21. Kapitel

Unfreiwillige Termine

Das Zittern wollte einfach nicht nachlassen.

Die Luft war warm und die Sonne schien zum Fenster hinein, dennoch schüttelte es Hermine wie unter einem heftigen Fieberschub.

'Nur die Ruhe - ganz ruhig bleiben', ermahnte sie sich selbst, und versuchte langsam aufzustehen.

Sie schaffte es mühsam bis ins Bad, nur um sich dort heftig zu übergeben und danach langsam auf die kalten Bodenfliesen hinabzugleiten.

Den Kopf kraftlos in die Hände gestützt, dachte sie über den gestrigen Tag nach.

Es war so dumm von ihr gewesen, sich selbst in eine solche Gefahr zu begeben.

Doch hatte je jemand behauptet, dieser Auftrag sei ungefährlich - sie selbst hatte Snape gegenüber versichert, dass sie sich nicht in Gefahr begeben würde und nun war sie geradezu darüber erschüttert, was für eine riesige Lüge dies gewesen war.

Sie hatte sich beweisen wollen, dass sie diesen Auftrag erfüllen konnte - sie hatte es ihm beweisen wollen.

Mit der flachen Hand schlug sie plötzlich neben sich auf den Boden. "Verdammt! Du bist eine Hexe - der Kerl hätte dir nichts tun können, das weißt du doch genau! Du warst bewaffnet - er nicht!"

Doch die Zurechtweisung wollte nicht richtig Form in ihrem Kopf annehmen. Dieser Mann war bewaffnet gewesen. Allein seine Muskeln waren Waffen gewesen, die - zur richtigen Zeit eingesetzt - ihren Zauberstab völlig unbrauchbar gemacht hätte.

Hermine zog sich mühsam am Badewannenrand hoch und schleppte sich zur Tür.

Ein Blick zur Uhr im Wohnzimmer zeigte ihr, dass sie sich längst hätte auf den Weg zur Uni machen müssen.

Das Rumoren in ihrem Bauch war jedoch so überzeugend, dass sie sich zum ersten mal seit sie dort unterrichtete, krank meldete. Man wünschte ihr gute Besserung und sie versprach, sich am nächsten Tag wieder zu melden.

Dann legte sie sich auf ihr Bett und versuchte, nicht in Gewissensbisse darüber zu verfallen, dass ihr neuer Eintritt in die Zaubererwelt ihr bisheriges Leben bereits jetzt auf den Kopf stellte.

Sie würde es schaffen diesen Auftrag auszuführen und ihr Leben in der Muggelwelt dennoch so fortzuführen, wie sie es bislang getan hatte. Bald - aber nicht heute! Ihr Besuch bei Peter Deeping lieferte ihr jeden Grund dafür, sich heute hundeelend zu fühlen.

Kaum hatte sie diesen Gedanken zu Ende verfolgt, drängte sich eine andere Erinnerung in den Vordergrund.

Snape!

Er hatte sie geküsst! Warum hatte er das getan? Hermine war selbst überrascht, dass sie es geschafft hatte, diese Frage so lange zurückzudrängen.

Doch es war eigentlich egal aus welchem Impuls heraus er es getan hatte - es war eindeutig gewesen, dass er diese Entscheidung sofort bereut hatte.

Hermine versuchte es zu verdrängen...dieses Gefühl des Stiches tief in ihr drin, den er ihr mit seinem plötzlichen Ekel zugefügt hatte.

Die Vermutung lag nahe, dass er sie überhaupt nur aus diesem Grunde heraus geküsst hatte - er wollte ihr zeigen wie ekelhaft sie ihm war - dieser Gedanke ergab keinen Sinn, stellte Hermine verwirrt fest.

Dann war es aus dem Grunde heraus, dass er ihr zeigen wollte, wer über wen verfügte...auch das schien nicht wirklich logisch!

Aber es hatte einen Grund dafür gegeben...und dies war mit Sicherheit kein guter gewesen!

Über diese wirren Gedanken schlief sie erneut ein.

Am frühen Mittag ging es ihr eindeutig besser. Hermine machte sie sich einen Salat und aß ihn schließlich auf ihrem kleinen Balkon.

Dabei sah sie über die angrenzenden Häuser. Ihre Gedanken wanderten wieder zu Peter Deeping. Wer wusste schon, wie viele Menschen allein in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft lebten, die ebenso widerlich und unberechenbar wie dieser Mann waren.

Deeping hatte ihr wirklich Angst gemacht. Ein Mann, der wie eine Zeitbombe vor sich hintickte - dabei war er nicht untalentiert - doch sein Wunsch nach Anerkennung, seine genaue Beobachtungsgabe, seine körperliche Stärke und der leicht erkennbare Wunsch über andere Menschen bestimmen zu wollen, war das, was ihn so gefährlich machte...und so wertvoll für Voldemort.

Hermine hegte keinen Zweifel mehr daran, dass es Menschen wie Deeping waren, die der Lord für seine Pläne ins Auge gefasst hatte. Er brauchte Leute, die in der Lage waren, andere anzuleiten und dabei eine harte Hand zu zeigen. Er brauchte Muggel, die ihresgleichen so gut täuschen konnten wie er es benötigte, um sie letztendlich in eine Schlacht zu führen, die nicht die ihre war. Bis sie dies erkennen würden wäre es zu spät. Sie würden kämpfen oder sterben müssen - vermutlich jedoch beides.

Schweren Herzens nahm sie Snapes Liste erneut zur Hand und sah darauf. Er hatte ihr gesagt, dass die Reihenfolge unwichtig sei - dass sie einfach mit einem anderen Namen weitermachen sollte, wenn sie Probleme hatte. Und ja, sie hatte definitiv Probleme! Sie hatte das Problem, dass Snape ihr diesen Auftrag erteilt hatte, es ihr aber gleichzeitig unmöglich gemacht hatte ihn auszuführen.

Wollte er ihr damit zeigen wie unfähig sie war, oder war er letztendlich tatsächlich besorgt um sie?

Sie ließ die Gabel scheppernd in die Salatschüssel fallen und stellte das Gefäß dann unsanft ab.

Erneut huschten ihre Augen über die Namen auf der Liste.

Fein säuberlich in bester Snapemanier standen sie dort, als wäre ein jeder von ihnen ein aufrechter Bürger. Wenn all die anderen sie in eben solche Situationen bringen würden, wie dieser verdammte Deeping es getan hatte, dann würde sie ohne Zweifel ihren Zauberstab einsetzen müssen, was für die Aktion sicher alles andere als hilfreich war.

Und so traf Hermine drei Entscheidungen.

Erstens, sie würde versuchen, jeden Kontakt zu den Personen die sie beobachten sollte zu vermeiden.

Zweitens, sie würde sich zuerst die weiblichen Muggel auf dieser Liste vornehmen - was leider nur zwei waren, aber besser als nichts!

Und drittens, sie würde Snape eine ebenso wichtige wie simple Frage stellen, sobald sie ihn wieder treffen würde.

Es war jetzt Mittag und Hermine machte sich auf den Weg, um einen weiteren Namen auf der Liste abhaken zu können.

Martha Bloomsbury.

Die Adresse war offensichtlich ihre Arbeitsstelle.

Ein Friseursalon, der mitten in London lag und scheinbar gut besucht wurde.

Hermine spähte durch das Schaufenster und sah einige Damen, die damit beschäftigt waren Haare einzudrehen, zu färben oder die Schere in atemberaubender Geschwindigkeit über Haarspitzen gleiten zu lassen.

Ohne überhaupt zu wissen, welche von den Frauen Martha Bloomsbury war, konnte Hermine genau so gut wieder nach hause fahren. Was sollte ihr schon groß passieren können in einem Geschäft voller Leute? Also betrat sie den Laden und wurde auch sofort von einer geschäftigen älteren Dame in Empfang genommen.

"Was kann ich für Sie tun?"

"Ich wollte zu Madam Bloomsbury", erwiderte Hermine.

Die ältere Dame blickte in einen Kalender und meinte dann: "Oh, dann sind Sie sicher schon der ein Uhr Termin, Miss Holten?"

Hermine nickte und warf einen Blick auf die Uhr. Ihr blieben zwanzig Minuten, bevor die echte Miss Holten auftauchte. Sie hoffte, dass Madam Bloomsbury nicht noch Kundschaft hatte.

"Moment, ich sage ihr Bescheid, dann kann sie ihre Pause unterbrechen und dafür etwas früher nach hause gehen."

Hermine sah mit bangem Blick, wie die Ältere den Kopf hinter einen Vorhang steckte und daraufhin eine jüngere Frau hastig ihre Zigarette ausdrückte um ihr zu folgen.

"Guten Tag, Miss Holten. Ihre Mutter hatte den Termin mit mir ausgemacht - es ist gut, dass Sie etwas früher da sind - die Zeit wird knapp. Wollen wir anfangen?"

Hermine wurde ganz mulmig, als sie daran dachte, dass die echte Kundin schon bald eintreffen würde, doch sie musste die Gelegenheit einfach nutzen, dass ihr Martha Bloomsbury zwanzig Minuten lang für unauffällige Fragen zur Verfügung stehen würde.

Also stimmte sie zu und setzte sich auf den ihr angebotenen Stuhl.

Ehe sie sich versah, machte die Frau sich schon an ihrem Haar zu schaffen.

Immer wieder wanderte Hermines Blick zwischen dem Spiegelbild der Uhr, die an der Wand hinter ihr hing, und dem grüblerischen Ausdruck der Friseurin hin und her.

"Arbeiten Sie schon lange hier?", wagte Hermine schließlich einen Vorstoß, und unterbrach damit die Ausführungen von Martha Bloomsbury, die etwas von Färben und Entkrausen erzählte.

Die Blicke der beiden Frauen trafen sich im Spiegel.

"Lange genug, um aus Ihnen die hübscheste Braut der ganzen Stadt zu machen", sagte diese mit einem selbstgefälligen Lächeln.

'Braut!', schoss es Hermine durch den Kopf.

Nur noch zehn Minuten und die echte Braut würde mit Gezeter darauf bestehen, dass dies ihr Termin sei.

Hermine atmete tief durch, als jetzt in Windeseile ein Waschbecken zu ihr gerollt wurde und man ihren Kopf sacht zurück drückte, damit man ihr Haar einshampoonieren konnte. Es war Punkt ein Uhr, als die Friseurin zur Schere griff und damit begann, Hermines Haarspitzen recht großzügig zu schneiden.

"Sie wollen sie doch nicht kurz machen", sagte diese in einer Mischung aus Panik und Beherrschung, die ihre Stimme merkwürdig unbeholfen klingen ließ.

"Nein, nein - ich schneide nur die angegriffenen Stellen, dann liegen die Haare nachher besser", gab die Friseurin sofort zurück.

Dann wurde ihre Stimme vertraulicher, als sie sagte: "Das wird wirklich schön - Sie werden schon sehen. Keine Sorge, das wird eine wundervolle Hochzeit werden, mit einer wahnsinnig hübschen Braut. Sie haben tolle Haare. Ich arbeite gerne mit so dickem Haar. Manchmal habe ich auch Inderinnen als Kundinnen. Die haben wirklich einzigartiges Haar. Auch wenn ich denke, dass sie lieber da bleiben sollten wo sie herkommen, so muss ich zugeben, dass ihre Haare wirklich toll sind."

Hermine hatte schweigend zugehört und immer wieder zur Ladentür geschaut.

Jetzt schrillte auf einmal eine Alarmglocke in ihrem Kopf und diese hatte nichts damit zu tun, dass die echte Miss Holten aufgetaucht wäre.

"Ja, wir haben viele Inder hier in London und auch andere Ausländer", sagte Hermine und ließ es wie eine Frage klingen.

Eine weiteres Büschel Haare segelte an ihrer Seite zu Boden und sie musste sich zusammenreißen keinen Verzweiflungslaut von sich zu geben.

"Viel zu viele", bestätigte Martha Bloomsbury Hermines Verdacht.

Die Friseurin griff zu einem Tiegel und rührte geschäftig in einer zähflüssigen Masse, als sie leiser fortfuhr: "Die kommen hierher, nehmen uns die Arbeitsplätze weg und machen es sich auf unsere Kosten bequem. Wissen Sie eigentlich, wie viele Britinnen inzwischen einen Ausländer heiraten? Es ist unfassbar! Dagegen müsste es ein Gesetz geben! Wir machen einen Teil blond und einen eher rötlich."

Hermine brauchte einen Moment bis sie begriff, dass die Friseurin jetzt nicht mehr über Ausländer hetzte, sondern von ihrer neuen Haarfarbe sprach.

"Moment - ich will kein blondes Haar!", warf Hermine schnell ein.

"Ich mache Ihnen doch nur Strähnen. Verlassen Sie sich ganz auf mich. Das wird klasse aussehen."

Und schon begann sie damit, einzelne Strähnen abzutrennen, während Hermine flehentlich zur Tür sah. Dann wanderte ihr Blick zur Uhr. Es war bereits Viertel nach eins.

Das Telefon klingelte und die ältere Dame ging an den Apparat. Nachdem sie aufgelegt hatte, konnte Hermine im Spiegel beobachten, wie sie auf sie zukam. Schließlich sprach sie Hermine an:

"Das war gerade Ihre Mutter. Sie sagte, dass Sie selbst schon einen Termin bei einem anderen Friseur gemacht hätten und Sie deshalb nicht erscheinen würden."

Hermine brachte ein verlegenes Lachen zu Stande.

"Ja, wir waren ziemlich im Terminstress - da ist wohl etwas schief gelaufen - aber wie Sie sehen, bin ich ja jetzt doch hier."

Die ältere Frau drehte sich um, und Hermine konnte sie leise murmeln hören, dass es ohnehin eine Frechheit sei, so spät erst abzusagen.

Während Martha Bloomsbury die Paste großzügig auftrug, dachte Hermine darüber nach, dass sie wohl erleichtert sein sollte, weil ihr das Zusammentreffen mit der echten Miss Holten jetzt erspart bleiben würde - doch als sie sich vorstellte, wie verändert sie diesen Friseursalon verlassen würde, konnte sie nicht umhin, sich selbst für ihre kurzschlussartigen Einfälle zu verfluchen. Dann rief sie sich gedanklich selbst zur Ordnung.

"Tja, aber wir sind nun mal ein Einwanderungsland...da lässt sich schlecht etwas gegen unternehmen", sagte Hermine in der Hoffnung, es sei nicht zu plump an das vorherige Thema angeknüpft.

Ein Lächeln huschte über das Gesicht der Frau hinter ihr.

"Es gibt aber Leute, die sich dagegen wehren wollen. Und wenn die Regierung es nicht begreifen will, dann muss man eben Mittel und Wege finden, um es ihr begreiflich zu machen."

"Aber wie sollte das wohl funktionieren?", fragte Hermine interessiert.

Madam Bloomsbury wollte gerade antworten, als die ältere Dame plötzlich hinter ihr stand und ihr ins Wort fiel.

"Martha, kann ich dich kurz mal unterbrechen?"

Zögerlich stellte die Angesprochene den Tiegel ab und sah Hermine im Spiegel an. "Ich war ohnehin gerade fertig - es muss jetzt einwirken - bin gleich wieder da."

Hermine nickte und griff nach einer Illustrierten, die vor ihr auf dem Tisch lag.

Scheinbar lesend hatte sie den Kopf gesenkt, versuchte aber über das Schnattern der anderen im Raum hinweg zu belauschen, was hinter dem Vorhang gesprochen wurde.

Es waren nur Bruchstücke, die sie verstehen konnte, doch ein Bild formte sich in ihrem Kopf.

"...du musst vorsichtig sein..."

"...aber wir sollen doch nach Gleichgesinnten Ausschau halten..."

"...nicht unsere Entscheidung..."

Dann wurden die Stimmen noch leiser und zudem begann ein Föhn neben Hermine zu lärmen. Sie musste schließlich einsehen, dass sie unmöglich auch nur eines der noch folgenden Worte verstehen würde.

Als die beiden Frauen schließlich wieder zum Vorschein kamen, meldete sich auch schon der Wecker, der anzeigte, dass Hermine ab sofort zwei Haarfarben mehr aufzuweisen hatte.

Während der folgenden Prozedur beschränkte sich Martha Bloomsbury darauf, eine belanglose Konversation zu führen und Hermine sah ein, dass jegliche Befragung ihrerseits nur Misstrauen wecken würde. Madam Bloomsbury begann Hermines Haar mit einer Intensität zu bearbeiten, die diese nur stumm in den Spiegel blicken ließ.

Sie hatte es längst aufgegeben irgendwelche Einwände zu erheben. Als zukünftige Braut wurde ihr Haar entkraust, gebürstet und schließlich wieder sanft gewellt und in Form geföhnt. Zuletzt steckte die Friseurin einen Teil der Haare kunstvoll hoch und präsentierte das Ergebnis mittels eines zweiten Spiegels ihrer Kundin.

Als Hermine endlich ihren Stuhl verlassen durfte, atmete sie erleichtert durch. Schließlich folgte sie Madam Bloomsbury zur Kasse und warf einen unauffälligen Blick auf das Namensschild der ältereren Kollegin. Dann kramte sie ihr Portemonnaie aus der Tasche und bezahlte ein halbes Vermögen für eine Frisur, die sie nie gewollt hatte.

Dennoch hatte sich der Besuch mehr als gelohnt, konnte sie doch nun auch den zweiten Frauennamen auf ihrer Liste abhaken. Die ältere Frau war untrüglich die andere weibliche Person auf Snapes Liste gewesen.

Martha Bloomsbury lächelte sie zum Abschied einnehmend an: "Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihre Ehe! Ihr Mann sollte sich überglücklich schätzen eine solch hübsche Braut zum Altar führen zu dürfen!"

Hermine strahlte ihre Friseurin ebenfalls an und mit lauter Stimme sagte sie: "Vielen Dank! Ich werde es Siddharth ausrichten!"

Dann genoss sie den Moment, als die beiden Frauen hinter der Kasse sich einen schockierten Blick zuwarfen und verließ den Laden mit einer Genugtuung, die sie lange nicht empfunden hatte.

tbc