Die zweite Chance

Fanfiction von Slytherene



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Danke sehr an Alcina, Sally S., Moonlight und Spitzohr für Eure Reviews!



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Der Joulupukki ist da! Vorsicht, absolute Fluff-Warnung! Es wird romantisch, dramatisch und ich bemühe die ganz großen Gefühle. Aber zuerst wird es vor allem unwiderstehlich niedlich, und ich halte mir schon mal die Ohren zu, wegen der zu erwartenden virtuellen Quietscher. „Kralle" kann man übrigens in meinem Avatar-Bild bewundern. Er hat ein sehr reales Vorbild.;-)

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Meergrüne Korrekturen wie immer von TheVirginian. Besten Dank.

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21. Sirenenlied

Als Remus erwachte, stieg ihm der Duft frisch gebrühten Kaffees in die Nase. Seit Sanni dem Verkäufer auf dem Weihnachtsmarkt das Päckchen mit Schinken, Speck und eben auch Kaffee abgeschwatzt hatte, gab sie sich nicht mehr mit Tee zufrieden.

„Bis er alle ist", hatte sie kategorisch erklärt. „Dann steige ich wieder um auf deinen scheußlichen English Breakfast, Earl Grey oder was immer das auch ist."

Remus hatte geschmunzelt. Glücklich folgte er nun dem Duft des Kaffees, in den sich der von Puuro, einem Haferbrei mit Zimt, Zucker und kalter Milch, mischte. Nach einer ganzen Reihe zärtlicher Küsse drückte Sanni ihn auf den Stuhl.

„Es wird kalt, weißt du?", sagte sie, und schaufelte aus einer großen Schüssel Puuro in zwei kleinere Schälchen.
„Im Topf ist eine Mandel gewesen", teilte sie Remus mit.

„Sind wir so arm, dass wir uns keine zwei Mandelkerne leisten können?", fragte er ironisch.

Sanni lachte. „Du bist ein hassu lintu, ein komischer Vogel. Weißt du nicht, dass es Glück bringt, die Mandel zu finden?"

„Nun, dann hättest du in jede Schale eine hineinlegen sollen", gab Remus freundlich zurück. „Wir können wirklich beide etwas Glück gut gebrauchen."

Sie sah ihn an, und der plötzliche Ernst in ihrem Blick ließ ihn aufmerksam werden.

„Bist du nicht glücklich, Remus?"

Ohne ihren Blick loszulassen, stand er auf, schob dabei seinen Stuhl nach hinten und trat um den Tisch herum zu ihr, um sie in die Arme zu schließen. Dann ließ er sich vor ihrem Stuhl in die Hocke sinken, um halbwegs auf Augenhöhe mit ihr zu sein. Er nahm ihre Hand und sah sie an.

„Ich liebe dich, Sanni. Du weißt das. Du bist das beste und wunderbarste Mädchen, das mir je in meinem Leben begegnet ist. Wenn ich dich in meinem Arm halte, wenn du neben mir einschläfst, deinen Kopf auf meiner Brust, bin ich der glücklichste Mann der Welt. Dennoch will ich ehrlich mit dir sein. Ginge es auf dieser Welt nur um dich und mich, wäre es einfach, deine Frage zu verneinen und zu sagen: ‚Doch, ich bin glücklich.' Die Wahrheit ist, dass die Umstände dieses ‚Glück' auffressen. Sieh dich nur um. Die Armut grinst aus jeder Fuge im Boden, aus jeder Ritze in der Tapete, und ihre Fratze ist hässlich. Wie soll ich dir jemals ein Leben bieten, das diesen Namen auch verdient, wenn mir jede Perspektive fehlt?"

Sanni starrte ihn an, Schrecken und auch Unverständnis in den geweiteten Augen.

„Eines Tages wirst du das alles hier leid sein", sagte er sanft und wischte ihr eine einsame Träne von der Wange. „Dann wirst du gehen." Er zwang sich zu einem halben Lächeln. „Aber ich werde mich immer daran erinnern, dass du hier warst. Etwas von diesem Glück wird stets in mir sein."

Er stand auf und zog Sanni auf die Füße.

„Ich weiß, es ist kein gut gewählter Zeitpunkt für solche Wahrheiten. Verzeih mir bitte. Doch du hast mich gefragt, und ich werde dich niemals belügen."

Sanni wirkte immer noch wie geschockt, doch schließlich sagte sie leise: „Ich schätze dich für deine Ehrlichkeit, Remus. Aber ich verfluche diejenigen, die dir jeden Traum, jede Hoffnung ausgetrieben haben."

„Ich war nie gut im Träumen", erklärte er besänftigend.

Er nahm Sannis Löffel, tauchte ihn in ihre Schüssel Haferbrei und hielt ihn an ihre Lippen.

„Versuch noch mal", bat er.

Artig öffnete Sanni den Mund. Remus lächelte, als sie auf eine Mandel biss.

„Viel Glück, Liebes."

Sanni sah ihn fragend an. „Die Mandel war in deiner Schale", sagte sie dann.

„Das habe ich vermutet", gab er zu. „Doch da ich mich rechtzeitig über die Weihnachtsbräuche in deiner Heimat informiert habe, war ich in der Lage, einen zweiten Mandelkern zu organisieren. Wie ich sagte, wir haben ein bisschen zusätzliches Glück beide nötig. Oikein paljon onnea."

Ein Grinsen breitete sich über ihr hübsches Gesicht.

„Habe ich es falsch gesagt?", erkundigte sich Remus angesichts ihrer amüsierten Miene.

„Nein", antwortete Sanni. „Es klang nur sehr britisch. Ich wünsche dir auch Glück, Remus. Und frohe Weihnachten. Hyvää joula."

Remus atmete auf. Er hatte es gerade so geschafft, einen letzten Rest Festtagsstimmung zu retten. Im Stillen verfluchte er seine Ehrlichkeit. Er würde sich in Diplomatie üben müssen, wirklich.

Zu diesem Zeitpunkt ahnte Remus nicht im Entferntesten, dass man irgendwann seinen Namen fast schon als Synonym diplomatischer Höflichkeit verwenden würde.

„Frohe Weihnachten, Sanni", sagte er und küsste sie. „Vielleicht solltest du mal in deinen Strumpf sehen?"

Während sie sich umdrehte, zückte er seinen Stab. Der Schuhkarton, den er vor drei Stunden, als sie noch schlief, eilig bei James und Lily abgeholt hatte, und den er unter dem Bett deponiert und mit einem ‚Silencio' belegt hatte, materialisierte sich jetzt in ihrem Strumpf. Eigentlich hatte Remus das als ersten Punkt auf seiner imaginären Tagesordnung geplant.

„Du liebe Güte, wie soll ich diese Kiste hier heraus bekommen?", fragte Sanni etwas ratlos.

Remus reichte ihr eine Schere. „Du wirst den Strumpf aufschneiden müssen."

Sanni schüttelte den Kopf. Vorsichtig zog sie das wollene Gewebe Stück für Stück über die Ränder des Kartons. Aus der Kiste erklang ein ziemlich jämmerliches Piepsen. Sanni warf Remus einen fragenden Blick zu, dann hob sie den Deckel von der schlichten Pappkiste, deren hinterste Ecke bereits dunkel verfärbt war. In der anderen Ecke, weit weg von dem feuchten Fleck, hockte ein kleines schwarzes Bündel Fell mit großen grünen Augen.

„Miau", rief das Bündel und zeigte einen hellrosa Rachen mit ebensolcher Zunge und makellose, winzige weiße Zähne.

Sanni nahm das kleine Wesen vorsichtig hoch, hielt es vors Gesicht und betrachtete es.

„Wer bist du denn?", fragte sie den Winzling, dessen Schwänzchen abenteuerlustig zuckte. Dabei war ihre Stimme eine ganze Tonlage höher als sonst, und ihre Worte erinnerten Remus an Gezwitscher.

„Du bist ja wunderschön, Kissa. Bist du kissani?"

Remus war in diesem Augenblick froh, dass er umsichtig genug gewesen war, das finnische Wort für ‚Katze' nachzuschlagen. Und das für ‚Kater'.

„Sie ist ein ‚Er', ein Krapula", erklärte er.

Sanni lachte. „Aber Remus. Sieh doch nur genau hin. Das ist kein Kater. Das ist eine Katze."

„Die Frau, von der ich sie habe, meinte, es sei schwer zu erkennen, wenn Welpen noch so jung sind", gab Remus zu. „Aber sie sate, es wäre ein Kater."

Sanni lächelte Remus an. Sie strahlte und küsste das winzige Tier auf die Nase. Der Krapula fuhr achtzehn kleine, scharfe Wunderwerke der Biologie aus, versenkte sie herzhaft in Sannis weicher Haut und miaute stolz ob dieser Leistung. Oder auch nur, weil er nicht mehr hochgehalten und bewundert werden wollte.

„Es ist ein Mädchen", sagte Sanni leise, fast andächtig. „Und sie ist wunderschön. Danke, Remus."

Sie beugte sich zu Remus und küsste ihn.

„Woher willst du wissen, dass ‚er' eine Katze ist?", wollte Remus wissen.

„Ich höre es in ihrem Gesang", erwiderte Sanni mit verklärtem Gesichtsausdruck.

Remus staunte nicht schlecht. Wie man dieses jämmerliche Maunzen als Gesang bezeichnen konnte, war ihm schleierhaft. Sanni setzte das Fellknäuel auf den Boden, doch offenbar war die kleine Katze nun so verängstigt, dass sie sich weiterhin in Sannis Arm festkrallte. Sanni verzog das Gesicht.

„Lass los, du! Wir werden dich ‚Hammas' nennen – ‚Kralle'."

Hammas schien mit dieser Wahl zufrieden zu sein, denn sie ließ endlich Sannis Arm los, ringelte sich auf ihrem Schoß zusammen und begann, in einer Lautstärke zu schnurren, die Remus dem winzigen Körperchen niemals zugetraut hätte.

„Du bist doch ein grausamer Kerl", sagte Sanni vorwurfsvoll zu Remus, während ihre Finger sachte über das glänzende schwarze Fell streichelten. „Wie lange hast du sie hungrig und einsam in dieser Kiste im Kalten sitzen lassen?"

„Nicht mal drei Stunden", protestierte er. „Außerdem saß sie die ganze Zeit unter dem Bett. Sie hatte es nicht kälter als wir. Und sie hat Fell."

„Mag sein, aber sie ist klein und einsam, und bestimmt ist sie die Wärme ihrer Mutter und Geschwister gewöhnt. Was soll sie eigentlich essen?"

„Gut, dass du es erwähnst", antwortete Remus. Auf einen Wink seines Stabes klappte die Tür auf, und der große Karton, den er im Treppenhaus deponiert hatte, schwebte herbei. „Katzentoilette, Futter für Babykatzen, Bürste für glänzendes Fell – alles dabei", verkündete er stolz.

Sannis Blick war immer noch auf das winzige schnurrende Wesen geheftet, das mit inzwischen geschlossenen Augen auf ihrem Schoß lag.

„Magst du sie?", fragte er sanft.

„Sie ist perfekt", freute sich Sanni. „Woher wusstest du, dass ich Katzen liebe?"

Remus zögerte. Doch dann entschloss er sich zur Wahrheit.

„Als wir diese eine Nacht bei James und Lily verbracht haben, hast du im Schlaf nach einer Katze gerufen. Zumindest nahm ich an, dass ‚Minka' eine Katze ist. Ich hoffe inständig, das war nicht der Name eurer Hauselfe?"

Sanni lachte. „Nein, die heißt ganz traditionell ‚Enni'. Minka hieß die Katze, die ich als Kind hatte. Sie war grau mit schwarzen Streifen und hatte einen weißen Fleck auf dem Bauch. Ständig hatte sie Unsinn im Kopf. Es gab keinen Tag, an dem sie mich nicht zum Lachen gebracht hätte."

„Was ist mit ihr?", erkundigte sich Remus, der jedoch sogleich das unangenehme Gefühl hatte, dass die Frage schlecht gewählt war, als ein Schatten über Sannis Gesicht huschte.

„Ich weiß es nicht", antwortete Sanni. „Ich war so lange nicht mehr zu Hause. Drei Jahre. In dieser Zeit kann so viel geschehen."

„Sei bitte nicht traurig", bat Remus. „Bestimmt geht es ihr gut. Katzen sind doch sehr mit ihrem Haus und Garten verbunden, nicht so auf Menschen fixiert wie Hunde."

„Na, ich hoffe, Kralle wird sich nicht zu sehr auf diese Wohnung fixieren", erwiderte Sanni. „Ich habe das sichere Gefühl, sie ist eine Taschenkatze."

Remus war froh, dass er mit seinem Geschenk offenbar das Richtige ausgesucht hatte.

Sirius hatte ihn gewarnt: „Eine Katze – insbesondere ein Kätzchen – ist eine Konkurrenz, die dir binnen Minuten, ach was sage ich, Sekunden den Rang ablaufen wird, Moony."

Sicher steckte ein Körnchen Wahrheit in dieser Behauptung. Doch Remus hoffte insgeheim, dass die Verantwortung für den Katzenwelpen Sanni von dummen Gedanken abhalten würde – und er sie damit auch enger an sich binden konnte. Es mochte egoistisch sein, aber gemeinsam diese Katze aufzuziehen, würde ihnen beiden gut tun. Nicht zu vernachlässigen war außerdem, dass Kralle keinen Knut gekostet hatte. Remus war zum städtischen Tierheim appariert und hatte einfach geklingelt.

„Wir haben kaum Geld", hatte er gesagt, „aber meine Frau wünscht sich nichts sehnlicher als eine Katze. Sie wird sie mit aller Kraft lieb haben."

Er zweifelte nicht daran. Sanni liebte ja selbst ihn mit all ihrer Kraft. Wie viel leichter musste ihr das bei einem niedlichen Fellknäuel fallen?

Eine Stunde später war er mit Kralle im Karton, einer Kiste voller Zubehör und dem Versprechen, das Kätzchen rechtzeitig zum Sterilisieren wiederzubringen, wieder aus dem Tierheim heraus gekommen. Die freundlichen älteren Damen, die sich um den Papierkram kümmerten, den er unterschrieb, hatten ihn zudem mehr als großzügig mit Tee und Shortbread versorgt. Kralle für zwei Tage bei den Potters unterzubringen, war noch das Schwierigste gewesen. James hatte Remus gedroht, ihn mit einem unangenehmen Fluch zu belegen, falls Lily ‚das Vieh' nicht wieder abgeben wollen würde. Er hatte eine Katzenhaarallergie.

„Willst du nicht nachsehen, was in deinem Strumpf steckt?", fragte Sanni, und ihre Augen blitzten vergnügt.

Neugierig nahm Remus den Strumpf vom Kaminsims. Etwas Dickes, Weiches steckte darin. Da er nichts Genaues erkennen konnte, griff er in den Strumpf, und als er seine Hand wieder hervorzog, hielt er eine gestrickte Mütze in der Hand. Sie war aus ungewöhnlich weicher Wolle, die sich warm an seine Haut schmiegte. Die Farben, ein sattes Goldgelb und ein warmes Rostrot, würden ihm hervorragend stehen. In der Mütze eingewickelt befanden sich ein Schal und Handschuhe von gleicher Art. Remus zog sie über. Sofort wurden seine Finger angenehm warm.

„Ein Zauber?", fragte er neugierig.

„Nein. Nur gute Wollqualität", erwiderte sie. „Zieh mal den Schal um."

Er tat, worum sie gebeten hatte. Sein ganzer Körper wurde warm.

„Sanni, was ist das? Das ist doch nicht nur die Wolle?", fragte er misstrauisch.

Sie lächelte. „Keine Sorge, ich habe mir nicht an deinem Zauberstab zu schaffen gemacht. Das entscheidende ist wirklich die Qualität der Wolle – oder vielmehr ihre Art." Ihre Stimme klang geheimnisvoll.

„Willst du es mir verraten?", fragte Remus ungeduldig. „Es ist toll, übrigens."

Ihm war tatsächlich angenehm warm, viel mehr, als Handschuhe und Schal hätten bewirken können. Dass diese Kleidungsstücke magischer Natur waren, war offensichtlich.

„Honigtrollseide", grinste Sanni verschwörerisch. „Finnische Honigtrolle sind selten und scheu, aber wenn man weiß wie, kann man sie betören. Gegen ein paar Leckereien sind sie manchmal bereit, die Unterwolle ihres Fells, mit der sie ihre Schlafkammern auspolstern, zu tauschen."

„Das klingt nach einem ziemlich teuren Rohstoff", vermutete Remus bang.

„Du kannst es nicht mit Gold aufwiegen", erklärte Sanni fröhlich. „Es wird nicht gehandelt. Man schenkt es nur."

„Wie macht man daraus Kleidung?", wollte er wissen, einigermaßen beruhigt.

„Nun, du musst die Wolle waschen, kämmen, färben, spinnen, verstricken – das Streifenmuster ist aber zum Glück nicht so schwer."

Jetzt war es an Remus, Sanni anzustarren. „Du hast das gemacht? Hier?"

Sie nickte. „Ich musste ja den Weichnachtswichteln helfen, damit sie das Richtige für dich bringen."

„Warum habe ich nie etwas bemerkt von deinen Aktivitäten?"

„Weil du ziemlich zuverlässig zwischen fünf und zwölf arbeitest, Remus", erklärte Sanni. „Ich wusste schon eine ganze Weile, dass du es bist, der diese Anziehsachen haben soll. Also habe ich Enni geeult, sie soll mir die Honigtrollseide schicken. Die liegt schon viel zu lange in meinem Mädchenzimmer herum."

„Ich danke dir sehr", sagte Remus schlicht und küsste Sanni.

„Ein einziger Zauber ist aber doch eingewebt", gestand Sanni leise. „Setz mal die Mütze auf."

Remus tat ihr den Gefallen.

Sanni lachte. „Steht dir prima. Die Farben lassen deine Augen leuchten. Sie sehen ganz golden aus."

„Das sollten sie so weit vom Vollmond eigentlich nicht", antwortete Remus besorgt.

Er hatte schon eine Weile mit Argwohn beobachtet, dass seine Iris sich nach dem Vollmond nur sehr langsam wieder umgefärbt hatte. Eine Entwicklung, die ihm durchaus Sorge bereitete. Sanni schien geradezu verliebt in den Bernsteinton seiner Augen, doch Remus fürchtete, man würde ihm sein wahres Wesen permanent ansehen. Auch für einen Zauberer war es ungewöhnlich, gelblich schimmernde Augen zu besitzen.

„Pass auf, Remus", sagte Sanni plötzlich sehr ernsthaft. „Ich werde dir ein Geheimnis anvertrauen."

Erwartungsvoll sah er sie an.

„Zieh die Mütze einmal herunter über deine Ohren", forderte sie ihn auf.

Ihre nächsten Worte konnte er nicht mehr verstehen. Genau genommen konnte er überhaupt nichts mehr hören. Die Welt um ihn herum war still. Er zog die Mütze ab, und sofort gewahrte er das Brummen und Gluckern der Heizung, das Geschrei der Spatzen, die sich vor dem Fenster um die Haferbüschel balgten und Sannis Stimme.

„Im Straßenverkehr ziehst du sie besser nicht ganz runter", sagte sie leise. „Aber solltest du jemals auf eine Sirene treffen – ich meine eine echte, wütende Kreatur des Dunklen Waldes, kann diese Mütze dein Leben retten. Trollseide ist der einzige Gegenzauber. Wenige kennen das Geheimnis. Noch weniger besitzen diesen Schutz. Hüte ihn gut. Wie es scheint, stehen der magischen Welt unruhige Zeiten bevor. Besser, du bist gewappnet."

Remus wunderte sich über ihre eindringlichen Worte. Trotzdem nickte er.

„Ich werde es nicht vergessen."

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Kralle wachte nach einer Weile auf und begann unter Remus' und Sannis amüsierten Blicken, die kleine Wohnung zu erkunden. Nachdem er dem Katzenklo einen Besuch abgestattet hatte – wobei seine neuen Besitzer gespannt den Atem angehalten hatten, ob er ‚es' wohl schaffen würde – nippte er an dem Wasserschälchen, begutachtete das Futter in seinem Napf, rümpfte die kleine schwarze Nase und befasste sich eingehend mit Remus' Einrichtung.

Nur einmal gebot der Zauberer ihm Einhalt, nämlich als Kralle begann, sein Bücherregal zu inspizieren.

„Oh, nein, du Teufelsbraten", schimpfe Remus sanft. „Du kannst deine Krallen am Sofa schärfen oder meinetwegen am Küchentisch, aber meine Bücher sind tabu."

Ein wohlgezielter Wasserstrahl aus Remus' Zauberstab unterstrich die Ernsthaftigkeit dieser Aussage. Allein, er hatte nicht mit dem vor Mitleid überfließenden Herzen seiner Freundin gerechnet. Sanni ‚rettete' Kralle vor der Sintflut, trocknete ihn liebevoll ab und streichelte hingebungsvoll den weichen Babybauch.

„Wir müssen ein paar Regeln aufstellen", bekräftigte Remus. „Ihr könnt alles von mir haben – ich besitze ohnehin nur wenig. Meine Bücher jedoch sind für Kralle verboten und mein Zauberstab für euch beide."

„Ich verstehe", entgegnete Sanni spitz, und Kralle fauchte, offenbar aus Solidarität. „Das bedeutet dann wohl, dass du die Katzentoilette reinigen wirst. Für dich ist es ja nur ein Schlenker mit dem Stab."

„Es ist deine Katze", entgegnete Remus freundlich. „Aber du hast Recht, diese Aufgabe kann ich übernehmen, ohne dass mir ein Zacken aus der Krone fällt."

„Ach, Remus." Seufzend sank Sanni in seine Arme, und mit ihm auch Kralle, die Remus gleich noch einmal demonstrierte, dass sie den Namen zu Recht trug.

„Hej, es ist nicht so, dass ich nicht schon genug Narben hätte", fluchte Remus und löste vorsichtig die achtzehn scharfen Krallen aus seiner Schulter. „Wie sieht es mit einem Spaziergang aus?", erkundigte er sich bei den weiblichen Mitgliedern seines Haushalts.

Immerhin brannte er darauf, seine Trollseidenhandschuhe auch außerhalb des Hauses auszuprobieren.

Sie entschlossen sich zu einem Spaziergang an der Küste, und da ihnen beiden Rye so sehr gefiel, bot Remus an, sie alle drei zu apparieren.

Kralle Taschenkatze fand Platz in Sannis weitem Mantel. Sie maunzte zunächst, doch nachdem Sanni ihr ein leises Schlaflied summte, rollte sie sich ein und schnurrte.

„Kannst du eigentlich alles und jeden einschläfern?", fragte Remus flüsternd, um das Kätzchen nicht zu wecken. Er hatte das unbestimmte Gefühl, dass Sanni dies am Vorabend bei ihm getan hatte. Vielleicht war er aber auch einfach nur sehr müde gewesen und redete sich etwas ein.

„So ziemlich, ja", gab Sanni zur Antwort. „Was glaubst du, warum Sirius am Tag nach Vollmond so fest geschlafen hat, als wir…na, du weißt schon." Sie kicherte leise.

Remus schüttelte den Kopf. „Du bist wahrhaft eine Hexe, Sanni. Diese Stimmzauber, das sind Dimensionen…"

„Papperlapapp", winkte sie ab. „Ein paar ganz kleine Taschenspielereien, mehr ist das nicht. Ich kann keinen völlig Fremden auf der Straße ansingen und er sinkt schlafend danieder, oder die Mitfahrer eines U-Bahnwaggons betäuben. Aber wenn du ohnehin müde bist, kann ich dir ein bisschen helfen beim Einschlafen. Die meisten Mütter können das bei ihren Kleinkindern auch, dafür brauchst du nicht einmal Magie."

Remus hatte das unbestimmte Gefühl, dass Sanni abwiegelte. Doch er sagte nichts.

Rye lag unter tiefen grauen Wolken, doch die Luft war frischer und nicht so eisig wie in London. Sie spazierten die Straße hinunter, bis sie die kleine Kirche erreichten. Noch war es nicht Zeit für die Messe, aber es stand bereits eine ganze erkleckliche Gruppe festlich gewandeter Menschen vor dem Tor, vor allem kleine Jungen und einige Männer mit Instrumenten. Ein älterer Herr mit weißem Haar und dickem Bauch lehnte in einem kleinen Flur, dessen Tür offen stand, und brüllte in ein Telefon.

„Es ist mir völlig egal, ob diese Frau die Grippe hat oder die Windpocken. In einer Stunde werden hier dreihundertfünfzig Menschen die Messe hören wollen, und die freuen sich auf das Konzert. Was noch viel schlimmer ist, hier stehen vierzig Knaben zwischen sechs und vierzehn, die seit Monaten auf diesen einen Tag hinfiebern und dreimal die Woche geprobt haben. Sie können jetzt nicht einfach absagen!"

Nach einigem Hin- und Her knallte der Mann wütend den Hörer auf die Gabel. Als er sich zu den Kindern umdrehte, sah er nicht mehr zornig, sondern traurig aus.

„Es tut mir Leid, Jungs", sagte er. „Ohne den Sopran können wir das Oratorium nicht singen, und das ‚Ave Maria' auch nicht. Geht hinein, macht euch fertig, wir proben noch einmal ‚Stille Nacht'. Das zumindest erwarten die Leute von uns."

Murrend und mit enttäuschten Gesichtern zogen die Kinder wieder in die Kirche hinein.

„Diese Idee mit dem Konservatorium war nicht Ihre beste, Mr. Fisher", sagte ein dünner Mann mit schwarzem Zweireiher und arrogantem Gesichtsausdruck. „Es ist Ihre Schuld, dass die Stücke nicht aufgeführt werden können. Hätten Sie doch etwas einstudiert wie üblich, etwas Einfacheres, für das man keine Gesangs-Studenten aus London braucht."

Er zog die Oberlippe zurück und entblößte hässliche, gelbe Zähne, während er sich eine Zigarette ansteckte.

„Über die Konsequenzen für Ihre Stelle als Kantor unterhalten wir uns nach den Festtagen."

Er ließ den Älteren stehen, der ziemlich unglücklich und auch etwas eingeschüchtert dreinschaute.

„Entschuldigung?"

Sanni war plötzlich an den Weißhaarigen herangetreten. „Mr. Fisher?"

„Ja, bitte?" Verwirrt blickte er sie über die Gläser seiner altmodischen Hornbrille hinweg an.

„Ich glaube, es gibt ein Missverständnis", sagte sie leichthin. „Ich bin nicht krank, wir hatten nur eine Autopanne. Aber jetzt bin ich da."

Sie sind die Sopranistin?", fragte er, gleichzeitig verwundert und erleichtert.

Sanni nickte.

„Wunderbar", rief Fisher aus und klatschte vor Begeisterung in die Hände. „Dann schnell hinein, damit wir noch einmal proben können."

„Ich muss meine Stimme schonen", wandte Sanni ein. „Wenn Sie mich nur die Junge einmal hören lassen. Bitte das „Hallelujah" und die Sequenz im dritten Satz des Oratoriums. Und dann zeigen Sie mir mein Kostüm?"

„Kostüm?", fragte Fisher, wiederum erstaunt und etwas desorientiert.

„Ja, das Kostüm", beharrte Sanni. „Das war doch so vereinbart."

„Das muss ich vergessen haben", sagte der Mann und schüttelte den Kopf. „Aber meine Frau wird sich gleich darum kümmern. Maggie! Magggiiieeeee!"

Er lief in Richtung einen kleinen, weißgetünchten Hauses nahe der Kirche davon.

Eine Stunde später saß Remus völlig fassungslos mit Sanni in der Sakristei der Kirche und flüsterte aufgeregt auf sie ein. Sanni trug ein weißes Chorgewand, das ihr etwas zu weit war und bürstete eben ihre Haare. Sie schimmerten im Kerzenlicht.

„Bist du sicher, dass du da einfach mitsingen kannst?", fragte er zum dritten Mal. „Du spielst doch nur Klavier und Gitarre, hat Sirius gesagt."

„Sirius hat sich geirrt", entgegnete sie lapidar.

„Merlin, wenn die merken, dass du gar nicht diese Sängerin vom Konservatorium bist!"

„Dann disapparierst du uns eben", erwiderte sie frohgemut.

„Und breche das Geheimhaltungsabkommen? Bist du wirklich so…." Er sprach es nicht aus.

Wahnsinnig. Und leichtsinnig. Und vor allem wahnsinnig.

Sanni erhob sich. „Remus. Die Kirche ist voller Menschen, die sich auf das Weihnachtsoratorium freuen. Diese Kinder haben monatelang ihre Freizeit geopfert und geübt. Vertrau mir einfach. Setz dich auf den Platz in der ersten Reihe, den Mrs. Fisher dir gezeigt hat, kraule Hammas Taschenkatze ein bisschen und hör dir das Konzert an. Alles wird gut."

Sie küsste ihn und fuhr fort, ihr Haar zu bürsten. Mit einem mulmigen Gefühl verließ Remus die Sakristei. Kralle schnurrte in seiner Manteltasche, was man angesichts des Gemurmels der vielen Menschen nur fühlen, nicht jedoch hören konnte. Die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt. Hinten wurden zusätzliche Stühle gebracht, Männer standen in den Gängen. Bald kamen die Jungen in ihren langen Gewändern und stellten sich vorne am Altar auf. Ihnen folgten die Musiker, unter ihnen Sanni, und zuletzt der weißhaarige Kantor. Sie verbeugten sich.

Die Einführung begann mit einem klassischen ‚Ite, Missa Est' der Orgel. Der Chor begann zu singen. Remus' Finger glitten über Kralles weichen Pelz, als Sanni schließlich nach vorne trat. Was genau als nächstes geschah, hätte er nicht beschreiben können. Ihre Stimme klang hell und klar, fast wie eine Glocke, aber doch ganz anders. Es hätte auch das Pfeifen und Heulen des Windes in den Blättern eines Herbstwaldes sein können oder der Gesang der Wölfe zum vollen Mond. Etwas Vergleichbares hatte er noch nie gehört. Doch diese unirdische Stimme nahm ihn mit auf eine Reise, tief in den Bauch der Erde, so schien es ihm. Er fand Freude, hell und durchdringend, wurde in einen Strudel aus Verzweiflung gezogen, durchschwamm Meere der Traurigkeit, ertrank beinahe in Hoffnungslosigkeit. Düstere Bilder formten sich in seinem Geist, nur um von einem warmen Wind getilgt zu werden, der aus Klang und Farbe gewebt war.

‚Gewebt', dachte Remus. ‚Gewebe. Trollseide.' Er zog die Mütze über die Ohren. Es wurde still. Ein unerträgliches Brausen rauschte in seinem Kopf, schwoll an, drohte ihn zu ersticken. Himmel, er konnte diese Klangdunkelheit nicht ertragen. Nicht, solange der Gesang ihn lockte, von dem er wusste, dass er da war.

‚Sirenengesang.' Jetzt kannte er die Wahrheit. Doch was spielte es noch für eine Rolle?

Er riss sich die Mütze vom Kopf.

Augenblicklich wurde er von einschmeichelnden Harmonien fortgetragen. Auf Dunkelheit folgte Licht, Verzweiflung löste sich auf in Hoffnung, die Trauer gebar pure Freude. Remus sah die Gesichter der Kinder vor Eifer und Mühe gerötet, ihre Augen strahlten. Mit Euphorie strichen die Cellisten über die Saiten ihrer Instrumente, völlig selbstvergessen. Fisher gestikulierte mit seinem Taktstock und hüpfte vor dem Chor hin und her. Zwischen ihnen stand Sanni und sang, oder vielleicht flüsterte sie auch nur oder dirigierte den Wind, der nach Wald, Sonne und ewigem Frühling duftete.

War es Mondlicht, das ihre Gestalt silbern übergoss, oder verließ Remus der Verstand, vielleicht für immer? Doch auch das schien ihm unwichtig. Sein Herz tat weh, es war voll süßen Schmerzes, voll seltsam tröstlicher Melancholie.

Jemand berührte ihn. In der Kirche war es plötzlich still.

Er sah Sannis Gesicht dicht vor sich. Sie hatte seine Hände gefasst und zog ihn von der Bank hoch. Ihr Kuss ließ ihn wieder zu Bewusstsein gelangen.

„Komm", sagte sie leise. „Der Zauber hält nicht ewig."

Verwundert sah er sich um. Die Menschen hatten inne gehalten. Unbeweglich standen sie, doch auf den Gesichtern waren ihre Gefühle abzulesen. Freude, Hoffnung, Glück. Manchen liefen Tränen über die Wangen. Viele lächelten, andere wirkten in sich gekehrt, gesammelt, still.

„Was hast du mit ihnen gemacht?", fragte Remus atemlos und schmeckte Salz auf den Lippen. Sein Gesicht war nass.

„Für eine Weile ihre Sehnsucht gestillt", erwiderte sie ruhig. „Trost, wo nötig, Freude, wo möglich, Hoffnung, wo hilfreich."

Sie schob die schwere Kirchentür auf und trat in die kalte Winterluft hinaus. Remus folgte ihr. Wann hatte sie ihre Jeans und ihren Mantel wieder angezogen? Er konnte es nicht sagen. Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, begann jemand auf einem Cello zu spielen. Die Alti setzten ein, und gleich darauf die Bässe. Der Chor sang.

‚Hallelujah', schwebten die Sopranstimmen der jüngeren Kinder über dem Klanggeflecht. Sie jubilierten, ihre Stimmen schienen zu tanzen, die kleinen Herzen bis zum Bersten voller Lebensfreude.

Remus nahm Sannis Hand. „Werden sie sich erinnern?"

„Nicht an mich", antwortete sie. „Nur an einen Weihnachtsgottesdienst, in dem sie fast wie Engel gesungen haben. An die Freude und das Glücksgefühl, an die Euphorie. Und sehr vage an eine fremde Sängerin, die zu früh gegangen ist."

„Warum kann ich mich erinnern?", wollte er noch wissen.

„Weil du magisch bist", flüsterte Sanni.

Aus der Kirche drang jetzt der Gesang der Gemeinde. Jeder schien das Weihnachtslied zu kennen, laut und inbrünstig schallte „Stille Nacht" durch die Fenster.

„Weil ich dein Herz schon früher berühren durfte."

Sie küsste ihn.

„Weil ich dich liebe, Remus."


Fortsetzung folgt



Honigtrolle" sind übrigens eine Erfindung von Joeli, die ich mir mit ihrer Genehmigung ausgeliehen habe. Sie haben schon in „Blutige Nächte" Marius und Severus den Kopf verdreht. Mehr über die putzigen kleinen Kerle gibt es bei Joeli, in der Geschichte „Marauders once more".