21. Dezember: Ein neuer Weg

Eine ganze Weile konnte Dudley sich wieder in seinem Kinderzimmer verkriechen, um all seine Wunden zu lecken. Er hatte seine Karriere und die Liebe seines Lebens verloren und die Hälfte von allem, was er besaß. Das war alles schrecklich, aber am schlimmsten war für ihn, dass Celeste ihn wohl gar nicht geliebt hatte. Er hätte alles für sie getan und sie … sie hatte ihre Beziehung wohl völlig anders gesehen. Am Ende war sie sogar richtig überrascht gewesen, dass er nicht ihrer Meinung gewesen war.

Seine Eltern hatten ihn immer abgöttisch geliebt und obwohl er immer schon gewusst hatte, dass der Rest der Welt das nicht unbedingt tat und die Dementoren das praktisch in ihn reingeprügelt hatten, hatte er doch gedacht, dass er sich zum Positiven geändert hatte und die Leute jetzt wirklich um seinetwillen mit ihm zusammen waren. Und dass die Frau, die geschworen hatte, den Rest ihres Lebens mit ihm zu verbringen, ihn zumindest wirklich liebte. War das wirklich zu viel verlangt? War er so wenig liebenswert, dass ihn nur seine Eltern mochten, wenn er nicht der Größte und Stärkste und Beste war? Hatte er es nicht verdient, geliebt zu werden?

Aber Mrs Figg schien ihn zu mögen. Und Dädalus hatte gerade erst letzte Woche einen sehr aufmunternden Brief und ein paar Schokofrösche geschickt, um ihn zu trösten. (Er hatte jetzt schon acht von Harrys Karten, und so beeindruckend diese Dinger auch waren, er hätte gerne ein paar andere Zauberer gehabt.) Seine ehemaligen Mitbewohner hielten freundschaftlichen Kontakt mit ihm, auch wenn sie sich kaum gesehen hatten, seit er mit Celeste zusammengezogen war.

Aber trotzdem. So schlecht hatte er sich nicht mehr gefühlt, seit die Dementoren ihn angegriffen hatten. Damals hatte sich seine ganze Welt auf den Kopf gestellt und er hatte nicht mehr gewusst, wo oben und unten war. Jetzt war das wohl auch nicht anders. Seine Karriere konnte er begraben und jetzt war er nicht nur solo, sondern auch geschieden von einer Frau, die ihn nie geliebt hatte. Da wäre er fast lieber noch einmal den Dementoren gegenübergetreten. Das hätte auch nicht schlimmer sein können.

Ein paar Wochen sahen seine Eltern dabei zu, wie er in Selbstmitleid badete und dann stand sein Vater eines Tages im Zimmer und sagte ihm, dass er ihm einen Einstiegsjob in seiner Firma besorgt hatte und nächste Woche anfangen konnte. Es war zwar nicht Dudleys Traum, aber so konnte es schließlich auch nicht weitergehen. Und ewig würden seine Ersparnisse nicht reichen, besonders nachdem Celeste sie halbiert, ihre Wohnung und alle ihre Möbel behalten hatte. Glücklicherweise hatten sie kein Auto gehabt, das lohnte sich in London überhaupt nicht, obwohl Celeste häufig angedeutet hatte, dass sie gerne einen Mercedes gehabt hätte. Gott sei Dank hatte er da noch nicht nachgegeben, sonst hätte er sich von dem Auto wahrscheinlich schon längst wieder verabschieden müssen.

Auch wenn sich alles in ihm dagegen wehrte folgte er der Aufforderung seines Vaters und fuhr nächste Woche mit ihm in die Firma. Der Job war etwas Langweiliges in der Verwaltung, aber fürs erste war es gar nicht so übel. Wenig Stress, was für seine heilende Kopfverletzung bestimmt das Beste war. Und Dudley war gar nicht mal so schlecht. Er war gut genug, bald befördert zu werden. Und ein Jahr später fragte ihn sein Vorgesetzter, ob er etwas dagegen hätte, in die Hauptstelle nach London versetzt zu werden. Andere wären vielleicht qualifizierter, aber da er schon mal in London gelebt hatte, wäre sein Insiderwissen sehr wichtig, da andere fähige Mitarbeiter genau daran gescheitert waren.

Glücklich stimmte Dudley zu. Er mochte seine Eltern, aber jetzt, wo es ihm wieder etwas besser ging, wurde das Haus im Ligusterweg langsam unerträglich. Die Sorge seiner Mutter war anfangs sehr wohltuend gewesen, denn zumindest ein Mensch liebte ihn und war um sein Wohlergehen besorgt, aber jetzt wollte er am liebsten seine Freiheit zurück, nur war das in ihrer Nachbarschaft voller Reihen- und Einfamilienhäuser schlicht unmöglich.

Also zog er zurück in seine alte WG in London. Einer seiner alten Mitbewohner war noch da, ein anderer war nach Rom gezogen. Der neue Typ war aber auch ganz nett und Dudley war glücklich, wieder in London zu sein. Anfangs war es etwas schwierig, schließlich hatte er in dieser Stadt mit Celeste gelebt, aber sie war kaum jemals in der WG gewesen, sodass die Erinnerungen an sie bald verblassten. Der Job war nicht gerade sein Traumberuf, das war und blieb das Boxen, aber er war trotzdem nicht schlecht und es machte ihm genug Spaß, dass er sich nicht die Mühe machte, sich etwas Neues zu suchen.

Aber trotz des überraschenden beruflichen Erfolgs und seiner wiedergewonnenen Freunde fühlte er sich schrecklich einsam. Ein oder zweimal war er in eine Bar oder einen Club gegangen, um jemanden kennen zu lernen, aber dann hatte er immer an Celeste denken müssen und daran, wie sehr er sich in ihr getäuscht hatte und dass ihm das wieder passieren konnte und er ging nach Hause, ohne überhaupt mit einer Frau gesprochen zu haben.

Vielleicht war es sein Schicksal, alleine zu bleiben. Seine Strafe dafür, dass er Harry jahrelang tyrannisiert und Mark Evans mehr als einmal den Arm gebrochen und einen Trainingspartner mit voller Absicht ins Krankenhaus befördert hatte. Er dachte, er wäre ein besserer Mensch geworden, aber was hatte er schon groß getan? Er hatte vielleicht keinem mehr wehgetan außerhalb des Boxrings, aber er hatte Harry lediglich eine Tasse Tee hingestellt und ihm die Hand geschüttelt als Dank dafür, dass der ihm das Leben gerettet hatte. Er hatte sich nie bei Mark Evans oder all den anderen Knirpsen dafür entschuldigt, dass er ihnen jahrelang das Leben zur Hölle gemacht hatte. Vielleicht sollte er einen Teil seines Gehalts Opfern von Mobbing spenden. Oder ihnen zeigen, wie man sich gegen Leute wie ihn zur Wehr setzen konnte. Auch wenn er selbst nicht mehr boxen konnte, anderen erklären konnte er das bestimmt.

Das war eine wirklich gute Idee. Ein paar Wochen später suchte er ein Jugendzentrum auf, das ihm ein Kollege auf der Arbeit empfohlen hatte, und fragte nach, ob er vielleicht ein oder zweimal in der Woche einen Selbstverteidigungskurs geben konnte. Die Leiterin war begeistert, sagte ihm aber, dass sie leider nichts dafür bezahlen könnten, da das Zentrum besonders für benachteiligte Kinder war.

„Das ist schon in Ordnung", erwiderte Dudley. „Ich will gar kein Geld." Darum ging es ihm nicht. Er wollte anderen helfen. Er wollte endlich irgendeinen Sinn in seinem Leben haben. Er wollte, dass, sollte er jemals wieder irgendwelchen Dementoren begegnen, sie nichts in seinem Leben fanden, dass sie ihm so um die Ohren hauen konnten wie damals. Er wollte endlich frei sein von der Last, die er so lange mit sich trug, von der er törichterweise gedacht hatte, dass er ihr schon lange entkommen war.

Es machte überraschend viel Spaß, den Kindern beizubringen, sich zu wehren. Sie waren anfangs alle wahnsinnig beeindruckt gewesen von ihm und den ganzen Titeln, die er in seiner Zeit als Boxer geholt hatte. Ein paar von den Jungs und ein Mädchen waren unendlich fasziniert von der Narbe, die er seinem Schädelbruch zu verdanken hatte. Und es war befriedigender als er gedacht hatte, den Kindern ein neues Selbstbewusstsein zu vermitteln. Er wurde nicht müde, sie zu ermahnen, ihre neuen Fähigkeiten nicht willkürlich an anderen auszuprobieren, aber es war schön zu sehen, dass die Kinder nicht mehr mit so vielen blauen Flecken in seinen Kurs kamen.

Er war dreimal die Woche in dem Jugendzentrum, zweimal abends unter der Woche und Samstagnachmittags und es machte ihm mehr Spaß als alles, was er in den letzten Jahren gemacht hatte. Die Kinder schienen ihn ehrlich zu mögen und es war eine Freude zu sehen, wie sie sich entwickelten.

Bei dieser Gelegenheit lernte er Susanna Gilbert kennen. Sie kam einmal die Woche, um den Kindern Nachhilfe in Mathe und Physik zu geben. Sie war eine kleine quirlige Person mit einer blonden Lockenmähne und einem lauten ansteckenden Lachen. Die Kinder liebten sie und Dudley hatte von einer Betreuerin gehört, dass sie glaubte, manche Kinder schrieben absichtlich schlechte Noten, um von ihr Nachhilfe zu bekommen.

Dudley begegnete ihr an einem regnerischen Dienstagabend, als er gerade die Ausrüstung von seinem Kurs in der Ecke des Sportraums verstaute.

„Die Kinder lieben deinen Kurs", sagte sie lächelnd und er schaute überrascht zu ihr. Er hatte nicht damit gerechnet, dass noch jemand hereinkommen würde, das Zentrum machte gleich zu.

„Deine Nachhilfe aber auch", erwiderte er sofort. Er hatte sie vorher zwar noch nie gesehen, aber er erkannte sie sofort. Die Kinder hatten so viel von ihr erzählt, dass es unmöglich war, sie nicht zu kennen.

Sie lachte beschämt. „Das glaube ich nicht. Keiner hat gerne Mathenachhilfe."

„Wenn sie von einem guten Lehrer kommt, dann bestimmt", erwiderte er überzeugt. Er hatte Mathe gehasst und war nie gut darin gewesen, aber seine Lehrer waren auch immer Scheiße und hatten sich keine Mühe gegeben sicherzugehen, dass er den Stoff auch wirklich verstand.

„Na ich weiß nicht", sagte sie unsicher und strich sich ein paar Locken aus der Stirn. „Meine Schüler in der Schule sind immer froh, wenn sie kein Mathe haben."

„Wirklich?", fragte er überrascht. „Du bist also Lehrerin?" Seine Kinder hatten immer nur erzählt, dass sie ein Engel war, sehr viel mehr wusste er nicht von ihr. Und er musste ihnen Recht geben, wenn er sie so sah.

„Ja, ich arbeite an der Kensington Prep." Dudley hob die Augenbrauen. Das war eine der privilegiertesten Schulen in London. Und sauteuer, soweit er wusste.

„Aber ich dachte, die ist so gut."

Sie nickte. „Stimmt ja auch. Und die Kinder sind auch meistens sehr wissbegierig und engagiert, dagegen will ich gar nichts sagen. Aber die Eltern sind stinkreich und die Kinder bekommen alles auf dem Silbertablett und es ist schön, auch den weniger privilegierten zu helfen. Hier sind so viele intelligente Kinder, die einfach nicht gut genug gefördert werden. Wenn ich das Geld nicht bräuchte, dann … aber so kann ich wenigstens ein bisschen helfen."

„Ja, das versteh ich", sagte Dudley. Die Kinder hier kamen fast nur aus ärmlichen Verhältnissen und erwarteten häufig schon so wenig vom Leben, dabei hatten sie so viel Potential.

„Ich finde es wirklich toll, dass du so viel Zeit hier verbringst. Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit als nur diesen einen Nachmittag. Aber als Profiboxer ist das vermutlich einfacher."

„Profiboxer?", seufzte Dudley und grinste verschämt. Er schob die letzte Matte auf ihren Platz und ging zur Tür, um sie abzuschließen. Susanna trat zurück, damit er das Licht ausmachen konnte. „Da bist du aber wirklich nicht auf dem neuesten Stand. Das war ich mal."

„Oh."

Zögerlich erzählte er ihr die Geschichte. Es tat immer noch weh, dass sein Leben so eine unerwartete Wendung genommen hatte, aber sie schien ehrlich beeindruckt, wie gut er sich wieder aufgerappelt hatte.

„Weißt du, ich hab schon lange gehofft, dich zu treffen, seit ich weiß, dass du diesen Kurs hier gibst", gestand sie ihm schließlich auf dem Weg zur nächsten U-Bahn-Station.

„Wirklich?", fragte er erstaunt und wurde rot. Er hatte sich tatsächlich gefragt, was sie so spät noch hier machte, normalerweise war sie schon längst weg, wenn er fertig war.

„Ja. Weißt du, ich wohne nicht gerade im besten Viertel und in den letzten Wochen sind mehrere Frauen überfallen worden. Ich wollte fragen, ob du mir vielleicht auch ein paar Griffe beibringen könntest, damit ich mich wehren kann. Die Kinder schwärmen immer so von allem, was sie bei dir lernen. Johnny hat schon versucht, es mir zu zeigen, aber ich glaube er hat's noch nicht so ganz raus." Sie lachte.

„Oh", sagte Dudley, leicht enttäuscht. Aber er bemühte sich, sich nichts anmerken zu lassen. „Klar kann ich. Das ist gar nicht so schwer. Am wichtigsten ist sowieso der Überraschungsmoment. Kannst du nächste Woche nach der Nachhilfe? Ich könnte etwas länger bleiben." Wenn es sein müsste, würde er sogar bis Mitternacht im Zentrum sein.

„Sicher. Gerne", antwortete sie mit einem strahlenden Lächeln. Sie biss sich auf die Lippe und schaute ihn hoffnungsvoll an. „Aber … vielleicht könntest du auch schon am Freitagabend? Wir könnten uns zum Essen treffen, um die Einzelheiten zu besprechen?"

Das war das Beste, was er seit Monaten gehört hatte.

TBC…