So meine Lieben, es geht wiedermal weiter.
Diesmal ist es wieder etwas Ernsteres und auch mein erster Songfic in dieser Sammlung.
Außerdem wurde es sogar betagelesen und ich danke Blaubeermuffin von dafür.
Das Lied ist von Silbermond, befindet sich auf ihrem Album -Himmel auf- und heißt Waffen.
Es werden auch die österreichischen Oc auftauchen, Personenliste findet ihr im zweiten Kapi.
Die Ereignisse von Schattendorf und der Justizpalastbrand 1927 werden heute oft als Auftakt der darauffolgenden Ereignisse angesehen (österreichischer Bürgerkrieg 1934 und die Einführung des Ständestaates). Wer nicht einmal eine Grundahnung über die Ereignisse von 1927 hat, oder überhaupt nicht weiß wie es in den zwanziger Jahren in Ö aussah, würde ich empfehlen den historischen Kontext zuerst durch zu lesen. Ihr findet ihn wie immer unten.
Sollten noch Fragen auftauchen, einfach bei mir melden.

Lg, Sternenschwester

PS: Ach ja eine Sache noch. Ich habe begonnen die österreichischen Oc zu zeichnen. Die Bilder findet ihr auf meinem Account von Animexx ( fanart/zeichner/215162/) Sch-Schrei

Sch-Schrei (1927 – Justizpalastbrand)

Man zeigt nicht mit Waffen auf

andere Leute

man zeigt nicht mit Waffen auf

Niemand und Nichts

Oh die Brüder von gestern sind

die Gegner von heute

und jeder Schuss kommt irgendwann

irgendwann zurück

Damals hatte sich Franziska die Seele aus dem Leib geschrien. Roderich konnte sich bis heute lebhaft an die Szenerie erinnern. Sie alle waren um Hedwig versammelt gewesen und hatten zusehen müssen, wie dieses junge Geschöpf auf ihrem Schoß, so lange geweint und geschluchzt hat, bis es vor Erschöpfung an der Brust der Steierin eingeschlafen war. Nur hatten sie damals nicht vorausgeahnt wie weit das Unglück reichen wird. Sie hatten gemeint es läge sicher am jungen Alter dieser Nation, obwohl Franziska keine Nation ist und im Gegensatz zu seinen Geschwistern nie eine gewesen war. Das dieses kleine Mädchen um die Toten von Schattendorf in diesem Maß getrauert hatte, war von ihnen nur mit freudlosen Lächeln begleitet worden. Schon so viele waren wegen ähnlicher Zusammenstöße verletzt, geschädigt oder gar getötet worden. Zwar waren sie sich alle einig das jeder Tote einer zu viel war. Doch die Zeit ließ einem gegenüber solchen Vorkommnisse abstumpfen, sodass sie meinten das Kind verschwendete seine Tränen unnötig, da mit größter Wahrscheinlichkeit bald wieder Tote zu beklagen seien.

Völker der Welt

rüstet euch auf

kauft euch Pistolen

geht an die Front

sichert den Frieden

mit neuen Kanonen

Sie müsste sich erst an ihre Rolle gewöhnen, meinte Adelheid. Hedwig hatte sich am Anfang ähnlich verhalten, meinte Katharina. Sie ist dem Schicksal gegenüber noch zu weich, meinte Anges. Anges sollte die Klappe halten, meinte Salvatria. Sie alle sollen aufhören in einer solchen Situation vor dem Kind zu streiten, meinte Hedwig, während sie beruhigend den zierlichen Leib hin und her schaukelte. Roderich meinte nichts dazu und schwieg.

Füllt euer Pulverfass

bis zum Rand

So voll wie unser Magazin

So leer ist der Verstand

Hätten sie die Zeichen der Zeit besser gedeutet. Vielleicht war es Ironie des Schicksals das einzig und alleine Franziska den Ernst der Lage verstanden hatte. Dieses Kleinkind, welches niemals einen selbst bestimmten Weg gegangen war. Niemals eine Markgrafschaft, Herzogtum oder Grafschaft repräsentiert hatte. Ein Mädchen mit verstrubeltem, braun-grauem Haar und leuchten grünen Augen. In Zeiten des Übermutes, ein Wildfang, welcher Leben in den krisengeschüttelten Alltag von Roderichs Familie brachte. Denn die politische Situation schlitterte von einer Krise in die nächste. Kaum hatten sie die ersten Schwierigkeiten bezüglich ihres neuen Status als Republik überwunden, so begannen die Reibereien zwischen den Christlichsolzialen und den Sozialdemokraten. Reibereien, welche einen tödlichen Ernst bekamen, je mehr das Misstrauen, die Verachtung und der Hass das politische Klima vergifteten. Jede Seite rüstete ihre Leute aus und ab da hätte bei ihnen allen die Alarmglocken heftigst zu läuten beginnen sollen! Doch sie ignorierten diesen Wink des Schicksals, sie alle bis auf Franziska.

Völker der Welt

rüstet euch auf

Bis an die Zähne

Denn der mit dem längeren Lauf sitzt

am längeren Hebel

Fassungslos sah er dem rauchenden Gebäude zu, wie es immer mehr von den Flammen in Besitz genommen wurde. Er war schon heute Früh mit einem schalen Geschmack aufgestanden, doch hatte er niemals gedacht dass es solche Ausmaße annehmen würde. Um ihn herum herrschte Chaos. Leute schrien, keiften, grölten und so manch einer lachte. Doch er nahm nichts vom Trubel wahr, welcher um ihn herum herrschte. Wie weit hat es nur kommen können. Hatte Franziska recht gehabt, als sie all ihre Tränen wegen Schattendorf vergossen hatte? Nein, nicht mal sie hätte sich mit ihrem kindlichen Geist, den Urteilsspruch und die Protest der Leute ausmalen können. Dafür war sie viel zu klein. Dafür fehlten ihr die politische Weitsicht. Aus den Augenwinkeln bemerkte er wie Demonstranten die Feuerwehr daran hinderte ihre Arbeit zu tun. Wie hatten sie nur in dieses Tollhaus rein schlittern können? Warum zerriss sich sein Land in zwei Teile? Plötzlich ertönten Schüsse und durch die vermehrt erklingenden Angstschreie erwachte er aus seiner Lethargie.

Wir tanzen auf Messer und Schneide

stehen kurz vorm Rand

ist nur eine Frage der Zeit

dann geht einer zu weit

Der Himmel war verhangen vom Rauch und das Festmahl des Feuers hatte sich selbst aus dieser Distanz stechend in seine Geruchsnerven verbissen, dass er, selbst als er völlig verstört die gemeinsame Wiener Wohnung betrat meinte, er stünde noch immer vor dem qualmenden Gebäude.

Im schlichten Vorzimmer rannte ihm das kleine Burgenland entgegen und schmiss sich ihm in die Arme. Kummervoll drückte er den kleinen Leib gegen seine Brust und ließ es zu, dass kindliche Tränen seine Haare benetzten.

Hedwig kam aus der Küche, wobei sie sich die Hände in einem Geschirrtuch abwischte. Das Radio krächzte hinter ihr und aus ihrer Miene konnte der Braunhaarige entnehmen, das auch sie in Kenntnis der Ereignisse war. Behutsam nahm er Franziska auf den Arm und ging mit ihr ins Wohnzimmer, während das Kind leise gegen seine Brust schluchzte.

Im Wohnzimmer hatte sich die restliche Sippe versammelt, wobei er durch die gelegten Karten und der Art wie Salvatria die Karten mischte sah, dass die Gedanken seiner restlichen Schwestern nicht beim Tarockieren waren. Nach einem kurzen Blickaustausch mit den anderen Familienmitgliedern stellte sich Roderich an eines der Fenster, welche der Straße zugewandt waren.

„Was ist denn nun wirklich passiert Roderich?"

Adelheid rutschte unruhig auf ihren Sessel hin und her. In ihrer Stimme schwang ängstliche Unsicherheit mit.

„Sie haben Freispruch erhalten."

Er konnte hinter seinen Rücken deutlich vernehmen, wie Hedwig auf seine trockene Antwort hörbar, zornig die Lippen schürzte. Bevor sie jedoch zu Wort kommen konnte, sprach das ehemalige Erzherzogtum einfach weiter.

„Der Justizpalast brennt, aber ich glaube das wusstet ihr schon."

„Und weiter?", keifte Anges ungehalten in ihrer barschen Art.

„Sie haben in die Menge geschossen!"

Mühsam hielt er den emotionslosen Unterton bei, welcher die Familie eher von der Ältesten, Katharina gewohnt waren, aber nicht von ihm.

Krachend fiel hinter ihm ein Stuhl um und erschrocken wandte er sich mit dem erneut aufheulenden Kind im Arm um. Anges war wütend aufgestanden, wobei sie zornig derart die Fäuste zusammenballte, dass diese aufgrund des plötzlich eintretenden Blutmangels ganz weiß wurden. Salvatria und Katharina waren ebenfalls aufgehüpft. Die eine um sich eiligst vor ihrer Tischnachbarin in Sicherheit zu bringen, die andere um eine der einzigen Sachen zu tun, welche die Tirolerin in ihrem Zorn einigermaßen besänftigte. Behutsam legte sie den Arm um die spitzen Schultern der Schwarzhaarigen und zog sie zu sich, wobei sie sanfte Worte murmelte. Bestürzung fand sich in allen Mienen wieder. Adelheid sammelte hölzern schnell alle Karten ein.

„Adelheid, Salva! Helft mir das Essen auf den Tisch zu bringen."

Hedwig winkte mit dem Geschirrtuch die Anwesenden zu sich und löste somit die versammelte Runde für einen Augenblick auf. Ihre Stimme hatte zwar gefasst geklungen, aber beinhaltete dennoch einen sehr bitteren Beigeschmack.

Alleinig das verstummende Schluchzen Burgenlands und das melodische Murmeln Kärntens erfüllten den Raum, während Roderich in dieser Stille bekümmert die dunklen Rauchschwaden beobachtete, welche selbst von hier zu sehen waren. Immer wieder fragte er sich wohin das alles nur führen sollte, bis er merkte das Franziska in seinen Armen eingeschlafen war.

Oh man zeigt nicht mit Waffen auf

andere Leute

man zeigt nicht mit Waffen auf

auf Niemand und Nichts

oh die Brüder von gestern sind

die Gegner von heute

denn jeder Schuss kommt irgendwann

irgendwann zurück

Historischer Kontext:

°30 Jänner 1927:„Ein in der ersten Republik fast alltäglicher Zusammenstoß, zwischen Mitgliedern des Republikanischen Schutzbundes und der Frontkämpfervereinigung im burgenländischen Schattendorf findet ein blutiges Ende: Drei Frontkämpfer schießen blindlings auf fünf Schutzbündler, verletzten fünf von ihnen und verwunden zwei Unbeteiligte tödlich. (…) Bis zu diesem Zeitpunkt beträgt die Zahl der bewaffneten politischen Zusammenstöße seit Kriegsende in Österreichereits 65, die 80 Tote und 176 Schwerverletzte forderten."

Aus: Prof. Walter Kleindel „Die Chronik Österreichs"; 1984, Dortmund;
Chronik Verlag

°Frontkämpfervereinigung: „Die Frontkämpfervereinigung ist ein mehrere tausend Mann starker Wehrverband, der nach eigener Angabe, „die Liebe zur Heimat pflegte", und Juden, Kommunisten und Sozialdemokraten die Aufnahme verweigerte. Später ging der Verband ins Lager von Hitlers Nazionalisten über."

Aus dem Lehrbuch: GS-Meilensteine der Geschichte, Band 4; 1993, Linz; Veritasverlag

°Republikanischer Schutzbund: 1923/24 aus den Ordnerformationen der Sozial-Demokratischen Partei gebildete paramilitärischen Organisation, die einheitlich uniformiert, in Kompanien, Bataillonen, und Regimentern gegliedert und gut ausgerüstet war.

Aus: Richard und Maria Bamberger, Ernst Bruckmüller, Karll Gutkas; Österreich Lexikon in zwei Bänden, Band II (M-Z); 1995, Wien; Verlagsgemeinschaft Österreich-Lexikon

°"Am 14 Juli waren von einem Wiener Geschworenengericht drei rechtsradikale Mitglieder der Frontkämpfervereinigung, die bei einer Demonstration im burgenländischen Schattendorf einen Invaliden und ein Kind erschossen hatten, freigesprochen worden. Dieses unverständliche Urteil empörte die Wiener Arbeiterschaft, die daraufhin am nächsten Tag die Arbeit spontan niederlegte und in die Innenstadt zog. Im Verlauf der folgenden Demonstrationen, die ständig eskalierten, wurde der Justizpalast in Brand gesteckt, worauf die Polizei den Schußbefehl erhielt, 89 Menschen fanden den Tod. Hunderte wurden verletzt. Auch der überaus populäre Wiener Bürgermeister Karl Seitz, der sich seit 1923 im Amt befand konnte trotz persönlichen Einsatzes die wütenden Menge nicht im Zaume halten. Das politische Fazit dieser schrecklichen Vorgänge war ein Erstarken der bürgerlichen Regierung nahestehenden Heimwehren, die ihr Vorbild im italienischen Faschismus sahen, die innenpolitischen Auseinandersetzungen. Auch die Nationalsozialisten gewannen zunehmend an Boden."

Aus Isabella Ackerl, „Die Chronik Wiens"; 1988, Dortmund; Chronik Verlag