Um objektiver arbeiten zu können, fuhren Harry und Spikings alleine zum Polizeirevier. Harvey Johnson saß in seinem Büro und schaute neugierig auf, als die beiden eintraten. Johnson erhob sich und schüttelte beiden die Hand. Dabei grinste er Harry herablassend an. Seine Abneigung war ihr schon am Vortag aufgefallen.
„Sie müssen James Chef sein. Ich habe ihnen die Akte kopiert", sagte Johnson übertrieben freundlich, und übergab Spikings einen Ordner.
„Ich bin Chief Superintendent Gordon Spikings. Was können sie mir zu den Untersuchungen sagen?", fragte Spikings professionell.
„Es steht alles in diesem Ordner. Ich kann ihnen einen Raum zuteilen, dort können sie ihn in Ruhe durchlesen. Gestern Abend hatten wir noch die Chance Debbie zu vernehmen. Leider konnte sie uns nicht sehr behilflich sein. Klar ist nur, dass James diesen Rodrigo gehasst hat. Wenn sie mich jetzt entschuldigten, ich habe noch Arbeit zu erledigen", erklärte Johnson und deutete auf die Tür.
„Dempsey hatte Recht. Sie sind...", fing Harry an, wurde aber von Spikings unterbrochen.
„Danke, Sergeant. Wir nehmen ihr Angebot an", sagte Spikings schnell.
„Am Ende des Ganges ist ein Raum. Den können sie benutzen", wies Johnson die beiden an und widmete sich seinen Akten.
Harry und Spikings verließen das Büro. Harry schaute sich wütend um. Dieser Kerl gefiel ihr gar nicht. Er war herablassend und arrogant. Dempsey hatte völlig Recht. Diesem Kerl war es egal, was aus ihm wurde. Sie betraten den Raum am Ende des Flures.
„Reiß dich zusammen, Makepeace. Ich will nicht, dass der Kerl auf uns aufmerksam wird, sonst sitzen wir schneller wieder im Flugzeug, als uns lieb ist", sagte Spikings in einem ruhigen Ton, als sie sich setzten.
Harry nickte verlegen. Sie wusste, dass er Recht hatte. In dieser Sache durfte sie nichts riskieren und nicht überreagieren. Sie war froh, dass Spikings dort war und ihnen zur Seite stand. Ihn zu verärgern war das Letzte was sie wollte.
„Bitte geben sie mir die Liste der Beweismittel, Sir", bat sie freundlich und Spikings suchte die Liste raus.
Akribisch las sie die Liste, während Spikings die Aussagen durchging.
„Die Aussagen bringen uns nicht weiter, Makepeace. Hast du etwas gefunden?", fragte Spikings nachdenklich.
„Ich weiß nicht, Sir. Irgendwas stimmt hier nicht. Sie haben die Kleidung des Opfers, und die Kleidung von Dempsey sichergestellt. Zudem noch ein Projektil und dann gibt es eine Lücke. Als nächstes auf der Liste erscheint der Autopsiebericht. Schauen sie sich die Liste an und sagen sie mir, was sie davon halten, Sir", sagte sie ruhig und gab Spikings die Liste.
„Mhhh, du hast Recht, Makepeace. Das ist auch nur die Kopie. Hier fehlen die Linien des Formulars. Irgendwas stimmt hier wirklich nicht. Wir müssen uns das Original ansehen", schlug Spikings vor.
„Wir werden nie Zugang zu dem Original bekommen, Sir. Dempsey traut dem Kerl nicht und ich auch nicht. Seine Menschenkenntnis hat ihn noch nie getäuscht", sagte Harry bedrückt und nahm die Liste wieder an sich.
„Dann müssen wir ihn eben ablenken", sagte Spikings mit einem schelmischen Lächeln und hob die Augenbraue.
„Wie wollen sie das machen, Sir?", fragte Harry neugierig.
„Ich fahre mit dem Sergeant ins Leichenschauhaus, während du in sein Büro durchsuchst. Lass dich nicht erwischen. Wenn dich jemand sieht, weiß ich von nichts", sagte er mit Bedacht.
„Ich weiß nicht, Sir. Das klingt sehr gefährlich. Wenn mich jemand sieht, sind wir draußen", erklärte sie ihre Bedenken.
„Dann lass dich nicht erwischen, Sergeant. Dempsey ist seit fast 4 Jahren dein Partner. Du wirst doch wohl wissen, wie man soetwas macht", versicherte Spikings ihr.
„Sir, ich...", begann Harry aber wurde wiederum unterbrochen.
„Du tust, was ich sagen. Habe ich mich klar ausgedrückt, Sergeant?", fragte Spikings mit Nachdruck.
„Ja, Sir. Ich gebe mein Bestes", stimmte sie jetzt zu und Spikings verließ das Büro.
Nach einigen Minuten hörte sie Spikings Stimme auf dem Gang. Er redete laut und deutlich mit Johnson. Sie wartete ab, bis sie die Stimmen nicht mehr hören konnte, dann verließ Harry ebenfalls das Büro. Langsam ging sie den Gang herunter und schaute sich nervös um. Die Polizisten im Wachraum schienen in der Arbeit vertieft. Als niemand auf sie achtete, schlüpfte sie schnell in Johnsons Büro.
Sorgfältig durchsuchte sie die Aktenschränke und nach einigen Minuten fand sie, was sie suchte. Auf der originalen Beweisliste befand sich keine Lücke. Johnson musste sie neu ausgefüllt haben. Wo waren die Beweise? Fragte sie sich leise und sie strich sich nervös durchs Haar. Ihnen blieb nur eine Chance, wenn sie es schafften die Beweise einzusehen. Offentsichtlich, hatte Johnson diese Liste gefälscht. Die Beweise wurden in der Beweismittelkammer aufbewahrt, da war sie sich sicher. Wie konnten sie es schaffen dort hinein zu gelangen? Konnte Johnson die Waffe bereits verschwinden lassen oder lag die Pistole noch zwischen den restlichen Beweismitteln? Schnell steckte sie die originale Liste in ihre Handtasche und verließ Johnson's Büro.
Nach einer guten Stunde kehrte Spikings zurück. Harry saß wieder in dem kleinen Raum und schaute die Aussagen durch.
„Wie ich sehe, bist du noch hier, Sergeant", sagte er zufrieden.
„Ich habe das Original, Sir", sagte sie triumphierend.
„Auf dich kann ich mich verlassen, Makepeace. Obwohl es mir ein bisschen Angst macht, was du so gelernt hast", seufzte er und nahm die Liste entgegen.
Nervös strich er sich über den Kopf und atmete tief durch. Dann räusperte er sich und gab Harry die Liste zurück.
„Sieht so aus, als hat Sergeant Johnson ein riesen Problem. Bin mal gespannt, wie er das erklären will", sagte er und grinste.
Süffisant grinsend gingen sie zurück in Johnson's Büro. Der Sergeant verdrehte seine Augen bei ihrem Erscheinen. Augenscheinlich machte er sich keine Sorgen und schien sich sicher zu fühlen. Harry nahm die Liste aus ihrer Handtasche und legte sie, gemeinsam mit der Kopie, auf den Schreibtisch.
„Was soll das?", fragte Johnson ruhig.
„Haben sie eine Erklärung dafür, Sergeant?", fragte Harry und verschränkte die Arme vor ihrer Brust.
„Was soll ich tun? Sind sie in mein Büro eingebrochen?", fragte Johnson mit einem scharfen Ton.
„Zunächst beschuldigten sie Dempsey des Mordes, und dann meinen Sergeant einen Einbruch begangen zu haben?", fragte Spikings aufgeregt.
„Wo haben sie die Liste her, ?", fragte Johnson ernsthaft.
„Die Liste lag in dem Ordner", log Harry und blitzte ihn an.
„Ich habe Kaffee darüber vergossen und ich musste sie neu schreiben", versuchte Johnson zu erklären.
„Dann macht es ihnen nichts aus, uns die Beweise zu zeigen, oder Sergeant?", versuchte Spikings den Polizisten unter Druck zu setzen.
„Sie haben hier keine Befugniß und damit ist das Gespräch beendet. Verlassen sie umgehend das Gebäude", befahl Johnson.
Spikings stützte beide Hände auf den Schreibtisch und schaute Johnson tief in die Augen.
„Ich möchte umgehend ihren Chief sprechen", sagte Spikings mit Nachdruck.
„Der Chief ist im Moment unabkömmlich. Ich fürchte, sie werden warten müssen", sagte Johnson und lehnte sich zurück.
„Kommen sie, Sir. Es hat keinen Zweck. Wir gehen, aber ich schwöre, wir kommen wieder", sagte Harry wütend und steckte schnell beide Listen in ihre Tasche.
Spikings war verwirrt, folgte ihr aber auf den Flur. Harry schloß die Bürotür. Anstatt das Gebäude zu verlassen, gingen sie zurück in den Raum am Ende des Flures.
