Kapitel 20

Anjia war zutiefst verletzt. Tagelang saß sie nur stumm an ihrem Webrahmen und stellte ellenlange Stoffbahnen her. Zu den Mahlzeiten musste sie überredet werden und auch sonst war sie still und redete kein überflüssiges Wort.

Haeg arbeite fieberhaft an einer Beschwörung, über die er sowohl seine Tochter wie auch seinen Lehrling im Unklaren ließ. Er zeichnete Siegel, verbesserte sie, verwarf sie, kramte die Entwürfe wieder hervor und verließ kaum noch sein Arbeitszimmer.

Aus lauter Verzweiflung ging Carsaib den ganzen Tag auf die Jagd und füllte die Vorratskammern mit Echsen- und Sandhühnerfleisch. Wann immer er nach Haus kam empfingen ihn nur Anjias Schweigen und Haegs Gemurmel. Meist bereitete er dann das Essen zu, holte seine beiden Mitbewohner an den Tisch, nur um schweigend mit ihnen zu essen. Wenn überhaupt gesprochen wurde, dann nur über banale Dinge wie das Zusammenschmelzen der Milchpulvervorräte, den nächsten zu erwartenden Sandsturm und was der junge Zauberlehrling am Tag erbeutet hatte. Es war deprimierend.

Nachdem ein weiterer solcher Tag ins Land gegangen war, verkroch sich Carsaib abends in seine Schlafkammer und las in den Büchern, die er bald auswendig aufsagen konnte.

„Darf ich eintreten?", fragte Kazit'ra aus dem Dunkeln des Ganges heraus und blinzelte mit ihren rotglühenden Augen um die Ecke.

Erschrocken fuhr Carsaib hoch und starrte den Schatten an. „Was machst du hier? Hat Anjia dich gerufen?"

Kazit'ra biss sich verlegen auf die Unterlippe und trat ein. „Anjia würde im Moment nicht einmal einen Fuß vor den anderen setzen, wenn ich ihr nicht gut zureden würde."

„Soll das heißen, du bist ungefragt erschienen?" Unbehagen und kalte Wut stiegen in Carsaib auf, als er sich auf die Bettkante setzte und möglichst unauffällig nach seinem Schwert unter der Strohmatratze suchte.

„Lass das!", fauchte sie und deutete auf seine suchende Hand. „Wenn ich wollte, wärest du schon tot bevor du das Schwert gezogen hättest." Einen Augenblick lang starrten sich beide an, dann zog er seine Hand unter der Matratze hervor. Kazit'ra seufzte und setzte sich bedächtig, ohne den Blick von dem jungen Mann abzuwenden, auf das andere Ende des Bettes. „Was ist nur geschehen?", flüsterte sie und in ihrem Blick lag ein bitteres Flehen.

„Haeg hat das Buch gefunden."

„Ja, ich weiß. Und ich bin froh, dass er es nicht sofort zerstört hat."

„Du hast uns alle belogen!", platzte es aus Carsaib heraus.

„Worüber belogen?", fragte Kazit'ra verwundert und riss die Augen auf.

„Über deine Kräfte!" Er sprang vom Bett hoch und funkelte sie böse an. „Du sagtest, Anjia könnte dich beherrschen. Aber nun bist du von allein gekommen! Du gehörst zu den Alten Geistern! Und wer weiß, was du uns noch alles an Lügen aufgetischt hast!"

Sie ließ die Schultern sinken und blickte auf ihre Füße. „Ja, ich gehöre zu den Alten, aber das heißt nicht viel. Und was Anjia angeht..." Sie machte ein Pause, dann fuhr sie fort: „Ich mache mir Sorgen um sie. Sie ist... sie ist so still und kraftlos geworden. Jeden Morgen kämpft sie sich aus dem Bett, verrichtet lustlos ihre Arbeit, zeigt keinerlei Interesse an irgendetwas... und ihr beide seid keine große Hilfe!"

„Bitte?" Ungläubig ließ er die vor der Brust verschränkten Arme sinken und starrte sie an.

„Haeg hat sich in seine Arbeit verkrochen und plant irgendeine Beschwörung von mehreren Geistern gleichzeitig. Du flüchtest bei Sonnenaufgang und kommst erst mit der Abenddämmerung wieder. Sie ist einsam und weigert sich, mit mir zu sprechen!"

„Verwundert dich das? Wie sollen wir sicher sein, dass du uns nicht belügst?"

„Ihr könnt euch nicht sicher sein. Wenn Haeg Erfolg hat, was ich bezweifle, wird er auch nicht schlauer sein als jetzt." Wieder blickte sie ihn flehend an: „Bitte, kümmere dich um Anjia! Nimm sie einen Tag mit hinaus, lass sie auf andere Gedanken kommen! Ich bitte dich darum!"

Es fiel Carsaib schwer, hinter diesem Ansinnen eine böse Absicht zu vermuten. „Vielleicht hast du Recht."

Der Schatten nickte, dann stand sie auf und ging leise aus der Schlafkammer, ohne sich umzublicken. Carsaib ließ sich schwer auf sein Lager sinken und dachte angestrengt nach, was nun zu tun war. Sollte er mit Haeg über Kazit'ras unbeschworenen Besuch sprechen? Sollte er Anjia morgen danach fragen? Wie sollte er überhaupt mit ihr umgehen?

Nach langem Überlegen kam er nur zu dem Schluss, dass er Anjia morgen mit zur Jagd nehmen sollte. Alles Weitere würde sich dann schon ergeben.

Die Sonne brannte unbarmherzig vom Himmel und Anjia begann sich über diesen erzwungenen Ausflug zu ärgern. Zwei erlegte Echsen trug sie dem Lehrling nun schon hinterher und es schien nicht so, als wollte er demnächst die Jagd abbrechen. Müde ließ sie sich einfach in den Sand fallen und lockerte etwas das Kopftuch, das sie zwar einerseits vor der Sonne schützte, andererseits aber auch zusätzlich wärmte. „Wann können wir nach Haus?", fragte sie und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Carsaib ließ den Bogen sinken und schaute mitleidig seiner Beinahe-Beute hinterher. Hätte Anjia geschwiegen, hätte er eine der scheuen Steinziegen erlegen können. So aber waren die Tiere aufgeschreckt worden und sprengten davon. Aber wenigstens hatte sie etwas gesagt! Das erste Mal seit ihrem schwachen Protest Stunden zuvor, als er sie an die Hand genommen und in die Wüste geführt hatte.

Er setzte sich neben sie und reichte ihr den Wasserschlauch zum Trinken. „Ich weiß nicht. Ich dachte, es wäre eine gute Idee, wenn du mal wieder einen Tag heraus kommst und etwas anderes tust als zu weben."

Sie trank einen tiefen und durstigen Schluck, dann reichte sie ihm den Schlauch zurück. „Was soll daran besser als weben sein, wenn du mich stundenlang durch die Sonne zerrst und mit toten Tieren behängst?"

Da war sie wieder, die Anjia die er kannte! Lächelnd drückte er sie an sich und seufzte erleichtert. Zuerst widerwillig, dann vertrauensvoll, lehnte sie sich an ihn und weinte die bitteren Tränen, die in den letzten Tagen einfach nicht fließen wollten.

Währenddessen beging Haeg der Zauberer einen folgenschweren Fehler.

TBC