21. Rückkehr

„Ron, hör bitte auf mich zu nerven. Ich weiß selbst, dass es meine Idee war, Hermine nicht mitzunehmen, aber da haben wir das doch nicht ahnen können!" Harry fuhr sich nervös durch die Haare. Seit er von der neuen Gesetzeslage erfahren hatte, das nur noch Reinblüter Hogwarts besuchen durften, fühlte er sich schrecklich schuldig. Ron's ständige nervenaufreibende Erinnerung daran, dass er die Freundin hatte mitnehmen wollen, waren da wenig hilfreich.

„Mensch Harry, ich mach Dir doch keinen Vorwurf. Wär' ja auch Unsinn, schließlich war sie dort bisher sicher, aber ich denke halt, dass wir jetzt wenigstens mal gucken müssen, wo sie ist. Wenn sie Hogwarts verlassen hat, kann sie fast nur im Orden oder bei ihren Eltern sein. Orden wäre gut, Eltern wären schlecht, weil sie da schutzlos ist."

„Das weiß ich, aber was ich noch nicht weiß ist, wie wir rausbekommen sollen, wo sie ist, ohne dass wir die Pferde scheu machen und der Orden uns entdeckt."

Ron rollte genervt mit den Augen. „Na und? Was macht das schon, wenn der Orden weiß, wo wir sind? Ist ja schließlich nicht so, dass sie uns nach Hogwarts zurückschicken könnten."

„Mich vielleicht nicht, aber Dich ganz bestimmt. Deine Mum will doch ganz sicher, dass Du die Schule fertig machst."

„Oh ja, das will sie, aber so, wie es jetzt auf Hogwarts ist, schickt sie mich da ganz bestimmt nicht hin. Eher lässt sie Ginny und mich von Ordensmitgliedern unterrichten. Da kannst Du sicher sein. Außerdem ist das Schuljahr ohnehin fast um. Das mit der Schule ist mir einfach egal. Ich will wissen, wo Hermine ist und ob es ihr gut geht."

„Dann eulen wir ihr und fragen sie, okay?" Harry war mit jeder Minute genervter. Allein die Idee, sich dem Orden stellen zu müssen und einzugestehen, dass sie abgehauen waren und in dem Dreivierteljahr, dass sie jetzt auf sich allein gestellt waren, nur einen Horkrux vernichtet hatten, war ihm ein Graus.

Ron schien das egal zu sein. Diese Diskussion hatten sie in den letzten Stunden schon mehrfach bis zu diesem Punkt geführt und er hatte es jetzt endgültig satt. „Nein, tun wir nicht. Wenn die Eule zu uns zurückfliegt kann sie verfolgt werden, also ist das viel gefährlicher, als wenn wir zum Orden gehen und zu Mienes Eltern. Mach was Du willst, Harry! Ich appariere da jetzt hin. Wenn sie dort ist, hätten wir uns die ganze Rederei sparen können und wenn nicht, können wir immer noch überlegen, was wir mit dem Orden machen." Er stand auf und griff bereits nach seinem Zauberstab, als sich Harrys Hand auf seine legte.

Der Junge mit der blitzförmigen Narbe auf der Stirn seufzte resignierend. „Warte, ich komm mit. Hast Recht. Weißt Du, wir hätten Hermine wirklich damals mitnehmen sollen."

„Hm, hätten wir. Ganz bestimmt hätten wir dann auch schon mehr Erfolg gehabt, aber das können wir nicht rückgängig machen. Na nun komm schon, Harry! Wenn wir Glück haben ist sie bei ihren Eltern und dann kann sie uns ja helfen, wenn sie will."

Harry seufzte schon wieder, diesmal aber aus anderem Grund. „Mal ehrlich, würdest Du uns denn jetzt noch helfen wollen? Immerhin haben wir sie einfach zurückgelassen. Also wenn ich sie wäre … ich würde uns einen Vogel zeigen und uns vor die Tür setzen."

„Daher weht also der Wind! Du hast Angst, dass Mine nicht mehr mit uns redet. Soll ich Dir was sagen? Ich könnte es verstehen, aber wie ich sie kenne, wird sie uns umarmen, sich freuen, dass wir wieder da sind und uns dann eine Predigt halten, weil wir allein losgezogen sind."

„Meinst Du wirklich?" Harry schöpfte etwas Hoffnung.

„Ja, meine ich und nun schnapp Dir Deinen Umhang und komm."

Gemeinsam apparierten die Freunde zum Haus von Hermines Eltern. Einige Minuten lang standen sie unentschlossen vor der Tür, grübelten, ob sie sich unsichtbar machen und hineinschleichen sollten, entschlossen sich jedoch dann dazu den konventionellen Weg zu gehen und die Klingel zu benutzen.

Da man nie wissen konnte, wer einem öffnen würde, verwandelten sie ihre Sachen in Muggelkleidung und steckten die Zauberstäbe in ihre Ärmel.

Auf das Klingel schien lange Zeit hin nichts zu geschehen, doch nach dem dritten Mal öffnete sich über ihnen ein Fenster und eine ältere Frau sah heraus. „Was wollt ich? Ich kaufe nichts und ich werde die Tür nicht aufmachen!" Sie schien das Fenster gleich wieder schließen zu wollen und schnell rief Harry nach oben. „Wir wollten zu Hermine. Ist sie da?"

„Dumme Jungen!", wetterte die alte Frau, welche vielleicht Hermines Großmutter war, von oben. „Es ist mitten im Schuljahr. Sie ist im Internat und wenn ihr sie kennen würdet, wüsstet ihr das auch." Damit knallte sie das Fenster zu und zog die Gardinen wieder davor. Sprachlos starrten Harry und Ron einander an und apparierten dann wieder auf die kleine Lichtung, die sie vorher schon belagert hatten.

Ron sprach als ersten nach dieser ungewöhnlichen Begegnung wieder. „Damit können wir wohl ausschließen, dass sie bei ihren Eltern ist."

„Na ja, ich meine, vielleicht ist die alte Frau ja senil und Hermine ist doch dort."

„Red doch keinen Unsinn, Harry. Sie war resolut, aber nicht dement."

„Hm.", brummte Harry nur und beschäftigte sich mit der Frage, wie sie wohl herausbekommen konnten, wo Hermine war, ohne zum Orden gehen zu müssen. Da ihm jedoch trotz langer Grüblerei keine zündende Idee kam, stand er irgendwann auf und kündigte an, dass er jetzt mit Tarnumhang zum Orden gehen würde.

Ron schüttelte den Kopf. „So ein Unsinn! Die stehen doch alle auf derselben Seite wie wir. Wenn wir da hingehen, dann ganz normal. Mach Du mit Deinem Tarnumhang, was Du willst, ich geh da hin und will auch wissen, wie es meiner Familie geht."

Zum zweiten Mal an diesem Tag ließ sich Harry – wenn auch nur widerwillig – von der Richtigkeit von Rons Argumenten überzeugen. Er raffte sein Zeug zusammen und apparierte, wie sein Freund, zum neuen Hauptquartier des Phönixordens, welches an der walisischen Küste lag. Alastor Moody hatte das Gebäude ausgesucht, inspiziert und gemeinsam mit Minerva McGonagall sämtliche Zauber darauf gesprochen, die auch auf dem Haus am Grimmauldplatz lagen. Der Umzug dorthin, welcher in Snapes Verrat begründet war, gehörte zu den letzten Dinge, die Harry und Ron vom Orden noch mitbekommen hatten, bevor sie allein ausgezogen waren, um die Horkruxe zu vernichten.

Nun standen sie vor dem unscheinbaren Gebäude, rochen von ferne das Meer, hörten die Vögel in den Bäumen zwitschern und fragten sich, wie wohl die Reaktion auf ihre Wiederkehr ausfallen mochte.

Nach ein paar Sekunden beschlossen beide gleichzeitig, dass sie das nur auf eine Weise herausfinden konnten und benutzten den großen Türklopfer. Kein Laut kam von drinnen, bis auf einmal die der Türspion sich öffnete, kurz ein hellblaues Auge erschien und wieder verschwand und die Tür aufgerissen wurde. Remus Lupin stand vor ihnen. Völlig perplex sah er sekundenlang einfach nur zwischen den beiden hin und her, bevor er sie wortlos an sich riss und umarmte. „Gott sei Dank, ihr lebt und euch geht's gut!" Er entließ die beiden, inzwischen beinahe erwachsenen, jungen Männer aus der Umarmung und schob sie vor sich her in die Eingangshalle.

Noch völlig neben der Spur wegen der freundlichen Begrüßung, sahen Ron und Harry erst jetzt, dass ihr Klopfen noch mehr Ordensmitglieder angelockt hatte. Ron löste sich aus der Starre, die ihn für einen Moment gepackt hatte und lief zu seiner Mutter, Ginny und den Zwillingen. Es war ihm egal, ob es schicklich war für jemanden in seinem Alter. Er umarmte einen nach dem anderen und teilte sogar die Freudentränen, die Molly beim Anblick ihres unversehrt zurückgekommenen Sohnes, über die Wangen liefen.

Harry stand einfach nur da, betrachtete die Leute, die da standen und scheinbar darauf warteten, dass er auch irgendwie auf das Wiedersehen reagieren würde und fühlte sich völlig überfordert. Erst in diesem Moment, da er wie zur Salzsäule erstarrt mitten im Raum stand umgeben von Freunden, Lehrern und Kampfgefährten, da wurde ihm bewusst, wie dumm es von ihm doch gewesen war, wegzulaufen um edelmütig die Horkruxe zu vernichten und alle anderen damit von Gefahren fernzuhalten. Welch dumme, dumme Idee, angesichts der Tatsache, dass hier im Haus Duzende Menschen versammelt waren, so viel mehr Erfahrung hatten und bereit waren mit ihm zu kämpfen! Welch Idiotie, wenn man bedachte, dass er ihnen noch eine Sorge mehr aufgebürdet hatte, indem er sich heimlich aus dem Staub gemacht hatte! Er hatte immer gewusst, dass Ron seine Idee ablehnte und nur mit ihm gekommen war, um ihm als Freund beizustehen, aber erst jetzt verstand er, wieso Ron so dachte.

Voller Scham senkte er den Kopf und wollte am liebsten mit niemandem reden und sich schnellstmöglich in ein Zimmer verziehen. So sah er nicht, dass Minerva auf ihn zuging und war überrascht, als sie ihm eine Hand auf die Schulter legte. „Ich bin sehr froh, dass Sie und Mr. Weasley wohlbehalten wieder bei uns sind."

Harry sah auf. Die Stimme seiner ehemaligen Hauslehrerin klang freundlich und ohne hintergründige Schuldzuweisung. „Ich denke, das sind wir auch, Professor McGonagall. Es war dumm von uns, es allein zu versuchen."

Minerva nickte. „Oh ja, das war es, aber zum Glück ist alles gut gegangen und die Selbsterkenntnis hat sie wieder zu uns gebracht."

In diesem Moment warf Ron ein, dass es weniger die Selbsterkenntnis ihrer Dummheit gewesen war, als vielmehr die Sorge um Hermine, die, wie ihm schnell aufgefallen war, als er sich aus den Armen seiner Familie gelöst hatte, nicht hier zu sein schien.

Als Minerva Hermines Namen hörte, trübte sich ihr Gesichtsausdruck, doch sie schwieg noch einen Moment, in dem sicheren Wissen, dass sie den beiden dennoch gleich erklären musste, wo das Mädchen war.

Harry spürte schnell, dass hier etwas nicht stimmte und fragte ganz konkret nach: „Wo ist Hermine? Geht es ihr gut?", und mit jeder Frage verdüsterte sich der McGonagalls Miene mehr und mehr.

„Meine Herren, ich bin nicht sicher, ob es der richtige Zeitpunkt für diese Information ist, deswegen würde ich vorschlagen, dass Sie erst einmal zu Abend essen und wir uns dann in kleinerem Kreise unterhalten." Sie wandte sich bereits um und wollte in Richtung Küche davon marschieren, doch Harry rief ihr nach: „WO IST HERMINE?"

Es war nicht Minerva, die die Frage beantwortete, sondern Remus, der neben Harry getreten war. „Harry, versprich mir, dass Du Dich nicht aufregst!"

Dieser fuhr herum, ballte die Hände zu Fäusten und presste mit gefährlich leiser Stimme hervor: „Das entscheide ich, wenn ich weiß, wo sie ist. Also noch mal: Wo ist Hermine!"

Remus schloss die Augen, öffnete sie wieder und widerstand dem Drang sich von dem wütenden Jungen, der sicherlich gleich noch viel wütender werden würde, zu entfernen. „Bei Snape."

Wie erwartet behielt Remus Recht, denn Harry hatte ihn bereits am Kragen gepackt, als er „Snape" kaum zu Ende gesprochen hatte. „Bei Snape? Was zur Hölle macht Hermine bei Snape? Geht es ihr gut? Remus, sag was!" Er ließ den Mann, welchen er in der ersten Wut gepackt hatte, los und musste dann zur Kenntnis nehmen, dass dieser nur den Kopf schüttelte und ihm berichtete, dass der Orden nichts weiter wisse.

Nun mischte sich auch Ron ein. „Das ist doch wohl nicht euer Ernst!" Er drehte sich um und sah jedem der achtzehn Anwesenden in die Augen. „Wieso ist Hermine dort? Alle Nicht-Reinblüter mussten die Schule doch verlassen. Wie kann sie noch dort sein?"

„Weil Snape sie dort behalten hat.", warf McGonagall ein. „Wir konnten nichts dagegen tun, denn alle Lehrer bis auf Professor Sinistra und Professor Sprout mussten die Schule verlassen. Es ist niemand mehr dort, der uns sagen könnte, was dort vorgeht."

Erst nach und nach begriffen Harry und Ron die Tragweite der Veränderungen, die während der letzten Wochen in Hogwarts vor sich gegangen waren und nur spärlich sickerte die Tatsache in ihre Gehirne, die so grausam und gänzlich unvorstellbar schien: Hermine war bei Severus Snape, Todesser, Mörder und Verräter und niemand hier konnte etwas dagegen tun.

TBC

Ich weiß, ich weiß, Severus und Hermine fehlen hier natürlich, aber im nächsten Kapitel dürfen sie wieder die Hauptrolle spielen. Wie wäre es bis dahin mit einem Review?