Auch in den nächsten Tagen besuchte ich Jack, sooft ich konnte. Mittlerweile wußte auch meine Mutter, was passiert war. Ihr erster Schock hatte sich etwas gelegt, nachdem ich ihr erzählt hatte, daß es Jack bereits viel besser ging. Anstatt, wie sie überlegt hatte, Lord Chandler Beckett einen empörten Brief zu schreiben und überstürzt ihren Sohn zu besuchen, schrieb sie Jack einen Brief. Diesen gab sie mir zusammen mit einem Korb frischer Pfannkuchen mit, als ich das nächste Mal zum Haus des Söldners aufbrach. So lang nur einer von uns dort hin ging, würde es für David und die anderen Leute um uns herum aussehen, wie ein weiterer guter Zweck.
An jenem Morgen fand ich Jack und William Turner hinterm Haus vor. Bill war mit Holzhacken beschäftigt, während Jack in dem kleinen Verschlag herumrumorte, wo der Söldner sämtliches Zeug aufbewahrte, das er für seinen Beruf brauchte.
„Frühstück!" begrüßte ich sie fröhlich, als ich die beiden erreicht hatte.
„Das kommt mir gerade recht!" Bill hielt in seiner Arbeit inne und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Hey, Jack", rief er laut in Richtung Schuppen. „Tori ist da!"
„Moment!" Ein weiteres Rumpeln ertönte, ehe die Tür aufschwang und mein Bruder hinaus trat. In der Hand hielt er eine alte Angelrute.
„Du liebe Zeit", feixte Bill, „wo hast du die denn ausgegraben? Ich wußte gar nicht mehr, daß ich sie noch hab'."
„Die war in'er Kleidertruhe. Kann ich sie haben?"
„Die Kleidertruhe?" neckte Bill ihn.
„Nein, die Angel natürlich!"
„Dieses alte Ding?" William ließ kritisch seinen Blick über den rostigen Haken und die zerfranste Leine schweifen. „Das taugt doch höchstens noch als Brennholz!"
„Ich kann die hier reparieren", sagte Jack überzeugt. „Meine nicht mehr. Die hat Cutler zerbrochen."
Eine der knappen Informationen, die er über seine Vergangenheit preisgab, um sofort wieder so zu tun, als hätte er sie gar nicht ausgesprochen.
„Also, krieg' ich sie jetzt?"
„Meinetwegen …" Bill nahm einen Schluck Wasser aus dem Eimer, setzte sich anschließend neben mich auf die Bank. „Jetzt komm aber essen!"
Kurz darauf saß Jack zwischen uns, und wir ließen uns Mutters Eierkuchen schmecken. Als ich ihm den Brief vorgelesen hatte, saß mein Bruder eine ganze Weile ohne etwas zu sagen da und starrte seinen Teller an. Hin und wieder pickte er gedankenverloren mit den Fingern einen Pfannkuchenkrümel vom Teller. Dann sah er unvermittelt auf.
„Du, Bill?"
„Ja?"
„Kann ich eigentlich bei dir bleiben?"
Ich seufzte innerlich auf. Schon seit Tagen hatte ich diese Frage befürchtet. Jack hatte den Söldner, der ihn gerettet hatte, von Anfang an in sein Herz geschlossen; er sah beinahe ebenso zu ihm auf, wie einst zu Nat Clayton.
Bill Turner schwieg zunächst überrascht.
„Hör mal, Junge", setzte er dann zögernd zu einer Erklärung an. „Ich hab dir doch erzählt, wie gefährlich mein Beruf ist …"
Mein Bruder biß sich auf die Unterlippe. „Aber ich hab keine Angst! Und ich bin stark - ich kann dir helfen!"
„Jack, ich kann kaum für meine eigene Familie sorgen", fuhr William ruhig fort. „Meine Frau bekommt bald ihr erstes Kind. Ich würd dich wirklich gern mitnehmen, aber ich kann dich nicht auch noch mit durchbringen. Dafür verdien ich einfach zu wenig."
„Aber -"
„Jack!" unterbrach ich seinen Protest mahnend.
Mürrisch schob er seinen Teller zur Seite.
„Ich geh die Angel reparier'n …" Leise eine Reihe von Hafenflüchen vor sich hinmurmelnd, verzog er sich wieder in den Geräteschuppen.
Es dauerte eine geschlagene Stunde, bis mein Bruder schließlich wieder zu uns ins Haus kam.
„Victoria?"
Aufhorchend drehte ich mich zu ihm um. Seit wann nannte er mich Victoria?
„Ich muß dir was sagen!" Er sah erschöpft aus, wie er so regungslos im Schatten der Tür stand. Doch seine Stimme klang merkwürdig hart, als er hinzufügte: „Ich geh zurück zu Lord Beckett."
„Was?!" Ungläubig starrte ich ihn an. Für ein paar Sekunden meinte ich, den fiebrigen Glanz wieder in seinen Augen sehen zu können. Doch als ich näher trat, erkannte ich, daß es verzweifelte Entschlossenheit war.
„Das … Das ist nicht dein Ernst!" stieß ich fassungslos hervor. „Nach all dem, was er dir angetan hat?"
„Und ob!" Er blickte mich geradeheraus an. „Ich hab euch auch nicht aufgehalten, als Mutter und du euer Leben in Ordnung gebracht habt. Also laßt mich bitte auch mein Leben in Ordnung bringen! Der Hafen ist mein Zuhause … aber ich bin keine Ratte und auch kein Straßenköter! Klar soweit?!"
Sprachlos nickte ich. Minutenlang fixierten wir uns gegenseitig, bis ich erneut das Wort ergriff: „Hast du dir das genau überlegt?"
„Ja!" Er bewegte leicht seinen linken Arm in der Schlinge, brachte ihn mit der gesunden Hand in eine bequemere Lage. „Sobald ich wieder ganz gesund bin, geh ich zurück." Er schwieg kurz, bevor er, nun doch recht kleinlaut, zu mir hochsah. „Hilfst du mir mit der Angel? Ich kann das mit meinem Arm nicht …"
Erst eine Woche später war seine Zerrung soweit verheilt, daß er den Arm wieder problemlos benutzen konnte. Die angeschlagenen Rippen würden noch beträchtlich längere Zeit brauchen, sich vollständig zu erholen. Dennoch ließ mein Bruder es sich nicht ausreden, zur Tipsy Seagull zurückzukehren, kaum daß er wieder einigermaßen normal laufen konnte.
Jack war acht Jahre alt, als er den Becketts und der Bourgeoisie von Port Royal seinen persönlichen Kampf ansagte.
