/So ihr Lieben,
eine kleine Bemerkung zur Zweiteilung. Eigentlich war das gute Stück ein einziges Kapitel, doch aus technischen/ logistischen und anderen Gründen, habe ich das Ganze zerteilt. Was soviel bedeutet wie, wenn ihr hier über den ersten Absatz hinauskommen solltet, dann bitte gleich mit Kapitel 22 weitermachen... Und wie bereits bekannt: Allgemeine Kitsch-Warnung! (oder eher erhöhte Kitsch-Warnung!)
21. Loslassen I
„Ich bin zurückgekommen, weil ich dich liebe, Daenerys."...
Der Nachhall dieser Worte, gesprochen mit seiner tiefen, kratzigen Stimme, die sie nahezu um den Verstand brachte, schwebte immer noch durch Danys Kopf, als er sie küsste.
Was sie sich nie vorzustellen gewagt hätte, was sie nie eingefordert hat, und was doch hinter den verbotenen Gedanken an ihn wachte, erzeugte jetzt einen Schwindel, welcher sie, würden jene starken Arme sie nicht umschlingen, unmittelbar zu Boden gezerrt hätte.
Unfähig die Eindrücke, welche einzig aus dem zu bestehen schienen, was ihr Körper in genau diesem Augenblick spürte, zu einem Ganzen zusammenzufügen, ragten lediglich einzelne Empfindungen aus dem berauschenden Wirbel empor.
Feine Haare, die ihre Finger kitzelten. Kalte Steinplatten, die gegen ihre bloßen Füße drückten. Kräftige Hände, die gegen ihre Wirbelsäule pressten. Angespannte Muskeln, die sich an ihre Brust drängten. Und getrennt von diesen flüchtigen Spuren in ihrem Bewusstsein, traten die Hitze und das Prickeln, die durch seine Nähe erzeugt wurden, überdeutlich hervor.
Das leichte Kratzen seiner Barthaare, welche die weiche Haut um ihren Mund auf eine angenehme Weise reizten, vermischt mit seinen warmen und überraschend geschmeidigen Lippen, die immer noch auf den ihren lagen, erstickten all die nur schwer zu ertragenden Empfindungen der vergangenen Stunde, der vergangenen Tage, der vergangenen Wochen, der vergangenen Jahre. Jener Kuss, ihr erster Kuss, war ein hauchzartes Versprechen.
Er liebt sie... Sie wurde geliebt. Niemals zuvor, nicht während ihrer zerrütteten Kindheit, noch in ihrem bisherigen erwachsenen Leben hatte eine einzelne Person diese Worte an sie gerichtet, ohne dass sie Misstrauen oder Zweifel empfand.
Viserys hatte wenig von diesem Gefühl verstanden, aber wie sollte er auch, kam er doch schon früh zu der Überzeugung, dass man mit Liebe, Schwert und Feinde nicht aufhalten konnte. Seine Leidenschaft galt dem Hass, der an den Usurpator gerichtet war und einem ziellosen Streben nach nie erreichbaren Vorstellungen. Sie hat von der Liebe in Büchern gelesen, von ihr in Liedern gehört und dennoch behielt dieses Gefühl einen zweifelnden Beigeschmack für Daenerys. Lange dachte sie, dass man Liebe nur von einer Familie lernen könnte, um sie späterhin auch für jemand anderen zu empfinden. Da sie aber nie die Wirklichkeit einer Familie gekannt hatte, fürchtete das kleine Mädchen, welches sie einst gewesen war, dass sie nie das erfahren könnte, was die Geschichten ihr erzählt hatten, oder dass alle Welt herausfinden würde, dass sie nie gelernt hatte zu lieben.
Als dann das geschah, was ihrer Vorstellung nach immer aus Liebe geschehen sollte und sie darin dann alles, aber eben keine Liebe gefunden hatte, zerbrach ihre kindliche Einbildung dieses Märchens. Aber mit der Zeit hatte sie gelernt zu lieben, Drogo zu lieben, und sie wusste, dass er sie auf seine eigene Weise auch geliebt hatte, nur war es den Dothraki nicht eigen, vor allem nicht einem Khal, solche Empfindungen auszusprechen...
Und der andere Mann hatte das Wort in mehreren Varianten, nahezu ohne Atempause benutzt, hatte es mit seinem Mund ausgehöhlt, es verdorben und beschmutzt...
Sie wurde geliebt, ohne Bedingungen, mit der ganzen Kraft eines für sie schlagenden Herzens. Er liebt sie.
Womöglich hat sich, seitdem er die Worte ausgesprochen hat, der Mond komplett gefüllt, hat sich wieder in eine schmale Sichel verwandelt, um dann erneut anzuwachsen, oder vielleicht passte auch nur ein Wimpernschlag in diese Lücke ihres Kummers. Sie konnte es nicht sagen, doch als Daenerys ihre Augen öffnete, tauchte das selbe silberne Licht Jorahs Umrisse in einen kalten Schein, der von den verbliebenen Kerzen nicht mehr vertrieben werden konnte.
So unschuldig und zart dieser Kuss auch gewesen war, in dem Moment, als Jorah seine geschlossenen Lippen von ihr nahm, vermisste sie den leichten Druck bereits. Zu entbehrungsreich und zu kräftezehrend war der Kampf gewesen, den sie in den verstrichenen Minuten bestritten hatte und aus welchem sie fast als Verliererin hervorgegangen wäre. Aber war die Schlacht wirklich schon vorüber, in der nicht Jorah ihr Gegner war, sondern die ganze Welt und was sie von den Menschen verlangte, was sie von ihnen übrig ließ?
War sie hierfür durch lichtlose Korridore gerannt und hatte endlos lange, schmerzende Minuten in der Finsternis ausgeharrt, fragte sich Dany und fühlte den unbehaglichen Stich, wenn sie daran dachte, dass sie derartig berechnend gehandelt haben sollte. Tränen, Blicke voller Begehren und Berührungen zu kurz, um die sichtbare Qual in seinen Augen zu lindern und doch lang genug, um diese am Leben zu erhalten, waren das, was sie gegeben hat. Verlangt hatte sie aber zugleich alles. Nein, es waren ihre Sorgen und ihre Ängste, die sie aus dem Bett gezogen und ihre Schritte an diesen Ort gelenkt haben, von dem sie gehofft hatte, dass er ihr Erleichterung schenken könnte, der sich unbemerkt zu einem Platz der Sicherheit, ohne Rechtfertigungen und ohne Täuschungen entwickelt hat, oder wenigstens wollte sie das glauben. Erst seine Nähe, sein Anblick hatte den Anstoß gegeben und ab einem bestimmten Punkt konnte sie einfach nicht mehr aufhören. Ungeachtet, ob sie bereit war, sich jenen überwältigenden Gefühlen zu stellen, hatte sie ihn weiter und weiter gedrängt.
Nicht noch eine Nacht ohne Gewissheit und nur mit mehr quälenden Fragen wollte sie ertragen. Wenn die dunklen Bilder ihrer Träume jemals wahr werden könnten, wenn alles nur einen Schritt von einem bodenlosen Abgrund entfernt ist, wollte sie, dass er weiß, was er für sie war.
Gebannt starrte Daenerys in Jorahs Gesicht, auf dem sich eine Mischung aus fassungsloser Freude und einem Anflug von Schmerz spiegelte. Kurzzeitig fürchtete sie sich den Ausdruck in seinen Augen allzu genau zu deuten, könnten sie doch die Angst vor ihrer erneut aufkommenden Verwirrung enthüllen, die während des Abends einige Male Jorahs Kontrolle entkommen war.
Aneinander gepresst merkte Dany nun wie sich ihr Atem allmählich an den seinen anpasste und sie sich im Rhythmus ihrer Herzschläge leicht bewegten. Jedoch veränderten sie weder ihre Haltung, noch wagten sie es zu sprechen. Unaufhaltsam zog die Gegenwart an ihr vorbei, wurde zur Vergangenheit und hinterließ eine bleierne Schwere, eine Stille, welche wie ein Fels auf ihnen lastete und sich zwischen sie drängen wollte.
Für Daenerys hatte es den Anschein, als würden sie auf ein Zeichen warten, das bewies, dass sie mit diesem Kuss gegen eine höhere Ordnung verstoßen hatten und so all ihre Befürchtungen gerechtfertigt wären. Doch nichts geschah. Nur das knisternde Flackern der Kerzenflammen und die erdrückende Stille waren mit ihnen zusammen in Jorahs kleinem Quartier eingesperrt.
Widerwillig löste Dany ihre Hände aus seinem Haar und spürte die kalte Luft am Rücken, wo zuvor noch seine Arme ihren Körper gewärmt hatten. Es war grausam mit anzusehen gewesen, Jorahs Zerrissenheit. Deutlich hatte sie die Folter, welche ihre Äußerungen für ihn waren, erkannt und genauso unverkennbar war die Liebe, die Leidenschaft in seinen Blicken gewesen, welche er offensichtlich vor langer Zeit in Fesseln gelegt hatte, und nun nicht in der Lage war diese ohne weiteres zu lösen. So sehr sie ihn auch von seinen Qualen befreien wollte, hielten ihre eigenen Dämonen sie immer wieder zurück, lockten Worte hervor, die sie eigentlich nicht aussprechen wollte, zwangen sie Dinge zu tun, die entgegen ihres Sehnens gerichtet waren und hätten sie um ein Haar erneut dazu gebracht vor ihren Gefühlen davonzulaufen.
Bereits unmittelbar nach ihrem schreckhaften Erwachen hatte sie jenen bekannten Schmerz bemerkt und selbst als sich die dunklen Empfindungen von den Rändern ihres Bewusstseins lösten und tiefer in ihr Herz krochen, hatte sich Daenerys immer noch an die Hoffnung geklammert, dass es nur die Auswirkungen des Traums gewesen waren. Vielleicht wäre dies auch so gewesen, wenn das darauf Folgende ihre empfindliche Fassade nicht derartig aufgerieben hätte. Das Wechselbad der Gefühle, die Erinnerung an das Loch in ihrer Brust, ihr Geständnis, die Angst, ... immer wieder diese Angst, hatten sie unweigerlich zu dem Scheideweg geführt, der von Licht und Schatten getrennt wurde. Doch der Sturm, dem sie sich selbst ausgesetzt hatte, verwischte diese Trennlinie und wehte von Zeit zu Zeit Körnchen der Dunkelheit in ihr Antlitz, welche unausweichlich auch gegen Jorah geprallt waren. Möglicherweise war es auch diese Finsternis in ihr, die ihn, ebenso wie seine Überzeugungen, zögern ließen, überlegte Dany jetzt. Wie oft konnte sie ihm ihre Pein noch zumuten, ohne dass er sich endgültig von ihr abwandte? Selbst ihr schüchterner Kuss schien seine Zweifel nicht vollständig zerstreut zu haben und so schob sich nach und nach die Angst um seine Reaktion an die Oberfläche.
Mit dieser Befürchtung und ohne seine stützende Umarmung fühlten sich ihre Beine plötzlich matt und kraftlos an, sodass Daenerys, um nicht auf die Knie zu sinken, einen Schritt nach hinten machte. Ein scharfes Stechen riss sie aus den Grübeleien und erschrocken stieß sie einen Laut des Schmerzes aus.
„Khaleesi!", rief Jorah nicht weniger überrascht und war sofort an ihrer Seite.
Unbeholfen balancierte Dany auf dem rechten Bein, um das Zwicken in ihrer linken Fußsohle nicht erneut auszulösen und ergriff hektisch Jorahs dargebotene Hand. Prüfend betrachtete sie die schmerzende Stelle unter ihrem Fuß, an dem ein erbsengroßer, dunkler Gegenstand haftete.
Mit Besorgnis erfüllter Stimme fragte der Ritter: „Was fehlt eu- ... Was ist passiert?"
„Ich weiß nicht. … Offenbar bin ich in einen kleinen Stein getreten. Kein Anlass zur Sorge, Jorah."
Stirnrunzelnd hörte Dany jetzt den kleinen Stein zu Boden fallen, der sich in ihre Haut gegraben hatte und nun munter über die Erde hüpfte, nur um sich zu einer beachtlichen Ansammlung seinesgleichen zu gesellen. Beim Betreten Jorahs Räume hatte sie keinerlei Notiz von diesen kantigen Steinchen genommen. Wenig verwunderlich, dachte Daenerys und setzte ihren Fuß behutsam auf, waren ihre Gedanken zu jenem Zeitpunkt auch weit von der Realität entfernt gewesen.
Eilig zog Jorah sie von der Tür und dem verstreuten Gestein weg, wieder dichter an die schwachen Lichtquellen heran. Mag ihr Aufschrei die schwere Stille auch vertrieben haben, hatte zugleich eine eigenartige Anspannung stellvertretend deren Platz eingenommen.
So wenig wie Dany sein Gebrauch ihres Titels verborgen geblieben war, bemerkte sie nun auch das Zögern, mit dem er ihre Hand losließ und sich dann räusperte: „Hat der Stein eine Wunde zurückgelassen?"
„Nein, es war wohl eher der Schreck, als der Schmerz an sich, der mich aufschreien ließ."
Seltsamerweise spannte sich nun ein verlegenes Lächeln über Jorahs Gesicht, mit dem er zu ihr herabsah.
„Dafür muss ich mich wohl verantworten und entschuldigen. Jene Steine wurden von meinen Stiefeln hereingetragen und über den Boden verteilt."
Das so selten gebrauchte Grinsen, spannte jetzt ebenso Daenerys' Gesichtsmuskeln an und gab ihr einen Moment, um zu überlegen, ob sie das, was ihr durch den Kopf ging, aussprechen sollte.
„Nun, dann sollte ich mich wohl bei deinen Stiefeln bedanken, da sie das Verlassen dieses Raumes nahezu unmöglich gemacht haben."
Genüsslich beobachtete Dany den Widerschein der Flammen in seinen geweiteten Augen und die Bewegung Jorahs Kehle, als er ihre kühn gesprochenen Worte offenbar hinab schlucken musste.
Aufgeheizte Luft aus Richtung der Kerzen wurde von einer leichten Brise herangetragen und steigerte Daenerys' Wunsch sich ihrer mittlerweile viel zu warmen, sandfarbenen Robe zu entledigen. Ein Drang, der von der einzelnen Strähne, die in ihren Ausschnitt gekrochen war und nun unangenehm an ihr klebte, noch verstärkt wurde. Gleichzeitig weckte der Anblick Jorahs, der sich über den Bart strich, das Verlangen erneut dieses köstliche Kratzen, welches er jetzt seinen Fingern zukommen ließ, auf ihrer Haut zu spüren. Doch bevor sie ihren Gedanken Taten folgen lassen konnte, brachte sie ein einziges Wort zum Erstarren.
„Khaleesi.", seufzte der Ritter und sah durch jetzt herabgesenkte, golden leuchtende Wimpern zu ihr auf.
Khaleesi? Was war mit 'Daenerys' geschehen? Kurz durchfuhr Dany ein nicht sichtbares Erschauern, bevor sie kopfschüttelnd auf Jorah zuhielt, seine Unterarme ergriff und versuchte so viel Entschlossenheit wie nur möglich in ihren Blick zu legen. Erleichtert spürte sie wie er ihre Ellenbogen umfasste und sie nicht, wie befürchtet, von sich schob.
War sie denn wirklich so blind? Hatten ihre Augen ihr einen Streich gespielt, als sie, vor ihrem viel zu kurzem Kuss, ein Aufblitzen in seinem Gesicht erblickt zu haben glaubte? Sie war sich doch so sicher gewesen, dass er verstanden hatte, dass auch er loslassen würde.
„Jorah, bitte lass mich hier nicht alleine zurück. Nicht so. Ich dachte wir hätten diesen Ort gemeinsam betreten, mit den gleichen Wünschen, den gleichen Hoffnungen,... dem gleichen Verlangen."
Leise hauchte sie die letzten Teil und lehnte ihren Kopf zum wiederholten Male in dieser Nacht gegen seine Brust.
„Verzeiht…", bat er gedämpft, „Ich wollte nie der Anlass für Kummer und Verzweiflung sein, noch wollte ich, dass meine Qualen zu den euren werden."
Schwermut erstickte seine Stimme und veranlasste Daenerys dazu ihre Arme um seinen Hals zu schlingen.
„Qual? Nennst du so deine Gefühle für mich?"
Augenblicklich versteifte sich Jorah in ihrer Umarmung und bemühte sich schwach Dany von sich zu drängen.
„Wahrscheinlich waren sie das wirklich, nicht wahr mein Bär? Eine Qual... Aber vertraue mir, deine Schmerzen haben die meinen zu keinem Zeitpunkt verstärkt, das konnten sie gar nicht, denn es waren ohnehin die deinen. ... Wenn mir diese Qual eines gezeigt hat, dann das, dass es manchmal nur so schmerzt, weil es wirklich von Bedeutung ist. ... Und das hier ist von Bedeutung, Jorah. ... Du hast mich gelehrt, dass Leid ebenso zum Leben gehört wie Freude, und dass nur zählt wie man diesen begegnet. All der Kummer und die Verzweiflung haben mich zu meinen wahren Gefühlen geführt. ... Lass diese Reise nicht vergebens gewesen sein."
Vorsichtig befreite sich Jorah vollständig aus Daenerys' Umklammerung, hielt sie vor sich und zog die verirrte Strähne aus ihrem Nachtgewand, um sie hinter ihr glühendes Ohr zu legen. Wie schon die vielen Male zuvor, reichte diese kleine, liebevolle Berührung aus, um das Flattern in Danys Magen wiederum auszulösen.
„Es schmerzt, weil es von Bedeutung ist. … Ein schöner Gedanke. Doch so viele Schmerzen sind unnötig und für euch … für dich wünsche ich mir weniger Leid und mehr von jener Freude, von der du sprachst..."
„Dann sei meine Freude, Jorah.", bat Daenerys mit hoher Stimme und fasste in den leeren Raum, als sie ihr Vorhaben ihn zu berühren in letzter Sekunde abbrach, da sie hörte wie er vernehmlich nach Atem rang und bemerkte wie er den Druck seiner Hände auf ihren Oberarmen verstärkte.
Erneut tobte der Kampf zwischen Pflicht und Wollen auf Jorahs Gesicht, schlug tiefe Furchen in seine Stirn, trübte das Leuchten in seinem Blick und verwandelte seinen Mund in eine harte Linie. Konzentriert verfolgte Daenerys jene Schlacht und wartete gebannt auf den Ausgang derselben.
„Für mich ist das hier ein wahr gewordener Traum, den ich schon so lange träume, dass er fast nicht mehr erreichbar erschien, ... dem ich nie gestattet habe überhaupt in greifbare Nähe zu rücken, aus Furcht ich könnte ihn mit meinen unwürdigen Berührungen zersplittern lassen und dich dabei verletzten."
„Ich habe die Zeit nach deinem Weggang überlebt und solange du mich nicht erneut verlässt, weiß ich nicht was mir schaden könnte."
Jorah schloss kurz die Augen und entgegnete dann mit tonloser Stimme: „Ihr... du weißt, welcher Schaden angerichtet werden könnte."
Natürlich wusste sie dies nur zu gut und was ihn scheinbar als Einziges weiterhin zurückhielt hatte ihr nicht wenige Kopfschmerzen und schlaflose Nächte bereitet. Aber wie sie ihm bereits gesagt hatte, war sie nicht länger bereit ihr Herz von nicht greifbaren Vorstellungen gesichtsloser Fremder kommandieren zu lassen. Es würde schwer werden, von Zeit zu Zeit vielleicht auch unbequem, doch sie würden dies nie erfahren und auch nicht das Glück, den Seelenfrieden und die Erlösung, die ihre Gefühle füreinander in sich trugen, wenn sie weiterhin davor zurückschrecken. Ihre Liebe war ein Geschenk in dieser grausamen Welt, welches sie nicht ohne Gegenleistung erhalten würden.
„Ja Jorah, ich bin mir der Konsequenzen bewusst. Doch wir haben vor einem verschleierten Bild, welches unser Handeln in der Zukunft annehmen könnte, Angst. Nur gibt es keine Zukunft, keine Vergangenheit, lediglich das Hier und Jetzt. Jorah, wir können weder in den vergangenen, noch in den kommenden Augenblicken leben."
Bestimmt legte Daenerys ihre Hand an sein Gesicht und sagte: „Jetzt, berühre ich deine Wange.", ließ ihre Finger durch seine vom Kerzenschein beschienenen Haare wandern und flüsterte, „Jetzt, fühle ich deine Haare durch meine Finger gleiten.", nahm seine Hände, legte sie sich um die Taille und drückte sich an seinen Körper, um dann kaum verständlich zu raunen, „Jetzt, spüre ich dich, Jorah. ... Jetzt. Nicht morgen oder übermorgen. Jetzt."
Unverkennbar hatte sie ihm mit ihrer kleinen Rede aus der Fassung gebracht, da er sie nun verzagt ansah und offensichtlich gefangen war zwischen dem Drang des Ritters, aus dieser Situation zu fliehen und der Sehnsucht des Mannes, endgültig nachzugeben.
Danys eigenes Herzklopfen war zu einem Dröhnen angeschwollen und erfüllte ihren Kopf. Dieser Moment wurde zu einer entzückenden Qual, die sie beenden und in der sie zugleich ertrinken wollte. Als sich dann seine Lippen teilten, wollte sie nur das Wort hören, welches er in den letzten Augenblicken so geschickt vermieden hatte. Sie wollte hören wie sich seine raue Stimme um die Buchstaben legte und die Silben wie Honig umfloss.
„Jorah...", flehte sie und sah das Azurblau in seinen Augen zu einem Mitternachtsblau werden.
Und auf einmal erzeugte der Ausdruck in seinem Blick ein Prickeln, welches sie in eine nahezu ängstlich erwartungsvolle Aufregung versetzte. Konnte es sein, dass sie hier endlich das letzte Aufbäumen seiner Zweifel und Zurückhaltung sah?
Deutlich erkannte Dany wie Jorah seine Kiefermuskeln anspannte, bevor er seinen scheinbar angehaltenen Atem freigab und dann langsam die ihm befallene Starre aufhob. Seine langen Finger spannten sich um ihren Nacken, schoben sich in ihr Haar und als gerade noch die Klinge eines Schwerts zwischen ihre Gesichter passte, stoppte er seine Bewegung. Jorahs warmer Atem, der gegen ihren Mund brandete, brachte ihre Lippen zum zittern und raubte ihr nun ihren eigenen Atem.
„Ja ... Daenerys ... Jetzt.", schwirrten seine Worte durch ihre ohnehin schon weichen Knochen und als sich dieses Mal ihre Lippen trafen, entbehrte der Kuss jegliche Unschuld.
Mit spürbar zurückgehaltener Kraft beugte Jorah ihren Kopf nach hinten und legte seinen Mund auf ihren. Wie von selbst trennten sich Daenerys' Lippen voneinander und langsam zog sie ihre Zungenspitze über seine Unterlippe. Doch Jorah öffnete den Mund lediglich so weit, dass sie gerade die obere Innenseite seiner Lippen nachziehen konnte, woraufhin nichtsdestotrotz ein tiefer, behaglich klingender Ton in seiner Kehle entstand. Gierig nach mehr, versuchte sich Daenerys weiter zu strecken, um den ihr jetzt so unendlich hinderlich erscheinenden Größenunterschied auszugleichen und als hätte er ihre Gedanken erahnt, umfasste Jorah ihre Taille und löste ihre Zehenspitzen vom Boden. Vom Aneinanderreiben ihrer Körper verrutschte der Träger ihres Seidenhemds unter dem Morgenrock, was Dany für einen Moment innehalten und ihre Augen öffnen ließ. Der verführerische Glanz, der ihr in Jorahs Blick begegnete, rief jetzt das gleiche Kribbeln hervor, welches er mit seinen so unglaublich sinnlichen Küssen durch ihr Inneres schickte.
Daenerys konnte die Wärme fühlen, die seine Haut abstrahlte, als er sie so eindringlich ansahen, dass sie dachte, sie würde zergehen, wenn er sie nicht augenblicklich wieder berührte. Leidenschaftlich presste sie ihren Mund auf Jorahs und wollte mehr, als er ihr gab.
Nach einigen zarten Liebkosungen, welche seine Zunge ihr gewährte, teilte er endlich ihre Lippen und Dany versank in seinem Geschmack in ihrem Mund, in dem steten Necken seiner Zungenspitze, in dem Gefühl von ihm in ihr. Jedes Mal, wenn er ihren Mund verließ, um sich ihrem Hals zu widmen, wurde ihr kalt und sie hungerte danach, dass er die Kälte erneut vertrieb.
Fast war es zu viel, diese Leidenschaft, die sie mit Haut und Haaren verschlang und sie in ihrer Unnachgiebigkeit schockierte. Die zarte Sehnsucht, welche seine nächtlichen Umarmungen ausgelöst hatten, war nur ein Schatten, eine Ahnung, ein winziger Einblick, welchen er ihr gestattet hatte. War es das, was stets in der Tiefe gewartet und ihr solche Angst eingejagt hatte, das Wissen um diese unumkehrbaren Empfindungen, dieses verschlingende Feuer, welches sie, und das wusste Daenerys, in einer Art an ihn binden würde, die, wenn sie nicht achtsam war, unmittelbar in ihr Verderben führen würde, in ein ach so berauschendes Verderben?
Stück für Stück nahmen ihre Füße wieder Kontakt zu dem kalten Stein auf und auch der feste Druck um ihre Mitte verschwand.
„Daenerys?", brachte Jorahs Stimme Dany wieder zurück zu ihm.
Zumeist beanspruchten seine Augen ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, aber jetzt waren es seine geröteten Lippen, die jene einforderten. Diese, und der weit geöffnete Ausschnitt des gelben Leinenhemdes...
Wie schon früher an diesem Abend hob Jorah ihr Kinn an und stellte mit gerunzelter Stirn eine Frage, welche Dany völlig fassungslos zurückließ: „Willst du, dass ich aufhöre?"
Wie kann er das nach diesem Kuss fragen? Bestürzt verzog Daenerys den Mund und blickte besorgt zu dem Mann ihr gegenüber, der sich seit Jahren nach ihr verzehrte und nun, da er die Gelegenheit hatte seiner Sehnsucht nachzugeben, bereit war diese wegzugeben. Worum ging es ihm nur, fragte sich Daenerys und erinnerte sich sogleich an einen Satz, den er vor kurzem an sie gerichtet hatte: „Ich habe gelobt jede Gefahr von euch abzuwenden und euch vor jedem möglichen Schaden zu bewahren. … Selbst wenn ich diese Bedrohung bin, werde ich euch auch davor schützen."
War ihr Schutz derartig vorrangig für ihn, dass er sie selbst jetzt noch von sich wies? Auch wenn es so unendlich unnötig war? Einst warst du es aber selbst, ermahnte sich Dany, die ihn, in einer finsteren Nacht, weggeschickt hatte und das auch nur aus Schutz, weil du nicht mehr mit einem Herz spielen wolltest, das ohnehin schon zu viel litt.
Nachsicht zog Jorahs Mundwinkel hoch und als er mit den Fingerkuppen über ihre Wange strich, lehnte sich Dany der kribbelnden Empfindung entgegen.
„Ich könnte mich zu dir legen, bis du eingeschlafen bist…", Jorahs Daumen zeichnete ihren Wangenknochen nach, „oder ich bleibe die restliche Nacht an deiner Seite, wie schon viele Male zuvor...", und ließ ihn dann wieder zurückwandern, „...oder, wenn du es wünscht, bringe ich dich zu- "
„Schhh..."
Leicht stach sein Bart in die Spitze ihres Zeigefingers, als sie ihn gegen seine Lippen drückte. Zuerst öffnete Jorah protestierend seinen Mund, doch Danys Finger hinderte die Worte an der Flucht und so sah sie kokett zu ihm auf.
Ohne den Blick von ihm abzuwenden, öffnete sie den Knoten der Schnüre an seinem Hemd. Verzweifelt versuchte Jorah entsetzt zu wirken, schaffte es aber zu Danys Freude nicht ganz seine fiebrige Erregung zu überdecken. Übertrieben laut seufzend ließ Daenerys die Schnüre durch ihre Finger gleiten und zog dann gemächlich ihre Handflächen über die Ränder des Ausschnitts, wobei sie ihre Daumen absichtlich über seine entblößte Brust gleiten ließ.
So unschuldig wie möglich säuselte sie: „Du willst aufhören, Jorah? Und dann?"
„Daenerys...", begann der Ritter mit heiserer Stimme und beobachtete mit einem nahezu schockierten Ausdruck im Gesicht Danys Finger.
Flüchtig spähte sie zu seinen Augen und hob fragend eine Augenbraue. Aber als er seinen angebrochenen Widerspruch nicht fortsetzte, schlug Daenerys sorgfältig die rechte Kante seiner Tunika zurück, zog den Stoff glatt und fuhr mit ihrer eigenen Erwiderung fort: „Sollen wir dann etwa mit der Folter weitermachen, der wir uns nun schon zu lange aussetzten, nachdem wir sie heute noch um ein Vielfaches verstärkt haben?"
Deutlich hob sich das Ende der Narbe auf seiner linken Brust ab, als Dany die Gewebekante zurückschob. Ein Anblick, der sie kurz von ihrem Streben abbrachte und dazu bewog in die Innenseite ihrer Wange zu beißen. Bevor Jorah aber, wie so oft, die verborgenen Emotionen in ihren Augen lesen konnte, erneuerte Daenerys schnell ihr zerfallenes Lächeln.
„...und um ehrlich zu sein, mein Bär, bin ich es leid. Weder habe ich die Kraft, noch glaube ich, dass du sie weiterhin haben willst, um dieses Possenspiel aufrechtzuerhalten."
„Ich wollte lediglich- ", setzte Jorah an, doch die Worte endeten in einem scharf eingesogenen Atemzug, als Dany ihre gespreizte Hand durch die hellen Haare auf seiner Brust schob.
Gebannt verfolgte sie den goldenen Glanz, welchen das Kerzenlicht auf jedes einzelne Haar malten, und der sich durch ihre Bewegung flimmernd weiterschob.
„...sichergehen, dass … dass du ...", presste Jorah hervor und verstummte vollends, als Daenerys ihre Lippen auf sein Brustbein drückte.
Scheinbar hatte sie nun endlich ein Mittel gefunden, das die Bedenken ihres Ritters zum Schweigen brachte, dachte Dany und konnte sich dem breiten Grinsen nicht erwehren, welches sie gegen seine Haut richtete. Leicht beschämt gestand sich Daenerys ein, dass sie ihren Bär mit recht unehrenhaften Mitteln in eine Richtung stieß, aus der er sich, so hoffte sie zumindest, nicht mehr herauswinden könnte. Jedoch blieb ihr kaum eine andere Wahl. Er würde von sich aus nie soweit gehen, wenngleich dies auch Jorahs Wunsch sein mochte.
Zuvor vollkommen gefangen von dem Geschmack seines Mundes, dem rauen Gefühl seiner Barthaare und dem Druck seiner Hände auf ihrem Körper, nahm sie erst jetzt Jorahs Duft wahr, der für sie stets das Bild eines würzig riechenden Nadelwaldes mit sich brachte. Doch frische Kiefern und sonnengewärmtes Holz, wurden jetzt von einem berauschenden, männlichen Geruch in den Hintergrund gedrängt und ließen sie tief einatmen.
Mit jedem Stückchen Haut, das Daenerys mit ihren Küssen eroberte, stieß Jorah ein unterdrücktes Stöhnen aus. Zwischen Schlüsselbein und Halsansatz murmelte sie dann: „Du wolltest sichergehen, dass ich was, Jorah?"
„...dass du hiermit auch wirklich ... einverstanden bist. ... Dass du dich hiermit … dich hiermit wohlfühlst."
„Glaube mir, ich habe mich schon seit einer sehr langen Zeit nicht mehr so wohlgefühlt.", hauchte sie gegen die Unterseite seines Kinns und lächelte leise vor sich hin.
Die Erwiderung, welche sie daraufhin erhielt, war ein langer, sinnlicher Kuss, der nichts mehr vom Aufhören wissen wollte. Immer ungeduldiger drängte sich Daenerys an Jorah, kostete seinen Mund, krallte sich fast grob in seine Haare, klammerte sich an ihn, drückte ihre Hüfte gegen seinen Kilt und spürte, dass entgegen allen Standhaltens und Verwehrens, ihre Berührungen in ihm das hervorriefen, was seine Nähe auch in ihr auslöste.
Was machte er nur mit ihr? Was war es, das all den Kummer und die Verzweiflung von ihr nahm, das die Finsternis ausbrannte, sodass sie sich nicht mehr sicher wahr, ob sie diese überhaupt jemals durchlebt hatte. Was war es, das alles wegspülte und einzig das Rauschen in ihrem Kopf übrig ließ, das Prickeln auf ihrer Haut und dieses Verlangen? Dieses Verlangen in seinen Berührungen zu ertrinken, nie wieder von seiner Seite zu weichen und für ihn das zu sein, was er für sie war. Ein Ort der Schutz, Ruhe, Liebe und die Freiheit, sie selbst zu sein, bot.
„Ich liebe dich.", nuschelte Jorah gegen Daenerys' Ohr und schob seine Hände unter den schweren Stoff des sandfarbenen Gewands, um sie wieder näher an sich zu ziehen. Sichtbar zuckte sie zusammen, als Jorahs kühlere Haut ihren überhitzten Rücken streifte, der von dem tief ausgeschnittenen Rückenteil der schwarzen Seide entblößt wurde.
Sanft küsste er sie auf ihre geschlossenen Augen und auf die dünne Haut direkt darunter. Doch erst als die Tränen an Danys Kinn abperlten, erkannte sie, dass sie unverständlicherweise erneut zu weinen begonnen hatte und Jorah die überquellende Traurigkeit mit seinen Lippen auffing.
Liebevoll stupste er seine Nasenspitze gegen ihre und wisperte: „Es ist in Ordnung, Daenerys. … Ich habe nur schon so lange gewartet, bis ich es gewagt habe diese Worte an dich zu richten, nun da du sie auch ... hören willst."
Reflexartig kniff Dany die Augen zusammen, als er einen Kuss zwischen ihre Augenbrauen platzierte und sagte: „Ich wollte dich nicht traurig stimmen. Verzeih."
Traurig? War sie traurig? Unleugbar hatte sie zum wiederholten Male Tränen vergossen und offenbar sah Jorah den Grund dafür, wo sie diesen lediglich unterschwellig ahnte.
Ich liebe dich. Nur Worte, gemacht aus Klang und Luft und dennoch trafen sie Daenerys erneut mit der Wucht eines Schlags, der sie daran erinnerte, dass dieser Reigen zwei Komponenten hatte, welcher das Ganze zusammenfügen würde.
Es ist in Ordnung... Demnach blieb es ihm nicht verborgen. Wie könnte es auch? Sie hat ihn gedrängt, gezwungen, ihm keinen Ausweg mehr gelassen, um endlich das zu hören, wovor sie sich ihr Leben lang gefürchtet und was sie zugleich stets herbeigesehnt hatte.
Und immer wieder tauchten die Ermahnungen ihres Bruders in Daenerys' Gedanken auf, zogen Kreise um ihr aufgeriebenes Herz und machten sich mit scharfen Krallen dazu bereit hinabzustürzen. … Schon früh hatte Viserys deutlich gemacht, dass Gefühle wie Liebe oder Sanftmut Schwächen bedeuteten und dass sie für jene mit Macht, für jene, die herrschen wollen unangebracht waren... Doch nie hatte er die Einsamkeit erwähnt, die mit dem Herrschen einhergehen konnte.
Nach allem was Jorah für sie durchgestanden hat, nach all den Bezeugungen seiner Liebe zu ihr, war sie nicht in der Lage ihre eigenen Empfindungen laut auszusprechen? Deutlich hatte sie ihm gezeigt und ebenso in einer verschlungenen Art und Weise gesagt, was sie empfand, doch es war etwas gänzlich anderes dies auch unumwunden auszusprechen. Und so trübte ihre Bitterkeit die Süße seiner Worte, welche durch sein Verständnis nur noch mehr verschlimmert wurde. Was hielt sie nur davon ab es zu erwidern, wenn sie es doch genauso fühlte?
Die zuvor gezeigte Dreistigkeit, welche ihren Taten innegewohnt hatte, löste sich gemeinsam mit den feinen Rinnsalen aus Salzwasser auf und so erhob Dany mit unsicherem Ton ihre Stimme: „Jorah, du weißt, dass ich- "
Nun war es an ihm ihren Mund mit seinem Finger zu verschließen und sie nachsichtig anzublicken, sodass sich Daenerys' Herz zusammenkrampfte.
„Ich weiß, was du sagen willst.", erklärte Jorah.
Nein, eben nicht. Das hast du nie gewusst. Jedenfalls nicht, was meine Gefühle für dich betrifft, dachte Dany und spürte die Spannung ihrer Haut, als sich kleine Falten um ihre Augen bildeten.
Sie hörte seine Beteuerungen, aber sie sah auch die verborgene Pein in seinem Blick, sah sie und hatte trotzdem Angst. Würde sie ihre Gefühle in seiner Gegenwart klar hörbar machen, hier und jetzt, würde der abschirmenden Umhang zwischen ihr und ihrem eigenen Herz endgültig niederfallen. Allerdings warteten dahinter, zusammen mit der Möglichkeit ihres Glücks, spitze Reißzähne, die zu einem schonungslos finsteren Ort führten.
Dany wollte sich nicht weiter in diesen Gedanken verlieren und so langte sie nahezu forsch nach Jorahs Gesicht, sah ihn eindringlich an und versuchte jetzt den Funken in seinen Augen hervorzulocken, der zu früherer Stunde, als sie ihm gestanden hat, dass er ihr Herz besaß, von Schock und Zweifel überschattete wurde.
„Jorah, ich... Du bist für mich... von überaus großem Wert und..."
Abgestoßen von ihren eigenen kläglichen Worten, die nur wieder nach der alten Zurückweisung klangen, kniff Daenerys die Augen zusammen.
„Fühle dich zu nichts genötigt, Daenerys.", tröstete Jorah sie leise und bevor er weiter reden konnte, ergriff Dany erneut das Wort: „Ich habe nie davor zurückgeschreckt dir die Wahrheit zu sagen, mag sie auch noch so unangenehm gewesen sein. Aber was meine Empfindungen betraf, konnte ich nicht wahrheitsgemäß sprechen, da ich die Lüge selbst für wahr gehalten habe. … Tag für Tag warst du an meiner Seite, doch erst als du..., als ich alleine war, begann ich zu verstehen. Ich weiß nicht Jorah, vielleicht musstest du erst von mir getrennt sein, bevor ich wusste wie nah du mir bist."
Die Wärme in seinem Blick wurde von der Wärme seiner Lippen auf ihren Handflächen gespiegelt, als er ihre Hände von seinen Wangen und zu seinem Mund zog.
„Ich hoffe du kannst mir glauben, auch wenn ich es nicht laut sage. ... Bitte verzeih mir."
„Du hast mir doch bereits gezeigt was dein Herz will. Mit und ohne Worte. Zudem hätte ich nie soviel geschehen lassen, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass deine Gefühle ebenso beteiligt sind wie die meinen.", flüsterte Jorah, strich über ihr Haar, und tatsächlich erkannte Dany jetzt die unerwartete Gewissheit in seinen Augen aufleuchten.
„Daenerys, ich habe nicht 'ich liebe dich' zu dir gesagt, um es von dir zu hören. Ich habe es gesagt, damit du es weißt. ... Sag es, wenn du dazu bereit bist. Ich werde warten."
Unbehaglich nahm Dany ihre leicht klammen Hände wahr und rieb nervös mit den Daumen über die Innenflächen ihrer Finger.
Kleinlaut erwiderte sie: „Aber hast du nicht schon lange genug gewartet?"
Bewusst hatte sie ihn bei ihrer Frage nicht in die Augen gesehen und stattdessen die welligen Falten, welche sein Leinenhemd durchzogen, angestarrt. So nahm Daenerys seine Absicht auch erst wahr, als Jorah zögerlich den Stoff der bodenlangen Robe über ihre Schultern schob, diesen dabei aber nicht vollständig zur Erde gleiten ließ. Vorerst wurde die Gänsehaut von der kühleren Umgebung hervorgerufen, doch dann erzeugte Jorahs Bart und seine Lippen, die ihre freigelegte Haut aufwärmten, jenes feine Prickeln.
„Nun ja... Ich kann ein sehr,...", begann Jorah und küsste den Rand ihrer Schulter, „sehr...", zog seine Lippen bis zu ihrem Nacken, „geduldiger Mann...", und drückte seinen Mund auf ihr Schlüsselbein, „sein.".
Ein gepresstes Keuchen entfuhr Dany, die ihre Hände wieder in Jorahs helle Haare geschoben hatte und durch die weichen Enden strich, die in seinem Nacken den schwachen Versuch unternahmen sich zu kräuseln. Erneut lebte der Sturm in ihr auf, der kurzzeitig etwas von seiner Kraft eingebüßt hatte und wehte sie nun weiter einem feurigen Verlangen entgegen.
Über Jorahs Schulter hinweg sah Daenerys den silbernen Mond. Dünne Schleierwolken umringten das Leuchten am Nachthimmel und stahlen einen Hauch des Lichts, um sich mit dem fremden Glanz zu schmücken. Dany blickte nicht lange genug zu den Sternen, um zu deuten, ob die Wolken den Mond erst noch verdunkeln wollten, oder ob sie ihn soeben freigegeben haben.
Mit ihrem Gesicht dicht an seinem linken Ohr und seinen Lippen auf der linken Seite ihres Hals' flüsterte sie atemlos: „Geduld wird von Zeit zu Zeit überschätzt..."
Sofort verschwanden die Küsse und auch die Hände, die ihren Morgenmantel bis jetzt noch an ihren Körper gedrückt hatten, sodass der dumpfe Ton des schweren Stoffs, welcher sich jetzt zu Daenerys' Füßen auftürmte, von der Spannung die in der Luft hing, verschluckt wurde. Flüchtig huschten Jorahs Augen über die glänzende Seide, die unter Danys Brust von einem matten Samtband an ihren Leib gebunden wurde, um dann in fließenden Wellen bis zu ihren Knien zu reichen. Aber fast im selben Moment verschränkten sich ihre Blicke, ließen den anderen nicht mehr gehen und was Daenerys jetzt zu erkennen glaubte war ungetrübtes Begehren, das von Liebe umschlossen wurde, bei deren Anblick ihr Mund staubtrocken wurde und sich ein vertrautes Kribbeln tief in ihr aufzubauen begann.
Jorah schob sein Kinn vor, betrachtete sie mit verengten Augen und als sie sah wie er kaum erkennbar auf seine Unterlippe biss, stieß sie was immer sie bisher noch zurückgehalten hatte beiseite und warf sich ihm entgegen. Von der Wucht des Aufeinandertreffens ihrer Körper, stolperte Jorah mit ihr in den Armen rückwärts und prallte gegen die Fensterwand. Scheppernd fiel ein metallener Gegenstand von dem kleinen Fenstersims und rollte aus dem Lichtkreis der Kerzen.
Verführerisch schmunzelnd befreite Jorah Daenerys' Gesicht von den nach vorn gefallenen Haarsträhnen und sagte leicht amüsiert: „Langsam, Daenerys..."
Doch entgegen ihrer Bedeutung, verstärkten seine Worte den Drang nach schnellen, leidenschaftlichen Bewegungen in ihr, woraufhin sie einen ausgiebigen Kuss von Jorah einforderte und diesen auch erhielt. Der Druck gegen ihre Lippen, das weiche und zugleich auch angespannte Gefühl, wenn seine Zunge ihre umschmeichelte, brachte Danys Knie zum Zittern. Und obwohl ihre ganze Wahrnehmung damit beschäftigt war diesen Kuss zu verarbeiten, konnte sie seine Hände, die über nackte Haut und dünne Seide ihre Wirbelsäule hinabglitten, fühlen. Unmittelbar bevor ihr Rücken in sanfte Rundungen überging, hielt Jorah abrupt inne. Wissend fasste Daenerys hinter sich, ergriff seine Hand und schob sie weiter ihren Körper hinab, wo er kurz regungslos verweilte, doch zeitgleich mit den nun deutlich gierigeren Bewegungen seiner Lippen, übte Jorah sanft mehr Druck mit seiner Hand aus und presste Dany gegen seine Kleider, welche ihr von Sekunde zu Sekunde nutzloser erschienen.
Umständlich tastete Daenerys nach dem einen Träge ihres Nachtgewands, der zuvor nicht verrutscht war und zog die kühle Seide herab, um dann in ihrem Vorhaben von Jorahs entschiedenem Griff unterbrochen zu werden.
„Nein...", brummte er und hakte seine kleinen Finger unter die dünnen Stoffstreifen, sodass er beide wieder an ihre ursprüngliche Position ziehen konnte.
Verwirrt starrte Dany ihn an und versuchte die Wellen aus Enttäuschung und auch Verärgerung auszublenden. Jedoch bannte das kleine Funkeln in dem tiefen Blau und das neckende Grinsen auf seinem Gesicht ihre Befürchtungen.
„...Für dieses Vorhaben habe ich ganz offensichtlich noch zu viel an."
Mit gespieltem Erstaunen blickte Jorah an seinen Gewändern hinab, bevor er sich langsam zu Daenerys hinabbeugte, welche sich in Erwartung seiner Lippen streckte, die Jorah allerdings kurz vor ihrem Mund abwandte, um in ihr Ohr zu raunen: „Zudem würde ich dir zu gerne dabei behilflich sein, dich der Seide zu entledigen."
Nachdem Jorahs Worte verklungen waren, schoss Hitze in ihre Wangen und jede mögliche Antwort blieb ungesagt. Zugegeben, sie musste sich erst noch an diese, zuvor selten gezeigte, Verwegenheit gewöhnen, welche Dany darüber hinaus mit einer gespannten Erregung erfüllte. Aber eigentlich war es doch zu erwarten gewesen, dass sie, wenn sie diese aufgesetzte Förmlichkeit abgelegt haben, mehr voneinander erfahren und bisher verborgene Seiten entdecken würden. Und wenn Jorahs niedergedrückte Ernsthaftigkeit von einer augenzwinkernden Ungezwungenheit abgelöst wird, dann sollte sie dies einfach genießen, beschloss Daenerys.
„Nun, dann sollten wir an diesem Umstand einige Änderungen vornehmen.", meinte Dany ungeniert, obwohl sie sich eingestehen musste, dass die Aussicht Jorah... Ser Jorah... ihren Berater... ihren Ritter... ihren Vertrauten... den Mann, welchen sie begehrte, zu entkleiden, ungeahnte Unsicherheit in ihr aufsteigen ließ.
Er war fast so gegensätzlich wie Tag und Nacht, der Anblick des Mannes, der sie in der Vergangenheit auf diese selbstverständliche Weise tagtäglich begleitet hatte und demjenigen, der jetzt vor ihr stand. Ser Jorah Mormont, der Berater, der Ritter ihrer Königinnengarde wirkte stets besonnen zurückhaltend und war von der erdrückenden Last seiner Geheimnisse umgeben gewesen, von Geheimnissen in weit zurückliegender Ferne und solchen, die schmerzlich nah und immer präsent waren. Ihr Vertrauter, Jorah, der Mann, den sie liebte und nach welchem sie sich verzehrte hingegen, erschien ihr jemand anderer zu sein. Jemand, den sie erst noch kennenlernen muss.
Wenn sie ihn jetzt ansah, drängelten sich alt bekannte Bilder ihres Ritters in den Vordergrund. ... Ein ihr nahezu unbekannter Mann, der ihr einst gesagt hatte, dass die Aufgabe, welche von ihr als Ehefrau, als Khaleesi, verlangt wurde, einfacher werden würde. Ein Begleiter, der sie vor den Gefahren gewarnt hatte, welche sie zu sehen nicht fähig war. Ein Ritter, der blutüberströmt von Kämpfen, die er für sie gefochten hatte, zurückgekehrt war. Ein Ratgeber, der ihr im Ratssaal gegenüber saß und Entscheidungen mit ihr diskutierte. … Erinnerungen, die ihr einen Mann zeigten, den sie nie gewagt hätte derartig zu berühren, obgleich sie solche Vorstellungen auch nie zugelassen hat oder vielmehr aus Bestimmtheit nie nachgeben wollte.
Küssen war leicht. Küssen fühlte sich ganz natürlich an. Jeder Gedanke, der darüber hinausging und mag er auch noch so verlockend sein, erweckte eine unbestimmte Beklemmung in Daenerys. Es war ein prickelnder Anklang von etwas Verbotenem, eingebettet in einer unerträglichen Süße. Doch in Wahrheit existierte ein solches Verbot nur in ihrem Kopf und bildete ein letztes Auflehnen der sie quälenden Erwartungen anderer, welche Dany gestattet hatte in ihren Geist einzudringen und sich dort einzunisten.
Unsicher was sie jetzt tun sollte, biss sich Dany auf die Lippe und ließ dann ihren Blick an Jorah hinabgleiten. Mit schüchtern geführten Händen ergriff Daenerys das freischwingende Ende des ledernen Gürtels, der bereits teilweise gelockert war und versuchte das störrische Material durch die bronzene Schnalle zu führen. Der Gürtel saß jedoch zu fest um Jorahs Hüfte, woraufhin sie ungeschickt am Riemen zog, der sich kein Stück bewegen wollte. Hart fühlte sich das aufgeriebene Leder zwischen ihren Fingern an, wohingegen der glatte Stoff seines Kilts sanft ihre Haut umschmeichelte, als sie diesen unbeabsichtigt streifte und auf diese Weise Jorah ein heiseres Keuchen entlockte. Verlegen hob Dany ihren Kopf und erkannte, dass Jorah mit einer teilweise belustigten Miene auf sie herabblickte, um dann anschließend selbst den Gurt zu lösen und das Leder, samt Metallschnalle klirrend zu Boden fallen zu lassen. Nach all dem gedämpften Geflüster und den leisen Berührungen, erzeugte der metallische Klang ein unangenehmes Brennen in Danys Ohren, welches aber umgehend von dem so herrlich rauen Basston Jorahs Stimme getilgt wurde.
„Ich muss dich das jetzt fragen, Daenerys. … Hat dieses Mal irgendjemand Kenntnis davon erhalten, dass du deine Gemächer verlassen hast?", wollte Jorah wissen und kühlte mit dem silbernen Bärenring ihre glühenden Wangen, als er jene fürsorglich streichelte.
Augenblicklich wusste sie auf was er seine Äußerung bezog und ebenso schnell stürmten die Gewissensbisse auf Daenerys ein.
„In jener Nacht habe ich dir wirklich große Sorgen bereitet.", stellte Dany mit kreisrunden Augen fest.
„Natürlich und selbst das ist noch untertrieben. Wir waren alle sehr besorgt. Eine Erfahrung, die ich nicht allzu bald wiederholen möchte oder jemand anderen wünsche."
Sein zuvor so entspanntes Gesicht wurde nun wieder von dem alt bekannten Schatten überzogen und ließ Jorah schwer seufzen.
„Als ich damals deinen Umhang gefunden habe, verschmutzt und zerrissen, da dachte ich, dass ich mich in einer der sieben Höllen wiedergefunden habe."
„... Verzeih mir. Du weißt aber, dass dies nie meine Absicht gewesen war. … Und diesmal weiß Missandei wo ich bin.", erwiderte Dany leise.
Erleichtert nickte der Ritter: „Selbstverständlich weiß ich, dass du absichtlich nie jemanden Kummer bereiten wolltest. Jene Nacht war in vielerlei Hinsicht nervenaufreibend, aber vor allem..."
„Aber vor allem?"
„Nun ja, ich konnte mich dem Gefühl nicht erwehren, dass jene Ereignisse eine ganz bestimmte Veränderung mit sich gebracht haben, zwischen uns, und ich meine nicht die Tatsache, dass du mich angehört und mir... verziehen hast. … Es ist schwer zu benennen, aber etwas in deinem Blick hatte sich nach dieser Nacht verändert."
Er hat es gesehen. Mal wieder hatte er ihre unausgesprochenen Gefühle gelesen, bevor sie sich diese selbst endgültig bewusst gemacht hatte.
„Was meinst du?", fragte Dany mit einem schwer zu verbergendem Grinsen auf den Lippen.
Ganz offensichtlich erkannte Jorah auch jetzt wieder ihre Absicht, da er seinen Kopf schief legte, sie zweifelnd anlächelte und dann ihre Mitte umfasste, um sie an sich zu ziehen.
„In diesen strahlenden Augen...", begann Jorah und hauchte einen zarten Kuss auf ihre Stirn, „war solange kein Licht zu sehen gewesen. Doch als es dann wieder aufflackerte, erschien es mir weniger hell zu leuchten, als es mir meine Erinnerung weiß machen wollte. … An diesem Abend aber, nachdem alles gesagt war, sah ich ihn wieder, jenen lichten Glanz. Und welcher Funke auch immer dieses Feuer erneut entzündet hat, ich war so unendlich dankbar für diesen Anblick und dafür, dass dir in der Dunkelheit dieser Regennacht nichts zugestoßen war."
Irgendwann während Jorahs Erklärung hatte Daenerys ihre Arme um seinen Oberkörper gelegt und sich wieder eng an seine feste Brust geschmiegt. So vertraut sich diese Nähe auch anfühlte, jedes Mal aufs Neue durchfuhr ein wildes Flattern ihr Inneres und breitete sich bis in den entferntesten Winkel ihres Körpers aus.
„Es ist dein Verdienst.", begann Dany, „Du hast mich in dieser Dunkelheit gefunden und der Funke Jorah. Der Funke, der warst du."
Lächelnd strich Daenerys über Jorahs zusammengekniffene Augenbrauen und schob eine dünne, goldrot schimmernde Haarsträhne zurück. Plötzlich war ihre Angst verschwunden, welche die Worte nicht freigeben wollte, die sie von ihm so dringend eingefordert hatte und welche sie selbst nicht gewagt hatte auszusprechen. Plötzlich erschien ihr die Scheu lächerlich und über alle Maße sinnlos. Plötzlich war es das Einfachste und das Wahrste, was sie je in ihrem Leben gesagt hatte, was sie vielleicht je in ihrem Leben sagen würde.
„In dieser Nacht habe ich endlich erkannt, dass es Liebe ist, die ich für dich empfinde. … Ich liebe dich, Jorah Mormont."
Und es war ein Genuss sein Gesicht in der Welle aus Gefühlen untergehen zu sehen, die am Ende Unsicherheit, pures Glück, Erleichterung, sowie Leidenschaft mit sich fortspülte und nur eine einzige Empfindung übrig ließ, die sich in Jorahs Augen, in seiner Haltung und im Klang seiner belegten Stimme zeigte: „...Ich liebe dich auch, Daenerys Targaryen."
Kaum berührten sich ihre Münder, da fielen diesmal Jorahs Lippen auseinander und verlangten hungrig nach mehr. Nach mehr Wärme, nach mehr Nähe, nach mehr Platz, nach mehr von ihr. Für lange Zeit verloren sie sich in diesem Kuss, der scheinbar nie Enden wollte oder gar könnte, fielen tiefer und tiefer in den ersehnten Abgrund, indem nichts zu finden war, außer das, was sie so sehr wollten, was sie so sehr brauchten.
Wieder und wieder drängte sie gegen Jorah, fasste verzweifelt in seine Haare und bekam doch nicht genug. Erst als eine unnachgiebige Festigkeit gegen ihre Waden drückte und Dany dachte sie würde nach hinten fallen, hoben sich ihre Lider.
Von ihrem und seinem schwer gehenden Atem, zitterte ein einzelnes silberweißes Haar vor Daenerys Augen umher und kitzelte ungestraft ihre Nase. Was da jedoch gegen die Rückseite ihres in Flammen stehenden Körpers drückte, drängelte schon den ganzen Abend gegen den Rand ihres Verstands. Mal leise wispernd und scheu, und dann wieder laut brüllend und heftig.
Jorahs Blick huschte an Dany vorbei, zu dem was sich hinter ihr befand, nur um sich dann erneut mit dem ihren zu verhaken. Die eisblauen Bäche im dunklen Meer Jorahs Augen fielen in Danys Violett, einem Feld aus Lavendel, in dem Sonnenstrahlen und Wolkenschatten einander jagten. Daenerys konnte ihn immer noch auf ihrer Zunge schmecken, als er nachdrücklich die Augen schloss und seine Lippen zu einer dünnen Linie wurden.
Dany hätte nie gedacht, dass die Lust eines Mannes von seinen Empfindungen derartig niedergerungen werden könnte. Doch Jorah war in so vieler Hinsicht nicht wie die Männer, welche bisher ihr Leben bestimmt hatten und so erstaunte sie nach wie vor seine ganze Reaktion auf die Offenlegung ihrer Gefühle. Hatte sie, wenn schon nicht nach ihrem Geständnis, so doch wenigstens nach ihrem scheuen ersten Kuss damit gerechnet, dass seine ritterliche Zurückhaltung endgültig zerfiel. Und sie wollte, dass diese zerfiel, dass sie in Millionen Stücke zersprang. Sie wollte mehr und sie wusste, dass er dies auch wollte. Sie wollte seine Seele, seinen Körper. Sie wollte ihn.
Der Moment bis er sie wieder anblickte, war kaum einen Wimpernschlag lang gewesen und seine von Leidenschaft erfüllten Augen trugen nun eine stumme Frage in sich. Keine Bitte, keine Forderung, lediglich eine Frage, die aber zweifellos von Erwartungen und Hoffnungen begleitet wurde und dessen Antwort Daenerys schon lange wusste.
Sie wollte ihn...
Benommen bemerkte Daenerys wie sie so leicht mit dem Kopf nickte, dass jedem anderen diese Bewegung wohl verborgen geblieben wäre, doch über Jorahs Züge sank, neben einem resignierenden Schatten, ebenso eine Art von Erkennen, dessen Betrachtung Danys Herz zum Rasen brachte, ihre Kehle zuschnürte, ihre Knie weich werden ließ und die Hitze, die ihre Haut überzog, nochmals anfachte.
Trotz allem rechnete sie jetzt damit, dass er sie ungestüm auf das schmale Bett werfen würde, nun da er ihre Einwilligung hatte sich das zu nehmen, was er doch so dringend haben wollte. Unweigerlich versteifte sich Daenerys in seinen Armen und wartete darauf, dass sein so viel stärkerer Körper den ihren niederringen würde.
Aber anstelle von wilden und unbeabsichtigt zu festen, waren es federleichte Berührungen, die über ihre nackten Oberarme wanderten. Allerdings war es sein unglaublich sanfter Kuss, der die Anspannung von Dany nahm und als nur noch seine Hand an ihrer Wange lag, drückte sie ihren Mund gegen seine Handfläche, was schließlich wieder jenes selige Lächeln auf Jorahs Gesicht hinterließ.
„Daenerys, … ich liebe dich."
„Ich weiß...", erwiderte sie leise lächelnd.
Und erst jetzt schob Jorah den Saum Danys schwarzer Seide ein Stück ihren Körper hinauf, umfasste zaghaft ihre Oberschenkel und hob sie hoch. Halt suchend wickelte sie ihre Beine um seine Mitte, umfasste seinen Hals und schloss die Augen, als sie seine Lippen abermals auf ihren spürte.
Luftige Leinenlaken legten sich an ihre Haut, während Daenerys in der dünnen Matratze versank. Er, über ihr kniend. Sie, unter ihm liegend. Verbunden von einem gegenseitigen Verlangen, das ihr den Atem raubte.
Aufgestützt auf seinen Händen sah Jorah zu ihr hinab. Anfangs badete Dany in seinen Blicken, die über ihren Körper strichen, nur um jedes Mal aufs Neue zu ihren Augen zurückzukehren, aber allmählich verlor sie die Geduld mit seiner Beherrschung. Unbeirrt ergriff sie den Stoff des gelben Hemdes, zerrte es aus Jorahs Kilt und schob ihre Finger über seine deutlich spürbaren Rückenmuskeln. Mehrere kleine Narben glitten unter ihrer Hand hinweg und waren verantwortlich für die kleine Falte zwischen ihren Augen. Zeichen der Vergangenheit, die er in einem anderen Leben, einem Leben ohne sie erhalten hat und Narben, die er nur besaß, gerade weil sie Teil seines Lebens war.
Sanft, aber bestimmt zog Jorah sie unter seinem Hemd hervor und setzte auf jeden Fingerknöchel einen zittrigen Kuss. Sein Verhalten versetzte Daenerys einen Stich und so musste sie sich fragen, ob es richtig war, was sie hier verlangte. Wenn selbst jetzt noch diese Unentschlossenheit, die von irgendwelchen Schuldgefühlen genährt wurde, über sein Gesicht tobte und ihn als Opfer dieser Schlacht markierte. Sollte sie sich mit dem Wissen ihrer Liebe zufrieden geben, so wie er es all die Jahre getan hatte? Könnte sie das? Zu ihrem, zu seinem Wohl? ... Nein, sie besaß jene Stärke nicht, wollte sie nicht besitzen. Sie wollte ihn für sich, wollte ihm so nah wie nur möglich sein und ungeachtet ihrer Sehnsucht nach einem Mann, nach diesem Mann, dessen Liebe für sie so rein und unerschütterlich erschien, wollte sie ihm unbedingt sein so lange verborgenes und mittlerweile bereits dunkel verfärbtes Sehnen erfüllen, wollte das sein, was er für sie war, wollte ein Licht in seinen Augen sein und dabei zusehen wie es durch sie aufleuchtete.
Doch entgegen besseren Wissens hörte Daenerys sich jetzt fragen: „Willst du mich denn gar nicht, mein Bär?", und legte Jorahs, zuvor von ihr zerzausten, Haare zurecht.
Für den Bruchteil eines Wimpernschlags befürchtete sie, dass er sich aufsetzten wollte, da ein tiefer Seufzer seine Brust deutlich hob und senkte. Aber Jorah ließ sich lediglich auf seine Ellenbogen nieder und nahm ihr Gesicht in seine Hände. Auf diese Weise hatte er ihre Körper erneut einander näher gebracht und Dany fühlte die Wärme, welche er ausstrahlte und genauso konnte sie seine Knie spüren, welche sich an die Außenseiten ihrer Oberschenkel pressten. Wie konnte er ihre brennende Begierde nach ihm nicht bemerken oder weitaus schlimmer, diese ignorieren?
Daenerys glaubte ein Zucken seiner Mundwinkel zu beobachten, war sie dessen aber nicht sicher, als Jorah auf jeder Seite ihres Hals' zwei kurze Küsse verteilte, wie er es früher an diesem Abend schon einmal getan hatte und ähnlich jenen flüchtigen Berührungen, überzogen auch diese unerträglich zarten Liebkosungen ihre Haut mit einem grellen Prickeln. Ohne den Versuch dies zu unterdrücken, entfuhr Daenerys ein leises Stöhnen, welches gegen Jorahs Lippen prallte, um dann von seinem Mund verschluckt zu werden.
„Wie kann ich dich nicht wollen, Daenerys?", murmelte er gegen ihren Mund und begann ihr Kinn hinab zu streicheln, zog seine Fingerspitzen langsam über ihren Hals, über ihre Schultern, bis herab zu ihrem Handgelenk, um dann so leise, dass Dany es durch das Rauschen ihres Blutes kaum verstand, zu sagen: „Ich will deine Haut..."
Schwerlich hielt sie seinen langen Fingern stand, die nun über sie hinwegglitten und sie so wunderbar quälten. Doch sollte diese willkommene Folter damit nicht enden. Am Rande ihrer Wahrnehmung bemerkte Daenerys wie sich die Matratze des schmalen Bettes bewegte und dann musste sie ihre Augen schließen, um das Gefühl seiner Hände, die ihre Waden hinauf wanderten und sich dann mit gespreizten Fingern über die nun überempfindliche Haut ihrer Oberschenkel schoben, zu verarbeiten.
Beim erneuten Klang seiner Stimme hob sie blinzelnd die Lider und sah jetzt das zuvor angedeutete Schmunzeln komplett entfaltet.
„Ich will deine Augen...", flüsterte Jorah und zog sie zum wiederholten Male in das aufgewühlte Meer seiner Augen, in dem sie nur zu gerne ertrank und von deren Strömung sich Daenerys wehrlos in dunkelblaue Tiefen reißen ließ.
Merklich zaudernd trennte er den Augenkontakt und kurz floss ein goldener Schimmer über seine Wimpern, als er die Lider niederschlug und eindringlich wisperte: „Ich will deinen Mund..."
Mit einer bisher nicht gezeigten Vehemenz küsste Jorah Daenerys, drückte seine Zunge zwischen ihre Lippen, welche sie nur allzu bereitwillig öffnete. Stürmisch spürte sie seine Bewegungen in ihr, drängte selbst mit einem wilden Hunger nach ihm, seine Zunge zurück, um ihre folgen zu lassen, nippte an seiner Oberlippe, spürte die stechenden Enden der Barthaare wie kleine Nadeln auf ihrer Zungenspitze und schmeckte seine Begierde, seine Liebe, seine Wünsche, seine Sehnsucht nach ihr, schmeckte ihn, schmeckte Jorah.
Hilflos begraben unter dem tobenden Wirbel der Empfindungen, welche über ihr zusammenschlugen, hörte Daenerys seine tiefe Stimme, schwer von Gefühlen, drei Worte hervor ringen: „Ich will dich."
Drei Worte, die sie erbeben ließen. Drei Worte, die erbarmungslos über sie hinweg rollten. Drei Worte, die ihre Hände führten, als sie mit klammen Fingern erneut versuchte Jorah von dem Leinenhemd zu befreien.
Hell flimmerte der silberne Klang seines kleinen Glöckchenarmbands durch die aufgeladene Atmosphäre und erstarb abrupt, als der gelbe Stoff auf dem Boden neben dem Bett den hohen Ton fraß. Zu jener Ansammlung von Hemd, Armband und losen Bändern, gesellte sich nach einigem hastigen und zugleich auch unsicheren Ziehen und Zerren ein in einem ausgeblichenem Blauton gemusterter Kilt.
Immer noch über sie gebeugt, lag Jorahs Körper zum Teil im zuckenden Schatten der letzten Flamme, die schummriges Licht spendete und dennoch das Bild, welches sich Dany zeigte, scharf und detailreich in ihr Gedächtnis einbrannte.
Endlich war er bei ihr, würde bei ihr bleiben, würde ihre Sehnsucht stillen, würde die Kälte vertreiben, welche kein Feuer jemals verbannen könnte. Endlich wusste sie nach was, nach wem sie suchte, konnte die Arme um ihn schlingen, konnte ihn dicht an sich ziehen und einen Kuss einfordern, konnte seiner Stimme lauschen, die ihren Namen in einer Art und Weise benutzte, die ihr nahezu die Sinne raubte.
Endlich war er kein Traum mehr, aus dem sie verwirrt, verlegen und verunsichert aufwachen würde. Endlich glaubte sie, wollte es glauben, dass die kalte Leere in ihr enden könnte und von etwas Wahrhaftigen, von etwas, was größer als ihre Angst war, abgelöst werden könnte. Sie wollte es glauben...
/ Wenn gewünscht bitte mit Kapitel 22 fortfahren... :O
