Ich kenne dich nicht

Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ

Stunden später, der Sturm der Nacht hatte sich bereits seit langem verzogen, bot sich Draco endlich eine Chance, seinen dunklen Träumen zu entfliehen, die leider nicht nur Träume waren, sondern auf viel zu vielen schmerzlichen Erinnerungen beruhten.

Inzwischen war es später Nachmittag, fast früher Abend. Die Sonne stand extrem tief und schimmerte in einem kräftigen Rot in das kleine Zimmer, in dem es recht kühl geworden war. Daraufhin kuschelte er sich wieder stärker in die warme Decke, blinzelte dann aber irritiert.

Decke? Seine Verwirrung wuchs im Kommenden noch weiter, als er die Augen ein Stückchen öffnete und Hermiones Gesicht, kaum zehn Zentimeter von seinem entfernt, entdeckte. Sie schlief, sah durch das letzte Licht der Sonne zur Abwechslung jedoch mal ein bisschen rosiger aus. Auch so…

Sie schlief, für ihre momentanen Verhältnisse, relativ ruhig. Sie atmete durch das Fieber nach wie vor recht schwer. Im Großen und Ganzen schien ihr auf den ersten Blick allerdings nichts zu fehlen, womit er sich etwas aufrappelte.

Dabei stellte er überrascht fest, dass eine ihrer Hände nah bei ihm lag. Und da er im Bett lag, in das er sich definitiv nicht von alleine gelegt hatte, da konnte doch nur sie in der Richtung nachgeholfen haben. Er bemerkte zudem jetzt erst, dass er oberkörperfrei neben ihr lag.

„Hermione, Hermione", kam er nicht umhin dämlich, wie auch breit zu grinsen. Schließlich taste er über seine Schulter, auf der er ein paar Tücher erspürte, die er sich nahm. Diese waren ordentlich mit Blut vollgesogen und das teils frisch.

Es hatte noch nicht richtig aufgehört, was er recht deutlich spürte, als er die Schulter leicht anspannte, durch die ihm sofort ein starkes Ziehen und Brennen ging. Darüber hinaus hatte er wahnsinnige Kopfschmerzen, sah dann allerdings zurück zu seiner kleinen Krankenschwester, der er die andere Hand auf die Stirn legte. Sie glühte nach wie vor.

Sie brauchte trotz allem einen Heiler, auch wenn ihr Geist langsam wacher wurde. Ihre Verletzungen, ganz besonders die Folgen der Flüche, würden mit noch so viel Zeit dennoch nicht besser werden. Eher schlimmer, je länger sie unbehandelt blieben. Im Moment schienen sich die Auswirkungen zwar in Grenzen zu halten, nur wie lange ging das noch gut?

Als er darüber nachdachte, kam ihm sofort der unheimliche Anfall in den Sinn, bei dem sich dieses dunkle Venennetz ausgebreitet und sie die Bluttränen geweint hatte. Das war zweifellos das Resultat, eines stark schwarzmagischen Fluchs. Zwar war es bisher nur einmal passiert, nur hatte Draco das unbestimmte Gefühl, dass das lediglich der Auftakt war. Der Auftakt von etwas anderem. Von mehr.

Damit quälte er sich ganz hoch und setzte den Kamin wieder in Gang, sodass das kühle Zimmer erneut von einer angenehmen Wärme erfüllt wurde. Im Anschluss trat er zu Hermione und packte sie nochmal richtig warm in die Decke ein. Dabei fiel ihm jetzt erst auf, dass ihr Kissen leicht blutbefleckt war.

Als er genauer nachsah, entdeckte er eine kleine Platzwunde an ihrem Hinterkopf, um die er sich sofort kümmerte. Diese ließ sich zur Abwechslung auch mal mit dem Heilzauber behandeln und schloss sich gänzlich.

Als er sich sicher war, dass sie gut versorgt war, schlich er im Cottage umher. Seinen Pullover hatte er wieder angezogen, da er ordentlich fror. Er wusste, dass er selbst Fieber hatte, was wohl an der Stichverletzung lag.

So wuselte er hauptsächlich in der Küche herum, obwohl er bereits ahnte, dass er hier nichts zu essen finden würde. Dann entdeckte er allerdings eine kleine Vorratskammer mit Konserven.

„Treffer", grinste er breit und nahm einige der Dosen, Gläser und Schachteln heraus. Als er die Gläser aufschraubte, schlug ihm ein derart penetranter Gestank entgegen, dass er diese sofort wieder fest verschloss.

Das Zeug war definitiv zu alt und damit ungenießbar. Am Ende zog er sich eine Lebensmittelvergiftung zu, wenn er das runter würgte. Das Einzige, an das er sich herantraute, waren ein paar Kekse und getrocknete Teeblätter. Beides eindeutig zu alt, denn das Gekrümel zerfiel zu Staub, kaum dass er es im Mund hatte. Der Tee dasselbe. Aus den vergilbten Blättern war überhaupt kein Geschmack oder Aroma mehr zu gewinnen. Da hätte er auch blankes Wasser trinken können.

Nichtsdestotrotz schleppte er seine mickrige Ausbeute mit nach oben. Das Zeug war widerlich, aber noch immer besser als nichts. Er war sich sicher, dass Hermione Hunger hatte. Mit Charlies Präparaten hatte er sie eine Zeit lang zwar halbwegs über Wasser halten können, nur hatte er ihr davon in den letzten beiden Tagen schon nichts mehr geben können. Sobald sie wach war, würde er nochmal versuchen mit ihr zu reden und ihr erklären, dass es kein Trick und sie kein Köder war, sondern dass es ehrlich gemeint war. Vielleicht vertraute sie ihm inzwischen doch etwas, immerhin… Seine Klamotten war er nicht von alleine losgeworden. Genauso wenig, wie sich die Kompresse von selbst auf seine Schulter gelegt hatte.

Sie war wach, nachdem es ihn weggeleiert hatte. Sie hätte sich da einfach seinen Zauberstab nehmen und verschwinden können. Aber sie war noch da und hatte sich, wie es schien, versucht um ihn zu kümmern. Er musste auf dem richtigen Weg sein, alles andere war unlogisch.

Damit war er bei ihr und stellte zufrieden fest, dass sie vollkommen ruhig unter der dicken Decke schlief. Darüber hinaus war das Zimmer wieder kuschelig warm, in dessen Schränken er im Anschluss wühlte. Vielleicht fand er hier ja etwas, was ihm half, oder zumindest erklärte, warum seine Mutter ihn hierhin geschickt hatte.

Das Einzige, was er am Ende entdeckte, aber auch gebrauchen konnte, waren ein paar wärmere Sachen. Mit denen huschte er leise ins Bad, um zu duschen. Diesmal allerdings richtig schön heiß. Dabei versuchte er nochmal, die Wunde auszuwaschen und damit die Gifte, die ja leider die ganze Nacht in Ruhe ihre Wirkung hatten tun können.

Irgendwann dann, scheinbar Stunden später, war er durch das heiße Wasser angenehm erschöpft. Das Ziehen und Brennen in seinem Innern war inzwischen auch so weit zusammengeschrumpft, dass er es im Augenblick nicht als störend empfand.

Er schlüpfte in eine dunkelgraue Jeans und ein schwarzes T-Shirt, über welches er sich noch ein hellblaues Baumwollflanellhemd und eine dunkelgrüne Kapuzenjacke streifte, bei der er den Reißverschluss bis zur Brust hochzog. Das war weitaus bequemer und allen voran wärmer als der blöde Anzug.

Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ

Wasser. Es war ein monotones Wasserrauschen, was mit der Zeit in Hermiones Unterbewusstsein drang und sie müde blinzeln ließ. Nach wie vor von diesem Stechen und Brennen in den Venen begleitet, an das sie sich allmählich gewöhnte, was es auch nicht erträglicher machte. Nur stumpfte sie in der Richtung langsam ab und nahm es schlicht und ergreifend als gegeben hin. Ändern konnte sie es ohnehin nicht.

Letztlich rappelte sie sich so behutsam wie möglich auf, um ihrem Körper jeden unnötigen Stress zu ersparen. Dabei fiel ihr ein Tablett auf, auf dem eine Teekanne stand. Daneben eine Tasse, aus der es dampfte, sowie ein Teller mit eigenartig aussehendem Gebrösel, das vermutlich mal Kekse oder Ähnliches gewesen war.

Mehr als verwundert sah sie darauf und stellte sich kurz ernsthaft die Frage, ob Malfoy versucht hatte Plätzchen zu backen? Wahrscheinlich wusste der snobistische Slytherin nicht einmal, wie man einen Backofen überhaupt bediente. Die Vorstellung jedoch, ihn mit einer, am besten noch pinken, Spitzenschürze und jeder Menge Mehl im Gesicht, in einer total verwüsteten Küche stehen zu sehen, wie er verzweifelt am Herd herumhantierte, hatte etwas dermaßen Amüsantes, aber auch völlig Dämliches an sich, dass sie anfing zu lachen, was sofort mit einem höllischen Stechen bestraft wurde.

„Au…", lachte sie dennoch kurz weiter und versuchte das bescheuerte Bild, was sie sich selbst einsuggeriert hatte, wieder aus ihrem Kopf zu streichen. Wie kam sie überhaupt dazu, sich so etwas vorzustellen? Ihre Situation war viel zu beschissen, um über solch belustigende Dinge nachzudenken. Aber vielleicht war ihr der Gedanke ja gerade deshalb gekommen?

Damit kehrte die erschlagende Bedrücktheit gänzlich zurück und die witzige Vorstellung, eines backenden Malfoy, war wie weggeblasen. Leider.

Sie ließ ihren Blick nochmal schweifen und sah sich nach ihm um. Sie konnte ihn nirgends entdecken, sein blutverschmiertes Hemd lag allerdings auf dem Boden und sein Zauberstab neben dem Tablett, was bedeutete, dass er nicht sonderlich weit weg war.

Es war ihr schon ein wenig seltsam, dass sie ihn plötzlich suchte. Nach dem Zirkus mit den vier Death Eatern aber, mehr noch dem, was sie in der letzten Nacht von ihm mitbekommen hatte… Angefangen damit, dass er sich weiter um sie bemüht hatte, genauso, dass er verletzt worden war… Es ließ sie grübeln, womit zeitgleich die leise Angst vor ihm ein wenig zusammenschrumpfte. Immerhin… Er hatte sie, wenn sie von den ganzen Gemeinheiten und allem jetzt einmal absah, körperlich nie verletzt. Im Gegenteil. Sie hatte ihm im Dritten die Nase gebrochen.

Auf die Erinnerung musste sie unweigerlich grinsen. Das war ihr so eine Genugtuung, davon hatte sie noch wochenlang zehren können. Erst dieses Verängstigte, als sie ihm den Zauberstab an die Kehle gehalten hatte. Hatte er tatsächlich gedacht, sie würde ihn verfluchen? Sicher, der Reiz war schier übermächtig, aber das war nicht ihre Art. Umso göttlicher war es gewesen, als er sich wieder in Sicherheit gewogen hatte, um sich dann doch noch eine von ihr zu fangen.

„Was ist so lustig?", hörte sie ihn unverhofft neben sich, worauf sie unwahrscheinlich zusammenschrak. Dass er zurückgekommen war und sie noch immer so blöd grinste, hatte sie gar nicht bemerkt.

Sie wich geschockt vor ihm zurück und das viel zu hastig, sodass ihr kurz die Luft wegblieb. Zeitgleich ging ihr ein heißes Reißen durch den Körper, was sie schwer keuchen ließ und sie letztlich drohte zusammenzubrechen. Nur waren plötzlich zwei Hände da, die sie sicher hielten.

„Hey, komm. Ganz ruhig. Ich tu dir nichts", sprach er ihr beruhigend zu, da sie sich vor ihm erschrocken hatte. Das aber aus völlig anderen Gründen, als er dachte. Sie hatte sich bei ihren Gedanken ertappt gefühlt. Nun lehnte sie zitternd, noch immer nach Luft ringend, an seiner Brust, während sich ihre Finger verstärkt in die Jacke krallten, die er auf einmal trug.

„Hinlegen", gebot er ihr, kaum dass sich der aufsteigende Schwindel legte und es mit dem Atmen wieder ein wenig besser funktionierte. Allerdings drehte es ihr auch weiter ordentlich, sodass sie die Lider im Kommenden geschlossen hielt, um selbst das letzte Dunkel zu vertreiben.

Draco zog ihr indes die Decke richtig über die Schultern, ehe er die Kompresse nahm, die nur etwas später, in einer angenehmen Kühle, erneut ihren Platz auf Hermiones Stirn fand. Kurz darauf blinzelte sie ihn mit kleinen, erschöpften Augen an. Als sie es tat und sich ihre Blicke trafen, lächelte er beruhigend.

„Geht's wieder?", erkundigte er sich, worauf sie kaum merklich nickte, bevor sie dieses hoffentlich ehrliche Lächeln ein wenig unsicher erwiderte.

„Hast du noch sehr starke Schmerzen oder…", brach er seine Frage gleich ab, weil sie einfach nur bescheuert war. Erstens hatte er eben gesehen, dass sie jede noch so unvorhergesehene Bewegung unwahrscheinlich belastete und zweitens verklärte sich ihr Blick bereits im Ansatz, was ihn seufzen ließ.

„Hör mal, ich… Ich weiß, du glaubst mir nach wie vor nicht und alles. Aber es ist wirklich kein Trick. Ich hab keine Ahnung, woher du weißt, dass ich mit Snape darüber… Dass ich ihnen vorgeschlagen habe, sie sollten dich als Köder für Potter nehmen. Das hab ich aber nicht gesagt, weil ich das so gemeint habe, sondern um Zeit zu schinden. Sie hätten dich sonst gleich in der ersten Nacht umgebracht", erklärte er, damit sie es verstand. Alles. Damit sie mit ihm redete und genug Vertrauen aufbaute, um ihm das Richtige zu sagen.

Hermione musterte ihn während seiner Erklärung aufs Neue und kam nicht umhin festzustellen, dass er plötzlich ganz anders aussah und wirkte. Sicher, Kleider machten Leute, doch mit diesen einfachen Klamotten erschien er ihr … normal. Er kam nicht mehr so überheblich, arrogant, eingebildet und allen voran so unnahbar kalt und abweisend rüber, wie früher. Stattdessen war es ihr so, als hätte sie auf einmal einen völlig fremden Menschen vor sich. Einen gänzlich anderen Draco Malfoy als den, den sie aus den vorangegangenen Jahren kannte. Jetzt hier so mit allem, wie er aussah, sprach aber vor allem, wie er sie ansah, wirkte er auf sie schlicht und ergreifend menschlich. Fast wie ein Freund.

„Ich wollte nicht, dass sie dich … dass du… Ich … ich dachte, Potter und das Wiesel würden schon kommen und dir helfen und ich … es… Wenn ich geahnt hätte, was da alles kommt, da… Wenn ich gewusst hätte, dass meine Mutter mir helfen würde mit dir zu verschwinden… Wenn ich von diesem Geheimgang gewusst hätte, ich wäre mit dir schon in der ersten Nacht aus dem Manor geflohen", gestand er ihr bitter und sah schuldzerfressen zu Boden.

Hermione konnte ihn daraufhin nur verwirrt ansehen. Sie verstand es einfach nicht. Das Warum? Er hatte ihr zwar erklärt, was er wollte, dabei allerdings so extrem gestammelt, wie sie es sonst nur von Ron kannte. Und in diesem Gestammel da…

Dahinter lag noch mehr. Er hatte ihr nicht das gesagt, was er ihr wohl sagen wollte. Stattdessen hatte er ständig neu angesetzt und nach den richtigen Worten gesucht, die sie zwar verstand, dann aber doch nicht. Sie verstand ihn nicht. Sie verstand nicht, wer dieser junge Mann hier neben ihr war. Wer er jedoch nicht war, das glaubte sie zunehmend zu wissen. Nämlich nicht der Draco Malfoy, den sie gekannt hatte.

Irgendetwas an ihm schien sich verändert zu haben. Jetzt, durch die neutralen Klamotten, sprang ihr diese Sache nur noch zusätzlich ins Auge. Diese Veränderung war allerdings nicht mit Ausbruch des Krieges gekommen, sondern schon vorher.

Ihr war es im Sechsten bereits deutlich aufgefallen, wenn sie ihn manchmal beobachtet hatte. Er hatte abgespannt gewirkt. Ausgelaugt. Völlig fertig eigentlich. Sie hatte häufig den Eindruck gehabt, er wäre dieser Welt überdrüssig geworden, womit ihr wieder etwas einfiel, was er ihr vor ein paar Tagen so nachdrücklich gesagt hatte. Nämlich, dass er das alles nicht gewollt hatte. Dieses Bündnis mit den Death Eatern vielleicht und alles, was damit in Verbindung stand? Hatte er das nicht gewollt? Hatte sein Vater ihn am Ende dazu gezwungen?

,Du bist eine Schande für die ganze Familie Malfoy!', hatte der alte Malfoy ihn mit einer derartigen Verachtung angeschrien, dass ihr diese Möglichkeit immer wahrscheinlicher erschien. Dass er in diesen dunklen Sumpf aus Mord und Rassenhass gedrängt worden war.

„Ich kann dir das nicht anders beweisen, als es dir nur wieder und wieder zu sagen, aber ich hab das nicht… Ich hab mit dem ganzen Wahnsinn nie etwas zu tun haben wollen. Ich… Sie haben… Sie… Ich will dir jetzt wirklich bloß helfen, auch wenn dir das völlig verschroben vorkommt. Es ist nicht gelogen. Es ist kein Trick und du bist auch kein Köder. Ich…", brach er ab und sah auf seinen Zauberstab, den er nahm und kurz in den Händen drehte, bevor er ihn ihr erneut darbot.

„Du willst deine Leute nicht verraten. Versteh ich. Wenn du aber weißt, wo sie sind… Wenn du jemanden hast, der dir richtig helfen kann, dann … dann nimm ihn und lass dir helfen", sprach er nur noch sehr leise und merklich bedrückt, als er es ihr nochmal anbot. Nur zögerte sie aufs Neue.

Diesmal nicht vor Überraschung, sondern weil sie es plötzlich für falsch hielt. Nicht seine Worte, sondern die Tatsache, ihn alleine irgendwo im nirgendwo schutzlos zurückzulassen. Wehrlos, gegen das, was kommen würde, sobald sie ihn fanden.

Trotz dieser Gedanken nahm sie ihm die einzige Möglichkeit ab, die er hatte, um sich zu schützen. Sie nahm es ihm aus der Hand, womit er sich schweigend vom Stuhl erhob und ans Fenster trat, aus dem er müde sah. Er blickte auf das Meer hinaus, in dem die Sonne wie ein riesiger Feuerball versank und dabei den Horizont in Brand setzte, welcher den Himmel in ein atemberaubendes Rot und Orange tauchte.

Hermione beobachtete ihn. Sie musterte seine Miene in der Spiegelung der Scheibe, bevor sie auf den fein gearbeiteten Zauberstab sah. Wenn sie sich nicht täuschte, dann war er aus Weißdornholz. Ungewöhnlich für ihn, wie sie fand. Sie wusste, dass Weißdornextrakt in manchen Kulturen als Mittel zur Stärkung des Herzens verwendet wurde. Auch, dass man diesem Holz gegensätzliche Wirkungen zuschrieb. Einerseits galt es mit seinen harten, spitzen Dornen als Abwehr böser Mächte und Zauber, andererseits als verletzend, womit sie zu ihm zurück sah.

Das mit dem verletzend passte zweifellos zu ihm, denn das war er schon immer gewesen. Nur jetzt gerade nicht. Jetzt erschien er ihr anders. Völlig anders. Es war ihr wirklich so, als hätte sie einen gänzlich fremden Menschen bei sich. Einen, der ihr so gegenteilig war, wie der Weißdorn.

„Warum?", fragte sie schließlich sehr leise, worauf er sich müde zu ihr drehte.

„Was?" „Du hast gesagt, du hättest das nicht gewollt", erinnerte sie ihn an seine Worte und legte den Zauberstab auf das kleine Tischchen neben dem Bett.

„Warum hast du das alles trotzdem mitgemacht?" „Weil ich keine andere Wahl hatte", gab er ihr ruhig aber auch bitter zurück.

„Man hat immer eine Wahl, Malfoy", entgegnete sie ihm kühl, worauf er ihr widersprechen wollte, doch sie kam ihm zuvor.

„Du hättest dir Hilfe suchen können." Daraufhin lachte er überheblich.

Hilfe? Wen? Wie? Oh Granger, du hast doch keine Ahnung von den Dingen, die sich noch hinter alldem verbergen!", fauchte er, was sie schlucken ließ. Draco lief dann auch schon im Zimmer auf und ab, als er weitersprach.

„Niemand hätte es verstanden! Niemand hätte mir helfen können! Sie hätten es gemerkt und kurzen Prozess gemacht! Mit mir und jedem, der darüber Bescheid weiß. Denke nicht, dass ich nicht nach anderen Wegen gesucht habe, aber es gab keine! Ich hab keinen anderen gesehen, als den, den ich am Ende gegangen bin! Ich hab mich wieder und wieder selbst für alles verflucht. Ich wollte mich dagegen zur Wehr setzen, aber versuch das mal mit so einer gestörten Familie im Nacken!", keifte er sie ungewollt mehr an, was sie unweigerlich zusammenzucken ließ. Draco lief allerdings noch immer wie ein Tiger im Käfig auf und ab, als ihm alles erneut glasklar durch den Kopf ging. Was war. Was er gewollt hatte. Getan hatte. Warum. Und, und, und.

Verdammt, sie würde das doch nie verstehen!, begann er zu verzweifeln und ließ sich fertig in den abgedeckten Sessel, gegenüber des Bettes, fallen, in dem er versank. So auch in seiner dumpfen Verzweiflung drohte zu versinken, als er ihr sehr leise, sehr bitter zu verstehen gab: „Sie hätten mir alles weggenommen, was mir auch nur irgendwie wichtig ist. Was mir etwas bedeutet. Sie hätten jeden getötet, bevor sie mir den Rest gegeben hätten." Daraufhin schwieg sie und musterte erneut im Stillen seine Erscheinung, die etwas unsäglich Gequältes an sich hatte. Und das von Sekunde zu Sekunde mehr.

Er hatte Scheiße gebaut, keine Frage. Die Death Eater in die Schule zu lassen, war das absolut Dümmste, was er hatte machen können. Wenn sie ihn jetzt aber ansah, dann fand sie es falsch, ihm diese Tat so leichtfertig vorzuwerfen.

Dass er es mit seinem Vater wohl alles andere als leicht gehabt hatte, konnte sie inzwischen ganz gut nachvollziehen. Immerhin hatte sie aus der letzten Konfrontation mitbekommen, zu was er und seine Tante fähig waren, wenn er nicht nach ihrer Pfeife tanzte, womit ihr wieder etwas einfiel. Nämlich sein zerschundener Rücken.

Konnte es sein… Hatte seine Familie ihm diese Wunden am Ende sogar zugefügt? Er hatte eben ja gesagt, dass er versucht hatte, sich dagegen zu wehren. Was sein Clan davon hielt, das hatten sie ihm dann scheinbar auf eine solche Art und Weise gezeigt.

Himmel, sie wollte gar nicht näher darüber nachdenken, ob das tatsächlich alles so war, wie sie es sich gerade ausmalte. Allein die Vorstellung, dass die eigene Verwandtschaft, die Eltern, einen derart misshandeln könnten, ließ sie erschaudern.

Am Ende schüttelte sie mit dem Kopf, um diesen Gedanken loszuwerden. Stattdessen nahm sie seinen Zauberstab, was er sich für einen kurzen Moment gequält besah. Nur wenig später drohte sich erneut diese seltsame Leere in seinen Augen breitzumachen. Doch bevor sich dieser Ausdruck festigen oder gar vertiefen konnte, deutete sie mit dem Stab auf ihn, mehr noch den Sessel auf dem er saß.

„Locomotor Sessel", murmelte sie, sodass das Möbelstück, samt Draco, in einem etwas zügigen Rutsch zu ihr ans Bett schwebte, ehe er wieder fest auf dem Boden stand. Draco musterte sie verwundert, was noch mehr wurde, als sie ihm seinen Zauberstab zurückgab.

„Du weißt ganz genau, dass ich überhaupt nicht in der Verfassung bin, um irgendwohin zu apparieren", meinte sie matt, als er sich sein Eigentum.

„Was dich trotzdem nicht daran hindern würde, wenn du wolltest", merkte Draco an.

Treffer, dachte sie und lächelte matt. Draco legte den Zauberstab indes beiseite und Hermione stattdessen die Hand auf die Stirn, auf die sie müde schielte.

„Verrätst du mir jetzt, wo ich dich hinbringen soll?", fragte er in einer leisen Hoffnung, doch sie schwieg, was er sich bitter besah.

„Du traust mir noch immer nicht", murmelte er mit einer beinahe erdrückenden Gewissheit.

„Das ist es nicht." „Sondern?" „Ich weiß es nicht." „Was?" „Ich hab keine Ahnung, wo sie sich im Augenblick aufhalten. Molly und Arthur werden nicht mehr im Fuchsbau sein, sondern bei den anderen. Wo der Orden inzwischen sein Hauptquartier aufgeschlagen hat, weiß ich nicht. Sie wechseln es aus Sicherheitsgründen immer wieder. Sie könnten sonst wo sein", murmelte sie tonlos, was ihn bitter seufzen ließ.

Das erklärte auch, warum seine Mutter nicht zurückkam. Wenn man sie nicht, und er betete mit jeder einzelnen Faser seines Körpers dafür, entdeckt und vielleicht schon getötet hatte, dann fand sie niemanden, den sie um Hilfe bitten konnte.

„Verstehe. Und Potter und Weasley?" „Weiß ich auch nicht. Wir…", zögerte sie kurz, ihm ihre Pläne zu verraten. Allerdings wusste ER mit Sicherheit Bescheid, sonst würden sie nicht so verbissen nach Harry suchen, um ihn aufzuhalten.

„Wir haben die … die Horcruxe gesucht. Dumbledore hat Harry im Sechsten alles darüber erzählt. Weißt du, was es damit auf sich hat?", fragte sie vorsichtig, worauf er überlegte, dann aber nickte.

„Ich glaube. Ich hab Bellatrix mal belauscht. Diese Dinger scheinen für ihn wohl ziemlich wichtig zu sein. Sie haben irgendwas von einen Trinkpokal geredet, der in Bellatrix' Verlies liegt." Daraufhin nickte Hermione.

„Er hat Helga Hufflepuff gehört und…", holte sie tief Luft, um gänzlich am Anfang zu beginnen.

„Ein Horcrux ist ein Objekt, in dem ein schwarzer Magier einen Teil seiner Seele außerhalb seines Körpers aufbewahren kann. Wenn er einen Mord begeht, kann er seine Seele spalten und einen Teil davon in einen Gegenstand einschließen. Auf diese Weise lebt nicht die komplette Seele in seinem Körper, sondern nur ein Teil von ihr. Der andere Teil der Seele ist sicher in dem Horcrux aufbewahrt. Wenn die Person, die einen Horcrux von sich hergestellt hat, getötet wird, bleibt deren Seele trotzdem erdgebunden, weil ein Teil von ihr in dem unversehrten Horcruxkörper erhalten ist. Deshalb wird diese Person entleibt, ohne zu sterben. Die verbliebene Rumpfseele, aus dem toten Körper, kann sich dann in fremden Körpern einnisten oder sich mit der Hilfe anderer wieder einen eigenen, handlungsfähigen Körper erschaffen. Im ersten Jahr hatte er sich bei Professor Quirrell eingenistet und wollte den Stein der Weisen an sich bringen, um richtig ins Leben zurückzukehren." „Ich erinner mich", murmelte Draco leicht abwesend, der über die doch recht neuen Informationen, allen voran was sie bedeuteten, schauderte.

„So viel wir wissen, hat er sechs dieser Dinger erschaffen." „Sechs?", sah Draco sie entsetzt an. Hermione nickte, womit er sich schüttelte.

„Aber… Du hast doch gesagt, er hätte da seine Seele spalten müssen." „Genau." „In sieben Teile?" „So scheint es. Er wollte wohl ganz sicher gehen. Und wegen einem Mord, den er dafür begehen musste… Das dürfte für ihn das kleinste Hindernis gewesen sein. Eher noch ein Vergnügen", schauderte auch Hermione. Draco konnte auf das alles nur mit dem Kopf schütteln. Das war krank. Mehr fiel ihm dazu nicht ein, bevor er sich wieder an Hermione richtete.

„Habt ihr rausgekriegt, worin er sie eingeschlossen hat?" „Nicht alle aber… Da war das Tagebuch, was dein Vater Ginny im Zweiten untergejubelt hat. Dann ein alter Goldring mit Steinfassung, Slytherins Medaillon, der Trinkpokal von Helga Hufflepuff ist vermutlich einer, wie auch seine Schlange und… Den Letzten wissen wir nicht. Wahrscheinlich ist es auch ein spezieller Gegenstand. Sicherlich etwas, was Godric Gryffindor oder Rowena Ravenclaw gehört hat. Irgendwas Besonderes. Er schien da großen Wert darauf zu legen." „Ganz schön eingebildet", murmelte Draco, was Hermione müde lächeln ließ.

„Liegt wohl an dem Slytherin Gen", stichelte sie leicht, worauf er sie stinkig ansah.

„Was? Jetzt sag noch wir sind alle einge- Okay, vergiss es", merkte er es selbst gerade, was sie noch etwas mehr lächeln ließ.

„Jeder ein bisschen auf seine Weise." „Ja, ja", nölte er kurz, kam dann allerdings auf ihr eigentliches Thema zurück.

„Wenn ich dich jetzt aber richtig verstanden habe, dann kann man ihn doch gar nicht töten, weil er die Dinger hat?" „Deswegen bin ich mit Harry und Ron ja los, um sie zu zerstören. Wenn er sie nicht mehr als Rettungsseil hat, wird er genauso sterblich wie jeder andere Mensch auch. Und wenn er es ist, dann können wir ihn besiegen." „Leuchtet ein", murmelte er und lehnte sich grübelnd in seinem Sessel zurück. Hermione musterte ihn noch etwas, bevor sie die erschöpften Augen schloss. Das Reden hatte sie wahnsinnig angestrengt. Draco sah es.

„Alles okay?" „Nur ein bisschen müde", murmelte sie im Tran, die Lider noch immer verschlossen, sodass sich Draco zu ihr beugte und seine Hand beruhigend an ihren Kopf legte, worauf sie ihn wieder mit kleinen Augen ansah.

„Dann würde ich vorschlagen, schläfst du erstmal eine Runde. Ich hab ein Auge auf alles. Einverstanden?" „Hm", machte sie müde, sah ihn aber dennoch ein wenig befangen an.

„Was?" „Kannst du … kannst du mich wecken, wenn ich … ich…" Sie schluckte. Sie hatte wahnsinnige Angst erneut in diesem Dunkel zu versinken und nicht mehr daraus aufzuwachen.

„… wenn ich schlecht schlafe?", brachte sie den Rest unsicher hervor und wartete auf irgendeine dumme Spitze oder sonst etwas Höhnendes, nur kam nichts. Stattdessen tat er etwas, woran sie sich so schnell ganz sicher nicht gewöhnen würde. Nämlich sie beruhigend anzulächeln.

„Sobald was ist, weck ich dich. Versprochen." „Danke", seufzte sie leise und holte noch mal tief Luft, ehe sie die Augen schloss. Nur ein paar Minuten später war sie eingeschlafen.

Draco präparierte die Kompresse nur neu, bevor er sich zurücklehnte und angestrengt in seinem Hirn wühlte, ob er nicht noch etwas in der Richtung belauscht hatte? Denn so wie sie es ihm erklärt hatte, da bestand wohl doch eine winzige Möglichkeit, dieses Monster ein für alle Mal von der Erdoberfläche zu tilgen. Ein leiser Wunsch, der immer mehr in ihm erwachte.

Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ