Die Männer des Herzog waren voller dunkler Vorahnung schon ein ganzes Stück durch den feuchtkalten Erdtunnel gehetzt. Der Kundschafter hatte seinen Platz an der Spitze der Truppe nicht an den Herzog abtreten wollen. Der edle Herr solle auf sich und auch auf die Frau aufpassen. Mac Mountain hatte nicht gross widersprochen. Jede Diskussion würde sie nur aufhalten und der Späher schien seiner Aufgabe auch hier unten, in dem dunklen Loch gewachsen. So redete Vigilius leise mit Ilena Mac Lachlan, während sie weiter um diverse Kurven des Ganges trabten. Die Frau unterbrach nun plötzlich ihre Beschreibung der Verteidigungsmöglichkeiten in der Burg und wollte dem Späher etwas zurufen. Dieser war aber schon ein ganzes Stück voraus und nicht mehr zu sehen. Doch dann war ein dumpfer Schlag und ein unterdrücktes Fluchen zu hören. Rasch zog der Herzog sein Schwert und schob Miss Mac Lachlan hinter sich in Sicherheit.
„Der Sockel der Südmauer, würde ich sagen", meinte die Burgherrin trocken. Dann nahm sie von einem nachfolgenden Gardisten die Fackel und spähte gemeinsam mit dem Herzog um die nächste Ecke. Richtig, dort bei dem niederen Durchgang, der unter der Burgmauer hindurchführte, lag der Späher am Boden und rieb sich den brummenden Schädel.
„Wo hast du denn deine Fackel gelassen?" fragte der Herzog leicht grinsend. Der ramponierte Soldat knurrte nur was von Dunkelheit als Tarnung und stand wieder auf. Nun wurde der Späher in die Obhut der Burgherrin gegeben und Mac Mountain übernahm die Führung. Er brauchte nicht mal unbedingt eine Fackel. Das schwache Licht, welches durch feine Ritzen im Gemäuer in die Katakomben fiel, reichten seinen hochsensiblen Augen aus. Dicht hintereinander marschiert die ganze Truppe erst über eine flache Rampe, dann die steile Felstreppe hinauf und zum Schluss durch ein Loch in der Wand in den Keller. Etwas verdutzt blickten sich die Gardisten um, als sie aus dem Mauerloch durch ein leeres Weinfass in das Innere der Burg gelangten. Ilena hielt sich nicht lange mit gucken auf. Für sie war es selbstverständlich das ein Weinfass unter vielen andern gleichen Fässern die beste Tarnung für den Eingang des Fluchtweges darstellte.
„Bitte beeilt euch", sagte sie eindringlich und zog damit die Aufmerksamkeit der Helfer wieder auf sich. „Mein Mann ... unsere ganzen Getreuen, wir zählen auf euch." Mit diesen Worten holte sie den Zweitschlüssel aus ihrem Lederbeutel und schloss die Kellertüre auf.
Bevor sie aber hinaustreten konnte, zog sie der Herzog am Arm zurück. „Auch wenn Euere Angst um Ian gross ist, bitte lasst erst meine Männer schauen, wie die Lage ist." So mahnte er mit ruhiger Stimme die besorgte Ehefrau. Ilena schaute zum Herzog, nickte dann und trat zurück. Auf einen Wink von Mac Mountain eilten zwei Vorposten zur Türe, zogen diese vorsichtig auf und schauten sich wachsam in der grossen Haupthalle um.
Gleich auf den ersten Blick sah man, dass vieles fehlte. Sämtliche Schwerter, Lanzen und Armbrüste waren aus der Waffenvitrine verschwunden. Aber auch alle Holzpodeste für die Ziergegenstände wie Skulpturen und Vasen und alle Bänke, die normal an den Wänden standen, waren weg. Das ganze Holz war wohl für Barrikaden gebraucht worden. Einzig die Stuckdecke und die spiralförmigen Basaltsäulen, welche die Türbögen umrahmten, zeugten noch von der Schönheit der grossen Haupthalle. Alles was zur Verteidigung dienen konnte, war von den Bewohnern weggetragen worden. So standen zwar noch Porzellanvasen neben einem zusammengerollten Wandteppich in einer Nische. Ansonsten war der Raum leer.
Während Miss Mac Lachlan im Keller dem Tunnel Späher mit einem nasskaltes Tuch die Beule am Kopf behandelte, huschte ein Gardist nach dem anderen hinaus in die Halle. Der Herzog wollte gerade folgen, als laute Rufe hörbar wurden. Alarmiert trat der Herzog mit gezogenem Schwert vor die Türe, doch nach einem kurzen Wortwechsel mit den aufgeschreckten Bediensteten, liess er seine Waffe wieder sinken.
„Alles klar, noch keine Angreifer im Innern der Burg." meldete er nun an Ilena, die erleichtert aufatmete. „Die Verteidiger der Burg und die Helfer haben sich nur gerade gegenseitig erschreckt. Aber die Lage scheint kritisch. Wir müssen rasch zu den Wehrgängen und ans Tor. Bleibt bitte hier, nahe des Tunnels, Ilena."
Ohne ihre Antwort abzuwarten, lief Mac Mountain los. Dicht gefolgt von seinen Leuten aus der Halle, hinauf zu den Zinnen. Unterwegs begegneten ihnen etlichen Stallburschen, die unzählige Eimer und Kessel voll mit Erde zur Burgfront schleppten. Irritiert blieb Vigilius kurz stehen.
„Brechendes Tor mit Erde zuschütten." War die knappe Antwort auf seinen fragenden Blick. Ah so? Gute Idee. Irgendwo im Erdgeschoss musste die Burschen wohl den Boden eines Saales aufgegraben haben und kippen nun den Raum hinter dem Tor mit Erde zu. Er konnte die Angst der Bewohner vor der Gefahr förmlich riechen. Unwillkürlich wollte er sein Geist nach draussen zu seinem Sohn Silvius ausstrecken. Horchen ob etwas Besorgnis erregendes geschehen war. Laute Schreie aus dem oberen Stockwerk liessen ihn aber aufgeschreckt weiter laufen und die Sorge um seinen Sohn vorerst beiseite schieben. Seine Gardisten waren schon bei den Wehrgängen angekommen und stürzten sich, nach kurzem Informationsaustausch mit den Verteidigern, ins Getümmel. Wieder war es den Wikingern gelungen, ein Teil der hohen Balustrade zu erobern. Diese Eindringlinge galt es nun von den Zinnen zu vertreiben, wenn dies auch hiess, den einen oder anderen einfach über die Mauer in die Tiefe zu werfen. Das war aber gar kein leichtes Unterfangen, denn die Wikinger schienen diese Burg unbedingt in ihren Besitz bringen zu wollen. Selbst wenn sie grössere Verluste als gewöhnlich hinnehmen mussten.
Es gab etliche heftige Scharmützel, bis der Burgwall wieder einigermassen in der Hand der Burgbewohner war. In der kurzen Pause vor einem neuen Angriff trugen zwei Diener ein paar Verletzte in die Burg, hinunter in den provisorischen Krankensaal. Zu der Sorge um seinen Sohn gesellte sich die Ungewissheit um das Befinden seines verbündeten Kollegen, um Ian Mac Lachlan. Denn bisher war hier draussen an der Front nur bekannt, dass er verletzt worden war und auch im Saal liegt. Doch Genaues wusste Vigilius noch nicht. Auf seine Frage nach Ian war noch keine Antwort gekommen. Der Herzog spähte vorsichtig über die Mauer, immer auf eine heranfliegende Streitaxt oder einen Speer gefasst. Warum waren die Wikinger so hartnäckig auf die Burg fixiert? Warum liessen sie das Dorf auf der Ebene hinter dem bewehrten Castel völlig unbeachtet? Und sowieso, es hatte schon seit Jahren keinen Wikingerüberfall mehr gegeben. Die Zeiten der herumziehenden Wikinger waren eigentlich zu Ende. Die meisten von den Raufbolden waren in ihrer Heimat sesshaft geworden. Hm die meisten, aber nur die, welche zu Hause auch Land für sich ergattern konnten.
„VORSICHT!" Ein Schrei riss Mac Mountain aus seinen Überlegungen und er sprang zurück. Gerade noch rechtzeitig bevor ihn ein gut gezielter Enterhacken am Kopf getroffen hätte. Die Wikinger wagten den nächsten Angriff. Deren Häuptling, dessen Motivation Vigilius schon beinahe erraten hatte, gab nicht auf. Das hier sollte seine Burg werden, allein deshalb hatte er sie nicht mit brennenden Pfeilen in Brand gesetzt.
Wütend sah der attackierte Herzog von den Zinnen herab auf den dreisten Anführer der Wikinger. Inzwischen hatte der andauernde Sturm auf die Burg auch Tote unter den Verteidigern gefordert. Eben kam einer der Diener aus dem Lazarett zurück und berichtete, dass der Burgherr durch die Schulterwunde viel Blut verloren hätte. Im Moment stehe es gar nicht gut um ihn. Vigilius war tief betroffen über die schlechte Nachricht. Er mochte nicht daran denken, was er Ilena sagen sollte, falls ihr Mann seiner schweren Verletzung erlag.
Leif Kjartan hingegen hatte mit Interesse das plötzliche Auftauchen der neuen Kämpfer registriert. Wo kamen denn die auf einmal her? Durch ihr Auftauchen etwas irritiert, hielt er sich mit dem nächsten Angriffsschlag noch zurück. Sollte er schon alles auf eine Karte setzen und mit dem Einsatz aller noch verfügbaren Männern die Verbindung zum Schiff aufgeben? Oder sollte er doch noch abwarten, da vielleicht ein sofortiger Rückzug und Flucht mit dem Drachenschiff nötig werden könnte. Einerseits brannte er darauf, endlich in den Besitz der Burg und somit auch zu eigenem Land zu kommen. Zum anderen hielt ihn die über Jahre praktizierte Gewohnheit, sich immer mit dem Schiff eine Fluchtmöglichkeit offen zuhalten, zurück, den Aufruf zum Angriff an sämtliche noch kampffähigen Männer zu geben.
