Sorely Engraved

Kapitel 21

„Was hat Dumbledore dir noch über die Horkruxe gesagt?"

Harry und Ron sahen sich an, während Hermine versuchte, unschuldig zu wirken.

„Warum?", kam es wie aus einem Munde.

Sie stöhnte auf und fing wieder an, im Schlafsaal umher zu laufen, wie sie es bereits die letzten fünf Minuten getan hatte.

„Hört auf, mich das zu fragen. Jetzt, wo wir diese Erinnerung haben, sollten wir uns ganz auf die Horkruxe und Voldemort konzentrieren. Alles andere muss warten, Harry. Also. Hast du nicht erwähnt, dass Dumbledore selbst nicht alle Geheimnisse des Schlosses kennt?"

Harry nickte verdattert. Ihm und Ron war anzusehen, dass sie so früh am Morgen lieber noch mit ihren Träumen kämpfen würden, anstatt sich mit der Realität auseinandersetzen zu müssen.

„Ich bin sicher, Voldemort hatte ziemlich bald vor, mindestens einen Horkrux in Hogwarts zu verstecken", erklärte Hermine rasch.

„Wann hätte er den denn verstecken sollen?", fragte Harry skeptisch. „Dippet jedenfalls hatte keine Verwendung für ihn, weil er noch zu jung war."

„Da gab es genug Gelegenheiten, verlass dich drauf. Immerhin haben wir erfahren, dass er es bei beiden Schulleitern versucht hat."

„Du meinst, er kam deswegen zurück, als er sich bei Dumbledore bewarb?"

„Natürlich!", warf Ron plötzlich ganz Feuer und Flamme ein. „Warum sonst hätte er sich um die Stelle als Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste bewerben sollen?"

„Genau. Soweit wir wissen, hat Dumbledore schon immer befürchtet, dass er die Schule dazu benutzen könnte, Leute um sich zu scharren. Er hat Tom Riddle von Anfang an durchschaut, wie uns die Sache mit Hagrid gezeigt hat. Dumbledore war der Einzige, der ein Auge auf Riddle hatte. Deshalb hat er sich auch so beharrlich geweigert, ihm die Stelle zu geben."

Harry überlegte.

„Schön. Du hast Recht. Nehmen wir an, dass das zusammenpasst, dann wäre es ja sogar möglich, dass er es bereits bei seinem ersten Gesuch geschafft hat, den Horkrux zu verstecken.

Hermine nickte.

„Im Grunde spielt es für uns gar keine so große Rolle, wann er den Horkrux hier versteckt hat. Wichtig ist nur, dass er immer einen sehr engen Bezug zu dieser Schule hatte. Wer weiß, vielleicht wollte er ja auch nur hierbleiben, um zu sehen, dass sein Horkrux in Sicherheit war."

„Das halte ich gar nicht mal für so abwegig", stimmte Ron zu.

Hermine atmete erleichtert auf. Sie war froh, dass sie endlich die Aufmerksamkeit ihrer beiden Freunde erhalten hatte, die sie sich erhofft hatte.

Gemeinsam beratschlagten sie, wo sich der Horkrux befinden könnte. Je länger sie darüber diskutierten, desto hitziger wurden ihre Argumente.

„Was ist mit Dumbledores Büro?", fragte Ron.

„Du spinnst doch!", wand Hermine ein. „Glaubst du wirklich, er sitzt Jahr für Jahr da oben und merkt nicht, was er vor seiner Nase hat? Nein. Da kann er nicht sein."

„Hast du einen besseren Vorschlag?", maulte Ron beleidigt. „Wie wäre es mit der Kanalisation? Wir könnten ja Myrte fragen, ob es neben dem Basilisken noch was Auffälliges in den Abflussrohren gibt."

Sie verdrehte die Augen.

„Sei nicht kindisch. Es muss schon ein Ort sein, der etwas mehr Stil hat. Oder würdest du einen Teil deiner Seele in einem Abflussrohr verstecken?"

„Ich bin erst gar nicht so bescheuert, meine Seele in Stücke zu hacken, Hermine."

Sie ging nicht darauf ein und fuhr fort.

„Es muss ein Ort sein, den nicht jeder auf den ersten Blick betreten kann, ein besonderer Ort, so wie der Raum der Wünsche vielleicht."

„Super!", rief Harry mit deutlicher Ironie in der Stimme aus. „Kannst du uns sagen, wie wir da hineinkommen sollen, wenn Draco ihn quasi nur noch für sich beansprucht?"

Verblüfft starrte Hermine ihn an.

„Du willst doch nicht etwa behaupten, dass du immer noch versuchst, Draco nachzuspionieren?"

„Na ja, jetzt, wo er wieder fit ist, sollte ihn jemand im Auge behalten, finde ich. Ich bin nach wie vor überzeugt davon, dass er was ausheckt. Sei also besser vorsichtig, wenn du dich Nachts in die Bibliothek schleichst, Hermine."

Hermine wurde rot und senkte den Blick. Wenn Harry vorhatte, sie vor Draco zu beschützen, war das eine Sache, die sie ihm nicht verübeln konnte. Eine andere war, dass es das Risiko in sich barg, auf der Karte des Rumtreibers zusammen mit Severus in seinem Schlafzimmer in den Kerkern entdeckt zu werden. Was sie ihm in diesem Fall erzählen sollte, war fraglich.

„Das – das ist wirklich rührend, Harry", würgte sie gequält hervor. „Aber mach dir um mich keine Gedanken."

Sie räusperte sich unbeholfen und nahm den Faden mit dem Raum der Wünsche wieder auf. Wenig später hatten sie abgemacht, dass sie noch am selben Abend ihr Glück versuchen wollten, auf eigene Faust einen Horkrux zu finden.

"Es muss mit Ravenclaw zu tun haben", sagte Harry entschlossen, als sie den Raum betraten. Sie konnten kaum fassen, dass es ihnen gelungen war, wie durch einen Hauch von Magie einen Zeitpunkt abzupassen, zu dem Draco auf der Karte in Snapes Büro zu sehen gewesen war.

Hermine musste nicht lange überlegen, um zu wissen, was der Professor und sein Schützling ausdiskutieren würden. Und wieder regte sich die Angst in ihr, eines Tages von Harry dabei ertappt zu werden, wie sie noch ganz andere Räumlichkeiten in den Kerkern aufsuchte.

"Okay", sagte sie und fing wie selbstverständlich an, alles rund um das Haus Ravenclaw zu rezitieren, das sie irgendwann einmal in den Büchern der Schulbibliothek darüber gelesen hatte.

"Klasse", schloss Ron, nachdem sie fertig war. Er blickte ganz entgeistert auf das Chaos der Hinterlassenschaften von Generationen an Schülern, das sich zu allen Seiten hin rund um sie erstreckte. "Wir wissen also, dass es ein Diadem sein könnte - was auch immer das ist - das seit Urzeiten verschollen ist."

Harry sah Hermines Vorhaben nicht minder kritisch entgegen.

"Meinst du vielleicht nicht, wir sollten lieber mit Dumbledore darüber reden?"

Hermine wehrte ab. Wenn Dumbledore eines klar gemacht hatte, dann war es die Tatsache, dass sie anfangen mussten, von alleine in die Gänge zu kommen.

"Er hat dir aufgetragen, dich darum zu kümmern, Slughorn weichzukochen", sagte sie streng. "Weißt du denn gar nicht, was das bedeutet?"

"Ehrlich gesagt hab ich keine Ahnung, worauf du hinauswillst, Hermine."

Sie tätschelte beschwichtigend seinen Arm. Mal ehrlich, wie sollte er auch?

"Egal. Wir müssen uns nur dieses Ding vornehmen. Wir können das schaffen! Du musst dich zusammennehmen, Harry. Denk an alles, was du über Horkruxe gelernt hast. Fang an, wie Voldemort zu denken. Was würde er tun? Was kannst du machen, um dich in ihn hineinzuversetzen? Wie war dir damals zumute, als du Tom Riddles Tagebuch zerstört hast? Was ist dir dabei aufgefallen? Hast du was Besonderes gespürt?"

"Okay, okay!", gab er entnervt zurück und machte sich von ihr frei. "Ich hab verstanden."

"Schön. Lasst uns anfangen, nach einem alten Schmuckstück zu suchen, das wie ein kleines Krönchen aussieht. Und noch was, Aufrufezauber sind hier drin wirkungslos, ich hab es bereits versucht. Aber das Diadem muss Spuren Dunkler Magie in sich haben, die wir ausfindig machen müssen. Wenn wir das geschafft haben, wenn wir es gefunden haben, besteht immer noch die Möglichkeit, zu Dumbledore zu gehen."

"Habt ihr überhaupt eine Ahnung, was wir damit machen sollen, wenn wir es finden?", meldete sich Ron zu Wort.

"Das ist das nächste Problem. Es gibt nicht viele Möglichkeiten, einen Horkrux zu zerstören", sagte Harry. "Dumbledore hat bei einer unserer gemeinsamen Unterrichtsstunden erwähnt, dass er den Ring mit dem Schwert von Gryffindor zerschlagen hat."

"Hat er gesagt, warum er ausgerechnet das Schwert verwendet hat?"

Hermine musste ungewollt schaudern. Sie ahnte, was es damit auf sich hatte, wollte sich das aber für später aufheben. Sie war so aufgewühlt, dass sie Ron und Harry am liebsten mal kräftig wachgerüttelt und ihnen gesagt hätte, dass es bald keinen Dumbledore mehr geben würde, an den sie sich wenden konnten. Da sie das aus triftigen Gründen jedoch nicht riskieren wollte, ließ sie es bleiben. Wichtiger war jetzt erst einmal, endlich Eigeninitiative zu zeigen. Sie würden nicht mehr Unterstützung bekommen als die, die sie sich selbst gaben. Von nun an mussten sie wie Erwachsene handeln. Oder es zumindest versuchen.

xxx

Arm in Arm und strotzend vor Zuversicht kehrten sie ein paar Stunden später dem Raum der Wünsche den Rücken zu. Sie hatten es geschafft! Sie hatten tatsächlich ihren ersten Horkrux gefunden. Hermine war sich so sicher, dass es keine Zweifel gab.

„Ich kann es noch gar nicht glauben", sagte Harry. „Ich meine, es war fast zu einfach, meint ihr nicht?"

„Ist doch egal", sagte Hermine.

Zum ersten Mal seit sie erfahren hatte, dass Dumbledore sie bald verlassen würde, verspürte sie so etwas wie Zuversicht. Wenn sie einen Horkrux gefunden hatten, würden sie auch die anderen finden können.

Ron drückte ihr überschwänglich einen Kuss auf die Wange.

„Das war absolut brillant, Hermine!"

Hermine lief zum zweiten Mal an diesem Tag knallrot an. Doch nicht alleine Rons Aktion war dafür verantwortlich: Nur wenige Meter von ihnen entfernt bog Snape um die Ecke.

Ausgerechnet von ihm dabei erwischt zu werden, wie sie spät am Abend aus dem Raum der Wünsche kamen, war alles andere als angenehm. Es reduzierte sämtliche Initiativen und Erfolge, die sie gerade eben noch errungen hatten, bis zurück zu dem Punkt, der sie alle wieder als Erstklässler vor ihrem schlimmsten Peiniger stehen ließ.

Hermine wusste zuerst nicht, ob sie darüber lachen oder in Tränen ausbrechen sollte. Ob er sich Sorgen gemacht hatte?

Egal. Damit musste sie sich später auseinandersetzen. Ihr hätte klar sein müssen, dass er Verdacht schöpfen würde, wenn sie um diese Zeit noch immer nicht in den Kerkern aufgekreuzt war. Sie hatte vor lauter Ehrgeiz, etwas bewegen zu wollen, ganz vergessen, dass er nach ihr suchen könnte.

Schnell stopfte sie das Diadem, das Harry wie auf wundersame Weise zwischen all dem Gerümpel aufgespürt hatte, in die aufgesetzte Tasche ihres Sweaters und ließ die Hände darin verschwinden, damit die kleine Beule vor ihrem Bauch wie zufällig aussah. Dann schob sie sich todesmutig an ihren Freunden vorbei und stellte sich vor sie, um wenigstens etwas Abstand zwischen die beiden rivalisierenden Parteien zu bringen.

Trotz ihrer Bemühungen, die Situation durch ein Lächeln zu entschärfen, brodelte es gewaltig in Snape. Er war jedoch nicht der Einzige, dem die Begegnung missfiel. Ron hatte an seiner Seite die Hände zu Fäusten geballt, Harry nach dem Zauberstab gegriffen.

Snape kam unbeirrbar wie ein dunkler Wall vor ihnen zum Stehen. Mit finsterer Miene ließ er seine Augen über Hermines Rumpf hinabgleiten und hielt den Blick auf ihren Bauch geheftet.

Sie fürchtete schon das Schlimmste und schoss ihm einen flehentlichen Blick zu, er aber straffte seine Haltung und verzog die Mundwinkel zu einem süffisanten Grinsen.

"Was ist das in Ihrer Tasche, Miss Granger?", fragte er ungeniert.

Hermine schluckte. War das wirklich nötig?

Sie rührte sich nicht. Ihr war unbegreiflich, wie er nur so etwas tun konnte. Andererseits war ihr aber auch bewusst, dass er etwas tun musste, wenn er nicht wollte, dass Harry oder Ron irgendeinen Verdacht schöpften.

Sekunden verstrichen und Snapes Augen wurden zu Schlitzen. Alle drei hielten gebannt den Atem an.

"Sir …"

"Halten Sie den Mund, Granger!", bellte Snape, woraufhin Hermine augenblicklich verstummte.

Sie war so baff, dass sie, obwohl sie so viel gemeinsame Zeit mit ihm verbracht hatte, einen Moment lang nicht wusste, ob er wirklich so wütend auf sie war oder einfach nur so tat.

"Ich fürchte", sagte er zwischen eng aufeinanderliegenden Lippen hervor, "der Schulleiter wird nicht erfreut sein, sein glorreiches Trio zu so später Stunde außerhalb der Betten zu wissen." Eine Pause trat ein, in der er genüsslich Luft holte. "Fünfundzwanzig Punkte Abzug für jeden von Ihnen."

Hermine atmete auf. Hauspunkte zu verlieren war im Moment nicht wirklich ihr Problem. Es würde sehr wahrscheinlich ohnehin nie zu einer Auswertung kommen.

Widerstandslos ließen sich die drei zum Schulleiterbüro führen. Keiner hatte Lust darauf, jetzt mit Snape aneinanderzugeraten. Nicht einmal Hermine, die sich ja inzwischen daran gewöhnt hatte, unter den widrigsten Umständen auf ihn einzuwirken.

Dumbledore war nicht wenig überrascht, als er die drei Freunde von seinem Schreibtisch aus in Empfang nahm. Er setzte sich auf und bedachte Hermine mit einem scharfen Blick aus seinen funkelnden blauen Augen. Wie es den Anschein hatte, war ihm sofort bewusst, dass sie der Grund für den ganzen Auftritt war.

Mit einem Kopfnicken entließ er Snape, woraufhin der Professor schwungvoll kehrt machte. Draußen lehnte er sich gegen eine Mauer und schloss die Augen.

Er hatte kein Recht, Hermine für ihre Aktion zu verurteilen. Irgendwie bewunderte er sie für ihre Beharrlichkeit. Dennoch versetzte es ihm einen Stich, dass sie es geschafft hatte, sich einzumischen, wohingegen er immer noch nicht genau sagen konnte, was der Schulleiter während seiner privaten Unterrichtsstunden mit Potter im Schilde führte. Worauf er sich stützte, waren lediglich Vermutungen und die üblichen Floskeln Dumbledores, die ihn auf Abstand hielten, so gut es ging.

Mindestens genauso verstörend war der Kuss von Weasley gewesen. Er wusste, dass sie nur befreundet waren. Außerdem hatte der Junge nicht das Zeug dazu, mit ihrer Intelligenz mitzuhalten. Die Vorstellung, dass jemand es wagen würde, sich an sie heranzumachen, hatte ihm trotzdem nicht gefallen.