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21. Vermisst

Lilith erwachte von ihrem eigenen Schrei. Er hallte noch in ihren Ohren nach als sie sich aufsetzte und mit klammen Fingern die Decke umklammerte. Das grobe Gewebe fühlte sich rau an, gab ihr jedoch etwas, an dem sie sich festhalten konnte. Ein Anker in der Realität. Etwas, das ihr bewies, dass sie sich nicht mehr in der endlosen Finsternis von Moria befand sondern in einer kleinen Kammer in der Festung von Cair Andros. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Wieder hatte sie ihm Traum jenen Schmerz gespürt. Wieder hatte sie verzweifelt gegen den Orkhauptmann gekämpft. Wieder hatte er den Sieg davon getragen. Diesmal jedoch nicht mit seinem gezackten Orkmesser. Im letzten Moment vor dem Aufwachen hatte sie das Heft erkannt, das aus ihrem Körper ragte: Es gehörte zu Boromirs Schwert.

Lilith schüttelte den Kopf und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Wie merkwürdig. Warum sollte sie davon träumen durch Boromirs Klinge von der Hand eines Orks zu sterben? In ihrem Kopf drehte sich alles. Vorsichtig ließ sie sich zurücksinken und wartete bis der Schwindel vorüber ging. Diese Gehirnerschütterung stellte sich als wirklich hartnäckig heraus. Obwohl die Wunde an ihrem Hinterkopf gut verheilte, schien der Rest ihres Gehirns immer noch von dem Geschoss aus der Steinschleuder beeinträchtigt zu sein. Bestimmt hatten auch ihre Erschöpfung und die bleierne Müdigkeit darin ihren Ursprung.

Durch das winzige Fenster, kaum mehr als eine Schießscharte, sickerte bereits das graue Zwielicht der Morgendämmerung herein. Bald würde jemand kommen um sie zu wecken. Bald würde sie sich auf den vorerst letzten Abschnitt ihrer Reise machen. Bald würde sie die Mauern der weißen Stadt erblicken. Bald - doch nicht sofort. Ihr blieben noch ein paar kostbare friedliche Minuten, bevor sie sich der feindlichen Welt dort draußen stellen musste. Sie drehte sich auf die Seite, wobei ihre gebrochene Rippe sich beschwerte, winkelte die Knie an und zog die Decke so weit wie möglich über sich.

Mit ein wenig Anstrengung und geschlossenen Augen konnte sie sich fast einreden, in ihrem eigenen Bett zu Hause zu liegen. In ihrer winzigen Studentenbude unter dem Dach, bis an die Decke voll gestopft mit Büchern und Ordnern. Sie versuchte sich alles so genau wie möglich in Erinnerung zu rufen. Die kleine Küche, in der man sich kaum umdrehen konnte, den alten Holzdielenboden, der bei jedem Schnitt knarrte, die Blumentöpfe, die im Sommer auf ihrem Fensterbrett standen. Und natürlich ihr Schreibtisch umgeben von einem Turm aus losen Blättern, Vorlesungsskripten, Bücherbergen und Kugelschreibern. Sogar ihr Labtop verschwand oft unter der Papierflut. Ihr Bruder hatte sich immer darüber lustig gemacht, wie jemand, der in der Bibliothek so peinlich genau darauf achtete alles einzuordnen, in seinen eigenen vier Wänden ein solches Chaos ertragen konnte. Lilith hatte das nie als Widerspruch gesehen. In der Bibliothek sollte schließlich jeder, der ein Buch suchte, es auch an der richtigen Stelle finden. In ihrer Wohnung musste nur sie sich auskennen. Außerdem konnte sie sich immer genau erinnern, wo sie etwas abgelegt hatte. Oder zumindest den Stapel lokalisieren.

Als es an die Tür klopfte, merkte Lilith, dass sie ein Lächeln auf dem Gesicht hatte. Ihr erster Impuls bestand darin, die Person an der Tür zu ignorieren und sich weiter ihren Tagträumen hinzugeben. Doch dann gab sie sich einen Ruck, schlug die Decke zur Seite und stand auf. Glücklicherweise blieb die Welt wo sie sein sollte, ohne sich zu drehen oder zu schwanken. Sie legte sich den Elbenmantel um die Schultern und befestigte die grüne Spange an seinem Kragen. Dabei fielen ihr Galadriels Worte wieder ein, dass sie sich für einen der beiden Wege entschieden hatte. Sie wollte nicht voreilig sein, aber im Moment sah ihrer nicht ganz hoffnungslos, vielleicht sogar viel versprechend aus. Allerdings würde sie sich darüber erst ein Urteil erlauben, wenn sie wieder sicher inmitten ihrer Unordnung am Schreibtisch saß und den Rentner am Balkon gegenüber beim Rauchen beobachten konnte.

Ihr Frühstück nahm Lilith ziemlich verloren allein in dem Zimmer ein, in dem sie gestern Abend mit Faramir gesessen hatte. Mablung, einer der beiden Leibwächter des Heermeisters, hatte sie hergeführt um dann sofort wieder zu verschwinden. Durch die offene Tür konnte sie im Innenhof das Kommen und Gehen der Garnisonsbesatzung beobachten. Es erwies sich als wesentlich interessanter als die vor ihr stehende Mahlzeit. Das Brot schmeckte nach gar nichts und irgendetwas war eindeutig mit dem Getränk nicht in Ordnung. Sie wusste von gestern, dass der Wein morgens gehörig mir Wasser verdünnt wurde und die Flüssigkeit in dem Tonkrug vor ihr sah auch genau so aus. Allerdings verursachte allein der Geruch bei ihr schon leichte Übelkeit. Etwas davon zu trinken stand für sie außer Frage. Sie würde später mit Wasser aus der Feldflasche vorlieb nehmen müssen.

Trotzdem aß sie eine gehörige Portion, die einem Hobbit alle Ehre gemacht hätte. Immerhin hatte sie den ganzen letzten Tag auf ihren Füßen verbracht und nicht wie zu Hause an einem Schreibtisch. Bei diesem Gedanken flackerte unwillkürlich ein Anfall von Heimweh in ihr auf. Wie lange würde es noch dauern, bis sie eine Möglichkeit fand in ihre eigene Welt zurück zu kehren? Sie rechnete noch einmal nach: Von jenem schicksalhaften Tag, an dem sie den Dachboden ihrer Tante durchstöbert hatte bis zum heutigen Morgen mussten schon an die sieben Wochen vergangen sein. Was für eine Zeitspanne! Sie kam sich vor, als hätte sie ihr halbes Leben damit zugebracht durch Mittelerde zu irren.

Und plötzlich kam ihr zum ersten Mal der Gedanke, welche Auswirkungen ihr Verschwinden in ihrer eigenen Welt haben mochte. Natürlich wusste niemand, wo sie abgeblieben war. Sie war einfach auf den Dachboden ihrer Tante gestiegen und danach hatte niemand sie mehr gesehen. Was ihre Tante sich wohl gedacht hatte, als ihre Nichte auch nach Stunden nicht nach unten gekommen war? Hatte sie die offene Kassette mit dem Buch und das leere Tonfläschchen gefunden? Und was war danach passiert? Wann hatte sie in ihrer Wohnung und danach bei ihrem Bruder angerufen? Wie oft hatten ihre Freundinnen versucht, sie zu erreichen bevor sie sich Sorgen machten? Wann war die Polizei verständigt worden? Und wann ihre Eltern, die im Augenblick für zwei Jahre in Amerika wohnten, weil ihr Vater dort ein Bauprojekt für seine Firma leitete? Sie alle mussten krank aus Sorge um sie sein. Es schnürte Lilith die Kehle zu, wenn sie es sich vorstellte.

"Hattet Ihr heute Nacht wieder Alpträume?" Sie war so sehr in ihre trüben Überlegungen versunken, dass sie gar nicht bemerkt hatte, wie Faramir den Raum betreten hatte.

Wie ertappt fuhr sie zusammen. "Nein, das heißt doch, aber ich habe gerade über etwas völlig anderes nachgedacht."

"Offensichtlich über nichts angenehmes."

Lilith zögerte kurz, dann antwortete sie wahrheitsgemäß: "Mir ist soeben bewusst geworden, wie schrecklich mein plötzliches Verschwinden für meine Familie und meine Freunde sein muss. Sieben Wochen ohne ein Lebenszeichen, ohne den geringsten Hinweis, wo ich abgeblieben sein könnte. Sie müssen mich für tot halten oder denken, ich sei entführt oder ermordet worden." Sie verstummte und presste die Lippen aufeinander. Ihm davon zu erzählen, machte es nicht besser. Noch ein Wort mehr und sie würde in Tränen ausbrechen. Ihre Selbstbeherrschung schwankte bereits. Sie fühlte sich so verdammt hilflos seit sie unvermittelt in dieser Welt aufgewacht war.

Sie war so damit beschäftigt gegen ihre Verzweiflung anzukämpfen, dass sie nicht bemerkte, wie Faramir sich ihr gegenüber niederließ. Erst als er sich leicht über den Tisch beugte und ihre ineinander verkrampften Hände in die seinen nahm, schreckte sie auf. Ihr erster Impuls bestand darin, ihre Hände zurückzuziehen, doch er hielt sie fest.

„Hört zu, Lilith." Seine Worte klangen sanft aber bestimmt. "Ich kann verstehen, wie furchtbar diese ganze Geschichte für Euch ist, aber das ist ein Punkt, der außerhalb Eurer Macht liegt. Egal wie sehr Ihr Euch grämt, Ihr seid nicht im Stande Eurer Familie eine Nachricht zu schicken. Ihr werdet nicht ändern können, dass sie sich sorgen. Deswegen versucht es zu vergessen. Richtet Eure Aufmerksamkeit lieber auf Dinge, die Ihr selbst beeinflussen könnt. Das Lernen der Tengwar beispielsweise oder einfach nur darauf heute nach Minas Tirith zu kommen. Wollt Ihr das wenigstens versuchen?"

Irgendetwas in seiner Stimme erinnerte sie plötzlich an Aragorn in jener Nacht an den Ufern des Anduin. Im Gegensatz zu damals schämte sie sich jedoch nicht. Sie nickte. "Das werde ich. Immerhin hat die Herrin Galadriel mir gesagt, ich würde einen Weg zurück finden. Daran muss ich glauben." Seltsamerweise fühlte sie sich schon viel besser. Als würde sie aus seiner Anteilnahme und seiner Berührung Kraft schöpfen.

"Gut." Nach einem letzten prüfenden Blick in ihr Gesicht ließ er ihre Hände los und stand auf. Lilith bedauerte es fast. "Es wird Zeit aufzubrechen."

"Da ist noch etwas", rief sie ihn zurück, bevor er den Raum verlassen konnte. "Ich kann nicht reiten." In ihrer Unterhaltung über Schriften und Sprachen hatte sie gestern Abend völlig vergessen, es ihm mitzuteilen.

Er schmunzelte. "Das habe ich mir schon fast gedacht."

Und wirklich hatte Faramir in weiser Voraussicht nur drei Reittiere satteln lassen. Jeder der drei Männer sollte Lilith abwechselnd hinter sich aufs Pferd nehmen um die Tiere nicht auf dem langen Weg zu überanstrengen. Sobald sie in einem breiten Kahn über den Fluss gesetzt hatten, ging ihre Reise zügig voran. Das Land war eben und dem Heermeister und seinen Leibwächtern gut bekannt. Sie ließen die Pferde in einem mäßigen Trab laufen. Innerhalb kürzester Zeit waren der große Strom und Cair Andros hinter ihnen verschwunden.

Lilith hatte am Anfang so ihre Probleme, sich an diese neue Fortbewegungsart zu gewöhnen. Zu Beginn saß sie hinter Damrod und hielt sich ängstlich an ihm fest. Sie fürchtete sich schlicht und einfach davor, das Gleichgewicht zu verlieren und vom Pferd zu stürzen. Nur langsam passte sie sich an die gleichmäßigen Bewegungen des Tieres unter ihr an, merkte wohin sie ihr Gewicht verlagern musste um einen einigermaßen sicheren Sitz zu finden. Als sie nach etwa zwei Stunden anhielten um Lilith das Pferd wechseln zu lassen fühlte sie sich richtig steif. Jeder Muskel in ihrem Körper schien verkrampft. Sie wollte sich lieber nicht ausmalen, wie es ihr heute Abend gehen würde.

Obwohl sie so vorsichtig wie möglich abstieg, fuhr ihr in dem Moment, in dem ihre Füße den Boden berührten, ein stechender Schmerz in die rechte Seite. Für eine Sekunde tat es so weh, dass sie beinahe in die Knie ging. Doch dann fing sie sich wieder, atmete bewusst langsam ein und aus. Wie sie es hasste verletzt und schwach zu sein! Sie hätte den Orks die Pest an den Hals gewünscht, wären sie nicht schon längst tot. Dieser Gedanke rief ihr unvermittelt ihre Alpträume in Erinnerung und dämpfte ihre Wut gewaltig. Trotzdem war es ihr Zorn, der sie aufrecht hielt als sie mit Damrods Hilfe hinter Mablung aufs Pferd stieg.

Gegen Mittag erreichten sie eine breite gepflasterte Straße, das erste Anzeichen von Zivilisation seit ihrem Aufbruch von Cair Andros. Lilith musste unwillkürlich an die alten Römerstraßen denken. Die Pferde griffen nun leichter aus und von ihrem luftigen Sitz aus schien Lilith das Land geradezu vorbei zu fliegen. Zu ihrer Rechten, jedoch ein gehöriges Stück entfernt, konnte sie einen dichten Wald erkennen. Dahinter erhoben sich schroffe Berghänge. Sie waren nicht mit denen zu vergleichen, die über Moria in den Himmel ragten, doch wirkten sie immer noch imposant genug.

Der Weg war mehr als breit genug um zwei Pferden nebeneinander Platz zu bieten. Faramir ritt eine Zeitlang neben Mablung und Lilith und erzählte ihr von dem Land, das sie gerade durchquerten, der alten Nordstraße, die Gondor mit dem Königreich Rohan verband und von den Feuern der Wacht, die entlang des weißen Gebirges als äußerste Posten errichtet worden waren um im Kriegsfall die Verbündeten aus dem Norden zu Hilfe zu rufen.

"Ich fürchte, der Tag ist nicht mehr fern, an dem sie entzündet werden", fügte er mit düsterer Mine hinzu. „Doch wer wird dann antworten?"

Damit war ihr Gespräch erst einmal beendet. Lilith konnte nicht umhin, sich zu fragen, auf was sie sich eigentlich eingelassen hatte. Sie erinnerte sich an Bemerkungen von Boromir und Aragorn und an die Besorgnis in den Gesichtern der Elben von Lothlorien. Zusammen mit ihren Erlebnissen der letzten Tage kam sie zu einem unangenehmen Schluss: In Mittelerde bereitete sich ein Krieg vor. Kein bewaffneter Orküberfall auf zehn einzelne Reisende, kein Scharmützel um einen kleinen Grenzposten. Ein richtiger Krieg. Armeen, die auszogen um ganze Länder zu unterwerfen. Armeen von Orks, Wölfen und anderen, noch weit grausameren Geschöpfen. Lilith schauderte bei dem Gedanken.

Und alles deutete darauf hin, dass es in Gondor beginnen, dass es Minas Tirith als erstes mit voller Härte treffen würde. Je mehr sie darüber nachdachte, desto stärker wurde ihr Drang sich selbst zu ohrfeigen. Warum hatte sie nicht auf Aragorn gehört? Warum hatte sie sich geweigert in der Sicherheit Lothloriens zu bleiben? Für einen Moment gab sie sich der Vorstellung hin, sie hätte sich an jenem Abend an den Ufern des Teichs in Galadriels Garten anders entschieden. Sie hätte die Herrin der Galadrim darum gebeten, fürs erste bei ihnen leben zu dürfen. Doch dann schüttelte sie den Kopf. Was für ein Schwachsinn! Es würde ihr nicht helfen, über etwas nachzugrübeln, das längst in der Vergangenheit lag und an dem sie nichts mehr ändern konnte. Faramir hatte Recht. Sie musste sich auf das konzentrieren, was direkt vor ihr lag. Vielleicht würde sie es ja sogar schaffen, einen Weg zurück nach Hause zu finden, bevor der Krieg losbrach.

Mit kurzen Unterbrechungen ritten sie bis weit in den Nachmittag hinein als sie an eine gewaltige Mauer kamen. Sie ragte nicht einmal besonders hoch empor, nicht mehr als drei oder vier Meter, doch sie erstreckte sich nach Osten soweit das Auge reichte. Im Westen, in so großer Entfernung, dass Lilith es gerade eben noch erkennen konnte, ging sie in einen steilen, senkrechten Felshang über. Das Tor, durch das die Straße führte, stand halb offen und überall sah sie Männer bei der Arbeit. Wo das Bauwerk einen maroden Eindruck machte, flickten sie die Lücken mit mehr Schnelligkeit als Sorgfalt.

"Die Befestigung wird in wenigen Tagen wieder vollständig sein, Herr", meldete der wachhabende Soldat, als Faramir sich nach dem Fortschritt des Werks erkundigte.

Trotzdem legten sie hier eine längere Pause ein. Faramir ließ sich vom Hauptmann herumführen und über alles genauestens unterrichten. Lilith schnappte etwas von der am wenigsten gefährdeten Stelle des Rammas Echor auf, so nannten die Menschen in Gondor dieses Bollwerk gegen die Horden von Mordor. Der Heermeister behandelte die ganze Sache dennoch mit einigem Ernst.

Obwohl Lilith durchaus den einen oder anderen fragenden Blick auf sich spürte, sah sie sich außer Stande dem viel Beachtung zu schenken. Sie war zu sehr damit beschäftigt, Stellen an ihrem Körper zu finden, die ihr nicht wehtaten. Wie erschlagen lehnte sie an der Mauer neben dem Tor. Sie traute sich nicht, sich hinzusetzten. Sie hegte die Befürchtung, dann nie wieder vom Boden hoch zu kommen. Außerdem zählte ihr Hintern beileibe nicht zu ihren schmerzfreien Körperteilen. Also verharrte sie einfach in dieser halb stehenden Haltung und wartete. Sie beobachtete wie Mablung die Pferde aus mehreren rasch herbeigeschafften Eimern tränkte und sorgsam darauf achtete, die Tiere nicht zu viel trinken zu lassen. Nicht in ihrem schlimmsten Träumen hätte sie gedacht, dass das Reisen auf diese Weise so anstrengend sein könnte. Einen Moment lang überlegte sie, wie sie jemandem aus Mittelerde Autos oder eine Eisenbahn erklären sollte. Sie gab es bald auf, musste jedoch still lächeln, wenn sie sich die verständnislosen Gesichter vorstellte.

Plötzlich vermisste sie Pippin und Merry. Seit ihrem Aufbruch von Henneth Annun hatte sie nicht mehr an die beiden Hobbits gedacht. Bei den beiden hätte sie zumindest einen Versuch unternommen, für das Unvorstellbare Worte zu finden. Schließlich hatten sie auch Universitäten und Schusswaffen ohne Schwierigkeiten, wenn auch nicht ohne unzählige Nachfragen, akzeptiert.

Ihr Aufbruch zum letzten Teil ihrer Reise ließ ihr keine Zeit für weitere Überlegungen. Lilith saß nun zum zweiten Mal an diesem Tag hinter Faramir. Beim ersten Mal hatte er ihr noch allerhand Fragen über ihre Heimat gestellt, die sie mehr schlecht als recht beantwortet hatte. Jetzt allerdings schien auch er nur noch darauf konzentriert so schnell wie möglich Minas Tirith zu erreichen. Angeblich hatten sie immerhin noch einen Weg von drei Stunden vor sich.

Mit der Mauer hatten sie auch endgültig die weitgehend unbewohnten Gegenden von Anorien hinter sich gelassen. Zu ihrer Linken fiel das Land in sanften Wellen und terrassierten Stufen zum Ufer des Anduin hin ab. Der große Strom war von hier aus nicht mehr als ein helles Glitzern, das ab und zu in weiter Ferne aufblitzte. Der Landstrich um die weiße Stadt war zwar nicht dicht besiedelt, doch zeugte jeder Halm von der Arbeit unzähliger Generationen. Lilith sah ganze Haine von Obstbäumen, gepflügte Felder und weite Weideflächen. Dazwischen, wie zufällig verstreut, Scheunen und kleine Gehöfte.

Es dauerte eine Zeit lang bis ihr etwas auffiel. Die scheinbare Idylle und Normalität der Landschaft hatten sie für einige kostbare Momente eingelullt. Alles wirkte so friedlich, so geordnet, so sicher. Dann merkte sie, dass nicht wenige der Häuser, an denen sie vorüber kamen, verlassen waren. Stalltüren standen offen und nur ganz selten erblickte sie im Abendlicht den Rauch von Kochfeuern.

"Wo sind all die Leute hin?", fragte sie Faramir verwundert. Die verschlossenen Fenster und leeren Koppeln verliehen der ganzen Szenerie etwas Unheimliches.

"Geflohen", lautete seine knappe Antwort. "Die Bedrohung Mordors war nie so deutlich zu spüren wie jetzt und obwohl Gondor schon lange gegen den Schatten aus dem Osten kämpft, gab es noch niemals so viel Grund zur Besorgnis. Einige suchen Zuflucht hinter den Mauern von Minas Tirith, andere bei Verwandten oder Freunden in den südlichen Lehen, die dem Meer näher und dem Feind ferner sind. Ihr habt Euch einen denkbar schlechten Zeitpunkt für Euren Besuch in Mittelerde ausgesucht."

Gegen ihren Willen musste Lilith kurz auflachen, doch es lag Bitterkeit darin. „Wenn ich auch nur im Entferntesten geahnt hätte, was auf mich zukommt, hätte ich einen großen Bogen um den ganzen verfluchten Dachboden gemacht" erklärte sie im tiefsten Brustton der Überzeugung. „Ich habe mir noch nie mehr Aufregung gewünscht, als sich in alten Büchern finden lässt."

„Im Leben geht es leider nicht darum, was der Einzelne sich wünscht." Faramirs Stimme klang, als hätte er die gleiche Erfahrung schon viel zu oft gemacht. „Auch ich führe diesen Krieg nicht, weil es meinem Wunsch entspricht. Ich strebe nicht nach Ruhm auf dem Schlachtfeld wie mein Bruder. Zu den Waffen greife ich nur, weil es etwas gibt, für das es sich zu kämpfen lohnt. Bald werdet Ihr die weiße Stadt betreten und womöglich einiges von ihrer Vergangenheit lernen. Vielleicht versteht Ihr es dann."

Lilith schwieg. Was hätte sie darauf auch antworten sollen? Schließlich hatte er völlig Recht. Außerdem war sie viel zu erschöpft, um sich über solche Dinge den Kopf zu zerbrechen. Die erdrückende Müdigkeit der letzten Tage senkte sich auf sie wie ein Bleigewicht. Mit aller Kraft riss sie sich zusammen. Sie durfte nicht einschlafen und dabei womöglich vom Pferd fallen. Doch alle Tricks zum Wachbleiben halfen wenig, konnten nicht verhindern, dass sich ihre Lider schwer wie Blei anfühlten. Vielleicht konnte sie ja einfach nur für eine kurze Weile ihre Augen ausruhen, dachte sie und merkte gar nicht, dass sie diese schon lange geschlossen hatte.

„Lilith, wacht auf. Minas Tirith ist in Sicht. Wir sind fast da."

Die Worte rissen Lilith nur halbwegs aus dem Schlaf. Benommen blinzelte sie. Sie brauchte einige Momente um herauszufinden, wo sie sich befand. Sie konnte sich an keinen ihrer Träume erinnern, doch irgendwie spürte sie die Gewissheit, dass sie ausnahmsweise nicht von der unangenehmen Sorte gewesen waren. Bestimmt hatten keine Orks darin eine Rolle gespielt. Warum konnte sie nicht dahin zurückkehren? Wieso konnte man sie nicht einfach schlafen lassen?

„Lilith?"

Dieses Mal wachte sie nicht nur richtig auf, sondern erkannte auch die Stimme. Aber irgendetwas stimmte nicht mir ihr. Weshalb klang sie so nah? Alarmiert riss sie die Augen auf, nur um zu erkennen, dass es keinen Grund für ihr Erschrecken gab. Im Schlaf war sie nach vorne gegen seinen Rücken gesunken. Ihr Kopf lag fast auf seiner Schulter. Sie war nur nicht vom Pferd gestürzt, weil Faramir ihren linken Arm um seine Mitte gelegt hatte und ihn festhielt. Je mehr sie aufwachte desto peinlicher wurde ihr die ganze Situation.

Mit einem Ruck richtete sie sich auf und schüttelte den Kopf um den letzten Rest Müdigkeit zu vertreiben. Ein wenig auch um ihre Unsicherheit zu überspielen.

„Entschuldigt, ich wollte eigentlich nur für einen kurzen Moment die Augen schließen. Nicht wirklich einschlafen."

„Es gibt nichts zu entschuldigen." Von hinten konnte sie seinen Gesichtsausdruck nicht erkennen, doch die Worte klangen als lächle er. „Werft lieber einen Blick auf das, weswegen ich Euch aufgeweckt habe."

Lilith tat wie ihr geheißen und konnte nicht verhindern, dass sie überrascht nach Luft schnappte. Vor ihnen, noch mehrere Kilometer entfernt, lag die weiße Stadt, auf die sie so lange ihre Gedanken und Absichten gerichtet hatte. Sie ließ sich mit nichts vergleichen, das sie jemals gesehen hatte. Hoch über der Ebene erhob sie sich, angelegt in sieben ummauerten Ringen auf einem Vorsprung des Gebirges, das direkt in ihrem Rücken aufragte. Sie verstand nun, woher ihr Beiname kam. Sämtliche Gebäude bestanden aus dem gleichen blassen Stein. Im dämmrigen Zwielicht im Schatten des Berghanges schimmerte er wie Elfenbein. Nur die äußerste Mauer bildete eine Ausnahme. Sie glänzte in einem tiefen Schwarz und erweckte selbst auf die Distanz den Eindruck von diamantener Härte. Die hohen Torflügel aus Eisen wurden gerade für die Nacht geschlossen. Ein schmaler steiler Felsen strebte scharf inmitten der Stadt empor und teilte sie in zwei Hälften. Er sah aus wie der Bug eines riesigen Schiffes. Auf ihm erhob sich ein schlanker Turm wie eine schneeweiße Nadel. Die letzten Strahlen der Abendsonne fingen sich gerade noch in seiner Spitze und ließen sie glänzen wie rosenfarbene Perlen.

Tief in ihrem Herzen spürte Lilith mit einem mal ein wehmütiges Ziehen. Minas Tirith war alt, das ließ sich nicht leugnen. Uralt und über den Zenith seines Glanzes hinaus. Doch noch in seinem Niedergang strahlte es Würde und Weisheit aus. Wie etwas, das bereits halb im Strom der Zeit versunken war und dessen Erinnerung doch allein ausreichte um es niemals in Vergessenheit geraten zu lassen.

„Es ist Troja" flüsterte Lilith und wusste selbst nicht, wie ihr diese Worte über die Lippen kamen. „Es ist wie Troja vor der Ankunft der Griechen. Wie Karthago bevor die Römer kamen." Sie konnte das Verhängnis regelrecht sehen, das sich über der Stadt zusammen zog und es schnürte ihr die Kehle zu.

„Ich glaube, ich begreife, was Ihr meint, auch wenn ich diese Namen nicht kenne." Faramir hatte ebenfalls die Stimme gesenkt. „Mich erinnert es an Numenor, das längst im Meer versunken ist und doch bis heute in unseren Herzen überdauert."

Lilith erwiderte nichts. Sie verstand es nun.

Die Ankunft in der weißen Stadt verschwamm später in Liliths Gedächtnis stets in einem Nebel aus Staunen, Benommenheit und einem leisen Frösteln. Minas Tirith rief in ihr mehr Ehrfurcht hervor als das goldene Caras Galadon. Vielleicht weil es ihr wirklicher erschien. Eher wie eine Reise in die Vergangenheit als in eine Märchenwelt. Bisher hatte sie von Mittelerde nur Wildnis und das verzauberte Reich der Elben gesehen. Dies hier war anders. Echter. Ihr als Mensch viel näher. Und doch beschlich sie ständig das Gefühl, ein sinkendes Schiff zu besteigen. Der Vergleich mit Troja kam ihr immer wieder in den Sinn, als sie die Hauptstraße erklommen und dabei an Häusern mit verschlungener Steinmetzarbeit vorbei kamen, von der Zeit und dem Regen unzähliger Jahrhunderte fast schon zur Unkenntlichkeit ausgewaschen. Die Dämmerung machte rasch der Nacht Platz. Doch selbst im schwindenden Zwielicht entging Lilith die Tatsache nicht, dass die weiße Stadt für mehr Menschen gebaut war, als jetzt in ihr lebten. Wie auf den Feldern des Pelennor ritten sie an leeren Fensteröffnungen und verstaubten Innenhöfen vorbei, in denen sich die trockenen Blätter vieler Herbste übereinander schichteten.

Im sechsten Ring, mehr als hundert Meter über der Ebene, hielten sie vor einem Gebäudekomplex, der ein wenig abseits lag. Seitlich erstreckte sich ein sorgfältig angelegter Garten bis zur Mauer. Es war das erste größere Stück bepflanzten Bodens, das Lilith in der Stadt sah.

Damrod half ihr abzusteigen, während Faramir mit einem älteren Mann sprach, der bei ihrer Ankunft im Eingang erschienen war. Lilith konnte nicht verstehen, was die beiden miteinander beredeten. Es interessierte sie auch nicht besonders. Die Anstrengung der Reise begann sich deutlich bemerkbar zu machen. Alles woran sie im Augenblick denken konnte, waren ein Bett und vielleicht etwas zu essen. Sie schwankte einen Moment.

Als die Welt um sie herum aufhörte sich zu drehen, war Faramir zurückgekehrt.

„Ich werde Euch hier verlassen", erklärte er. „Es ist nicht notwendig, dass Ihr heute noch vor dem Truchsess erscheint. Ihr solltet die Möglichkeit bekommen Eure Geschichte frisch ausgeruht zu erzählen. Das wird schwierig genug werden. Ich werde mein Bestes tun, meinen Vater schon heute darauf vorzubereiten. Einer der Heiler hier wird sich Eure Verletzungen noch einmal ansehen bevor Ihr ein Quartier für die Nacht erhaltet."

Lilith brachte als Antwort lediglich ein Nicken zustande. Eine leise Stimme in ihrem Hinterkopf raunte ihr hartnäckig zu, dass die Regeln der Höflichkeit mehr als das erforderten, aber sie schaffte es nicht mehr sich aufzuraffen.

„Auf eines muss ich Euch noch hinweisen", fuhr er fort. Es klang so wichtig, dass sie unwillkürlich aus ihrer Schläfrigkeit aufwachte und zu ihm aufsah. Von einem Augenblick zum anderen hatte er sich wieder in den strengen Heermeister verwandelt. „Da der Truchsess mein Urteil über Euch noch nicht bestätigt hat, muss eine Wache vor Eurer Tür postiert werden. Eine Formalität, die hoffentlich morgen nicht mehr nötig sein wird."

Wieder nickte Lilith. Sie hatte ihren Verstoß gegen Gondors Gesetze in Ithilien beinahe schon wieder vergessen. Zu viele andere Gedanken hatten ihn aus ihrem Bewusstsein verdrängt. "Werdet Ihr mich morgen begleiten?" Die Frage rutschte ihr heraus, bevor sie etwas dagegen unternehmen konnte.

Zu ihrer Überraschung lächelte er. "Das werde ich ganz ohne Zweifel. Schon um einen Großteil des Ärgers meines Vaters abfangen zu können, falls Ihr mit Eurer Geschichte keinen Erfolg haben solltet." Er gab Mablung und Damrod ein Zeichen und wandte sich zum gehen. „Trotzdem wünsche ich Euch eine Nacht ohne Alpträume."

Liliths Gedanken kehrten zu jenen letzten Worten Faramirs zurück, als sie eine Stunde später endlich in einem Bett des Gästehauses lag. Ihre frisch verarzteten Handgelenke pochten noch unter den neuen Verbänden. Die tatkräftige Heilerin, die sie ihr angelegt hatte, war etwa in ihrem Alter gewesen. Sie hatte sich als Morwen vorgestellt, Anborns Bemühungen mit einer anerkennenden Bemerkung quittiert und Lilith vorgewarnt, dass sie ziemlich sicher deutliche Narben von den Fesseln der Orks davon tragen würde. Lilith hatte die junge Frau auf der Stelle gemocht. Sie war eindeutig jemand, der die Dinge ohne Zögern in die Hand nahm. Sie gab ihr ein Gefühl von Sicherheit. Morwen hatte sie mit der Aufforderung verabschiedet, jederzeit zu ihr kommen zu können, falls sie Hilfe in irgendeiner Angelegenheit benötigte.

Eine junges Dienstmädchen, höchstes dreizehn oder vierzehn Jahre alt, hatte sie schließlich ins Gästehaus im obersten Ring der Stadt geführt. Vor der Tür ihres Zimmers hatte wirklich schon ein Wächter Stellung bezogen. Außer einem silbernen Kettenhemd und einem hohen Helm trug er nur schwarze Kleidung, von der Hose bis zum Umhang. Auf seiner Brust leuchtete der weiße Baum umgeben von sieben Sternen, der Lilith inzwischen so vertraut war.

Jetzt konnte sie sich also nach einem langen, anstrengenden Tag endlich in einem richtigen Bett ausstrecken. Doch obwohl sie die Augen kaum mehr offen halten konnte, hatte sie Angst davor einzuschlafen. Sie fürchtete sich vor ihren Träumen. Sie wollte nicht zurück in die Finsternis und zu ihrer Hilflosigkeit. Sie wollte schlafen wie an diesem Nachmittag. Tief und ohne das Gefühl ständiger Bedrohung.

Ein Windhauch wehte durch das offene Fenster herein und brachte die nächtlichen Geräusche der Stadt mit sich. Nach so vielen Tagen in der Wildnis, wo hinter jedem Felsen eine Gefahr lauern konnte, kamen sie Lilith merkwürdig beruhigend vor. Sie schloss die Augen und versuchte an etwas anderes als an die Alpträume der letzten Nächte zu denken. Aber auch das innere Bild ihrer eigenen Wohnung hatte nicht den erhofften Effekt. Stattdessen stieg in ihr wieder der Ärger über ihre ganze vertrackte Situation auf. Und damit landeten ihre Gedanken bei Faramir.

Natürlich ging es im Leben nicht immer danach, was der Einzelne sich wünschte. Aber durfte man sich nicht wenigstes ab und zu mit einer Illusion trösten? Oder hoffen, dass es einen versteckten Sinn hinter den Dingen gab? Dass ihre Reise nach Mittelerde nicht den dümmsten Unfall ihres Lebens darstellte? Sie seufzte und hätte sich am liebsten die Decke über den Kopf gezogen. Plötzlich kam sie sich im Vergleich zu ihm wie ein trotziges Kind vor. Er, der sich verzweifelt bemühte seinen Bruder als obersten Befehlshaber zu ersetzen, der eine Aufgabe erfüllte, nach der ihm nie der Sinn gestanden war, der zu den Waffen griff, obwohl er nicht gerne kämpfte. Alles nur um das zu bewahren, was er liebte. Um seine Stadt und sein Volk vor einer dunklen Flut zu beschützen, die unaufhaltsam näher rückte und alles mit sich zu reißen drohte.

An diesem Punkt fasste Lilith einen Entschluss. Egal, was auch passieren mochte, sie wollte versuchen, sich nie wieder selbst zu bemitleiden. Sich nicht über Dinge zu ärgern, die sie nicht ändern konnte. Sie wollte sich nicht mehr grundlos fürchten. Und sie wollte Faramir fragen, was er tun würde, wenn es diesen Krieg nicht gäbe. Was er sich wünschte.

Hat länger gedauert, dafür längeres Kapitel. *g* Jetzt gibt's ein leckeres Eis zur Belohnung.

Demnächst: Denethor.