Hallo, Ihr Lieben,
ich wünsche Euch allen einen wunderschönen, sonnigen 1. Mai. Als kleines Maigeschenk habe ich das nächste Chap heute mal richtig früh hochgeladen *freu*.
Allerdings hat die Sache auch einen kleinen Haken *fg*. Ich verabschiede mich jetzt für eine Woche in den lang ersehnten Urlaub, nächste Woche wird es also kein Update geben. Aber damit ihr mir das Hinhalten verzeiht gibt es die Woche drauf die beiden letzten Chaps an einem Tag, ich hoffe, das entschädigt euch dann für die Warterei.
Heute gilt mein großer Dank all den fleißigen Reviewern, die die Geschichte trotz der Traurigkeit weiter verfolgen:
IckeBFR, white-rose, AngelofLoneliness, newreader, BlackViper, Ephri Potter, Streifenhörnchen, LittleHimeSayuki, Pat Black, Fwuuper, Sarah76, Arwen, Plappermaul, susi24, Abby, redangeleve, mimaja, chocoholic, Moon, Cherry, AnneBlack, Miss Lu, AliceClairevoyante, Leni, Vishous, Angelchan, hermione-twin, Lady Cassandra, Freaky, jeanne02, Nina911, Xirix, popcorn, Taylan, The Boss-Fan
Und ein extra Danke an meine treue Beta Little Whisper *du bist die Beste*.
Viel Spaß mit dem neuen Chap - und ehrlich? Ich hab beim Schreiben auch geheult *snief*, ich hoffe, es ist entsprechend realistisch geworden.
Liebste Grüße
Eure Cassie
Chapter IV - Abschied einer Liebe
My
spirit sleeping somewhere cold
Until you find it there and lead
it back home
(Bring me to life - Evanescence)
Harry
Ich wusste nicht, woher ich die Kraft nahm die kommenden Tage und Wochen zu überstehen. Es war, als wäre etwas in mir zerbrochen und ich funktionierte nur noch mechanisch.
Snape und Dracos Assistenzärzte hielten Wort und verbrachten ununterbrochen viel Zeit im Labor. Janice und Dora kamen noch öfter vorbei, auch wenn ich dann und wann den Verdacht hegte, dass sie mehr nach mir schauen wollten als nach Draco.
Dracos Freunde, allen voran Blaise, besuchten uns ebenso regelmäßig und selbst Dracos Kollegen aus Florida, die ihn ja kaum kannten, vergaßen ihn nicht. Gelegentlich berichtete der Tagesprophet von Dracos ‚bedauernswertem' Zustand und der ein oder andere Reporter versuchte ein Interview mit mir zu bekommen.
Melinda schrieb mir und teilte mir mit, dass es Ginny trotz anfänglicher Fortschritte noch immer nicht besser ging. Ich fragte, ob es vielleicht helfen würde, wenn ich sie mit Nathan besuchen würde, doch Melinda riet mir ab. Die Krankheit hatte Ginny voll im Griff und sie bekam schwere Psychopharmaka um die angeblichen Stimmen, die sie hörte, zum Schweigen zu bringen.
Es tat mir leid, dass es ihr so schlecht ging und ich gab mir noch immer die Schuld daran, auch wenn Pamela Whiterton mir mehrfach versicherte, dass niemand hatte vorhersehen können, dass Ginny eine Kindbettdepression durch die Schwangerschaft bekommen würde. Es war nur ein schwacher Trost. Dennoch nahm es mich nicht so sehr mit, wie es vielleicht sollte, doch all meine Angst galt Draco und ich hatte einfach nicht die Kraft noch mehr Leid an mich herabzulassen. So egoistisch das selbst in meinen Ohren klang. Ich konnte einfach nicht mehr.
Roger kam alle zwei Wochen, irgendwann brachte er seinen neuen Freund mit. Einen wirklich netten Iren, dessen rote Haare mich viel zu deutlich an die Weasleys erinnerten. Hermine ließ den Kontakt nie ganz abreißen, auch wenn ich keine ihrer Eulen beantwortete.
Severus übernahm zu seiner Arbeit im Labor auch noch Nathans Frühunterricht und mein Sohnemann erstaunte mich damit, wie schnell er einfache Zauber ausführen konnte. Eines Tages kam er mit einem nagelneuen, kleinen Zauberstab voller Stolz ins Krankenhaus getippelt und demonstrierte mir einen perfekten Schwebezauber, in dem er seine Spielzeugautos über Dracos Bett kreisen ließ, damit Draco seine neuen Wagen bewundern konnte. Ich nahm an, dass Narzissa ihm den Zauberstab gekauft hatte und dankte ihr. Sie schaute mich mit einem merkwürdigen Blick an und murmelte ein recht untypisches: „Schon gut." Ich schob es darauf, dass ihr die Zwillinge allmählich zu schaffen machten, denn der große Babybauch sah an ihrer zarten Gestalt beinahe grotesk aus. Es würde nicht mehr lange dauern, dann hatte Draco zwei kleine Brüder.
Ich verbrachte nun jede freie Minute im Krankenhaus, so als wollte ich das Unvermeidliche so lange es ging hinauszögern. Einzig die paar Stunden mit Nathan vergas ich nie. Nathan fragte nicht mehr, ob Draco tot sei. Er beließ es dabei ihm dann und wann die Hand zu streicheln oder die Wange zu tätscheln. Aber wann immer er ein neues Spielzeug bekam, mussten wir damit sofort ins Krankenhaus apparieren, damit er es Draco ‚zeigen' konnte.
Und dann starb Ginny.
Die Nachricht über ihren Tod traf mich völlig unvorbereitet und Melindas Eule erreichte mich im Krankenhaus. Blaise und Nathalie waren zu Besuch und wir hatten uns gerade Kaffee ins Zimmer geholt, als eine Medi-Hexe hereinkam und mir ein Pergament überreichte.
Es war eine Nachricht von Melinda. Ich las den Brief durch und begriff dennoch nicht was geschehen war.
„Harry? Harry, was ist denn?", fragte Nathalie und legte mir besorgt eine Hand auf den Arm.
„Ginny ist tot", sagte ich tonlos, doch der Sinn dieser Worte wollte sich mir einfach nicht eröffnen.
„Oh, Merlin, was?" Nathalie klang geschockt.
Ich blinzelte und starrte auf Melindas geschwungene Schrift hinunter. „Sie hat… sie hat sich umgebracht", murmelte ich. Endlich begriff ich und der Schock ließ meine Hand zittern.
Blaise stand auf und kam zu mir, legte mir eine Hand auf die Schulter. „Das tut mir leid", sagte er nur und klang sehr ehrlich.
„Ja", antwortete ich, „ja, mir auch." Ein weiteres Mal las ich Melindas Zeilen. Ginny war mit ihrer Gruppe auf einem Tagesausflug und alle Heiler hatten den Eindruck, dass sie einen guten Tag hatte, denn sie war unauffällig und freute sich über die willkommene Abwechslung. Während die Gruppe sich zum Picknick in einem Park versammelte, stürzte Ginny sich von der nahe liegenden Fußgängerbrücke 30 m in die Tiefe. Direkt auf eine Muggelautobahn. Sie war sofort tot und als Melinda am Abend in ihr Zimmer ging, fand sie Ginnys Abschiedsbriefe, in welchem sie sich dafür entschuldigte, dass sie die Krankheit nicht in den Griff bekam.
Ich schluckte schwer und dachte daran zurück, wann ich Ginny zum ersten Mal gesehen hatte. Auf dem Bahnsteig, als ich zum ersten Mal nach Hogwarts fuhr. Damals war sie noch ein blasses, dünnes, kleines Mädchen, welches mich vom ersten Moment an anhimmelte.
Nathalie umarmte mich und ich schämte mich dafür, dass ich offenbar nicht zu der Traurigkeit fähig war, welche Blaise und Nathalie von mir zu erwarten schienen. Alles, was ich empfand war ein leises Bedauern, dass Ginnys Leben so hatte enden müssen. Ich hätte es ihr doch gegönnt, wenn sie endlich wieder gesund geworden wäre. Ich hätte mich gefreut, wenn Nathan wieder Kontakt zu ihr hätte haben können, wenn er wieder ein Mutter gehabt hätte.
Doch es war anders gekommen.
Ich entschuldigte mich bei Blaise und Nathalie und ging zu einem der Besucherkamine um Hermine zu flohen. Jedenfalls war das mein erster Gedanke, doch als ich in die Asche starrte wurde mir bewusst, wie lange ich weder mit Hermine noch Ron, noch irgendjemand von den anderen Weasleys geredet hatte und plötzlich war ich mir gar nicht so sicher, was ich sagen sollte. Dass es mir leid tat? Ron würde mich vermutlich durch den Kamin versuchen zu erwürgen, denn war ich nicht irgendwie schuld daran, dass seine einzige Schwester sich das Leben genommen hatte? Pamelas Erklärungen darüber, wie eine Kindbettdepression zustande kommt, kamen mir in den Sinn und ich verstand vom Kopf her durchaus, dass ich rein gar nichts für Ginnys Krankheit konnte. Doch hätte ich ihr nicht mehr helfen müssen? Hätte ich nicht darauf bestehen müssen, dass sie den Kontakt zu Nathan nicht verlor? Und was hatte ich stattdessen getan? Ich hatte mich zu Draco verkrochen und jeglichen Kontakt zu Ginnys Familie vermieden…
Ich wusste, dass es trotz allem richtig wäre mich bei den Weasleys zu melden, doch allein der Gedanke an Mollys Gesicht hielt mich davon ab und so schüttete ich ein halbes Dutzend Mal das Flohpulver zurück in seinen Behälter, nahm genauso oft eine Portion wieder hinaus und rang mit meinem Selbst um eine Entscheidung.
Schließlich war es Hermine, für die ich mich entschied. Ich nannte Hermines und Rons Adresse und verlangte ausdrücklich nur nach Hermine, bevor ich meinen Kopf in die Flammen hielt.
Der kleine gemütliche Salon von Ron und Hermine sah noch genauso aus, wie ich ihn kannte und ich hatte plötzlich einen Kloß im Hals. „Harry?", Hermines tränenerstickte Stimme riss mich aus meinen Gedanken und ich drehte meinen Kopf solange, bis ich sie an der Tür zur Küche stehen sah.
„Hallo, Hermine", sagte ich tonlos, plötzlich absolut sicher, dass es ein Fehler gewesen war sich zu melden.
„Oh, Harry, ist das nicht furchtbar?", schluchzte Hermine und kam näher zum Kamin. Sie kauerte sich vor mich und wischte sich mit einem zerfleddert aussehenden Taschentuch durch das Gesicht.
„Ich hab es gerade erfahren… ich… es tut mir leid", stammelte ich. Hermine schluchzte und nickte zur selben Zeit.
„Kann ich… soll ich… kann ich irgendetwas tun?"
Hermine schnäuzte sich geräuschvoll und beruhigte sich soweit, dass sie mir antworten konnte.
„Du hast dich gemeldet, das ist doch schon was. Ron und die Anderen besprechen gerade die Einzelheiten der Beerdigung."
„Wieso bist du nicht auch dabei?"
„Weil ich gehofft habe, dass du dich melden würdest. Du fehlst mir so sehr, Harry", antwortete sie leise und trug nicht gerade dazu bei, dass mein schlechtes Gewissen sich beruhigte.
Ich wusste nicht wirklich, was ich dazu sagen sollte und so beschränkte ich mich darauf zu fragen, wann die Beerdigung sei.
„Übermorgen um 14.00 Uhr. Wirst du kommen?" Die unübersehbare Hoffnung in ihrem Gesicht überraschte mich.
„Denkst du, dass ist so eine gute Idee? Ich meine, Ron wird auf mich losgehen, sobald er mich sieht… ich bin doch schuld, dass Ginny… ich… verdammt." Ich unterbrach mich und wich Hermines Blick aus. So sah ich auch nicht, wie überrascht sie plötzlich war.
„Was? Denkst du wirklich, dass du Schuld an Ginnys Tod bist? Aber, Harry, Ginny war krank und Ron und die Anderen wissen das genauso gut wie ich!"
„Aber… wenn ich mich nicht für Draco entschieden hätte, wenn ich bei ihr geblieben wäre…"
„Wäre es vielleicht schon viel früher passiert", sagte Hermine und klang entschlossen. Zögernd schaute ich sie an, suchte nach einem Anzeichen dafür, dass sie mir trotz ihren Worten doch die Schuld an Ginnys Selbstmord gab, genauso wie ich es tat. Doch in Hermines traurigem Gesicht war kein Vorwurf, keine Lüge zu erkennen, alles was ich sah, war dieselbe Offenheit, die ich von ihr gewöhnt war. Und sie war so unendlich vertraut, dass das sehnsuchtsvolle Ziehen in meinem Herzen lauter wurde.
„Du fehlst mir", sagte ich, bevor ich es verhindern konnte. Kaum hatte ich es ausgesprochen, da wurde mir bewusst, wie wahr diese Worte waren. Hermine fehlte mir. Ron fehlte mir. Und die anderen Weasleys fehlten mir ebenso. Es änderte nichts daran, dass ich Draco liebte, denn ich liebte auch meine Freunde… meine Familie.
Hermine streckte die Hand aus und ich fühlte ihre Berührung als knisterndes Prickeln an meiner Wange. „Wie geht es Draco?", fragte sie und ich liebte sie für ihr Verständnis.
„Unverändert."
„Ich wünschte so sehr, dass ich euch irgendwie helfen könnte. Bitte glaub mir das, Harry. Ich… also, als ich an dem Tag nach dem Streit bei ihm war habe ich doch gesehen, wie sehr er an dir hängt… und ich…"
„Was?", entfuhr es mir irritiert.
„Oh", machte Hermine und sah zerknirscht aus. „Er hat es dir nicht erzählt?"
„Was hat er mir nicht erzählt?"
„Ich… also, ich war in Dracos Wohnung, weil ich mir dachte, dass du dort bist und ich wollte sichergehen, dass mit dir und Nathan alles in Ordnung ist…", sie lächelte entschuldigend.
„Wann?"
„Am Morgen nach diesem vermaledeiten Streit. Ich wollte, dass du weißt, dass ich immer für dich da bin… und dass auch Ron es irgendwann verstehen wird."
Nun war ich endgültig verwirrt. Krampfhaft versuchte ich mich daran zu erinnern, ob Draco Hermines Besuch erwähnt hatte und kam zu dem Schluss, dass er es nicht hatte. Allerdings erinnerte ich mich auch an meine stürmische Rückkehr und die verflixte Eule, die Dracos Arbeitszimmer zerlegt hatte. Wahrscheinlich war es einfach nur untergegangen.
„Ich habe Draco gesagt, dass ich ihn gern näher kennen lernen würde und er meinte, dass du wohl Zeit bräuchtest um dich zu beruhigen… und… nun ja, ich habe gesehen, wie sehr er dich liebt… wie verletzlich er sein kann, etwas, dass ich ihm wohl nie wirklich zugestanden habe. Es tut mir so leid, dass ich noch keine Gelegenheit hatte in ihm den Menschen zu sehen, in den du dich verliebt hast. Bitte, verzeih mir, Harry."
Ich war sprachlos. Gelähmt, sowohl psychisch als auch physisch und ein kleiner Teil von mir war wohl auch verletzt darüber, dass Draco nicht erwähnt hatte, dass Hermine da war. Obwohl… und das wurde mir im gleichen Moment klar, vielleicht hatte ich ihm auch einfach nicht zugehört. Hatte Draco mir nicht von Hermines Briefen erzählt? Wusste ich nicht, dass er ihr geantwortet hatte? Selbstverständlich wusste ich all diese Dinge, aber es war wohl einfacher sie zu verdrängen als sich mit der Tatsache auseinanderzusetzen, dass es meine gekränkte Eitelkeit war, die mir meine momentane Einsamkeit verschafft hatte.
Der Wunsch meine Freunde endlich wieder zu sehen, wurde fast übermächtig. „Darf ich… zu Ginnys Beerdigung kommen?", fragte ich erstickt und Hermine schossen erneut die Tränen in die Augen.
„Das ist eine absolut bescheuerte Frage, Harry Potter! Ginny hat dich immer geliebt und es ist wohl das Mindeste, was sie von dir erwarten würde. Versteh mich bitte nicht falsch, das soll kein Vorwurf sein, denn wir alle wissen, dass du ihr nicht hättest helfen können, ganz egal, was du getan hättest. Aber sie war trotz allem deine Frau und Nathans Mutter!"
Scham schoss mir in die Wangen und ich nickte. „Wir werden da sein."
Ich beendete das Gespräch schnell, zum Einen, weil ich Hermines trauriges Gesicht einfach nicht mehr ertragen konnte, zum Anderen, weil mir bewusst wurde, dass ich fürchterliche Angst davor hatte den Weasleys wieder gegenüberzutreten. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass sie mir nicht die Schuld an Ginnys Tod geben sollten!
Ich schlief in dieser Nacht nicht.
Stattdessen wälzte ich mich ruhelos von einer Seite auf die andere und schaffte es einfach nicht, meine rasenden Gedanken irgendwie abzustellen. Wieder und wieder sah ich Ginny vor mir, als kleines Mädchen, während unseres ersten gemeinsamen Jahres in Hogwarts, ich erinnerte mich an unseren ersten Kuss, an all das, was wir zusammen durchgemacht hatten. Die Zeit des Kampfes gegen Voldemort, unsere Hochzeit und die Zeit danach.
Die schwierige Schwangerschaf mit Nathan und die noch schwierigere Zeit danach. Ich dachte daran, wie ich sie zuletzt gesehen hatte, auf Nathans Geburtstag, wo wir alle noch dachten, dass sie auf dem Wege der Besserung sei. Obwohl ich wusste, dass es so war, versuchte ich mir vergeblich vorzustellen, dass sie tot war. Ich dachte an all die Feiertage, die wir mit ihrer Familie verbracht hatten, an Molly und Arthur, die Zwillinge, Ron und Hermine, Bill und Fleur… Charlie und Percy. Ich hatte entsetzliche Angst davor ihnen bald gegenüberzustehen, denn das Letzte, was ich wollte, war eine unschöne Szene an Ginnys Grab. Mit verzweifelter Intensität wünschte ich mir, dass Draco mir beistehen könnte, dass er meine Hand halten und mir das Gefühl geben könnte, dass auch dieser Tag vorübergehen würde.
Und wie würde Nathan reagieren? Würde er sich an Molly und Arthur erinnern? Daran, dass sie immerhin seine Großeltern waren? Mir wurde klar, dass dies nicht sehr wahrscheinlich war.
Gegen 6 Uhr gab ich es auf und quälte mich aus dem Bett. Ich genehmigte mir eine lange heiße Dusche, welche mich jedoch weder von meiner Müdigkeit, noch von meinen Magenschmerzen befreite. Notdürftig trocknete ich mich ab und starrte mein Spiegelbild lange an, bevor ich begann mich zu rasieren. Diese blasse, viel zu dünne Gestalt mit den dunklen Ringen unter den Augen konnte doch nicht ich sein, oder? Es erschreckte mich, wie dünn ich geworden war und ich nahm mir vor, zumindest regelmäßig zu essen. Ich konnte es Nathan nicht antun, dass ich auch noch zusammenklappte.
Nathan wachte knappe drei Stunden später auf und war quengelig. Er schniefte und weigerte sich auch nur einen einzigen Happen zu essen. Ich fühlte ihm die Stirn und war erleichtert, dass sie kühl war. Ausnahmsweise gestattete ich ihm den Vormittag auf der Couch bei seiner Lieblingssendung zu verbringen und allein die Tatsache, dass er länger als 20 Minuten ruhig dalag, bestätigte die anderen Vorzeichen einer kommenden Erkältung.
Nach seinem Mittagsschlaf apparierte wir nach Malfoy Manor und fanden auch Narzissa auf der Couch liegend vor. Wie es aussah, war Nathan nicht der Einzige, den es erwischt hatte.
Glücklicherweise war Snape aber nicht nur gut darin Hogwarts-Schüler mit langweiligen Tränken zu quälen, sondern braute nun diverse Heil- und Stärkungstränke zusammen, die Narzissa und selbst Nathan widerspruchslos tranken.
Auf meine Frage, ob ich Nathan wieder mitnehmen sollte, bekam ich einen bitterbösen Blick von Tiny zur Antwort und Narzissa lachte mich aus. Die Zwergin war so froh nach Jahren endlich wieder jemanden zu haben, den sie bemuttern konnte, dass sie die Tage bis zur Geburt von Narzissas Zwillingen zählte. Ich bezweifelte, dass die Hauselfen da ihrer Meinung waren, denn für die dreckigen Windeln waren sie zuständig.
Narzissa nötigte mir ein monströses Stück Kürbiskuchen auf, welches ich artig mit ins Krankenhaus nahm und ihr hoch und heilig versprechen musste, dass ich es auch essen würde. Immerhin, trotz meiner Magenschmerzen roch der frische Kuchen wirklich phantastisch.
Im Hospital angekommen sprach ich kurz mit einem von Dracos Heilern, Samuel, ein netter Typ mit sandfarbenen Haaren und veilchenblauen Augen, die mich an Narzissa erinnerten. Eigentlich erzählte er mich nicht wirklich etwas Neues. Die Nacht war ruhig und hatte für Draco keinerlei Veränderungen gebracht.
Ich bedankte mich seufzend und beschloss mir einen Kaffee zu Narzissas Kürbiskuchen zu gönnen, bevor ich zu Draco ging. Zu meiner Überraschung fand ich Theodore neben Dracos Bett sitzen, als ich mit vollen Händen eintrat.
„Oh, hallo", sagte ich und balancierte die volle Tasse zum Tisch.
„Hi", antwortete Theo und erhob sich.
„Du musst wegen mir nicht gehen", erwiderte ich schnell, doch Theo winkte ab. „Schon gut, ich muss sowieso los, bin ja schon eine Weile hier. Ich hab gesehen, dass du mit dem Heiler gesprochen hast. Es gibt nichts Neues, oder?"
Bedauernd schüttelte ich den Kopf, während ich meinen Umhang auszog. Theo seufzte, gab mir die Hand und verabschiedete sich mit dem Versprechen das nächste Mal länger zu bleiben.
Ich machte es mir mit Kaffee und Kürbiskuchen auf Dracos Bettkante bequem, nachdem ich ihn begrüßt hatte. Schon nach den ersten zwei Bissen rebellierte mein Magen und ich musste eine Pause machen. Ich überlegte, wann ich zuletzt eine wirklich vollständige Mahlzeit zu mir genommen hatte und konnte mich beim besten Willen nicht daran erinnern. Essen war nebensächlich geworden und meist begnügte ich mich damit Nathans Reste zu verschlingen oder mir auf die Schnelle irgendeine Kleinigkeit zu zaubern. Ich schlürfte nachdenklich meinen Kaffee und zwang mich krümelweise dazu den Kürbiskuchen zu essen.
Nach einer Stunde hatte ich immerhin das halbe Stück geschafft und fühlte mich fürchterlich vollgegessen. Seufzend stand ich auf um mir noch einen Kaffee zu holen. Doch ich kam nicht einmal zwei Schritte vor die Tür.
„Charlie?", stieß ich überrascht aus und der rote Schopf drehte sich zu mir herum. Charlies wettergegerbtes Gesicht verzog sich zu einem etwas verzerrten Lächeln, welches seine Augen nicht erreichte. Der unvermeidliche Drachenzahnohrring blitzte aus seinen langen Haaren hervor.
„Harry", er kam auf mich zu und umarmte mich ohne zu zögern. Ich war so verdattert, dass ich im ersten Moment gar nicht reagierte. Charlie schob mich von sich weg und das Lächeln erstarb nun endgültig auf seinen Lippen. „Es tut mir ja so leid… ich bin gleich gekommen, als ich es erfahren habe. Ich war mitten im Amazonas und hab monatelang keine Zeitung zu Gesicht bekommen! Gütiger Himmel, Harry, du siehst furchtbar aus." Sein Redeschwall erstarb, als er mich eingehender musterte. „Wann hast du das Letzte gegessen?"
„Gerade eben", antwortete ich noch immer perplex und hielt zum Beweis meinen Kaffeebecher hoch.
„Dann war es nicht genug", Charlies Blick wurde ernst.
Einen Moment schwiegen wir beide und plötzlich wurde ich mir schamvoll bewusst, dass Charlie immerhin gerade seine kleine Schwester verloren hatte. Ich spürte, wie mir die Wärme in die Wangen kroch, als ich ihm leise mein Beileid aussprach.
Charlie nickte bedrückt, bevor er sichtlich durchatmete und sein sorgenvoller Blick wieder einzig mir galt. „Wie geht es Malfoy? Ich hab nur einen Artikel gelesen, wo am Rande erwähnt wurde, dass es keine Veränderung gab."
„Hat Hermine dir denn nichts gesagt?", fragte ich zögernd.
„Ich hab sie noch nicht gesehen. Die Eule mit der Nachricht von Ginnys Tod…"
Meine Wangen brannten vor Scham. „Es tut mir so leid, Charlie, ehrlich, ich…"
Charlie winkte ab, doch sein Lächeln wirkte unendlich traurig. „Ich weiß, Harry, ich weiß. Jedenfalls hat mich die Eule erst heute Morgen erreicht, was auch kein Wunder ist. Diese Siebenköpfigen Amazonasdrachen leben wirklich in einer verdammt unwirtlichen Gegend, sag ich dir. Ich bin dann nur schnell in unser Basislager, hab mir mal wieder eine lange Dusche gegönnt und da lag halt die Zeitung mit Malfoys Bild auf der Rückseite. Und ich…", er zuckte fast entschuldigend mit den Schultern. „…ich hab mir Sorgen um dich gemacht."
Seine Worte rührten mich zutiefst. Es war so unendlich einfach mit Charlie zusammen zu sein. „Du bist mir nicht mehr böse, dass ich, also dass wir nicht mehr ausgegangen sind?", platzte ich heraus und erschrak beinahe vor mir selbst.
Verdattert schaute Charlie mich an. „Wieso sollte ich? Ich dachte, es war klar, dass es nur ein One-night-stand war… oder war es nicht? Harry, wenn ich irgendetwas falsch verstanden hab, dann…"
„Aber Ron hat doch gesagt, dass du…?" Ich unterbrach mich ebenfalls und wir schauten uns einen Augenblick verwirrt an.
Schließlich war ich es, der mit einer gewissen Vorahnung fortfuhr: „Hast du Ron nicht gesagt, dass du gern noch mal mit mir… naja… ein Date haben würdest?"
Charlies Verwirrung war echt, auch wenn er meinem Blick für den Bruchteil einer Sekunde auswich und ganz vielleicht ein wenig rot wurde. „Ähm, nicht so. Ich hab ihm gesagt, dass wir eine tolle Nacht hatten und ich auch nichts dagegen hätte sie zu wiederholen, aber dass du in jemand anderen verknallt wärst und ich damit leben könnte… Was um alles in der Welt hat Ron denn gesagt?"
Ich war gelinde gesagt fassungslos darüber, was durch ein einfaches Missverständnis alles schief gehen konnte und seufzte. „Das ist eine längere Geschichte. Holen wir uns was zu trinken und setzen uns zu Draco, dann bringe ich dich mal auf den neuesten Stand."
~~*~~
Eineinhalb Stunden später hatte ich Charlie alles erzählt, angefangen von dem Streit mit Ron, über mein Leben mit Draco bis zu jenem verhängnisvollen Angriff und die daraus resultierenden Folgen. Erstaunlicherweise tat es einfach nur gut mir alles von der Seele zu reden und Charlie war ein phantastischer Zuhörer, der an den richtigen Stellen schwieg, dann und wann nickte und mich ansonsten einfach reden ließ. Mein Bericht endete mit dem Gespräch zwischen Hermine und mir und nun war Charlie komplett desillusioniert und ziemlich sprachlos.
„Und man kann wirklich gar nichts tun? Irgendetwas ausprobieren, solange bis man den passenden Zauber oder Trank oder so findet?"
Bedrückt verneinte ich und erklärte, dass eventuelle Nebenwirkungen viel zu gefährlich wären. Charlie stieß die Luft geräuschvoll aus und verschränkte die Arme hinter dem Kopf, während er nachdenklich Dracos reglose Gestalt betrachtete. „Verdammt", sagte er einfach nur.
Charlie blieb lange. Vielleicht länger als es angesichts der Situation um Ginnys Tod angebrachte gewesen wäre. Doch es war angenehm mit ihm zu reden, er erzählte von seiner Arbeit als Drachenbändiger und ich stellte fest, dass dieses Vagabundenleben so überhaupt nichts für mich wäre. Monatelang hauste Charlie praktisch in der Wildnis, um die Drachen in ihren Lebensräumen zu beobachten und zu studieren, bevor er versuchte eines der Exemplare zu fangen oder gar zu zähmen.
Wir sprachen über Ginny, ihre Krankheit und ihren Tod und darüber, dass ich mich irgendwie mitschuldig an ihrem Selbstmord fühlte. Charlie verstand mich und wir saßen eine ganze Weile schweigend einfach nur da, bis Charlie sich die Tränen aus den Augen wischte und versuchte sich mit der Aussage zu trösten, dass sie nun in einer besseren Welt weilte. Eine Welt ohne Schmerz und ohne Depression, ohne Krankheit.
Ich erzählte ihm von Nathans außergewöhnlich starker Magie und davon, dass Snape ihn unterrichtete. Charlie wollte vom Glauben abfallen, dass ausgerechnet ich lobende Worte für meinen einst so verhassten Zaubertränkelehrer fand.
Charlies lockere Art brachte etwas Normalität in mein so ganz und gar nicht mehr normales Leben zurück und ich war aufrichtig dankbar für sein unerwartetes Erscheinen. Es war schon dunkel, als Charlie einen Blick auf seine Uhr warf.
„Holla, ich hab gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergeht, jetzt muss ich aber wirklich los, bevor Ma die Wände hochgehen." Er setzte sich auf und reckte sich. „Du kommst aber morgen zur Beerdigung, oder?"
„Ja. Auch wenn ich eine Heidenangst davor habe, dass Ron eine Szene macht", gestand ich ungewöhnlich ehrlich und war verblüfft davon, wie einfach es gegenüber Charlie war, meine Ängste auszusprechen.
Charlie bleckte die Zähne. „Keine Sorge, das wird er nach der Unterhaltung mit mir bestimmt nicht tun."
Wider Willen musste ich lachen. „Tu ihm nicht allzu weh."
„Mal sehen, ich verspreche nichts." Er erhob sich und fuhr sich durch den Wust roter Haare, sein Drachenzahnohrring glänzte im matten Licht der Diagnosezauber.
„Danke, dass du gekommen bist", sagte ich geradeheraus und umarmte ihn herzlich. Ich spürte sein Lächeln, als er antwortete: „Das war doch wohl selbstverständlich und wenn ich irgendwie helfen kann, dann schreib mir, ok? Es dauert zwar etwas, bis die Eulen mich ausfindig gemacht haben, aber meist klappt es doch irgendwann."
Ich versprach ihn auf dem Laufenden zu halten und Charlie wandte sich zum Gehen. An der Türschwelle blieb er stehen und warf einen letzten Blick auf Draco, plötzlich wurde seine Miene nachdenklich und gerade, als ich fragen wollte, was mit ihm sei, begann er in den Taschen seines Drachenledermantels zu kramen.
Verblüfft beobachtete ich, wie er ein lindgrünes Ei herauszog. Mir fehlten die Worte!
Charlie warf mir einen Blick aus funkelnden Augen zu und sein Lächeln erinnerte mich nur allzu gut an unsere Nacht im Phunx. „Eigentlich sollte ich dir das wohl nicht geben… ich wollte es Bill mitbringen um Fleur ein bisschen zu ärgern, dafür, dass sie immer behauptet ich würde in Wahrheit keine Drachen sondern Doxys zähmen…"
„Das ist… Charlie, das ist doch kein Drachenei, oder?", stieß ich hervor und konnte einen kleinen Funken Aufregung nicht unterdrücken.
„Wenn dich jemand fragt, behauptest du besser, dass deine Eule so seltsame Eier legt."
„Das wäre eine verdammt große Eule."
Ein weiteres Grinsen war die Antwort und er griff nach meiner Hand. Seine Finger lagen warm um mein Handgelenk und es fühlte sich vertrauter an, als mir lieb war. „Hier, nimm es und leg es an Dracos Körper. Es braucht Wärme um irgendwann schlüpfen zu können…" Unvermittelt verschwand das Grinsen aus Charlies Gesicht und er sah mich sehr ernst an. „Und Harry… ich bin gar nicht sicher, ob es wirklich richtig ist, es dir zu geben, aber du musst eines noch wissen… Drachenbabys können nur schlüpfen, wenn sie in direktem Kontakt mit Magie stehen… also, wenn der Drache nicht schlüpft, dann… dann heißt dass…"
„Dass Draco tot ist", vollendete ich seinen Satz mit tonloser Stimme, die mehr ein Krächzen war.
Er nickte und sah schuldbewusst aus. „Vielleicht sollte ich es doch lieber mitnehmen…"
„Nein!", stieß ich so schnell hervor, dass Charlie erstaunt die Augenbrauen nach oben zog. „Nein", wiederholte ich ruhiger, „…es… vielleicht muss ich mich einfach damit abfinden, wenn es tatsächlich so ist…"
Charlies Blick war verständnisvoll, als er mir das Drachenei sehr vorsichtig in die Hände legte, und meine Finger einen Moment zu lange festhielt, bevor er sich endgültig verabschiedete.
Auch lange nachdem Charlie schon gegangen war, stand ich noch regungslos am selben Platz. Ich spürte das Leben in dem Ei, fühlte, wie der Drache sich gelegentlich regte und das Ei erbeben ließ. Zögernd wandte ich mich Draco zu, ließ mich wieder auf der Bettkante nieder und starrte das Drachenei in meinen Händen an. Ich hatte Charlie nicht einmal gefragt, was für eine Rasse es war. Unsinnigerweise brachte ich es nicht so richtig über mich, das Ei aus den Händen zu geben, den wahren Grund dafür drängte ich in den Hintergrund, denn wenn ich mir eingestanden hätte, dass ich nicht wollte, dass der Drache stirbt, hätte ich zugeben müssen, dass ich längst keine Hoffnung mehr hatte.
Desiderius' Worte hallten noch immer viel zu deutlich in meinen Gedanken wieder. „…da ist nichts, Harry…" Nichts. Nichts… konnte es denn wirklich sein, dass von Draco nicht mehr übrig war als eine seelenlose Hülle? Konnte es tatsächlich sein, dass nur noch die archaischen Reflexe seinen Körper am Leben erhielten, dass ihn seine Magie… seine Seele längst verlassen hatte? Warum konnte ich es dann nicht endlich begreifen? Warum klammerte ich mich noch immer an dem Glauben fest, dass Draco mich nicht verlassen würde. Jetzt noch nicht? Plötzlich war ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich es tatsächlich wissen wollte. Wie sollte ich ohne ihn weiterleben können? Ohne die Hoffnung, dass er vielleicht doch eines Tages wieder aufwachen und mit mir sprechen würde?
Es war weit nach Mitternacht als ich mich mit steifen Gliedern erhob. Ich hatte Kopfschmerzen und reckte mich, doch ich hatte eine Entscheidung getroffen. Egal was passieren würde, ich wollte endlich Gewissheit! Diese Talfahrt zwischen Hoffen und Bangen machte mich fix und fertig und ich glaubte nicht, dass ich es noch allzu lange durchhalten würde. Gewissheit war etwas, was ich mir durch das Drachenei selbst verschaffen konnte und es wurde Zeit, dass ich mich den Tatsachen stellte, gleichgültig, wie schmerzhaft sie sein würde. So bettete ich das Drachenei in die Kuhle zwischen Dracos Schultern und seinem Hals, schob das Kissen so zurecht, dass das Ei nicht verrutschen konnte und schickte ein Stoßgebet nach dem Anderen gen Himmel.
Als ich nichts mehr fand, was ich an dem Ei hätte herumrücken können, küsste ich Draco fahrig auf die Lippen und floh aus dem Hospital, als könnte ich der Wahrheit mit einem schnellen Abgang entkommen.
Die Folge war eine weitere schlaflose Nacht.
~~*~~
Der Morgen von Ginnys Beerdigung war diesig und neblig, genau wie meine Stimmung. Ich hatte zwar irgendwann noch geschlafen, doch das lag wahrscheinlich einfach nur an meiner Erschöpfung, denn besonders erholt fühlte ich mich nicht.
Nathan löffelte brav seinen Griesbrei und beobachtete intensiv das halbe Dutzend an Hascherl, die Narzissa ihm geschenkt hatte. Diese Miniversionen von gewöhnlichen Zwerghasen hoppelten wie wild auf unserem Frühstückstisch hin und her und balgten sich um ein paar Brotkrümel.
Obwohl ich Nathan eigentlich bei Narzissa hatte lassen wollen, überzeugte sie mich davon, dass ich ihn mitnehmen sollte. Nathan war so oder so noch zu klein um zu begreifen worum es ging, aber immerhin war Ginny seine Mutter.
Wir verbrachten den Vormittag im Wohnzimmer und versuchten den Hascherl beizubringen über ein Hindernis aus Holzsplittern und Brotkrumen zu hüpfen. Mit mäßigem Erfolg, denn leider nagten die Minis die Hindernisse lieber an anstatt darüber zu hüpfen.
Obwohl ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen, bemerkte Nathan selbstverständlich doch, wie bedrückt ich war, denn er ging widerspruchslos in sein Bettchen, als ich sagte, es sei Zeit für den Mittagsschlaf.
Nachdem ich die Tür zu Nathans Zimmer sanft hinter mir ins Schloss gezogen hatte, blieb ich einen Moment unschlüssig auf dem Flur stehen. Etwas nagte an mir, seit ich mich entschlossen hatte zu Ginnys Beerdigung zu gehen und ich wusste, dass es nur richtig war, wenn ich es auch erledigte. Ich installierte die Überwachungszauber und apparierte kurzentschlossen in unser Haus. In das Haus, in welchem ich mein Leben mit Ginny und Nathan geführt hatte. Es war still und das Sonnenlicht brach sich im Küchenfenster, als ich ankam. Obgleich es für Jahre mein Zuhause gewesen war, fühlte ich mich merkwürdig fremd und ich musste begreifen, dass dieses Leben endgültig vorbei war. Es gab kein Zurück mehr. Kein Zuhause für Ginny, Nathan und mich. Ich passte nicht mehr in dieses Haus, es war nicht mehr mein Leben. Seufzend schaute ich mich in meiner Vergangenheit um. Da standen noch immer die Teetassen auf dem Küchenregal, die Ginny von ihrer Mutter bekommen hatte und die ich so entsetzlich kitschig fand.
Die Überwachungszauber erklangen und ich hörte Nathan husten. Rasch machte ich mich auf den Weg ins Obergeschoss und von dort auf den Dachboden. Staub flimmerte in der Luft, als ich die Stiege hinaufkletterte und mich in dem überschaubaren Raum umsah. Ginnys Ordnungsfimmel sei Dank hatte sie jede der Kisten beschriftet und so fand ich schnell, wonach ich suchte.
„Brautstrauß", stand in Ginnys vertrauter Schrift auf dem kleinen Karton. Schwer schluckend zog ich das Klebeband auf und starrte einen Moment auf die getrockneten Rosen hinunter. Die Zeit hatte das einst leuchtende Orange zu einem warmen Ocker gedämpft. Erinnerungen an unsere Hochzeit tauchten vor meinem inneren Auge auf. Wie wunderschön und strahlend Ginny ausgesehen hatte in ihrem weißen Kleid… nach einem weiteren Augenblick der melancholischen Erinnerung schüttelte ich energisch den Kopf und hob den Strauß vorsichtig auf. Darunter fand ich, was ich suchte.
Eine einzelne rote Rose.
Es war die Rose, mit der ich vor Ginny gekniet hatte, als ich ihr den Antrag machte. Es war merkwürdig sie jetzt so getrocknet zu sehen. Ich erinnerte mich daran, wie ich Ginny damit aufzog, dass sie die Rose aufhob und in der Küche über dem Herd zum Trocknen aufgehängt hatte. Sie ließ sich jedoch nicht ärgern und erklärte mir lapidar, dass ich einmal froh sein würde, dass sie sie aufhob. Allerdings bezweifelte ich, dass Ginny die heutige Situation im Sinn hatte, als sie das sagte.
Vorsichtig nahm ich die zerbrechliche Blüte heraus und versah sie vorsichtshalber mit einem Schutzzauber, damit sie den Weg auf den Friedhof überstand bevor sie zu Staub zerfiel.
Die Überwachungszauber ließen mich Nathan quengeln hören und so blieb mir nichts anderes übrig, als den Brautstrauß wieder in seinen dunklen Karton zu stecken, die Stiege zu verschließen und nach Hause zu apparieren.
Nach Hause. Das ganze Haus roch irgendwie nach zu Hause. Hier fühlte ich mich nicht fremd, hier gehörte ich her. Mein Blick streifte Dracos Umhang, der nun schon so lange unberührt an der Garderobe hing und die Sehnsucht nach ihm war plötzlich unerträglich. Mit schweren Schritten ging ich nach oben und stellte fest, dass Nathan sich umgedreht hatte und nun mit dem Kopf am Fußende des Bettes weiterschlief. Auch wenn Draco nicht mit mir reden konnte, so hatte ich das Gefühl ihn unbedingt sehen zu müssen um den Tag einigermaßen anständig hinter mich zu bringen. Ich zog mich aus Nathans Zimmer zurück und apparierte nach St. Mungo.
Den Gedanken an das Drachenei verdrängte ich so gut es ging und vermied es geflissentlich das Ei auch nur zu berühren. Noch eine Hiobsbotschaft an diesem Tag konnte ich einfach nicht verkraften.
Ich blieb nicht einmal lange, saß nur neben ihm und hielt seine Hand bis die Überwachungszauber ansprangen und mir zeigten, dass Nathan endgültig aufgewacht war. Dracos Bett balancierte sich leise summend aus als ich mich hinunterbeugte und ihm einen schnellen Kuss auf die Lippen drückte. Sie waren kühl. Wie immer.
Seufzend apparierte ich zurück, holte Nathan aus seinem Bettchen und machte uns Mittagessen. Wobei Nathan ungefähr doppelt so viel aß wie ich und um ehrlich zu sein hatte ich das Gefühl mich jeden Moment übergeben zu müssen, wenn ich auch nur einen weiteren Bissen hinunterwürgen musste.
Ich zog Nathan an und kramte meinen schwarzen Anzug aus dem Schrank. Nathan betrachtete mich mit großen verwunderten Augen, als ich ganz in schwarz vor ihm stand und an meinem Kragen zerrte. Ich starrte mich im Spiegel an und ganz plötzlich kam mir der Gedanke, dass wenn der Drache bei Draco tatsächlich nicht schlüpfen sollte, Dracos Beerdigung die nächste war, auf der ich erscheinen musste.
Mir wurde schrecklich übel und ich schaffte es gerade noch rechtzeitig ins Badezimmer, bevor ich mich übergab. Nathan tappelte hinter mir her und fragte ängstlich. „Papa krank?" Ich würgte ein letztes Mal trocken, bevor ich es schaffte ein „Nein, Schatz, es geht gleich wieder", zu krächzen. Nathan sah nicht sonderlich überzeugt aus und spielte mit dem Saum seines Umhanges. Erst als ich wieder auf den Beinen stand und mir das Gesicht abgewaschen hatte, verschwand die Sorgenfalte von seiner kleinen Stirn. Doch der Griff seiner Ärmchen um meinen Nacken war fester als sonst, als wir eine halbe Stunde später direkt zum Friedhof apparierten.
~~*~~
Ich hatte mit so ziemlich allem gerechnet, aber nicht damit, dass Blaise, Nathalie, Vincent, Gregory und sogar Theo mich vor der Kapelle empfingen. Die Erleichterung, die mich durchströmte sie zu sehen war erschreckend. Ebenso wie die Dankbarkeit, als Blaise mich fest in die Arme zog und mich länger festhielt, als es nötig gewesen wäre.
Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Hermine und Ron aus der Kapelle traten und Ron plötzlich mitten in der Bewegung einfror. Blaise löste die Umarmung und ich bekam nur am Rande mit, dass Nathan sich von Nathalie auf den Arm nehmen ließ.
Ich starrte Ron an. Und er erwiderte meinen Blick ebenso starr. Er war furchtbar blass und es war unübersehbar, dass er geweint hatte.
Es war merkwürdig ihn nach so langer Zeit wieder zu sehen. Merkwürdig und erschreckend vertraut. Hermine stieß ihn in die Seite und Ron zuckte zusammen, bevor er sich umwandte und zurück in die Kapelle ging. Hermines Schultern sackten nach unten, während sie ihm nachschaute. Doch sie kam zu mir.
„Hallo, Harry", begrüßte sie mich sanft und umarmte mich zögernd, fast als hätte sie Angst davor, dass ich sie wegstieß.
„Hallo", sagte ich und brachte nicht mehr heraus. Selbst wenn ich gewusst hätte, was ich sagen sollte, meine Kehle war wie zugeschnürt.
Hermine begrüßte Dracos Freunde, von denen ich wohl spätestens jetzt behaupten konnte, dass sie auch zu meinen Freunden geworden waren.
Bill und Fleur winkten mir zu, während Fred und George sehr mitgenommen aussahen und mir lediglich zunickten, bevor sie mit hängenden Schultern in die Kapelle gingen.
„Wir sollten hineingehen. Die Andacht fängt bald an", sagte Hermine schließlich leise.
Widerstrebend nickte ich. Blaise' Hand legte sich auf meine Schulter und als ich ihn überrascht anschaute, grinste er mich aufmunternd an. Ich weiß nicht, wer überraschter über diese freundschaftliche Geste war, ich oder Hermine, die offenbar auch an der Situation zu knabbern hatte, selbst wenn sie versuchte den Anschein von Normalität zu wahren.
Langsam traten wir in die Kapelle und die andächtige Stille schnürte mir die Luft ab. Einzig Blaise' sanfter Druck auf meine Schulter brachte mich dazu einen Fuß vor den anderen zu setzen. Dennoch erstarrte ich, als ich den weißen Sarg in der Mitte der Kapelle das erste Mal sah. Rostfarbene Lilien - Ginnys Lieblingsblumen - waren zu einem Herz auf dem Kopfende des Sarges drapiert und ein großes Bild von Ginny schwebte darüber.
„Mama?", fragte Nathan erstaunt und ich kämpfte hartnäckig gegen die erneut aufsteigende Übelkeit an. ‚Für Nathan! Reiß dich zusammen! Für Nathan!'
„Hi…", erklang eine vertraute warme Stimme neben mir und ich blinzelte, bevor ich Charlies wettergegerbtes Gesicht erkannte. Er umarmte mich und gab Dracos Freunden die Hand. Ich hörte, wie Theo und er leise miteinander sprachen, doch ihre Worte gingen in dem Rauschen meines Blutes unter.
„Oma!", kreischte Nathan plötzlich los und riss mich aus meiner Starre. Er zappelte kurz aber heftig und Nathalie setzte ihn schließlich ab. Bevor ich es verhindern konnte, sauste Nathan lachend zwischen den Stuhlreihen hindurch und stürmte nach vorn. Ich brauchte einen Augenblick um Narzissa und Snape zu erkennen, die neben Molly und Arthur standen und hatte plötzlich das absurde Gefühl in einem falschen Film gelandet zu sein, denn anstatt auf Narzissa zuzustürmen, schmiss Nathan sich in Mollys Arme.
Molly hob ihn auf und küsste ihn, selbst auf die Entfernung sah ich, dass ihre Augen rotgeweint waren.
Narzissa wandte sich um und lächelte zaghaft, als sie mich sah und - wenn ich mich nicht allzu täuschte - irgendwie schuldbewusst, denn es war derselbe Ausdruck, den ich von Draco kannte. Nun wusste ich immerhin, warum sie darauf bestanden hatte, dass ich Nathan mitnahm. Mittlerweile kannte ich Narzissa und Snape eigentlich gut genug, dennoch war ich erstaunt darüber, dass sie hier waren.
„Nun geh schon", sagte Nathalie und gab mir einen sanften aber bestimmten Schubs in Richtung meiner Schwiegereltern. Doch es war letztendlich Charlie, der meine Hand nahm und mich mitzog. Ich sah Ron am anderen Ende der Kapelle, mit den Zwillingen und Percy - großer Merlin, Percy war erstaunlich alt geworden, seit ich ihn das letzte Mal gesehen hatte - wie sie mich beobachteten. Merkwürdigerweise waren es genau diese ablehnenden Blicke, die meine Wut erneut entfachten. Ich wollte mich nicht schuldig dafür fühlen, dass ich Draco liebte! Und ich würde mich mit Sicherheit nicht für ihn schämen! Weder für ihn, noch dafür, dass er wundervolle Freunde hatte, die mich so herzlich aufgenommen hatten! Charlie musste die Veränderung bemerkt haben, denn als ich die Schultern straffte, warf er mir einen verblüfften Blick zu, doch sein anschließendes Lächeln war warm und echt. „Zeig's ihnen, Tiger!", flüsterte er mir zu, bevor wir in Hörweite der Anderen waren.
„Darauf kannst du wetten", antwortete ich ebenso leise und dachte an Draco. Sein lächelndes Gesicht vor Augen durchströmte mich neue Entschlossenheit. Es gab nichts, wofür ich mich entschuldigen musste!
„Dass ist der Harry, den ich kenne", sagte Charlie und drückte ein letztes Mal meine Hand, bevor er mich losließ.
Nathan plapperte fröhlich auf Molly ein, die ihn mit tränenverschleierten Augen beobachtete und sich nur zu gern gefallen ließ, dass er an einer ihrer unzähligen Ketten herumfingerte.
„Hallo, Harry", sagte Narzissa und Mollys Blick flog zu mir. Während ich Narzissa küsste und Snape die Hand gab, begann Molly endgültig zu weinen und noch bevor ich Snape richtig losgelassen hatte, schloss sie mich in eine erdrückende Umarmung mitsamt meinem Sohn auf dem Arm.
Ich schloss die Augen und atmete den so vertrauten Duft nach Essen und Wolle ein, den Molly immer zu verströmen schien, seitdem ich sie kannte. Nathan ächzte und strampelte, fand diese familiäre Kuschelei wohl weit weniger angenehm als ich.
„Oh, Harry…", schniefte Molly, ließ mich endlich los und wischte sich über die Augen. „Es ist so furchtbar, dass wir uns auf diese Weise wieder sehen müssen." In ihrer Stimme lag keinerlei Vorwurf, nur unendliche Traurigkeit.
„Es tut mir so leid, Molly… Arthur…", meine Stimme klang belegt und ich wusste, dass auch mir die Tränen in den Augen standen.
„Junge…", murmelte Arthur und umarmte mich sehr kurz aber dafür umso heftiger. Ein sehr unpassendes Glücksgefühl durchfuhr mich, nur um sofort von einer Welle der Schuld hinweggerissen zu werden. Wie konnte ich nur froh darüber sein, dass Molly und Arthur mich mit offenen Armen empfingen, wenn wir an Ginnys Grab standen? Ginny… mein Blick wanderte wieder zu dem weißen, stillen Sarg, doch irgendwie konnte ich noch immer nicht begreifen, dass wirklich Ginny darin liegen sollte.
„Oma, guck!", riss Nathan mich aus meinen Gedanken, zückte seinen Zauberstab und ließ ein kleines Blumengesteck neben Ginnys Bild nach oben schweben.
Narzissa wurde rot und Molly lobte Nathan überschwänglich. Verwundert beobachtete ich Narzissa, bevor mein Blick zurück zu Molly glitt, die von Nathan gerade dazu genötigt wurde, sich seinen Zauberstab auch ja ganz genau anzusehen. Allmählich dämmerte es mir und mein Blick wanderte zurück zu Narzissa.
Sie sah ein, dass ich begriffen hatte und zuckte entschuldigend die Achseln. „Entschuldige, dass ich es dir nicht gesagt habe, aber ich dachte… naja… ich dachte, es wäre einfacher, wenn ich dich in dem Glauben ließ, der Zauberstab sei tatsächlich von mir."
Für eine Augenblick wusste ich gar nicht, was ich sagen sollte und bevor ich reagieren konnte, lachte Charlie neben mir leise und Arthur erzählte, dass er und Molly Narzissa und Nathan in der Winkelgasse getroffen hatten. Narzissa habe sie alle kurzerhand zu einem Tee eingeladen und so kam das Gespräch dann darauf, dass Nathan einen Zauberstab brauchte. Lange Rede, kurzer Sinn, Molly und Arthur ließen es sich nicht nehmen, Nathan den Zauberstab zu kaufen.
Ich schaute in Nathans begeistertes Gesicht, sah Molly und Arthur lächeln. Wie hätte ich da böse sein können?
„Danke", sagte ich einfach nur und wusste gar nicht genau, wen ich damit meinte. Narzissa, weil sie sich über meinen Willen hinweggesetzt hatte oder Molly und Arthur, dass sie mich nicht verurteilten.
„Harry?"
Ich drehte mich der vertrauten Stimme zu und erkannte Melinda, die mit einem großen dunkelhaarigen Mann hinter uns stand. Wir begrüßten uns, sie stellte mir ihren Freund James vor und staunte angemessen darüber, wie groß Nathan geworden war.
„Wie geht es dir?", fragte Melinda schließlich, als wir einige Schritte zur Seite getreten waren.
„Es muss gehen", antwortete ich vage.
„Und Draco?"
„Unverändert."
„Ich… Harry, ich muss dir noch etwas sagen." Melinda kaute an ihrer Unterlippe und fummelte gleichzeitig nervös an ihrer Handtasche herum.
Sämtliche Alarmglocken begannen in meinem Kopf zu schrillen. „Was denn?", krächzte ich und rechnete damit, dass ich nun doch noch zu hören bekam, dass Ginnys Selbstmord allein meine Schuld war!
„Sie… also, Ginny hat einen Abschiedsbrief an dich geschrieben."
Ich verstand ihre Worte nicht und starrte sie nur schweigend an.
Melinda fuhr sich fahrig durch die Haare. „Ich wollte ihn dir selbst geben… eigentlich wollte ich dich ja noch vor heute besuchen, doch ich kam einfach nicht früher in Florida weg, der ganze Papierkram und so."
„Ein Abschiedsbrief?", flüsterte ich geschockt, als ich endlich begriff, was Melinda sagte.
Sie nickte und lächelte schuldbewusst. „Ja, sie hat mehrere geschrieben… einen an ihre Eltern, ihre Geschwister… an mich… und an dich, Harry. Ich wollte nicht, dass einer der anderen ihn vor dir liest, deshalb… Himmel, bitte verzeih ich hätte ihn dir wirklich vorher geben sollen."
Ich nickte und schüttelte den Kopf zur gleichen Zeit. Melinda öffnete ihre Handtasche, zog ein Pergament heraus und hielt es mir auffordernd hin. Mein Herz hämmerte hart in meiner Brust, als ich mit tauben Fingern danach griff. Ginnys vertraute Schrift sprang mir entgegen und meine Kehle war plötzlich wie zugeschnürt. Hilflos ließ ich das Pergament sinken und presste mir die Hand vor den Mund. Ich hatte nicht gedacht, dass ich überhaupt noch zu Trauer fähig war, dass ich überhaupt noch etwas empfinden konnte, wenn es nicht um Draco ging. Doch in diesem Augenblick wurde mir bewusst, dass der Abschied von Ginny endgültig war. Es würde keine Heilung geben und die Freundin, die sie mir einst gewesen war, würde nicht zurückkommen. Nathan hatte keine Mutter mehr und es gab für Ginny und mich keine Chance die Dinge zwischen uns zu klären.
Ich wurde in eine Umarmung gezogen und wusste noch bevor ich sein After Shave roch, dass es Charlies Arme waren, die sich um mich legten. Er sagte nichts und dafür war ich ihm dankbar.
Nach einigen Momenten kämpfte ich die Trauer nieder und löste mich aus Charlies Armen. Ich wischte mir die brennenden Augen und sah erneut auf Ginnys Brief hinunter. Es war mir gleich, ob Charlie mitlas oder nicht. Doch er tat es nicht, sondern begann sich dezent mit Melinda zu unterhalten.
Liebster Harry,
wenn du diese Zeilen liest, dann weißt du bereits, dass ich meinen schwersten Kampf verloren habe. Ich bedauere, dass ich dir nicht selbst erklären kann, was mich zu diesem Schritt gebracht hat, doch ich bezweifle, dass ich es hätte in Worte fassen können. Sagt man nicht, Papier ist geduldig? Dies ist der letzte Brief den ich schreiben muss und mit Sicherheit auch der schwerste. Es tut mir so leid, wie ich mich in den vergangenen Monaten dir und vor allen Dingen Nathan gegenüber benommen habe. Ich weiß, dass ich nicht ich selbst war und es tut mir so unendlich leid, dass Nathan mich nicht als die Mutter erleben konnte, die er zweifellos verdient hat und die ich so gern gewesen wäre. Glücklicherweise warst du ihm ein besserer Vater als ich es als Mutter war und ich bin mir sicher, dass du auch weiterhin gut auf ihn aufpassen wirst. Ich… Es gibt etwas, dass ich dir noch sagen sollte, denn ich kenne dich gut genug um zu wissen, dass du dir Vorwürfe machst. Ist es nicht so, Harry? Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich nicht wütend auf dich war, weil du mich all die Jahre belogen hast. Eine Zeitlang war ich überzeugt davon, dass du Schuld an meiner Krankheit bist, dass du mich einfach nicht genug geliebt hast. Zuerst. Doch mit der Zeit habe ich widerwillig einsehen müssen, dass ich dir eigentlich nichts vorwerfen kann, außer dass du versucht hast der Mann zu sein, denn ich gern gehabt hätte. Ich hab oft mit Melinda darüber gesprochen und ich denke, ich kann verstehen, warum du es getan hast. Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich dir nicht mehr böse bin. Man kann Liebe nicht erzwingen, genauso wenig wie ich die Heilung erzwingen konnte. Eine lange Zeit habe ich mir tatsächlich versucht einzureden, dass wenn ich über dich hinweg bin, dass es mir dann besser gehen wird. Es war der Strohhalm, an den ich mich geklammert habe und nun… Weißt du, ich habe hier jemanden kennen gelernt. Einen Mann. Blake ist ein Arzt in Ausbildung, der hier in der Einrichtung arbeitet und wir haben uns von Anfang an gut verstanden. Also, was ich eigentlich sagen will ist, dass ich mich in Blake verliebt habe. Es war nicht so wie mit dir, es war anders. Langsamer würde ich sagen. Zuerst fand ich ihn nur ganz nett, dann wirklich nett und schließlich… naja, ich will dich nicht mit Einzelheiten langweilen. Das, was ich eigentlich sagen will, Harry, ist, dass auch seine Liebe mir nicht helfen konnte.
Ich war so glücklich, als er mich das erste Mal geküsst hat und ich dachte wirklich, dass nun alles besser wird, dass ich wieder ich selbst werden kann. Und dann an Nathans Geburtstag war es ja auch so schön ihn und dich wieder zu sehen. Ich habe nichts von Blake erzählt, außer Melinda, weil, vielleicht weil ich Angst hatte, dass ihr denkt, er ist nur eine Art Ersatz für dich. Nun, das stimmt nicht. Wir waren ja nun schon einige Zeit zusammen und er hat einfach alles für mich getan. Aber die Stimmen kamen zurück. Ich weiß, dass Melinda dir nichts darüber erzählt hat, wie schlimm es wirklich ist. Auch meinen Eltern nicht. Ich habe sie darum gebeten, damit sie sich nicht noch mehr Sorgen machen müssen. Doch ich… es ist, als ob in meinem Kopf noch ein halbes Dutzend weitere Leute leben und alle reden gleichzeitig auf mich ein. Ich kann es einfach nicht mehr ertragen nächtelang wach zu liegen und zu wissen, dass ich verrückt bin. Die Medikamente helfen. Zeitweise. Aber sie machen mich so müde, dass ich tagelang einfach nur im Bett liegen bleibe und darauf warte, dass die Stimmen endlich schweigen. Doch sie schweigen nicht und ich kann einfach nicht mehr. Alles, was mir noch bleibt ist, dich um Verzeihung dafür zu bitten, dass ich nicht stärker bin. Dass ich dir nicht mehr beweisen kann, dass wir trotz allem noch Freunde hätten sein können. Und dass ich Nathan keine Mutter sein kann. Es tut mir so leid.
Ginny
Mit zitternden Händen kämpfte ich gegen das aufkommende Entsetzen. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Einerseits war ich so schamlos erleichtert, dass Ginny nicht geschrieben hatte, dass ich an allem Schuld sei. Dass sie sich wegen mir umgebracht hatte. Andererseits tat es schrecklich weh zu wissen, wie schlecht es ihr gegangen war und wie allein sie sich gefühlt haben musste.
„Alles in Ordnung?", fragte Melinda besorgt. Ich schüttelte den Kopf und reichte ihr den Brief, sie schniefte leise, während sie ihn las. Irritiert bemerkte ich, dass sie irgendwie erleichtert wirkte.
Sie faltete das Pergament zusammen und schaute mich an, in ihren Augen schwammen Tränen. „Ich bin so froh, dass sie es dir gesagt hat, Harry."
Ich machte ein verständnisloses Geräusch und räusperte mich. „Was genau?"
„Das mit Blake. Und es… es stimmt, was sie geschrieben hat. Die Medikamente haben sie komplett außer Gefecht gesetzt und sie konnte nichts mehr als im Bett liegen. Aber wenn wir die Dosis heruntergesetzt haben, ist sie fast durchgedreht wegen der Stimmen, die sie hörte." Melinda seufzte tief.
„Stimmen?", fragte Charlie heiser.
„Lass ihn den Brief lesen", bat ich Melinda und sie zögerte nur kurz, bevor sie das Pergament an Charlie weiterreichte.
„Aber ist es nicht so, dass Kindbettdepressionen gute Heilungschancen haben?", fragte ich, nach einem Moment des Schweigens.
„Ja und nein. Es hängt von einigen Dingen ab. Zuerst muss es früh genug erkannt werden, was nicht einfach ist, denn Stimmungsschwankungen sind nach einer Geburt relativ häufig und die meisten geben sich nach ein paar Wochen wieder. Dann kommt es auf die Form der Depression an. Es gibt drei, nennen wir es Schweregrade und Ginny gehörte zu den wenigen, die sofort an der schwersten Form litten… die Heilungschancen sind da… nicht sehr hoch." Melinda wurde immer leiser und griff schließlich an mir vorbei um Charlie tröstend die Hand zu drücken. Er war sehr blass geworden, während er den Brief las und ich konnte sehen, dass er mit den Tränen kämpfte.
„Wie hoch…?", brachte er mit tränenerstickter Stimme hervor.
„Bitte?"
„Wie viele überleben die Krankheit, die Ginny hatte?" Charlie atmete durch und reichte mir das Pergament, wobei er es vermied, mich anzusehen.
„Das kann ich nicht genau sagen, die Dunkelziffer ist ziemlich hoch, weil viele sich gar nicht in Behandlung begeben und so nie erkannt wird, was der Grund für ihren Selbstmord ist… aber… die meisten verbringen den Rest ihres Lebens in geschlossenen Anstalten."
Melindas Worte hingen wie ein Damoklesschwert über uns und ich sah in einen neuen Abgrund von Schrecken. Eine geschlossene Anstalt? Für den Rest ihres Lebens? Ich wusste nicht, ob einer der anderen Anwesenden verstand, was mir in diesem Augenblick klar wurde. Ich konnte nun verstehen, warum Ginny sich das Leben genommen hatte. So schmerzhaft und verzweifelt diese Erkenntnis war. Ich wandte mich zu Ginnys Sarg um und fühlte mich endlich bereit zu akzeptieren, was geschehen war. Ich bemerkte die vielen Blicke nicht einmal, die mir folgten, als ich langsam hinüberging und eine Hand auf den Sarg legte. Es war, als versuchte ich ein letztes Mal ihr den Halt zu geben, den sie so dringend gebraucht hätte. Ein unbeschreibliches Gefühl von Nähe und Verständnis erfüllte mich und meinte Lippen zitterten vor ungeweinten Tränen, als ich ein trauriges Lächeln zustande brachte und Ginny ein letztes Mal zuflüsterte: „Ich verstehe dich, Gin."
~~*~~
Die Trauerfeier war sehr bewegend und selbst Nathan schien zu begreifen, dass etwas mit seiner Mama nicht stimmte, denn er starrte minutenlang auf Ginnys Bild, auf den Sarg darunter und die vielen weinenden Menschen um ihn herum. Schließlich krabbelte er auf meinen Schoß, klammerte sich mit einer Hand in mein Hemd und nuckelte am Daumen, etwas, das er lange nicht mehr gemacht hatte. Ich hielt ihn so fest, dass mein Arm ganz taub war, als die Andacht zu Ende war.
Ginnys Sarg wurde durch einen Schwebezauber emporgehoben und wir versammelten uns dahinter um Ginny auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Ron hielt sich von mir fern und ich war nicht einmal mehr böse darum. Im Hinausgehen sah ich, wie Melinda mit einem verweint aussehenden jungen Mann sprach und ich fragte mich, ob das Ginnys Freund war. Ich musterte ihn und musste zugeben, dass er gut zu Ginny gepasst hätte. Etwas an ihm erinnerte mich an sie, auch wenn ich es nicht in Worte hätte fassen können. Plötzlich empfand ich es als falsch, dass ich so weit vorn im Trauerzug mitlaufen sollte und Ginnys Freund sich ausgrenzte. Ich trat aus dem Zug heraus, hob Nathan auf den Arm und ging auf Melinda und Blake zu.
Blake sah fast erschrocken aus, als ich auf ihn zutrat und ihm die Hand reichte. Mit vor Emotionen bebender Stimme stellte er sich vor, aber seine Augen ruhten auf Nathan, der ihn ebenso interessiert musterte. Melinda schaute mich überrascht an, als ich Blake bat mit mir vorn im Zug zu gehen. Er wollte zuerst nicht, doch als ich sagte, dass Ginny es bestimmt so gewollt hätte, willigte er doch ein. So reihten wir uns wieder ein und nun lagen die verwunderten Blick der Anwesenden nicht nur auf mir, sondern auch auf dem weinenden jungen Mann neben mir.
Blaise warf mir fragende Blick zu und ich deutete ihm, dass ich mich später erklären würde.
Die Zeremonie am offenen Grab war ein einziges Drama. Molly brach weinend in Arthurs Armen zusammen, die Zwillinge hielten sich an den Händen, als sie an Ginnys Grab vortraten. Rons Gesicht war versteinert, als er mit Hermine und Brian vortrat und ich wusste, dass er es nicht schaffte auch nur einen Blick ins Grab auf Ginnys Sarg zu werfen.
Als wir an der Reihe waren, nahm ich Nathan an der Hand und trat zusammen mit Blake vor. Schlagartig verstummte das Gemurmel der Anwesenden und mir tat Blake leid, er war es nicht gewöhnt derart im Interesse der Öffentlichkeit zu stehen.
„Da?", fragte Nathan und zeigte auf den Sarg, klammerte sich an meinem Hosenbein fest.
Ich ging neben ihm auf die Knie und reichte ihm die getrocknete Rose. „Für Mami", flüsterte ich ihm ins Ohr und deutete ihm die Rose auf den Sarg zu werfen. Er zögerte unendlich lange und schaute mich mit großen Augen an.
„Mama weg?", fragte er schließlich leise. Blake brach neben uns endgültig in Tränen aus.
„Mama ist jetzt im Himmel bei den Engelchen", erklärte ich und scherte mich einen Dreck darum, dass uns alle anstarrten. Es musste für die Anwesenden sehr merkwürdig aussehen, dass ich für meine Frau nicht mehr als eine vertrocknete Rose übrig hatte, doch das Einzige, was mir wichtig war, war die Gewissheit, dass Ginny diese Geste verstanden hätte. Ich ließ Nathan soviel Zeit er wollte und letztendlich warf er die Rose tatsächlich in das Grab. Er sah bedrückt aus und ich zog ihn in die Arme, während ich mich gedanklich von Ginny verabschiedete.
Blake fasste sich nur schwer und so wartete ich mit Nathan auf dem Arm bis auch er sich beruhigt hatte. Erst dann traten wir zur Seite um den restlichen Trauergästen den Abschied zu gestatten.
Es dauerte lange. Viele alte Bekannte waren gekommen und ich ignorierte stoisch die Tatsache, dass viele von ihnen mich schnitten. Ich gesellte mich zu Blaise und den anderen, Charlie war der Einzige, der mir folgte. Narzissa verabschiedete sich mit Snape kaum, dass sie am Grab gestanden hatten. Ich wusste, wie schwer ihr das Stehen mittlerweile fiel und die Anstrengung war ihrem schmalen Gesicht auch anzusehen.
Molly und Arthur waren noch lange damit beschäftigt die Kondolenzwünsche von all den Trauergästen entgegenzunehmen. Selbstverständlich war auch die Presse nicht weit und mir grauste allein bei dem Gedanken daran, wie sie die Beerdigung in der nächsten Ausgabe ihrer Zeitung breittreten würden.
Mir fiel auf, dass Blake der Letzte war, der noch einmal zum Grab ging und mit gesenktem Kopf lange dort stand. Niemand außer Melinda und mir schien zu wissen, wer er war und aus irgendeinem Grund fand ich das nicht richtig. Ich bat Nathalie kurz auf Nathan aufzupassen und schlängelte mich durch die versammelten Trauergäste zu Molly und Arthur durch.
„War das nicht eine schöne Feier, Harry? Es hätte Ginny bestimmt gefallen…", presste Molly mit gebrochener Stimme hervor.
„Bestimmt„, antwortete ich und rang mit mir, wie ich die richtigen Worte dafür finden sollte, was ich zu sagen hatte. Ich entschloss mich für die Flucht nach vorn. „Molly, weißt du, wer das da an Ginnys Grab ist?"
Molly schaute mich überrascht an. „Nein, ich dachte, es sei einer deiner… neuen Freunde… also Dracos Freunde… weil du doch mit ihm zum Grab gegangen bist."
Aus einer Eingebung heraus griff ich nach Mollys Hand. „Das ist Blake. Er war Ginnys Freund", sagte ich so leise, dass nur Molly und Arthur mich verstanden. Mollys Augen wurden groß, bevor sie sich eine Hand auf die Brust legte.
„Freund?", wisperte sie tonlos und ihr Blick suchte Blakes einsame Gestalt.
„Ja. Ich dachte, dass ihr das wissen solltet…", antwortete ich und fühlte mich schäbig ohne erklären zu können warum.
Molly und Arthur tauschten einen schnellen Blick und es überraschte mich nicht, als die beiden sich an den Händen fassten und gemeinsam zu Blake gingen. Molly legte ihm eine Hand auf den Arm und Blake war offenbar so versunken, dass er erschrocken zusammenzuckte.
Ich verstand nicht, was Molly sagte, doch das war auch nicht nötig, denn nur ein paar Momente später zog sie Blake so herzlich in eine Umarmung, dass der Arme im ersten Moment völlig hilflos wirkte. Ich vergrub beide Hände in den Taschen meiner Hose und starrte einen Moment auf meine Schuhspitzen, bevor ich zurück zu Blaise und den anderen ging.
Rons Blick, der sich in meinen Rücken bohrte, bemerkte ich nicht. Ebenso, wie ich nicht sah, dass er Hermines Hand, die sich liebevoll auf seinen Arm legte, ärgerlich abschüttelte, bevor er sich abwandte und in der Kapelle verschwand. Und es war wohl auch besser, dass ich es nicht sah.
Ich lehnte Mollys Einladung noch mit den Fuchsbau zu kommen ab, gab aber nach, als sie darum bat Nathan für ein paar Stunden mitnehmen zu dürfen. Ich fragte Nathan, ob er mitwollte und er stimmte sofort zu, woran Brian, Hermines und Rons Sohn, nicht unerheblichen Anteil gehabt haben durften. Ich wusste, dass Nathan viel zu wenig mit anderen Kindern zusammen war und setzte auch diesen Punkt auf meine mentale Liste zu erledigender Dinge. Zusammen mit dem Verkauf von Ginnys und meinem ehemaligem Heim.
Den Rest des Tages verbrachte ich neben Draco im Hospital und schaffte es sogar die erste halbe Stunde das Drachenei zu ignorieren. Selbstverständlich wurde mein Blick jedoch magisch davon angezogen. Wie immer, wenn man sich vornahm etwas nicht zu tun, war die Verlockung einfach zu groß. Dennoch durchströmte mich meine wahnsinnige Erleichterung, als ich - nach nun doch eingehender Betrachtung des Dracheneis - keinerlei Veränderung feststellen konnte. Mein Blick glitt zu Dracos friedlichem Gesicht und ich schaute ihn lange an. Hatte sich etwas verändert? War das gelegentliche Zucken seiner Lider wieder nur ein vorsorglicher Nervenreflex oder war es ein Hinweis darauf, dass er noch da war?
Natürlich gab es niemanden, der mir eine Antwort darauf hätte geben können.
Tbc…
Read and Review, please.
Coming up next: Am Ende der Kraft
PS: Und wer hatte mit Ginnys Tod gerechnet?????
