Wunderkind
Sa 16.11.11/21.27
Angelas Pov.
Das Mädchen – es musste wohl Isabella sein – sie schien zu fliegen. Ich musste ein paarmal blinzeln, um mir sicher sein zu können, dass sie keine Illusion war. Den anderen schien es allerdings nicht anders zu gehen.
Inzwischen hatte ich begriffen, dass das Mädchen natürlich nicht flog – sie tanzte. Und sie schien uns bisher noch nicht bemerkt zu haben. Dafür war sie zu sehr vertieft in den Tanz.
Als ich ein kleines Mädchen von vielleicht sieben Jahren war, wollte ich auch um jeden Preis Ballerina werden – welches kleine Mädchen wollte das schon nicht – aber es war nur ein Traum, der natürlich nie Wirklichkeit wurde.
Meine Eltern hatten mich öfters zu Ballettvorführungen geschleppt, ich hatte auch eine kurze Zeit lang Stunden genommen, aber ich war einfach völlig unbegabt. Das hatten wir schon nach zwei Wochen bemerkt. Und nun war ich also die, die ich war. Angela, die nicht wirklich sportlich war, aber ganz gerne einmal joggen ging.
Ich schaute ihr fasziniert zu. Nach einer Weile erkannte ich das Stück. Mir fiel der Name im Moment nicht ein, aber sie hatten es einmal in Seattle vorgeführt, als ich neun oder so war.
Ich dachte noch ein wenig über den Namen nach und schaute ihr während dem zu. Sie war so wunderhübsch…
„Der sterbende Schwan" schoss es mir durch den Kopf. Das war der Name des Stücks. Es war eines der Lieblingsstücke meiner Mutter. Sie konnte Stundenlang darüber reden.
Als ich das Stück damals vor ein paar Jahren gesehen hatte, hatte es mir zwar sehr gut gefallen, aber es war nicht wirklich etwas Spezielles. Das hier überstieg allerdings die Grenzen meines Vorstellungsvermögens. Noch nie hatte ich etwas so Anmutiges, Trauriges und Wunderschönes zugleich gesehen.
Das hier war nicht einfach irgendeine Ballerina, die irgendein beliebiges Solo tanzte – nein, das hier war eine Geschichte. Isabella war ein Schwan, ihre Arme Flügel, der helle Parkettboden war ein düsteres Seeufer – ich fühlte mich, als ob der Schwan tatsächlich sterben würde. Das hörte sich wahrscheinlich alles vollkommen schräg und blöd an, aber ich fühlte in diesem Moment eben genau so. Ich legte sowieso nicht extrem viel Wert darauf, was andere Leute über meine Gedanken dachten.
Isabella hatte uns scheinbar immer noch nicht bemerkt, denn sie tanzte unbeirrt und extrem vertieft weiter. Bestimmt war auch sie im Moment an diesem Seeufer und starb – zumindest in Gedanken. Ich war eigentlich auch ganz froh darüber, denn ich könnte ihr noch stundenweise zuschauen.
Das Stück würde bald zu Ende sein, der wunderschöne Schwan war am sterben – es war ja auch nicht besonders lang – und das tat mir beinahe schon weh.
Erst jetzt merkte ich, dass ich weinte. Ich blickte kurz zu Ben um zu bemerken, dass ihm eine Träne über die Wange lief. Bei mir liefen sie in Strömen über die Wangen und hinterliessen dunkle Flecken auf meinem Pullover und sie liessen sich einfach nicht aufhalten.
Sie sank zu Boden. Das Stück war zu Ende. Die Musik verstummte – sie war mir erst jetzt wirklich aufgefallen.
Erst jetzt schaute ich Bella wirklich als Mensch an. Sie hatte ihre dunkelbraunen Haare zu einem perfekten Ballettknoten zurückgebunden. Sie trug so ein dunkelblaues Ballerina-Teil, das einen tollen Kontrast zu ihrer beinahe schneeweissen Haut bildete. Ihre Füsse steckten in schwarzen Spitzenschuhen, die ziemlich gebraucht aussahen.
Sie war ein wenig das, was man sich unter Schneewittchen vorstellte: Dunkle Haare, beinahe weisse Haut und rote Lippen, aber sie war trotzdem irgendwie ganz anders. Sie sah zu erwachsen und zu wenig naiv aus, um in diese Rolle zu passen.
Isabella hatte eine tolle Figur, auch wenn sie schon fast ein wenig zu dünn für meinen Geschmack war. Sie war gross, aber sehr schmal gebaut und hatte sehr lang Beine. Es war erstaunlich welche Kraft in ihnen steckte, zumal sie wirklich sehr dünn waren.
Die Spannung in ihrem Körper war beeindruckend. Das Stück war zwar schon seit geraumer Zeit zu Ende, aber sie dachte wohl nicht einmal daran, die Spannung zu lockern. Dann hob sie den Kopf.
Sie bemerkte uns. „Uh, Guten Abend", grüsste sie freundlich in einem liebenswerten englischen Dialekt, den ich eigentlich nicht wirklich mochte, der bei ihr aber wirklich nett war.
Sie sah nicht mehr so gelöst und glücklich aus wie vorhin, als sie tanzte. Ihr Gesicht hatte einen harten Zug. Sie wirkte angespannt. Ihre Augen blickten sehr aufmerksam – als würde sie erwarten, dass wir im nächsten Moment auf sie losgehen würden.
„Hallo Bella. Das eben war wirklich wunderschön. Wie heisst das Stück denn?", fragte Esme. „Der sterbende Schwan ist ein Solostück, das 1905 für Anna Pawlowa geschrieben wurde. Die Musik ist aus „Der Karneval der Tiere" und es ist eine Anlehnung an Tschaikowskis „Schwanensee". Als weitere Inspirationsquelle wird häufig das Gedicht „Der sterbende Schwan" von Alfred Tennyson genannt. Die Dauer beträgt gut drei Minuten. (A/N: Es lebe Wikipedia!) Schön, nicht?", antwortete das Mädchen, ohne dass sie überhaupt darüber nachdenken musste.
„Darf ich dir Angela und Ben vorstellen? Du wirst in Zukunft wahrscheinlich häufiger mit ihnen zu tun haben", stellte Esme uns vor. „Natürlich", erwiderte Bella sofort, „ich bin Bella. Es freut mich, euch kennenzulernen"
Sie hielt immer noch Abstand, ihre Stimme war hell und freundlich, aber sie war auch irgendwie gleichzeitig kühl und distanziert. Hätte Esme uns die Umstände eben nicht erklärt, hätte mich das wahrscheinlich verwundert. So passte Bella allerdings in die Person, die Esme uns erklärt hatte.
Irgendwie wanderte mein Blick auf ihren Bauch. Noch war nichts zu sehen. Natürlich – das würde noch ein paar Wochen dauern. Wenn sie nicht abtreiben würde. Ich hob meinen Blick wieder.
Esme hatte Recht gehabt. Ich kannte Bella erst ein paar Minuten und wusste praktisch nichts über sie, aber ich hatte sie sofort ins Herz geschlossen – sie war eine dieser Personen, die man einfach gern haben musste. Niemand konnte sich Bellas Bann entziehen. Ich konnte es mir zumindest nicht vorstellen.
Vorsichtig hielt ich Bella meine Hand hin. Sie zögerte zuerst und schaute berechnend auf meine Hand, nahm sie aber dann. Sie schüttelte auch Bens. Ihr Händedruck war angenehm.
„Also Bella. Ich war mir ziemlich sicher, dass du nicht mit Mike Newton in ein Zimmer ziehen willst. Darum…", begann Esme, wurde aber dann von Bella unterbrochen.
„Das habe ich nie behauptet. Hör auf, dir die ganze Mühe zu machen. Das einzige was ich tue ist, dir Arbeit zu machen. Das kann doch nicht so weitergehen!", protestierte sie schwach.
„Bella… Es macht mir nichts aus – wirklich. Und auch ich möchte dich nicht mit ihm in einem Zimmer wissen. Ich weiss, wie er ist. Er würde nicht einsehen, dass du keine Tanya Denali bist. Er ist nicht sehr einsichtig in solchen Sachen. Ich tue das doch gern für dich", entgegnete meine Lieblingslehrerin.
„Ich war mir wirklich sicher, also habe ich Angela und Ben gefragt. Weisst du, sie bewohnen nur ein Schlafzimmer, also ist eines frei. Und sie haben gesagt, dass es sie freuen würde, nicht, Angela?", versuchte Esme Bella zu überzeugen.
„Ist es wirklich in Ordnung für euch. Ich möchte euch wirklich nicht stören", fragte Bella besorgt, diesmal an Ben und mich gerichtet. „Natürlich", sagte dieser. Ich lächelte sie an.
„Wir würden uns sehr über deine Gesellschaft freuen", meinte ich aufrichtig.
„Na gut, überstimmt. Ich ziehe zu euch, aber wenn ich euch zu stören beginne, dann ziehe ich zu Mike Newton", gab sie widerwillig nach.
Ich begann zu strahlen. „Toll", war das einzige, das ich über die Lippen brachte.
