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Rastlos blickte ich an die kahle Decke über mir. In den letzten Tagen war so unglaublich viel geschehen, ich hatte so Vieles gesehen, was ich niemals für möglich gehalten hätte und ich wusste, wie es weiter gehen würde – und das beunruhigte mich und hielt mich trotz meiner Erschöpfung vom Schlafen ab. Ich wollte den morgigen Tag nicht erleben, ich wollte nicht gegen weitere Befallene kämpfen; denn auch wenn Meister Togo glaubte, in der Bibliothek von Zen Daijun Antworten zu finden und möglicherweise sogar ein Heilmittel für die Pest, um diesem Schrecken ein für alle Mal ein Ende setzen zu können; ich wusste, dass dort erst der Anfang lag. Und ich kann es niemandem sagen. Vorsichtig tastete ich nach Bacon, der es sich neben meinen Beinen bequem gemacht hatte und strich nachdenklich über seine warzige Haut. Selten hatte ich mich so allein gefühlt, noch dazu umgeben von Menschen, die ich im Grunde gut leiden konnte.

Da war Cora, eigentlich Corasima, die mich mehr als einmal mit ihren Zaubern wieder auf die Beine gebracht hatte und sich ihrer überdurchschnittlichen Fähigkeiten anscheinend nicht mal wirklich bewusst war. Sie hatte ihre richtigen Eltern niemals kennen gelernt und wusste nicht woher sie stammte; sie hatte praktisch keine Wurzeln und außer ihrem Ziehvater auch keine Familie. Schon komisch, dass sie als kleines Kind, das kaum laufen konnte, alleine durch so eine große Stadt wie Kamadan geirrt ist.

Dann Alanus, der erste, dem ich hier begegnet war und zum Glück jemand, der erst half und dann Fragen stellte. Auch er hatte keine Familie mehr, sie waren bei einem Überfall auf sein Dorf ermordet worden und er hatte als kleines Kind alles mit ansehen müssen.

Für einen Moment schloss ich die Augen und kämpfte mit den Tränen. Das hier passiert wirklich. Es ist nicht einfach nur ein Spiel. Plötzlich stieß Bacon einen lauten Schnarcher aus und ich schrak entsetzt hoch, aber Cora schien weiterhin ruhig zu schlafen. Erneut sammelte ich meine Gedanken.

Zoe und Motaro, die beide vor den Charr geflohen waren. Sie hatten vermutlich auch keine Familie mehr, wie so viele der ascalonischen Flüchtlinge. Ich schluckte. Die beiden waren wirklich aus Ascalon und würden sicherlich bald anfangen mir Fragen zu stellen, weil ich – oder mein Körper – möglicherweise gar nicht unter den Flüchtlingen gewesen war, ich mich aber als genau das ausgab. Ein lautes Seufzen entfuhr mir. Ich brauchte eine neue Geschichte. Und zwar schnell.

Wie schon so oft seit ich hier war wünschte ich mir, einfach mal jemandem die Wahrheit erzählen zu können. Oder zumindest nicht immer wieder lügen zu müssen. Ich war nicht besonders stolz auf mein Leben in der anderen Welt; Anfang 20, seit ein paar Wochen arbeitslos und mein Vater an Krebs gestorben als ich gerade ein Teenie war; aber es war besser als immer wieder neue Ausreden finden zu müssen, warum ich nicht die große Kriegerin war, für die die meisten mich hielten. Vielleicht würde es helfen, wenn ich mit weniger prunkvollen Waffen und einer einfacheren Rüstung rumlaufen würde. Bei dem Gedanken hatte ich gemischte Gefühle. Meine Chaos-Axt hatte ich mittlerweile wirklich schätzen gelernt und auch der Schild leistete gute Dienste, aber die knappe Rüstung würde ich nur zu gerne gegen eine andere tauschen. Allerdings sollte diese nicht so schwer und klobig sein, wie das Teil, das ich gestern Abend in Seitung anprobiert habe.

Vorsichtig drehte ich den Kopf zu Cora und überprüfte mit einem kurzen Blick, ob sie immer noch schlief. Dann stand ich langsam auf, tätschelte meinem Schwein, das kurz verschlafen zu mir hoch sah, beruhigend den Kopf und verließ auf Zehenspitzen unsere Kammer. Bisher hatte ich noch nie einen Blick in meine Xunlai-Truhe geworfen, weil mir nicht in den Sinn gekommen war, dass sich dort eventuell noch mehr Sachen von mir befinden könnten, aber einen Versuch war es wert. So weit ich es bei den anderen beobachtet hatte, konnte man jederzeit an die Truhe gehen um sein Lager zu durchforsten, ich schlich also weiter durch den dämmrigen Außenposten und war dankbar, dass ich meine Kettenstiefel und den gepanzerten Ärmel zum Schlafen abgelegt hatte – auch wenn das bedeutete, dass ich gerade mit nichts weiter als einer kurzen Hose und einem BH draußen herum lief.

Nach einigem Suchen entdeckte ich die Truhe endlich und öffnete sie ganz behutsam, in der Erwartung, dass der schwere Deckel laut quietschen und alles in meinem Umkreis alarmieren würde, doch er ließ sich ohne großen Widerstand anheben und gab den Blick in eine unbeleuchtete Kiste frei. Na super. Vorsichtig begann ich in der Truhe zu tasten und stellte triumphierend fest, dass ich tatsächlich etwas weiches, das durchaus ein Pulli hätte sein können, in der Hand hielt, doch es dauerte nicht lange, bis ich bemerkte, dass es Pelz sein musste. Ärgerlich grummelte ich in mich hinein. Ich wollte einen weniger auffälligen Aufzug, da war ein Pelzmantel das letzte, was ich brauchte. Seufzend wühlte ich zwischen den Pelzteilen hin und her, bis ich kaltes Metall zu fassen bekam. Das Stück hatte sich irgendwie in dem Stoff verfangen, aber nach einigen Minuten bekam ich es frei und zog es aus der Truhe, um im Fackelschein meinen Fund begutachten zu können.

Enttäuscht musste ich fest stellen, dass es sich nicht um einen Brustpanzer handelte wie ich gehofft hatte, sondern lediglich um einen Helm. Aber immerhin konnte ich mich damit in Zukunft vor Zoes Pfeilen schützen. Und auch vor gegnerischen Geschossen.

Resigniert klappte ich die Truhe wieder zu, in dieser Dunkelheit war es unmöglich darin etwas zu erkennen. Mit dem Kopfschutz in der Hand machte ich mich auf den Rückweg und begutachtete mein Fundstück währenddessen. Er schien gut gearbeitet, kein einfacher Blechhelm sondern sehr stabil und wurde von drei Reihen massiver dunkler Stacheln, die direkt mittig auf dem Kopf und jeweils auf Höhe der Schläfen verliefen, geziert. Auch die Wangenstücke hatten je so eine kristallene Spitze und plötzlich wurde mir klar, was ich da in den Händen hielt. Der Helm hatte Verzierungen aus schwarzem Obsidian, denn er war ein Teil der Obsidian-Rüstung – der wohl teuersten Rüstung im ganzen Spiel. Großartig. Wirklich Großartig. Da will ich mir eine einfachere Rüstung suchen, die nicht direkt Ruhm und Reichtum impliziert und was finde ich? Einen Obsidian-Helm.

Wütend und verzweifelt zugleich wollte ich zurück zu unserer Kammer stapfen, doch als ich gerade über den Flur auf unsere Tür zu lief, wurde ich unsanft gepackt und in eines der anderen Zimmer gezogen. Ich versuchte um Hilfe zu rufen, doch jemand presste mir seine Hand auf den Mund und hielt mir gleichzeitig die Nase zu, sodass ich nicht mehr atmen konnte. „Versuch zu schreien und du bist tot." hörte ich eine bekannte Stimme zischen. Eine zweite Person, die mir zuvor meinen Helm entrissen hatte, entzündete nun eine Öllampe und endlich konnte ich die Gesichter meiner Entführer erkennen – es war niemand anderes als Monti und Zoe!

„Hast du mich verstanden?" fauchte die Waldläuferin mich an und ich beeilte mich zu nicken, da meine Luft langsam knapp wurde. Endlich nahm die Frau ihre Hand von meinem Mund, meinen linken Arm hielt sie jedoch weiterhin fest umschlossen. Montaro, der seinen Griff zum Entzünden der Lampe kurzzeitig gelockert hatte, packte meinen rechten Oberarm nun wieder mit voller Kraft und sah mich finster an, jedoch nicht ganz so feindselig wie Zoe.

„Was wollt ihr von mir?", fragte ich noch immer verängstigt. Die Waldläuferin grinste freundlos. „Wissen wer du wirklich bist." Ich schluckte, während Zoe unbeeindruckt weiter sprach. „Cora hat mir deine Geschichte bis ins kleinste Detail erzählt und sogar gefragt, ob wir dich vielleicht kennen, schließlich bist du ja auch mit den Flüchtlingen von Ascalon nach Kryta gezogen." Nun wurde ihr Tonfall regelrecht anklagend. „Du warst aber weder in unserem Flüchtlingstross noch unter den Nachzüglern, die erst später in Löwenstein angekommen sind. Überhaupt scheint so ziemlich alles was du behauptest erstunken und erlogen zu sein." Wütend schnaubte sie. „Aufgestiegen. Große Kriegerin. Dass ich nicht lache. Wenn ich dir heute nicht immer wieder Rückendeckung gegeben hätte, wärst du längst tot." Ich sah sie verlegen an. „Ja, äh, danke dafür nochmal."

Die Ohrfeige, mit der Zoe meinen Kommentar beantwortete, traf mich unerwartet und ich unterdrückte ein Stöhnen, während meine Augen sich mit Tränen der Verzweiflung füllten. „Also, wer bist du?", herrschte sie mich an. Darauf konnte ich ihr keine Antwort geben, also blieb ich stumm und erneut traf mich eine Backpfeife. Natürlich genau auf die gleiche Stelle. Dieses Miststück. Die Waldläuferin holte bereits ein weiteres Mal aus, als Monti zum ersten Mal auch etwas sagte. „Zoe. Beherrsch dich." Kurz warf sie ihm einen entschuldigenden Blick zu, ehe sie sich wieder mir zu wandte. „Wieso führst du eine so eine mächtige Waffe aus dem Riss des Kummers, kämpfst damit aber wie ein Rekrut im ersten Jahr?" Als wollte er ihrer Frage noch mehr Nachdruck verleihen, hielt der Elementarmagier meinen Helm, der genau wie meine Chaos-Axt aus Balthasars Reich in den Nebeln stammte, anklagend in die Höhe und sein forschender Blick durchbohrte mich förmlich. Da ich ihnen auch darauf keine befriedigende Antwort geben konnte, schwieg ich abermals und machte mich für eine weitere Ohrfeige bereit, die auch nicht lange auf sich warten ließ. Gleichgültig sah die Bogenschützin mich an. „Wir können die ganze Nacht so weiter machen." Sie seufzte kurz, ehe sie ihr Verhör fort führte. „Du hast eine maßgeschneiderte Rüstung aus den Zittergipfeln, wieso wolltest du dir gestern in Seitung eine minderwertige kaufen?", fragte sie scharf und hob bereits wieder drohend die Hand.

Das war zu viel. Resigniert gab ich es auf, meine Tränen zurück zu halten und schloss kurz meine Augen, ehe ich antwortete. „Weil ich es Leid bin, für etwas gehalten zu werden, das ich nicht bin!" Rief ich lauter als beabsichtigt und fing kurz darauf hemmungslos an zu schluchzen. Irritiert sahen die beiden sich an. „Bitte lasst mich los", flüsterte ich und spürte, wie sie zögerlich ihre Griffe lockerten. Ich vergrub mein Gesicht in den Händen und versuchte mich zu beruhigen.

„Ihr habt Recht, ich komme nicht aus Ascalon. Verdammt, ich komme ja nicht mal aus Tyria!" Stieß ich hervor, ehe ich meine Arme sinken ließ und die beiden ansah. Ich würde eine ganze Menge erklären müssen.


Montaro hatte netterweise etwas Wasser zu Eis werden lassen und mir zum Kühlen meiner Wange gegeben, während ich versuchte den Beiden irgendwie nahe zu bringen, was es mit meinem Auftauchen hier auf sich hatte. Natürlich erzählte ich nicht von einem Computerspiel; allein ihnen begreiflich zu machen was ein PC ist hätte wahrscheinlich die halbe Nacht gedauert; aber zumindest legte ich offen, dass ich aus einer anderen Welt kam und eines Tages einfach mitten im Sunqua-Tal aufgewacht war. Wirklich glauben wollten sie mir zunächst nicht, was zugegebenermaßen nicht sehr verwunderlich war, und ich hatte keinen blassen Schimmer, wie ich ihnen beweisen sollte, dass ich die Wahrheit sagte. Angestrengt dachte ich nach und zuckte schließlich hilflos mit den Schultern. „Ich weiß, dass das nicht das ist, was ihr hören wollt, aber bitte glaubt mir. Zumindest vorerst." Vielleicht würde mir ja doch noch eine Möglichkeit einfallen, wie ich sie überzeugen konnte.

Die Waldläuferin musterte mich kritisch und auch Montaro sah mich nachdenklich an, ehe er die Stimme erhob. „Es ist schon sehr spät und morgen wird sicherlich ein anstrengender Tag, wenn Meister Togo wirklich das ganze Tal durchqueren will, um zur Bibliothek zu kommen. Ich denke, für den Moment sollten wir es wirklich auf sich beruhen lassen." Er sah mich eindringlich an. „Das heißt aber nicht, dass wir dir deine Geschichte einfach so abkaufen. " Ich biss mir auf die Lippe und nickte beschämt während ich mich langsam aufrichtete. „Ja, das weiß ich. Gute Nacht.", sagte ich gedämpft, als ich die Tür öffnete und auf den Flur trat.

Matt stolperte ich in unsere Kammer, wo Cora noch immer seelenruhig schlief, während Bacon in Habachtstellung mitten im Raum stand. Anscheinend hatte er gespürt, dass etwas nicht stimmte, aber dennoch hatte er keinen Radau gemacht um die Mönchin zu wecken – oder zumindest nicht genug. Beim Anblick meines Schweinchens seufzte ich erleichtert, denn erst jetzt wurde mir klar, dass die beiden Ascalonier genauso gut ihre Tiere auf mich hätten hetzen können.