20. Halloween
Während der nächsten Wochen war Stefanie mit so vielen Dingen beschäftigt, dass sie gar nicht merkte, wie schnell die Zeit tatsächlich verging.
Sie musste erst einmal die Unmengen an Hausaufgaben bewältigen, die vor allem Snape ihnen gab, dann musste sie jeden Dienstag und Donnerstag zu Professor McGonagall, was ihr allerdings mehr Spaß machte, als Aufsätze über die Eigenschaften von Wurzeln und Insekteninnereien zu schreiben, und dann war sie auch noch intensiv damit beschäftigt, zusammen mit den Zwillingen, an Kotzpastillen und anderen Nasch- und Schwänzleckereien zu arbeiten. Und dafür mussten sie sich regelmäßig nach Hogsmeade schleichen, um Sachen zu kaufen, die man verzaubern konnte. Sie durften zwar seit diesem Jahr legal nach Hogsmeade, aber bisher war noch kein Termin ausgehängt worden und da sie einen erstaunlichen Verbrauch von Berti Botts Bohnen, mit denen sie übten, hatten, mussten sie schon mehrere Male heimlich in den Honigtopf. Erstaunlicherweise hatte man sie dort nie als verdächtig empfunden, sondern entweder nicht als Schüler erkannt, oder es war ihnen einfach egal gewesen.
Und dann näherte sich Halloween mit großen Schritten. Stefanie empfand es als äußerst passend, dass sie an diesem Tag eine Doppelstunde Zaubertränke hatten und sie machte sich, mit missmutig verzogenem Mund, auf den Weg dorthin.
„Ich liebe Zaubertränke … aber ich hasse Snape."
„Du hast eh nichts zu befürchten, du bist die, der er am wenigsten Punkte abzieht, weil deine Tränke immer perfekt sind", warf Fred ein und George nickte.
„Manchmal habe ich sogar das Gefühl, er würde dich mögen, sofern das geht, weil du ja im falschen Haus bist."
„Mich mögen?! Dass ich nicht lache. Er hat mir einmal Punkte abgezogen, weil ich leise mit dir geredet habe!"
„Na und? Er zieht doch jedem Punkte ab, außer seinen geliebten Slytherins… sonst stört dich das doch auch nicht, oder?" George schüttelte seinen Kopf und sie blieben vor der, noch geschlossenen, Türe stehen. Es war kalt in den Kerkern und Stefanie schlang ihre Arme um ihren Körper, um ihren Umhang mehr zu schließen. Ihr Blick fiel auf Pucey, Montague und Bletchley, die gerade die Treppe herunter kamen.
„Es stört mich auch erst, seit es so extrem ist. Ich kann es nicht ertragen, dass diese Idioten gelobt werden, für Leistungen, die einfach… einfach keine Leistungen sind!"
Die Slytherins hatten sie bemerkt und Bletchley warf ihnen einen spöttischen Blick zu. „Na Galen? Bereit wieder mal vorgehalten zu bekommen, dass ihr nichts drauf habt?"
„Na Bletchley?", äffte sie ihn nach, „bereit wieder einmal für etwas gelobt zu werden, das es nicht wert ist? Du weißt ja nicht einmal, aus welchem Material dein Kessel besteht! Was sagst du als Unbeteiligter eigentlich zum Thema Intelligenz?"
Er schnaubte und seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Montague ließ seine Finger knacksen und Puceys Hand wanderte, nicht gerade diskret, zu seinem Zauberstab.
Als sie einen Schritt näher kamen, taten Fred und George es ihnen gleich und stellten sich schützend vor Stefanie. Die anderen Schüler waren ebenfalls auf das Spektakel aufmerksam geworden und Angelina zog Stefanie beiseite, während Alicia George am Ärmel zog.
„Lass das, die sind es nicht mal wert, dass man sie ansieht."
„Ja, sie sind so überflüssig wie ein Sandkasten in der Wüste!", rief Stefanie zu den Zwillingen, die den Slytherins noch einen letzten Blick zuwarfen und dann ebenfalls zurücktraten, was gut war, denn in diesem Augenblick kam Snape die Treppe herunter gerauscht und funkelte sie böse an.
„Zauberstäbe in den Gängen? 5 Punkte Abzug für Gryffindor."
„Was?!" Freds Zauberstab war schon lange nicht mehr in seiner Hand gewesen, aber anscheinend hatte Snape die drei Slytherins, die ihre Zauberstäbe noch in den Händen hielten, einfach zu Gryffindors gemacht. Die drei grinsten sich an.
Stefanie biss sich auf die Lippen und unterdrückte den Drang zu sagen, dass es nur verboten war in den Gängen zu zaubern, nicht aber einen Zauberstab in der Hand zu halten. Sie wollte noch mehr Ärger vermeiden.
„Ehrlich gesagt frage ich mich, wie wir überhaupt noch Punkte haben können", murmelte George halblaut zwischen den Zähnen, während sie sich zu dritt an einen Tisch stellten. Lee, Alicia und Angelina wollten sich zu ihnen gesellen, als Pucey, Bletchley und Montague ihnen zuvorkamen und ihre Bücher dreist auf die drei leeren Plätze waren.
„Heute werden wir noch viel Spaß haben… ich hoffe wir brauen einen Trank der richtig ätzt." Montague lachte bösartig und Stefanie schüttelte ihren Kopf aber schwieg, da Snape nun das Wort ergriff. Zur Enttäuschung der Slytherins sollten sie nur einen Schrumpftrank brauen, aber Bletchley warf ihnen trotzdem vielsagende Blicke zu.
„Der Idiot weiß wohl nicht, dass das Zeug nur wirkt, wenn man es trinkt", flüsterte Stefanie leise zu Fred und hackte Gänseblümchenwurzel klein.
Während sie arbeitete, warf sie immer wieder schnelle Blicke zu Bletchley hinüber, um zu sehen, was er eigentlich tat.
Und er tat eine ganze Menge. Er hackte seine Schrumpelfeigen viel zu grob, während Stefanie sie so fein zerkleinerte, wie nur möglich. Er schnitt seine Raupen in große Stücke, statt in kleine und er gab mehrere Schuss Blutegelsaft in den Trank, statt nur eines einzigen.
Stefanie schüttelte ihren Kopf, während sie Rattenmilz hinzufügte und dachte bei sich, dass Snape ihn dieses Mal einfach nicht loben konnte. Einen derart verbrauten Trank konnte er einfach nicht gutheißen, auch wenn sein absoluter Liebling ihn gebraut hatte.
Der Professor ging in der Zwischenzeit durch den Raum und spähte, schlecht gelaunt wie immer, in ihre Kessel.
„Miss Johnson, ihre Schrumpelfeige haben sie offenbar nicht fein genug gehakt, oder sehen sie in ihrem Kessel eine giftgrüne Farbe?"
Carter Warrington, ein Slytherin, der an Alicias Tisch arbeitete, warf dreist einen Blick in den Kessel. „Nein Sir, das ist eher mintgrün."
Snape warf ihm einen Blick zu, der ihn schweigen ließ, sagte aber nichts dagegen, obwohl Warringtons Trank, wie Angelina später berichtete, orange war.
Snape ging weiter und leerte Lees Kessel mit einem einzigen Zauberstabschlenker, weil er zu dickflüssig war. „Sie werden heute dafür dementsprechend benotet werden…"
„Ich kann jetzt nicht mal mehr neu anfangen!"
„Seien Sie still, sonst ziehe ich ihrem Haus noch mehr Punkte ab!"
Er kam zu Stefanies Kessel, aber ging nach einem kurzen Blick an ihm vorbei. Der Trank war giftgrün und perfekt. Auch zu den Tränken der Zwillinge sagte er dieses Mal nichts, vielleicht weil er es eilig hatte, zu Blechtley und seinem dunkelgrünen bis braunen Gebräu, zu gelangen.
„5 Punkte für Slytherin, weil ihr Trank die richtige Konsistenz hat, ."
Zur Farbe sagte er nichts. Miles warf Stefanie einen Blick zu, der all seine arrogante Überlegenheit widerspiegelte und Stefanie schnitt eine Grimasse in seine Richtung.
Als sie nach dem Zaubertrankunterricht hinauf in den Gemeinschaftsraum gingen, stöhnte sie auf.
„Miles Bletchleys Gesicht zu sehen, ist Halloween genug! Wie kann man nur so arrogant und abgehoben sein! Und wie kann Snape ihm nur Punkte für etwas geben, das derart schlecht ist! Er hat sich nicht einmal Mühe gegeben!"
Angelina brummelte irgendetwas und Alicia seufzte. „Wenigstens haben wir nicht allzu viele Punkte verloren."
Sie gingen gerade an dem großen Stundenglas vorbei und zum ersten Mal kam Stefanie der Gedanke, dass es gut war, das Professor McGonagall ihr in den privaten Stunden Punkte gab. Andernfalls wären sie auf dem letzten, statt auf dem vorletzten Platz.
Die Blicke der Gryffindors spiegelten Verzweiflung wieder.
„Steph, Lee, Zwillinge – ihr wisst dass wir euch lieben, aber bitte versucht euch in nächster Zeit nicht bei irgendwas erwischen zu lassen. Haltet euch einfach mal vom Wald fern und was ihr sonst immer so tut, um Punkte zu verlieren", bat Alicia und Angelina nickte zustimmend.
Fred gab ein gequältes Seufzen von sich und Stefanie dachte ein wenig betroffen daran, dass sie erst in der letzten Nacht, wieder einmal vergeblich, versucht hatten, in den verbotenen Wald zu kommen, weil sie hofften dort irgendetwas Tolles, wie ein Einhornhorn oder Spinnenbeine, zu finden, aus denen man etwas Interessantes machen konnte.
Leider hatte Hagrid ihnen praktisch aufgelauert und sie waren nur um ein Haar durch den Geheimgang entkommen.
„Wir können es versuchen, aber gegen Snape kann niemand etwas tun." George schüttelte seinen Kopf und sie beschleunigten ihre Schritte, um den Anblick der Stundengläser nicht mehr länger ertragen zu müssen.
Als sie am Abend zum Festessen gingen, sahen sie betont weg, während einige Slytherins direkt davor standen und lachten. Slytherin lag in Führung – was auch sonst.
Der Anblick der Großen Halle entschädigte jedoch für alles, was ihnen in letzter Zeit ungerechtes widerfahren war: Sie war mit riesigen Kürbissen geschmückt und überall flatterten Fledermäuse herum. Echte Fledermäuse.
Begeisterter als zuvor ließen sie sich am Gryffindortisch nieder und nach kurzer Zeit füllten die Platten sich mit dem Festessen.
„Sehen wir es als Belohnung für unsere Geduld Snape und den Slytherins gegenüber", meinte Alicia und Angelina nickte zustimmend.
„Und dafür, dass wir für gute Leistungen bei Snape nicht belohnt, sondern bestraft werden, aber es tragen wie echte Gryffindors."
„Und dafür, dass wir uns jeden Tag die Visagen dieser Idioten ansehen müssen", murmelte Lee und deutete mit seinen Augen auf die Slytherins. Er hatte allerdings auch das Pech genau so zu sitzen, dass er immer von Montague angegrinst werden konnte.
Stefanie lächelte und ließ sich von Fred ein paar Pellkartoffeln auf den Teller geben, weil er den Schöpfer gerade in der Hand hatte.
„Danke, reicht schon."
„Stefanie, wie willst du jemals groß und stark werden, wenn du nur so wenig isst?" Tadelnd schüttelte er den Kopf und Angelina kicherte.
„Wieso, willst du, dass sie fett wird? Irgendwann muss man eben aufhören alles in sich hinein zuschaufeln und anfangen, auf seine Figur zu achten."
Da konnte Stefanie ihr nur zustimmen, obwohl ihr die Menge an Essen, die auf Angelinas Teller lag, dann doch ein wenig übertrieben vorkam.
„Das erlaubt euch Frauen aber nicht, nur eine einzige Kartoffel zu essen! Du bist erst 13 Angelina!" George schüttelte ein wenig entsetzt den Kopf und sie winkte ab.
„Ich bin 14. Seit ein paar Tagen. Und tut mir Leid, dass ihr als Männer keine Ahnung davon habt, was es heißt, auf seine Figur zu achten."
„Ich weiß was es heißt und zwar nicht zu hungern." Fred wies mit seinem Kopf zu Stefanie hinüber. „Sie achtet von mir aus auf ihre Figur und isst nicht so viel wie ich, aber sie isst nicht nur eine einzige Kartoffel."
„Kommt Leute, das ist lächerlich", stöhnte Alicia, die selbst nicht viel mehr auf dem Teller hatte. „Es ist ein Festessen, also lasst uns essen, aber nur so viel, wie wir auch essen wollen."
In diesem Moment hörten sie hastige Schritte. Sie drehten sich um und sahen Professor Quirrell, der mit verrutschtem Turban und entsetzlich angstvoll verzogenem Gesicht in die Halle gerannt kam. Er rannte nach vorne, bis zum Lehrertisch, und stieß sogar gegen ihn, ehe er gerade noch herausbrachte: „Troll – im Kerker – dachte, Sie sollten es wissen." Dann glitt er ohnmächtig zu Boden.
Einen unglaublichen Moment war es mucksmäuschenstill im Raum, dann war es, als würde der Saal explodieren. Alle begannen wild herumzuschreien, aufzuspringen und durcheinander zu rennen und erst nachdem Dumbledore mehrere Knallfrösche aus seinem Zauberstab abgeschossen hatte, wurde es wieder ruhiger.
„Vertrauensschüler! Führt eure Häuser sofort zurück in die Schlafsäle!"
Sofort nahmen die Vertrauensschüler sich ihren Häusern, aber insbesondere den Erstklässlern, an und auch die älteren Schüler folgten ihnen brav.
„Ein Troll? Wie kommt ein Troll hier rein?"
„Ohne Hilfe sicher nicht", antwortete George Lee und schüttelte dann seinen Kopf. „Ohne Hilfe kommt hier ja eigentlich niemand rein, der nicht rein darf, vor allem aber kein Troll."
„Und wer sollte einen Troll hereinschmuggeln wollen? Und warum?"
„Vielleicht als Streich für Halloween", mutmaßte Fred und Stefanie wog nachdenklich ihren Kopf hin und her.
„Wieso hat Quirrell ihn überhaupt entdeckt? Warum war er im Kerker und nicht beim Festessen?"
„Du meinst… er hat ihn selbst reingelassen?", hakte Alicia ungläubig nach und Stefanie zuckte mit den Schultern.
„Nein, keine Ahnung, warum sollte er das tun?"
„Warum sollte irgendjemand so etwas tun?"
Sie hatten den Eingang zum Gemeinschaftsraum erreicht und kletterten durch das geöffnete Portraitloch nach innen. Dort herrschte helle Aufregung, alle standen herum und keiner wusste, was sie nun tun sollten.
„Schade ist es auch um das Essen", grummelte George und sie setzten sich auf den Boden, weil sonst nirgendwo mehr Platz war.
Als es irgendwann eine Entwarnung bezüglich des Trolls gab, war es schon so spät geworden, dass niemand mehr den Raum verließ, außer in Richtung der Schlafsäle.
Für Stefanie jedoch hielt der Tag noch etwas anderes, unangenehmes bereit. Sie hatten sich gerade auf ein eben frei gewordenes Sofa gesetzt, als sie Ivy erblickte, die vor dem Fenster saß und einen Brief dabei hatte.
Sofort sprang sie auf und ließ die Eule herein, ehe sie das Fenster wieder schloss.
„Na, meine Gute, so dringend, dass es nicht bis morgen Früh warten konnte?" Sanft strich sie mit ihrem Zeigefinger über das Gefieder der Eule und nahm den Brief ab, dann setzte sie sich wieder zwischen die Zwillinge.
„Er ist von daheim", stellte sie fest und öffnete das Kuvert mit merkwürdig zitternden Fingern.
Liebe Stefanie,
Es tut mir Leid, dir das schreiben zu müssen, aber zwangsläufig musst du es erfahren und so schreibe ich es lieber nieder, anstatt monatelang darauf zu warten, es dir zu sagen.
Vor einigen Tagen, Wochen vermutlich, bevor der Brief dich erreicht, ist deine Großmutter, Gott habe sie selig, verstorben.
Es war kein grausamer Tod, wir haben sie nur einfach tot in ihrem Stuhl gefunden, als deine Mutter sie ins Bett bringen wollte. Sie war ja schon länger nicht mehr ganz bei sich und es war nur eine Frage der Zeit… aber sag das nur nicht in Gegenwart deiner Mutter!
Wir haben beschlossen das Haus deiner Großmutter einstweilen nicht zu verkaufen, aber doch einen großen Teil ihrer Pferde. Wir werden nur wenige behalten, für die wir, also Christoph, Mariechen und deine Mutter, auch Zeit haben.
Ansonsten kann ich dir noch mitteilen, dass es meiner Mutter, deiner anderen Großmutter, gut geht und sie sich letztens nach dir erkundigt hat.
Ich hoffe, es geht dir auch gut und du bist glücklich und bei bester Gesundheit.
Liebe Grüße von Mama, Marie und Christoph,
In Liebe
Dein Vater
Stefanie ließ den Brief auf ihre Knie sinken und starrte mit leerem Blick in die Flammen des Kamins. Die beiden Zwillinge schwiegen ebenfalls, vermutlich hatten sie mitgelesen, wenn sie auch kein Wort verstanden hatten.
Schließlich räusperte Fred sich. „Schlechte Nachrichten?"
„Meine Oma ist gestorben…."
Einer der beiden gab ein mitleidiges Geräusch von sich und Stefanie blinzelte gegen die Tränen an.
„Als ich mich von ihr verabschiedet habe", begann sie mit belegter Stimme zu sagen und schluckte, in der Hoffnung den Klos in ihrem Hals lösen zu können, „da war sie schon … sie hat geglaubt ihr Mann wäre noch am Leben und nichts von dem, was ich ihr gesagt habe, richtig wahrgenommen, es war, als würde sie in ihrer eigenen Vergangenheit leben… und jetzt ist sie tot."
„Dann war es zumindest ein friedlicher Tod", sagte Fred leise und strich ihr tröstend über das Haar. Auch George sah sie mitleidsvoll an.
„Und sie hatte keine Schmerzen, oder?"
„N,nein", sie schniefte leise und fragte sich gleichzeitig warum. Sie hatte nie allzu sehr an ihrer Oma gehangen, weil sie viel zu unnahbar gewesen war. Aber dennoch, jetzt war sie tot und alles, was von ihr blieb, waren mittelmäßig schöne Erinnerungen. Wo waren die gemeinsamen Wanderungen, gemeinsames Pilze- oder Beerensammeln und gemeinsames Basteln von Weihnachtsdekoration? Sie hatte immer geglaubt, es würde kommen, sobald die Zeit reif wäre, sobald ihre Oma sie als erwachsen genug ansehen würde und jetzt erkannte sie, dass das nie der Fall gewesen wäre. Nicht, weil sie zu klein war, sondern weil ihre Oma es einfach verabsäumt hatte. Den richtigen Moment verpasst hatte.
Ihre andere Großmutter lebte weiter entfernt und Stefanie sah sie nur selten. Und nun war ihr, als hätte sie gar keine Großeltern mehr.
„Wir haben auch keinen Kontakt zu unseren Verwandten… zum Beispiel ist da eine schreckliche Tante, Tante Muriel", begann George mehr oder weniger taktvoll zu erzählen und seine heitere Stimmlage ließ Stefanies Laune ein wenig besser werden. Sie wusste es zu schätzen, dass die beiden sie trösten wollen und wehrte sich nicht dagegen.
Trotzdem blieb sie nicht mehr lange unten, sondern ging bald in den Schlafsaal, schrieb ihrem Vater eine Antwort und schickte sie am nächsten Tag mit Ivy davon.
