21. Dezember

Über eigene Schatten springen

von Kira Gmork

"Eigentlich hatte ich nicht gedacht, dass du das ernst meinst, Severus", sagte der Blonde zu seinem Freund und seine eisblauen Augen fixierten sein Gegenüber.

Severus Snape war in einen warmen schwarzen Umhang gehüllt und ließ seinen Blick nun über eine Reihe karger Bäume schweifen.

"Wir nehmen den da", entschied er. Nur wenige Sekunden später ließ er den Umhang von seinen Schultern gleiten, so dass er trotz der Kälte nur noch im langärmeligen dunklen Hemd dastand.

"Nachher denkt noch jemand, dass du dir einen Weihnachtsbaum in deinen Kerker holst", gab Lucius Malfoy zu bedenken.

"Seit wann kümmert es mich, was andere denken?", fragte der Zaubertrankmeister und knöpfte die Manschettenknöpfe der Hemdsärmel auf. "Du kannst gerne gehen, wenn du etwas Besseres vorhast - ich schaffe das auch ohne dich", sagte er zu dem blonden Mann.

"Ich habe nichts Besseres vor. Narcissa ist mit Draco in der Winkelgasse, um Geschenke zu besorgen. Sie wollten mich nicht dabei haben - vermutlich geben sie gerade das halbe Malfoyvermögen für Präsente aus", erwiderte Lucius seufzend.

"Du hast mein tiefstes Mitgefühl", sagte Severus kalt und griff nach der Axt, die die beiden Männer mitgebracht hatten, "es muss schrecklich sein, über ein Vermögen zu verfügen."

Lucius betrachtete seinen Freund, der nun die Axt mit auffallend viel Wucht in den Stamm des Baumes schlug, den er ausgesucht hatte.

"Du weißt, dass du mich jederzeit um Geld bitten kannst," sagte der Blonde. Kaum hatte er es ausgesprochen merkte er, dass er einen Fehler begangen hatte und er setzte schnell hinterher: "Du brauchst nicht zu bitten. Sag einfach wie viel du haben willst."

Severus löste die Axt wieder aus dem Stamm und ließ sie sinken.

"Ich brauche nichts!", sagte er mit Nachdruck.

Lucius taxierte sein Gegenüber und beobachtete genau dessen Reaktion, als er sagte: "Du könntest es für die Einrichtung eines kleinen privaten Tränkelabors in deinen Räumen benutzen. Ich weiß, dass du schon seit Jahren diesen Wunsch hegst. Du hast doch diesen ungenutzten Raum, in dem du..."

"Ich brauche dein Geld nicht!", knurrte Severus, wich dem Blick des Freundes aus, und schlug die Axt erneut in das Holz. Als er das Werkzeug wieder herauszog, sagte er drohend: "Wenn du nicht davon aufhörst, werde ich es vorziehen, auf deine Gesellschaft zu verzichten."

Lucius nickte verstehend und sagte: "Du hast mir noch einen Drink an deinem Kamin versprochen, also bleibe ich, wenn du irgendwie damit leben kannst."

"Ich kann damit leben", gab Severus knapp zurück und fasste die Axt etwas tiefer am Griff. Er wog das Werkzeug in den Händen und hielt in Gedanken versunken inne, dann blickte er zum Himmel. Eine Schneeflocke landete auf seiner Nase. Lucius schien einen Moment irritiert als er seinen Freund so sah. "Schnee steht dir gut", sagte er und fügte schnell an: "lässt deine Nase nicht ganz so wie der Zinken erscheinen, der sie ist."

Severus ignorierte den Kommentar und fragte statt dessen: "Warum kannst du es einfach nicht lassen, mir mit deinem Geld auf den Sack zu gehen?"

"Weil du sonst niemanden hast, der dir auf den Sack geht...und was wäre die Vorweihnachtszeit schon ohne Stress und ohne jemanden, den man genervt zur Hölle wünscht?"

"Sehr umsichtig von dir, aber ich habe heute morgen Albus schon zur Hölle gewünscht," erwiderte Severus harsch.

Der Blonde schwieg und betrachtete stumm, wie immer mehr Schneeflocken auf Severus dunklem Haar landeten.

"Wie willst du das Holz so schnell trocken bekommen, damit du es heute noch als Kaminholz verwenden kannst?", fragte Lucius.

"Ich werde dafür einen Zauber benutzen", gab der Zaubertrankmeister zurück.

"Und warum benutzt du keinen Zauber, um den verfluchten Baum zu fällen?"

"Weil man manche Dinge einfach selbst tun muss. Man muss spüren, dass man dafür gearbeitet hat, um sie genießen zu können, aber das wird ein Malfoy wohl nie begreifen", sagte Severus herausfordernd.

Lucius sah seinen Freund lange an und schließlich nickte er. Dann streckte er die Hand aus und sagte: "Lass mich weitermachen. Es wird wohl Zeit, dass ich lerne, was es heißt, sich die Dinge zu verdienen. Und wer weiß, Severus...wenn ich in der Lage bin, mir Schwielen an meinen Malfoy-Händen zu holen, vielleicht bist du dann auch irgendwann in der Lage, etwas von mir anzunehmen, ohne den überheblichen Drecksack in mir zu sehen, und verstehst, dass ich dich nicht mit anderen Augen sehe, wenn du dir helfen lässt. Ich setze dies ganz oben auf meine Weihnachtswunschliste", fügte er dann noch hinzu, bevor er ausholte und die Axt im Baumstamm versenkte.

Ende