Die nächsten Wochen trugen nicht dazu bei, ein wenig Licht ins Dunkle zu bringen.

Es gab keine Wiederholung der Träume, eine Tatsache, die Draco aber auch nicht half, seine angespannten Nerven zu beruhigen. Das Gefühl einer Bedrohung wuchs kontinuierlich, und das machte ihn reizbar.

Dumbledore hatte sich seine Ausführungen schweigend angehört, und ihm danach geraten, sehr vorsichtig bei der Weitergabe der Informationen zu sein. Von den Slytherins kannten daher nur Goyle und Blaise die Wahrheit. Auch die Gryffindors wussten bescheid und würden sich hüten, für die Verbreitung dieser neuesten Bedrohung zu sorgen.

Draco hatte Sari gebeten, ab und zu in Malfoy Manor nach dem Rechten zu sehen. Er erwartete nicht, dass sich sein Vater einfach damit abfinden würde, keinen Zutritt mehr zum Haus oder dem Gelände zu haben. Und Draco war sich nicht sicher, wie die Hauselfen in diesem Fall reagieren würden – schließlich hatten sie bis vor kurzem nur Lucius gehorchen müssen.

„Und warum ausgerechnet Sari?" erkundigte sich Ginny. „Wenn wirklich Zauberer auftauchen, kann er sich doch gar nicht wehren."

Beide hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, nach dem Abendessen noch ein Weilchen nach draußen zu gehen um allein zu sein und den immer noch anhaltendem Starren zu entgehen, dass sie immer traf, wenn sie zusammen auftraten.

„Da kennst du Sari schlecht", gab Draco zurück und trat einen kleinen Stein aus dem Weg. „Er würde niemals eine direkte Konfrontation riskieren, wenn er sich nicht sicher ist, dass er auch gewinnen kann. Außerdem kann er zwar keine Magie anwenden, dass heißt aber noch lange nicht, dass gewisse ... nun, sagen wir, Hilfsmittel nicht funktionieren."

„Ach?" machte Ginny, und Blossom auf Dracos Schulter tat es ihr nach. „Und die wären?"

„Lass mir doch auch mal ein paar Geheimnisse." Nach einem erzürnten Blick lachte er. „Nun friss mich nicht gleich. Wir haben ein paar Sachen ausgetüftelt, die funktionieren sollten."

„Zum Beispiel?" Ginny ließ nicht locker.

„Zum Beispiel ein Tarnumhang, wie dein allerliebster Potter ihn gern benutzt", war die sarkastische Antwort.

„Woher weißt du ... ach vergiss es. Manchmal frage ich mich, ob es Sachen gibt, die du nicht weißt."

„Leider zu viele. Potters Tarnumhang – das war leicht. Sein Fehler war, dass er mich ja unbedingt mit Schlamm beschmeißen musste. Ich weiß nicht, ob du die Geschichte kennst."

„Ich hab flüchtig davon gehört." Ginny grinste leicht. „Und das hat dich gewurmt."

„Ich war stinksauer. Vor allem, weil ich nicht wusste, wie er es angestellt hat, aber allzu viele Möglichkeiten gab es ja nicht. Potter ist eine Null, was Zaubertränke anbelangt, also konnte ich das ausschließen."

„Hermine hätte ihm helfen können."

„Hätte, hat sie aber nicht. Außerdem macht ein Zaubertrank entweder unsichtbar, oder er tut es nicht. Und ich habe seinen Kopf gesehen. Was blieb also übrig? Ein Kleidungsstück, dass dich unsichtbar macht. Voilá, da hast du deine Lösung."

Ginny lachte wieder.

„Du musst mir mal beibringen, wie du das machst." Sie rieb sich den Rücken.

„Ist irgendwas?" erkundigte sich Draco.

„Wieso?"

„Du machst das seit Tagen, und zwar ständig."

„Rückenschmerzen. Eigentlich mehr ein Ziehen. Vielleicht vom Quidditch-Training, es wird schon wieder aufhören."

„Warst du in der Krankenstation?"

„Wegen ein bisschen Rückenschmerzen?" Ginny schnaubte entrüstet. „Ich mache mich doch nicht lächerlich!"

Dracos Blick blieb skeptisch, aber er sagte nichts weiter.

„Vielleicht brauche ich einfach eine außergewöhnliche Zuwendung", sagte Ginny harmlos. Sie wusste genau, wie sie den Slytherin auf andere Gedanken bringen konnte.

„Und an was dachtest du da?" schnurrte er und blieb stehen, um sie zu küssen.

„Du bist doch so schlau. Lass dir was einfallen."


Den Beweis seines Einfallsreichtums blieb Draco ihr nicht schuldig.

„Manchmal kann ich es gar nicht erwarten, bis wir die Schule endlich hinter uns haben", sagte er anzüglich, während Ginny sich auf dem Bett ausstreckte.

„Wie meinst du das?" Ginny horchte auf.

„Dann muss ich dich nicht ewig in mein Schlafzimmer hineinschmuggeln", war die trockene Antwort. „In Manor müssen wir uns schließlich nicht verstecken."

Ginny sah ein wenig überrascht aus und rückte von ihm ab.

„Du willst, dass ich nach der Schule zu dir ziehe? Oder habe ich mich gerade verhört?"

Draco runzelte leicht die Stirn.

„Natürlich. Du wirst sicher nicht von mir verlangen, dass wir im Fuchsbau wohnen, oder?"

Ginny reagierte gereizt, viel mehr, als es die Situation erforderte.

„Davon war auch nie die Rede. Ich finde es nur nicht gut, dass du von irgendwelchen Tatsachen ausgehst, und mich nicht einmal fragst ob ich damit einverstanden bin!"

„Scrawny, warum versuchst du, dich jetzt mit mir zu streiten?" Draco verstand sehr offensichtlich nicht, warum die rothaarige Gryffindor unwirsch wurde – etwas, das Ginny noch mehr aufregte.

„Du kannst nicht einfach so über Leute bestimmen, und schon gar nicht über mich! Was bin ich für dich, dein Betthäschen, das immer springt, wenn du etwas sagst?!"

Sie warf abrupt die Bettdecke ab, stand auf und zog sich an.

„Sag mal, spinnst du?!" Draco verbarg unter seinem zornigen Tonfall, dass er verletzt über ihre Unterstellung war. „Was ist so schlimm daran? Entschuldige bitte, wenn ich davon ausgegangen bin, dass dir ein gemeinsames Leben genauso wichtig ist wie mir!"

„Gemeinsames Leben?" fauchte Ginny. Sie wusste, dass sie sich albern und hysterisch benahm, aber sie konnte nicht dagegen ankämpfen – es war, als würde jemand anderes durch sie sprechen. „Alles, an was du denkst, ist doch nur deine verdammte Logik und das Bedürfnis, jeden Bereich deines Lebens unter Kontrolle zu halten! Aber ich spiele da nicht mit!"

Draco antwortete eine lange Zeit nicht.

„Wenn du dieser Meinung bist, gut, ich kann sie nicht ändern." Eiseskälte schwang in seiner Stimme mit. „Scheinbar ist es wirklich besser, wenn wir getrennte Wege gehen. Wahrscheinlich bist du sogar froh darüber - Potter ist sicher nicht so machtbesessen und korrupt wie ich."

Damit drehte er sich um und sah zur Wand, die Muskeln unter seinen blassen Schultern verhärteten sich.

Ginny wachte auf, wie aus einem Alptraum.

Merlin, was habe ich getan? Was ist los mit mir?

„Draco ..." Sie machte einen Schritt nach vorne und keuchte dann, als ein unbarmherziger Schmerz durch ihren Unterleib schoss.

Ginny wimmerte und sank auf die Knie. Sie vergaß wo sie war und was gerade passiert war, nur die Schmerzen blieben.

Ein starker Arm schlang sich um ihren Hals und die Schultern und stützte sie.

„Ginny? Ginny, was ist los? Was hast du?"

Sie stöhnte, während die Schmerzen langsam abebbten und dann genauso urplötzlich verschwanden wie sie gekommen waren.

Ginny zitterte unkontrolliert, als sie die Augen öffnete. Noch immer fühlte sie das Echo der grausamen Pein in ihren Knochen.

„Was war das?" murmelte sie, als sie wieder zu Atem gekommen war.

„Ich weiß es nicht." Er hob sie hoch, legte sie auf sein Bett und breitete die Decke über sie. „Du hast geschrieen als würde dich jemand mit einem Crucio foltern."

Draco setzte sich neben sie. Sein Gesicht war blass.

„Genauso hat es sich angefühlt. Aber jetzt ist es weg. Draco ... was ich eben gesagt habe, tut mir leid. Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist. Ich wusste, dass es falsch war, aber ich konnte nicht aufhören."

„Auch auf die Gefahr hin, dass du mir gleich wieder vorwirfst, ich wollte dein Leben kontrollieren, aber du meldest dich morgen früh als aller erstes bei Madam Pomfrey, klar?"

Draco wollte sich eindeutig nicht auf eine weitere Diskussion einlassen. Ob das allerdings gut oder schlecht war, konnte Ginny nicht einmal erahnen. Also nickte sie nur und biss sich nur auf die Unterlippe, um die aufsteigenden Tränen in ihren Augen zu unterdrücken. Sie war sehr kurz davor gewesen, Draco zu verlieren- und weswegen? Wegen nichts, nur weil sie sich aufgeführt hatte wie eine ...

Ginny richtete sich so hastig auf, dass sie fast mit Draco zusammengestoßen wäre.

„Was ist? Fängt es wieder an? Weasley, rede mit mir!"

Er packte nach ihrem Arm.

„Nein, ich ..."

Sie wurde unterbrochen, als der Kamin aufflackerte und Saris Gesicht darin erschien.

„Dracs – Manor. Sie sind hier", sagte er kurz und bündig.

„Verdammt. Ich komme sofort."

Sari nickte und verschwand.

Ginny packte nun ihrerseits nach Dracos Arm.

„Du wirst doch nicht so verrückt sein und wirklich nach Malfoy Manor abhauen!"

„Und was ist die Alternative?" gab er harsch zurück und schüttelte sie ab, um sich anzuziehen. „Zuzugucken, wie Lucius alles dem Erdboden gleichmacht? Oder Voldemorts neue Kommandozentrale in meinem Zuhause aufbaut? Vergiss es."

„Es könnte eine Falle sein! Informiere Professor Dumbledore, oder Snape, oder wen auch immer!"

„Dann ist es vielleicht schon zu spät! Du kannst das erledigen, während ich mich auf den Weg mache!"

„Draco, sei doch bitte nicht so leichtsinnig! Das ist Wahnsinn!"

„Rede, bis du schwarz wirst, aber ich gehe!" Wütend funkelte er sie an.

Blossom sprang auf seine Schulter und krallte sich fest. Dabei quietschte sie durchdringend.

„Und du bleibst auch hier, verstanden?"

Draco versuchte, ihre Krallen zu lösen, was nicht einfach war, denn wenn die kleine Echse sich etwas in den Kopf gesetzt hatte war sie genauso schwer davon abzubringen wie er selbst.

Ginny versuchte es erneut.

„Es dauert ganze zehn Minuten, wenn wir zu Dumbledore gehen!" flehte sie. „Du verdammter Dickschädel, du kannst nicht immer alles allein regeln, auch wenn du es noch so gern möchtest!"

Draco ignorierte sie vollständig, als er abreisebereit vor dem Kamin stand. Ohne dass Snape davon wusste hatte er diesen schon vor langer Zeit so präpariert, dass er im Notfall als Durchgang benutzt werden konnte.

„Ich schicke euch eine Nachricht", sagte er kurz.

„Du wirst von der Schule fliegen!"

„Die Schule war mir noch nie so egal wie jetzt, das kannst du mir verdammt noch mal glauben."

„Dann werde ich mitkommen!"

„NEIN! Und wenn du trotzdem in Manor auftauchst, dann versohl ich dir den Hintern, das ist ein Versprechen!"

Das Feuer flackerte erneut auf, und Draco war verschwunden.

Ginny starrte noch einen Moment darauf und beeilte sich dann, zu Professor Dumbledores Büro zu kommen.