Sumpfland (III)

Als Krabat wenig später die Meisterstube betritt, findet er den Müller am Tisch sitzend vor, die Hände verschränkt und düster in die Flamme der einzelnen Kerze vor ihm starrend. Ansonsten ist es dunkel im Raum. Er sieht nicht auf, als Krabat den Raum betritt, fordert ihn nur mit knapper Geste auf, sich zu setzen.

Krabat lässt sich ihm gegenüber nieder. Schweigend sieht er dem Müller ins Gesicht. Es ist wie in den Nächten vor dem ersten Neumond diesen Jahres. Still, aber nicht unangenehm still. Es ist ein Schweigen zwischen Freunden. Ein schweres Schweigen zwar, doch nicht niederdrückend. Dennoch spürt er, nein, er weiß es, dass der Müller nicht einfach nur der Kerze beim Abbrennen zusieht. Nein, da geht ein Kampf in ihm vor. Krabat spürt, wie er mit sich ringt, wie er abwägt, was und wie viel er seinem Schüler erzählen kann. Man sieht es ihm nicht an, er bewegt sich nicht, nichts in seinem Blick deutet etwas derartiges an. Und doch ist es genau dieses Nicht-Vorhandensein von irgendeinem Zeichen, dass Krabat diese Gewissheit gibt.

"Meister," beginnt er leise. Der Müller sieht auf, nickt ihm bloß zu. "Es muss nicht heute sein."

"Schon gut, Krabat. Frag nur."

Krabat weiß nicht so recht, wo er beginnen soll. Am Besten wird sein, er beginnt bei den Dingen, die ihn selbst betreffen.

"Im Sumpf, da wo wir Jirko gefunden haben, was war das für ein seltsamer Ort?"

Der Müller lacht ein kurzes, freudloses Lachen. "Das war nur ein Weiher, ein flacher Tümpel. Du fragst dich wohl, was das für Stimmen und Geräusche das waren, die du gehört hast?"

"Ja, das tue ich."

"Aus dem Weiher steigt ein Gas auf, das unter anderem bewirkt, dass du Dinge hörst, die aus deiner Erinnerung und Vorstellungskraft beschworen werden, und sie für wahr hältst. Solange deine Augen verschlossen sind, ist es in Ordnung, da du nicht sehen kannst, dass niemand da ist, der mit dir redet. Sobald du aber die Augen öffnest, bist du verloren, denn dann wirst du unweigerlich stehen bleiben und suchend um dich schauend. Und das Moor packt dich und lässt dich nicht mehr los. So mancher ist schon umgekommen deswegen. Und viele derer, die nicht im Morast erstickt sind, sind verrückt geworden davon. Dieses Gas verzerrt die Wahrnehmung. Und je länger man ihm ausgesetzt ist, desto verheerender ist seine Wirkung. Es hat mir die Zeit gefehlt da draußen, um es dir zu erklären, um des Jungens Willen mussten wir uns beeilen..."

"Woher wusstest du, wo wir ihn finden?"

"Seine Träume. Seine Träume haben mich zu ihm geführt."

"Träume, Meister?"

Der nickt, geht aber nicht weiter darauf ein.

"Was mir nicht ganz klar werden will", sagt Krabat leise, "ist dein Verhalten ihm gegenüber, Müller im Koselbruch. Zuerst peinigst du ihn mit Albträumen und dann reitest du wie vom Teufel gehetzt zu seiner Rettung."

Der Meister sieht ihn eindringlich an. "Du glaubst, ich hätte ihn schlecht träumen lassen? Ich hätte ihn im Schlaf gepeinigt? Nein, du irrst. Das war seine eigene Angst, seine eigene Unruhe, die ihm die Alpträume beschert haben. Nicht vor mir ist er aus der Mühle davongelaufen, sondern vor sich selbst."

Krabat überlegt einen Moment, bevor er spricht: "Der Junge muss dich sehr an deinen alten Freund Jirko erinnern."

Der Meister antwortet ihm nicht, starrt nur wieder in die Kerzenflamme. Krabat sucht etwas in seinem Blick. Sucht, aber findet es nicht. Findet nur einen düsteren Schatten von Schmerz im Gesicht des älteren Mannes.

"Er war es, nicht wahr, den du gehört hast, da draußen im Sumpf", fährt Krabat fort.

Die Antwort des Müller ist ein knappes Nicken, er hebt den Blick nicht. Dann fällt Schweigen zwischen sie. Nur der Docht der Kerze knistert leise, die kleine Flamme taucht den Tisch in goldenes Licht. Die Stille ist schwer wie Blei, legt sich auf die Sitzenden wie Staub und nimmt ihnen den Atem. Da, als Krabat schon anfängt zu glauben, der Meister würde für den Rest der Nacht stumm bleiben, erhebt er die Stimme wieder. Sie klingt entrückt, fern, als spräche er zu jemand anderem, Jahre in der Vergangenheit.

"Es gab eine Zeit, da bin ich jeden Tag hinausgegangen. Ich ging im Morgengrauen und kam nachts wieder zurück. Nur um ihn zu hören ging ich hinaus. Ich wäre am liebsten dort geblieben, für immer dort geblieben, um alles zu vergessen. Doch mit der Zeit vergaß ich nur seine Stimme und er sprach nicht mehr zu mir. Und der Schmerz über das Vergessen hielt mich schließlich von dem Ort fern. Die Stimme, die ich heute gehört habe, das war nicht Jirko. Das war nur wieder mein Gewissen, das sich die letzten Erinnerungen an ihn überzieht wie einen Tarnmantel... und sie verdreht, bis ich sie nicht mehr kenne..." Seine Stimme verliert sich. Stumm starrt er weiter vor sich hin. Bitter hängt der Nachhall seiner Worte zwischen ihnen.

Wie zu Stein erstarrt sitzt der Müller am Tisch. Die Finger ineinander verschlungen, schwer auf der Tischplatte aufgestützt sind die Arme. Der Schein der Kerze zeichnet die vielen Falten und Furchen in seinem Gesicht wie Abgründe der Pein. Mehr als jemals zuvor kann Krabat jetzt hinter seine Maske blicken, er sieht deutlich wie schwer der Verlust seines besten Freundes diesen Mann getroffen hat, wie tief ihn Selbsthass und Gram zerfressen haben. Sie haben ihn blind gemacht. Blind dafür, dass die Tür aus dem Verließ heraus ja eigentlich sperrangelweit offen stünde. Blind dafür, dass er nicht eingekerkert wurde, sondern sich selbst eingemauert hat.

Was es braucht, ist eine Hand, in Freundschaft gereicht, die ihn hinausführt aus dem Kerkerloch.

Zögerlich streckt Krabat die Hand aus. Sie bleibt in der Schwebe über den Händen des Müllers. Nur für einige, wenige Augenblicke. Dann legt er sie vorsichtig auf die Hände seines Lehrherrn. So behutsam, als wären es Libellenflügel, die er zu berühren trachtet.

Leise sagt er: "Hör auf, dich selbst zu verdammen, Müller, und fang das Trauern an."

Der Meister hebt den Blick. Langsam. Undeutbar der Ausdruck seines einen Auges. "Das Trauern, Krabat?", fragt er mit fast tonloser Stimme. "Ich trauere seit seinem Tod."

"Nein", entgegnet Krabat fest. "Du grämst dich und weigerst dich, seinen Tod anzunehmen. Du schließt nicht mit dem ab, was geschehen ist. Du verkriechst dich in einer Vergangenheit, die nicht geändert werden kann, als ob du zu feige wärst, der Zukunft ins Gesicht zu sehen, und bejammerst dich und dein Unglück. Und obendrein lässt du deine Wut über deine Unfähigkeit, dir selbst zu vergeben, an denen aus, für die du Verantwortung trägst."

Er hat hart gesprochen, doch keine Sekunde hat er seine Hand von den Händen des Müllers genommen. Versöhnlicher fügt er hinzu, während er auch seine andere Hand auf die des Meisters legt: "Da ist noch mehr als nur sein Tod. Noch etwas anderes, das dich nicht zur Ruhe kommen lässt."

Nicht böse, nicht spöttisch, aber doch reichlich misstrauisch fällt die Antwort aus: "Und jetzt glaubst du wohl, du hättest das Recht, mich danach zu fragen?"Der Müller steht auf, entzieht sich der Berührung und geht zum Fenster hinüber. Krabat bleibt am Tisch sitzen, den Blick auf seine Hände gerichtet. Er weiß, dass der Meister verunsichert ist, dass er Angst davor hat, ihn ins Vertrauen zu ziehen. Ihn, einen Schüler. Und Krabat spürt sein Zögern vor dem nächsten Schritt, spürt, wie er mit sich ringt, Krabats helfende Geste anzunehmen, spürt seine Furcht, sich nach all den Jahren jemandem zu öffnen. Er schweigt, wartet nur ab.

Irgendwann weiß Krabat nicht mehr, ob es Stunden oder Minuten sind, die vergehen. Der Meister steht unbeweglich am Fenster, wendet ihm den Rücken zu und starrt in die Nacht hinaus. Die Kerze zehrt das wenige Wachs auf, das ihr noch bleibt. Dann und wann entlässt sie ein Rußwölkchen in die Düsternis der Kammer. Ab und zu tänzelt das filigrane Flämmchen im Luftzug. Hin und her, auf und ab. Dann wieder Ruhe. Lange Perioden der Ruhe, ein sanftes Schwingen zur Seite, wieder Ruhe. Perlfadengleich rollt und tropft das Wachs auf den Tisch. Es wird weniger, immer weniger, die Flamme wird schwächer. Zuerst ist es noch ein bläulicher Schein, der den verglimmenden Docht umgibt. Er wandelt sich bald zum rotglimmenden Punkt in der Dunkelheit. Und schließlich verlischt das Licht ganz.

Finsternis, vor der sich das kaum hellere Rechteckgefüge des Fensters nur wenig abhebt, hüllt die Meisterstube ein. Krabat schließt die Augen und lauscht. Anfangs ist es nur sein eigener Atem, den er hört, sein eigener Herzschlag. Doch bald treten diese Geräusche zunehmend in den Hintergrund und er beginnt, jenseits der Grenzen seines Körpers zu hören. Hört die Atemzüge des Müllers vom Fenster herüber - ganz leise, ganz fern - und hört in ihnen die Gedanken seines Lehrherrn. Ja, er hört, wie sich mit jedem neuen Gedanken der Gesamtton ändert. Er ist wie gebannt von dieser Melodie, die unhörbar bleibt für das vom Auge geführte Ohr. Ein dunkler, irdener Grundton, wie mit Flammenlohen durchschossen von helleren, stetig steigenden und fallenden Tönen, und aufgeweicht vom Wasser des Leids, auf dem ein kühler Wind die Akkorde spielt.

Das feine Gewebe von Geräuschen und Tönen wird jäh zerstört, als der Meister spricht. Seine Stimme ist rau und sehr leise: "Du bist immer noch da."

Krabat entgegnet nichts darauf. Er wüsste nicht, was. In das neuerliche Schweigen hinein dröhnen die Schritte des Müllers auf den alten Dielen, als er zum Tisch zurückkehrt. Das Holz knarrt, als er sich Krabat gegenüber niederlässt. Wie zuvor legt er seine Hände auf den Tisch, die Finger ineinander verschränkt, nur wenige Zentimeter von Krabats eigenen Händen entfernt. Eine spürbare Wärme geht von ihnen aus. Noch immer zögert der Müller.

Stattdessen ist es jetzt Krabat, der das Wort erhebt: "Es ist Jahre her, seit ich auf Wanderschaft war. Es kommt mir gar vor, als wär's ein anderes Leben gewesen. Damals, in der Zeit, als ich in meinen Träumen von einer Stimme gerufen wurde, nach Schwarzkollm in die Mühle zu kommen, da traf ich einen Mann. Ich fragte ihn nach dem Weg zur Mühle und er zeigte ihn mir. Und auch warnte er mich davor, dorthin zu gehen. Es wäre nicht geheuer dort. Seither habe ich oft nachgedacht, ob ich besser dran wäre, hätte ich diese Warnung damals beherzigt." Für einen Moment schweigt Krabat. Gibt den Worten Raum, sich zu entfalten. Dann fährt er fort: "Vor allem im ersten und zweiten Jahr hab' ich mir oft gewünscht, ich wäre nie hergekommen. Ich hatte Angst vor dem mächtigen Schwarzen Müller und seinem Zorn, aber ich habe Freundschaften geschlossen, die mir halfen, diese Angst zu überwinden. Mich selbst zu überwinden und an den Aufgaben zu wachsen, die es zu bewältigen galt. In der Rückschau auf die Jahre, die ich nun hier bin, kann ich sagen, dass ich hier großes Leid erfahren habe. Genauso wie ich gelernt habe, mich an einfachen Dingen zu erfreuen, und ich habe gelernt zu lieben und Hilfe anzunehmen. Es war eine harte Zeit hier, aber eine gute Zeit, die ich nicht missen will. Sie hat mich zu dem gemacht, was ich bin."

Schweigen. Dann: "Du, Müller, du hast mich zu dem gemacht, was ich bin. Durch dich habe ich alle Menschen verloren, die mir je wichtig waren, du hast mir alles genommen, was mein Leben wertvoll machte. Du warst lange Jahre der Punkt, um den mein Leben kreiste, ohne das ich es wahrhaben wollte. Du bist es auch heute."

Krabat ergreift wieder die Hände des Müllers. Sanft umfasst er sie, diese alten, vom Leben gezeichneten Hände. Diese Hände, die so viele ins Grab gebracht haben.

"Auf eine andere Art und Weise allerdings", setzt er seine Rede fort. "Nicht mehr als Mittelpunkt meines Hasses und meiner Abscheu wie früher, sondern vielmehr als geschätzter Lehrer und..." Krabat zögert, es auszusprechen. "... und als Freund."

"Was sagst du da?", sagt der Müller, traurig und ein wenig ungläubig. "Wie kannst du das sagen, ohne mich zu kennen?" Seine Worte sind bitter, seine Stimme müde.

Krabat lächelt, als er seine Antwort ausspricht: "Weil es so ist. Du bist mir ein Freund geworden, Müller im Koselbruch. Ich bitte dich nur, mir die Gelegenheit zu erweisen, dich kennen zu lernen, wenn du daran zweifelst." Damit lässt er des Müllers Hände los, steht auf und geht, seinen Meister zutiefst erschüttert im Dunkel zurücklassend.

tbc