Kapitel einundzwanzig
Sherlock hatte John nach ihrer Rückkehr zwei Tage zuvor mit direkter Wirkung aufs Sofa verbannt. Erst hatte er ihn sogar in sein eigenes Zimmer einquartieren wollen, da er John unter keinen Umständen die Treppen nach oben nehmen lassen wollte. Die siebzehn Stufen in ihr Wohnzimmer hatte er sich auf Sherlock abstützen und mit seinem gesunden Bein hochhüpfen müssen. Vehement hatte John darauf bestanden, dass das überhaupt kein Problem war, bevor Sherlock noch auf die Idee hätte kommen können, ihn hochzutragen. John war schon sauer genug gewesen, dass er nicht mit in den Yard hatte kommen dürfen und Sherlock darauf bestand hatte, dass er sich die verordnete Ruhe zu Herzen nahm. Nach einer viertelstündigen, hitzigen Diskussion zum Thema, hatten sie sich letztendlich darauf geeinigt, dass John sich im Wohnzimmer etwas Ruhe gönnte. So hatte er zumindest noch etwas Fernsehen schauen können.
Missmutig betrachtete John an diesem frühen Abend das rege Treiben seines Mitbewohners, den er vom Sofa aus beobachtete und der, unschlüssig über die Wahl seiner Kleidung, geschäftig von seinem Schlafzimmer ins Wohnzimmer und wieder zurück ins Schlafzimmer lief. Da John, der sich normalerweise um die finanziellen Aspekte von Sherlocks Fällen kümmerte, indisponiert war, würde Sherlock nun selbst zu Victor Trevor fahren und alles weitere abwickeln – und diese Tatsache an sich, trieb John in den puren Wahnsinn. Hinzu kam Sherlocks andauernde Besorgnis, die, obwohl sie gutgemeint und auch irgendwie süß war, John dennoch den letzten Nerv raubte.
Bedauerlicherweise hatten die vergangenen zwei Tage nicht dazu beigetragen, seine Laune zu bessern. Zum einen bestand Sherlock darauf, dass John sich an ihre Abmachung hielt und zum anderen kontrollierte er das sogar. Zwangsläufig bedeutete das allerdings auch, dass John die Nächte nun auf dem Sofa im Wohnzimmer durchbrachte und sich damit auch jedwede nächtliche Zweisamkeit erledigt hatte. Sherlock selbst schien sich ohne John nicht zu trauen, in dessen Schlafzimmer zu nächtigen, und schlief nun wieder in seinem eigenen, wenn er denn schlief und die Nacht nicht irgendwo anders, vermutlich in St. Barts Labor, durchbrachte. Diese Entwicklung wiederum versetzte John in leichte Panik, denn wie würde sich alles erst entwickeln, wenn sein Bein wieder verheilt sein würde? Sie hatten das erlösende Gespräch noch immer nicht geführt und seit ihrer Rückkehr hatten die beiden auch keinerlei Zärtlichkeiten mehr miteinander ausgetauscht.
Es war zum Verrücktwerden!
Hätte John seine Waffe zur Hand gehabt, wäre er glatt versucht gewesen, die Wand seinerseits aus Liebesfrust mit Einschusslöchern zu dekorieren.
„Bist du dir sicher, dass das Sofa den Zweck erfüllt?", hakte der Detektiv wieder einmal nach, als er ins Wohnzimmer kam und Johns Sitzposition zweifelnd beäugte.
Anscheinend hatte er sich in der Zwischenzeit für einen seiner perfekt sitzenden Maßanzüge samt petrolfarbenem Hemd entschieden; eine Kombination, in der er einmal mehr verboten gut aussah wie John innerlich fluchend feststellte.
Er musste dreimal tief durchatmen, bevor er sich vergewissert hatte, dass er dazu in der Lage war, seine Selbstbeherrschung mehr oder weniger aufrecht zu erhalten. „Sherlock …"
„John, also ich bin mir wirklich nicht sicher …"
„SHERLOCK! Lass gut sein…", fuhr John entnervt auf. „ …Gott, in dir steckt ja 'ne richtige Glucke."
Sherlock blickte ihn verdutzt an. „Bitte?"
John ignorierte Sherlocks Gesichtsausdruck, der ihm eindeutig zeigte, dass der Detektiv ganz und gar nicht mit dem soeben gemachten Vergleich einverstanden war. „Du wirst nur ein paar Stunden weg sein und ich verspreche dir hoch und heilig, dass ich den braven Hausmann raushängen lassen und mich nicht vom Fleck bewegen werde", fügte er hinzu. Dabei gelang es ihm nicht ganz, den Sarkasmus aus seiner Stimme zu bannen.
Bevor Sherlock dem jedoch etwas entgegensetzen konnte, klingelte sein Handy. Als er den Namen sah, der auf dem Display aufleuchtete, runzelte er die Stirn. „Mycroft", war alles was er sagte, als er ranging. Angespannt lauschte er der Stimme seines Bruders. Die Sekunden verstrichen und sein Gesicht wurde immer finsterer.
Leider konnte John Mycrofts Stimme nur undeutlich hören und nicht ausmachen, worum es ging. Nach Sherlocks Gesichtsausdruck zu urteilen, gefiel es ihm allerdings gar nicht, was er hörte.
Dann schnaubte der Detektiv verächtlich. „Na, wundervoll", erwiderte er endlich und verzog das Gesicht. Er lauschte einen weiteren Moment, atmete durch und schüttelte den Kopf. „Nein, Mycroft. Das wird nicht nötig sein. Danke trotzdem." Damit beendete er das Gespräch.
John blickte seinen Freund erwartungsvoll an.
Sherlock jedoch schüttelte seinen Kopf, gebot ihm mit einer Handbewegung einen Moment zu warten, und marschierte mit großen Schritten zur Tür hinaus, hinunter zu Mrs. Turner, die, wie John an den dumpfen Geräuschen hörte, die von unten hinauf gelangten, in Mrs. Hudsons Wohnung nach dem Rechten sah. Einen Augenblick später hörte er auch schon ein leises Klopfen, kurz darauf gefolgt durch Sherlocks Stimme.
John stellte allerdings bereits nach wenigen Sekunden enttäuscht fest, dass die beiden zu leise sprachen, als dass er auch nur ein Wort davon hätte verstehen können, und verfluchte innerlich erneut sein Bein, dessen Wunde brannte und es ihm, wenn auch nicht unmöglich machte, so doch erschwerte, sich zu bewegen.
Dann hörte er ein lautes Stöhnen, das zweifelsohne von seinem Freund kam, der kurz darauf die siebzehn Stufen zu ihm heraufgeeilt kam und ein Gesicht machte, wie sieben Tage Regenwetter.
„Was ist passiert?", fragte John besorgt.
„Wir haben möglicherweise ein Problem", antwortete der Detektiv ausweichend.
John musterte ihn beunruhigt und seine Besorgnis wuchs. Erst jetzt fiel im auf, dass Sherlock die Abendzeitung in der Hand hielt. „Bitte, Sherlock, sag mir, was passiert ist."
Wortlos hielt Sherlock ihm die Titelseite hin.
John brauchte nur einen Blick darauf zu werfen, um zu wissen, was los war, und Sherlocks Verhalten zu verstehen. Ein Bild von ihnen beiden war darauf abgebildet, eingebettet von der Titelstory: „Sherlock Holmes löst Rätsel um Aldershot Morde – Scotland Yard war ratlos".
Unwillkürlich streckte er die Hand nach der Zeitung aus, die Sherlock ihm reichte, und überflog den Artikel, der sowohl die Einzelheiten des Falles als auch Sherlocks Brillanz „en-detail" hervorhob. Als er den Beitrag zur Hälfte durchgelesen hatte, wurde ihm klar, dass Victor Trevor ein Exklusivinterview gegeben hatte, in dem er zum Einen seinem Unmut über die Polizei Luft gemacht und zum Anderen seiner Bewunderung für Sherlock Ausdruck gegeben hatte. Der Name des infernalischen Ex steigerte seine Laune nicht gerade, die jedoch einen Augenblick später auf den absoluten Nullpunkt sank, als er entdeckte, dass der betreffende Gentleman scheinbar auch in Bezug auf ihre Beziehung aus dem Nähkästchen geplaudert hatte.
John schluckte schwer. Seine Augen verharrten wieder und wieder auf dem Satz, der besagte, dass Sherlock Holmes sich vor kurzem mit seinem persönlichen Assistenten und Blogger verlobt hatte.
Leise stöhnte er auf. Falls es jemanden in London, ach was, in Großbritannien gegeben hatte, der noch nicht von dem freudigen Ereignis gehört hatte, so war auch dieser jemand nun bestens informiert. John war sich noch nicht ganz im Klaren darüber, was er von dieser neuen Entwicklung hielt, aber als er einen verstohlenen Blick auf den Detektiv warf, traf der Gesichtsausdruck des personifizierten Elends auf dem Gesicht seines Freundes ihn mitten ins Herz. Sherlock wusste, dass John Publizität ebenso wie er selbst hasste, und das ganz besonders, wenn die Tagespresse zu allem Überfluss auch noch versuchte, die Natur ihrer Beziehung zu beleuchten.
Im Nu vergaß er sein eigenes Unbehagen. Nun hieß es Vorsicht walten zu lassen. Er hasste diesen Medienrummel wirklich, wollte aber nicht, dass Sherlock falsche Schlüsse aus seiner Reaktion zog. Zum anderen kam es ihm im Hinblick auf Victor Trevor nicht ganz ungelegen, dass ihre Verlobung an die große Glocke gehangen wurde. „Sherlock …"
„Es tut mir leid, John", sagte Sherlock leise, dessen Stimme beinahe nur noch ein kleinlautes Flüstern war.
John nahm sich ein Herz und sprang über seinen Schatten. „Der Artikel ist doch in Ordnung", sagte er betont behutsam. „Zur Abwechslung stehen mal keine Unwahrheiten drin und du verdienst das Lob sondermehr."
Sherlock hob den Kopf. Er blickte John aufmerksam und mit einem Anflug von Überraschung an.
„Mit den großen Gaben, die du besitzt, ist der Ruhm unausweichlich, Sherlock. Und fürs Geschäft ist es auch ganz gut, ab und an in der Presse genannt zu werden. Lass uns ganz einfach versuchen, nur keine Reichenbach-Medien-Geschichte draus zu machen", sagte John und lächelte ihm ermutigend zu. Dann räusperte er sich und blickte dem Detektiv in die Augen. „Dieser Fall ist eines deiner Meisterstücke gewesen. Ich bin mir sicher, dass du der größte Detektiv aller Zeiten werden wirst und es ist eine große Ehre, dein Partner zu sein und diesen Prozess mitzuerleben."
Johns Worte hatten Sherlock, der ihn beinahe schüchtern anlächelte, sichtlich bewegt. „Du warst wie immer von großem Nutzen für mich."
Der Arzt erwiderte sein Lächeln. „Du bist der Meister der Deduktion. Ich halte dir nur den Rücken frei und unterstütze dich wo möglich."
„Zu einem Duo gehören zwei", entgegnete Sherlock leise.
Eine Weile blickten die beiden einander an und die Luft um sie herum elektrisierte. Da war definitiv etwas zwischen ihnen. Das war nicht zu leugnen, auch wenn es zwischen ihm und dem Detektiv momentan nicht so richtig weiterging. Zudem war John auch nicht entgangen, dass Sherlock, ebenso wie er selbst, den Verlobungsring nicht abgenommen hatte. Was natürlich gut daran liegen konnte, dass er Victor an diesem Abend besuchen würde. Dennoch beflügelte diese Tatsache seine Hoffnung, an der er sich wie an einen Strohhalm klammerte. Im Bewusstsein dessen mahnte er sich erneut zu Ruhe und Geduld.
„Na, dann mach ich mich mal auf den Weg", sagte Sherlock nach einem letzten intensiven Blick, der John pure Gänsehaut besorgte. „Ich werde wohl durch Mrs Hudsons Hinterhof müssen. Die Aasgeier belagern nämlich bereits den Bürgersteig."
Bevor er den Worten Taten folgen lassen konnte, hörten sie unten vor dem Haus laute Stimmen, gefolgt von der aufgebrachten Stimme von Greg Lestrade, der den Reportern abwechselnd „Kein Kommentar!" und „Herrgott, lassen Sie mich durch!" zurief. Einen Augenblick später hatte er es offensichtlich tatsächlich geschafft, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen, da es an der Tür läutete, die Mrs Turner vorsichtig für ihn öffnete und die gleich wieder hinter ihm schloss.
„Widerliches Volk", rief der Polizist seufzend aus. Nach einigen Förmlichkeiten rannte er dann die Treppe hinauf. Als er eintrat, stand der Ärger ihm noch deutlich ins Gesicht geschrieben. „Sherlock, John", begrüßte er sie etwas aus der Puste geraten.
„Ein neuer Fall?", fragte Sherlock neugierig und, wie John fand, hoffnungsvoll.
Greg lächelte den Detektiv an. „Du hast doch gerade erst einen abgeschlossen."
Sherlock zuckte mit den Achseln.
„Ich bin eigentlich wegen dem Aldershot Fall hier", erwiderte Greg und nahm in Johns Sessel Platz.
Sherlock setzte sich ihm gegenüber. „Womit kann ich dir behilflich sein?"
„Ähm … also eigentlich bin ich hier, um mich im Namen der Truppe bei dir zu bedanken und dir zu dieser Meisterleistung zu gratulieren", sagte Greg.
Sherlock und John blickten ihn überrascht an. Diese Situation war für alle drei ungewohnt. Einen momentlang saßen sie schweigend beieinander.
„Also", begann Greg. „Ich habe dich schon viele Fälle auf erstaunliche Weise lösen sehen, aber dieser war schon was ganz Besonderes. Weißt du, bei Scotland Yard sind wir nicht eifersüchtig auf dich. Eigentlich sind wir sogar sehr stolz."
„Ähm … Danke", war alles, was Sherlock sagte.
John, der ihn aber schon länger kannte, konnte erkennen, dass das Lob des Polizisten ihn ganz und gar nicht kalt ließ, sondern erfreute.
"Keine Ursache", erwiderte Greg. "Musste ganz einfach mal gesagt werden… So dann will ich euch auch nicht länger aufhalten. Es wartet leider noch 'ne Menge Papierkram."
„Der kann warten. Warum bleibst du nicht einfach noch 'ne Weile bei John?", fragte Sherlock. „Ich muss noch mal weg, aber ich bin sicher, dass John sich über ein wenig Gesellschaft freuen würde."
John wusste zwar, dass Sherlock den Vorschlag vor allem machte, um John zu beschäftigen und unter Aufsicht zu haben, aber Gesellschaft war wirklich besser, als sich alleine zuhause zu langweilen und sich Gedanken um Victor Trevor zu machen. „Warum bleibst du nicht auf einen Tee?", fragte John seinerseits. Normalerweise hätten sie sich auf ein Bier getroffen, aber da der DI noch im Dienst war, würden sie sich mit etwas nichtalkoholischem begnügen müssen.
„Also da sage ich nicht nein", erwiderte Greg. „Willst du dich wirklich der Meute stellen?", fragte er dann an Sherlock gewandt, der schon halbwegs zur Tür hinaus war.
„Hinterhof", rief er ihm im Gehen zu und sauste die Treppe hinunter.
Als es eine Stunde später an der Haustür klingelte, blickte John überrascht auf. Greg war bereits zum Yard zurückgekehrt und er konnte sich nicht vorstellen, wer sie zu so später Stunde noch aufsuchen würde. Ein Klient war es nicht. Das konnte mittlerweile sogar John deduzieren. Unmittelbar danach drang die Stimme seines Schwagers in Spe zu ihm hinauf, und er schloss für einen Moment ungläubig die Augen. Das Pech schien ihn zu verfolgen. So oft wie in den vergangenen Wochen hatte er Mycroft schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er auch die Reporter auf der Straße nicht mehr hörte.
„Guten Abend, John", sagte Mycroft zur Begrüßung als er das Wohnzimmer betrat. Der Griff des für ihn charakteristischen Regenschirms war über seinen Arm drapiert. In der ihm eigenen Art schweifte sein Blick umher und er nahm den Raum in sich auf.
„Guten Abend, Mycroft", erwiderte John. Obwohl Mycroft so anders war als sein jüngerer Bruder, so erinnerten die scharfen, graublauen Augen des Älteren John jedoch immer wieder unmittelbar an Sherlock selbst. In diesen Momenten der Erkenntnis, dass die beiden unverkennbar Brüder waren, ertappte er sich immer wieder bei der Frage, was in der Vergangenheit wohl vorgefallen sein mochte, das die beiden auseinander hatte treiben lassen.
Mycroft setzte sich unaufgefordert in Sherlocks Sessel und betrachtete John, der mit unzähligen Kissen im Rücken und unter seinem hochgelagerten Bein auf dem Sofa saß, um ihm eine angenehme Sitzposition zu ermöglichen. „Mein Bruder umsorgt dich vorbildlich wie ich sehe", bemerkte er mit einem undurchsichtigen Lächeln.
„Darüber lässt sich streiten", murmelte John in einem beinahe schmollenden Tonfall, woraufhin sich Mycrofts Lächeln nur verstärkte. „Übrigens ist er nicht zuhause", fügte John hinzu, obwohl er sich sicher war, dass Mycroft das bereits wusste.
„Das trifft sich gut, denn ich möchte gern mit dir sprechen, John", entgegnete Mycroft. „Unter vier Augen, versteht sich, und da du gerade … indisponiert bist, habe ich mir gedacht, ich statte dir einen Krankenbesuch ab, anstatt dich zu einer Fahrt ins Blaue einzuladen."
Was in Johns Augen nicht mehr als eine schöne Umschreibung für seine regelmäßigen Entführungsepisoden darstellte. „Sehr umsichtig von dir", erwiderte er. „Wie bist du eigentlich an den Aasgeiern vorbeigekommen?"
„Ich habe die Straße vor einer halben Stunde absperren lassen", erwiderte Mycroft nüchtern.
Die Tatsache an sich überraschte John keineswegs, hatte Mycroft doch exzellente Verbindungen. Dass er sich die Mühe aber überhaupt machte, wunderte ihn schon sehr.
„Du siehst müde aus, John. Und abgespannt. Ich bin sicher, dieser Fall hat seinen Tribut gefordert."
Johns Haltung versteifte sich zusehends. „Du bist hierhergekommen, um mit mir über den Fall zu sprechen?", fragte er unwohl und hielt unwillkürlich den Atem an. Einen momentlang befürchtete er, Mycroft könnte von der Verlobungssache wissen.
„Ach", winkte Mycroft ab. „Der Fall war bemerkenswert wie ich gelesen habe. Sherlock hat sich mal wieder selbst übertroffen und ich bin sicher, du hast hierbei eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt, John … aber nein, ich bin nicht wegen des Falles an sich gekommen. Eher wegen eines Namens, den ich heute zufällig in der Zeitung im Zusammenhang damit gelesen habe", entgegnete er.
John blickte ihn erwartungsvoll an.
„Victor Trevor", sagte Mycroft.
John atmete so leise wie möglich aus. Er wollte sich die Erleichterung bezüglich Mycrofts Unkenntnis über die Verlobung nicht anmerken lassen. „Victor Trevor?", fragte er stattdessen entgeistert.
„Ich nehme an, du weißt über ihn und Sherlock Bescheid?", fragte Mycroft.
Unwillkürlich verzog John das Gesicht. „Hmmm", antwortete er dann ausweichend. Allerdings war „Bescheid wissen" eindeutig zu viel gesagt, wie John fand.
„Wird Mr Trevor sich zu einem Problem entwickeln?", fragte Mycroft rund heraus.
John runzelte die Stirn. „Problem?"
„Du siehst besorgt aus, John, und wenn du besorgt bist, fange ich an mir Sorgen zu machen", entgegnete Mycroft mit ernster Miene.
John hoffte inbrünstig, dass der ältere Holmes ihm nun nicht auch noch anbieten würde, das „Problem" permanent für ihn zu lösen.
"Weißt du, John… Mr Trevor hat meinem Bruder damals wirklich übel mitgespielt. Ich möchte diese Situation ungern ein weiteres Mal erleben, wenn du verstehst, was ich meine."
John kam sich vor wie in einem schlechten Film. Da hatte er die Angelegenheit noch nicht einmal mit seinem Angebeteten klären können, und nun saß er hier, mit der britischen Regierung in Person, die versuchte ein vertrauliches Gespräch in eben jener Angelegenheit zu führen. Andererseits konnte John Mycrofts Besorgnis verstehen, da es mit Sherlock nach Victor Trevor bekanntlich erst einmal bergab gegangen war.
Er blickte Sherlocks Bruder aufmerksam und, wie er hoffte, mit festem Blick an. „Mycroft, ich weiß deine Besorgnis zu schätzen, aber ich vertraue deinem Bruder mit meinem Leben…"
Was an sich schon an ein Wunder grenzte, wenn man mal genauer drüber nachdachte.
„…Ich schätze, dass ich ihm auch mein Herz anvertrauen muss..."
Da kam dann die Selbstmordmission ins Spiel.
„…Ich fürchte, er muss das mit sich alleine ausmachen."
John war sich dessen bewusst, dass eine Beziehung mit Sherlock anders sein würde als alle Beziehungen die er bisher gehabt hatte. Er wusste, dass es nur funktionieren konnte, wenn er ihm in der Liebe ebenso vertraute wie in ihrer Freundschaft und sie beide sie selbst sein konnten. Es hatte keinen Sinn, Dinge von Sherlock zu verlangen, nur weil es sich so gehörte oder weil andere es von ihnen erwarteten. John wusste sehr wohl, dass es durchaus sehr gut sein konnte, dass er tagelang überhaupt keine außerfallmäßige Aufmerksamkeit bekommen würde, sobald Sherlock auf einer heißen Spur war. Und es würde ihrer Liebe ganz sicher nicht zuträglich sein, wenn er versuchen würde den Detektiv an die kurze Leine zu legen…
Sie blickten sich eine Weile schweigend an. Dann räusperte sich Mycroft kurz und blickt John mit unverwandt ernster Miene an. „Sollte die Situation sich nicht wie gewünscht entwickeln, zögere nicht, Kontakt zu mir aufzunehmen, John."
John antwortete mit einem stummen Kopfnicken. Er hatte nicht vor den MI6 oder wen auch immer im Falle von Beziehungsstress einzuschalten, und Mycroft Holmes stand auf seiner Liste von Vertrauten, mit denen er seinen Liebesfrust besprechen würde, nicht gerade oben an. Genau genommen stand er eigentlich gar nicht darauf. Zu so einer Maßnahme würde er wohl nur im Fall eines Super Gaus greifen…
„Nun gut, ich kann nur hoffen, dass mein Bruder zur Abwechslung mal weiß, was gut für ihn ist", sagte Mycroft schließlich.
In Gedanken konnte John sich diesem Wunsch nur anschließen.
