16. Kapitel: Neujahr – Teil 3
Lily, James, Sirius und Remus zogen sich unbemerkt aus dem Salon zurück und machten sich auf den Weg zu Herrys Zimmer.
Harry sah seinerseits auf seine Uhr: Nur noch eine Minute bis zum Neuen Jahr. Vielleicht würde dies ein besseres, nicht so trauriges Jahr werden, dachte er, als er plötzlich fühlte, wie seine Narbe zu brennen begann.
Reflexartig schloss er die Tür mit einem sehr mächtigen Verschließzauber und legte einen Schweigezauber auf die Tür, damit niemand die Schreie hören konnte, die er ausstieß.
Nachdem dies erledigt war, brannte seine Narbe noch immer genauso stark. Vielleicht war es gar nicht so schlimm…
Nur noch dreißig Sekunden. Lily und die drei Rumtreiber betraten den Korridor, der zu Harrys Zimmer führte.
Nur noch dreißig Sekunden und die Intensität der Schmerzen begann sich zu steigern. Doch es war immer noch im Bereich des Erträglichen. Harry versuchte, gegen diesen Schmerz anzukämpfen.
Nur noch fünfzehn Sekunden. Sie waren alle vier vor Harrys Tür angekommen und wollten Punkt Mitternacht eintreten, um ihn zu überraschen.
Nur noch fünfzehn Sekunden und nun verstand Harry, dass Voldemort, um das Neue Jahr willkommen zu heißen, sicherlich etwas mörderisch Grandioses geplant hatte.
Nur noch fünf Sekunden. Lily hatte eine Hand auf die Türklinke gelegt, doch sie wartete noch ab, um sie Punkt Mitternacht zu öffnen.
Nur noch fünf Sekunden. Harry spürte Voldemorts krankhafte Aufregung steigern, er spürte seine Vorfreude. Er musste jemanden warnen gehen. Er ging auf die Tür zu als er plötzlich…
4… bemerkte, dass das Brennen noch stärker wurde…
3… Lily war ganz aufgeregt und James lachte über ihre Aufregung…
2… Harry wälzte sich auf dem Boden. Er begann zu sehen, was Voldemort sah und zwar…
1… Lily drückte die Klinke hinunter, um einzutreten…
Das Ministerium. Harry erkannte das große Gebäude wieder, obgleich er erst ein Mal dort gewesen war.
Was er sah waren an die zwanzig Todesser, welche Voldemort umgaben. Dementoren waren bereits in dem großen Gebäude…
Lily versuchte, die Tür zu öffnen, doch diese war verschlossen. Sie versuchte es abermals, doch die Tür gab einfach nicht nach.
„Herry, bist du da drin? Mach die Tür auf, du verdirbst gerade die ganze Überraschung. – Warum antwortet er nicht?"
Es war Mitternacht und Voldemort griff das Ministerium an, nur um allen ein „gutes" Neues Jahr zu wünschen und nicht so sehr, um viele Opfer zu machen. Er attackierte das Symbol der Zaubererwelt.
Die Todesser griffen alle Zauberer an, die es wagten, sich ihnen in den Weg zu stellen.
„Herry, komm schon, mach auf."
„Herry, es sind nur wir vier", sagte Sirius.
„Das gefällt mir ganz und gar nicht", meinte Remus nachdenklich.
„Was hast du, Remus?", wollte James wissen.
„Na ja, das letzte Mal, als er sich in einem Zimmer eingeschlossen hat, das war in Hogwarts und Dumbledore hat mich sozusagen schwören lassen, euch nichts davon zu erzählen."
„Warum?", fragte Lily, die begann, in Panik auszubrechen.
„Weil Herry dabei war sich auf dem Boden vor Schmerzen zu wälzen, als Dumbledore es geschafft hat, die Tür zu öffnen. Ich habe einen Schweigezauber auf die Tür gelegt, ehe ich Dumbledore holen gegangen bin."
„Glaubst du, dass er diesmal er selbst einen Schweigezauber darauf gelegt hat?", fragte James, in dessen Stimme nun ebenfalls Panik mitschwang.
„Bringt alle um, die ankommen. Ich werde ihnen zeigen, wie man ein gutes Neujahr feiert", sagte eine kühle Stimme.
Die Todesser attackierten die armen Hexen und Zauberer, die das Pech hatten, am Sylvesterabend im Ministerium bleiben zu müssen. Die Auroren waren nicht im Ministerium. Die meisten waren zu Hause bei ihren Familien. Das Ministerium war ohne Verteidigung und Voldemort lachte sein ekliges, kühles Lachen.
Der Schmerz war unerträglich. Harry schrie so laut, dass ihm sein Hals weh tat. Seine Narbe schmerze unheimlich, doch er konnte schreien, so viel er wollte, der Schmerz ließ nicht nach. Im Gegenteil, er wurde nur von Sekunde zu Sekunde schlimmer. Er war unfreiwilliger Zeuge von Voldemorts Massaker.
Obgleich sein Hals vom vielen Schreien weh tat, konnte er nicht anders. Der Schmerz breitete sich über seinen ganzen Körper aus. Er spürte, wie seine Eingeweide zu brennen begannen als stünden sie unter Feuer.
„Herry? Antworte, bitte!", flehte Lily mit zitternder Stimme.
Die Rumtreiber nahmen sich die Tür vor, doch kein Spruch schien zu funktionieren.
„James, hol bitte deinen Vater. Schnell!", bat Lily, den Tränen nahe.
James verstand, dass etwas Ernstes vor sich gehen musste. Er rannte bis zu dem Zimmer seiner Eltern. Diese wollten gerade zu Bett gehen, als James in den Raum gestürmt kam.
„Immer schön mit der Ruhe, James", lachte sein Vater.
„Wir haben ein Riesenproblem. Herry hat sich in seinem Zimmer eingesperrt."
„Das ist doch nicht so schlimm. Vielleicht wollte er einfach nur alleine sein."
„Nein, wir haben alle möglichen Zauber versucht um reinzukommen, aber nichts hilft."
„Weißt du, Liebling, wenn er alleine sein will, dann muss man das verstehen", versuchte es Natasha.
„Aber Remus hat uns gesagt, dass er, als es das letzte Mal in Hogwarts passiert ist, vor Schmerzen geschrieen hat."
James brach jetzt wirklich in Panik aus und Kevin bemerkte das. Er würde nach Herry sehen, nur für alle Fälle...
Voldemort war jetzt auf Höhe des Büros des Zaubereiministers.
„Die Zauberer werden sich von dem Schock nicht erholen", lachte er dunkel. „Es ist an der Zeit, dem Festsaal einen kleinen Besuch abzustatten. Ich bin sicher, dass sich viele respektierte Zauberer dort befinden. Gehen wir uns auch ein wenig amüsieren."
Harry verstand, dass das, was folgen würde, ein Massaker wäre. Er versuchte aufzustehen, doch seine Beine waren schwach und er stürzte sofort wieder auf den Boden zurück, wobei er seine beiden Hände gegen seine Narbe presste. Der Schmerz wurde unerträglich und Harry schrie und schrie, ohne es überhaupt noch zu bemerken. Er bestand nur noch aus brennendem Schmerz.
Kevin trat vor die Tür. Er sah einen vollkommen blassen Remus, einen besorgten Sirius und eine Lily, die drauf und dran war loszuweinen.
Er versuchte die Tür mit einem Zauber zu öffnen, doch es tat sich nichts. Er versuchte also einen anderen, schwierigeren Spruch, doch noch immer öffnete sich die Tür nicht. Panik überkam auch ihn.
„Natasha, geh Dumbledore holen, ich glaube, dass wir ihn hier brauchen können. Er ist der einzige, der ihn gut genug kennt."
Natasha schritt davon, ohne Fragen zu stellen. Sie ging in den kleinen Salon und nahm eine Handvoll Flohpulver.
„Hogwarts, Büro des Schulleiters."
Sie steckte den Kopf in das Feuer und erkannte, dass der Schulleiter anwesend war.
„Dumbledore, ich glaube, dass wir ein Problem haben."
Etwas überrascht sah Dumbledore sie an.
„Was gibt es, Natasha?"
„Wir haben ein Problem mit dem jungen Herry Praott. Er scheint sich mit einem sehr mächtigen Zauber in seinem Zimmer eingesperrt zu haben und Remus sagt, dass es schon einmal vorgekommen ist."
Natasha sah zum ersten Mal, wie sich Besorgnis und Angst in den Augen des Direktors widerspiegelten.
„Ich komme sofort. Ich werde nur schnell Poppy Bescheid geben."
Natasha zog ihren Kopf zurück und wartete auf Dumbledore. Er brauchte keine zwei Minuten, die Natasha jedoch wie eine Ewigkeit vorkamen.
Er kam zusammen mit Pomfrey und hatte noch immer diese Besorgnis in den Augen.
Sie führte die beiden zu Harrys Zimmer. Als sie auf dem Weg dorthin am Salon vorbeikam, aus dem Musik drang, schloss sie die Türen mit einem Zauber, damit die Kinder nicht herauskamen.
Voldemort drang durch die Türflügel in den Festsaal ein. Viele Hexen und Zauberer waren darin, alle festlich gekleidet. Sie waren alle zu einer Gala hier versammelt, eine Gala zu Ehren der Spenden für das St. Mungos.
„Meine werten Freunde, ich wünsche euch ein schönes Neues Jahr", sagte Voldemort mit kühler Stimme.
Die Unterhaltungen ebenso wie die Musik verstummten augenblicklich. Die Todesser versperrten jegliche Fluchtwege. Niemand wagte mehr, sich zu bewegen. Alle wussten, dass sie diesen Saal nicht wieder lebend verlassen würden. Einzig ein Wunder konnte sie jetzt noch retten.
Harry hörte nicht auf zu schreien. Der Schmerz wurde nur noch schlimmer – wie weit würde er ihn ertragen können? Würde er von so viel Schmerz verrückt werden?
Dumbledore kam vor dem Zimmer an. Kevin versuchte vergeblich, die Tür zu öffnen, doch er schaffte es einfach nicht.
„Dumbledore, da sind Sie ja endlich! Ich kann diese Tür einfach nicht öffnen und mache mir wirklich Sorgen um den Jungen."
„Ich auch, Kevin, ich auch."
Alle waren erstaunt, Dumbledores so besorgten Blick zu sehen. Es war das erste Mal, dass er so verzweifelt schien.
Dumbledore stellte sich vor der Tür auf, legte seine Hand auf den Türgriff und murmelte ein paar unverständliche Worte, woraufhin die Tür sich endlich öffnete. Der Schweigezauber wurde im selben Augenblick, da sie aufging, gebrochen und alle hörten Herrys Schmerzensschreie.
Unmenschliche Schreie. Alle hörten und sahen Herrys Leiden. Der Junge lag auf dem Boden und schrie wie am Spieß.
Pomfrey ging auf den Patienten zu, doch sie schaffte es nicht, ihn aufzurichten.
„Professor, ich bin wirklich besorgt. Ich habe den Eindruck, als stünde er in Feuer. Als ob er mit Dutzenden von Cruciatus-Flüchen belegt werden würde."
Diese Bestätigung ließ die Kinder sowie die Erwachsenen erstarren.
Allein Dumbledore ging zu dem Jungen hin. „Herry, hörst du mich? Herry?"
Doch Harry hörte nicht, er sah. Er sah die Angst der Menschen, er sah... - und da hörte eine Stimme, die er kannte. Eine beruhigende Stimme. Dumbledores Stimme...
„Harry", sagte dieser, was Natasha überraschte, die nicht wusste, dass Dumbledore die Wahrheit kannte. „Harry, bitte, komm zu uns zurück."
„Er greift das Ministerium an, er greift den Festsaal an, sie werden... alle werden sie sterben... sie haben solche Angst... müssen jemanden hinschicken..."
„In Ordnung, ich habe verstanden. Bleib bei uns Harry, bleib bei uns. - Kevin, geben Sie allen verfügbaren Auroren Bescheid. Voldemort ist im Ministerium. Er ist im Festsaal. Beeilen Sie sich, wir dürfen keine Zeit verlieren."
Kevin verstand nicht, wie Harry so etwas wissen konnte, doch bei Dumbledores Blick konnte niemand nein sagen...
„An die zwanzig Todesser... und... Dementoren..."
Harry verlor letztlich vollkommen das Bewusstsein. Die Schreie hatten aufgehört und Pomfrey und Natasha kümmerten sich um ihn.
„Hört mir jetzt gut zu, Kinder", sagte Dumbledore, wobei er sich an die vier Jugendlichen wandte. „Wie ich Remus das erste Mal gesagt habe, muss all dies unter uns bleiben. Ich will, dass ihr das für euch behaltet, ist das klar?"
„Ja", meinte James.
Die vier Teenager waren mehr als nur geschockt. Alle waren bleich und verstanden nicht, was hier vor sich gegangen war.
Sie gingen in den Salon zurück, sobald Kevin den Zauber, der die Kinder eingesperrt gehalten hatte, aufgehoben hatte.
Als sie eintraten, wurden sie sofort von mehreren Freunden umringt.
„Wir haben euch schon überall gesucht", sagte Gabrielle, die Remus umarmte.
„Stimmt irgendetwas nicht?", wollte Anne wissen, als sie ihre Gesichter sah.
„Nein, ich fühle mich nur nicht so gut, das ist alles", entgegnete Lily, die am ganzen Körper zitterte.
„Das wird schon wieder, Lily", meinte James, der sie in seine Arme schloss.
Lily hatte nicht einmal die Kraft, sich aus seinen Armen zu befreien und sie hatte auch gar keine Lust dazu.
Die vier versuchten sich gegenseitig aufzumuntern, doch alle hatten noch immer das Bild von Herry Praott im Kopf, dem stolzen Slytherin, wie er vor Schmerz schrie und sich den Kopf hielt…
„Deswegen ist dir seine Narbe aufgefallen, Remus, nicht wahr?", wollte James wissen, obwohl es eher eine Feststellung als eine Frage war.
„Ja. Ich hab es schon einmal gesehen, aber er ist immer wieder von neuem erschreckend mit anzusehen!"
„Wir müssen versuchen, ein Heilmittel zu finden."
„Allerdings, wir können ihn nicht einfach so hängen lassen", stimmte Sirius zu.
„Glaubt ihr nicht, dass Dumbledore, wenn man dagegen etwas tun könnte, das schon nach dem letzten Mal gemacht hätte?"
„Das letzte Mal, Remus...", hob James nachdenklich an. „…War das, bei dem Angriff auf dieses Dorf?"
„Ähm, ja, wart mal, die Uhrzeit war in dem Zeitungsartikel erwähnt. Er hatte diesen Anfall nach der Verteidigungsstunde, das muss so um viertel sieben gewesen sein."
„Ich erinnere mich an diesen Artikel!", rief Lily. „Das Massaker fand um zwanzig nach sechs statt. Glaubt ihr, dass er die Angriffe sieht?", fragte sie etwas schockiert von ihrer eigenen Erkenntnis.
„Wir sollten morgen auf jeden Fall in die Zeitung sehen", meinte James.
„Und wir sollten am besten auch morgen weiter darüber reden, die schauen schon alle zu uns rüber."
So wurde die Diskussion also abgebrochen und die Feier endete wenig später.
Als alle Gäste gegangen waren, gingen die vier Freunde in James' Zimmer schlafen.
Am nächsten Morgen wachten sie früh auf und gingen rasch hinunter in das Esszimmer, wo Kevin und Natasha bereits frühstückten.
„Geht es Herry besser?", fragte Lily sofort.
„Madam Pomfrey hat ihn in den Krankenflügel nach Hogwarts gebracht. Professor Dumbledore hat seine Sachen und seine Eule heute morgen abgeholt."
„Er verbringt den Rest der Ferien also in Hogwarts?"
„Ja, aber es bleiben ja ohnehin nur noch zwei Tage übrig, bevor die Schule wieder losgeht."
„Wie ging es ihm denn, als Sie ihn das letzte Mal gesehen haben?", hakte Lily beunruhigt weiter nach.
„Das war ein wirklich heftiger Anfall. Er war noch nicht bei Bewusstsein, als sie ihn nach Hogwarts gebracht haben."
Sie wurden von einer Eule unterbrochen, die den Tagespropheten brachte.
Kevin nahm der Eule die Zeitung ab und begann, sie zu lesen.
Die vier Schüler aßen weiter als ob nichts wäre, doch als Kevin und Natasha das Esszimmer verließen und den Tagespropheten zurückließen, nahmen sie diesen schnell mit auf James' Zimmer.
„Also, was steht im Prophet?", wollte Lily erregt wissen.
„Dass ein Angriff von Voldemort stattgefunden hat. Er hatte um die zwanzig Todesser und Dementoren dabei. Der Angriff hat etwa zwanzig Minuten gedauert, aber die Auroren sind rechtzeitig eingetroffen. Man weiß übrigens nicht, warum sie so schnell eingegriffen haben. Ein paar Todesser wurden getötet, ebenso wie ein paar Auroren, aber Voldemort konnte entkommen. Es sind nur etwa ein Dutzend Hexen und Zauberer ums Leben gekommen. Laut Tagesprophet wären alle anderen im Festsaal auch getötet worden, wenn die Auroren nicht gekommen wären."
„Also hat Herry gestern Leben gerettet."
"Das beweist, dass unsere Theorie stimmt: Er kann die Angriffe vorhersehen."
„Ja, aber nicht ohne einen gewissen Preis dafür bezahlen zu müssen. Ich meine, ich habe noch nie jemanden gesehen, der so schlimme Schmerzen erleidet. Selbst meine…" Remus brach ab, als ihm auffiel, dass Lily dabei war, die nichts von seinem kleinen Geheimnis wusste. „Ich meine… ich finde keine Worte dafür!"
„Ich verstehe Remus", meinte Lily. „Ich hab noch nie so viel Schmerz gesehen. Ich frage mich, wie er es schafft, das auszuhalten."
„Das erklärt, warum er damals Malfoys Crucio ausgehalten hat."
„Malfoy hat ihn mit dem Cruciatus-Fluch belegt? Aber das ist gegen das Gesetz!"
„Wissen wir, Lily, aber ich kann dir sagen, dass er die Lektion verstanden hat", erwiderte Sirius grinsend. „Du hättest Lucius' Gesicht sehen müssen, es war wirklich unbezahlbar!"
„Wir müssen ihn unbedingt besuchen gehen, wenn wir wieder in Hogwarts sind", meinte Lily nun.
„Glaubst du wirklich, dass das so schlau wäre?", entgegnete Remus. „Er wollte nicht auf die Party, weil er nicht mit so vielen Gryffindors zusammen gesehen werden wollte. Wenn wir ihn im Krankenflügel besuchen, ist das doch dasselbe."
„Da hast du wahrscheinlich Recht", gab Lily traurig zu.
Ein paar Sekunden lang war jeder in seine Gedanken vertieft, bis Sirius plötzlich anfing zu lachen.
„Was ist so lustig?", wollte James wissen.
„Wenn er mitkriegt, dass er schon wieder im Krankenflügel ist, wird er ziemlich wütend sein."
Auf diesen Kommentar hin fingen alle an zu lachen, was die Stimmung etwas entspannte.
Die beiden letzten Ferientage ereignete sich nichts Aufregendes mehr. Lily fehlte Herrys Anwesenheit sehr, sie zog sich etwas mehr in sich zurück und sprach weniger mit den drei Jungen. Sie schlief wieder alleine in diesem großen Zimmer und James bemerkte zu seinem Bedauern, dass sie sich von ihm wieder distanzierte.
Er hatte einen Moment gedacht, dass sie ihn auch liebte, doch all seine Hoffnungen waren nun wieder zerstreut. Er konnte jedoch nicht leugnen, dass Herry ihm auch fehlte. Dennoch, wenn er so darüber nachdachte, kannte er Herry erst seit einer Woche so richtig und mit dieser Geschichte an Sylvester bemerkte er jetzt bitter, dass er diesen Jungen eigentlich gar nicht kannte.
Harry seinerseits war immer noch bewusstlos. Dumbledore wachte Tag und Nacht über ihn, außer wenn er etwas wirklich Wichtiges erledigen musste. Dieser Junge machte ihn wirklich neugierig. Welche Verbindung hatte er zu diesen Angriffen? Was geanu sah er, wenn seine Narbe ihm wehtat? Woher konnte er diese Narbe nur haben? So viele Fragen, auf die er keine Antwort hatte. Dumbledore war ein Mann, der daran gewohnt war, auf alles eine Antwort zu haben, doch was diesen Jungen betraf, hatte er auf nichts eine Antwort. Und das frustrierte ihn gewaltig.
In dem Brief hatte nicht nur gestanden, dass der Junge nach Slytherin kommen würde, sondern auch, dass er mächtig war. Der Brief sagte weiterhin, dass der Junge unbedingt zu den Potters musste, um dort etwas zu finden… aber was?
Der Dumbledore der Zukunft war sehr vage in seinen Andeutungen, darin erkannte er seinen eigenen Charakter wieder. Das war so ziemlich alles, was in dem Brief stand. Eine letzte Empfehlung: Er sollte den Entscheidungen des Jungen absolut vertrauen. Aber von welchen Entscheidungen sprach er? Was musste der Junge bewältigen? Er hatte sehr wohl gefühlt, dass der Junge kein fröhliches Leben gehabt hatte und es tat ihm weh zu sehen, wie sehr er sich hinter seiner ausdruckslosen Maske versteckte, die er nur ablegte, wenn er schlief. Gerade eben existierte die Maske nicht mehr und Dumbledore konnte einfach nur einen sechzehnjährigen Jungen sehen, der schlief.
Endlich war der letzte Ferientag heran. Manche waren wirklich unglücklich, wieder in die Schule zu müssen; andere, wie Lily, konnten es gar nicht erwarten, wieder nach Hogwarts zurückzukehren, allerdings aus ganz anderen Gründen…
Jeder hatte von dem Angriff gehört, doch was niemand wusste, war, wer der geheimnisvolle Informant gewesen war, der so viele Leben gerettet hatte…
Lily stieg in den Hogwarts-Express und ging zu ihren zwei Freundinnen, die vor ein paar Minuten angekommen waren.
„Und, wie waren die letzten Ferientage?"
„Die Stimmung war nicht gerade fröhlich nach dem Angriff im Ministerium, weißt du."
„Ja, das war ein ganz schöner Schock", meinte Gabrielle. „Aber ich bin sicher, dass ihr auf dem Laufenden wart. Du hast an dem Abend wirklich schockiert gewirkt."
„Aber nein, Gabrielle, ich bin keine Seherin. Du hattest sicherlich nur zu viel getrunken", erwiderte Lily lachend, doch es war kein ehrliches Lachen.
„Wenn du meinst… also, über deine Ferien mit Praott haben wir immer noch nichts gehört und außerdem ist mir aufgefallen, dass du James den ganzen Abend keine runtergehauen hast, was schon an ein Wunder grenzt."
„Es ist mir auch nicht leicht gefallen, Gabrielle. Am Anfang war es ganz schön schwer, aber dann haben wir beschlossen, eine Pause einzulegen, sonst hätten wir die Woche nicht überlebt."
„Das kann ich mir vorstellen", mischte sich Anne mit ein.
„Aber wenn er sich wieder so verhält wie früher, dann wird er es wieder mit mir zu tun bekommen, das könnt ihr mir glauben!"
„Ah! Da erkenn ich doch wieder meine Lily!" Gabrielle umarmte Lily. „Okay, Mädels, ich geh meinen Freund suchen. Ich will doch nicht, dass sich ein anderes Mädchen an ihn ranmacht."
„Meine Güte, wird die Besitz ergreifend", meinte Anne.
„Na, klar, Madam. Oh, da fällt mir eine Geschichte ein!"
„Geh schnell deinen Remus suchen", würgte Lily sie lachend ab.
„Bin ja schon weg." Damit verließ Gabrielle das Abteil.
Als der Zug endlich in Hogsmeade einfuhr und sie ausstiegen, erblickten sie Gabrielle, die sich mit Remus unterhielt. James und Sirius erzählten Peter von ihren Ferien.
Lily und Anne beschlossen, zu zweit in eine Kutsche zu steigen. Vier Erstklässler stiegen noch zu ihnen. Lily bewunderte die Umgebung; obwohl es schon dunkel war, konnte sie noch Konturen erahnen. Ihre Gedanken kehrten jedoch immer wieder zu einem bestimmten Slytherin zurück…
„Du scheinst ganz in deinen Gedanken verloren zu sein", meinte Anne.
„Ein wenig. Ist dir eigentlich klar, dass wir nur noch ein bisschen mehr als ein Jahr haben, ehe wir Hogwarts verlassen? Ich meine, es wird mir fehlen. Du und Gabrielle werdet mir fehlen."
„Du weißt doch, dass wir uns danach auch noch sehen werden."
„Bist du dir da sicher? Ich meine, wir leben in einer wirklich schwierigen Zeit, all diese Morde und diese Kämpfe. Ich glaube, dass macht mir etwas Angst."
„Mir auch, aber wir müssen stark sein, Lily, wir müssen ihnen zeigen, dass wir Kämpfer sind und sie uns keine Angst machen."
„Aber ich habe keine Lust zu sterben."
„Auf was für Ideen du immer kommst! Natürlich werden wir nicht sterben, weder du noch ich."
Die Erstklässler spitzten die Ohren und hörten den beiden „Großen" aufmerksam zu.
Im Krankenflügel hallte ein Schrei wider. Harry war gerade aufgewacht und er hatte noch immer die letzten Bilder seiner Vision vor Augen.
„Alles wird gut, Harry, beruhige dich. Du bist in Hogwarts im Krankenflügel und sie sind alle gerettet worden, dank dir"; meinte Dumbledore mit sanfter Stimme.
„Ich bin schon wieder im Krankenflügel?"
„Ja", erwiderte Dumbledore in amüsiertem Tonfall.
„Wissen Sie, ich sollte wirklich ein Abonnement bestellen. Madam Pomfrey sollte ein Bett auf meinen Namen reservieren."
„Anstatt Unsinn zu erzählen, junger Mann, sag mir lieber, wo es weh tut", verlangte die Krankenschwester rigoros.
„Nur ein bisschen Kopfweh."
„Wenn du sagst ‚ein bisschen Kopfweh', dann heißt das, dass es sich um eine gewaltige Migräne handelt", stellte sie ihre Diagnose.
Madam Pomfrey verschwand für ein paar Sekunden und kam mit einem Kelch zurück, der eine grüne, rauchende Flüssigkeit enthielt. „Trink das."
„Unter einer Bedingung…"
„Ich lasse mich nicht erpressen, Mr Praott."
„Ich will nur heute Abend zum Abendessen gehen."
„Das hat schon vor etwa zwanzig Minuten angefangen."
„Bitte…"
„Oh, na schön, einverstanden, aber trinken Sie das hier schon."
Harry nahm den Kelch und trank dessen Inhalt auf einen Zug aus. „Kann ich jetzt gehen?"
„Ja, ziehen Sie sich an und gehen Sie schon."
„Ähm, die Schule fängt in zwei Tagen wieder an, oder?", vergewisserte sich Harry.
„Nein, Mr Praott, morgen. Alle Schüler sind bereits wieder im Schloss. Sie waren zwei Tage bewusstlos."
„Oh… okay, vielen Dank."
Harry zog sich in Rekordzeit an und rannte schon fast die Treppen hinunter. Dumbledore hatte den Krankenflügel schon etwa vor fünf Minuten verlassen.
Lily betrat die Große Halle zusammen mit den anderen Schülern. Sie warf einen Blick zum Slytherin-Tisch, konnte Herry jedoch nicht finden. Sie machte sich wirklich Sorgen um ihn und da war sie nicht die einzige.
„Immer noch kein Zeichen von Praott", flüsterte Remus Sirius und James zu.
„Glaubt ihr, dass er noch immer im Krankenflügel ist?", wollte Sirius wissen.
„Dumbledore ist nicht da", bemerkte Peter.
Das Abendessen begann. Alle waren da, abgesehen von Praott und Dumbledore. Letzterer kam etwa eine viertel Stunde, nachdem das Abendessen begonnen hatte. „Entschuldigt meine Verspätung, ich musste noch einige Dinge regeln", meinte er an die Schüler gewandt.
„Er scheint ganz… normal, oder? Heißt das, dass das ein gutes Zeichen ist?", fragte Sirius, nicht ganz überzeugt.
In dem Moment öffneten sich die Torflügel zur Großen Halle erneut und Herry Praott kam herein, mit vom Rennen roten Wangen und einem Grinsen auf dem Gesicht. Er schritt zum Slytherin-Tisch, während absolute Stille herrschte.
Severus rutschte ein Stückchen, sodass er sich neben ihm setzen konnte, und einige Gryffindors schienen auf einmal sehr erleichtert.
Lily fand ihr Lächeln wieder und die Rumtreiber konnten ruhigen Gewissens ihre nächsten Streiche planen.
tbc...
