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Kapitel 20 - Der Plan

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Halli Hallo!
Wundert euch nicht über die Xse, spinnt grad und anders kann ich es nicht formatieren seufz
Im Herbert-Story Voting steht es übrigens 3:1 dafür! Stimmen werden noch angenommen )
Danke für eure lieben Reviews!
... hmm überleg weiter hab ich eigentlich nix zu sagen. Naja, fangen wir halt an.

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Im Gegensatz zu Kaspar, der sich nach und nach mit den beiden jüngeren Vampiren angefreundet hatte, fand van Helsing den erzwungenen Aufenthalt im Haus der de Montaines - gelinde gesagt - entnervend.
Sie saßen jetzt bereits seit vier Tagen hier fest, weil es den Vampiren nicht gelungen war, das neue Versteck der Jäger ausfindig zu machen. Sein Zug zurück nach Königsberg war vermutlich längst dort angekommen und Henry sah seine geplante Expedition nach Ägypten und damit seine ohnehin recht wackelige Arbeitsstelle an der Universität bereits davonflattern.
Die Vampire hatten ihm nicht einmal gestattet, ein Telegramm zu schicken.
Da er also ohnehin nichts sinnvolles tun konnte, verbrachte er die Tage mit Diskussionen mit Professor Abronsius und die Nächte damit, seinen geliebten Horusanhänger diesem Alfons wieder abzuschwatzen.

Das kleine Amulett lag momentan unschuldig in der Mitte des kleinen Couchtisches im Gästezimmer, umringt von einem Kreis leerer und voller Gläser. Nicht zu vergessen die scheinbar unerschöpfliche Flasche Ouzo, die das Bild komplettierte.
"Wo lernt man denn bitte heutzutage noch aramäisch?", keuchte van Helsing, als er mühsam das nächste Glas der ätzenden Flüssigkeit hinuntergewürgt hatte.
Alfons schien weder der Alkohol noch der beißende Anisgeschmack irgend etwas auszumachen und so hatte sich zwischen den beiden eine muntere Diskussion entwickelt ... auch wenn Henry sich langsam zu fragen begann ob sein Anhänger es wirklich wert war sich noch weiter mit diesem selbstgebrannten Zeug zu vergiften.
"Heute? Nirgends mehr, schätze ich." Alfons zuckte mit den Schultern und füllte ihre Gläser wieder auf. "Aber ich bin ein paar Jahrzehnte durch Mesopotamien gezogen und wollte dann per Schiff zurück nach Europa. Bin dann dummerweise in Judäa hängengeblieben, weil die Römer gerade ein Ausreiseverbot verhängt hatten"
"Wieso das"
"Hatte irgendwas mit dem etwas verfrühten Ableben der Herrscherfamilie zu tun, glaube ich. Der nächste König hatte natürlich nichts besseres zu tun, als seine Amtszeit mit einer Volkszählung zu beginnen. Alles in allem saß ich also etwa fünf Jahre am Arsch der damaligen Welt fest"
"War das vor oder nach Christus?", fragte van Helsing so beiläufig wie möglich.
"Ich bin niemandem in weißem Unterhemd und Sandalen begegnet, falls Sie das meinen", erwiderte Alfons im selben Tonfall Henry grinste dem Vampir über den Rand des nächsten Glases hinweg zu. "Na dann auf den nächsten Mesopotamienausflug. Zu dumm, dass Vampire dort unten nicht mehr verehrt werden "
Ungerührt schüttete Alfons auch dieses Glas hinunter. So trinkfest hätte er einen Professor bei weitem nicht eingeschätzt. Er wurde das Gefühl nicht los, dass van Helsing im Gegensatz zu Abronsius seine Zeit keineswegs hinter Büchern verbrachte.
Es machte wirklich Spaß diesen Mann zu ärgern. Und da auf Karolinas Anweisung hin gerade die gesamte Suche eingestellt worden war, konnte ein bisschen Ouzo nicht schaden...

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"AAALFRED"
Der Jungvampir fiel fast von seiner schmalen Pritsche als etwas in sein kleines Zimmer hereinstürmte. Das Etwas scherte sich auch nicht weiter um das grelle Sonnenlicht, das hinter ihm durch die halboffene Tür drang.
Alfred dagegen schlug sich die Hände vor die Augen und versteckte sich so gut es ging unter seiner Decke, als er unsanft bei den Schultern gepackt und ‚wachgerüttelt' wurde.
"Wil, hör auf! Du bringst einen ja um!" Das brachte den jungen Mann endlich wieder zur Besinnung. "Oh äh, tschuldige die frühe Störung, aber das konnte einfach nicht bis Sonnenuntergang warten"
Alfred grummelte etwas unter seiner Bettdecke, das Wilhelm besser nicht hören sollte und hob dann vorsichtig einen Zipfel an. "Mach doch erstmal die blöde Tür zu, bevor du mich mit Neuigkeiten überschüttest"
Immer noch genauso aufgekratzt verpasste der Student eben jener einen herzhaften Tritt, der sie in den Angeln krachen ließ. Jetzt sah er zwar nichts mehr, aber das konnte warten.
"Das glaubst du nie, Alfi! Die Laborergebnisse sind da! ES KLAPPT"
Er hatte recht, Alfred begriff einen Moment lang wirklich kein Wort. "Was für Ergebnisse"
"Oh Mann, man merkt, dass ich dich geweckt habe. Der V.A.M.P.I.R - Befund natürlich. Es klappt! Deine Blutwerte sehen schon wieder sehr viel lebendiger aus und seit vorgestern hast du gerade mal zwei Liter Tinktur getrunken"
Alfred verzog das Gesicht, als er an das Gebräu erinnert wurde, das die Vampirjäger "Tinktur" getauft hatten. Es mochte ja vom Nährstoffgehalt her dieselbe Zusammensetzung wie Blut haben, aber es schmeckte einfach grauenhaft. Lieber ging er durstig ins Bett, als mehr von dieser Brühe zu trinken als nötig. Die Nachricht von seinen Blutwerten stimmte den Vampir schon wesentlich hoffnungsvoller.
"Nehmt ihr an, dass es klappt oder seid ihr sicher, dass es klappt"
Wilhelm überschlug sich fast vor Forscherdrang. "Ich hab die Befunde schon dem Professor gezeigt. Wir werden heut nacht noch eine Untersuchung machen und dann können wir dir auch sagen, wie lange die Behandlung etwa dauern wird. In Königsberg haben wir ohnehin die besseren Instrumente und so "
"Heißt dass, ich kann mit euch nach Hause?", fragte Alfred angesteckt vom Enthusiasmus seines Freundes.
"Klar kannst du, davon rede ich doch die ganze Zeit! Wenn ich das richtig verstanden hab, wollen wir übermorgen schon abfahren! Oder war das erst Donnerstag? Egal, auf jeden Fall schlägt die Therapie an und du wirst wieder ein Mensch! Oh Mann, Tanja flippt aus, wenn ich ihr das erzähle"
Gänzlich unbeeindruckt von Alfreds Lichtempfindlichkeit riss Wilhelm die Tür wieder auf und stürmte nach draußen.
Der Jungvampir, den er zurückließ, sackte erleichtert gegen die Wand seines Zimmers. Er konnte nach Hause. Endlich! Zurück zu seinen Freunden und zu seinen Eltern. Alfred hatte das Gefühl, dass ihm eine ganze Steinlawine vom Herzen rutschte, die sich dort unbemerkt angesammelt hatte, seit er nach Transilvanien aufgebrochen war.
Er würde wirklich und wahrhaftig nach Hause gehen! Seine Mutter würde vielleicht Augen machen, wenn sie erfuhr, was ihm in den letzten Monaten so alles widerfahren war.
Vielleicht konnte er sogar Sarah überreden mitzukommen. Immerhin war sie genausolange ein Vampir, wie er. Es musste also auch möglich sein, sie zu retten. Er könnte ihr die Universität zeigen und die Stadt und ... Alfred zögerte als sich ein neuer Gedanke an die Oberfläche schlich. Viel lieber würde er Herbert das alles zeigen. Im Schloss hatte der blonde Vampir ihm in einer ihrer wenigen Unterhaltungen erzählt, dass er gern mal eine Schule von innen sehen würde, auch wenn er sich Herbert beim besten Willen nicht an einer Tafel vorstellen konnte.
Aber wenn man Wil und Tanja glaubte, dann hatte Herbert keine Chance mehr, wieder ein Mensch zu werden. Und selbst wenn würde er sein geliebtes Transilvanien wohl kaum verlassen.
Und Sarah ... nun ja, genaugenommen würde Sarah ihn wohl auch nicht begleiten. Im Gegensatz zu Alfred WOLLTE die Wirtstochter ein Vampir sein. Sie hatte sich ja mehr als einmal dagegen gewehrt, gerettet zu werden.
Ganz und gar nicht mehr fröhlich warf Alfred sich wieder auf sein Kissen, als er im Kopf begann seine Möglichkeiten durchzuspielen. Seine Familie und seine Freunde warteten in Königsberg auf ihn - und wenn er an Tanjas und Wils Reaktion dachte, als sie ihn gefunden hatten, war er sich sicher, dass sich zu Hause alle ernsthafte Sorgen machten. Aber was war mit seinen neuen Freunden? Als Mensch würde er wohl kaum bei den von Krolocks bleiben können - oder wollen, dachte er schaudernd, die blutgierigen Schlossvampire in Transilvanien vor Augen. Es war schon seltsam. Noch vor ein paar Wochen war er der Meinung gewesen, einzig und allein wegen Sarah und dem Professor nicht schon längst geflohen zu sein. Aber wenn er genauer darüber nachdachte, konnte er nicht leugnen, dass ihm auch Herbert und sein Vater ... und irgendwie sogar der gute Koukol ans Herz gewachsen waren.
Frustriert vergrub er sich in seiner Bettdecke. Musste eigentlich immer alles so kompliziert sein?

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"Musst du das immer alles so kompliziert machen?", beschwerte sich Alfons und schuppste Karolina von der Stadtkarte weg, die sie gerade mit allerlei bunten Fähnchen markierte.
"Hier die roten Fähnchen für die Jäger, die grünen Fähnchen für die Vampire. Schön übersichtlich." Die Vampirin gab sich aber noch lange nicht geschlagen und fing die blauen, gelben und violetten Fahnen wieder auf, die Alfons achtlos hinter sich warf.
"Na toll und wie willst du jetzt die einzelnen Spähtrupps unterscheiden"
"Das brauch ich gar nicht. Die Trupps bestehen aus je drei bis vier Leuten, da wird ja wohl jeder wissen, wo er dazugehört"
Karo verdrehte die Augen und fischte ein paar der roten Fähnchen wieder von der Karte. "Dann könnten wir ja wenigstens die Verstecke anders markieren die wir schon durchsucht haben. Wenn hier alles gleich aussieht, können wir es genausogut sein lassen"
"Und wer sagt dir, dass sie nicht wieder dorthin zurückgehen?", beharrte Alfons und streckte die Hand nach den Fähnchen aus, die sie hinter dem Rücken versteckt hielt.
"Und wer sagt mir, dass wir nachher noch wissen, welches Fähnchen wofür stand, wenn sie alle rot und grün sind?", neckte sie und angelte geschickt noch ein paar der Roten zwischen Alfons' Armen hervor.
"Das kann doch nicht wahr sein!", entnervt wandte sich der Vampir mit einem hilfesuchenden Blick an Cilia, die einzige andere Person im Wohnzimmer. Die zuckte allerdings nur mit den Schultern. "Also ich finde es bunt wesentlich übersichtlicher.", meinte sie vorsichtig. Meistens war es keine gute Entscheidung sich in die Streitereien der beiden einzumischen.
"Siehst du!", entschlossen packte Karolina die violetten Fähnchen und pikste sie auf die durchsuchten Häuser.
"Frauen!", grummelte Alfons. "Haben keine Ahnung von militärischen Sachen"
"Aber du bist in dieser Hinsicht natürlich ein Experte ...", erwiderte Karo ironisch und nahm ihm die letzten violetten Fahnen aus der Hand.
"Allerdings. Falls es dich interessiert, ich habe schon in Sparta gegen die Römer gekämpft"
Die Vampirin richtete sich von der Karte auf und sah Alfons herausfordernd in die Augen. "Und? Wer hat gewonnen"
Schmollend legte Alfons die Fähnchen beiseite und stapfte zur Tür hinaus um die anderen zusammenzurufen.

Keine fünf Minuten später hatten sich die Vampire um den (rot-grün-violetten) Stadtplan versammelt. Cedric und Cilia schlossen gerade sämtliche Fensterläden und Türen - sie hatten in den letzten Tagen die Erfahrung machen müssen, dass solche Besprechungen nur selten vor Morgengrauen beendet waren. Der Graf hatte neben Abronsius und van Helsing Platz genommen. An seiner anderen Seite wie immer Sarah. Francesco berichtete Herbert derweil flüsternd ihre Fortschritte bei der Suche nach Alfred. Karolina hatte nicht schlecht gestaunt, als ihr Bruder es tatsächlich geschafft hatte seinem Vater die Erlaubnis, das Bett zu verlassen, aus dem Kreuz zu leiern. Mittlerweile konnte der verletzte Vampir sogar ohne fremde Hilfe stehen und sein Gesicht hatte wieder eine wesentlich gesündere Farbe angenommen.
Alfons postierte sich schonmal in der Mitte das Wohnzimmers und wartete, bis er die ungeteilte Aufmerksamkeit der Anwesenden genoss.
"Ok, bevor wir mit der eigentlichen Besprechung anfangen, erst einmal die wichtigste Neuigkeit. Die Vampirjäger wollen scheinbar schon wieder ihr Versteck wechseln"
"Fleißig sind sie ja," murmelte Cedric vor sich hin. "Das ist das wievielte in fünf Tagen?" "Das Vierte," fuhr Karolina fort. "Und wir haben inzwischen etwa acht alte Verstecke entdeckt, die sie offenbar vor ihrem Überfall benutzt haben. So sind sie zumindest der VTO entwischt. Sie operieren nach wie vor nur tagsüber und da die VTO-Agenten alle Hände voll zu tun haben, die Bahnhöfe zu überwachen, können wir uns nur auf die Spuren verlassen, die sie bis Sonnenuntergang noch nicht verwischt haben. Allerdings "
Sie steckte grinsend ein gelbes Fähnchen auf den Plan.
" ... waren sie diesmal nicht schnell genug. Wir haben zwar noch keine Ahnung, wo sie im Moment sind, aber dafür wissen wir jetzt, wo sie hinwollen. Es ist ein von Außen recht heruntergekommenes Haus am Stadtrand. Die VTO hat zwar keine aktuellen Baupläne aber es gehört einem Arthur Holmwood und der ist bei uns in England geradezu berüchtigt für seine Verbindungen zu Vampirjägern. Wir können also davon ausgehen, dass das gesamte Gebäude wenigstens von innen gesichert ist"
"Aber wenn wir sie während des Umzuges erwischen, können sie sich noch nicht ganz so gut eingemauert haben. Irgendwie müssen ihre eigenen Leute ja durchkommen.", warf Herbert ein. Karolina warf ihrem Bruder einen abschätzenden Blick zu. Er hatte sich bis jetzt an die Anordnungen des Professors gehalten, aber kaum dass er wieder auf den Beinen war, sprühte er auch schon vor Tatendrang. Sie würden den blonden Vampir ernsthaft im Auge behalten müssen.
"Das stimmt.", nahm sie den Faden wieder auf. "Deshalb werden wir auch etwas versuchen, mit dem sie nicht rechnen werden. Wir brauchen eine kleine Gruppe von Spähern - höchstens drei oder vier Leute - Cilia und ich dachten da speziell an Alfons, Francesco und Professor van Helsing"
"ICH!", unterbrach Henry geschockt. Sollte das der Grund sein, warum man ihm erlaubt hatte, eine Lagebesprechung mit anzuhören? Na schönen Dank! "Was hab ich denn damit zu tun"
"Dann kannst du zumindest beweisen, ob du wirklich auf unserer Seite bist. Außerdem willst du doch nicht, dass der Vampir mit deinem Lieblingsanhänger um den Hals ohne dich loszieht," stichelte Alfons mit einem fiesen Grinsen im Gesicht. Das sollte ihm aber ziemlich schnell vergehen, als Karolina weiter erklärte: "Also zurück zum Thema ... die Drei werden sich morgen noch bei Sonnenaufgang dort hineinschleichen und das Haus ein bisschen ausspionieren"
Diesen Teil des Planes hatten Cilia und sie entwickelt und bisher hatte noch niemand davon erfahren. Karolina machte eine Pause um gespannt auf die Reaktionen der Anwesenden zu warten, aber die starten sie nur regungslos an.
"Soviel zu militärischem Verständnis.", murmelte Alfons schließlich. "Du willst im Morgengrauen da rein? Am TAG! Das ist ja Wahnsinn! Wir kommen nicht nur nicht HIN ohne verbrutzelt zu werden, wir werden auch keinerlei Fluchtweg haben, wenn sie uns bemerken"
"... außer die Späher gehen durchs Wasser.", mischte sich Francesco ein. "Ich meine, Stadtrand oder nicht, wir sind in Venedig. Hier hat doch fast jede Hütte Anschluss an die Kanäle"
Karolina seufzte erleichtert darüber, dass wenigstens Cesco ihren Plan nicht für verrückt hielt. Dann hatte sie zumindest einen Fürsprecher, wenn sie über die genaue Ausarbeitung diskutierten.

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Ein wenig verloren in eine Decke gewickelt stolperte Alfred über Umzugskartons, Holzkisten und die verschiedensten Laborgeräte. "Hallo? Äh ... wo ist denn die Küche? ... Ist hier überhaupt jemand"
Der Assistenzwissenschaftler wurde das Gefühl nicht los, dass die Vampirjäger des Umziehens nie müde wurden. Laut Tanja hatten sie sogar zwei Hauptquartiere, die seperat voneinander alle paar Tage das Versteck wechselte - leider hieß das für ihn immer, den Tag in einer stickigen Kiste verbringen zu müssen.
Heute schienen sie es allerdings besonders eilig gehabt zu haben. Die Sonne war schon längst aufgegangen, aber die Jäger hatten ihn völlig vergessen. Mit anderen Worten, er hatte die letzten zwölf Stunden nichts gegessen und Wilhelm hatte sogar vergessen nach seiner bahnbrechenden Neuigkeit die Tür wieder abzuschließen.
Blöderweise hatte Alfred keine Ahnung, wo er hier etwas zu Essen finden sollte.
‚Oh Mann, ich hab so einen Hunger, ich könnte glatt einen von ihnen aussaugen!' Herbert hatte ihm ja erklärt, wie man sich an ein Opfer anschlich und so weiter. So schwer konnte das doch nicht sein!
Alfred hätte mit Sicherheit nicht gedacht, dass er es einmal bereuen würde, nie selbst auf Jagd gegangen zu sein.
Er tappte um eine weitere Ecke, als ihm ein leichter süßlicher Geruch um die Nase wehte. Blut! Sofort machte sich sein Magen bemerkbar. Vielleicht würde er die Küche doch noch finden!

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"Das kommt überhaupt nicht in Frage! Du bleibst hier im Bett und lässt dich weiter von Professor Abronsius behandeln!" Herbert funkelte seinen Vater so wütend an, dass Cilia sich schonmal bereit machte im Notfall einzuschreiten. Die beiden Streithähne ließen sich jedoch nicht stören. "Soll ich etwa hier bleiben! Du schickst sogar diesen bekloppten Sterblichen mit und ich soll hier sitzen und Däumchen drehen"
"Van Helsing wird Alfons begleiten, weil er Claudius und die Vampirjäger besser kennt, als jeder andere von uns"
"Dafür kenne ich Alfred! Ich hab ihm das eingebrockt, ich will doch nur helfen ihn wieder herauszuholen"
"Das tust du bestimmt nicht, wenn Alfons und Francesco die ganze Zeit auf dich aufpassen müssen"
"Paps, es geht mir besser"
"Besser? Du bist heute beim Frühstück fast umgekippt. Ich nehme auch nicht an, dass du die Schmerzmittel vom Professor abgelehnt hast um die Besprechung hier durchzustehen, oder"
"Die blöden Tabletten kann ich genauso gut unterwegs schlucken, wie hier," gab Herbert zurück, tastete aber unbewusst mit der Hand nach dem Verband auf seiner Brust. Es war einfach nicht fair, dass er hier festsitzen sollte!
"Papa, bitte! Ich kann euch wirklich helfen! Ich möchte auch etwas tun um Alfred zu retten "
Aber weder Schreien noch flehentliche Blicke konnten Graf von Krolock erweichen. "Wenn du deinem Liebling helfen willst, dann hör endlich auf zu streiten und kurier deine Verletzungen aus! Vielleicht müssen wir sie in ihrem Versteck ja tatsächlich angreifen und bis dahin willst du doch bestimmt wieder bei Kräften sein"
Herbert schnaubte frustriert und schaute hinüber zu den restlichen Vampiren, die sich wohlweislich aus dem Vater-Sohn-Disput heraushielten und eine Route durch die Kanäle planten. Von dieser Seite war keine Hilfe zu erwarten, auch wenn Karolina ihm einen bedauernden Blick zuwarf. "Ja, vielleicht müssen wir angreifen," brummte er. "Und vielleicht darf ich dann ja sogar im Hintergrund sitzen und die Taschenlampe halten"
"Herbert"
Doch Graf von Krolocks drohender Tonfall verhallte ungehört, während sein Sohn mit einem wütenden "Ich werd hier ja ohnehin nicht mehr gebraucht" zur Tür hinaus stapfte.

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Alfred hatte es schließlich geschafft den Ursprung des Blutgeruchs auszumachen. Eine Kiste voller gut gekühlter Blutkonserven, die jemand unachtsam in einen stockfinsteren Lagerraum gestellt und vermutlich vergessen hatte.
Ohne auch nur einen Gedanken an seine Sicherheit zu verschwenden ließ Alfred sich seine Decke von den Schultern rutschen und riss den Deckel des Pappkartons auf. Die Konserven waren allesamt mit einer Art Stöpsel verschlossen, aber Alfred war so hungrig, dass er das erst bei der dritten oder vierten Portion bemerkte. Außerdem klappte es recht gut, einfach die Zähne hineinzuschlagen und die Plastebeutel auszusaugen.
"Hättest du wenigstens den Anstand, nicht so laut zu schmatzen"
Der sarkastische Kommentar ließ den Assistenten panisch herumfahren. "Was? Wer ist da"
"Mach doch einfach das Licht an, du Trottel, der Schalter direkt neben der Tür"
Alfred hatte sich immer noch nicht von seinem Schreck erholt und sprang nur verwirrt auf die Füße. "Der ... Lichtschalter ... ja äh, das heißt nein ... ich mach ja schon"
Die unheimliche Stimme kam ihm bekannt vor, aber Alfred konnte sie im Moment absolut nicht einordnen. Er tastete sich an der Wand entlang, bemüht nicht über den ganzen Unrat zu stolpern der hier abgestellt worden war. Schließlich fand er den Schalter ... und kniff entsetzt die Augen zusammen als die grellen Neonröhren an der Decke ansprangen. Nach sechs Monaten in einem Schloss ohne Elektrizität hatte er glatt vergessen, wie hell die Dinger sein konnten.
Auch der anderen Person im Lagerraum schien die plötzliche Helligkeit zu schaffen zu machen, aber sie erholte sich weitaus schneller.
"Ah ... immer das Gleiche ... verfluchtes Menschenpack mit ihren Glühbirnen"
Blinzelnd erkannte Alfred die Umrisse einer jungen Frau in einem reichlich deplaziert wirkenden Stahlkäfig. Sie hatte sich mit verschränkten Armen gegen die Rückwand ihres Gefängnisses gelehnt und schien ihn abfällig zu mustern. "Eigentlich hätte ich es mir ja denken können..." Ihre eisige Stimme ließ in Alfreds Gedächtnis nichts klingeln, wohl aber die frech geschnittenen rötlichen Haare und die funkelnden Augen.
"Du ... du bist dieses Mädchen von unserem Strandausflug, oder?" Er zermarterte sich den Kopf nach einem Namen, der ihm nicht einfallen wollte. Zum Glück nahm sie ihm die Mühe ab "Rubi, du Blondine. Ich heiße Rubi. Nun wirf mir endlich einen von diesen Beuteln rüber, sonst knabbere ich noch die Gitterstäbe an"
Ohnehin noch verwirrt, tat Alfred wie geheißen. Die Vampirin schien in der Tat verdammt hungrig gewesen zu sein. Sie machte sich über die Blutkonserve her wie ein Raubtier - allerdings ohne auch nur ein Tröpfchen zu verschütten.
"Haben sie dir heute auch nichts zu trinken gebracht?", fragte Alfred zaghaft, um wenigstens ein Gespräch zu beginnen.
"Heute? Diese beschissenen Bastarde haben mir die ersten paar Tage eine grauenerregende Brühe gegeben, während sie mich mit ihren Spritzen durchlöchert haben! Seit dem haben sie mich in einer Abstellkammer verrotten lassen. Ich schätze mal, wenn hinter meinem Käfig nicht der Putzeimer gestanden hätte, wäre ich immer noch dort"
"Wie? Du bist der andere Vampir, an dem sie experimentiert haben"
Jetzt war es an Rubi, überrascht aus der Wäsche zu schauen. "Wusstest du das etwa nicht"
"Nein! Wie hätte ich das wissen sollen"
Die Vampirin musterte Alfred so gründlich, dass er am liebsten im Boden versunken wäre, konnte aber keinerlei Anzeichen für eine Lüge feststellen.
"Dann verrat mir eins, STUDENT. Ich war gerade auf dem Weg, um nach dem Buffet für dein Schnuckelchen zu schauen, als mich ein paar von euch Hüpfern mit Knoblauchgas bombadiert haben. Ich kann dir sagen, ich hab noch nächtelang den Gestank in den Haaren gehabt. Wer hat mich denn bitte bei denen verpfiffen, wenn nicht du"
Alfi schluckte. Er hätte sich gern mit Rubi über seine neuesten Gewissenskonflikte unterhalten, aber sie war offenbar noch längst nicht fertig mit ihm - und seine einzige vampirische Gesellschaft seit Tagen verlassen, mochte er auch nicht.

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Es war bereits kurz vor Morgengrauen, als Sarah mit zusammen gekniffenen Augen in die Küche tappte. Cilia sorgte zwar stets peinlichst genau dafür, dass tagsüber alle Fensterläden geschlossen blieben, trotzdem war es so hell, dass ihre Augen brannten.
Sie tastete nach der Kühlschranktür und zog sie auf - das Licht im Inneren trug nun auch noch zur restlichen Helligkeit bei.
‚Oh Mann, jetzt weiß ich wie es ist, schneeblind zu sein'
Wenigstens war der nächste Krug Blut nicht schwer zu finden. Sie fühlte nach einem Glas und bemühte sich beim Einschenken nicht zu viel zu verschütten, aber mit geschlossenen Augen war sie darin noch nie sehr gut gewesen.
"Wenn du einen Finger rein hältst, geht es besser"
Erschrocken zuckte Sarah zusammen - und verteilte dabei großzügig Blut auf dem Küchentisch.
"Herbert! Was machst du hier? Du hättest dich ruhig bemerkbar machen können." Sie leckte sich geistesabwesend die Finger sauber als sie sich zu dem blonden Vampir umdrehte.
Er hatte die Füße auf den Küchentisch gelegt und kippelte auf seinem Stuhl. In den Händen hielt er ebenfalls ein Glas mit einer roten Flüssigkeit, auch wenn Sarah nicht annahm, dass sie viel mit Blut gemein hatte. Überhaupt wirkte Herbert reichlich zerzaust, das Gesicht ungeschminkt und die Haare wild über den Schultern hängend statt in einem ordentlichen Zopf zusammengebunden.
"Ich habe mich doch gerade bemerkbar gemacht, oder?" Grummelnd wischte Sarah mit einem Lappen über die Tischplatte. "Ja und du hast mich ordentlich erschreckt"
"Ich helfe wo ich nur kann," erwiderte der Vampir grinsend, aber ohne echte Überzeugungskraft. "Ich war schließlich auch mal ein Jungvampir, dem tagsüber der Magen knurrt"
"Ah und jetzt bist du alt und musst tagsüber deinen Alkoholspiegel aufbessern?", schoss die rothaarige Vampirin beleidigt zurück. "Oder gibt es einen anderen Grund, warum du noch wach bist"
Sie bemerkte, wie Herbert sich auf die Unterlippe biss und auf den Wein starrte, der in seinem Glas hin und her schwappte. "Ich konnte auch nicht schlafen"
"Wegen der Spionageaktion, oder"
Er schaute wenig überrascht zu Sarah auf, aber es hätte keinen Sinn gehabt, es zu leugnen. Also nickte er nur stumm. Die junge Frau ließ sich davon nicht beirren und zog sich einen Stuhl heran. "Weißt du, dein Vater macht sich halt einfach Sorgen um dich. Er weiß das du kein Jungvampir mehr bist, aber im Moment bist du noch nicht voll bei Kräften, dass musst du doch zugeben"
Wenn irgend möglich, sah Herbert noch niedergeschlagener aus. "Ja, natürlich. Paps macht sich Sorgen ... und Karolina und Alfons und Cilia und Oma und Cedric ... und die anderen auch. Keiner von ihnen glaubt, ich könne auf mich selbst aufpassen und das Schlimmste ist, sie haben auch noch Recht damit"
Er griff nach der Weinflasche auf dem Tisch, aber Sarah stellte sie rasch außer Reichweite.
"Nein. Ich denke das Schlimmste ist, dass du ebenfalls glaubst, du könntest es nicht. Du warst noch angeschlagen, als du mit diesen Jägern gekämpft hast, das hat der Professor selbst gesagt. Außerdem musstest du Alfred verteidigen, es ist kein Wunder, dass sie dich zu dritt überwältigen konnten"
"Du meinst, mehr als eine lausige Vorstellung war nicht zu erwarten"
Eigentlich war es keine Frage. Herbert war felsenfest davon überzeugt, dass er Schuld an Alfreds Entführung hatte, soviel hatte Sarah in den letzten paar Tagen einsehen müssen. Aber derart deprimiert war er in den ganzen vier Nächten voller Vampir-Uno nicht gewesen.
"Nein, das meine ich nicht.", protestierte sie mit soviel Überzeugungskraft wie möglich.
"Doch. Und du hast genauso Recht, wie die anderen alle." Seufzend wandte sich Herbert wieder seinem Wein zu und hoffte, dass Sarah den Wink begriff und ihn in Ruhe ließ. Soviel Glück hatte er nicht.
"Jetzt hör aber auf dich so hängen zu lassen!" Entschlossen stellte sie ihr Glas zur Seite und schubste Herberts Füße so kräftig von der Tischkante, dass der auf seinem Stuhl fast nach hinten umkippte. "Ist ja schön, dass du dir so Leid tust, aber Alfred hilft das leider nicht weiter"
"Oh? Und was schlägt Fräulein Naseweis statt dessen vor?", grummelte der Vampir gereizt und angelte ein weiteres Mal nach der Weinflasche -wieder vergebens.
"Ich ... ich weiß es doch auch nicht. Versuch wieder gesund zu werden, hilf Cilia und mir, die VTO-Akten über die Jäger und Verstecke durchzusuchen, irgendwas ... nur lass dich nicht so hängen. Ist es denn wirklich so schlimm, dass du Alfred nicht helfen konntest? Er wird es dir bestimmt nicht vorwerfen, das kannst du mir glauben"
Herbert seufzte nur. Mit hängenden Schultern schlürfte er die letzten Tropfen Wein aus seinem Glas und setzte es endgültig ab. "Darum geht es nicht, Sarah"
"Worum denn dann?" Die Vampirin merkte gar nicht, dass sie aufgesprungen war und sich nun über Herbert beugte. "Du hängst hier rum, lässt den Kopf hängen, aber sagst einfach nicht was dein Problem ist"
Der silberhaarige Vampir wich überrascht in seinem Stuhl zurück, doch Sarah genügte das nicht als Antwort. "Jetzt sitz nicht bloß so rum, als wärst du betrunken. Sag mir endlich was los ist"
Sie bereute ihren Ausbruch augenblicklich, als Herbert sich nur noch verschlossener abwandte und anstatt auf sein Glas nun auf seine Hände starrte. In seinen Augenwinkeln konnte Sarah Tränen schimmern sehen. "Tut mir leid." Unsicher ließ sie sich wieder auf einen Stuhl sinken. "Ich wollte dich nicht anbrüllen ... es ist einfach nur "
Mit einem erschöpften Seufzen stützte die Jungvampirin beide Ellbogen auf die Tischplatte und ließ den Kopf in die Hände sinken. "Es bist ja nicht nur du. Dein Vater ist total in sich gekehrt, seit dem Überfall. Er tut zwar was er kann und noch mehr um diese blöden Jäger zu finden, aber er redet nicht mehr als nötig, er beachtet weder Karolina noch mich ... Und Alfons ist genauso verstört. Als du bewusstlos warst musste man ihn dir förmlich von der Seite prügeln, damit er überhaupt zu den Besprechungen und Suchaktionen aufgetaucht ist. Die anderen scheinen zwar zu wissen, was mit den beiden los ist, aber sie sind immer viel zu beschäftigt um irgend etwas zu sagen ... nichtmal aus Vico hab ich etwas herausbekommen ... und jetzt fängst du auch noch damit an und "
Sarah unterbrach sich, als sie einen verdammt guttuenden Arm um ihre Schultern spürte. Schluchzend ließ sie sich von Herbert an die Brust ziehen, während der Vampir ihr tröstend über die Haare strich.
"Danke.", flüsterte er schließlich, als Sarah sich etwas beruhigt hatte.
"Du bedankst dich? Müsste das nicht eigentlich ich tun?" Noch immer schniefend griff sie nach dem Taschentuch, dass Herbert ihr reichte.
"Ich meine danke, dass du mir das erzählt hast. Eigentlich hätte ich Dussel selbst darauf kommen können"
Sarah fühlte sich jetzt noch nicht wirklich erleuchteter und offenbar merkte man ihr das recht deutlich an. "Ich muss dir wohl nicht erst sagen, wie sehr ich Alfred liebe. Ich würde jederzeit für ihn die Hand ins Feuer legen, ohne auch nur darüber nachzudenken ..." Herbert blickte etwas bestürzt zu Boden, als ob ihm dieses plötzliche Geständnis unangenehm war. Überhaupt sah er sogar noch zerzauster aus als vor ein paar Minuten.
"Und genau das ist der Punkt. Er hat dir bestimmt erzählt, dass ich ihn damals vor dem Ball zu einem Vampir machen wollte"
"Nun, eigentlich hat er eher gesagt, dass du ihm die Zähne in den Hals schlagen und die Kleider vom Leib reißen wolltest "
"Sowas in der Art, ja." Dieses mal wurde Herbert fast so rot wie sein Alfi. "Aber Lina hat dir doch schon mal erzählt, was es bedeutet, einen Sterblichen ... oder Jungvampir, was das angeht ... von seinem Blut trinken zu lassen. Es ist sozusagen eine Art Adoption. Und ob ich ihn nun gebissen habe oder nichts, das ändert ja nichts an dem, was ich fühle"
"Momentchen! Du wolltest Alfred ‚adoptieren' ... und gleich danach flachlegen"
JETZT wurde Herbert wirklich rot. "Mensch, nun nimm das doch nicht alles so wörtlich, Sarah! Bei Vampiren hat das nichts mit wirklicher Verwandtschaft zu tun. Ich bin auch Alfons' Kind, das heißt ja nicht, dass Paps mich nicht trotzdem als seinen Sohn ansieht"
"Ok, ok ... ich sollte vielleicht nicht so große Töne spucken, wo ich doch mit deinem Vater zusammen bin. Also bist du ..." Sarah blieben die Worte im Hals stecken, als ihr endlich aufging, was offenbar alle anderen schon begriffen hatten. "Also warst du genauso kurz davor, ein Kind zu verlieren, wie Alfons und mein armes Fledermäuschen"
Gegen seinen Willen schlich sich ein kleines Grinsen auf Herberts Gesicht. "Sag das bitte nochmal "
"Was? Ich habe gesagt, du, Alfons und ... oh oh!" Die Vampirin biss sich vor lauter Verlegenheit auf die Unterlippe. "Verrat ihm das bitte nicht. Er hat mir geschworen, dass ich vier Wochen keine Pizza mehr bekomme, wenn du jemals von diesem Namen erfährst"
"Pizza? Also ich hätte dich ja vier Wochen auf der Couch schlafen lassen", feixte der Vampir so dezent wie möglich. Aber inzwischen konnte auch Sarah nicht mehr ernst bleiben. "Keine Chance, das hält er ja selbst niemals durch"
Herberts Lächeln bekam etwas seltsam melancholisches, als er die junge Frau betrachtete. Um diesen Blick zu verstehen war sie wohl noch ein paar Jahrhunderte zu jung, wie der Vampirin mit einem mal deutlich bewusst wurde. "Ich glaube, du könntest ihn mit einem koketten Augenaufschlag genauso schnell um den Finger wickeln, wie Alfred"
"Was? Bist du sicher, dass wir vom selben Graf von Krolock sprechen"
"Absolut. Er liebt dich genauso sehr, wie ich Alfi." Er zuckte gespielt gleichgültig mit den Schultern. "Nur das er etwas mehr Glück in der Liebe hat, als ich"
"He! Höre ich da etwa so etwas wie Eifersucht? Und das aus deinem Mund"
Schuldbewusst senkte der Vampir den Blick. "Offen gesagt, ja. Ich wünsche mir halt einfach ... ich weiß es selbst nicht so genau. Freundschaft, Liebe ... Ich wollte für Alfred das sein, was Alfons immer für mich war. Deshalb habe ich einfach das Gefühl, dass ich ihm helfen muss, verstehst du"
Sarah nickte. Wenigstens sah Herbert jetzt nicht mehr so niedergeschlagen und hilflos aus. Er legte ihr freundschaftlich die Hand auf die Schulter. "Du solltest wieder ins Bett gehen, Sarah. Danke fürs zuhören."

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Die Sonne kämpfte sich bereits ihren Weg durch den Morgennebel, als Alfons - zum hundertsten Mal - den Kopf in die Rucksäcke des kleinen Spionageteams steckte.
"Ok, haben wir die Seile"
"Jap." Francesco war noch damit beschäftigt, sich in seinen Neoprenanzug zu quetschen, aber da sie ohnehin schon alles erdenkliche eingepackt hatten, konnte er genauso gut antworten.
"Den Kompass?" "Haben wir auch. Selbst wenn ich mich frage, wozu wir in Venedig einen Kompass brauchen." Henry hatte die Aufgabe bekommen, die Vampirjäger auf dem Landweg abzulenken - und auch noch wieder zurückzukommen.
"Ich weiß wirklich nicht, warum ich mir das antun sollte ...", grummelte er vor sich hin, aber Vampire hörten bei Tag leider genauso gut wie bei Nacht.
"Erstens, weil ich deinen geliebten Glücksbringer Vico gegeben habe und du ihn unbedingt zurück haben willst. Und zweitens würdest du doch bestimmt den armen Kaspar nicht allein lassen. Der süße Junge würde sich sicher furchtbar einsam fühlen und jemand muss ihn doch über sein Heimweh hinweg trösten..." Alfons schenkte van Helsing ein genießerisches Lächeln, dass den Professor fast aus der Haut fahren ließ. "Ich rate es dir, du blutsaugende Bestie! Wenn du es wagst, den Kleinen auch nur ANZURÜHREN"
"Dann was? Willst du auch mal? Wir könnten ihn uns natürlich teilen "
Unbemerkt legte Francesco schon einmal vorsichtig seine Uhr ab - er hatte sie seit über hundert Jahren und sie sollte nicht bei einer so sinnlosen Schlägerei draufgehen, wie sich gerade anbahnte. Und da Alfons sich seit Herberts Verletzung nicht mehr wirklich abreagiert hatte, zweifelte Cesco keine Sekunde daran, dass es eine geben würde.
"Was geht denn hier ab"
Cesco blickte zu Herbert auf, der gerade hinter ihm auftauchte. Er war nicht wirklich überrascht, seinen alten Freund hier zu sehen. "Alfons zieht ihn damit auf, Kaspar verführen zu wollen. Offenbar haben sie nicht ganz denselben Humor"
Herbert rief sich den jungen Vampirjäger ins Gedächtnis. Sternenklare Augen, widerspenstiges, kurzes Haar, nette Figur ... Er war sich gar nicht so sicher, ob Alfons nicht insgeheim wirklich darüber nachgedacht hatte. Van Helsing sah das scheinbar genauso. " ... du abartiger Teufel, der Junge ist doch fast noch ein Kind"
"Natürlich ist er das. Sonst wäre er ja kein Junge sondern ein Mann. Was ehrlich gesagt ein bisschen schade wäre "
"Vielleicht sollten wir sie lieber auseinanderbringen, bevor es Verletzte gibt"
"Immer nach dir, Herbi. Ich reiße mich nicht um den Job"
Herbert trat zu den beiden Streithähnen, so dass Alfons ihn nicht sehen konnte. Der Professor war ohnehin viel zu aufgebracht um auf einen Neuankömmling zu achten. Der blonde Vampir war zugegebenermaßen beeindruckt, wie heftig Henry den jungen Kaspar verteidigte. Entweder gingen ihm Alfons bloße Andeutungen tatsächlich so gegen den Strich oder Kaspar hatte unter den königsberger Professoren mehr Freunde als ihm bewusst war. (Abronsius hatte ja ebenfalls seine Meinung zu diesem Thema sehr eindeutig dargelegt. Ein kleiner Bluterguss an Alfons' Schläfe zeugte immer noch von dessen letztem ‚schlechten Scherz.
Es war wirklich an der Zeit, das Spektakel zu beenden. Kurzentschlossen schlang Herbert seinem Freund die Arme um die Taille und musterte Henry abschätzend von oben bis unten. "Was willst du eigentlich mit dem Kleinen, Allons? Ich fände ja unseren Indiana-Jones-Verschnitt hier viel erotischer"
"Ja, eigentlich hast du Recht..." Erfreut über die unerwartete Unterstützung verschränkte Alfons die Finger mit Herberts und lehnte sich etwas gegen ihn. Eine Geste, die so vertraut wirkte, dass Henry für einen Moment ernsthaft an der Kurzzusammenfassung zweifelte, die Abronsius ihm über das komplizierte Beziehungsnetz dieser Vampirsippe gegeben hatte.
Allerdings nur einen Moment, denn länger brauchte Alfons nicht um zu bemerken, wer hinter ihm stand.
"Herbert"
Er musterte den jüngeren Vampir besorgt, als könne er jeden Moment wieder ins Koma sinken. Überrascht war aber auch er nicht, dass der Herbert sich zu ihnen geschlichen hatte.
Er betrachtete ihn lediglich mit einer Mischung aus Zuneigung und Sorge, die sowohl Henry als auch Francesco davon abhielt, sich einzumischen.
"Herbert, du solltest im Bett sein"
Herbert von Krolock erwiderte den Blick. "Nein, das sollte ich nicht"
Van Helsing fragte sich zum wiederholten Male, ob die beiden Vampire irgendeine Art Telepathie verband. Keiner von ihnen sprach ein Wort, während sie sich unverwandt in die Augen sahen. Trotzdem nickte Alfons schließlich widerstrebend, als hätte er sich gerade einer langen Diskussion geschlagen gegeben.
"In der Kiste, auf der Francesco sitzt, ist noch ein Neoprenanzug. Beeil dich, wir wollen zum Haus kommen, bevor die Sonne zu steil aufs Wasser scheint"
Der blonde Vampir nickte und wollte sich schon der kleinen Truhe zuwenden, als Alfons ihm noch einmal eine Hand auf die Schulter legte.
"Herbi? Es ist schön dich wieder dabei zu haben."