Der Wettbewerb

Die nächsten Wochen zogen wie unter einem dicken Nebel an mir vorbei. Meine Tage waren wirklich anstrengend und abends fiel ich wie ein Stein in mein Bett.

Edward und ich wurden auch weiterhin in der Schule angestarrt und hinter unserem Rücken wurde noch immer getuschelt, doch mit der Zeit gewöhnten wir uns daran und ich konnte es inzwischen immer besser ignorieren.

Hin und wieder, wenn Edward und ich alleine waren, versuchte er mit mir einen Schritt weiter zu gehen, doch ich war noch nicht bereit dazu. Insbesondere wenn ich daran dachte, wie viele Mädchen er wohl vor mir gehabt hatte wurde ich abgeschreckt und ich hielt ihn von mehr als Küssen ab, auch wenn er manchmal ein wenig frustriert danach wirkte.

Ich vertraute ihm, das tat ich wirklich, aber ich war noch nicht bereit diesen letzten Schritt zu gehen. Dazu war ich einfach selbst noch viel zu unsicher.

Mit den Proben kamen wir immer weiter voran, wir arbeiteten unermüdlich an einem Song und es klappte einfach super zwischen uns. Ich verstand mich mit allen aus der Band gut, auch wenn mir James noch immer ziemlich suspekt war, doch ich hatte mich an seine Eigenheiten – wie zum Beispiel, dass er immer barfuß lief – gewöhnt.

Auch bei der Krankengymnastik kam ich gut voran, ich machte meine Übungen regelmäßig, wonach Sue natürlich auch schaute und wenn sie bemerkte, dass ich irgendetwas vernachlässigt hatte, dann wies sie mich stets gründlich zurecht.

Ich hatte das Gefühl, dass sie langsam wie eine Art Mutter für mich wurde, denn ich wenn ich es gebraucht hätte, dann hätte ich mit ihr darüber reden können, das spürte ich. Und ich war unendlich dankbar dafür.

Ihrer unermüdlichen Hilfe hatte ich es auch zu verdanken, dass ich heute hier stand. Ich stand vor dem Spiegel und betrachte mich. Mir gefiel eigentlich was ich sah. Ich trug eine kurze Jeanshose über einer schwarzen Leggins. Meine Füße steckten in roten Chucks und ich hatte ein ebenso rotes Top an, darüber hatte ich eine schwarze Jacke, die mehr Zierde war, da sie meine Arme genauso wenig bedeckte.

Meine Haare waren gelockt und um meinen Hals hing eine schwarze Perlenkette. Natürlich konnten meine Uhr und mein Lederarmband nicht fehlen, denn sie waren wie Glücksbringern für mich.

Jane hatte mir Smokey Eye's geschminkt und meine Lippen passten mit ihrem rot sehr gut zum Rest des Outfits.

Heute war es so weit. Heute war der Bandwettbewerb und jede Band konnte nur ein Lied vorspielen. Bei dem Gedanken wurde mir etwas übel. Ein Lied, eine Chance und sie wollten es mit meinem Song probieren. Ich hatte ihn ein paar Tage nach der ersten Bandprobe geschrieben, einfach nur weil ich mich mit Musik beschäftigen wollte.

Dann war ich in die nächste Probe gegangen und hatte das Lied vor mich hin gesummt und es war niemand anderes als James gewesen, der mich gebeten hatte es vorzuspielen. Als ich dann sagte, dass das etwas von mir war, waren sie noch begeisterter gewesen, denn das würde unsere Chancen natürlich erhöhen, da wir nicht einfach ein Lied coverten.

Natürlich war das Lied nicht perfekt gewesen, was mir klar war, und deshalb hatte jeder seine Meinung und Vorschläge miteingebracht und daran gearbeitet. Eigentlich mochte ich das Ergebnis, aber wenn ich dann daran dachte, dass der Song nun einmal von mir stammte, dann war ich regelrecht verängstigt.

Würden sie mir die Schuld daran geben, wenn wir verloren? Davor hatte ich wirklich Angst. Doch ich wurde von einem Klopfen an der Tür aufgeschreckt. Ohne eine Antwort abzuwarten kamen Andy und Seth herein. Das war nicht besonders verwunderlich wenn man bedachte, dass wir uns mit der ganzen Band eine Umkleide teilten.

„Bella? Alles in Ordnung? Du bist ziemlich blass", fragte mich Andy besorgt, mit dem ich mich immer besser verstand. Nun ja, ich hatte mir nun mal schon immer einen schwulen besten Freund gewünscht.

Ich konnte ihm nicht antworten, da ich einen Kloß im Hals hatte und auch nicht wusste, was ich sagen sollte.

Jemand nahm meine Hand in seine und verblüfft blickte ich in Seth's Augen. Er war immer sehr zurück haltend und so etwas wie heute, das war sehr selten.

„Mach dir keine Sorgen", sagte er leise und lächelte mich an, „wir rocken die Leute hier. Und wenn nicht, dann haben die eben keinen Musikgeschmack."

Sein letzter Kommentar brachte mich zum Schmunzeln. Ich blickte die beiden vor mir an. Sie trugen beide eine schwarze Jeans, ein rotes Shirt und eine schwarze Lederjacke darüber. Zudem trugen sie genauso wie ich und der Rest der Band rote Chucks.

Wir hatten nämlich beschlossen, dass die Jungs genauso wie die Mädchen dasselbe tragen würden. Das hieß also, dass Jane dasselbe Outfit wie ich und James dasselbe Outfit wie die beiden vor mir trug.

„Du hast Recht", brachte ich schließlich hervor und umarmte Seth, dankbar dafür, dass er mir mit seinen Worten eigentlich versichert hatte, dass sie mir die Schuld für nichts geben würden.

Einer der Bühnenhelfer mit Klemmbrett klopfte an unsere Tür und ihm folgten Jane und James. Er schaute kurz nach, wohl um sicherzugehen, dass wir nun alle hier waren, dann sagte er: „Seid in zehn Minuten bereit auf die Bühne zu gehen."

Und schon war er wieder weg, um seinen anderen Pflichten nachzukommen. Wir hingegen standen alle im Raum und schwiegen uns an. Ich spürte, dass meine Hand nun zu schwitzen begann und ich rieb sie an meiner Hose ab.

„Wir bringen die Menge zum Toben", sagte Jane dann und blickte uns alle mit ihren schönen Augen an und grinste frech. Dann streckte sie ihre Hand in die Mitte und gab uns deutlich zu verstehen, dass wir unsere Hände auf ihre legen sollten.

Als wir alle bei ihr standen und ihrem stummen Wunsch nachgekommen waren grinste sie erneut und rief: „Apokalypse!"

Wir riefen ebenfalls „Apokalypse" und dann machten wir uns auf den Weg hinter die Bühne. Ich lächelte als ich mich erinnerte, wie wir uns diesen Namen gegeben hatten.

Wir waren einmal abends zusammen weg gegangen und später an diesem Abend hatten wir im Spaße darüber diskutiert, dass der Auftritt wohl ein richtiges Desaster werden würde. Dann war Seth irgendwie auf die Apokalypse gekommen und in dem Moment wussten wir sofort, wie wir uns nennen würden.

Viel zu schnell waren wir hinter der Bühne und ich konnte hören, wie jemand rief: „In fünf Minuten ist ‚Apokalypse' dran."

Ich schluckte. Wieso ging die Zeit so schnell rum? Ich war plötzlich wieder total nervös. Ich hatte gesehen, was für eine Menge vor der Bühne stand und uns spielen hören würde. Und diesmal war es nicht zum Spaß, sondern es ging um etwas, dass uns allen wichtig war.

Wenn wir diesen Wettbewerb gewannen, dann konnten wir eine Demo-CD aufnehmen und das war etwas, wozu wir so schnell nicht mehr die Möglichkeit bekommen würden.

Zudem wusste ich, dass vor der Bühne auch viele Leute waren, die ich kannte, darunter natürlich Edward, Alice, Rosalie, Emmett und Jasper.

Der Bühnenhelfer von eben kam zu uns und fragte noch einmal nach: „Apokalypse?" Wir nickten und ich bekam ein Mikrofon in die Hand gedrückt. „Ihr seid jetzt dran."

Ich spürte mein Herz plötzlich in meiner Kehle anstatt in meiner Brust und schloss kurz die Augen, um tief durchzuatmen und mich zu beruhigen. Ich hörte, wie der Ansager uns ankündigte und die anderen, die sich längst verteilt hatten, betraten unter dem Jubel des Publikums die Bühne.

Ich stand dort, von wo ich beginnen sollte, deshalb öffnete ich langsam die Augen und wappnete mich. Das war nun nicht der Moment, um nervös zu sein, sondern zu singen. Entschlossen umschloss ich das Mikro fester mit der Hand und wartete darauf, dass die Musik einsetzte.

(Link: Vanilla Ninja – My puzzle of dreams .com/watch?v=Ku5ppgIzeZA )

Dann hörte ich meinen Einsatz und schritt langsam auf die Bühne und begann sanft zu singen. Ich wurde ins Scheinwerferlicht getaucht, doch das störte mich jetzt nicht mehr. Ich war nun in meiner eigenen Welt, in die ich immer einzutauchen schien, wenn ich sang.

Ich schritt selbstbewusst über die Bühne nach vorne, wo der Mikrofonständer war und befestigte das Mikro beim Singen. Das alles war wie selbstverständlich für mich und ich lächelte unbewusst.

Ich blickte in die Menge und obwohl ich sie nicht sehen konnte, spürte ich doch die Blicke meiner Freunde auf mir. Und es machte mich nicht mehr nervös, es machte mich glücklich, dass ich diesen Moment mit ihnen teilen konnte, dass sie heute hier bei mir waren und mich unterstützten.

Doch mit diesem Lied war es wie mit allen Liedern, die ich mochte – es war viel zu schnell vorbei. Ich wurde beinahe von dem Ende überrascht und der Applaus und der Jubel des Publikums schreckten mich ein wenig auf.

Ich ging ein Stück nach hinten, wo die anderen vier schon in einer Reihe standen und mich in ihre Mitte nahmen. Dann verbeugten wir uns zusammen und machten uns winkend auf den Weg die Bühne runter.

Schweigend, als wäre gerade jemand gestorben, gingen wir in unsere Umkleide zurück. Dort standen wir einen Moment, dann brachen wir alle in Jubel aus und umarmten einander. Sogar der sonst immer so coole James umarmte mich und ich lachte ihm zu.

Wir hatten es geschafft. Wir waren auf diese Bühne gegangen und hatten das Publikum mitgerissen, so wie wir es gewollt hatten.

Aber auch die Freude, auch ein wenig durch das Adrenalin, das wir alle eindeutig im Blut hatten, hervorgerufen, hielt nicht ewig an.

Wir waren als neunzehntes gewesen und hinter uns kamen noch zwölf Gruppen und dann gab es eine halbe Stunde Pause, um der Jury die Möglichkeit zu geben, sich in Ruhe zu beraten.

Fast eine Stunde lang saßen wir also in unserer Umkleide und keiner sagte etwas, nur hin und wieder waren Geräusche zu hören, wenn Seth nervös auf seinen Beinen irgendeinen Rhythmus klopfte oder ich einmal mehr meine Flasche aufdrehte, um dann einen winzigen Schluck zu trinken.

Dann wurden wir erneut nach vorne gerufen, damit sich alle Bands auf der Bühne nebeneinander aufstellen konnten. Wir standen etwas weiter links dicht beieinander gedrängt und hielten uns an den Händen, ohne dass ich hätte sagen können wessen Hand es war.

Der Moderator kam unter großem Applaus und ein paar vereinzelten Jubelschreien auf die Bühne, einen Umschlag in der Hand.

Seine Hände mussten kein Mikrofon festhalten, so wie ich es eben beim Singen musste, denn er hatte ein Headset im Ohr, damit er frei sprechen und natürlich auch den Umschlag öffnen könnte.

„Hier ist es. Hier ist das auf was die Bands so lange erwartet haben. Die Ergebnisse natürlich. Allerdings, damit es nicht zu langwierig wird, werden wir hier nur die ersten zehn Plätze vorlesen. Die Bands, die daran interessiert sind die restliche Platzierung zu erfahren, können das nachher bei den Bühnenarbeitern nachfragen. Aber jetzt ist es so weit. Nachdem die Halle von jeder einzelnen Band, die alle tolle Arbeit geleistet haben, aufgeheizt wurde, haben wir jetzt hier die Sieger des Wettbewerbes…"

Hoffe ihr sagt mir eure Meinung, auch wenn ich diesmal wieder etwas länger gebraucht habe :)

Lg Scara