I see the sun behind you yet once more

Rilla öffnete den Brief nicht. Es brachte ja nichts, sie wusste was darin stand und sie wollte es nie mehr lesen müssen. Stattdessen nahm sie ihn hoch, ganz behutsam, als würde das noch etwas ändern, und trug ihn nach oben in ihr Zimmer. Dort verbannte sie ihn unter das lose Dielenbrett, unter dem auch schon die Belege dieser Farce, die sie Ehe nannten, ruhten.

Irgendwie fühlte es sich merkwürdig an, sie hier gemeinsam zu verbergen. Vielleicht, weil sie wusste, dass es Carl nicht gefallen hätte, weil er Ken nie gemocht hatte, oder vielleicht weil sie ahnte, dass es Ken egal gewesen wäre, weil er wahrscheinlich nie lange genug über Carl nachgedacht hatte um sich eine Meinung zu bilden.

Trotzdem schob sie das Dielenbrett zurück, zog den Teppich darüber, setze sich auf ihr Bett und wartete.

Wartete, dass irgendetwas passieren würde, auf Wut oder Schmerz, auf Tränen oder Scham, auf irgendeine Reaktion, die dieser Situation angemessen erscheinen würde. Aber eigentlich war ihr einfach nur kalt.

Sie griff nach der Wolldecke, die ordentlich gefaltet am Fußende des Bettes lag, schüttelte sie aus und legte sie sich um die Schultern. Aber eigentlich rechnete sie nicht wirklich damit, dass so etwas Banales wie eine Decke die Kälte würde vertreiben können.

So fand Anne ihre Tochter als sie einige Stunden später nach Hause kam. Reglos auf dem Bett sitzen, halb in eine Decke gewickelt, die Augen blicklos auf den Boden gerichtet.

„Liebling? Ist alles in Ordnung mit dir?", besorgt trat Anne näher heran.

Rilla hob den Kopf und für einen Moment spürte sie ein irrsinniges Verlangen, sich in die Arme ihrer Mutter zu flüchten und ihr alles zu erzählen, über Carl und über den Brief und darüber, dass der Brief wieder hier war und was das bedeutete – aber das ging ja nicht. Sie konnte es nicht sagen, weil sie gar kein Recht dazu hatte.

Und außerdem, sie hatte doch keinen Beweis. Sie wusste es zwar, aber in den Augen der Welt war es nicht sicher. Es würden ihnen dutzende Gründe einfallen, warum der Brief zurückgekommen sein könnte, und es würden vernünftige Gründe sein. Nicht, dass sie selbst sie glauben würde, aber zuallererst musste sie an seine Familie denken. Und es wäre nicht gerecht, ihnen das quälende Warten auf offizielle Nachricht anzutun, nur damit sie, Rilla, sich etwas besser fühlen konnte.

Außerdem bekamen sie so vielleicht noch ein oder zwei Tage Ungewissheit geschenkt.

Also sah sie das besorgte Gesicht ihrer Mutter und lächelte, in der Hoffnung, beruhigend zu wirken. „Mit mir ist alles in Ordnung", versicherte sie, „ich bin nur irgendwie… irgendwie etwas müde." Und das war nicht mal gelogen.

Anne kam die letzten paar Schritte auf Rilla zu, setze sich neben sie auf das Bett und blickte ihr prüfend ins Gesicht. Nach einigen Augenblicken seufzte sie und strich ihrer Tochter mit einer Hand über die Wange.

„Du siehst wirklich sehr müde aus, mein Schatz. Vielleicht solltest du dich mal einige Tage ausruhen?", schlug sie vorsichtig vor.

Langsam schüttelte Rilla den Kopf. „Ich muss doch in die Schule. Für Mrs. Crow wäre das ein gefundenes Fressen, wenn ich mich ‚ein paar Tage ausruhen' muss…", wandte sie ein.

„Mrs. Crow lass mal meine Sorge sein. Deine Schüler verlernen ganz sicher nicht alles, was du ihnen beigebracht hast, wenn sie mal zwei Tage keine Schule haben", versicherte Anne, „und dir würde etwas Pause wirklich gut tun, glaube ich."

Rilla wusste, dass sie eigentlich widersprechen sollte, weil sie ja nicht krank war und sie Verpflichtungen hatte und man Verpflichtungen nun einmal erfüllen musste, aber… aber. Die Vorstellung, morgen früh aufzustehen, sich fertig zu machen, in die Schule zu gehen und dort den ganzen Tag die fröhliche Lehrerin zu geben, kam ihr mit einem mal unvorstellbar hart vor.

Also nickte sie zögerlich. Weil es zwar vielleicht nicht richtig war, aber wenigstens einfach.

Anne, froh darum, etwas zu tun können, sorgte dafür, dass Rilla den Rest des Abends im Bett verbrachte. Gilbert kam etwas später hinauf, nahm eine gründliche Untersuchung vor, und erklärte seiner besorgten Frau, dass es wohl nur ein Fall von Erschöpfung war, was eigentlich niemanden wundern sollte, und dass sie völlig Recht hatte, dass ein paar Tage Ruhe helfen würden. Susan brachte vor dem Schlafengehen einen Teller Kekse und ein Glas heiße Milch mit Honig hinauf und breitete eine zusätzliche Decke über der Patientin aus.

Die ‚Patientin' selbst folgte brav jeder Anweisung, legte sich ins Bett, ließ sich in den Hals schauen, trank die heiße Milch. Sie war dankbar für die Sorge, die ihr zuteil kam, aber auf eine merkwürdig abwesende Art. Vielleicht, weil sie wusste, dass sie mehr fühlen sollte, aber irgendetwas sie daran hinderte, es zu tun.

Es folgten zwei unwirkliche Tage, die Rilla im Bett verbrachte, manchmal schlafend, aber viel öfter damit beschäftigt, die genaue Anzahl der Streublumen auf ihrer Tapete zu bestimmen oder darüber nachzudenken, ob Zugvögel, wenn sie im Frühling zurückkehrten in der grünen Pracht trotzdem noch die trostlosen, blattlosen Bäume vom letzten Jahr erkannten.

Ehrlich gesagt dachte sie über sehr viele Dinge nach in diesen Tagen. Bloß nicht über den Krieg, oder über Carl, oder über etwas anderes, das damit zu tun hatte, weil sie das nicht durfte und sie nicht sicher war, ob sie es ertrug.

Und trotzdem war da ein kleiner Teil in ihr, der beinahe etwas erleichtert war, als am Abend des zweiten Tages ihre Eltern mit traurigen Gesichtern das Zimmer betraten und ihr in behutsamen Worten mitteilten, dass ein Telegramm im Pfarrhaus angekommen war und das Carl bei Vimy Ridge gefallen war.

Vielleicht lag es daran, dass sie sich jetzt endlich erlauben konnte, zu weinen.


Man konnte den guten Menschen von Glen vieles vorwerfen, aber nicht, dass sie ihren anfangs so misstrauisch beäugten Pfarrer und seine vier mutterlosen Kinder nicht aufrichtig lieben gelernt hatten. Und jetzt, wo sich die Nachricht über Carl wie Lauffeuer im Ort verbreitete, hatte sie eine Gelegenheit, es zu zeigen.

Nicht, dass es wirklich viel gab, was sie tun könnten. Aber es verging kein Tag, an dem es nicht drei oder viermal an der Haustür klopfte, und eine Nachbarin mit einen nahrhaften Eintopf oder einer herzhaften Pastete davorstand. Das Kirchenkomitee erklärte seinem Pfarrer die volle Unterstützung und beurlaubte ihn auf unbestimmte Zeit. Und als der Sonntag kam und sich tatsächlich abzeichnete, dass in der presbyterianischen Kirche von Glen an diesem Tag kein Gottesdienst stattfinden würde, nahmen die Menschen ohne ein Wort der Klage die Reise nach Lowbridge auf sich.

Von den Merediths selbst sah man wenig. Als Rilla nach drei Tagen die Schule wieder öffnete, war sie nicht überrascht, Bruces Platz leer vorzufinden. Die an der Haustür abgegebenen Gaben wurden von Rosemary oder seltener von Una entgegengenommen, die tapfer lächelten und nicht viel sprachen. Den Reverend sah in den ersten Tagen überhaupt niemand.

Es waren keine zwei Wochen seit dem Telegramm vergangen, als Rilla eines Nachmittags von der Schule nach Hause kam und im Flur von Susan abgefangen wurde.

„Kannst du ein bisschen hereinkommen und mir mit den Kartoffeln helfen, Liebes?", bat sie und deutete hinter sich auf die Küche.

Rilla unterdrückte ein Seufzen, nickte dann. Sie war müde, es hatte einen komplizierten Zwist zwischen Josy MacAllister und ihrer vormals besten Freundin Olive Thompson gegeben, den sie hatte schlichten müssen. Es war um irgendwie Lappalie gegangen – eigentlich wusste Rilla bis jetzt nicht, was genau der Auslöser gewesen war – aber der wirkliche Grund lag wohl darin, dass Olive sich mit Molly Laurence angefreundet hatte, die Anfang des Jahrs neu in die Schule gekommen war. Molly und Josy konnten einander jedoch nicht leiden und die ganze Situation führte regelmäßig zu dicken Tränen und dramatischen Anschuldigungen, die von Rilla stets ihr gesamtes pädagogisches Geschick erforderten.

Kurzum, es war ein anstrengender Tag gewesen, und das nicht nur, weil im Moment jeder Tag ein bisschen anstrengender war.

„Klar, ich komme", antwortete sie trotzdem, weil ja Susan nichts dafür konnte und sie sich doch sowieso schon krumm arbeitete, und betrat die Küche. Dort warteten die Kartoffeln auf sie, aber glücklicherweise versprach es, nicht viel Arbeit zu werden. Es gab einfach nicht mehr so viel zu Essen wie früher. Und hatte es erst nur Dinge wie Zucker, Butter, Salz betroffen, so merkte man mittlerweile auch an der Anzahl der Kartoffeln, dass sie sich im Krieg befanden.

Also band Rilla sich eine Schürze um, nahm ein kleines scharfes Messer in die eine und die erste Kartoffel in die andere Hand und begann zu schälen. Mit halbem Ohr hörte sie dabei Susan zu, die ihre Ansicht über das Weltgeschehen kundtat. Noch vor drei Jahren hatte sich Susan schon für Dinge, die im nur unweit entfernten Lowbridge passierten, nur mäßig interessiert. Der Krieg jedoch hatte sie zu einer bestens informierten, wenn auch nicht immer ganz unparteiischen Beobachterin von Kampf- und Weltgeschehen werden lassen.

„…und mit diesen Russen, das wird auch nicht gut werden, das wirst du schon noch sehen. Erst stürzen sie ihren Zar – dabei war er doch ein so gut aussehender Mann – und sperren ihn ein und keiner weiß, was aus ihm werden soll. Und seine hübschen Kinder gleich mit und die arme Frau – obwohl sie ja nun eine Deutsche ist und die Russen haben schon Recht, dass man den Deutschen nicht trauen kann. Aber jetzt kommt da doch glatt dieser Lenin und will Frieden mit dem Kaiser schließen. Frieden! Mit dem Kaiser! Man stelle sich das nur mal vor!", echauffierte sie sich gerade über die russische Situation und sah Rilla dabei so auffordernd an, dass diese sich beeilte, pflichtschuldigst zu nicken.

Wahrscheinlich hatte Susan noch so einiges über ‚diesen Lenin' zu sagen gehabt, hätte es in dem Moment nicht leise an der Hintertür geklopft.

Die Tür war nur angelehnt und so musste Rilla sich nur kurz umsehen, um zu erkennen, dass Rosemary Meredith auf der Schwelle stand. Überrascht ließ sie das Messer sinken. Die Merediths hatten in den letzten zwei Wochen das Pfarrhaus nur verlassen, wenn es absolut nötig war. Und Gesellschaftsbesuche hatten sie ganz sicher keine getätigt.

Susan fasste sich als erste wieder. „Mrs. Meredith!", rief sie aus, „kommen Sie doch herein. Schnell, Rilla, hol' einen Stuhl für Mrs. Meredith."

Rosemary hob die Hände. „Bitte machen Sie sich keine Umstände. Ich kann nicht lange bleiben", wehrte sie ab, noch bevor Rilla sich rühren konnte.

„Aber dann kommen Sie doch wenigstens herein", beharrte Susan, unterstrichen von einer Handbewegung, „und Sie müssen unbedingt etwas von meinem Eingemachten mitnehmen. Ich habe noch ein paar Gläser Blaubeer-Marmelade vom letzten Jahr übrig. Oder möchten Sie lieber Erdbeere? Mein Erdbeer-Rhabarbar-Marmelade hat beim Sommerfest vor fünf Jahren den ersten Preis gewonnen!"

„Das ist sehr großzügig, Ms. Baker. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, können wir uns im Moment vor Essensgaben ohnehin kaum retten", erwiderte Rosemary mit einem kurzen, traurigen Lächeln.

Susan wusste offensichtlich nicht, was sie darauf sagen solle, denn sie murmelte nur: „Nun, wenn das so ist…" Es gab Rosemary die Chance, sich an Rilla zu wenden und zum eigentlichen Grund des Besuchs zu kommen.

Sie schien kurz zu überlegen, wie sie ihr Anliegen am besten vorbringen sollte, entschied sich dann aber für den direkten Weg. „Wir möchten gerne am Samstag eine kleine Gedenkfeier unten im Tal abhalten. Die… nun, die Beisetzung ist bereits in Frankreich erfolgt und das ist sicher auch richtig so. Aber ich denke, es wird John und Carls Geschwistern helfen, wenn wir hier ebenfalls einen Ort haben, um an ihn zu erinnern", erklärte sie und obwohl sie sehr gefasst war, schimmerten jetzt Tränen in den Augen.

Rilla zögerte.

„Es wird nichts großes", beschwichtigte Rosemary, die das Zögern gemerkt hatte, sofort, „Deswegen machen wir es auch im Tal und nicht in der Kirche. Wir wollen einen ganz kleinen Rahmen. John und ich werden da sein und Una und Bruce natürlich. Meine Schwester Ellen und ihr Mann ebenfalls. Johns Geschwister wollen kommen und vielleicht die ein oder andere von Carls Cousinen. Vielleicht schafft es auch Cecilias jüngste Schwester, zumindest möchte sie es versuchen, das arme Mädchen. Wir möchten auch gerne einige von Carls Freunden dort haben, aber – nun, die meistens sind ja nicht mehr hier."

Für einige Momente legte sich Schweigen über die Küche. Es war schließlich Rilla, die es brach. „Es ist… es ist sehr nett… also, ich weiß zu schätzen, dass…", hob sie zunächst zögerlich an, schüttelte dann jedoch den Kopf und erklärte bestimmt, „ich denke nicht, dass ich wirklich dort sein sollte."

„Und warum nicht?", fragte Rosemary sanft.

Wieder seufzte Rilla. „Ich weiß nicht, ob Una es erzählt hat, aber…", begann sie, aber Rosemary ließ sie nicht ausreden.

„Una würde niemals etwas erzählen, das ihr nicht zusteht. Ich denke, dafür kennen wir sie beide gut genug. Wenn sie etwas hat durchblicken lassen, dann nur, dass du Carl sehr wichtig warst und er dir ebenfalls. Ich bin mir also sehr sicher, dass du kommen solltest. Was noch viel wichtiger ist: wir möchten dich sehr gerne dabei haben", sie sagte es sehr freundlich, so freundlich, dass Rilla geneigt war, ihr zu glauben.

Sehr langsam nickte sie. Rosemary quittierte das mit einem kurzen Lächeln. „Das freut mich", erklärte sie, „wenn deine Eltern es schaffen, sind sie uns ebenfalls sehr willkommen. Sie genauso, Ms. Baker."

Susan versicherte, dass sie natürlich ebenfalls kommen würde und Mrs. Dr. Dear natürlich genauso und der Doktor auch, wenn er es schaffte, aber bei dem wusste man natürlich nie. Es konnte immer sein, dass irgendwo ein Kind geboren wurde, das wusste niemand besser als sie hier auf Ingleside. Rosemary, ihr Anliegen vorgebracht, verabschiedete sich danach ziemlich bald, ein Glas Pflaumen-Kompott in der Hand, das zu geben Susan sich nicht hatte nehmen lassen.

Rilla blieb bei ihren Kartoffeln stehen, das Kartoffelmesser immer noch in der Hand, auf halber Höhe über dem Tisch schwebend. Sie hatte nicht zusagen wollen – ja, sie glaubte immer noch, dass sie nicht hätte zusagen sollen. Aber sie hatte es getan und wie sollte sie das jetzt noch zurücknehmen?

Natürlich konnte sie das nicht. Und so fand sie sich wenige Tage später im Regenbogental wieder und sah Bruce dabei zu, wie er mit Unterstützung seines Vaters einen kleinen Ahornbaum in die rote Erde pflanzte, während die Sonne langsam hinter ihnen versank. Die dunklen, ernsten Gesichter waren beinahe identisch und der Ausdruck auf beiden war beinahe mehr als ein Beobachter ertragen konnte.

Rilla löste ihren Blick, vielleicht gerade deswegen, und betrachtete die kleine Traube Menschen. Da war ein dunkelhaariger Mann mit aufgedunsenem rotem Gesicht und einer dünnen, verhärmt aussehenden Frau. Johns Bruder, aller Wahrscheinlichkeit nach. Neben Ellen und Norman Douglas stand eine weitere Frau, die wohl Johns Schwester war, in Begleitung ihrer Tochter. Diese war ein paar Jahre älter war als Rilla und an der linken Hand einen Ehering trug. Kurz fragte Rilla sich, ob ihr Mann wohl im Krieg war und wie sich das anfühlen musste. Dann fiel ihr ein, dass ihr Mann ja auch im Krieg war und sie beeilte sich, woanders hinzusehen.

Eine hübsche junge Frau, wahrscheinlich nicht viel älter als die Zwillinge, hielt sich ein wenig abseits. Rilla kannte sie nicht, aber sie sah den Merediths so unähnlich, dass sie nicht Teil dieser Familie sein konnte. Da war aber etwas in der Art, wie das blonde Haar sich seinen Weg unter ihrem Hut hervorkämpfte und wie sie das Kind hielt, der sie für einen Moment an Faith denken ließ. Faith, die nach England gefahren war, um Soldaten zu helfen und die trotzdem keine Möglichkeit bekommen hatte, ihren kleinen Bruder zu retten.

Wahrscheinlich war das also die Schwester von Cecilia, entschied Rilla. Cecilia, die Mutter der vier ältesten Meredith-Kinder, die gestorben war, lange bevor John die Position in Glen angenommen hatte. Die Mutter, von der Carl einmal gesagt hatte, er habe nur Bruchstücke von Erinnerungen an sie, und selbst bei denen war er sich nicht sicher, ob es Erinnerungen waren oder Traumgespinnste.

„Ich stelle mir gerne vor, dass Mummy dort oben auf ihn gewartet hat", hörte sie plötzlich eine sehr leise Stimme hinter sich. Sie musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass es Una war.

„Natürlich ist das eine ziemlich kindische Vorstellung von mir", fuhr Una auch schon fort, „ich weiß ja, dass der Himmel nicht so funktioniert. Aber ich fände es schön, wenn es so wäre."

„Kann doch sein", gab Rilla zurück, ohne sich umzudrehen, „wir wissen doch hier alle gar nichts über den Himmel. Vielleicht ist es wirklich wie wir es uns als Kinder vorgestellt haben. Mit rosa Wolken und singenden Engeln und lieben Menschen, die auf uns warten."

Oder vielleicht war es auch einfach ein großes, schwarzes Nichts. Aber das sagte sie nicht.

Una trat jetzt neben sie und Rilla meinte, den Hauch eines Lächelns auf ihrem Gesicht zu sehen, das doch ansonsten blass und nass von Tränen war.

„Carl würde es hassen. Natürlich nicht Mummy. Aber die singenden Engel, die wären mehr, als er ertragen könnte", überlegte Una und jetzt sah es wirklich so aus, als würde sie ein kleines Bisschen Lächeln.

„Und die rosa Wolken wären ihm nicht wissenschaftlich korrekt genug", fügte Rilla hinzu. Die Vorstellung, was Carl zu singenden Engeln und rosa Wolken sagen würde, war genug, um auch sie lächeln zu lassen.

Danach schwiegen sie, für einige Minuten, ein ruhiges, entspanntes Schweigen, beide in Gedanken an den blonden Jungen, den Insekten fasziniert und dem die Natur viel bedeutet hatte, der am Ende aber noch mehr Mitgefühl mit den Menschen gehabt und dafür den ultimativen Preis gezahlt hatte.

Es war schließlich Una, die das Schweigen brach. „Er ist immer noch hier, irgendwie", bemerkte sie leise, „solange wir uns an ihn erinnern, solange wir ihn in jedem Käfer und jeder Maus und jeder Kröte sehen, die unseren Weg kreuzt und solange wir an ihn denken, wenn wir Hezekiah Pollocks Grabstein sehen und solange wir niemals ein Kind schlagen, weil Vater es bei ihm nicht tun konnte, solange ist er irgendwie immer noch hier."

„Ich glaube, ich werde niemals nicht an ihn denken können, wenn ich eine Ratte oder eine Ameise oder irgendein anderes Getier sehe, das er immer in seinen Taschen mit sich herumgeschleppt hat", erwiderte Rilla und schüttelte sich bei dem Gedanken. Una lächelte jetzt ernsthaft.

„Das wird uns also immer von ihm bleiben. Getier", stellte sie fest und Rilla hatte ihr Lächeln wohl erwiderte, wenn sie nicht plötzlich einen Kloß im Hals gehabt hätte, der es ihr unmöglich machte. Mit einem Mal war es, als wäre nach einem kurzen Aufblitzen von Sonnenstrahlen wieder eine dunkle Wolke aufgezogen.

Una, weil sie nun einmal Una war, spürte das sofort. „Was ist los?", fragte sie, freundlich und mitfühlend und auf diese Art, die gar nicht drängend war, und die doch dazu führte, dass man ihr alles erzählte.

„Der Brief…", hob Rilla zaghaft an, suchte nach Worten, „der Brief, den ich ihm geschrieben habe… er ist zurückgekommen… er hat ihn nicht gelesen…"

Sie wollte noch mehr sagen, wollte erklären, wie Recht Una hatte und wie Leid es ihr tat und wie schrecklich es gewesen wäre, wenn er den Brief gelesen hätte, aber wenn sie die Wahl gehabt hätte, wie viel lieber es ihr gewesen wäre, wenn er ihn gelesen und nie mehr ein Wort mit ihr gesprochen hätte, wie viel tausend Mal lieber ihr das gewesen wäre als das hier… Sie wollte noch eine ganze Menge sagen, aber Una ließ sie nicht. Mit einem leichten Kopfschütteln unterbrach sie Rillas Gedanken, die sich verzweifelt ihren Weg in Worte bahnen wollten.

„Es ist in Ordnung, Rilla", beruhigte Una sie, „natürlich bin ich froh, dass der Brief ihn vorher nicht mehr erreicht hat. Aber es macht auch eigentlich keinen Unterschied mehr. Ich weiß nämlich, dass du ihn auch geliebt hast, auf deine eigene Art, so wie ich meine eigene Art habe und Vater und wir alle. Und ich bin mir sicher, dass er das gewusst hat. Weil Carl nämlich ganz schon aufmerksam sein konnte, und zwar nicht nur wenn es um Frösche und Schlangen ging."

Ein Lächeln geisterte über Rillas Gesicht als sie an ein ganz bestimmtes Buch dachte. „Das war er", stimmte sie zu.

Una lächelte ebenfalls, auch wenn jetzt wieder die ersten Tränen zu fallen drohten. „Na siehst du? Und so wollen wir uns an ihn erinnern, an einen aufmerksamen, verrückten Jungen, der Aale und Nager mit ins Bett genommen hat und nicht genug Respekt vor Friedhöfen hatte und den wir trotzdem geliebt haben. Das, und nur das, sind wir ihm schuldig."


Der Titel ist dem Lied „Champagne Bath" der Band Sonata Arctica entnommen.