Kapitel 20: Fever
Sam und Bobby trugen den bewusstlosen Dean in den ersten Stock, begleitet von Kendra, die Sam mit Fragen über den Hergang löcherte. Er fasste die Ereignisse in Chicago kurz zusammen und beantwortete die Fragen, so gut es ihm möglich war.
Als Dean sicher in seinem Bett lag, begann Kendra sofort damit, ihn zu untersuchen. Sie entfernte den provisorischen Verband am Arm, maß die Temperatur, inspizierte die Wunden und entnahm mit routinierten Bewegungen eine Blutprobe.
Sam und Bobby standen dabei, folgten von Zeit zu Zeit ihren Anweisungen, etwas zu holen, oder ihr zu reichen, hielten sich aber derweil mit Fragen zurück.
Deans Fieber stieg, trotz der kühlenden Umschläge, die sie ihm gemacht hatten und sein linker Arm, an dem die klauenartigen Hände die furchtbaren Wunden hinterlassen hatte, war inzwischen dick geschwollen, heiß und die Haut glänzte rot. Sam wischte ihm immer wieder mit einem feuchten, kühlen Tuch über das unnatürlich bleiche Gesicht, aber Dean zeigte keine Reaktion.
Schließlich sank Kendra erschöpft in einen Sessel. Ihr Gesicht war blass und von Sorge gezeichnet. Unermüdlich hatte sie Kräuter aus den verschiedenen Beuteln an ihrem Gürtel gekramt, sie zerrieben, in Wasser aufgelöst, Pasten und Elixiere daraus hergestellt und sie teils auf der Wunde verstrichen, teils vorsichtig in Deans Mund geträufelt. Sie hatte sogar einige Kräuter in eine Schale mit heißem Wasser gegeben, und diese neben den Kopf des Kranken gestellt.
Doch keine ihrer Maßnahmen hatte irgendeine Wirkung gezeigt.
Nun sah sie auf die Blutprobe und den Wattetupfer, mit dem sie in die Wunde gefahren war und seufzte.
„Ich werde wohl ein paar Tests machen müssen", sagte sie. „Im Moment stochern wir im Dunkeln und ich habe nicht den Eindruck, dass Dean viel Zeit für Experimente hat."
„Tests?" Bobby sah sie erstaunt an. „Hast du ein Labor in deinem Zimmer aufgebaut?"
Bei all der Zeit, wie sie dort in letzter Zeit verbracht hatte, hätte ihn das nicht gewundert, wenngleich er eigentlich der Meinung gewesen war, sie arbeite an einem Runenwort, das das Böse abhalten könnte.
Zwar war keiner von ihnen länger, als ein paar Minuten in ihrem Zimmer gewesen, aber alles, was er gesehen hatte, waren Bestandteile von Hexenbeuteln und endlose Kreidezeichnungen von Runen, die sie im Rahmen ihrer Versuche, das Stonehenge-Runenwort abzuändern, gezeichnet hatte. Von einem Labor, in dem man Blutuntersuchungen vornehmen konnte, hatte er jedenfalls keine Spur entdeckt.
Kendra lächelte müde. „Wenn es das ist, was ich vermute, dann würde ein forensisches Labor davon keine Spuren entdecken. Ich dachte mehr an Tests, die Reaktionen auf bestimmte Substanzen mit magischem Potenzial zeigen."
Sie erhob sich und ging aus dem Raum.
Bobby und Sam bleiben bei Dean, wechselten die kühlenden Umschläge und achteten auf Zeichen der Veränderung, wie Kendra sie angewiesen hatte.
Sie sprachen nicht, tauschten nur ab und zu Blicke, aber die Spannung und Sorge im Raum war fast greifbar. Es hatte so oft Situationen gegeben, in denen einer der Brüder verletzt oder bewusstlos gewesen war und immer hatte es eine Lösung gegeben. Nur waren sie sich in der jeweiligen Situation nie darüber im Klaren gewesen und auch diesmal war es nicht anders. Wie konnte man eine Lösung finden, wenn man nicht einmal das Problem kannte?
Nach über zwei Stunden kam Kendra zurück, ihr Gesichtsausdruck müde und traurig.
„Ich habe es schon geahnt", sagte sie leise. „Das, was Dean vergiftet ist dämonischen Ursprungs und es ist zu mächtig, um es zu vernichten."
„Was soll das heißen?", brauste Sam auf, der all seine Hoffnung in ein Heilmittel aus ihrer Hexenküche gesetzt hatte.
„Das Gift ist mächtig und sein Ursprung ist nicht in dieser Welt begründet", erwiderte Kendra. „All meine Macht ist an die Erde gebunden."
Sie schwiegen eine Weile, während Kendra den Verband an Deans Arm entfernte und die Wunden betrachtete. Die Wundränder waren inzwischen von flammendem rot und ein grauer Belag hatte sich in der Wunde selber gebildet. Der Arm war dick geschwollen und glänzte, doch was am meisten beunruhigte war das völlige Fehlen einer Reaktion bei Dean. Hatte er noch beim letzten Mal, als sie an seinen Wunden herumgedoktert hatte, leise und schmerzvoll gestöhnt, so war nun nur noch sein leises, rasselndes Atmen zu hören, flach und unregelmäßig.
Kendra strich erneut eine Paste auf die Wunde und schloss den Verband wieder.
Dann fühlte sie mit der Hand seine Stirn und seufzte.
„Das Fieber steigt. Wenn das Gift ihn nicht tötet, dann wird das Fieber es tun."
Sam begann unruhig auf und abzugehen. Er fuhr sich mit den Händen durch die Haare und murmelte leise vor sich hin.
Bobby wandte sich an Kendra. „Wenn du ihm nicht helfen kannst, wer kann es dann?"
Sie seufzte. „Niemand, dessen Macht von dieser Welt ist."
Sam blieb ruckartig stehen. „Cas!"
Schnaubend winkte Kendra ab, ihr Gesicht war nun eine starre Maske und in ihren Augen funkelte Wut. „Vertrau auf einen Engel und du kannst gleich in den Abgrund springen."
Sam schüttelte den Kopf, doch Kendra war noch nicht fertig.
„Es gibt das Sprichwort ‚Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott', dasselbe gilt auch für Engel, glaube mir. Wenn du auf die Hilfe von Engeln vertraust, bist du verraten und verkauft."
Bobby und Sam sahen sie ungläubig an. Ihre Stimme war eine Mischung aus Wut und Enttäuschung, so, wie sie es bei ihr noch nicht erlebt hatten.
Kendra winkte wieder ab. „Vergesst es. Wir sind noch nicht am Ende unserer Möglichkeiten. Solange Menschen leben, gibt es Hoffnung, so sagt ihr doch, oder?"
Sie wandte sich wieder Dean zu und begann mit einem Stück Kreide Runen an die Wand über dem Kopfende seines Bettes zu zeichnen. Als sie fertig war, legte sie ein paar kleine Zweige auf das Kopfkissen neben Deans Gesicht.
„Die gute Nachricht ist", sagte sie dann mit einem leisen Hoffnungsschimmer in der Stimme, „meine Tests haben ergeben, dass das Gift sich nur sehr langsam in Deans Körper ausbreitet. Während die Proben aus der Wunde sehr heftig mit den Kräutern und Runen reagiert haben, hat sein Blut nur eine milde Reaktion hervorgerufen. Ich versuche, mit diesen Runen die Ausbreitung weiter einzudämmen."
Sie zeigte auf die Zweige. „Und der Schlehdorn kann negative Einflüsse bekämpfen, wenn sie schon im Körper sind. Ich habe auch ein Pulver davon in die Paste für seine Wunde getan. Es wird ihn nicht heilen, aber vielleicht verschafft es uns etwas Zeit."
Das kaum hörbare Rauschen von Flügeln ließ sie innehalten.
Castiel erschien im Raum, er sah nicht gut aus, dunkle Ringe unter seinen Augen zeugten von Erschöpfung und seine Haltung wirkte eigenartig gebeugt.
„Cas!"
„Wenn man von Teufel spricht."
Sam und Kendra sprachen gleichzeitig, dann verstummten sie beide. Kendra fing sich als erste wieder. „Was willst du hier, Castiel? Wieder einmal zusehen, wenn Menschen leiden und sterben?" Ihre Stimme war mehr ein Fauchen und ihre Augen blitzten kampflustig. „Ich werde nicht zulassen, dass du ein weiteres Leben einfach dahinschwinden lässt!"
Castiel seufzte leise und hob die Hand. „Die Dinge sind nicht mehr so, wie sie einmal waren, Kendra", sagte er mit leiser, müder Stimme.
Doch die Frau schüttelte unversöhnlich den Kopf.
„Geh zurück in die Hölle, die du Himmel nennst, Castiel, und sonne dich in deinem Gefühl der Überlegenheit", sagte sie und wandte sich ab, um die kühlenden Umschlage bei Dean zu erneuern.
Sam sah zwischen der Hexe und dem Engel hin und her und versuchte zu ergründen, was zwischen den beiden vor sich ging. Dann schüttelte er energisch den Kopf. Was auch immer es war, es musste warten, im Moment hatten sie dringlichere Probleme.
„Was war das da vor der Kirche, Cas? Und warum bist du einfach abgehauen?"
Castiel löste seinen Blick von Kendra, deren Bewegungen er genauestens gefolgt war.
„Das war Anor", sagte er schlicht.
„Was? Aber wieso …" Sam verstummte, als ihm bewusst wurde, wie knapp sie dem Tod entronnen waren.
Castiel machte eine abwehrende Bewegung. „Später. Was ist mit Dean?"
Er ging auf das Bett zu, zögerte, als Kendra keine Anstalten machte, Notiz von ihm zu nehmen und legte ihr sanft die Hand auf die Schulter.
Sie zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen und entzog sich seiner Berührung. Mit vorsichtigen Schritten ging sie rückwärts, ohne Castiel aus den Augen zu lassen. Sein Blick war Bitte und Entschuldigung zugleich, als er sich Dean näherte, um die Hand auf dessen Stirn zu legen.
Sam und Bobby waren wie vom Donner gerührt, als sie den Engel so sahen. Es war, als hätten Kendras Worte etwas in ihm aufgebrochen, das er schon lange vergraben hatte und als ob die nun auftretenden Empfindungen ihn zu überwältigen drohten. Sie hatten Castiel schon in den verschiedensten Situationen erlebt, aber so wie jetzt war er noch nie gewesen. Als wäre da etwas, das schwerer auf ihm lastete, als alles, was er jemals in all den tausenden von Jahren seiner Existenz erlebt hatte.
Castiel legte seine Handfläche auf Deans Stirn und zuckte dann mit einem leisen Geräusch des Entsetzens zurück.
„Ich kann nichts tun", sagte er und in seiner Stimme klang so viel Trauer und Mitgefühl mit, dass Sam einen Stich in seinen Eingeweiden verspürte. Castiels Worte klangen wie ein Abschied und erst jetzt begriff Sam das volle Ausmaß dessen, was mit Dean geschah.
Langsam drehte sich Kendra zur Tür. „Wer in diesem Raum etwas anderes geglaubt hat, ist ein Narr", sagte sie bitter und ging hinaus.
Castiel schüttelte den Kopf. „Vielleicht kann ich …" Er brach ab und wandte sich Sam zu.
„Lasst mich etwas mit Dean alleine, vielleicht gibt es etwas, das ich trotzdem für ihn tun kann."
Sam musterte ihn eine Weile, dann nickte er. Gemeinsam mit Bobby verließ er den Raum und ging hinunter ins Erdgeschoss.
„Die beiden gehen mir gehörig auf den Sack", brummte Bobby, während er in Richtung Küche verschwand. Sam wollte ihm folgen, doch er hatte ein verdächtiges Glitzern in Bobbys Augen bemerkt und wusste, dass dieser nun lieber alleine sein wollte.
Er wandte sich unschlüssig um, wusste nicht recht, was er mit sich anfangen sollte. Es war ihm eigentlich völlig egal, was nun passierte, die Sorge um Dean zerriss ihn fast.
Durch das Fliegengitter sah er Kendra auf dem Geländer der Veranda sitzen und auf den Schrottplatz hinaus starren. Er überlegte kurz, dann öffnete er das Fliegengitter und trat hinaus. Alles war besser, als jetzt alleine zu sein und sich von den Gedanken um Dean zermürben zu lassen.
Er schwang sich neben sie auf das Geländer und sah ebenfalls geradeaus. Vor seinen Augen stand der Impala im Licht der Abendsonne und die Chromteile blitzten. Tränen traten Sam in die Augen, der Anblick von Deans Baby war fast zu viel für ihn. Mühsam löste er seine Augen von dem Wagen, dessen Anblick im Moment nicht geeignet war, seinen Schmerz zu lindern und sah Kendra an.
„Was ist das da zwischen Cas und dir?", fragte er, in der Hoffnung, eine Geschichte zu hören, die ihn vielleicht ein wenig ablenkte, solange Cas da oben tat, was … nun, was immer er da auch tat.
Kendra schwieg und presste die Lippen aufeinander. Sie sah ihn an und der Hass in ihren Augen traf Sam wie eine Faust.
Er atmete tief ein, nicht gewillt, jetzt nachzugeben. Jedes Mal, wenn die beiden aufeinander trafen, knallte es und Kendras Reaktion, wenn Castiel auch nur erwähnt wurde, war so extrem, dass dahinter mehr stecken musste, als nur eine Meinungsverschiedenheit.
„Hör zu", setzte er erneut an. „Was auch immer da zwischen euch ist, kann man das nicht irgendwie aus dem Weg räumen? Es geht um Dean. Und um diese verfluchten Hybriden, die die Welt bedrohen. Wenn wir eine Chance haben wollen, dann nur als Team. Und das wird nichts, wenn wir Geheimnisse voreinander haben. Sprich mit mir. Bitte."
Kendras Gesichtsausdruck wandelte sich. Sie lächelte müde.
„Sagt wer? Der Mann, der seine Zeit mit Luzifer in dessen beschaulichem Heim wie das größte Geheimnis aller Zeiten hütet? Rede nicht davon, offen miteinander umzugehen, Sam Winchester, wenn du selber nicht bereit dazu bist." Ihr Ton war jetzt sanft und einfühlsam, der Hass war aus ihrem Blick wie weggefegt, als wären Sams Sorgen so unendlich viel wichtiger, als ihre eigenen Erinnerungen.
Sam seufzte und schwieg einen Moment.
„Ich kann mich an nichts erinnern", sagte er dann.
„Pappelerpapp." Sie wedelte ungeduldig mit der Hand. „Erzähl das deinem Bruder oder Bobby oder deinem Therapeuten. Die Erinnerung steht dir in die Augen geschrieben und es wird dich auffressen, wenn du nicht darüber sprichst."
Sam sagte lange nichts, dann nickte er. „Ich werde es Dean erzählen."
Kendra sah ihn unverwandt an.
„Ich verspreche es. Okay?"
Sie nickte. „Okay. Aber warte nicht zu lange damit."
