Sommerregen
Kapitel 21
Hermine legte ein ganz besonderes Augenmerk auf Snapes Erscheinung, als sie ihn am nächsten Morgen am Frühstückstisch der Lehrer sitzen sah. Sehr zu ihrer Erleichterung stellte sie fest, dass er nach außen hin unverändert wirkte, was darauf hoffen ließ, dass ihm nichts Außergewöhnliches zugestoßen war; die Gerüchte über das Vorgehen Voldemorts, wenn dieser mit seinen Gefolgsleuten unzufrieden war, hatten auch vor ihren Ohren nicht Halt gemacht. Da Snape jedoch ein Meister darin war, sich vor anderen zu verstellen, schloss sie nicht ganz aus, dass er zuweilen unter dem Unmut seines Herrn zu leiden hatte.
Es wurde Samstag und Hermine hatte ihr Möglichstes getan, um sich mental und auch materiell auf die Reise mit Snape vorzubereiten. Da sie ihn nur bei den Mahlzeiten und im Unterricht zu Gesicht bekommen hatte, ließ er ihr eine Notiz mit der Nachricht zukommen, ihn umgehend nach dem Frühstück in seinem Büro aufzusuchen. Als sie eintrat, stand er an seinem Schreibtisch und hob den Kopf. Hermine spürte ein unbehagliches Gefühl in sich aufwallen, während er sie unaufhörlich mit seinen wachen Augen musterte.
„Ähm, werden wir wieder einen Portschlüssel verwenden, Professor?"
Snape schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Nein. Ich denke, wir können es riskieren, den Kamin des Schulleiters zu nehmen. Das Ministerium weiß, dass Potter das Haus seines Paten geerbt hat. Wieso sollte nicht ab und an jemand dort nach dem Rechten schauen?"
Hermine entgegnete nichts darauf und Snape streckte den Arm aus und wies damit zur Tür.
„Wollen wir, Granger?"
„Mir bleibt keine andere Wahl, Professor."
„Ebenso wenig wie mir."
„Das ist wahr", sagte Hermine und lächelte verhalten zu ihm empor. „Aber etwas Seltsames hat es doch. Sie haben mich davor bewahrt, eine Einladung von Professor Slughorn wahrzunehmen. Das ist nun schon das zweite Mal, dass ich Ihretwegen eine Verabredung ausschlagen muss."
Snape entgegnete ihr Lächeln keineswegs, sondern hob nur eine seiner Brauen an.
„Wenn Sie sich mit Slughorn gut stellen wollen, nur zu. Sie könnten mir keinen größeren Gefallen tun, als Minerva auf andere Gedanken zu bringen."
„Wie pathetisch, Professor. Wissen Sie, was noch schlimmer ist? Ich habe felsenfest damit gerechnet, dass Sie mir meine Offenheit unter die Nase reiben werden. Sie legen es geradezu darauf an, mir dieses Wochenende schwer zu machen, richtig?"
„Nicht nur das, Granger. Nicht nur das."
Snape verfiel in tiefes Schweigen und führte Hermine zügig aus den Kerkern und in das Schulleiterbüro, wo Dumbledore bereits auf sie wartete und ihr und Snape abwechselnd zunickte.
„Ah, guten Morgen, Miss Granger. Severus."
„Albus."
Die beiden begegneten sich diesmal außergewöhnlich steif und Hermine ertappte sich dabei, insgeheim nach einem Grund dafür zu forschen. Andererseits wiederum war die unterkühlte Begrüßung zwischen ihnen nicht weiter verwunderlich, wenn man bedachte, mit welch mangelnder Begeisterung Snape dem gemeinsamen Wochenende mit ihr entgegensah.
Snape fackelte nicht lange und drängte Hermine zum Kamin hinüber, wo er sie hinein scheuchte und eine Handvoll Flohpulver hinterher streute. Der Kamin flammte auf und nur wenige Augenblicke später fand sie sich in der Küche des Grimmauldplatz wider. Hermine hüstelte und klopfte sich die Asche von den Schultern. Sie sah sich um. Auf den ersten Blick schien tatsächlich niemand hier zu sein. Blieb nur noch die Frage, was Snape unterwegs so lange machte, denn eigentlich sollte er schon längst aus dem Kamin kommen. Ob er aufgehalten wurde? Waren er und Dumbledore vielleicht ihretwegen aneinandergeraten?
Nachdem Snape auch Minuten später noch nicht aufgetaucht war, zog Hermine ihren Zauberstab aus ihrer Jeans hervor und schlich in den Flur. Sie hatte den Grimmauldplatz mit seiner abweisenden Atmosphäre nie sonderlich gemocht, vor allem dann nicht, wenn er so verlassen war wie jetzt. Früher war es während der Ferien manchmal schon fast zu voll gewesen, doch davon war längst nichts mehr zu spüren, seit Sirius gestorben war.
Da sie keine Lust hatte, das muggelverachtende Portrait der verstorbenen Mrs Black in Aufruhr zu versetzen, bewegte sie sich langsam voran und tastete sich Schritt für Schritt durch den dunklen, endlos langen Flur.
Hermine kam nicht besonders weit mit ihrer Exkursion. Gerade einmal bei dem abgehackten Trollbein angelangt, das als Schirmständer diente, hörte sie im Wohnzimmer ein lautes Poltern. Sie hielt schlagartig inne und wusste sofort, dass daran etwas faul sein musste; das Geräusch war ungeheuer plump und passte so gar nicht zu Snape. Wer auch immer also noch im Haus war, es konnte nicht der Professor sein.
Es gab noch mehr Gepolter und auch ein Klirren, dass es beinahe so klang, als würde jemand grob die Schränke mit dem guten Geschirr durchwühlen.
Vorsichtig wagte Hermine sich weiter voran und spähte um die Ecke. Sie hatte sich nicht getäuscht: Vor ihr stand, den Rücken zu ihr gewandt, Mundungus Fletcher und tastete mit seinen ungeschickten Händen den Inhalt der großen Vitrine ab, die das kostbare Essgeschirr und das Tafelsilber der verstorbenen Blacks enthielt. Neben ihm auf dem Boden lag ein großer Sack, der bis zum Rand mit silbernen Tellern und allerhand anderen Gegenständen gefüllt war.
Hermine hielt vor Schreck den Atem an. Was Mundungus da machte, stand außer Frage. Sie hatte Tonks schon des Öfteren über seine kriminellen Machenschaften reden hören. Außerdem, hatte der Professor nicht gesagt, dass niemand sonst hier sein würde?
Es brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde für Hermine, ihren Zauberstab auf seinen Rücken zu richten und ihn mit einem gezielten Schockzauber außer Gefecht zu setzen. Erschrocken über ihre eigene Entschlossenheit sah sie dabei zu, wie er, von dem blitzenden Licht aus ihrem Stab getroffen, vornüber gegen die Regalbretter krachte und in sich zusammengekrümmt bewusstlos auf den Boden fiel. Sein Aufprall zog eine solche Wucht nach sich, dass eine ganze Reihe Teller, Becher und allerhand Besteck auf seine Gestalt niederregneten. Dann wurde es still.
Hermine hörte das Rascheln von Snapes Umhang nur wie aus weiter Ferne in ihr Ohr dringen.
„Alles in Ordnung, Granger?", sagte er tonlos.
Hermine nickte dumpf. Snape war so unerwartet neben ihr aufgetaucht, dass sie kaum wusste, wie ihr geschah.
„Er – er wollte Harrys Sachen stehlen", sagte sie mit zittriger Stimme und deutete auf den prall gefüllten Sack.
Snape richtete wortlos seinen Zauberstab auf Mundungus und hob ihn damit in die Luft. Wie eine an Fäden gezogene Marionette schwebte der leblos anmutende Körper des Diebs zu einem Stuhl hinüber und setzte sich darauf nieder. Umgehend darauf legten sich unsichtbare Seile um Mundungus' Rumpf und zurrten ihn an der Lehne fest.
Hermine sah gebannt dabei zu. Erst dann, als Snape mit der Hand in seinen Umhang hineinfuhr und ein kleines Fläschchen zum Vorschein brachte, wurde sie aus ihrer Starre gerissen. Sie warf sich zwischen die beiden und hielt Snape zurück.
„Was haben Sie vor?"
„Gehen Sie beiseite, Granger", sagte Snape eisig. „Er hat den Auftrag erhalten, sich von diesem Haus fernzuhalten. Offensichtlich hat er es nicht getan. Jetzt müssen wir wohl oder übel herausfinden, ob es nur seine eigene Dummheit war oder ob nicht vielleicht mehr dahintersteckt."
„Sie meinen, jemand von der anderen Seite könnte ihn geschickt haben?"
„Wir müssen mit allem rechnen."
„Aber ..."
„Was? Machen Sie sich Sorgen um ihn? Er ist nur ein räudiger Dieb. Sie haben ihn nicht einmal gewarnt, bevor Sie ihn hinterrücks außer Gefecht gesetzt haben."
„Woher wissen Sie das?"
„Ich war direkt hinter Ihnen, Granger."
„Was? Warum haben Sie dann nichts unternommen?"
„Ich wollte sehen, wie Sie sich schlagen", sagte Snape süffisant. „Und Sie haben sich ganz wacker gehalten. Beinahe wie damals, als Sie und Ihre Freunde mich aus dem Weg geschafft haben, um Black und Wurmschwanz entkommen zu lassen."
Hermine schoss ihm einen bitterbösen Blick zu und schnaubte ihn entrüstet an: „Sirius war unschuldig!"
„Das konnten Sie nicht wissen. Niemand konnte das!"
„Sie hätten uns nur zuhören müssen, dann wäre die Wahrheit ans Licht gekommen. Aber das war natürlich wie immer zu viel verlangt, weil Sie nur auf Rache aus waren."
Snape starrte Hermine mit aufgerissenen Augen an und sie konnte unschwer erkennen, dass nicht viel fehlte, bis er seinen Zauberstab auf sie richten und ihr einen Fluch aufhalsen würde.
„Na gut", lenkte sie schließlich ein, „vielleicht war ich heute wieder einmal selbst etwas zu voreilig. Aber nehmen wir an, ich hätte es nicht getan und ihn zur Rede gestellt, was dann? Er hätte mich auch genauso gut überwältigen können."
„Wir machen Folgendes", sagte Snape unbeirrbar, die Augen zu Schlitzen geformt. „Ich werde ihn wegbringen, Granger. Sie bleiben hier und fangen an, nach dem Medaillon zu suchen. Am besten, Sie beginnen gleich mit dem Durcheinander, das Sie angerichtet haben."
Hermine wusste, dass es zwecklos war, mit ihm darüber zu diskutieren, was geschehen war. Sie hatte in erster Linie gehandelt, weil sie nicht tatenlos mitansehen wollte, wie jemand Sirius' Erbe klaute. Snape hingegen hatte eine Gefahr für den Orden gesehen und würde nicht mit ihr über die Besitztümer ihres Freundes debattieren, die bis vor kurzem seinem Erzfeind gehört hatten.
Mit gesenktem Kopf beobachtete sie ihn dabei, wie er Mundungus losmachte und ihn, genau wie bei Trelawney, gleichgültig über die Schulter warf. Die stickige Luft in dem altbackenen Raum wurde von einem allzu vertrauten Knall erschüttert und weg waren sie.
Es hatte einen zermürbenden Beigeschmack, dass Hermine nicht wusste, was er mit Mundungus vorhatte. Snapes Augen waren von einem eigenartigen Funkeln durchzogen gewesen, das ihn unberechenbar machte. Natürlich konnte sie nicht von sich behaupten, dass sie Mitleid mit Mundungus hatte, er musste schließlich für seine Tat zur Verantwortung gezogen werden. In seiner Haut stecken wollte sie trotzdem nicht - nicht wenn Snape in dieser rachsüchtigen Stimmung war.
Als Hermine das Diebesgut genauer unter die Lupe nahm, stellte sich bald heraus, dass Mundungus völlig wahllos irgendwelche halbwegs wertvoll anmutenden Gegenstände eingesteckt hatte. Das Diadem war jedoch nicht darunter und so versuchte sie sich darin, geduldig mit dem Zauberstab das zerbrochene Geschirr auszusortieren, um zu retten, was noch zu retten war und beiseite zu stellen, was unwiderruflich Schaden genommen hatte. Harry sollte später selbst entscheiden, ob er es wegwerfen wollte oder nicht. Es war bei Weitem nicht so mühsam wie damals in der Hütte, auf diese Art vorzugehen und Hermine war heilfroh, dass sie nun endlich zaubern durfte.
Etwa zwei Stunden später, sie hatte inzwischen nahezu jeden Winkel des Wohnzimmers nach dem Medaillon durchforstet, gab es wieder einen Knall und Snape materialisierte sich an genau derselben Stelle, an der er zuvor verschwunden war.
"Ich hoffe, Sie haben noch was von ihm übrig gelassen", sagte Hermine mit einem zynischen Blick auf seinen wie immer zum Einsatz gezückten Zauberstab.
Snape tat ihre Bemerkung mit einem schiefen Grinsen ab.
"Das ist nicht das", schnarrte er, "was ich zur Begrüßung von jemandem hören wollte, der vorgehabt hatte, mich zu verführen."
"Pech für Sie", sagte Hermine naserümpfend. "Sie hatten Ihre Chance. Leider haben Sie sie vertan."
Schwungvoll drehte Snape ihr den Rücken zu und schwebte hinaus.
"Wenn Sie mich suchen, ich bin oben, Granger. Aber kommen Sie ja nicht auf die Idee, alle fünf Minuten bei mir anzutanzen."
Hermine blickte ihm nach, die Enttäuschung über sein stichelndes Verhalten nur zu deutlich ins Gesicht geschrieben. Wie es den Anschein hatte, war er immer noch nicht gut auf sie zu sprechen.
Der Tag zog sich quälend langsam dahin, was nicht nur an der frostigen Stimmung zwischen den beiden lag, die sich vorzugsweise aus dem Weg gingen, sondern unter anderem daran, dass Sirius offenbar nie auch nur einen Gedanken daran vergeudet hatte, den Familienbesitz einmal richtig auf den Kopf zu stellen, um irgendetwas davon auszusortieren und wegzuwerfen. Hermine kannte das Haus inzwischen recht gut, obwohl es immer wieder neue Räumlichkeiten offenbarte, die sie bisher noch nie betreten hatte. Gemeinsam mit ihren Freunden hatte sie vor Sirius' Tod während der Ferien viel Zeit im Grimmauldplatz verbracht und war von Mrs Weasley dazu verdonnert worden, das Haus von Ungeziefer zu befreien, das sich dort eingenistet hatte, als Sirius in Askaban gesessen hatte.
Im Laufe des Nachmittags legte Hermine endlich eine langersehnte Pause ein, um bei dieser drögen Arbeit nicht vollends den Verstand zu verlieren. Es war frustrierend, nicht zu wissen, ob ihre Bemühungen überhaupt einen Erfolg aufweisen würden. Gedankenverloren schlenderte sie den Flur des oberen Stockwerks entlang, in der Hoffnung, vielleicht doch noch zufällig ein etwas freundlicheres Lebenszeichen von Snape zu erhaschen, den sie nun schon seit geraumer Zeit nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte.
Und dann, durch eine nur halb geöffnete Tür, sah sie ihn. Snape saß vornübergebeugt, die Ellenbogen auf den Knien abgestützt, an der Kante von Sirius' altem Bett und hielt eine bewegliche Fotografie zwischen seinen langgliedrigen Fingern; neben ihm auf dem Bett lag ein handgeschriebener Brief.
Als wäre der Anblick, ihn mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf zu sehen, nicht schon seltsam genug gewesen, registrierte Hermine zu allem Überfluss auch noch, dass er am ganzen Leib zitterte. Sie konnte sein Gesicht zwar nicht besonders deutlich erkennen, da seine langen Strähnen es bis auf die markant hervorstechende Hakennase verdeckten, war sich aber fast sicher, dass er in stummer Trauer das Bild anstarrte, als würde er weinen.
Hermine rührte sich nicht vom Fleck. Die Art und Weise wie er da hockte, vollkommen desolat und vereinsamt, machte sie traurig. Es war ein neues, fast schon beschämendes Gefühl und Hermine wusste nicht, ob sie es zulassen sollte, Mitleid mit ihm zu haben oder nicht. Sie wagte kaum, sich zu bewegen, um ihn nicht auf sich aufmerksam zu machen. Für einen Spion wie ihn, der ständig auf der Hut sein musste, war es ein zugegebenermaßen erschütternder Augenblick, ihn so in sich gekehrt zu erwischen, dass er ihre Anwesenheit nicht einmal zur Kenntnis genommen hatte.
Da sie nicht ewig dort stehen und ihn anstarren konnte, machte sie zaghaft einen Schritt zurück und hörte das sanfte Knarzen eines losen Dielenbretts unter ihrem Fuß.
Snapes Kopf zuckte in ihre Richtung. Den Zauberstab in der Hand, war schneller auf den Beinen, als sie es je für möglich gehalten hätte.
„Ich - ich wollte fragen, ob Sie vielleicht eine Kleinigkeit essen wollen", stotterte Hermine, klang jedoch nicht allzu überzeugend dabei.
Er sagte nichts und regte sich auch nicht. Dafür sah er sie mit einem mörderischen Ausdruck in seinen Augen an, der mit zu den schlimmsten gehörte, die Hermine bisher bei ihm ausgemacht hatte.
„Also, wenn Sie keinen Hunger haben, werde ich wieder gehen ..."
Sie tastete unbeholfen nach der Gesäßtasche ihrer Jeans und zog ihren Zauberstab aus der Hose, ein fataler Fehler, wie ihr erst jetzt bewusst wurde.
„Fallen lassen, Granger", sagte Snape ungerührt durch die zusammengepressten Zähne hindurch und richtete seinen eigenen Stab direkt zwischen ihre Augen. „Und das werde ich nicht noch einmal sagen."
Hermines Hand bebte vor Anspannung. Sie hatte Snape schon oft erschreckend bedrohlich vorgefunden, diesmal jedoch war alles noch viel schlimmer und sie hatte keine Zweifel daran, dass er seine Drohung wahrmachen und sie verhexen würde, wenn sie ihm einen Grund dafür lieferte.
Hermine nickte. Vorsichtig senkte sie ihre Hand und lockerte den Griff ihrer Finger. Mit einem dumpfen Geräusch fiel der Zauberstab zu Boden.
„Gut gemacht", murmelte er leise.
Snape steckte das Foto in die Innenseite seines Umhangs, schnappte sich den Brief vom Bett und packte ihn dazu.
„Sie sind ebenfalls nur ein räudiger Dieb, wenn Sie den Brief mitnehmen", sagte Hermine mutig. Ihr Puls jedoch war um ein Vielfaches in die Höhe geschnellt. „Er gehörte Sirius, nicht wahr? Das heißt, er gehört jetzt Harry."
„Halten Sie sich da raus", fauchte Snape. „Und wagen Sie es nicht, mich noch einmal als Dieb zu bezeichnen. Sie verstehen das nicht."
„Was verstehe ich nicht? Dass Sie ein Andenken an Lily stehlen wollen? Ich verstehe sehr gut, Professor. Aber ich glaube nicht, dass Harry dafür ebenso viel Verständnis aufbringen wird." Sie streckte vorsichtig ihre Hand nach ihm aus. „Geben Sie ihn mir. Er hat ein Recht darauf, diesen Brief zu erhalten."
Snape sah voller Verachtung auf ihre offene Hand. So wie er sich verhielt, dachte er gar nicht daran, das zu tun, was sie von ihm verlangte.
„Das geht Sie nichts an."
„Tut es doch. Er ist mein Freund."
Er öffnete langsam den Mund und schluckte.
„Und sie war meine Freundin. Verlangen Sie also nicht, dass ich Ihnen etwas anvertraue, worauf Sie keinen Anspruch haben."
Ohne sie weiter zu beachten, setzte er sich in Bewegung. Bei ihr angelangt, drängte er sich unsanft an ihr vorbei durch die Tür und hielt von dort aus auf die Treppe zu.
Hermine konnte nichts weiter tun, als ihm nachzublicken, bis er nicht mehr zu sehen war. Sie ließ sich mit dem Rücken gegen den Türstock fallen. Erst dann erlaubte sie sich, zitternd und aufgewühlt, in die Knie zu gehen, um wieder zu Atem zu kommen und darüber nachzusinnen, was geschehen war.
