Kapitel 21:
Harry saß zusammengesunken in einem weichen Sessel vor dem Kamin und blickte in die Flammen.
Ron und Hermine waren schon zu Bett gegangen.
Harry dachte an den letzten der vier Sammler, den er erst vor ein paar Stunden besucht hatte. Das war in Paignton, Torbay gewesen, einem netten Dorf an der Küste.
Harry wollte sich zunächst nur interessiert die umfangreiche Sammlung ansehen, um anschließend dann den Sammler nach einer Geschirrlieferung aus Deutschland zu fragen.
Doch bis zu der Frage war er gar nicht erst gekommen, denn der Mann, der sich als Besitzer ausgegeben hatte, versuchte Harry schon wieder zu vertreiben, noch bevor er sich der ersten Glasvitrine mit Porzelan auch nur genähert hatte.
„Junge Leute, macht alles nur kaputt," hatte er gewettert, als er Harry erspäht hatte. „Raus hier, raus!"
Harry hatte es freundlich versucht, er hatte es wütend versucht und schließlich auch noch auf die verzweifelte Tour. Er hatte so getan, als suche er für seine reiche Großmutter ein passendes Geburtstagsgeschenk. Doch hatte der alte Mann daraufhin nicht die gewünschte Reaktion gezeigt und ihn stattdessen durch Schupser in den Rücken zur Tür hinausbefördert.
Harry war daraufhin so wütend geworden, dass er die Hände zu Fäusten geballt, auf den Absätzen kehrt gemacht hatte und geradewegs wieder in die kleine Kunsthalle zurück gestiefelt war.
Der alte Sammler war nicht schlecht überrascht gewesen, kniff verärgert die Augenbrauen zusammen.
Harry hatte seinen Zauberstab schon gezogen und dem Sammler einen Garrire-Fluch auf den Hals gehetzt, noch ehe dieser zu einer Verwünschung Luft holen konnte.
Der Fluch war einer von denen gewesen, die Harry von dem Halbblutprinzen gelernt hatte. Er hatte ihn bisher erst ein einziges Mal ausprobiert. An Neville, als dieser in einer besonders unangenehmen Situation mit Draco Malfoy kein einziges Wort über die Lippen gebracht hatte. Harry hatte ihm nur helfen wollen. Das Ergebnis war zwar nicht wirklich das gewesen, was Harry gehofft hatte, aber es hatte seine Wirkung getan.
Der Fluch ließ nämlich den Verfluchten zehn Minuten lang ununterbrochen reden. Das Problem bei der Sache war nur, dass diejenigen nicht nur das sagten, was sie schon immer mal loswerden wollten, sondern auch Dinge, die sie sonst niemals ausgesprochen hätten.
Die anschließenden zehn Minuten in der kleinen Kunsthalle waren für Harry nicht gerade die angenehmsten, aber doch lohnend genug, dass er erfuhr, den armen Mann umsonst verflucht zu haben.
Harry war frustriert. Die einzige Spur zu Hufflepuff's Tasse zerrann ihm zwischen den Fingern wie Sand.
„Die Schlange, das Medaillon, die Tasse, etwas von Gryffindor oder Ravenclaw…", lamentierte er wieder mal vor sich hin.
Wie sollte er an diese Schlange herankommen? Sie war ausschließlich in Voldemort's Gesellschaft anzutreffen. Die Tasse war erst mal in unerreichbare Sphären gerückt und der Gegenstand von Gryffindor oder Ravenclaw wollte ihm auch einfach nicht von alleine in den Schoß fallen. Auch wenn noch eine gewisse Hoffnung bestand.
Der einzige Horkrux, der noch in erreichbarer Nähe schwebte, war das Medaillon. Morgen würde diese Verhandlung stattfinden. Das könnte die letzte Gelegenheit sein, mit Dung darüber zu sprechen.
Harry kreuzte die Finger.
Diesmal musste er einfach etwas mehr Glück haben!
Dann wanderten seine Gedanken zu dem Türklopfer.
Ron und Hermine hatten sich die letzten Tage, als Harry sich mit skurrilen, schrulligen Kunstsammlern herumgeschlagen hatte, intensiv mit ihm beschäftigt. Sie hatten alles Mögliche versucht, ihn von der Tür wegzubekommen, ihn zu zerstören oder in irgendeiner Weise dazu zubringen, etwas von seinem Geheimnis zu lüften. Sie waren dabei nicht sonderlich erfolgreich gewesen.
„Das Teil ist unverwüstlicher als mein Onkel Erril, und das will wahrlich was heißen," hatte Ron an einem Abend gestöhnt.
Das einzige, was Hermine hatte herausfinden können war, dass der Zauber, der über dem Türklopfer ruhte, mit dem Schutzzauber, der das gesamte Haus bewachte, gekoppelt war.
„Frag bloß nicht, wie sie das herausgefunden hat," hatte Ron gemeint, als Harry schon zu einer Frage ansetzen wollte. „Es sei denn, du stehst drauf, stundenlangen Erklärungen zu lauschen und am Ende nicht mehr zu wissen, um was es eigentlich ging."
Hermine hatte ihren Freund daraufhin mehr als wütend angesehen und den restlichen Abend über kein Wort mehr mit ihm gewechselt.
Harry hatte sie später trotzdem noch mal darauf angesprochen, als Ron gerade nicht im Raum war.
„Es ist im Grunde genommen ganz einfach," hatte sie nur gemeint und dabei immer noch leicht schmollend geklungen. „Es sei denn, man heißt Ronald Weasley."
„Erklärst du es mir nun?", fragte Harry.
„Ich habe einen Feuerzauber auf den Türklopfer angewendet, aber du weißt ja selber, wie der Klopfer darauf reagiert."
„Er schluckt ihn einfach."
„Genau. Ich habe dann den gleichen Zauber auf die Tür selber versucht. Und rate, was passiert ist."
„Hermine, ich hab keine Lust zu raten."
„Gar nichts," antwortete sie. „Es ist gar nichts passiert, als hätte die Tür selber den Zauber geschluckt, so wie der Türklopfer. Also denke ich, dass es da einen Zusammenhang geben könnte."
„Dann kann es aber doch sein, dass es einfach nur ein und derselbe Zauber ist, der sowohl das Haus als auch den Türklopfer bewacht," überlegte Harry. „Dann ist es wahrscheinlich gar kein Horkrux. Verdammt!"
„Nicht so voreilig, Harry," hatte Hermine geantwortet und dabei wissend gegrinst. Harry konnte es gar nicht leiden, wenn sie so grinste. „Wir haben nämlich noch etwas gefunden. Komm mit."
Und damit war sie aufgestanden und Harry war ihr zur Haustür gefolgt, an der der Löwenkopf hing und aussah, als könnte er kein Wässerchen trüben.
Hermine deutete mit dem Finger unter den Messingring, der zwischen den spitzen Zähnen des Löwen hing. Harry musste sich sehr den Hals verrenken, um sehen zu können, was sie meinte. Ganz klein, und vom Zahn der Zeit schon fast bis zur Unkenntlichkeit abgetragen, konnte er dort, mit Unterstützung von Hermines leuchtendem Zauberstab, die Initialen GG erkennen.
„Du meinst…."
„Godric Gryffindor," war Hermine ihm ins Wort gefallen. „Was sollte es sonst heißen. Wir wissen also, dass dieser Türklopfer aus dem Besitz der Gryffindors stammt, ergo kann er sehr wohl ein Horkrux sein."
„Jetzt fehlt eigentlich nur noch ein blendender Einfall, wie wir ihn vernichten können," hatte Harry vor sich hin gebrummt.
Den restlichen Abend hatten sie zu dritt darüber diskutiert, wie, wann und warum Lord Voldemort nach Godric's Hollow gekommen sein könnte, um hier einen Horkrux zu schaffen.
Die Theorien wurden immer wirrer, bis sie es schließlich aufgaben.
„Wir müssen einfach weiterhin versuchen, ihn irgendwie zu zerstören," hatte Hermine die Diskussion erschöpft beendet.
„Witzig, Hermine," hatte Ron gespottet. „Hast du dafür vielleicht auch noch eine genial Idee parat?"
Doch sie hatte keine.
Harry hatte an die Knallfrösche, die er von Nellie bekommen hatte, gedacht. Er war aber zu müde gewesen, um eine neue Debatte über deren Einsatz zu entfesseln. Er konnte es immer noch ein anderes Mal ansprechen.
Während Harry so alleine vor dem Kamin saß und über die Ereignisse der letzten Tage nachdachte, fielen ihm beinahe die Augen zu. Es war schon mitten in der Nacht, das Feuer war fast heruntergebrannt und er begann zu frieren.
Er musste an Ginny denken, und wie schön es doch wäre, jetzt mir ihr hier zu sitzen.
Oder mit Nellie? Nein, Nellie war eine Freundin, sie war wie eine Schwester, mit ihr war es anders, wie mit Ginny.
Ginny ließ sein Herz in einem ganz anderen Takt schlagen, sie verzauberte ihn nur durch ihre Anwesenheit.
Einen Moment lang war Harry versucht, per Flohpulver ins Hauptquartier zu reisen und Ginny zu besuchen. Niemand würde davon etwas erfahren. Doch wenn er dann wieder gehen müsste, würde der Abschied nur wieder doppelt schwer fallen.
Als er Nellie am Sonntag nach Hause gebracht hatte, war Ginny nicht zu Hause gewesen und dabei vermisste er sie so sehr. Vielleicht wäre sie morgen bei der Verhandlung da. Sicher wusste sie davon und sicher vermisste sie ihn ebenso sehr.
Mit diesem Gedanken hievte Harry sich aus dem Sessel hoch und schleppte sich in gedrückter Stimmung auf sein Zimmer.
Am nächsten Tag macht Harry sich gemeinsam mit Ron und Hermine mit gemischten Gefühlen auf den Weg zum Ministerium.
Er hatte keine Lust, dieses Gebäude schon wieder betreten zu müssen. Dieses Mal würde er Scrimgeour sicher nicht so einfach wie beim letzten Mal entkommen können. Er hatte aber auch keine Lust darauf, Dung zu sehen. Den Mann, der Harry's toten Paten bestohlen hatte. Den Mann, der keine Skrupel davor hatte, das Familiensilber der Blacks zu verhökern, obwohl er ein Mitglied des Phönixordens war. Aber auf der anderen Seite brauchte Harry diese möglichen Informationen über den Verbleib des Medaillons! Er brauchte endlich ein Erfolgserlebnis!
Hermine sah Harry besorgt von der Seite an, als sie in den Kamin stieg und als erste nach London reiste. Ihr, und auch Ron, war Harry's gedrückte Stimmung schon den ganzen Morgen aufgefallen, doch hatte sie nichts dazu sagen wollen.
Hermine und Ron hatten, seit sie nach Godric's Hollow gekommen waren, gelernt, mit Harrys' wechselhaften Launen zu leben. Sie erklärten es sich mit dem Druck, unter dem er stehen musste, mit seiner Angst vor dem Versagen und auch mit der enormen Verantwortung, die auf ihm lasten musste.
Als die Drei schließlich gemeinsam in der riesigen Empfangshalle des Zauberei-Ministeriums standen, herrschte um sie herum Hochbetrieb.
Gerade als sie beim Empfangsschalter ihre Zauberstäbe zur Kontrolle vorgelegt hatten und nach dem Weg zu der Verhandlung über Mundungus Fletcher fragen wollten, kam ihnen Arthur Weasley entgegen gelaufen.
„Harry! Hermine!", rief er, drückte dann seinen Sohn herzhaft an sich und strahlte die Drei an. „Auch wenn ich nichts mehr von euch gehört habe, dachte ich mir doch, dass ich euch heute hier treffen würde."
„Vielen Danke, Mister Weasley, dass sie uns helfen, mit Dung zu sprechen," sagte Harry höflich.
Im nächsten Moment sah er einen roten Haarschopf um die Ecke biegen und auf sich zu stürmen.
„Harry!"
Eine Sekunde später fühlte Harry, wie sein Herz einen doppelten Salto hinlegte und einen Takt schneller schlug. Das Mädchen, das ihm gerade so freudig um den Hals gefallen war, ließ ihn alle trüben Gedanken der letzten Tage mit einem Schlag vergessen.
„Ginny," hauchte er ihr ins Ohr, fuhr mit dem Händen durch ihr Haar und küsste sie zärtlich auf die weichen Lippen.
Ginny strahlte und sah so glücklich aus, dass Harrys Knie ganz weich wurden. Er küsste sie ein zweites Mal und hätte diesen Moment noch länger dauern lassen, wenn nicht ein genervtes Hüsteln hinter ihm, die Stimmung zerschlagen hätte.
„Ich hatte gedacht, es ginge hier um was wichtigeres, als um eure Gefühlsduseleien!"
Harry drehte sich um, nicht ohne Ginny dabei weiter fest an sich zu drücken, und sah Nellie an einer Marmorsäule lehnen. Sie grinste frech und kam dann auf die kleine Gruppe zu.
„Was macht ihr denn alle hier?"
Die Frage hatte Harry schon vorher auf der Zunge gelegen, war ihm bei Ginny's Umarmung aber wieder entfallen.
„Was für eine nette Begrüßung!"
Nellie umarmte Harry kurz, feixte dann zu Ginny und sah Mr. Weasley an.
„Ich konnte es ihnen nicht abschlagen," meinte der und lachte dabei. „Warum auch nicht?"
Harry fiel in diesem Moment wieder ein, warum er eigentlich hier war, und dass, bis auf Ron und Hermine, keiner der Anwesenden wusste, worum es in dem Gespräch mit Dung eigentlich gehen sollte.
„Ich freue mich, euch zu sehen," sagte er dann an die Mädchen gerichtet und lächelte dabei überzeugender, wie er vermutet hätte.
„Das hoffe ich doch," schnurrte Ginny und kuschelte ihren Kopf an Harrys Schulter.
„Wann kann ich mit Dung reden?", fragte Harry Mr. Weasley, der seine Tochter amüsiert betrachtet hatte und nun seinen Sohn ansah, der seiner Schwester genervte Blicke zuwarf.
„Er wartet gemeinsam mit den anderen Verurteilten in einer kleinen Kammer bei den Sitzungssälen," antwortete er dann und machte den Teenagern ein Zeichen, ihm zu folgen.
Die kleine Gruppe quetschte sich gemeinsam in einen der überfüllten Fahrstühle, die klappernd die Stockwerke abfuhren. Ron flatterte während der Fahrt ein Memo ins Ohr, nachdem dieses von einem Dutzend anderer aus der Flugbahn geworfen worden war. Ron fluchte laut und erntete dafür mehrere entrüstete Blicke, zwei davon gehörten Hermine und seinem Vater.
In der Mysteriumsabteilung angekommen, folgten die fünf jungen Leute Mr. Weasley zu einer unscheinbaren kleinen Steintür, vor der zwei Beamte des Ministeriums Wache hielten. Beim Anblick von Mr. Weasley grinste einer der Beiden und tippte sich grüßend gegen die Stirn.
„Arthur, altes Haus, was verschlägt dich hierher?"
Der zweite Beamte machte ein unbeteiligtes Gesicht, warf aber Hermine interessierte Blicke zu. Die stellte sich daraufhin hinter Ron und nahm demonstrativ seine Hand in ihre.
„Mr. Potter hier würde gerne kurz mit einem der Verurteilten sprechen, Bob," antwortete Mr. Weasley dem ersten Wachmann und schob Harry dabei nach vorne.
Bob betrachtete Harry eingehend, wobei sein Blick erst zur Stirnnarbe wanderte und von da aus weiter nach unten, bis zu den Schuhen.
„Eigentlich dürfen wir niemanden hinein lassen," meinte er daraufhin und sah Mr. Weasley entschuldigend an.
„Schon okay, Bob, es dauert nur fünf Minuten und ich werde ihn begleiten."
Harry wollte schon zu einem Protest Luft holen, als er es sich gerade noch anders überlegte. Er musste mit Dung sprechen!
„Hm," machte Bob und kratzte sich dabei sein glatt rasiertes Kinn. „Nun, also gut, aber wirklich nur fünf Minuten, Arthur."
Der zweite Beamte schien sich um das Gespräch und die mögliche Regelverletzung nicht zu scheren, sondern musterte Hermine immer noch, die begann, sehr nervös zu wirken. Ron, der die Blicke des Mannes ebenfalls bemerkt hatte, zog Hermine zurück zu den Aufzügen.
„Wir warten im Atrium auf euch," sagte er an Harry gewandt.
Der nickte nur und war Mr. Weasley schon in den Raum vorausgegangen, den Bob geöffnet hatte.
Ginny und Nellie folgten Ron. Nellie warf dem zweiten Wachmann dabei einen bösen Blick zu.
