Kapitel 21

„Wir sind wieder zu Hause, du kannst die Augen öffnen, Harry.", sprach Severus den kleinen Jungen an und stellte ihn vorsichtig vor sich auf die eigenen Füße.

Harry blickte ihm mit seinen großen unschuldigen grünen Augen an und sagte leise: „Das Päckchen."

Severus zog den besagten Gegenstand aus der Tasche seines Umhangs heraus.

Er setze sich auf das Sofa: „Setzt dich neben mich, Harry."

Der kleine Junge kam augenblicklich zum Sofa und setzte sich vorsichtig auf die Kante des Möbelstücks.

Die Botschaft, dass er in seinem neuen zu Hause durchaus erlaubt war, Möbel zu benutzen, war offenbar noch nicht ganz angekommen.

Severus lächelte Harry leicht an: „Keine Angst, Harry. Du darfst hier auf Möbeln sitzen, schon vergessen?"

Harry senkte verlegen seinen Blick, rutschte aber ein Stück weiter auf die Couch.

Nachdem Severus sich mit einem kurzen Zauber davon überzeugt hatte, dass das Päckchen nicht mit einem Fluch belegt war oder etwas Schwarzmagisches enthielt, überreichte er es wortlos dem kleinen Jungen neben sich.

Harry nahm das Packet mit ehrfürchtiger Miene entgegen und betrachtete es erst einmal einige Momente schweigend.

„Ob etwas Schönes drin ist, Daddy?", fragte Harry offenbar unsicher, ob das Packet etwas Positives oder Negatives enthalten würde.

Severus drückte kurz aufmunternd seine Schulter: „Das wirst du nur wissen, nachdem du es geöffnet hast, Kind. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass deine Eltern dir etwas Schlechtes hinterlassen haben."

Harry betrachtete das Päckchen weiterhin schweigend und wollte es offenbar leicht schütteln, eh Severus eine Hand darüber legte.

„Ich weiß nicht, ob etwas Zerbrechliches drin ist, Kind. Du willst es doch nicht kaputt machen, bevor du überhaupt weißt, was es ist.", redete Severus auf das unsichere Kind ein.

Doch Harry blickte nun ihn schweigend an und hielt ihm schließlich das Päckchen entgegen.

„Möchtest du es etwa nicht öffnen, Kind?", fragte Severus erstaunt.

„Was ist, wenn Tante recht hat?", antwortete Harry, während sich die grünen Augen mit glitzernden Tränen füllten.

„Ich versteh nicht was du meinst, Harry. Aber ich glaube nicht, dass viel von dem, was dir deine Tante gesagt hat, wahr war.", versuchte Severus den Jungen zu beruhigen und zu ermutigen das Päckchen einfach zu öffnen.

Und tatsächlich konnte er sehen, wie das Kind einen tiefen Atemzug nahm und das Papier, indem das Päckchen eingewickelt war, in einem Riss entfernte.

Harry hielt nun einen kleinen quadratischen Karton in der Hand, auf dessen Deckel ein Brief lag.

Severus erkannte sofort die Handschrift von Lily darauf wieder. Nach all den Jahren würde er die wundervoll geschwungene Schrift immer wieder auf den Blick erkennen.

Harry nahm den Brief vorsichtig von dem Deckel und legte ihn in seinen Schoß, anschließend hob er mit zittrigen Fingern den eigentlichen Deckel hoch und legte ihn neben sich auf die Couch.

In dem Päckchen war ein silbernes Kästchen. Es war verziert mit Ranken aus Lilien.

Harry betrachtete das Kästchen fragend, offenbar keine Ahnung, was er da in den Händen halten könnte.

„Was ist das?", fragte er schließlich unsicher.

„Darf ich?", fragte Severus sanft und streckte die Hand nach dem silbernen Gegenstand aus.

Harry nickte leicht und übergab es Severus.

Severus drehte das Kästchen leicht in den Händen. Auf der Unterseite befand sich eine Gravur.

Sie hieß: „In ewiger Liebe vereint. Mehr als unsere Leben lieben wir dich, Harry"

Severus las die Inschrift mit erstaunlich brüchiger Stimme vor und Harry rollte eine stumme Träne die bleichen Wangen hinunter.

Vorsichtig öffnete Severus das Kästchen und der Raum wurde erfüllt von einer warmen Brise und Lilys Stimme sang ein Wiegenlied.

Die Brise transportierte Lilys Geruch und strich sanft über ihre beiden Gesichter.

Stumm lauschte Severus dem Wiegenlied, bis in den letzten sanften Tönen ausklang.

Das Kind neben ihm war völlig in Tränen ausgebrochen und als die Brise mit den letzten Tönen verschwand, brachte er ein herzzerreißendes „Mummy" hervor.

Severus schloss den aufgelösten kleinen Jungen fest in seine Arme. Er war selbst zu tief getroffen, um Harry mit Worten beruhigen zu können. Denn er wusste, dass jetzt auch seine eigene Stimme versagen würde.

Schweigend hielt er das Kind fest und strich ihm sanft durch die Haare.

Nach einigen Minuten löste sich Harry aus der Umarmung und griff nach dem Briefumschlag.

Stumm hielt er ihm Severus entgegen.

Severus nahm ihn ebenso schweigend entgegen und versuchte in den paar Sekunden alles an Selbstbeherrschung aufzubringen, was er nur konnte.

Mit zitternden Händen öffnete er den Brief und zog ein Blatt heraus. Auch der Brief war komplett von Lilys geschrieben worden.

Mit möglichst fester Stimme begann er laut vorzulesen:

Geliebter Sohn,

solltest du diesen Brief jemals erhalten, dann heißt das, dass wir nicht mehr bei dir sein können.

Dein Vater und ich lieben dich über alles, mein kleiner Schatz.

Während ich diesen Brief schreibe, liegst du friedlich schlafend auf der Brust deines Vaters auf der Couch in unserem neuen Haus.

Wenn ich euch beide so betrachte, bete ich inständig, dass unser Versteck niemals entdeckt wird. Doch ich kann nicht so optimistisch sein, wie dein Vater es ist.

Deswegen habe ich ihn dazu überredet dir einen Brief zu schreiben und die Spieluhr da zu lassen. Sollte das Schlimmste eintreffen, wirst du immer etwas haben, was dich an uns erinnert.

Und egal was passiert, wir lieben dich und hoffen, dass wir die Chance haben werden, dich aufwachsen zu sehen.

Du bist unser größtes Glück und sollten wir nicht mehr hier sein können, wird ein Teil von uns immer durch dich zurückbleiben.

Was auch geschieht, wir sind stolz auf dich und werden immer über dich wachen.

In unendlicher Liebe

Lily"

Severus hielt in den nächsten Minuten vollkommen sprachlos den pausenlos weinenden Jungen fest in seinen Armen eingeschlossen und wiegte ihn leicht hin und her.

Doch seine Gedanken rasten förmlich. Lily und James hatten geahnt, dass sie nicht überleben würden und dass ihr Kind allein zurückbleiben würde. Wäre Lily nicht davon überzeugt gewesen, dann hätte sie dieses kleine Andenken nicht hinterlegen lassen.

Severus hoffte inständig, dass die beiden mit seinem Vorhaben einverstanden sein würden. Er hatte Lily im Leben schwer gekränkt und versuchte seit Jahren für seine schwere Schuld zu büßen.

Und dennoch musste es in ihrem Sinne sein, dass er ihr Kind aus dieser Hölle befreit hatte und ihm ein liebendes zu Hause geben wollte.

Irgendwann, Severus hatte das Zeitgefühl verloren, begann sich Harry in seiner Umarmung zu winden.

Die Tränen des kleinen Jungen waren versiegt, doch ein trauriger Ausdruck lag in den grünen Augen des Kindes.

Severus lockerte seine Umarmung und setzte Harry sanft neben sich.

Harry sah ihn nicht direkt an, sein Blick war auf irgendetwas in der Ferne gerichtet und er flüsterte offenbar mehr zu sich selber: „Sie haben mich geliebt."

Mit einer langsamen Bewegung, um das Kind nicht aufzuschrecken, strich Severus eine einzelne Träne sanft von der Wange des Kindes.

„Ja, Harry. Sie haben dich beide sehr geliebt.", sagte Severus mit belegter Stimme.

Die grünen Augen richteten sich nun wieder auf das Gesicht seines neuen zukünftigen Daddys und mit leiser leicht hoffnungsvoller Stimme sprach er: „Und jetzt hast du mich lieb und gehst nicht bald weg. Nicht wahr, Daddy?"

Severus schüttelte lächelnd leicht den Kopf: „Nein, Harry. Ich gehe nicht weg. Ich verlass dich nicht und ich hab dich sogar sehr lieb."

Harrys Gesicht erhellte nun wieder ein kleines Lächeln und offenbar relativ erschöpft lehnte er sich gegen Severus Körper.

„Na, ich glaube, dass da jemand ein Nickerchen vertragen kann.", meinte Severus mit amüsiertem Unterton.

Wenn sich das so einbürgerte, würde Harry den Großteil der Tage verschlafen. Doch er wusste selber, dass der entkräftete Körper des Kindes noch einige Wochen brauchen würde, eh er den Energielevel eines normalen Kindes erreicht haben würde.

Und Harry ließ sich auch ohne Wiederrede von ihm an der Hand in sein neues Zimmer bringen und er legte sich von alleine auf das Bett und unter die Decke.

Als Severus gehen wollte, nachdem er Harry sorgsam zugedeckt und einen Gute-Nacht-Kuss gegeben hatte, hielt der kleine Junge ihn auf und bat darum, das Lied seiner Mutter noch einmal hören zu dürfen.

Severus behielt sein Lächeln gezwungen im Gesicht und versprach Harry, dass er das Lied immer hören dürfte, egal wann und egal wie oft.

Doch innerlich brachte es in Severus die Trauer um die einzige Frau wieder hoch, die er jemals geliebt hatte.

Aber er wusste, dass er Harry erlauben musste, diese Spieluhr zu nutzen, egal, wie weh es ihm selbst tat diese Stimme und den Geruch wahrzunehmen.

Was aber zählte war, dass Harry mit einem kleinen Lächeln auf dem Lippen einschlief, während die letzten Töne des Liedes erklangen und der kleine Junge ohne von Alpträumen geplagt zu sein, durchschlief, bis Severus ihn zum Mittagessen wecken ging.