwischen ihnen, bis Graeme wieder anfing zu reden: „Eine Frage hätte ich noch." Connal blickte ihn fragend an. Graeme räusperte sich und fragte schließlich: „Läuft zwischen deiner Schwester und James Potter etwas? Es sollte mir egal sein, ob sie einen Freund hat; für mich ändert es ja doch nichts, aber ..."

Ernsthaft sah Connal ihn an: „Du hast recht. Egal was du fühlst, es ändert nichts an der Tatsache, dass sie nicht zusammen sind." Graeme dachte, dass er es doch gewusst habe! Natürlich waren die beiden … Moment, was hatte Connal gesagt? Sie waren nicht zusammen? Eine Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung flutete über ihn wie eine Welle. Sie war noch frei! Hätte Connal seine Befürchtungen bestätigt, dann hätte er Angelica aufgeben müssen – und können. Das wäre das endgültige Ende seiner Hoffnungen gewesen und gleichzeitig seine Befreiung. Nun ging das alte Spiel aus Sehnsucht und Qual also weiter. Um sich zu fassen, ging Graeme zur Theke und bestellte ein weiteres Butterbier. Zurück am Tisch fragte er Connal: „Wieso bist du dir da so sicher?" Der Freund antwortete gelassen: „Weil James ganz sicher nicht auf diese Weise an ihr interessiert ist. Er ist ganz offensichtlich in Lily Evans verliebt." „Die rothaarige Schulsprecherin?", fragte Graeme, nur halb bei der Sache. „Naja, er muss es ja wissen." Das schattenhafte Bild eines strebsamen und recht braven Mädchens erschien vor seinem inneren Auge. Dass James Potter das einer so wunderbaren, starken Persönlichkeit wie Angelica vorziehen sollte, war schwer zu glauben. Einen merkwürdigen Geschmack hatte dieser Potter. Nun, solange er sich nicht für Angelica interessierte, konnte er gern anbandeln, mit wem es ihm beliebte.

Am Rand von Hogsmeade lag die heulende Hütte, und vor dieser standen zwei Gestalten. Es waren Peter Pettigrew und Lea Walker. Peter hatte Lea hierher gebeten, um mit ihr über etwas Wichtiges zu sprechen. Er hatte in der letzten Zeit viel nachgedacht und war schließlich zu einem Entschluss gekommen. Er fragte Lea, ob sie sich noch daran erinnere, dass er ihr nach ihrem nächtlichen Ausflug zur Lichtung etwas habe sagen wollen. Sie nickte erwartungsvoll. „Nun ich glaube, es ist an der Zeit, dass ich es nachhole." Er atmete tief durch und begann dann. „Mir hat es so viel Spaß gemacht, mit dir mein Zuhause zu besuchen. Schade, dass es nicht Sommer war. Dann ist es bei uns erst richtig schön!" Lea erwiderte, dass sie ihn ja in den Sommerferien besuchen könnte. „Wir hatten überlegt, auf der Lichtung ein Picknick zu machen, erinnerst du dich?" Er lächelte und nickte; dann sagte er: „Die Zeit die wir in den letzten Monaten zusammen verbracht haben, war wunderbar!" Er schwieg kurz, um die richtigen Worte zu finden, dann fuhr er fort: „Wenn es nach mir ginge, sollte es mehr dieser Momente geben, was meinst du?" Lea lächelte und meinte, dass sie dem voll und ganz zustimme. Sie fügte hinzu: „Meinetwegen soll jeder wissen, dass ich solche Momente gern mit dir teile - und zwar nur mit dir!" Er fragte jetzt sicherheitshalber direkt nach: „Du stimmst also zu, meine Freundin werden zu wollen?" Lea musste lachen, nickte aber heftig und umarmte ihn. Erleichtert und glücklich schlang auch er die Arme um sie. Er war sehr besorgt gewesen, hatte sich verschiedenste Ausgänge ausgemalt; doch nun war er einfach nur glücklich.

Nach einer Weile gingen die beiden zusammen zurück nach Hogsmeade in die Drei Besen, um sich etwas aufzuwärmen. Als sie den Schankraum betraten, kamen ihnen zwei Jungen in ihrem Alter entgegen. Den einen erkannte Peter als Connal McPherson; auch der andere war ein Slytherin, doch an den Namen konnte er sich nicht erinnern. Er ging mit Lea auf den Tresen zu. An einem der Tische sah er James, dem er zunickte. Dann bestellte er etwas zu trinken und widmete seine ganze Aufmerksamkeit dem Mädchen, das nun wirklich und wahrhaftig sein Mädchen geworden war.

Den ganzen Nachmittag über hatte Lily zusammen mit Kitty und Alice in der Bibliothek gesessen und gelernt. Gegen fünf sagte sie, dass sie nun fertig sei und in den Gemeinschaftsraum gehen wolle. „Vielleicht lese ich ein bisschen. Kommt ihr nach?", fragte sie und wandte sich zum Gehen. Nach einem Nicken ihrer Freundinnen verließ Lily die Bibliothek und machte sich auf den Weg zum Gryffindorturm. Als sie ihn betrat, sah sie keinen einzigen Schüler. Sie ging zu den Sesseln am Kamin, setzte sich in einen, packte ihr Buch aus und begann zu lesen. Doch sie kam nicht weit, weil sich plötzlich jemand in den Sessel neben ihr fallen ließ. Sie blickte auf und sah, dass es Sirius war, der sie jetzt ansah. Sie legte ihr Buch auf den kleinen Tisch zwischen den Sesseln und fragte: „Was machst du hier?" Er war der Rumtreiber, den sie am wenigsten kannte und auch am wenigsten mochte. „Ich wollte dir zwei Geschichten erzählen", sagte er ruhig. Sie wollte eigentlich viel lieber weiterlesen, doch das erschien ihr unhöflich, weshalb sie seufzte und ihm zunickte: „Dann erzähl, ich bin ganz Ohr."

Er lächelte und sprach zunächst von seinen Eltern: „Sie gehören zu den schwarzmagischsten von allen. Auch wenn sie selbst keine Todesser sind, teilten und teilen sie vollständig Voldemorts Ideen. Ich war so froh, als ich im ersten Jahr James kennengelernt habe. Er war einer der ersten Zauberer meiner eingeschränkten Bekanntschaft, der nicht an diesen Reinblutschwachsinn glaubte." Er hielt kurz inne und erzählte dann, dass er während der Sommerferien zwischen dem fünften und dem sechsten Schuljahr von Zuhause weggelaufen sei. „Seitdem wohne ich bei den Potters. Ich habe ihnen wirklich viel zu verdanken!" „Das tut mir leid!", sagte Lily. Er blickte sie verwundert an. „Die Sache mit deinen Verwandten", erklärte sie freundlich. Er winkte ab und erwiderte, dass ihn nichts mehr mit diesen Leuten verbinde. „Das einzige, was wir noch gemeinsam haben, ist ein Name." Lily fand das traurig. Sicher, sie selbst hätte ganz sicher nichts mit den Blacks zu tun haben wollen - doch immerhin waren es seine Eltern. Sie merkte genau dies an, woraufhin Sirius ein bellendes Lachen ausstieß. Nachdem er sich wieder beruhigt hatte, sagte er, dass seine leiblichen Eltern sich leider nie als sonderlich liebevoll hervorgetan hätten. „Eiskalte Blicke und Schläge, sobald etwas nicht so lief, wie sie sich das vorgestellt hatten. Seit ich Fleamont und Euphemia kenne, weiß ich, wie Eltern sein sollten!" Lily sah ihn nachdenklich an. Nun verstand sie besser, warum sich James mit Sirius Black angefreundet hatte. Der sehr gutaussehende Sirius war zwar charmant und unterhaltsam, hatte aber einen reservierten und manchmal fast kalten Blick, der sie abgestoßen hatte. War sie zuvor nur mäßig interessiert gewesen, was er ihr erzählen würde, so war sie inzwischen neugierig auf die zweite Geschichte.

„Was ich dir jetzt erzähle, musst du für dich behalten. Kannst du mir das versprechen?", fragte er sie. Lily nickte zögernd und er fuhr fort: „Ich möchte wetten, dass dies auch einer der Gründe ist, warum Professor Dumbledore James zum Schulsprecher gemacht hat." Er schwieg kurz, dann begann er: „Du weiß ja inzwischen schon, dass Remus Lupin ein Werwolf ist, oder?" Sie nickte wieder. „Es war gegen Ende des letzten Schuljahrs, als ich Severus Snape erklärte, wie er die Peitschende Weide lähmen und zu Remus gelangen könnte. Ich muss wohl nicht extra erwähnen, wie dumm und unüberlegt ich gehandelt habe." Lily starrte ihn entsetzt an. Was hatte Sirius getan? „Du hast Severus gesagt, wie er in einer Vollmondnacht zu einem Werwolf kommen kann, und er ist dem natürlich nachgegangen, richtig?", fragte sie ihn zornig. Er nickte und fuhr dann mit seiner Geschichte fort: „Ich habe nicht nachgedacht. Doch ich erzählte James gleich davon. Ich dachte, es würde ihn genauso amüsieren wie mich, aber ich hatte mich geirrt. Er hat mich angeschrien und ist sofort nach draußen gerannt." Nach einer Pause schloss er: „James kam zum Glück noch rechtzeitig, sonst wäre ich wohl von der Schule geflogen. So kam ich damit davon, dass ich für den Rest des Jahres jeden Tag Strafarbeiten mit Snape erledigen musste." Lily fragte sicherheitshalber nach: „James ist Severus also hinterher gegangen und hat ihn da raus geholt? Aber er hätte verletzt werden können, oder?" Sirius nickte und sagte, dass es reinstes Glück gewesen sein, dass keiner von beiden gebissen wurde. „Und sieh mich nicht so wütend an! Ich kann deinen alten Freund Snape auf den Tod nicht ausstehen, wollte ihn aber nicht umbringen. Es war eine dämliche Idee, ihn da rein zuschicken; und ich bin heilfroh, dass James Schlimmeres verhindert hat!"

Ein bisschen steif dankte Lily ihm dafür, dass er ihr so viel anvertraut habe. Sirius wehrte ab und sagte: „Remus und James vertrauen dir. Ich wollte dich einfach ein bisschen besser kennenlernen und dir einiges erzählen, was du wissen solltest." Er stand auf. „Es ist spät geworden. Lass uns zusammen runter zum Abendessen gehen." Lily stand auf, packte ihr Buch in die Tasche, und zusammen gingen sie runter in die Große Halle.

Beim Abendessen saßen die Mädchen wieder zusammen und Lea fragte Lily, ob sie mit James gesprochen habe. Lily nickte und erzählte Lea und Kitty im Flüsterton vom Tarnumhang. „Ihr dürft aber niemandem davon erzählen, dass musste ich ihm versprechen", fügte sie am Ende leise hinzu. Beide versicherten ihr, dass niemand ihnen dieses Geheimnis würde entlocken können. Sie aßen in Ruhe auf und verließen dann bald die Halle. In der Schulsprecherwohnung bereiteten sie ihren Ausflug vor. Lea hatte einige Süßigkeiten mitgebracht, mit denen sie es sich auf dem Astronomieturm würden gemütlich machen können. Sie hatten vor loszugehen, wenn die Nachtruhe begann. Um zehn Uhr machten sie sich unter dem Tarnumhang auf den Weg. Sie mussten sehr langsam und vorsichtig gehen, denn sie waren schon fast zu groß, um zu dritt unter den Umhang zu passen. Nach einer gefühlten Ewigkeit standen sie endlich vor der Tür zum Turm. Lily zückte ihren Zauberstab und öffnete die Tür. Schnell schlüpften sie hinein und verschlossen die Tür von innen. Sie stiegen die steile Wendeltreppe hoch, bis sie schließlich auf die Plattform hinaustraten. Hier legten sie den Tarnumhang ab und sofort beschwor Lily ein ganz kleines Feuer herauf, damit es nicht zu kalt wurde. Dann legten sie eine Decke auf den Boden und die Naschereien in die Mitte. Die Mädchen setzten sich um das Feuer herum, und als alle sich etwas zu essen genommen hatten, fragte Lily, wie Leas Tag gewesen sei? Lea antwortete lächelnd: „Ach, ganz unspektakulär. Mit Ausnahme vielleicht der Tatsache, dass ich jetzt tatsächlich Peters Freundin bin." Die anderen starrten sie überrascht an und klatschten dann freudig in die Hände. „Herzlichen Glückwunsch! Im Vergleich dazu war mein Tag kaum der Rede wert", sagte Kitty. Lea blickte sie neugierig an. Kitty wurde ein wenig rot und lenkte rasch ab, indem sie Lily fragte, ob sie etwas Spannendes erlebt habe. Doch Lily ging nur kurz darauf ein: „Ich war eigentlich den ganzen Tag mit dir in der Bibliothek, also muss entweder etwas ganz zu Beginn oder ganz zum Schluss geschehen sein. Klär uns auf!" Kitty, die nun keinen Ausweg mehr sah, begann zu berichten. „Nachdem du gegangen warst, hat sich auch Alice auf den Weg gemacht. Sie hatte sich draußen mit Frank verabredet. Ich wollte gerade auch aufstehen, als Connal sich zu mir gesetzt hat. Er hat mich gefragt, ob ich am elften März mit ihm nach Hogsmeade gehen möchte. Ich habe zugesagt." Als Lily daraufhin lächelte, meinte Kitty verlegen, dass das nun wirklich nichts Besonderes sei. „Ach Kitty, es ist der Anfang von etwas Besonderen, glaub mir", sagte Lea und strahlte ihre Freundin an. Kitty erwiderte das Lächeln, und nun genossen die Freundinnen ihren ein bisschen albernen, aber doch auch spannenden kleinen Ausflug ganz unbeschwert. Um Mitternacht machten sie sich schließlich auf den Rückweg. Nach einer Dreiviertelstunde waren sie endlich am Porträt der fetten Dame, denn zwischendurch hatten sie Professor McGonagall ausweichen müssen. Hier trennte sich Lily von ihren Freundinnen und machte sich allein und deutlich schneller auf den Weg zu ihrer Wohnung. Sie legte den Tarnumhang mit einer schnell geschriebenen Karte vor James' Tür und ging dann rasch ins Bett, um noch genug Schlaf zu bekommen. So ging der Tag endlich auch für die ausdauerndsten Schüler zu Ende.

Anmerkung des Autors

Guten Tag!

Ich hoffe Euch hat das Kapitel gefallen. Am zwanzigsten Juni 2018 um 12:00 mittags wird ein Oneshot mit dem Titel "Die Sommernacht der Liebe" hochgeladen werden.

Viele Grüße

Narusaku