Kapitel 21

Der Stoff, aus dem die Träume sind

Ginny starrte Draco schockiert an, als sie das Messer seine Brust durchstoßen sah. Was machte er da?!

Dann bewegte sie sich wieder, versuchte, sich aus den Fesseln zu befreien, die sie gefangen hielten. Ihre Handgelenke bluteten, aber sie fühlte den Schmerz nicht mehr.

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Dracos Augen weiteten sich, als er auf die wachsende Pfütze aus Blut hinunterblickte, das aus seiner Brust strömte und sich zu seinen Füßen sammelte. Er spürte, wie seine Knie weich wurden, dann knickten seine Beine ein. Das Messer glitt ihm aus der Hand, als er stürzte, und fiel klappernd auf den blutverschmierten Boden.

Wieder ganz im Besitz seines Körpers blickte Draco zu Ginny auf. Ihr Blick war panisch, und Tränen strömten unbemerkt ihre Wangen hinunter. Bis er Salz auf seinen Lippen schmeckte, bemerkte er nicht, daß er auch weinte. Er konnte einfach nichts dagegen tun.

Er streckte eine zitternde Hand aus, um sie zu trösten, ihr zu sagen, daß alles gut sein würde.

„Gin-" Weiter kam er nicht. Ein warmer, metallischer Geschmack füllte seinen Mund, und er drehte sich weg, als er Blut hustete. Seine Hand sank an seiner Seite hinab; er konnte sie nicht länger oben halten. Eine heiße, schmerzvolle Flamme züngelte sich durch ihn hindurch und verbrannte ihn von Kopf bis Fuß, aber vor allem in der Herzgegend.

Jetzt weiß ich, wie sich ein Hummer fühlt, wenn er gekocht wird, dachte er vage.

Er versuchte, Ginnys Gesicht zu finden, er suchte danach, wollte, daß es wenigstens das letzte war, was er sah, doch er konnte es nicht finden. Statt dessen wurde er von einem trüben, roten Nebel umhüllt, und er spürte Hände, die sich abmühten, ihn aufrecht zu halten, als er zu Boden sackte. Dann verdunkelte sich seine Sicht, und er wußte nichts mehr.

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Pansy stockte der Atem, als sie sah, wie das Messer stoppte, und sie erkannte, daß Draco gegen Salazar ankämpfte. Verflucht, und gerade als sie kurz davor war, dieses kleine Weasley-Gör endgültig loszuwerden! Nun, sie würde nicht einfach nur herumstehen und sie mit dem Leben davonkommen lassen.

Sie sprang aus den Schatten, um das Messer zu ergreifen und es mithilfe ihres eigenen Gewichts hinunterzudrücken, aber sie kam keinen Meter weit, bevor sie Draco das Messer in sich selbst stoßen sah. Sie blieb wie angewurzelt stehen und starrte ihn an. Sie war wie erstarrt und konnte nur vor Überraschung stottern, als kräftige Hände sie von hinten packten und sie reichlich unsanft von einem Beamten des Zaubereiministeriums festgehalten wurde.

„Ein Zucken, und du bist tot", sagte er.

Vielleicht machte er nur Scherze, aber Pansy wollte es sicher nicht ausprobieren und es herausfinden. Sie stand still.

Crabbe und Goyle waren ebenfalls aus den Schatten herausgetreten, aber es war in letzter Sekunde gewesen und nur, um vor den Ministeriumsangestellten zu fliehen. Sie kamen nicht sehr weit. Sie waren zwar so groß oder größer als die Männer, die sie festhielten, als sie aber die gleiche Drohung wie Pansy erhielten, bewegten sie sich nicht.

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Irgendwie verschwanden die Lederriemen von Ginnys Hand- und Fußgelenken. Sie machet sich keine Gedanken darüber, wie, nicht zu diesem Zeitpunkt. Sie war sich vage dessen bewußt, daß sich um sie herum Leute bewegten und jemand ihren Namen rief. Aber sie hatte nur Augen für Draco und rutschte sofort vom Tisch hinunter und neben ihm auf den Boden.

Hände griffen nach ihr, aber sie schüttelte sie ab. Verzweifelt legte sie ihre Hände auf die gezackte Wunde und versuchte, den Blutfluß zu stoppen. Jemand packte ihren Arm und zog sie weg, und Stimmen sprachen ihr laut ins Ohr, aber sie verstand nicht, was sie sagten. Sie wollte es nicht. Draco konnte nicht tot sein, er konnte nicht.

Aber das war er.

Tiefe Schluchzer schüttelten sie, und sie wurde plötzlich von Erschöpfung überkommen. Die Arme waren wieder da, diesmal jedoch waren sie sanft und vertraut.

Ron. Ron hielt sie fest.

Sie lehnte sich an ihn, dankbar für die Stütze, als noch mehr Tränen ihre Wangen überströmten. Er hielt sie tröstend und schaukelte sie sacht in seinen Armen, bis ihr Schluchzen etwas nachgelassen hatte.

Nach und nach ließ das Durcheinander aus Geräuschen nach und wurde zu einzelnen Stimmen, die sprachen, weinten und flüsterten. Ihr dröhnte der Kopf davon, und im Stillen flehte sie sie an aufzuhören.

Sie mußte etwas davon laut gemurmelt haben, ohne daß sie es bemerkt hatte, denn Ron hörte einen Moment später auf, sich zu bewegen.

„Was hast du gesagt, Gin?"

„Ich hab gesagt, sag ihnen, sie sollen still sein. Bitte", murmelte sie müde.

Sie blickte nicht auf von wo ihr Kopf an Rons Schulter vergraben war, aber Augenblicke später verstummten die Stimmen, und Ginny konnte wieder denken.

Der Schmerz, der Kummer waren immer noch da, aber es war nur noch ein dumpfer Schmerz in ihrem Innern, und da der Schock abgeklungen war, funktionierte ihr Gehirn wieder.

Sie stieß sich plötzlich von Ron weg und wirbelte zu der Stelle herum, wo Draco noch immer auf dem Boden lag. Ron versuchte, sie aufzuhalten, aber das ließ sie nicht zu.

Sie war gerade auf die verrückteste und wahrscheinlich dümmste Idee aller Zeiten verfallen, aber es war trotzdem ein Plan, und Ginny würde nicht aufgeben.

„Laß mich los, Ron", befahl sie barsch, als sie über Draco hinüberlangte und begann, seine Taschen zu durchsuchen. „Ich kann ihn retten. Bitte laß es hier sein, bitte laß es hier sein ..."

Ron sah aus, als wollte er sie aufhalten, aber Hermine legte ihm einen Arm auf die Schulter, um ihn zurückzuhalten. Nicht, schien ihr Blick zu sagen.

Er sah sie fragend an. Hermine zuckte mit den Schultern.

Harry stand ebenfalls in der Nähe, mit Professor Dumbledore und einer Gruppe von Ministeriumsbeamten.

Alle warteten still.

Die meisten glaubten wie Ron, daß Ginny vor Kummer den Verstand verloren hatte, aber niemand sagte etwas. Niemand wagte sich auch nur zu bewegen, damit diese plötzliche Hoffnung, die sie überkommen hatte, nicht verschwand und nur Schmerz zurückließ.

Ginny beendete die Durchsuchung von Dracos Hemd und Hose, ohne daß es sie kümmerte, daß ihre Hände von Blut klebten. Wenn das hier funktionierte, dann würde es egal sein, und falls nicht ... dann wäre es immer noch egal.

Aber daran konnte sie nicht denken. Es mußte funktionierte, es mußte.

Dumbledore sah aus einigen Metern Entfernung besorgt zu. Er wußte, was sie suchte, und wünschte sich mit ihr, daß es dort sein möge.

Als ihre Finger schließlich in einer Innentasche kaltes Glas berührten, wußte sie, daß sie gefunden hatte, was sie suchte.

Ohne ein Wort riß sie den Korken mit einer Kraft ab, von der sie nicht gewußt hatte, daß sie sie besaß, und hob die Phiole an den Mund. Aus dem Augenwinkel sah sie Ron den Arm nach ihr ausstrecken, aber wieder hielt ihn jemand zurück. Diesmal war es Dumbledore.

Sie stürzte den Trank in drei Schlucken hinunter.

Sie erinnerte sich daran, was das Buch über Willenskraft gesagt hatte, also konzentrierte Ginny ihren gesamten Willen auf eine Sache: Draco.

Zuerst hatte sie nicht das Gefühl, daß es funktioniert hatte. Nichts schien sich zu verändern, sie war immer noch in dem Steinraum, saß auf dem kalten Fußboden, klebrig mit Blut. Aber dann war der Raum weg, und statt dessen war da ein wirbelnder weißer Rauch oder Nebel, oder vielleicht beides. Er flocht und drehte sich um sie und füllte ihr Gesichtsfeld so aus, daß sie sich in der weißen Wolke verlor. War dies der Tod?

Falls dem so war, wo war Draco?

Sie rannte durch die weißen Wolken, ein Geist ohne einen Körper. Jedenfalls ohne einen wirklichen. Es war ihr Geist, der durch den Dunst rannte, denn nur der Geist konnte durch den Tod gehen.

Sie rannte, ohne nachzudenken, fragte sich nie, wie sie Draco finden würde oder wie sie einen Weg zurück finden sollten, wenn sie ihn gefunden hatte. Sie wußte nur, daß sie ihn finden würde. Daran hatte sie keinen Zweifel.

Und wenn sie es nicht konnte, konnte sie genauso gut für immer hier verloren sein, als ohne ihn zurückzuzkehren.

Sie rief nach ihm, aber er antwortete nicht. War er zu weit weg? Oder war sie zu spät und er hatte schon die Tore dieser Unterwelt passiert und war in den anderen Reichen des Todes?

Keine der Möglichkeiten war ermutigend. Stunden vergingen, oder waren es nur Minuten? An diesem Ort existierte keine Zeit, und Ginny hatte keine Möglichkeit, es genau herauszufinden.

Sie rief einfach weiter Dracos Namen, in der Hoffnung, daß er antworten würde.

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Als Draco erwachte, sah er nicht den Anblick von kalter Steindecke oder Steinfußboden, den er erwartet hatte. Statt dessen wirbelte weißer Nebenl um ihn herum, der sanft an seiner Kleidung zupfte und ihn vorwärts zog. Er begann zu folgen, blieb aber stehen, als er bemerkte, daß das Blut von seinen Händen verschwunden war. Tatsächlich war es auch von seiner Kleidung verschwunden. Als er auf glatte Haut hinabblickte, wo Augenblicke zuvor noch ein klaffendes Loch gewesen war, fing sein Verstand wieder an zu arbeiten, und er sah sich seine Umgebung genauer an.

Was das der Himmel? Nein, das konnte nicht sein, er wäre auf keinen Fall dort gelandet. Das mußte ein Irrtum sein. Aber es war niemand da, bei dem er sich hätte beschweren können, also ging er weiter und ließ sich von der Brise leiten.

Er blieb nur einmal stehen, um zurückzublicken, gleich nachdem er losgegangen war. Hinter ihm war etwas, das wie ein riesiges Loch in der Weiße aussah, wodurch er den Raum sehen konnte, den er verlassen hatte. Ginny war dort, fest von Ron in den Armen gehalten, während sie weinte. Sie weinte um ihn.

Für einen Moment dachte er daran, umzukehren und durch das Loch zurückzugehen, aber es schrumpfte schnell.

Es wird ihr gutgehen, dachte er. Wenigstens in der Hinsicht kann ich Ron trauen.

Dann schloß sich das Loch vollständig, und er hatte keine Wahl, als vorwärts zu gehen. Abgesehen davon schien der leichte Wind, der ihn führte, nach Bewegung zu streben, und Draco fiel kein Grund ein zu bleiben.

Er waren erst Augenblicke gegangen, als er den ersten Schrei hörte.

„Draco!"

Verwirrt blieb er stehen. Wer konnte ihn hier rufen?

Er hätte versucht, es herauszufinden, aber der Wind zupfte an ihm, und diese Dringlichkeit war ansteckend. Er wußte nicht weshalb, aber er hatte plötzlich das starke Bedürfnis, in Bewegung zu bleiben und hier zu verschwinden.

Er ging etwas weiter geradeaus.

Aber der Ruf erklang wieder, und noch einmal, und jedes Mal wurde es schwieriger, ihn zu ignorieren.

Schließlich kam ein Antwortruf über seine Lippen, bevor er sich stoppen konnte. Er hatte die Stimme endlich erkannt. Ginny rief nach ihm!

Aber was machte sie hier ...

Nein, das konnte nicht sein. Bitte, sie kann nicht auch tot sein!

Der Ruf kam noch einmal, diesmal hoffnungsvoller. Draco versuchte, in die Richtung zu gehen, aus der der Ruf kam, aber als er sich umdrehte, hatte sich der einst sanfte Hauch im eine heulende Böe verwandelt, die ihn von den Füßen zu reißen drohte, wenn er seinen Kurs beibehielt.

„Ginny!" rief er, seine Stimme dieses Mal hell und klar. „Ich bin hier drüben, ich kann nicht zu dir kommen!"

„Ich komme!" kam die Antwort.

Einen angespannten Moment später stürzte eine kleine rothaarige Gestalt neben ihm durch die Wolken. Er packte ihre Hand fest, zog sie zu sich und hielt sich eng an sich gedrückt. Er war so schön, daß wieder tun zu können.

„Oh Gott, Gin, es tut mir so leid", brachte er nach ein paar Minuten Stille hervor. „Ich hätte dich beschützen sollen, aber ich habe versagt. Du hättest nicht sterben sollen."

„Aber das bin ich nicht."

Draco blickte erschrocken in ihr grinsendes Gesicht auf. „Was meinst du damit? Wie könntest du hier sein, wenn du nicht- Das hast du nicht."

Er unterbrach sich. Anerkennung leuchtete in seinem Blick. Er griff in seine leere Umhangasche und stülpte sie ungläubig um.

„Das habe ich." Ihr Lächeln erhellte ihr Gesicht, und ihre Augen sahen glücklich aus, wenn auch feucht von unvergossenen Tränen.

„Aber-"

„Ich mußte es versuchen, Draco", unterbrach sie ihn und legte ihm sanft einen Finger auf die Lippen. „Ich konnte dich nicht einfach sterben lassen, wenn es eine Chance gab."

Er küßte ihren Finger leicht und grinste zurück. Ihr Lächeln war ansteckend.

Für eine Weile standen sie nur da und hielten sich fest.

Dann kehrte ihre Vernunft zurück.

„Aber wie kommen wir zurück? Das Buch hat gesagt, daß Leute, die sich hier verlaufen, nie wieder zurückfinden."

Ginny zuckte zusammen. „So weit war ich mit meinen Plänen eigentlich noch nicht gekommen ..."

„Selbstverständlich nicht. Ihr Gryffindors denkt nie etwas zu Ende."

Ginny gab vor, von der Beleidigung verletzt zu sein, aber selbst angesichts der Möglichkeit, nie wieder in die Welt der Lebenden vor ihr zurückzukehren, konnte sie nicht aufhören zu grinsen. Sie hatte ihn gefunden, sicher und unbeschadet, ohne eine einzige Verletzung an seinem Körper.

Jedenfalls soweit sie sehen konnte.

Um den Rest kümmere ich mich später...

Dieser Gedanke kam aus dem Nichts, und sie wandte das Gesicht von Draco ab. Sie hoffte, sie konnte in ihrer Geistform nicht rot werden. Wie war sie darauf überhaupt gekommen?

Falls Draco irgend etwas auffiel, sagte er nichts. Statt dessen nahm er ihre Hand in seine und suchte nach einem Ausgang. Es war komisch, der Wind, der vorher so heftig geweht hatte, war wieder eine sanfte Brise, nur war sie jetzt zur anderen Seite gerichtet.

War das ein Zeichen? Sollten sie dem Wind folgen oder es auf sich allein gestellt versuchen?

Nun ja, eine Richtung war so gut wie die andere, und immerhin ging der Wind ungefähr in die Richtung, in der dieses Loch gewesen war.

Wenn sie ankamen, erschien es vielleicht wieder und sie konnten hindurch. Oder so etwas ähnliches.

„Komm", sagte er und zog an ihrer Hand. „Folg dem Wind."

Ginny sah verwirrt aus. „Welchem Wind?"

Draco hielt inne. „Du spürst es nicht?"

„Ich spüre gar nichts."

Das war seltsam. Aber nicht unmöglich. Draco konnte das schiefe Lächeln nicht unterdrücken, das sich auf seine Lippen stahl. Nach dem hier würde er nie wieder irgend etwas für unmöglich halten.

„Komm einfach mit."

Ginny folgte ergeben. Sie wußte nicht, wohin er sie führte, hatte aber selbst auch keine bessere Idee. Wenn sie in einigen ihrer Unterrichtsstunden besser aufgepaßt hätte, hätte sie jetzt vielleicht eine etwas bessere Vorstellung davon gehabt, womit sie es hier zu tun hatte.

Andererseits, vielleicht auch nicht. Wie man durch den Tod ging, war wahrscheinlich kein Thema, das zu unterrichten die Lehrer angehalten waren.

Sie gingen weiter, Draco vor Ginny und der Wind vor ihm und um ihn herum. Als der Wind plötzlich weg war, wußte Draco, daß sie wieder an dem Portal sein mußten, durch das er den Tod betreten hatte. Aber es war kein Loch in Sicht.

Draco seufzte und fuhr sich mit der Hand durch seine weichen Haare, wodurch sie in merkwürdigen Winkeln abstanden, was Ginny zum Kichern brachte.

Er sah sie entnervt an. „Der Durchgang ist weg. Ich finde nicht, daß das zum Lachen ist."

Ihre Stimmung wurde etwas ernsthafter. „Na ja, vielleicht kommen wir auf die gleiche Art raus, wie wir reingekommen sind."

Draco verengte die Augen. „Und wie wäre das?"

„Na ja, als ich den Trank getrunken habe, hab ich mich einfach irgendwie hergewünscht, um dich zu finden. Also können wir uns vielleicht einfach-"

„... zurückwünschen", beendete Draco den Satz für sie. Ginny nickte.

Es klang unglaublich, aber Draco würde es trotzdem versuchen. Er drückte beruhigend ihre Hand und nickte. „Okay, auf drei wünschen wir uns ganz fest in die „wirkliche" Welt zurück. Verstanden?"

Ginny nickte wieder und schloß die Augen, um sich zu konzentrieren.

„Eins, zwei, drei!"

Draco schloß ebenfalls die Augen und konzentrierte sein gesamtes Wesen, alles, was er war, darauf, ein Tor zwischen den Welten entstehen zu lassen und hindurchzugehen. Vor seinem geistigen Auge sah er wieder den riesigen Ballsaal mit seinem Steinfußboden und dem blutverschmierten Tisch. Er spürte die Kälte in seinen Knochen und die Angst in seiner Brust, die er gehabt hatte, als Slytherin das Messer auf Ginnys Brust gerichtet hatte, und er erinnerte sich an das Aufwallen reiner Kraft, das es ihm genug Zeit gegeben hatte, das Messer aufzuhalten und seine Richtung zu ändern. Er hatte Salazar nicht vollständig stoppen können, aber er hatte die Kraft des Zauberers genutzt, um die Richtung des Messers zu ändern.

Plötzlich veränderte sich die Welt um ihn herum, und er spürte, wie er fiel. Ginny fiel mit ihm, ihre Hände noch immer ineinander verschränkt, als sie durch das Loch zurück in ihre bewegungslosen Körper stürzten, das sich unter ihnen im Nebel geöffnet hatte.

Ginny erwachte als erste, richtete sich ruckartig von Rons Schoß auf und tastete nach Dracos Brust.

Zuerst blieb er reglos, und sie fürchtete, es hätte nicht funktioniert, aber dann bewegte er sich leicht, und dann mehr und mehr, schneller und schneller, bis die Bewegung ein Heben und Senken war und Draco nach Luft schnappte.

Überall um sie herum spiegelten die Gesichter von Ministeriumsangestellten und den drei anwesenden Hogwartsschülern Erstaunen. Der einzige, der eher glücklich und stolz als überrascht aussah, war Dumbledore.

Ginny sah den Blick und wunderte sich flüchtig darüber, aber es sollte Tage dauern, bevor sie herausfand, was er bedeutete.

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Eine Woche später war für Hogwarts und seine Schüler alles wieder normal, abgesehen von drei vermißten Schülern, die eigentlich niemand im geringsten zu vermissen schien. Pansys, Crabbes und Goyles Zauberstäbe waren durchgebrochen worden, und sie waren permanent von Hogwarts und jeder anderen Zauberschule verbannt. Anstatt sie nach Askaban zu schicken – was sie Dracos Meinung nach durchaus verdient hatten – hatte man sie im Grunde zu einem Leben als Muggel verurteilt.

Was Draco und Ginny betraf, nun, sie waren glücklich, überhaupt wieder in der Schule zu sein. Nachdem sie aus dem Reich des Todes zurückgekehrt waren, hatte man sie ins nächstgelegene magische Krankenhaus gebracht und tagelang unter Beobachtung gestellt. Bemerkenswerterweise zeigte Draco keinerlei Anzeichen, daß er jemals Stichwunden gehabt hatte. Die Wunde war einfach verschwunden.

Natürlich wußten nur wenige Leute die Wahrheit darüber, was an jenem Tag geschehen war. Nur denjenigen, für die dieses Wissen absolut notwendig war, wurde dieses Privileg gewährt. Das schloß Dracos und Ginnys Eltern ein.

Erstaunlicherweise zeigten sich Lucius und Narzissa Malfoy außerordentlich besorgt um das Wohlergehen ihres Sohnes. Tatsächlich war es so, als hätte es den gesamten Vorfall in Malfoy Manor nie gegeben. Es war merkwürdig, und es gefiel ihm nicht unbedingt, aber was konnte Draco anderes tun, als so zu tun, als würde er die Scharade mitspielen? Sein Vater würde ihm nichts antun, da war er sicher. Nicht, nachdem er geholfen hatte, einen der mächtigsten Zauberer, die es auf der Welt gab – oder gegeben hatte – zu besiegen.

Was Ginny betraf, Mr und Mrs Weasley bestanden darauf, daß sie nach Hause kommen und eine Weile bleiben sollte, aber Ginny lehnte ab. Das letzte, was sie tun wollte, war, sich irgendwo vor der Welt zu verstecken und nie wieder hervorzukommen.

Sie würde sich dem Ganzen irgendwann stellen müssen, und je früher, desto besser. Es kostete sie einige Zeit, aber schließlich überzeugte sie auch ihre Eltern davon. Der einzige Nachteil war, daß Ron wohl nie wieder von ihrer Seite weichen würde.

Diese Woche war eine der längsten und langweiligsten in Ginnys Leben. Es gab nur eine Sache, die überhaupt etwas Abwechslung brachte.

Am nächsten Samstag, über eine Woche nach dem ereignisreichen Tag, gelang es Draco und Ginny schließlich, alle Schüler, die darin verwickelt waren, in einem leerstehenden Klassenzimmer zu versammeln, um ihre Geschichten und Sichtweisen auszutauschen und sich gegenseitig Fragen zu beantworten. Obwohl sie es nicht zugaben, wären sie alle die ganze Woche über beinahe vor lauter Fragen geplatzt. Jetzt, da die ganze Hektik sich gelegt hatte, konnten sie vielleicht endlich die ganze Geschichte herausfinden.

So kam es, daß fünf Schüler – Ginny, Draco, Harry, Ron und Hermine – in einem verlassenen Klassenraum um ein kleines Feuer versammelt waren und Frage und Antwort spielten.

Ginny fing an, bevor jemand widersprechen konnte. Sie platzte mit der ersten Frage heraus, die ihr einfiel.

„Woher wußtet ihr alle, wo wir waren?"

Hermine antwortete. „Ganz einfach. Erinnerst du dich an den Abend im Gemeinschaftsraum, als ich dir gesagt habe, daß das mit dir und Malfoy okay ist?"

Draco, der etwas gelangweilt ausgesehen hatte, spitzte leicht die Ohren.

Ron sah einfach nur ungläubig aus. „Du hast was gesagt?!"

„Nichts", erwiderte Hermine und verdrehte die Augen. „Wie auch immer, der Punkt ist, daß ich dachte, daß etwas Seltsames vor sich gehen könnte, also hab ich dich mit einem Aufspürzauber belegt. Und glaub mir, als ich herausgefunden habe, daß du vermißt wirst, war ich darüber mehr als froh."

Ginny grübelte darüber eine Weile nach. Hermine sah aus, als würde sie halb erwarten, daß Ginny wütend auf sie sein würde, aber Ginny lächelte nur. „Ich auch."

„Und ich auch", stimmte Draco aus ganzem Herzen zu.

Einen Moment war es still, als sich alle ausmalten, was hätte passieren können, wenn Dumbledore und die anderen nicht eingetroffen wären, als sie es waren. Ginny schauderte, und da war sie nicht die einzige.

Pansy hätte Ginny töten können, Draco wäre vielleicht nie gefunden worden ... Der Gedanke war zu grauenhaft, um lange darüber nachzudenken. Sogar Ron, der nicht gerade viel von Malfoy hielt, war entsetzt gewesen, ihn in einer Pfütze seines eigenen Blutes liegen zu sehen.

Und als die ganze Geschichte über Salazar und das Nachsitzen herauskam, und wie Draco Ginnys Leben gerettet hatte, kam Ron tatsächlich einem Lächeln so nahe wie noch nie, seit er Draco tödliche Blicke zugeworfen hatte, weil er nachts mit seiner Schwester durch Hogwarts schlich. Und Draco lächelte fast zurück. Zu dumm, daß es eher ein selbstgefälliges Grinsen war.

Ginny kam sogar dazu, sich bei Harry dafür zu entschuldigen, daß sie seinen Umhang gestohlen hatte, obwohl er es nie gemerkt hatte.

Die meisten der nachfolgenden Fragen kamen von Rons, Harrys und Hermines Seite, und schließlich, als sie die Geschichte durchgingen, wollten sie alle wissen, wie es gewesen war, durch den Tod zu gehen. Draco und Ginny beschrieben es, so gut sie konnten, aber wie konnte man so etwas erzählen? Worte reichten einfach nicht aus.

Dann fragten die drei nach dem Trank, den Ginny getrunken hatte. Ginny und Draco wechselten sich dabei ab, ihre Herausforderung zu beschreiben und zu erklären, woher die Phiole gekommen war.

Als Ginny und Draco die Aufgaben beschrieben, denen sie gegenübergestanden hatten, sahen Harry und Hermine beide verwirrt aus, während Ron einfach nur extrem grün wirkte.

„Was ist los?" fragte Ginny besorgt. „Du siehst aus, als hättest du gerade was Widerwärtiges gegessen."

Ron starrte sie nur an. „Wir dachten, unsere Aufgaben wären so schwer", brachte er schließlich hervor. „Ginny, alles, was wir machen mußten, war Berichte schreiben und etwas recherchieren. Was ihr tun solltet ... na ja, da kommen wir nicht mal fast ran."

Draco verengte die Augen, und jetzt war es Ginny, die ungläubig aussah. „Du meinst ...?" Sie ließ den Rest der Frage ungesagt.

Hermine nickte. „Das vermute ich. Wenn ich ihr wäre, würde ich sobald wie möglich eine schöne, lange Unterhaltung mit dem Direktor führen."

„Aber ..." Ginny zögerte. „Du meinst, er wußte es?"

„Nein. Ich weiß, daß er es wußte. Wollt ihr meine Vermutung hören?" Sie sah Ginny und Draco an, die nickten, damit sie fortfuhr. „Er wollte, daß ihr zwei das Problem selbst löst, aber er wollte trotzdem helfen. Also hat er euch Aufgaben gegeben, die das tun würden. Dadurch konnte er nicht beschuldigt werden, sich einzumischen. Nicht viele Leute würden ihm Vorwürfe machen ..." Sie zuckte mit den Schultern. Ein weiteres Rätsel, das vielleicht nie gelöst werden würde.

Draco stieß einen leisen Pfiff aus. „Nun ja, das erklärt sicherlich diese merkwürdigen Blicke, die er uns zugeworfen hat."

„Dir ist das auch aufgefallen?" fragte Ginny rasch und drehte sich zu ihm um.

„Aufgefallen? So sehr, wie einem Falken eine Maus auffällt, bevor er sich auf sie stürzt."

Wieder Stille.

Harry brach sie als erster. „Oh Mann, wißt ihr, wie spät es ist?"

Die übrigen blickten zu ihm auf, außer Hermine, die auf ihre Armbanduhr sah. „Drei Uhr."

„Nachts?" fragte Ron.

„Nein, Wiesel, nachmittags." Draco konnte nicht anders, als zu sticheln.

Zur allgemeinen Überraschung lachte Ron. „Ja, du hast recht, dumme Frage."

Draco hob verwundert eine Augenbraue. „Verdammt richtig."

Ron stand auf und streckte die Hand aus, um Hermine aufzuhelfen. „Ich würde sagen, es ist Zeit, ins Bett zu gehen."

„Gute Idee", stimmte Draco zu. „Macht es dir was aus, wenn ich deine Schwester zum Gemeinschaftsraum begleite?"

Ginny sah mit angehaltenem Atem zu. Hatte Draco gerade Ron um Erlaubnis gebeten, etwas mit ihr tun zu dürfen? Unglaublich. Vielleicht begann er endlich einzulenken. Aber was würde ihr hitzköpfiger Bruder tun?

Einen Moment lang standen Ron und Draco, Weasley und Malfoy, nur da und starrten sich an. Dann wandte sich Ron ab. „Solange ihr mit uns geht."

„Einverstanden."

Draco nahm lächelnd Ginnys Hand, und gemeinsam folgten sie den anderen zurück zum Gryffindor-Turm. Als sie die letzten Stufen hinaufgingen, zog Draco sie an sich und flüsterte ihr ins Ohr: „Ich liebe-„

„Nicht!" unterbrach Ginny.

Draco sah sie an, überrascht und etwas verletzt. „Wieso nicht?"

„Weil bis jetzt jedes Mal, wenn du es gesagt hast, direkt anschließend irgendwas Furchtbares passiert ist."

Der verletzte Ausdruck wich einem ironischen Lächeln. „Soll das heißen, daß ich nie dazu kommen werde, es zu sagen?" Und das gerade, als er sich daran zu gewöhnen begann.

„Nein, das heißt, daß ich dran bin." Sie näherte sich ihm, bis ihr Mund sein Ohr berührte, und flüsterte: „Ich liebe dich, Draco."

Könnten Malfoys durch reines Glücksgefühl sterben, Draco glaubte, daß er es genau in diesem Moment getan hätte.

Sie erreichten das Portraitloch, und er konnte nicht länger widerstehen. Grinsend beugte er sich zu ihr hinunter und gab ihr einen leichten Kuß auf die Lippen. Sie riß die Augen überrascht auf, grinste aber zurück.

„Er hat nicht gesagt, ich könnte dich nicht küssen", neckte er leise, als Ron lautstark zu protestieren begann. Hermine brachte ihn zum Schweigen. „Und da, wo das herkommt, ist noch mehr."

„Darauf zähl ich", erwiderte Ginny. „Aber, ähm, laß uns einen passenderen Zeitpunkt abwarten, meinst du nicht?"

„Natürlich." Draco lächelte Ron entwaffnend an, zwinkerte Ginny träge zu und stieg die Treppe wieder hinab, wobei er eine Person rauchend vor Wut, eine zufrieden lächelnd zurückließ, und zwei weitere, die versuchten, nicht zu lachen.

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Als Ginny in dieser Nacht (oder an diesem Morgen) zu ihrem Schlafsaal hinaufging, hielt Hermine sie mit einer leichten Berührung am Arm im Flur an.

„Du liebst ihn wirklich, nicht?"

Ginny hielt inne und lächelte. „Ja, das tu ich." Ihr Blick verklärte sich, und Hermine wußte, daß sie an Draco dachte. Dann sprach Ginny weiter. „Er hat immerhin mein Leben gerettet, es ist also nur passend."

Hermine grinste, erstaunt und glücklich für ihre Freundin. Draco Malfoy war der letzte, von dem sie vermutet hätte, daß Ginny sich in ihn verlieben würde, aber ... Man konnte nicht ändern, in wen man sich verliebte. Wenn sie dafür einen Beweis wollte, mußte sie nur Ron ansehen. Er konnte ein Spinner sein und aufbrausend, aber dafür liebte sie ihn umso mehr.

Sie fing an, Ginny gute Nacht zu sagen, aber etwas stoppte sie. „Oh, Gin, da war noch was, was ich mich gefragt hab." Sie unterbrach sich und biß sich auf die Lippe, als wäre sie unsicher, ob sie weitersprechen sollte oder nicht.

„Na, sag schon."

„Es ist nur ... Du hast uns alles darüber erzählt, wie Slytherin versucht hat, von Draco Besitz zu ergreifen und alles und wie Draco am Ende gewonnen hat, als er sich das Messer in die Brust gestoßen hat ..." Hermine brach ab, als sie Ginnys Gesicht sah, aber sie wußte, daß sie die Frage zu Ende stellen mußte. „Ich hab mich nur gefragt, was genau ist dann mit Salazar passiert? Ich meine, als Draco wieder zum Leben erwacht ist, hätte Salazar nicht einfach versuchen müssen, wieder seinen Körper zu übernehmen oder so was? Statt dessen war es so, als wäre er einfach verschwunden."

Ginny verengte die Augen. Um ehrlich zu sein, sie hatte nie viel darüber nachgedacht. Die vergangene Woche war sie so beschäftigt gewesen, daß alles ganz verschwommen war. Erst heute nacht hatte sie begonnen, den ganzen Vorfall zu entwirren. Hermines Frage brachte einen berechtigten Punkt auf. Was war mit Slytherin passiert? Und mit der Kette. Sie hatte sie nicht um Dracos Hals gesehen, seit – nun, seit jenem Tag. Sie würde Draco am nächsten Morgen fragen müssen.

Hermine konnte sie nichts als die Wahrheit erzählen – daß sie es nicht wußte. Aber sie versprach ihr, es ihr zu sagen, sobald sie es herausfand.

Ihr letzter Gedanke, bevor sie endlich ins Bett kroch, mehr als erschöpft, war, daß sie am nächsten Tag eine laaange Unterhaltung mit Draco führen würde.

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Draco wachte am nächsten Tag früh auf, trotz der späten Stunde am Vortag. Er konnte nicht schlafen. Irgend etwas störte ihn, aber er wußte nicht, was es war.

Mit einem Seufzen hievte er sich aus dem Bett und zog sich rasch an. Wenn er sowieso nicht schlafen konnte, konnte er auch genauso gut aufstehen. Da Sonntag war, schliefen die meisten anderen Jungen aus seinem Schlafsaal noch. Hatten die ein Glück.

Zuerst lief er nur einfach im Schloß herum, aber das half nicht viel. Da war immer noch etwas, was nach ihm rief, etwas, was getan werden mußte und was nur er tun konnte. Aber was war es?

Er versuchte immer noch, die Lösung zu finden, als er Ginny sah, die vor ihm um eine Ecke kam.

Er lächelte. Seine Probleme waren vorübergehend vergessen, als er auf sie zuging.

„Guten Morgen, Mylady", sagte er scherzhaft und machte eine Show daraus, sich würdevoll zu verneigen.

Ginny mußte einfach lachen. „Guten Morgen, Draco." Ihr lächelnder Blick wanderte zu der Stelle an seinem Hals, wo die Kette gehangen hatte, und Draco spürte eine plötzliche Ernsthaftigkeit dahinter.

„Was ist los?" fragte er, augenblicklich wachsam.

Ginny blickte zu beiden Seiten den Korridor hinunter. Im Moment war er verlassen, aber das konnte sich sofort ändern.

„Können wir zuerst nach draußen gehen?"

Draco nickte und nahm ihre Hand, bevor er sie ohne ein weiteres Wort hinunter zu dem Felsen führte, den er so mochte. Es spielte keine Rolle mehr, wer sie sah. Gerüchte verbreiteten sich wie Lauffeuer, und Ereignisse, die eigentlich unter Verschluß hätten gehalten werden sollen, waren längst allgemein bekannt. Sie waren jetzt als Paar klassifiziert, wenn auch als ein seltsames, und Draco hätte nicht glücklicher sein können. Es war offensichtlich, daß sich die Dinge zwischen ihm und Ginny wieder einmal verändert hatten, aber diesmal zum Guten. Die ganze Welt schien in Ordnung zu sein. Oder beinahe, korrigierte Draco sich selbst, als er einen Blick auf Ginnys ernstes Gesicht warf.

Sie waren schon fast am See, als Draco plötzlich stehenblieb, als ihm einfiel, daß Ginny diesen Ort vielleicht nicht so mochte. Immerhin war sie hier entführt worden. Aber als er sich nach ihr umdrehte, hatte er nicht den Eindruck, daß es ihr irgend etwas ausmachte. Sie schüttelte nur leicht den Kopf, als wollte sie sagen, daß es sie nicht störte und sie ruhig weitergehen konnten.

Nachdem sie sich gesetzt hatten – Draco zuerst, der dann Ginny hochzog – wiederholte er seine Frage.

„Was ist los?"

Ginny zögerte, während sie ihre Gedanken sammelte und in Worte zu fassen versuchte.

„Na ja ... es ist nur ... mir ist aufgefallen, daß ich dich nicht gefragt habe, was an dem Tag passiert ist. Was mit dem Anhänger passiert und ... und ..."

„Slytherin?" ergänzte er die Frage für sie.

Ginny nickte.

Draco griff in seine Tasche und suchte nach etwas. Ginny hätte über den Anblick nicht überraschter sein können, als Draco seine Faust aus der Tasche zog und vor ihren Augen öffnete.

Die beiden Schlangen mit den Rubinaugen starrten sie an. Ein kleines Loch, so groß wie ein Messer, war genau in der Mitte. Die zerbrochene Kette lag aufgerollt daneben.

„Sie muß runtergefallen sein ... da unten. Ich hab die Einzelteile in meiner Umhangtasche gefunden, nicht lange nachdem wir wieder in der Schule waren. Ich weiß nicht, wer sie da reingesteckt hat, aber ich hab sie ein paar Tage mit mir rumgetragen." Er lächelte bitter, als er auf die Erinnerung an die letzten Monate hinabblickte. Sich vorzustellen, daß all der Ärger mit einer Kette begonnen hatte. Plötzlich kehrte das Gefühl, das er vorhin gehabt hatte, mit voller Wucht wieder, und er erkannte, daß das, was ihn ärgerte, etwas mit diesen Bruchstücken zu tun hatte. Er schüttelte den Kopf, um sich von dem Gefühl zu befreien. Er gab anderes, worüber er nachdenken mußte.

Dann wurde sein Lächeln ehrlich, als er sich anderen Dinge zuwandte. „Ich wußte, du würdest danach fragen. Ich wollte sie dir von Anfang an zeigen, aber ich wollte auch sehen, wie lange es dauern würde, bis du daran denken würdest zu fragen."

Ginny wurde rot. Sie wußte, daß es nicht sehr schlau von ihr gewesen war, nicht eher daran zu denken, und selbst jetzt war es Hermine gewesen, die sie daran erinnert hatte. Draco lachte noch lauter, als sie ihm das erzählte.

„Das ist also aus der Kette geworden, aber was ist mit Slytherin?"

Draco seufzte und starrte über den See in die Ferne. Als Ginnys Hand ihn leicht am Arm berührte, kam er wieder zu sich und lächelte sie schwach an. „Das hab ich mich selbst oft gefragt. Ich hab versucht, mich zu erinnern, was genau passiert ist in der Zeit zwischen meinem Kampf mit ihm und meinem-" Er machte eine Pause, während er versuchte, die Schauer unter Kontrolle zu bringen, die ihm den Rücken hinunterliefen. Es war noch immer schwer, darüber zu reden, was geschehen war. „Aber ich weiß es nicht wirklich. Alles, was ich weiß, ist, daß er im einem Moment da war und im nächsten weg. Und seitdem hab ich ihn nicht mehr gespürt."

Eine lange Stille entstand, als Ginny das verarbeitete, aber bevor sie etwas sagen konnte, sprach Draco weiter.

„Vielleicht hat es was mit dem Anhänger zu tun", überlegte er und sah hinunter auf seine Faust. „Vielleicht wurde er irgendwie vernichtet, als das Messer den Anhänger durchstochen hat."

Ginny dachte darüber nach. „Wie ... wie hast du das überhaupt gemacht? So gegen ihn angekämpft, meine ich."

Draco zuckte mit den Schultern, und Ginny war erschrocken angesichts des leeren, harten Ausdrucks in seinen Augen. „Ich weiß es wirklich nicht", sagte er schließlich. „Ich wußte nur, daß ich nicht zulassen konnte, daß er dich verletzt. Als ich gemerkt hab, daß ich das Messer nicht aufhalten konnte, daß ich nicht die Kraft dazu hatte, hab ich statt dessen einfach die Richtung geändert.

Ich hab darüber eine Weile nachgedacht, und ich glaube, daß ich den Kampf erst wirklich gewonnen habe, als ich seine eigene Kraft gegen ihn gewendet habe. In gewisser Weise war es so, daß er – oder sollte ich sagen: wir – ihn selbst zerstört haben, als wir den Anhänger zerstört haben. Der Anhänger war seine ganze Existenz. Ohne ihn war er gar nichts."

Ginny schwieg und starrte hinunter auf Dracos Hand, die die Bruchstücke der Kette fest umklammert hielt, während sich sein Blick verfinsterte. Ginny war sich sicher, daß er sich an jenen Tag erinnerte. Und plötzlich hatte sie Angst um ihn. Er sollte nicht den Rest seines Lebens damit verbringen, eine zerbrochene Kette und einen silbernen Anhänger zu umklammern und sich zu erinnern. Es war aus und vorbei, es war alles in der Vergangenheit, und es war an der Zeit, nach vorn zu sehen.

Genauso wie ihre Unsicherheit bezüglich ihm, erkannte sie. Sie wußte alles, was sie wissen mußte. Er liebte sie, und sie liebte ihn. Das hatte sie ihm letzte Nacht gesagt.

Sie nahm seine Hand sanft in ihre und löste seine Finger. Er schrak leicht zusammen, als er wieder in die Realität zurückgerissen wurde, blieb aber still stehen, als sie ihre Finger einen nach dem anderen in ihre Hand legte.

„Ich glaube nicht, daß wir das noch brauchen. Was meinst du?"

Draco schüttelte stumm den Kopf.

„Gut." Mit einem Lächeln stand Ginny auf und schleuderte die Stücke der Kette so weit auf den See hinaus, wie sie konnte.

Sie landeten mit einem leichten „Plopp" und sanken dann geräuschlos unter die Oberfläche.

Sobald sie verschwanden, fühlte sich Draco, als wäre ein großes Gewicht von seinen Schultern verschwunden. Das war es also gewesen, als ihn beschäftigt hatte.

Er grinste zu Ginny auf, als sie sich neben ihn setzte.

„Danke."

„Keine Ursache." Sie erwiderte sein Grinsen.

Stille.

„Also, was schlägst du vor, was wir jetzt machen sollen?"

„Ich weiß nicht, was willst du machen?"

„Willst du das wirklich wissen?" fragte Draco leichthin mit einem teuflischen Funkeln in den Augen.

„Ganz sicher", erwiderte Ginny mit glänzenden Augen.

„Na ja, okay ..." murmelte Draco in warnendem Tonfall, bevor seine Lippen ihre sanft berührten, und dann rauer, als sie beide versuchten, einander näher zu kommen. Zunge an Zunge, Lippen an Lippen lagen sie bald mehr auf dem Felsen, als daß sie saßen.

In diesem Moment, als er sie küßte, fühlte Draco sich so lebendig wie noch nie in seinem Leben. Es war ein wundervolles Gefühl, etwas, von dem er hoffte, daß er die Zeit haben würde, es wieder und wieder zu erleben. Allein wie sie schmeckte und sich anfühlte reichte aus, um einen warmblütigen Mann verrückt zu machen.

Ginnys Gedanken bewegten sich in etwa in dieselbe Richtung. Sie fuhr mit den Fingern durch Dracos weiche Haare und wunderte sich über die Seidigkeit. Sie hatte sich noch nie so sicher und beschützt gefühlt wie in diesem Augenblick, als seine Arme fest um sie geschlungen waren. Das hier war der Stoff, aus dem Träume waren.

Keiner von beiden bemerkte, wie nah sie an der Kante des Felsens waren, bis eine Stimme in der Stille des Morgens ertönte, die den Frieden störte und sie beide mit einem Schuldgefühl hochschrecken ließ. Außerdem rollten sie über die Kante.

Sie landeten in einem Wirrwarr von Armen und Beinen, und Ginnys langes Haar war um sie beide geschlungen. Zuerst waren sie ziemlich erschrocken, doch als sich ihre Blicke begegneten, brachen sie in Gelächter aus.

Sie hätten sich vielleicht noch einmal geküßt (nein, Draco hätte sie definitiv noch einmal um den Verstand geknutscht), hätte sich nicht jemand auf der anderen Seite der Büsche geräuspert.

Draco verdrehte die Augen, und Ginny seufzte, doch nach einem Augenblick gelang es ihnen, sich genug zu entknoten, um nachzusehen, wer der unwillkommene Besucher war.

Ein kleiner Junge mit einem Gryffindor-Abzeichen stand da. Er konnte höchstens ein Zweitkläßler sein.

„Na, was ist?" fragte Draco ungeduldig, während er sich mit einer Hand durch die Haare strich und den Jungen mit einem einschüchternden, finsteren Blick anstarrte.

Überraschenderweise behauptete sich der Erst- oder Zweitkläßler. „Seid ihr Draco Malfoy und Ginny Weasley?"

Sie nickten.

Der Junge grinste erleichtert. „Gut, ich hab euch als erster gefunden."

Draco und Ginny waren verwirrt.

„Alle suchen nach euch", erklärte der Junge in einem Tonfall, als sei es sehr wichtig. „Dumbledore hat gerade verkündet, daß die Gewinner der Herausforderung kommen sollen, um ihren Preis abzuholen."

Als das Paar weiterhin verwirrt aussah, rollte der Junge in gespielter Verzweiflung mit den Augen. „Ihr wißt schon, diese Sache mit der Herausforderung? Ihr zwei habt gewonnen. Der Direktor hat es gerade beim Frühstück verkündet, und jetzt wartet alles darauf, daß ihr kommt und euren Preis abholt."

Draco und Ginny tauschten einen Blick, dann grinste Ginny und sprang aufgeregt auf. „Du hast den Mann gehört, laß uns gehen."

„Können wir nicht einfach ... hierbleiben?" stöhnte Draco.

„Komm schon." Ginny zupfte an seiner Hand und zog ihn auf die Füße. „Laß uns sehen, was der alte Dumbledore für uns hat."

ooOOoo

Die Große Halle war immer noch voll, als sie eintrafen. Es schien so, als würden alle warten, um zu sehen, welche Art Preis die beiden erhalten würden. Inzwischen war für alle offensichtlich, daß sie mehr bekommen würden als jeweils hundert Hauspunkte.

Ginny und Draco waren beide überrascht über den plötzlichen Jubel, der losbrach, als sie Hand in Hand nach vorne gingen. Anscheinend verkrafteten ihre Mitschüler die Kombination Gryffindor und Slytherin wesentlich besser, als sie erwartet hatten.

Ginny lächelte schüchtern, aber Draco schien die Aufmerksamkeit aufzusaugen. Er lächelte nicht direkt, aber sein vertrautes Grinsen war wieder da, und sein Gang wurde eher ein Stolzieren. Ginny verdrehte bei dem Anblick die Augen, sagte aber nichts.

Dumbledore erwartete sie mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Nicht einmal Draco konnte anders, als das Lächeln zu erwidern, ein kleines bißchen.

Sobald der Applaus verebbte, begann Dumbledore zu sprechen. „Ich gratuliere Ihnen beiden. Sie haben ihre Häuser stolz gemacht."

Unter neuerlichem Applaus fügte er leise hinzu: „Und Sie haben sich bei Ihrer ersten und letzten Aufgabe bewundernswert geschlagen, muß ich sagen."

„Was?" fragte Draco, bevor der Groschen fiel. Slytehrin. Er redete von Slytherin. „Sie meinen, Sie hatten das alles geplant?"

„Natürlich nicht", versicherte Dumbledore. „Aber als ich es erfuhr, schien es eine bessere Herausforderung zu sein als jede, die ich mir hätte ausdenken können." Dann zwinkerte er.

Er zwinkerte, während Draco und Ginny sprachlos dastanden. Er hatte es die ganze Zeit gewußt, und er hatte nicht versucht, es zu beenden, hatte nicht versucht zu helfen? Was stimmte mit dem alten Mann nicht?

„Dafür sollte er besser einen guten Grund haben", murmelte Draco rebellisch in Ginnys Richtung, als sie zuhörten, wie Dumledore jedem ihrer Häuser einhundert Punkte zusprach. „Wir hätten beide getötet werden können."

Ginny begann zu nicken, doch dann fiel ihr etwas ein. „Ich denke, den hatte er."

Dracos Kopf schnellte zu ihr herum, und als er sie ansah, sah er das vertraute Funkeln in ihren Augen. „Ach, wirklich. Und was für ein Grund ist das?"

„Wir." Sie lächelte ihn an, und obwohl sie vor dutzenden von Schülern und Lehrern standen und es seinen Ruf wahrscheinlich für immer ruinieren würde, lächelte Draco aus ganzem Herzen zurück.

Bis zu dem Moment, als Dumbledore ihnen ihren zusätzlichen Preis präsentierte. Kleine, silberne Ketten mit dem Hogwarts-Emblem, einschließlich einer Schlange mit Rubinaugen.

„Das kann nicht wahr sein."

Ende


Anmerkung: Das war's also mal wieder. Vielen Dank allen Lesern, die trotz der üblichen Verzögerungen bis zum Schluß durchgehalten haben. (-: