Kapitel 21

Rokko begleitete Charlie sofort in das Gästezimmer, als sie in der Villa angekommen waren. Sie war emotional so überlastet, dass sie einfach nur noch das Bedürfnis hatte zu schlafen, den Schmerz einfach nicht mehr zu spüren. Die beiden sprachen kaum ein Wort, doch mit wenigen Gesten, hatten sie sich nach ihrer Auseinandersetzung wieder angenähert. Beide wussten um die Not des anderen und dass sie immer füreinander da waren, da gab es nicht den geringsten Zweifel. Rokko brachte seine Schwester ins Bett, ganz so, als sei sie noch ein kleines Mädchen. Er blieb bei ihr und streichelte sie über den Kopf, bis sie eingeschlafen war. Erst dann ging er in die Halle, um sich zu seinen Freunden zu gesellen.

Jürgen hatte sich bereits richtig in Rage geredet. Er wollte Charlie auf jeden Fall helfen und wenn Lisa ihn nicht ständig daran erinnert hätte, dass Blutrache nicht unbedingt das Mittel der Wahl war, dann wären seine Rachefantasien ganz ausgeufert.

„Der Typ wird büßen, das schwöre ich dir! Deshalb müssen wir einfach was unternehmen, aber Charlie hat Recht, die Polizei wird erst an den Start kommen, wenn wir Beweise vorlegen können. Uns bleibt also nur die Variante, ihn selbst kaltzustellen und da sind mir deine moralischen Grundsätze gerade mal piep egal, Lisa."

„Jürgen im Prinzip hast du ja Recht, aber es muss einen Weg geben, an Beweise zu kommen, ohne sich selbst direkt strafbar zu machen, davon bin ich überzeugt."

Jürgen verdrehte nur noch entnervt die Augen, als sich plötzlich David regte, der die ganze Zeit schweigend zugehört hatte.

„Den gibt es auch! Ich hab eine Idee, wie wir diesen Ingo in die Falle locken können. Es ist allerdings nicht so ganz ungefährlich und wir sollten erst überlegen, ob wir Charlie mit einbeziehen oder lieber nicht."

Rokko schaute ihn fragend an und überlegte kurz, bevor er einen Entschluss fasste.

„Wie immer der Plan lautet, für den Fall, dass er gut ist, würde ich sagen, wir lassen Charlie außen vor. Nicht dass ich meiner Schwester etwas verheimlichen möchte, aber ich habe sie noch nie so ängstlich erlebt. Das passt so wenig zu ihr, da weiß ich einfach nicht, wie ich die Situation einschätzen soll. Letztendlich ist es mir lieber, sie ist den Rest ihres Lebens sauer auf mich, als das ihr was passiert. Ich will auf jeden Fall, dass ihr sie aus allem haltet, was auch nur ansatzweise gefährlich ist."

„Da stimme ich die 100ig zu, Rokko", meinte Jürgen nur, bevor er sich an David wandte. „OK, rück raus mit der Sprache. Wir nehmen alles, was besser ist, als die Polizei einzuschalten oder einfach nur abzuwarten."

David begann nun den anderen seinen Plan zu beschreiben und sie diskutierten gut zwei Stunden, bis alle mit dem Ergebnis zufrieden waren. Gerade als sie ins Bett gehen wollten, hörten sie plötzlich, wie ein entsetzlicher Schrei die Stille durchriss.

„Charlie!", rief Jürgen entsetzt und rannte augenblicklich in Richtung Gästezimmer los. Rokko, Lisa und David folgten ihm nicht weniger fassungslos. Jürgen stieß ohne anzuklopfen die Tür auf und war heilfroh, dass Charlie scheinbar unverletzt in ihrem Bett saß.

„Was ist passiert?!"

Charlie blickte ihn noch geringfügig verworren an. „Nichts, ich hab nur geträumt, es tut mir leid, dass ich euch erschreckt habe."

„Hey, das muss dir doch nicht Leid tun! Das würde doch jedem so gehen."

Drei weitere Köpfe erschienen in der Tür. „Ist auch wirklich alles in Ordnung?", fragte nun Rokko.

„Es war wirklich nur ein Traum, ihr braucht euch keine Sorgen deswegen machen. Ich dreh mich einfach rum und schlafe weiter." Charlie war das Ganze unangenehm genug, sie wollte nicht, dass jetzt alle besorgt um ihr Bett standen. Es fühlte sich schon schlimm an, vor Angst wie gelähmt zu sein. Sie kannte dieses Gefühl nicht, denn bisher hatte sie sich jedem Problem immer gestellt. Aber diesmal ging es nicht nur um sie selbst, sondern auch um Rokkos Leben und sie wusste einfach nicht, was sie diesem Psychopathen entgegensetzen konnte. Er hatte sich so in ihr Vertrauen geschlichen und wusste soviel von ihr, dass sie das Gefühl hatte er würde jeden ihrer Gedanken erraten können. Bei dem Gedanken, wie intim sie mit ihm gewesen war, schnürte sich jedes Mal ihr Magen zusammen. Er hatte dadurch irgendwie an Macht über sie gewonnen, weil er nun ihre Verletzlichkeit kannte und das versetzte Charlie nicht nur in Panik, sondern gab ihr auch das unerträgliche Gefühl der Situation gegenüber ohnmächtig zu sein. Sie hätte sich eigentlich gerne trösten lassen, aber sie versuchte nun ihr Inneres vor allem was von außen kam zu schützen, deshalb wollte sie, die anderen einfach zum Fortgehen bewegen.

„Ok, Charlie, aber wenn etwas sein sollte, dann ist mein Zimmer gleich neben an." Rokko schaute sie besorgt an, entschied sich aber ihren Wunsch zu respektieren. Er wusste, dass sie auf ihn zukommen würde, wenn nicht so viele Menschen um sie herum waren und so ging er schließlich in sein Zimmer, um sich auch noch ein wenig auszuruhen, bevor sie am nächsten Tag ihren Plan umsetzen wollten. Auch Lisa und David verabschiedeten sich, nur Jürgen blieb noch neben ihrem Bett stehen. Charlie schaute ihn fragend an.

„Willst du nicht auch schlafen gehen?"

„Nein, ich würde viel lieber noch einen Moment bei dir bleiben, bis dein Traum ganz der Realität gewichen ist. Immer wenn ich was grauenhaftes träume, brauche ich eine ganze Weile, bis ich tatsächlich begriffen habe, dass es nur ein Traum war, mehr so emotional, weißt du? Am besten klappt das bei mir, wenn ich jemanden von dem Traum erzählt habe. Also, wenn du willst, … ich dachte vielleicht hilft es dir ja auch … natürlich gehe ich auch, wenn du lieber alleine sein willst." Jürgen war nun richtig nervös geworden.

Sein Angebot rührt Charlie sehr an und sie glaubte zu spüren, dass er es aufrichtig meinte, obwohl sie ihrem Gefühl nach diesem Desaster eigentlich nicht mehr vertraute. Trotzdem fiel es ihr schwer, den Wunsch nach Trost weiter zu verdrängen.

„Mensch Jürgen, ich mute euch doch wirklich schon genug zu, da muss ich dich doch nicht auch noch die halbe Nacht lang, mit dummen Träumen vollquatschen."

„Ich würde sie aber gerne hören", sagte er nun bestimmt, als er merkte, dass sie sehr wohl ein Redebedürfnis hatte. So schloss er einfach die Tür und setzte sich zu ihr aufs Bett.

„Los komm schon, ich lasse mir so einen Albtraum doch nicht durch die Lappen gehen, der war bestimmt besser als jeder Krimi." Er versuchte sie, mit dieser Bemerkung ein wenig aufzulockern und dem Traum durch die Ironie die Heftigkeit zu nehmen. Gleichzeitig schaute er sie aber so liebevoll an, dass sie sich gar nicht mehr wehren konnte. Sie sprach einfach drauf los und erzählte Jürgen nicht nur von dem Traum, sondern auch alles andere, was mit der Sache zusammenhing. Schließlich schlief sie erschöpft ein. Jürgen konnte nicht widerstehen und streichelte ihr sanft über die Wange, bevor er sich eine Decke nahm und es sich auf dem Sessel der in dem Zimmer war bequem machte. Er wollte sie einfach nicht alleine lassen, auch wenn sein Zimmer ja nicht weit entfernt lag. Aber für den Fall, dass sie noch einen Albtraum hatte, wollte er lieber direkt bei ihr sein.

Lisa konnte nicht schlafen und so beschloss sie, sich noch eine Weile in den Wintergarten zu setzen, um ihren Gedanken nachzuhängen. Rokko hatte die gleiche Idee gehabt und so trafen sie dort aufeinander. Rokko freute sich sehr, sie zu sehen. Er hatte immer sofort dieses Gefühl der Wärme in sich, wenn sie bei ihm war. Trotz der fürchterlichen Situation hatte er vorhin an den Moment denken müssen, als sie sich fast geküsst hatten. Er rief sich wieder die wundervollen Gefühle, die er gehabt hatte, ins Gedächtnis zurück und er fragte sich, was wohl gewesen wäre wenn …

„Konntest du auch nicht schlafen?"

Lisa nickte nur und schaute ihn traurig an. „Ach Rokko, das ist alles so grauenvoll. Was geht nur in so einem Menschen vor? Ich kann das einfach nicht nachvollziehen."

„Meinst du, wir tun das Richtige?"

„Ich hoffe es Rokko, aber ich glaube schon, dass es funktionieren kann. Es muss einfach klappen."

„Ja, das hoffe ich auch. Ich finde es unglaublich, wie ihr drei euch für uns einsetzt und ich weiß gar nicht, ob ich das annehmen soll. Ich meine es kann gefährlich werden und wenn ich mir vorstelle, dass einem von euch was passiert … Lisa vielleicht sollten wir das Ganze doch lieber abblasen, ich könnte es mir nicht verzeihen, wenn es schief geht."

Lisa kam auf ihn zu, setzte sich neben ihn und legte ihren Arm um seine Schulter. „Hey wir haben das gemeinsam entschlossen und wir machen es, weil wir glauben, dass es der richtige Weg ist. Rokko, wir schaffen das zusammen und wir gehen jetzt auch nicht mehr zurück. Es könnte sich doch auch keiner von uns verzeihen, wenn Charlie etwas zustößt. Und du glaubst doch nicht, dass Jürgen auch nur noch einen Zentimeter von diesem Plan abweichen wird", sagte sie jetzt mit einem verschmitzten Lächeln. Rokko sah sie fragend an. „Wieso eigentlich?"

„Diese Frage von dir? Sonst ziehst du mich doch immer damit auf, dass ich in diesen Sachen etwas weltfremd bin." Lisa schüttelte unwillkürlich den Kopf, wenn es um seine Schwester ging, dann konnte Rokko richtig niedlich sein.

„Du meinst er hat sich in sie verliebt? Aber sie kennen sich doch erst seit heute Abend."

„Schon mal was von der Liebe auf den ersten Blick gehört?" Lisa grinste ihn breit an. Rokko hingegen bekam jetzt einen sehr nachdrücklichen, aber ganz sanften Gesichtsausdruck.

„Ja Lisa, das kenne ich sogar sehr genau." Seine Stimme bebte fast ein wenig bei diesen Worten und er hatte Mühe sich nicht in ihren Augen zu verlieren. Seine Liebe zu ihr wuchs mit jeder Minute und er war so unglaublich froh sie in dieser Situation an seiner Seite zu haben, denn sie schaffte es, ihn daran zu hindern, seinen Mut zu verlieren oder durchzudrehen. Auf der anderen Seite wurde auch seine Sehnsucht nach ihr immer stärker. Er würde so gerne da weiter machen, wo sie unterbrochen worden waren, aber er wusste nicht, ob er sie damit nicht überfördern würde oder sie sich vielleicht nur zu etwas hinreißen lassen würde, um ihm Trost zu spenden. Er wollte nicht riskieren, dass sie es bereuen würde, sich auf ihn eingelassen zu haben. So unterdrückte er den Impuls sie zärtlich zu berühren, obwohl alles in ihm danach verlangte. Die Art und Weise, wie Rokko diese Worte gesprochen hatte und sie jetzt ansah, ließen ihr einen angenehmen Schauer über den Rücken laufen und sie spürte, wie sich ihr Herz beschleunigte. Lisa hörte ihn diesem Augenblick auf zu denken und folgte einfach den überschäumenden Emotionen, die sich wohlig warm in ihr ausbreiteten. Ihr Arm, der ja noch über seiner Schulter lag wanderte vorsichtig ein Stück höher und sie ließ ihre Hand durch seine Locken fahren. Rokko erstarrte fast unter dieser Berührung und er schaute sie fragend an, während sein Herz für einen Schlag lang aussetzte. Sie beugte sich langsam zu ihm vor und schaute ihm tief in die Augen. „Bist du dir sicher?", fragte Rokko und in seiner Stimme schwang soviel Liebe mit, dass Lisa das Gefühl hatte, ihr Herz würde jeden Moment vor Glück zerspringen. Sie sah ihn durchdringend an, nickte leicht und dann legten sich ihre Lippen zaghaft auf die seinen. Beide hatte das Gefühl, sich bei dieser ersten innigen Berührung ineinander zu verlieren. Rokko erwiderte ihren Kuss vorsichtig und langsam intensivierte er sich. Schließlich war es Lisa, die nun von einer bisher unbekannten Leidenschaft getrieben, ihre Zunge an seine Lippen anklopfen ließ. Nur zu gerne gewährte er ihr Einlass und seine Zunge begann vorsichtig und sehr zärtlich, ihre zu umspielen. Ein unglaubliches Glücksgefühl durchströmte Lisa und sie spürte ein angenehm aufregendes Ziehen in ihrem Unterleib. Sie gab sich ganz dem Rausch der Gefühle hin. Sie küssten sich eine kleine Ewigkeit lang in der nichts, außer sie selbst und ihre tiefen Empfindungen füreinander existierten. Als sie sich schließlich voneinander lösten, schauten sich beide glücklich und voller Liebe an. Doch dann schaltete sich Lisas Verstand wieder ein und sie begriff, was gerade geschehen war. Sie fand es immer noch unglaublich schön, aber es verwirrte sie auch. Bei dem Gedanken, wie sehr sie sich ihm gerade geöffnet hatte, lief sie schon wieder rot an und ihre aufkeimende Unsicherheit, das eben Geschehene zu kategorisieren und wie sie jetzt weiter vorgehen sollte, trieb sie wieder einmal zur Flucht. „Rokko … ich glaub ich muss jetzt schlafen gehen …" Sie stand schnell auf und ihr Blick flackerte hektisch umher.

„Aber Lisa, bleib doch, … was ist denn los? Hab ich was falsch gemacht?"

„Nein Rokko … nein. Aber ich … lass uns morgen reden, ja? Schlaf gut." Damit verschwand sie in ihr Zimmer. Rokko schaute ihr sprachlos hinterher und verstand nun gar nichts mehr. Er war sich sicher, dass Lisa diesen Kuss genauso genossen hatte wie er und er konnte sich einfach nicht erklären, was hier passiert war. Er saß in dieser Nacht noch lange im Wintergarten und hoffte das sein Gefühl ihn nicht getäuscht hatte.