Aggressionen
„Das Problem ist eben, das sie sich nicht wirklich mit der Materie beschäftigt haben, sondern nur den Film schauen wollen. Verstehst du, was ich meine, Remus?"
Das Mittagessen in der Großen Halle verlief ruhig, immerhin waren sonntags viele Schüler lieber woanders, nahmen sich vielleicht auch etwas Essen mit raus um die letzten sonnigen Tage des Jahres zu genießen. Remus wandte den Blick von seinem Kartoffelpüree ab und drehte sich Charity Burbage, der Professorin für Muggelkunde zu, die sich darüber beschwerte, das ihre Schüler sich nicht dafür interessierten, wie ein Fernseher funktionierte, sondern was da raus kam.
„Vielleicht musst du dir andere Filme aussuchen.", schlug Remus vor und nickte vor sich hin. „Nicht unbedingt einen langweiligen, aber nicht ganz so fesselnd."
Charity fuhr sich durch das kurze, dunkelbraune Haar und nahm sich die Brille ab um sie zu putzen. „Hast du einen Vorschlag?", fragte sie. „Ich mache das seit Jahren so, aber es scheint eben falsch zu sein."
„Meine Mutter hat Muggelfilme geliebt.", sagte Remus. „Ihre Eltern waren beide Muggel und am Wochenende haben wir sozusagen einen Familienfilmabend gemacht. Ich kann dir gerne ein paar Empfehlungen geben. Irgendwo müsste ich auch noch ein paar Videos haben."
Charity nickte und hätte sich wahrscheinlich bedankt, wenn sie sich nicht gerade einen Löffel Erbsen in den Mund gestopft hätte. Remus lächelte und wollte sich gerade wieder seinem Essen widmen, als das laute Lachen vom Gryffindortisch seine Aufmerksamkeit forderte.
Ron hatte sich vor Lachen halb über den Tisch geworfen und auch Harry neben ihm konnte auch kaum an sich halten, während Hermine nicht einmal von ihrem Buch aufschaute, aber irgendetwas murmelte. Remus folgte den Blicken der anderen Schüler und endete beim Slytherintisch, wo jemand aufgesprungen war und jetzt wild herum keifte.
An den weißblonden Haaren erkannte Remus Draco, der sich ärgerlich die Hose mit einer Serviette, die Pansy Parkinson ihm reichte, abtupfte. Dass er sich selbst etwas drüber geschüttet hatte, konnte Remus nicht glauben, aber vielleicht seine Freundin daneben. Hm, aber hatte er den Slytherin nicht gestern mit der kleinen Greengrass gesehen? Ah, Remus konnte sich schon denken was da los war… Eifersuchtsdramen, so was… Kannte er noch aus seiner Schulzeit. Teenager…
Aber gut, wenigstens interessierte Malfoy sich für Mädchen und hatte scheinbar auch eine Freundin. Das beruhigte Remus allgemein und er wollte lieber nicht mehr daran denken, was er sich schon Ansatzweise ausgemalt hatte. Das lag wohl am Vollmond. Der ließ Remus immer etwas… wuschig werden. Er wurde schon leicht rot bei dem Gedanken, dass er vermutet hatte… Nein, nein… Lieber gar nicht erst wieder anfangen daran zu denken. Zum Glück konnte niemand seine Gedanken lesen. Die waren ihm selber ja schon arg peinlich.
Dracos knallrotes Gesicht bot einen krassen Kontrast zu den hellen Haaren und Remus fing einen Moment den Blick der stahlgrauen Augen auf. Verwirrt zog Remus die Augenbrauen zusammen. Zwar nur ein kurzer Moment, den er Draco in die Augen schaute, aber warum sollte der ihn denn jetzt so wütend anschauen? Remus konnte ja nichts dafür, dass sich ein Schüler bekleckerte, also würde Draco wohl auf jemand anderen sauer sein.
So sauer, das der Slytherin sich einen Kommentar seiner Freunde arg zu Herzen nahm und um Ruhe bemüht aus der Halle stapfte. Wie das so ist, wenn man nicht auffallen will, Remus kannte das nur zu gut, passierte einem immer noch etwas peinliches und Draco stolperte gerade über seine eigenen Füße, was ihm noch mehr Gelächter vom Gryffindortisch einbrachte.
Einen Moment blieb Draco stehen, schaute über die Schulter und presste die Lippen zusammen, bevor er übermäßig darauf bedacht sich nicht zu blamieren aus der Halle spazierte. Gut, solange er nicht heute Nachmittag seine ungeschickte Ader auspackte… Nicht, das Remus damit nicht umgehen könnte. Immerhin hatte er eine Beziehung mit Nymphadora Tonks geführt! Die sich im Übrigen immer noch nicht gemeldet hatte.
„Remus, wenn du heute Nachmittag so freundlich wärst und mir die Videos geben würdest?", meldete Charity sich wieder zu Wort.
Remus nickte schon, als ihm einfiel, das Draco bei seiner Nachhilfe lieber ungestört sein sollte. „Ähm, tut mir Leid, Charity.", sagte er und warf einen entschuldigenden Blick in die schmalen, braunen Augen der Muggelkundeprofessorin. „Aber wenn du aufgegessen hast, dann könnten wir jetzt kurz gehen."
„Hm…" Nachdenklich rieb sie sich über das markante Kinn und nickte dann. „Müsste passen."
Was sie an einem Sonntag noch vorhaben könnte war Remus ein Rätsel, aber wer wusste schon, wie viele Aufsätze sie zu kontrollieren hatte. Remus hatte seine in weiser Voraussicht schon erledigt. Die von Snape gestellten Aufgaben zu kontrollieren war jetzt aber auch nicht so schwer. Im Grunde war es nur Schreibarbeit mit wenig Denken dahinter. Das hieß auch öfter mal dasselbe oder einfach nur umformulierte Sätze aus dem Buch. Irgendwas sagte Remus, das Snape den Schülern nur so viel aufgab, damit ihr Lehrer viel zum Kontrollieren hatte… aber diese Stimme war nur ganz leise…
Remus rückte seinen Stuhl zurück und trank noch sein Wasser aus, bevor er Charity aus der Halle folgte. Hermine lächelte ihm kurz zu und ignorierte, das Ron vor Lachen sein Essen über den Tisch verteilte. Harry war nicht mehr da. Wahrscheinlich hatte er sich mit Ginny verzogen.
„Ich bevorzuge ja romantische Komödien, aber das ist nicht immer das richtige für die Schüler.", sagte Charity im Gehen. „Vor Allem in den unteren Stufen. Die vertragen die… romantischen Szenen einfach nicht und lachen sich halb tot. Nicht, das es mich stören würde, aber…"
Remus hielt Charity die Tür auf und hatte dann den perfekten Ausblick auf Harry der sich mit Malfoy zankte. Kein ungewohntes Bild, aber diesmal schien es heftig zu sein. Ginny schien sich ebenfalls nicht zurückhalten zu können und das war ja doch unfair. Remus hatte zwar keine Ahnung was vorgefallen war, aber zwei gegen Einen, das ging nicht an.
„Gibt es ein Problem, Mr. Malfoy?", sprach er Draco an, der gerade den Mund öffnen wollte. Sichtlich empört darüber, dass er angesprochen wurde, warf er Remus einen verärgerten Blick zu, während er sich den Umhang etwas fester um den Körper wickelte. Der nasse Fleck auf seiner Hose war aber auch auf einer unpassenden Stelle und Harry hatte das sicher nicht einfach vorbeiziehen lassen.
„Fragen Sie das doch Potter, Sir.", zischte Draco und zog die Mundwinkel unglaublich weit herunter, während er einen abfälligen Blick zu Harry und Ginny warf und dann auch noch einen für die Lehrerin an Remus Seite übrig hatte. Für den Professor für Verteidigung gegen die dunklen Künste merkwürdigerweise nicht…
„Ich habe gar nichts getan, Professor.", sagte Harry abwehrend. „Malfoy scheint irgendetwas über die Leber gelaufen zu sein… Oder etwas tiefer."
Ginny unterdrückte das Kichern und Remus räusperte sich schnell.
„Vielleicht müsstest du etwas tiefer mal wieder entlastet werden, wenn dir Freundin und Lieblingslehrer nicht reichen!", gab Draco zurück und Harrys Hand zuckte schon zu seinem Zauberstab.
„Also, das geht so aber nicht!", mischte Charity sich ein und warf Remus einen ermutigenden Blick zu. Immerhin ging es hier um seine Ehre als Respektsperson, die von Draco wiedermal mit Füßen getreten wurde, aber er hatte eben einen schlechten Tag… Das konnte man ihm doch nicht übel nehmen.
„Steck den Zauberstab wieder rein, Harry.", bat Ginny und Draco prustete demonstrativ.
„Nur wo?", provozierte er Harry, der sich wie eine Katze zum Sprung bereit machte. Remus streckte den langen Arm aus und legte dem Gryffindor eine Hand auf die Schulter. Er musste kräftig zudrücken, damit er Harry an Ort und Stelle halten konnte.
„Keine Streitereien bitte.", sagte Remus sanft und Harry brummte etwas Unverständliches, bevor er sich kaum merklich entspannte. „Mr. Malfoy, beruhigen Sie sich doch erst einmal."
Draco zog beide Augenbrauen hoch und zog sich den Umhang noch fester um den Körper.
„Und verhalten Sie sich Professor Lupin gegenüber angemessen.", mischte Charity sich ein und Remus hätte Malfoys Kiefer aufeinander mahlen hören können, wenn Harry sich das Lachen hätte verkneifen können.
„Ich kann ja nichts dafür, wenn Professor Lupin…", betonte Draco die Anrede extra. „…sich nicht so verhält, wie man es von einem Lehrer erwartet." Er musterte Remus abfällig von oben bis unten. Allerdings nur bis zum Kinn. Remus zog die Augenbrauen zusammen und schüttelte leicht den Kopf. War er Malfoy jetzt zu aufdringlich gewesen mit all seinen Fragen? Und er hatte gedacht ihr Verhältnis würde sich wenigstens ein bisschen gebessert haben.
„Parteiisch bis zum geht nicht mehr!", zischte Draco und wandte den Blick ab um das Treppengeländer zu mustern. Remus zog für diese Bemerkung seine Hand von Harrys Schulter und kratzte sich an der Schläfe. Parteiisch? War da etwas dran? Remus sah keinen Grund, warum Draco so etwas behaupten könnte.
„Reißen Sie sich zusammen, Mr. Malfoy.", sagte Charity und winkte schnell ab. „Sie riskieren gerade eine Menge."
„Riskiert Lupin nicht auch eine Menge, wenn er Potter so an den Hacken klebt?", gab Draco zurück und Remus schloss einen längeren Moment die Augen um sich wieder zu beruhigen. Was dachte Malfoy hier denn von ihm? Was war denn nur wieder in den gefahren? Mit Schizophrenie konnte Remus sich nicht auch noch auseinander setzen…
„Zehn Punkte, Mr. Malfoy.", sagte Remus, bevor Charity nur noch mehr Kohlen ins Feuer werfen konnte und Harry sich auch schon wieder anspannte. „Rufmord möchte ich mir nicht antun." Er schenkte Draco einen strafenden Blick, dem der schnell auswich und wütend die Augenbrauen zusammen zog.
„Ich habe nicht angefangen.", presste Draco zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor.
„Natürlich hast du angefangen.", mischte Harry sich ein. „Nur weil du zu blöd zum Trinken bist!"
„Halt dein vorlautes Maul, Potter!", gab Malfoy zurück.
„Bitte.", sagte Remus streng und legte seine Hand wieder auf Harrys Schulter. „Beruhigen Sie sich alle Beide und genießen Sie jetzt einfach Ihren freien Tag." Remus bekam schon wieder leichte Kopfschmerzen und irgendwie schien er nur noch Alles schlimmer zu machen, egal was er tat.
Draco öffnete den Mund, klappte ihn aber wortlos wieder zu, bevor er sich auf den Absätzen umdrehte. „Kann ich dann gehen?", presste er hervor und zog es nicht einmal in Betracht sich umzudrehen.
„Auf ein Wort noch, Mr. Malfoy.", sagte Remus, der unbedingt endlich mal eine Sache geklärt haben wollte. Kurz drehte er sich noch zu Charity. „Geh doch schon einmal vor." Sie nickte und lächelte Harry und Ginny zu, bevor sie die Treppen hoch stieg und nach links abbog.
„Bis Dienstag, Sir.", sagte Harry und rempelte Malfoy an, während er die Treppen hochstieg und dabei Ginnys Hand griff.
„Was denn noch?", zischte Draco, drehte sich aber nicht um. „Ich würde mich gerne umziehen."
„Würden Sie mich bitte ansehen, wenn ich mit Ihnen rede?", bat Remus freundlich, aber dem wurde nur halb Folge geleistet. Draco könnte die nasse Hose natürlich immer noch peinlich sein oder, das schien Remus wahrscheinlicher, er wollte seinen Lehrer einfach nicht ansehen. „Glauben Sie wirklich, ich würde jemals etwas mit einem Schüler anfangen oder sagen Sie das nur um zu provozieren?", wollte Remus da endlich sicher gehen.
Draco kaute aber nur auf seiner Unterlippe herum und antwortete nicht.
„Ich hoffe auf Letzteres.", sagte Remus freundlich. „Trotzdem möchte ich Sie darum bitte, derartige Bemerkungen zu unterlassen. Das schürt nur Gerüchte." Die Snape sicherlich gefallen würden, vor Allem, wenn sie Remus den Job kosteten. „Ich werde nicht umhinkommen, Ihnen doch noch Nachsitzen aufzudrücken, wenn Sie sich weiter so benehmen."
Draco antwortete immer noch nicht und drehte sich nicht Remus zu.
„Ich dachte, wir hätten das geklärt.", sagte Remus. „Sie haben sich doch schon so gut benommen."
Vergeblich wartete Remus auf eine Antwort. Vielleicht lag es auch an der Atmosphäre. Immerhin konnte jeden Moment ein Schüler aus der großen Halle kommen und Draco wäre es sicherlich unangenehm mit Remus gesehen zu werden. Vor Allem, wenn er diese Gerüchte schürte, das Remus ein Schüler vernaschender Werwolf war um ihn am Ende loszuwerden.
„Wenn Sie mich loswerden wollen…", fing Remus.
„Das habe ich nie gesagt.", zischte Draco nach hinten und schien das sofort zu bereuen.
Remus lächelte kurz und seufzte dann. „Wollen Sie mir vielleicht sagen, was los ist?", fragte er und legte Draco eine Hand auf die Schulter.
„Fassen Sie mich nicht an!", fauchte Draco und tat zwei Schritte vorwärts. „Dafür haben Sie ja Potter und Burbage!"
Remus konnte seiner Verwirrtheit nicht mal Ausdruck verleihen, so groß war sie. „Mr. Malfoy, jetzt werden Sie doch nicht albern.", sagte er perplex.
„Lassen Sie sich nicht aufhalten. Professor Burbage wartet sicher schon in Ihrem Büro auf Sie.", sagte Draco ruhig, aber arg angefressen. Bevor Remus ihn zurückhalten konnte, stapfte er in Richtung Kerker davon.
„Ich erwarte Sie heute Nachmittag!", rief Remus ihn nach. „Vergessen Sie das nicht!"
Draco drehte sich zwar nicht noch einmal um, aber Remus war sich sicher, das er kommen würde. Immerhin hatte er seinen verhassten Lehrer auch die letzten Male ertragen können und das schien ihm sicher nicht leicht gefallen zu sein. Remus verstand nur einfach nicht, was in seinem Schüler vorging. In der letzten Stunde hatte er sich so wunderbar geöffnet und jetzt wieder so ein Abstieg.
Remus hoffte nur, das sie sich heute doch wieder aufeinander zu bewegen konnten…
