04: [ASUKA STRIKES]

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Boku-tachi wa hirake au
Suiteki no you ni, wakusei no you ni
Boku-tachi wa hanpatsu shiau
Jishaku no you ni, hada no iro no you ni

-Tite Kubo

Wir ziehen einander an
Wie Wassertropfen, wie Planeten
Wir stoßen einander ab
Wie Magneten, wie die Farben unserer Haut

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Gaghiel, der Engel der Fische, war auf seinem Weg.
Er hatte sich in den Tiefen der roten See seines Vaters entpuppt, und hatte sich auf der Stelle auf den Weg gemacht, dem stählernen Klang der lautesten Rufe folgend, um diese Welt für sich und seine Brüder zu beanspruchen, um das zu vollenden, woran sein Vater und seine Vorgänger gescheitert waren.
Nun war Gaghiel jedoch, in Lillim-Worten ausgedrückt, keine besonders große Leuchte; Auch die Form, in der er sich manifestiert hatte, spiegelte sich wieder: Gigantische Masse und rohe Stärke statt ausgeklügelter Mechanismen, eine Gestalt, die eher für die roten Meere der Engel geschaffen zu sein schien, als für die Ufer der Lillim, vielleicht ein Zeichen einer etwas kindischen Persönlichkeit oder ein verkappter Versuch, seinem Ursprung zu schmeicheln oder zu beeindrucken; In vieler Hinsicht war der Engel mal wieder nicht so viel anders, als die Kinder, deren Bekanntschaft er schon bald auf dem Schlachtfeld machen würde, auch wenn der Unterschied der äußeren Form dies nie vermuten lassen würde - jedoch gab es da noch eine weitere bizarr-ironische Parallele, in diesem Falle zu Shinji: Gaghiel hatte großes Glück.
Eigentlich folgte er ja den lauten, fernen Rufen, die vom Festland kamen, doch durch eine Laune des Schicksals schwamm er, die finsteren Tiefen durchquerend, unter diesen Behältnissen der Lillim vorbei und vernahm von dort aus ein leises, vertrautes rufen, eine Stimme, die auch eher für sich selbst leuchtete, als das sie irgendwohin gerichtet war - Ein Träger der Frucht des Lebens, genau wie Gaghiel selbst.
Nun fehlte ihm das Wissen, um dieses Zeichen als das zu erkennen, was es war, doch es war... vertraut, und es war da.
Von einer Art kindlicher neugier getrieben tauchte Gaghiel auf, und mit ebenso kindlichem Starrsinn vernichtete es ein Gefäß der Lillim nach dem anderen - Denn der Ruf war zu schwach, zu diffus, nur ein winziges Rauschen im Hintergrund, ohne Wellen der Energie, die ihn in die Ferne hätten tragen können.
Er konnte die Quelle der Rufe einfach kaum ausmachen, die Präsenz war überall hier verstreut - Trotzdem hörte Gaghiel nicht auf, zu suchen - Diese Empfindung der... Vertrautheit zog an seinen Instinkten wie ein starker Hufeisenmagnet an einem winzigen Eisenspan.
...WO...BIST...DU...
Die Menschen in in den 'Gefäßen' waren den Angriffen derweil hilflos ausgeliefert, wohl nur deshalb stetig in Bewegung, weil es ihr Stolz verlangte, dass sie zumindest so aussahen, als hätten sie die Situation unter Kontrolle - Aber damit täuschten sie nur wenige.
"Verdammt..." fluchte der alte Admiral, der ungläubig durch sein Fernrohr blickte. "Was ist da nur los?"
Und als sei eine unkontrollierbare Situation für jemanden der durchaus einen Grund dafür gehabt hatte, eine Kommandoposition einzunehmen und sich seine Brötchen damit verdiente, sicherzustellen, das alles seine Ordnung hatte, nicht schon schlimm genug, so erschien jetzt auch genau die Person, die der Admiral im Moment am wenigsten sehen wollte, in der Tür zur Brücke.
"Hallo! NERV-Lieferservice!" grüßte Misato fröhlich. "Wollen sie Informationen über den Feind bestellen, oder vielleicht wirksame Gegenmaßnahmen?"
"Wir befinden uns im Gefecht!" giftete der Admiral zurück. "Unbefugte haben da auf der Brücke nichts verloren!"
Misatos Lächeln machte einem etwas ärgerlicheren Ausdruck platz, während hinter ihr zum großen Frust der Brückenoffiziere auch noch eins dieser Kinder auftauchte - und dann musste es auch noch der grinsende Bengel mit der Kamera sein.
"Ist nur meine persönliche Meinung, aber ich glaube, dass Sie es hier mit einem Engel zu tun haben." stellte Misato klar.
Der Admiral ignorierte sie einfach. "Alle Schiffe, Feuer Frei!"
Misato war bereits klar, das der Typ da nur Zeit und Munition verschwendete - und wahrscheinlich wusste er es selbst genau so gut. Man könnte meinen, auf diesem Schiff fände ein offizielles Treffen der Großkotze statt.
Apropos Großkotz - oder das, was Misato wohl als Großkotz bezeichnen würde: Auch Kaji beobachtete beunruhigt, wie der Engel ein Schiff nach dem anderen niedermähte - das kam gerade sehr, sehr ungelegen.

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Inzwischen hatte sich Misato samt Touji und Kensuke höchst selbst in die Brücke hinein gelassen, und beobachtete das Gefecht, das man aufgrund seiner extremen Einseitigkeit kaum als solches bezeichnen konnte.
"...Warum ist der Engel überhaupt hier...?" fragte sich Misato beunruhigt - Normalerweise griffen die Viecher ja direkt in Tokyo-3 an. Weil Lillith unter der Stadt begraben lag. Aber was suchte der Engel hier auf diesem Schiff, mitten im Ozean, meilenweit entfernt von Lillith? Was trieb ihn hierher?
"...Etwa... Einheit Zwei?"

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Asuka hatte Shinji derweil wieder am Handgelenk gepackt und zerrte ihn ganz nach ihrem Belieben durch die Korridore des Schiffes, ohne ihm auch nur im geringsten zu erklären, wo sie hin wollten - er wusste sehr gut, dass sie jetzt kaum Zeit für irgendwelchen eigenmächtigen Blödsinn hatten, und dass der Engel dieses Schiff jeden Moment auseinander reißen könnte, doch er traute sich nicht wirklich, diesem verrückten Mädchen zu widersprechen. Sie würde doch sowieso nicht auf ihn hören.
Dass sie sich noch unter der Plane mit dem EVA aus einer Kiste eine Tasche in ihrer Lieblingsfarbe gekrallt hatte, sprach schon einmal dafür, dass sie irgendeine Art von Plan hatte, den Shinji mangels Erklärungen gegenwärtig nicht nachvollziehen konnte – Da er selbst keinen hatte und ihm wohl auch die Fähigkeiten fehlten, um sich einen auszudenken, wäre es wohl nicht allzu verwunderlich gewesen, wenn er einfach die Klappe gehalten, sich protestlos mitziehen gelassen und der ach so tollen ‚ausgebildeten' Pilotin das Denken zu überlassen, und das war ja auch seine erste Reaktion, doch schon bald stellte sich ihm das kleine bisschen Pflichtbewusstsein und Selbstwertgefühl in den Weg, dass er in den letzten sieben Wochen entwickelt hatte: Schließlich wusste er gut genug, dass hier das Schicksal der Menschheit auf dem Spiel stand, und dieses Mädchen, obendrein noch eine blutige Anfängerin die den Schrecken des Kampfes noch nie begegnet war, den Ernst der Lage nicht im geringsten zu begreifen schien: Sie sprach schon die ganze Zeit so, als seinen EVA-Kämpfe so etwas wie eine sportliche Disziplin.
Da Shinji jedoch wie wir alle auch seinen persönlichen Limitationen unterlag, und ihm die „blutige Anfängerin" ehrlichgesagt wirklich Angst machte, zumal sein Vertrauen in seine eigenen Fertigkeiten immer noch begrenz war, beschränkte sich sein „Protest" zu Gunsten ihrer eigentlichen Aufgaben auf ein nicht wirklich beeindruckendes, wenn nicht sogar überrumpelt oder verwirrt klingendes „H-Hey, wo geht's eigentlich hin?"
Als das Second Child tatsächlich stehen blieb und kurz nachzudenken schien, keimte bei Shinji einen Moment lang die Hoffnung auf, dass er am heutigen Tage noch eine nachvollziehbare Erklärung ihres Vorhabens erhalten würde – doch er hatte kein solches Glück.
Stattdessen machte sie aus unerklärlichen Gründen hastig auf dem Absatz kehrt und zerrte ihn nun in die entgegengesetzte Richtung, bis zu einem Zugang zu einem Treppenhaus an dem sie vorhin achtlos vorbeigerannt war.
Erst jetzt entließ Asuka sein traktiertes Handgelenk aus ihrem unbarmherzigen Würgegriff.
„Warte hier mal kurz, ja?" befahl sie in einem Ton, der es dem schüchternen Jungen unmöglich machte, noch irgendetwas zu entgegnen, bevor sie mitsamt ihrer Tasche davongestürmt war.
Er konnte ihr nur noch ein halbherziges „…was wollen wir denn hier?" nachrufen, dem jedoch der fordernde Charakter fehlte, sodass Shinji mit noch halb ausgestreckten Armen stehen gelassen wurde.
Resigniert ließ er seine Arme sinken und setzte sich wartend auf die Treppenstufen, da ihm ja sowieso keine Wahl blieb – er kam sich vor wie ein kleines Kind, dem die Eltern eine Überraschung angekündigt hatten, es aber zunächst im ungewissen warten ließen.
Was in aller Welt war den so schwer daran, ihm zu erklären, inwiefern dieses Unterfangen den nahenden Engel daran hindern sollte, sie alle auf den Meeresgrund zu befördern.
Das Third Child konnte die Geräusche, die aus den tieferen Gefilden des Treppenhauses kamen, nicht wirklich einordnen.
Was tat sie da unten eigentlich? Merkte sie nicht, dass dieses Schiff jeden Moment versenkt werden könnte? Shinji dachte daran, nach ihr zu rufen, fürchtete aber, dass er am Ende als Idiot dastehen würde, weil er sie bei irgendetwas nützlichen unterbrochen hatte.
Sie würde ihn sicherlich wieder beschimpfen und demütigen…
Dennoch erlaubte es ihm der gespannte Zustand seines Nervenkostümes nicht, einfach so sitzen zu bleiben, und so begab er sich zum Geländer, um kurz herunter zu spähen und zu sehen, was Asuka da tat.
Ein großer Fehler.
Denn wie es sich mit Shinjis zweifelhaftem Glück nun mal verhielt, befanden sich das Kleid und sie sündhaft knappe Unterwäsche, mit denen er sie bis jetzt gesehen hatte, eilig zusammengeknüllt auf der Tasche drapiert, die einen obligatorischerweise karmesinroten Plugsuit enthalten hatte – und Asuka war gerade dabei, ihre Hände in die dafür vorgesehenen Teile des Anzuges zu stecken, der noch recht weit und lose von ihrem filigranen Körperchen herabhing.
Als wenn dieser unglücklich vorbeirauschende Windstoß ihm nicht schon genug von ihr enthüllt hätte, bekam er jetzt auch noch freien Ausblick aus ihre Haare und einen nicht unerheblichen Teil ihrer hügelförmigen, sich auf aufreizende Weise geringfügig bewegenden Brüste, soweit es ihre Haare und Shinjis Blickwinkel zuließen – Die Nippel waren gerademal so vom Gummi des Anzuges verdeckt, doch auch dieses stand nicht still, und das Wissen um die Tatsache, dass es jederzeit zur Seite rutschen konnte, machte es Shinji schwer, seine… biologischen Funktionen im Zaun zu halten.
Bei allen anderen Damen die er kannte, wie Misato oder Ayanami hätte er seinen Blick wohl auf der Stelle schamvoll abgewendet, aber hier starrte er schamlos weiter – vielleicht, weil die Prozesse, die zu unterbinden versuchte, Blut von seiner Denkzentrale abzweigten.
Möglicherweise war es auch eine Sache des Respekts – er war zwar von Asukas Durchsetzungsvermögen beeindruckt, von ihr als Person aber alles andere als angetan – im Nachhinein vermutete er, dass sich wohl irgend ein Teil seines Unterbewusstseins annahm, dass ihre Meinung von ihm ohnehin nicht mehr sinken konnte, vielleicht sah er es aber auch eine Art verkapptes Rachegefühl für die ganzen Erniedrigungen, das seine Augen an den Leib der schönen Deutschen heftete – was auch immer es war, das ihn da geritten hatte, es war voll und ganz durch Scham ersetzt, als sie ihn entdeckte, und natürlich sofort loskeifte: „Hör sofort auf, mich zu bespannen, du widerlicher Perversling!" schimpfte sie unnötiger Weise – Shinji hatte bereits die Flucht ergriffen und sich hinter dem Treppengeländer versteckt.
„Warum müssen alle Jungs gehirnamputierte Grabscher und Gaffer sein!" hörte er sie klagen.
Seufzend ließ er sich wieder auf die Treppenstufen sinken.
Na toll.
Wenn sie ihn vorher nicht schon gehasst hatte, dann tat sie es wohl spätestens jetzt.
Wieso geriet er nur immer wieder in solche peinlichen Situationen?
Und was brüllte sie ihn eigentlich so an?
Er wollte doch nur sehen, was sie trieb, sie hätte ihn ja vorwarnen müssen.
Aber es half wohl alles nichts.
Dass sie einen Plugsuit anzog, stärkte immerhin seine Hoffnung, dass sie den Engel da draußen nicht vergessen hatte.
Das nächste, was Shinji hörte, war das charakteristische zischen des Plugsuits, als sich dieser ihrer mageren Form anpasste.
Was er aufgrund der Entfernung nicht hörte, war der Satz, den sie sich mit einem untypisch ernsten Gesicht und sogar einem Hauch von Angespanntheit selbst zuflüsterte:
„…Es geht jetzt los… Asuka."
Vor ihr lag jetzt die Stunde der Wahrheit.
Der Moment, auf den sie ihr ganzes, bisheriges Leben lang hingearbeitet hatte.
Der Augenblick, der ihre ganze Art und Einstellung, ja ihr blankes dasein rechtfertigen sollte.
Es war der Zeitpunkt, an dem sie sich die Erlaubnis erkämpfen sollte, auf dieser Welt zu bleiben.
Und wenn dieses Third Child ihr dabei im Weg stehen sollte, würde sie ihn gnadenlos zerquetschen das der Saft aus ihm herausspritzte.

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Währenddessen ging außerhalb des Schiffes das Bombardement des Engels weiter – Die verbliebenen Kampfschiffe feuerten endlose Salven aus Torpedos und Raketen, doch nichts zeigte auch nur die geringste Wirkung.
Der Engel schien sich nicht mal großartig um sie zu kümmern, änderte nicht seinen Kurs und zerstörte weiterhin scheinbar wahllos Schiffe, nach einem Muster, dass keiner der Menschen nachvollziehen konnte.
Wenn er nach einer Prioritätsstruktur vorging, so hatte diese jedenfalls herzlich wenig mit der Bewaffnung der Schiffe zu tun, was das Offensichtliche trotz der Anstrengungen der Militärs nur noch schwerer zu übersehen machte.
„Warum ist es noch nicht versenkt?" fragte sich der Admiral ungläubig.
„Ich wusste es! Nur ein EVA kann dieses Ding besiegen!"
Dass es gerade der relativ normale, dem Evangelion-Projekt doch eher distanzierter gegenüberstehende Touji, und nicht etwa sein kampfeslustiger Kumpel Kensuke gewesen war, der des Kaisers sprichwörtliche neue Kleider als nichtexistent enthüllt hatte, handelte ihm besonders viele böse Blicke seitens des Admirals und seines ersten Offiziers ein – vor allem, weil es auch aufgrund seiner relativen Neutralität so absolut klar war, dass er unweigerlich recht hatte.

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In der Zwischenzeit sah auch Shinji sich mit einer unangenehmen Wahrheit konfrontiert – Und diese besagte, dass Asuka ihn zurück unter die Plane mit dem Evangelion gezerrt und ihm ihren Ersatzplugsuit zugeworfen hatte.
Er blickte alles andere als glücklich wirkend auf das aufdringlich-knallrote Kleidungstück.
Das war ein Mädchenanzug.
Natürlich war es ihm bewusst, dass diese Gummidinger sich an den Körper des Trägers anpassten und technisch gesehen Unisexmodelle waren.
Maßgeschneidert waren sie aber irgendwie trotzdem, und die Art, wie sie geschneidert waren, war sehr…. Na ja… feminin vielleicht?
Es war nicht so, dass er etwas gegen das weibliche Geschlecht hatte – oh nein, er mochte Mädchen, wie zum Beispiel Misato oder Ayanami, aber dass hieß nicht das er in ihren Klamotten rumrennen musste – und schon gar nicht in Asukas.
Das war ihr Ersatzanzug, aber die Möglichkeit, dass das Ding schon mal im Kontakt mit ihren… uh, privaten Körperstellen gewesen war, blieb trotzdem ein Stückweit bestehen.
Außerdem… Ayanamis Anzug wäre ja noch halbwegs gegangen, aber Asukas verfügte an der Frontseite über zwei Plastikteile, die Shinji allen Anstands zum Trotz nur als Tittenschützer bezeichnen konnte.
Das Third Child wollte diesen Plugsuit wirklich nicht anziehen, aber Feldwebel Captain Shikinami kannte kein Erbarmen: Als er Gnade suchend zu ihr aufblickte, stemmte sie nur souverän die Hände in die Hüften und machte mal wieder in aller Deutlichkeit klar, dass die Belange ihres Mit-Piloten an ihrem Hinterteil vorbei ging – Das war toll für diese Belange, da ihr Po einer der wenigen Plätze an ihrem Körper war, die man als wohlproportioniert bezeichnen konnte. Zwei knackige, runde, erwachsen wirkende Pobacken, wie man sie in den Magazinen sah. In Punkto Arsch war sie Misato fast ebenbürtig und Ayanami wohl überlegen, dass musste er ihr trotz ihrer unausstehlichen Art lassen – was Shinji jetzt recht wenig half, da er mit ihrer Vorderseite zu tun hatte, aus derer zum Sprechen gedachten Abschnitt noch immer keinerlei Erklärungen strömten – Stattdessen bekam er wieder ihren Zeigefinger präsentiert, den sie mitsamt dem restlichen Arm bei jedem Wort ausgiebig schwang, um ihre herrischen Befehle zu betonen. Auch ihre durch die ‚Tittenschützer' ein gutes Stück größer wirkende Oberweite wackelte gehörig hin und her.
„DU kommst mit MIR mit!"
Und dann hatte sie sich auch schon umgedreht um davonzustürmen, den unglückseligen Jungen allein zurücklassend.
Alles andere als erfreut stellte er fest, dass ihm wohl nichts anderes übrig blieb, als sich mit dem Mädchenanzug anzufreunden.
Das Endergebnis sah genauso schauderhaft aus, wie er es erwartet hatte – Da er noch nie über einen besonders maskulinen Körperbau verfügt hatte, taten der Schnitt des Anzugs und die Tittenschützer (Beim dritten, wenn auch gedanklichen Gebrauch fühlte sich das Wort schon weniger peinlich und ein bisschen mehr wie ein technischer Terminus an) ihr übriges um den Anschein zu erwecken, dass er sein Y-Chromosom spontan auf den Müll geworfen hätte – Einige Dinge konnte man jedoch nicht verstecken, besonders nicht in einem hautengen Anzug der für ein ziemlich schlankes junges Mädchen entworfen wurde.
Es war nicht so eng, dass es unangenehm gewesen wäre, aber man konnte so ziemlich alles sehen.
Das fehlte ihm gerade noch, das Asuka sich darüber lustig machte….
Die Beine nach Möglichkeit nah beieinander haltend und die entsprechenden Körperstellen notdürftig mit beiden Händen bedeckend begab er sich, nachdem er seine Klamotten zusammengelegt hatte, in die Richtung, in die Asuka verschwunden war, wobei er einen überaus peinlichen Watschelgang hinlegte, der PenPen wohl mit größtem Stolz erfüllt hätte.
Mit einer Gesichtsfarbe, die dem Anzug, der sie verursachte ernsthafte Konkurrenz machte, traf Shinji schließlich am Ende des Steges, der zu EVA 02 führte auf Asuka, die lässig an den Kabelanschluss des Evas gelehnt auf dessen Rücken neben der Einstiegsluke lehnte und für das menschenverachtende Ausmaß an Entwürdigung dass der männliche Pilot heute erfahren hatte, nicht das geringste Quäntchen Reue zeigte.
„Ähm… Warum haben wir gerade noch mal diese Plugsuits angezogen?" fragte er in der Hoffnung, dass alles hier einfach nur bald vorbei sein würde.
Das Second Child machte sich augenblicklich daran, sich weiterhin über ihn zu mokieren, dicht gefolgt von einem Testament ihrer Waghalsigkeit: „Bist du bescheuert?"
Das waren dieselben Worte, mit denen sie ihn ‚begrüßt' hatte, und irgendwie fürchtete Shinji, dass er sie noch ziemlich oft hören würde.
„Wir werden diesem Ding jetzt erst einmal mit meinem EVA 02 so richtig einheizen!" verkündete Asuka selbstsicher und kampfeslustig.
Kaum, dass sie fertig gesprochen hatte, öffnete sich die Einstiegsluke automatisch, und der Entry Plug wurde ausgefahren.
Shinji glaubte nicht so ganz was er da hörte.
Sie wollte… einfach so in einen EVA steigen und damit… kämpfen?
Jetzt gleich?
Normalerweise waren da immer die ganzen… Techniker aus dem Kontrollzentrum dabei und es gab viel uh, Technik-Kram, und davon, zu zweit in einen EVA zu steigen, hörte er heute ehrlichgesagt zum ersten Mal – ging das denn überhaupt?
Dieses Mädchen konnte das jedenfalls unmöglich schon mal ausprobiert haben.
Wieder einmal wurde er das Gefühl nicht los, dass sie das alles zu sehr auf die leichte Schulter nahm – Sie konnten doch nicht allein einen Engel besiegen… das widersprach Shinjis bisherigen Erfahrungen völlig.
„…Warte mal… Sollten wir nicht, uh, Misato um Erlaubnis fragen?"
Zugegen, sein Versuch, als Stimme der Vernunft zu agieren was ausgesprochen… popelig.
Er war leider nicht wirklich einer von der coolen Sorte – anders als Asuka, die den wackelig formulierten Einwand leichtfüßig abschmetterte: „Keine Sorge." Sie grinste, als spüre sie schon, wie der süße Triumph gleich zarter Alpenvollmilchschokolade auf ihrer Zunge zerging. „Wenn wir das Viech erledigt haben, bitten wir sie nachträglich um Erlaubnis!"
Als die Einstiegsluke den Blick auf das Innere des Plugs freigab, dessen Steuersitz doch etwas anders aussah als er von Einheit Eins, (größer, geräumiger und ohne dieses querverlaufende Dingens da in das er seine Füße zu stecken pflegte) war das Third Child immer noch nicht so ganz überzeugt – Captain Shikinami hingegen schien den Engel bereits als explodiert zu betrachten: „So. Jetzt zeig ich dir mal, was eine ausgebildete Pilotin drauf hat! Komm mir ja nicht in die Quere!"

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Der Engel war derweil weiterhin damit beschäftigt, „Schiffchen Versenken" zu spielen, während ihm Touji und Misato ratlos dabei zusahen.
Kensuke sah auch hin und filmte selbstverständlich auch, doch sein Gesichtsausdruck erinnerte eher an ein kleines Kind an Weihnachten.
„…Seltsam…" flüsterte Misato mehr zu sich selbst als zu jemand anderem.
„Es scheint fast, als würde er nach etwas suchen…"

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Doch nicht nur Misato und die Jungs beobachteten das Geschehen mit Sorge – Auch Kaji, der einige Teile der Jalousie seines Raumes mit den Fingern leicht heruntergezogen hatte, um mit einem kleinen Miniaturfernrohr den Kampf zu verfolgen, war nicht gerade erfreut über die Geschehnisse, zumal er ganz genau wusste, wieso der Engel so weit von dem Ort erschienen war, wo seine Brüder zugeschlagen hatten.
Neben einigen Beuteln mit eigenem Gepäck und dem Hartschalenkoffer, den er aus Betania Base entwendet hatte, stand noch ein weiterer, ähnlicher, aber tiefroter Koffer zwischen seinen Sachen.
Die kräftige Farbe wollte sich überhaupt nicht mit dem rostigen Schiff vertragen, und Kaji konnte nicht anders als festzustellen, dass es die Farbe von Blut war – nicht ganz unpassend, wenn man bedachte, wie viel des rubinfarbenen Lebenssaftes durch das, was darin aufbewahrt wurde, vergossen worden war.
„Also damit, dass wir hier von einem Engel angegriffen werden, hätte ich nicht gerechnet!" sprach er, seine Sorgen hinter der perfekten Maske verbergend, mit der er seine Brötchen verdiente, in den Telefonhörer, den er zwischen seiner Schulter und seinem Ohr eingeklemmt hatte.
Der Mann am anderen Ende der Leitung – Ikari – blieb völlig ruhig: „Genau zu diesem Zweck ist Einheit Zwei an Bord. Ich habe sogar noch für einen Ersatzpiloten gesorgt. Im schlimmsten Fall müssen sie selbst entkommen und die anderen zurücklasssen."
„Verstanden."

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Unter der Transportplane war der Entryplug des besagten EVAs inzwischen eingefahren und mit LCL befüllt.
Shinji, der sich von hinten an Asukas Sitz festhielt, war immer noch nicht ganz wohl bei der Sache – und das lag nicht nur an dem alles andere als würdevollem Outfit.
Ohne Misato und den Rest der Kommandozentrale kämpfen… er wusste nicht so recht, wie das gehen sollte, und die ach so tolle Captain Shikinami, na ja, die war auch nur eine Anfängerin dass sie ihn einzig und allein mitgeschleppt hatte, um vor ihm mit ihren 1337 p1lt sk!lz anzugeben, ließ sie nicht besonders professionell wirken.
Immerhin saß er dank ihres Egos mit im Plug, das würde ihm erlaubten, einzugreifen, wenn sie mit dem Kampf überfordert sein sollte – schließlich ging es hier um das Schicksal der Menschheit und so weiter.
Außerdem war er ja kein Unmensch – Zimtzicke oder nicht, er konnte ein unerfahrenen Mädchen, dass sich diese EVA-Kämpfe wohl ähnlich vorstellte wie Touji und Kensuke nicht einfach ins Messer laufen lassen, wenn er sie unterstützen könnte.
Er musste allerdings wohl doch zugeben, dass er wohl nicht darum gebeten hätte, mitkommen zu dürfen, wenn sie ihn nicht mitgezerrt hätte.
Vielleicht sollte er sich schämen – und vielleicht hätte er auch mehr Lust dazu, wenn sie ihn nicht mit dem örtlichen Wischmopp verwechseln würde.
Dies war nun das erste Mal, dass er einen anderen EVA als Einheit Eins betrat – Es fühlte sich im Grunde sehr ähnlich an, aber auch viel verschiedener, als er es sich vorgestellt hatte.
Ihm war, als sei es in EVA 02 ein gutes Stück kühler und düsterer, es herrschte einfach ein unfreundliches, ablehnendes Klima – erst jetzt realisierte er, wie stark dieses seltsame Gefühl der Geborgenheit in EVA 01 überhaupt gewesen war.
EVA 02 ließ zu, dass er sich mit ihm verband, schien ihm aber anders als EVA 01 nicht… entgegenzukommen und die Art, auf die er die Gliedmaßen des EVAs spürte, war viel gröber und unpräziser. Wahrscheinlich waren Synchro oder Harmonix oder sonst irgendwelche Werte hier niedriger.
Das hier war ein unangenehmer, lebloser, nicht wirklich einladender Ort.
Er fragte sich, wie sich das wohl für Asuka anfühlte.
Diese hatte derweil zwecks Konzentration ihre Augen geschlossen und begann, Systembefehle auf irgendeiner fremden, seltsamen Sprache durchzugeben, die Shinji nicht verstand.
Er schätze, dass dies Deutsch sein musste – sie kam ja schließlich auch aus Deutschland.
Jedenfalls folgte auf ihre Worte das übliche Leuchten der Aktivierungssequenz – nur, dass statt dem Interface eine Wand aus rotem Text um sie herum erschien – Shinji verstand das Wort, dass da immer wieder in westlichen Buchstaben geschrieben stand, nicht wirklich, doch das stetige piepen dass ihm folgte, ließ ihn vermuten, dass es sich wohl um das deutsche Äquivalent vor „ERROR" handeln musste.
„E-Eine Fehlermeldung vom System… was ist denn los?" fragte Shinji besorgt.
„Gedankenrauschen! giftete Asuka ohne weitere Erklärungen zurück. „Ich habe dir doch gesagt, dass du mir nicht in die Quere kommen sollst!"
Allem Anschein nach erwartete sie von ihm, dass er die ganzen Begriffe, mit denen das technische Team derweilen um sich warf, auswendig gelernt hatte, nur weil er den EVA durch unerklärliches Glück gut genug bewegen konnte, um der Länge nach auf dem Boden zu landen.
Er fragte sich, ob sie sich eigentlich darüber im Klaren war, wie paradox das war, schließlich hatte er ja viel weniger Zeit im Dienste von Projekt E gestanden.
Glücklicherweise schien sich die feine Dame heute etwas gnädig zu fühlen, oder aber sie war zu sehr auf den bevorstehenden Kampf konzentriert, um daran zu denken, dass sie ihn ja eigentlich noch piesacken wollte – So oder so, in diesem Moment öffneten sich die Himmel, ließen einen Lichtstrahl herab und erlaubten das unvorstellbare Wunder, dass sie ihm auf seine Frage danach, was er denn jetzt schon wieder falsch gemacht habe, tatsächlich so etwas wie eine richtige Antwort gab: „Na, du hast mir auf Japanisch dazwischen gedacht! Wenn du schon denken musst, dann denk' gefälligst auf Deutsch!"
Nun mochte es für Asukas Verhältnisse sehr umsichtig sein, dass sie statt ihn einfach einen Idioten zu nennen tatsächlich so etwas wie einen Lösungsvorschlag lieferte, doch hier hätte sie ausnahmsweise mal legitim an Shinjis Fertigkeiten zweifeln dürfen: Eigentlich hätte sie davon ausgehen müssen, dass ein gewöhnlicher japanischer Junge, der bis vor kurzem in einem kleinen Kuhkaff gelebt hatte, nicht spontandazu in der Lange sein würde, sich in sämtlichen Sprachen Europas mit ihr zu unterhalten – Englisch wäre ja noch halbwegs gegangen, aber Deutsch?
Da musste Shinji leider die weiße Flagge hissen.
Das heißt, er würde sie hissen, wenn er es nicht mit zwei Monstern zu tun hätte: Dem da draußen, das ihn jeden Moment auf den Meeresgrund befördern könnte, und dem hier drin im Entryplug, dass wohl keine faulen Ausreden dulden würde – beziehungsweise das, was sie als solche Einzustufen entschied.
Ob der Tatsache, dass er in seinem Leben noch keinen einzigen Satz Deutsch gesprochen hatte, unternahm Shinji einen holprigen Versuch, sich ihr gefällig zu zeigen, obgleich er für dessen Erfolg verständlicherweise eher wenig Hoffnung hatte: „Ich… verstehe…."
Panisch suchte er seinen Hirnspeicher ab – deutsch, deutsch, deutsch, hier musste doch irgendwas sein, dass mit Deutschland zu tun hatte – Er dachte zunächst an Autos, doch er hatte nicht den geringsten Hauch einer Ahnung davon, wie das deutsche Wort für „Automobil" klingen könnte – Doch da! Ein Hoffnugstschimmer: „B—Ba… baumkuuuuuchen….."
„IDIOT!" keifte ihm derartig entgegen, dass er ein wenig zurückwich.
Es war wohl kaum noch nötig zu sagen, dass sie nicht besonders erfreut zu sein schien.
„Na schön! Systemsprache auf Japanisch ändern!" befahl sie eingeschnappt.
Während die Wände des Entryplugs um sie herum nun also wieder verschiedenfarbig zu leuchten begannen, fragte sich Shinji, was er jetzt, wo diese Person dauerhaft als EVA-Pilotin im Einsatz sein würde, wohl noch so alles durchmachen müssen würde, versuchte dann aber, diese Gedanken sein zu lassen und sich mental auf den Kampf vorzubereiten, da er als der diensterfahrenere von ihnen beiden hier eine gewisse Verantwortung zu tragen haben würde.
Währenddessen war dann jedoch endlich das Interface erschienen, bei dem das Farbschema für die „Fassungen" zwischen den einzelnen Anzeigeflächen etwas anders war als bei Einheit Eins.
Sie erkannten beide sofort, was die bedeutete: Sie waren startklar.
Captain Shikinami zögerte keine einzige Sekunde lang: „Evangelion Einheit Zwei, Start frei!"

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Derweil waren die Aktivitäten der beiden Children nicht unentdeckt geblieben – als der erste Offizier auf der Brücke der ‚Over the Rainbow' berichtete, das EVA 02 aktiviert worden sei, richteten sich augenblicklich alle Augen auf die weiße Plane auf dem Deck des Frachtschiffs ‚Othello', unter der sich etwas zu regen schien – Die beiden Jungs und der erste Offizier, der die Nachricht soeben überbracht hatte, drehten sich augenblicklich dorthin um, wobei letzterer sein Fernglas und Kensuke seine Kamera mitschwenkten.
Misato schien über die Neuigkeiten so erfreut zu sein, dass sie ihr Gesicht unschön an die Glasscheibe presste und gleich einige Worte des Lobes hervorzubringen wusste – Der Admiral hingegen reagierte nur mit einem entsetzten „Was?" und griff sich, sobald er sich wieder gefasst hatte, das Durchsagemikrofon um das, was er als unnützen, zeitraubenden Kinderkram einstufte, zu unterbinden: „Aktivierungssequenz sofort abbrechen! Abrechen sage ich!"
Kaum, dass er jedoch zu Ende gesprochen hatte, hatte sich Misato jedoch neben ihn hin gequetscht und ihm kurzerhand das Mikrofon aus der Hand gerissen: „Ignoriert ihn!" rief sie ohne sich wirklich um den Admiral neben ihr zu kümmern in die Funkanlage. „Start Frei!"
„WAS?" Mit einigen Speichelspritzern und einer sehr lauten Stimme erinnerte der Admiral Misato ‚freundlich' daran, dass er auch noch da war.
Die Zeit nutzend, in der sie sie in Reaktion auf das direkt in ihr Ohr schallende Gebrüll die Augen zugekniffen hatte, drückte der alte Offizier die Visage der NERV-Angestellten aus seinem Blickfeld, und riss das Mikrophon wieder an sich: „Sowohl der EVA als auch die Pilotin unterstehen unserem Kommando! Sie können hier nicht einfach tun, was Sie wollen!"
„Wer kümmert sich denn in so einer Situation noch um die Formalitäten?" protestierte Misato, die sich aus seinem Griff gelöst hatte und mit dem Kommandanten der Schiffsflotte einen erbitterten Kampf um das Mikrofon führte.
Obgleich die zwei mit ihren Rangeleien sehr beschäftigt zu sein schienen, entschied sich der erste Offizier, der im Gegensatz zu den anderen sogenannten Erwachsenen nicht vergessen hatte, dass da draußen ein Kampf um das Schicksal der Menschheit tobte, sie darüber zu informieren, das der Evangelion über dessen Einsatz oder Nicht-Einsatz sie sich gerade zankten, nur mit der B-Ausrüstung konfiguriert war – Das Ding war komplett einsatzbereit, aber nicht wesentlich mehr – und diese Information reichte aus, damit die beiden Streithähne ihre Zwist kurzweilig vergaßen und dem Beispiel des ersten Offiziers folgend in die Richtung blickten, in die dieser bereits die ganze Zeit sein Fernglas ausgerichtet hatte – direkt zum Transportschiff mit dem Evangelion.
Die Insassen des selbigen hatten ihre prekären Ausrüstungsverhältnisse zwischenzeitlich selbst realisiert, und Shinji, der sich in der Pflicht sah, als erfahrener Begleiter für eines sich eindeutig selbst überschätzenden, naiven Mädchens als Stimme der Vernunft zu fungieren, nahm sich der Aufgabe an, sie darauf aufmerksam zu machen: „…Wenn wir ins Wasser fallen, sind wir erledigt…"
Uuuuups. Das klang noch nicht so nach Autoritätsperson – eher nach unterm Pantoffel stehendem Angsthasen. Langsamkam er sich so vor, als ob er hier der Neuling sei – irgendwo stimmte das ja auch, immerhin war Captain Shikinami ja im Gegensatz jahrelang ausgebildet worden, und er bekam es nicht einmal hin, seinen Stimmbändern einen Tonfall zu entlocken, der das hochmutige Second Child dazu bewegen konnte, in seine Richtung zu blicken – Ihr entschlossener, wesentlich eher nach Kampfbereitschaft aussehender Gesichtsausdruck blieb wie er war, und auch sonst schien seine Warnung ihn nicht wirklich beirrt zu haben.
„Wenn wir nicht reeinfallen, gibt's kein Problem." Lautete ihre lakonische, fast schon genervt klingende Antwort.
Während Asuka den Worten ihres Mit-Piloten keinerlei Beachtung zukommen ließ, so wurde er doch zumindest von den Personen am anderen Ende des Intercoms wahrgenommen, wie zum Beispiel von Misato, die seine Anwesenheit ihrem Tonfall nach zu urteilen für großes Glück hielt: „Shinji-kun! Bist du etwa auch da drin?"
Sowohl der Klang ihrer Stimme als auch ihr souveränes, erleichtertes Lächeln zeigten an, dass die Sorgen, die sie zwar nicht gezeigt, aber aufgrund des plötzlichen, ungeplanten Kampfes innerlich durchaus gehabt hatte, erheblich weniger geworden waren – Sie hatte tiefstes Vertrauen in diesen vierzehnjährigen Jungen.
Die jüngsten Ereignisse hatten ihr ja gar keine andere Wahl gelassen, als zu erkennen, dass sich der anfangs labile, herumhadernde Junge sich mittlerweile mehr als bewährt hatte.
Und wenn Asuka auch noch dabei war, dann würde es vielleicht trotz der widrigen Umstände noch etwas werden – Sie hatte immerhin schon eine halbe Ewigkeit ungeduldig auf den Moment ihres ersten Kampfes gewartet, und war zu ehrgeizig, um sich eine Niederlage zu erlauben – wobei es auch ganz gut war, dass Shinji dabei war, um ihren Wagemut etwas auszubremsen.
Der Admiral hingegen, der angesichts dessen, was er da sah, ganz das Mikrophon vergessen hatte, dass Misato und er noch immer umklammert hielten, glaubte seinen Augen nicht, hatte er die zwei Children nur als einen nicht wirklich beachtenswerten Jungen und ein eingebildetes Gör gestroffen – dass er von Projekt E generell nichts hielt, entbehrte sich wohl der Nötigkeit weiterer Erläuterungen. „Das sind bloß zwei Kinder!" klagte er entsetzt.
Doch Misato hatte allen Grund, das anders zu sehen „Sie können es schaffen." Versicherte sie in einem etwas ernsteren Tonfall, der keine Zweifel daran aufkommen ließ, dass sie selbst auch keine hatte. Dann bemächtigte sie sich endgültig des Mikrophons und rief mit voller Kehle hinein: „LOS, ASUKA!"

Und dies war in der Tat ein guter Vorschlag, denn in der Zeit, in der sich Misato und der Kommandant der Flotte bezüglich der Befehlskette gestritten hatten, hatte das stetige Schiffchen-Versenken-Spiel auf den blutroten Wogen ausgesetzt, als dessen Verursacher beim besten Willen nicht mehr fähig war, sein Ziel zu orten – Gaghiel glaubte gerade, eine heiße Spur seiner Ursprungs aufgeschnappt zu haben, als eine weitere, wesentlich stärkere Energiequelle ihre Präsenz in die Umgebung fließen ließ und die Sinne des Engels verwirrte – Sein Vater? Das Ziel seiner Reise?
Nein, das war anders. Das war ähnlich, aber doch anders.
Es war leer. Ein leeres, verdrehtes Ebenbild des Vaters, auf einem dieser von Lillim geschaffenen Strukturen, über deren Zweck er sich keinen Reim machen konnte – Ein weiteres Werk der Lillim? Erschreckend. Sie schienen beinahe in der Lage zu sein, die Welt, die sie umgab, beliebig zu verändern – trotz ihrer winzigen, lächerlichen Formen konnten sie sich hier in den Fluten, die durch einen unvollständigen Versuch sie in eine für Botschafter wie seinesgleichen geeignetere Welt zu konvertieren für ihre Art von Leben unzugänglich geworden sein sollte, frei bewegen – Aber dass sie fähig sein würden, eine solche Perversion zu schaffen… Ach was, die Beschaffenheit der Perversion hätte Gaghiel nicht weniger interessieren können, wenn die starke Präsenz nicht die winzige Signatur überschattet hätte, wegen derer der siebte Botschafter überhaupt hierhergekommen war.
Der Engel brauchte nicht lange, um sich eine pragmatische Lösung für sein Problem zu erschließen: Die Perversion musste weg!
Die rote See gewaltig aufwirbelnd und seinen Weg durch hervorspritzendes Wasser markierenddrehte der Engel der Fische schnurstracks in Richtung EVA 02, auf den er nun schneller zu flitzte als alles, was bis jetzt so an Motorboten erfunden worden war.
„E-Es kommt!" warnte Shinji, geringfügig durch den raschen Beginn des eigentlichen Kampfes erschreckt, aber deutlich dabei, mental in den ‚Gefechtsmodus' umzusteigen.
Das Second Child war entgegen aller Logik völlig ruhig.
„Und los!"
Ohne eine Sekunde zu verschwenden löste sich EVA 02 mitsamt der Plane, in die er gewickelt war mit einem kraftvollen, galanten Sprung vom Metall unter seinen Füßen, wenige Sekunden, bevor der Engel das Transportschiff förmlich zerriss.
Der Querspaltung entronnen landete der Evangelion elegant auf einem weiteren Schiff, dessen obere Bauelemente erheblich strapazierend, ohne die geringsten Anzeichen dafür, dass das halten der Balance seiner Pilotin auch nur das geringste fitzelchen Mühe gekostet hatte – Sie hatte noch nicht einmal die Hände des Evangelions benutzen müssen, die immer noch due Plane festhielten, unter der er verfrachtet worden war, darin eingewickelt wie ein Römer in eine würdevolle Toga oder einen Umhang.
Ihre Bewegung war grazil, fast schon anmutig, und auch sehr ganzheitlich und natürlich gewesen, fast, als könne sie den EVA leichter befehligen als den eigenen Körper – Shinji bezweifelte, dass er solche schnellen, fließenden Bewegungen mit Einheit Eins hinbekommen könnte, was sich ohnehin erübrigt hätte, da seine doch eher bescheidene Reaktionszeit wohl nicht für so ein Ausweichmanöver gereicht hätte.
„Wo ist er hin?" fragte die Rothaarige.
In einer anderen Situation hätte er sich vielleicht darüber aufgeregt, dass er jetzt als besserer Navi herhalten musste, nachdem sie eben damit geprahlt hatte, wie toll sie doch sei und dass er sie ja nicht stören sollte, aber dafür gab es eine Zeit und einen Ort, und das war nicht der Kampf ums Überleben der Menschheit. Wenigstens er musste sich doch benehmen als ob ihm klar sei, dass das hier kein Spiel war. „Da hinten!" antwortete er rasch, einen Blick auf die Energieanzeige werfend, die sich durch ein vertrautes Piepen bemerkt machte, da Asuka sich nicht besonders dafür zu interessieren schien. „Nur noch 58 Sekunden!" mahnte er, sich nicht besonders lange mit dem Gedanken aufhaltend, dass es bei Beendigung seiner Warnung wohl schon wieder 56 waren – Asukas akrobatische Stricks mochten zwar recht souverän wirken, verloren die Bewunderung, die Shinji ihnen anfangs entgegen gebracht hatte, als er begriff, das der EVA für so etwas auf volle Leistung schalten musste- Das hier war überhaupt nicht gut.
Doch Asuka schien ihn jetzt, wo sie ihr Ziel im Visiert hatte und ihn nicht mehr brauchte, wohl wieder in die Kategorie der nervigen, unnötigen Dinge gesteckt zu haben, die sie kaum mehr interessierten als bessere Kartoffeln, und tadelte ihn mit einem bissigen „Das weiß ich!" als ob er versucht hätte, ihr zu erklären das fallen gelassene Dinge nach unten stürzten.
Jetzt, wo sie ihn wieder zu bloßer Dekoration degradiert hatte, wendete sich Captain Shikinami wieder dem zu, was sie wirklich interessierte: Kämpfen und Leute herumkommandieren:
„Misato, mach das Stromkabel auf dem Flugdeck bereit!" befahl sie, den nahenden Engel, der rasch auf ihren gegenwärtigen Aufenthaltsort zusteuerte, genau im Auge behaltend.
„Wird gemacht!" kam es, von entsetzten Klagen des Admirals begleitet, aus der Kommandobrücke.
Asuka fixierte ihr Ziel mit den Augen wie ein eisiger, professioneller Auftragskiller, der gerade seine Zielperson erkannt hatte. „Also." Begann sie herablassend und knapp.
„Magst du Himmel und Hölle?"
Shinji hatte gerade noch Zeit ein bedröppeltes „Was?" hervorzubringen, bevor sie wieder einmal die Initiative ergriff, ohne auch nur daran zu denken, ihm eine Erklärung abzuliefern.
In einer raschen, ruckartigen Bewegung ging der EVA in die Hocke, um sich dann mit einer Kraft, die Shinji selbst wohl auch nicht hinbekommen hätte, wenn es darum gegangen wäre, sein Leben zu retten, in die Lüfte zu schießen wie ein Pfeil, nur um höchst gezielt auf einem zum nächsten Schiff gehörigen, freien Stück Flugdeck zu landen, welches durch ihre Landung und das direkt darauf folgende Abspringen nicht unwesentlich in Mitleidenschaft gezogen wurde. Sie sprang direkt weiter, die weiße Plane nun endgültig ablegend wie ein Schmetterling, der sich von seinem Kokon befreite.
Für sie gab es kein warten und kein halten: Kaum einen Gedanken an die Besatzung der Schiffe verschwendend, die oft gerade mal so noch rechtzeitig vom Einschlagsort ihrer Füße wegkamen, demolierte sie ein Schiff nach dem anderen, oft noch aus derselben Bewegung heraus springend, mit der sie gelandet war. Trotz der kolossalen Massen, die sie bewegte, so hielt sie die Balance als ob sie so leicht wäre wie eine Feder.
Nicht nur, dass sie das alles so mühelos mitbekam, nein, sie schien dabei auch noch den Spaß ihres Lebens zu haben – anders als Shinji, der sich nach allen Regeln der Kunst herumgeschleudert am Sitz des verrückten Mädchens festklammerte, während sie „EVA 02 IM LANDENFLUUUUUUG!" ankündigte.
Der rote Koloss landete problemlos auf der Over The Rainbow und hatte sich auch schnell ausbalanciert, wobei sich um den besagten Flugzeugträger turmhohe Wellen auftürmten.
Dass die Flugzeuge dabei massenweise ins Meer stürzten, ließ sich zu Kensukes Leidwesen leider nicht mehr verhindern, was ihn erstaunlicherweise mehr beunruhigte, als die Meldung, dass der Engel sich alles andere als langsam auf das Schiff zubewegte, auf dem er sich zur Zeit befand.
Shinji hingegen war sich über die Implikationen, die mit dem momentanen Aufenthaltsort seiner Freunde verbunden waren, absolut im Klaren, weshalb er keine Sekunde damit zögerte, seinen Teil zur Abwendung des Schlimmsten zu leisten: „Es kommt von Neun Uhr!"
Asuka war indes mit dem Stromkabel beschäftigt: „Schalte jetzt auf externe Energie um!" Sie stöpselte das Umbilikalkabel an der dafür vorgesehenen Stelle ein.
Augenblicklich endete das stetige piepen der Batterieanzeige.
„Umschaltung war erfolgreich!"
Nachdem das Problemchen mit der Energieversorgung sich in Wohlgefallen aufgelöst hatte, wendete sich EVA 02 mitsamt beiden Insassen dem nahenden Engel zu – In Shinjis Fall, mit einem ernsten, entschlossenen Ausdruck, in Asukas Fall jedoch mit einem hochmütigen, kampflustigen Grinsen, welches kurz und prägnant zum Ausdruck brachte, dass sie es wohl kaum erwarten konnte, endlich ein paar Löcher in den Feind zu ballern – Apropos ballern: „Wir haben überhaupt keine Waffen…!" erinnerte Shinji in einem Versuch, das Second Child auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.
Doch die deutsche Pilotin hatte mal wieder eine knappe, souveräne Antwort parat: „Ist das Prog-Messer etwa keine Waffe?"
Selbstsicher ließ sie das Messer aus der dafür vorgesehenen Vorrichtung an der Schulter des EVAs fahren und machte die Klinge bereit – und das auch keine Minute zu früh, denn wie als Antwort darauf hatte der auf sie zurasende Engel aus den Fluten erhoben, ihnen ein für seinesgleichen typisches, maskenartiges Gesicht auf Teilen eines massigen, gelben Körpers präsentierte.
Der Botschafter nahm sie ins Visier, wie ein Raubtier, dass sich seine Beute ausgesucht hatte.
„…Es ist unglaublich groß…" merkte Shinji beunruhigt an.
Doch so etwas wie Sorgen schien das Ass der europäischen Streitkräfte nicht zu kennen, stattdessen schien sie über die Dimensionen des Feindes höchsterfreut zu sein: „Genau so hab' ich mir das vorgestellt!"

„Was haben die jetzt vor?" fragte der Admiral, sich immer noch vorkommend wie in einem schlechten Actionfilm.
„Laut unserer Erfahrung ist der effektivste Weg einen Engel zu besiegen der Nahkampf." Erklärte Misato, scheinbar zuversichtlich.

Sich für den vormals erwähnten Nahkampf bereithaltend hielt EVA 02 das Prog-Messer vor sich hin – doch auch der Engel hatte sich bereit gemacht und schnellte empor wie eine Art fliegender Fisch, den ganzen, glitschigen, massigen, gelblichen Körper durch eine starke Bewegung seiner Flossen durch die Wasseroberfläche schießend, um dann durch die Luft weiter auf den Evangelion zuzuschnellen, der in direkten Vergleich mit dem Ungetüm wie ein insignifikanter kleiner Mensch wirkte, der dumm genug gewesen war, sich einem Wal entgegen zu stellen.
Mit Karacho landete das gewaltige, fischartige Wesen auf dem Deck, wo es bei seinem Aufprall zum Leidwesen von Kensuke und den Militärs noch ein paar weitere Kriegsflieger demolierte.
Doch der Engel hatte sich überschätzt: Außerhalb seines Elementes war seine gewaltige Form kaum noch in der Lage, sich so schnell zu bewegen wie bisher.
Schwerfällig und von seinem eigenen Gewicht beschränkt schaffte es das mehr auf die roten Fluten ausgelegte Wesen kaum, irgendwie zu zappeln, und jegliche Versuche, sich wieder ins Wasser zu bewegen wurden durch den festen Griff von EVA 02 verhindern, der den Kopf des Biestes voll in seinem Griff hatte.

„Gut gemacht, Asuka! Du hast es aufgehalten!" lobte Misato mit einem Enthusiasmus, der die Militärs noch immer nicht so recht anstechen wollte, zumal das Prog-Messer, dass Asuka hatte fallen lassen, um die glitschige Haut des Engels mit beiden Händen festhalten zu können, unterdes ein weiteres Flugzeug zerteilt hatte.
„Das soll wohl ein Scherz sein!" empörte sich der Admiral. „Das Flugdeck ist ein einziger Trümmerhaufen!"
Nun mochte diese Beschwerde sicherlich ihre Berechtigung haben, aber wenn man es pragmatisch betrachtete, war das Flugdeck eigentlich noch nicht genügend demoliert worden – wie viel einfacher hätte sich diese Angelegenheit doch erledigen lassen, wenn der Aufzug vom Hochfahren von weiter unten gelagerten Flugzeugen doch geklemmt und somit nicht nachgegeben hätte, als der Fuß von EVA 02 beim Ringen mit dem Engel darauf gerutscht war: Der EVA verlor die Balance und der Engel nutzte augenblicklich die Gelegenheit, um sich wieder in den toten Ozean zu stürzen, sowohl seinen langen Schweif als auch den roten Koloss mit sich in die Tiefe reißen.
Man hörte erstaunlicherweise Asuka, aber nicht Shinji durch das Interkom schreien.
Die Erschütterungen zerbrachen die Fenster der Kommandobrücke, aus denen sich Touji und Kensuke, letzterer obligatorischerweise von seiner Kamera begleitet, nun in Sorge um ihren gemeinsamen Freund herauslehnten, um ungläubig und schockiert das sich nur langsam wieder beruhigende Meer anzustarren, das die beiden Children verschlungen hatte.
„Sie sind ins Meer gestürzt!" fasste der Admiral die alles andere als rosig wirkende Situation knapp zusammen – auch Misato war alles andere als beruhigt, fing sich aber innerhalb von Sekundenbruchteilen und begann sofort, Befehle in das Mikrofon zu rufen: „Asuka, zieht euch sofort zurück! Ein Unterwasser-Kampf ist mit B-Ausrüstung ist völlig unmöglich!"
Doch Asuka sah das ganz anders – Trotz der Tatsache, dass gerade das Szenario eingetreten war, dass sie zu Beginn unbedingt vermeiden wollten, blieb das Second Child vollkommen ruhig, sich mit den Armen des Evangelions an allem festhaltend, was es dort unten zum festhalten gab – Der Körper des Engels.
Wie hieß noch mal das alte Sprichwort? Wenn man einem Tiger beim Schwanz gepackt hatte, soll man nicht loslassen – Und der Rotschopf glaubte von sich als Verteidigerin der Erde eine genügend hohe Autorität zu sein, um zu entscheiden, dass das auch für Fischmäuler galt.
Um nichts auf der Welt würde sie sich zurückziehen und ihre Beute entkommen lassen – Eine Elitepilotin wie sie brauchte keine spezielle Ausrüstung, um so ein läppisches Viech zu besiegen, und das würde sie dieser billigen Ausrede für einen Evapiloten den sie hinter sich sitzen hatte, auch zeigen – ihren eigenen Idealen und Maßstäben entsprechend erlaubte sie sich nicht, in ihrer Antwort etwas anderes zu zeigen als eine souveräne Lässigkeit, die Misato fast schon erschreckte, und sie daran zweifeln ließ, ob sie das junge Mädchen in der Zeit, die sie mit ihrer ausbildung betraut gewesen war, auch wirklich ausreichend auf diese Kämpfe vorbereitet oder in ihren Versuchen, sie zu motivieren, nicht einen gefährlichen Leichtsinn in ihr geweckt hatte: „Das wissen wir erst, wenn wir es ausprobiert haben!"

Indes rollte sich das Kabel, dass den EVA einer Lebenslinie gleich mit der Oberfläche verband, immer und immer weiter ab und bewegte sich im Laufe des erfolglosen Engel-Rodeos mal so, mal so über das Deck, zu Kensukes Leidwesen weitere Flugzeuge vernichtend.
Anscheinend konnte es sich diese Engel auch dann nicht entgehen lassen, wahllos Gebäude zu demolieren, wenn sie mitten auf höher See auftauchten – Die unglückseligen Immobilien, deren umrisse sich im trüben, roten Meerwasser kaum erkennen ließen, stammten aller Wahrscheinlichkeit von einer Stadt, die sich im Rahmen des Second Impact wohl zu Vineta, Atlantis & co auf den Meeresgrund gesellt hatte.
Dass die Children bei ihren verzweifelten Versuchen, sich am Engel festzuhalten, erheblich durchgeschüttelt wurden, bedurfte wohl kaum einer Erwähnung – und wie Shinji es befürchtet hatte, zeigte sich nun, da es es mit dem Kampf ernst wurde, dass die eben noch so wagemutige Asuka eben doch nur eine naive Anfängerin war – Mit zusammengekniffenen Augen saß sie da, ihre gesamte Kraft und Aufmerksamkeit schon allein dafür brauchend, um ihre Hände an den Kontrollen und die von EVA 02 am Körper des Engels zu halten – Das junge Mädchen schien an ihrem Limit angelangt zu sein, und so blieb an Shinji hängen, über jegliche weitere Pläne und Handlungsmöglichkeiten nachzudenken – nur, das er kein besonders guter Denker war – Er hatte mit einem seiner Arme nach vorne an die Kontrollen gegriffen, um dem Second Child die Antwort zu erleichtern, aber darüber hinaus wollte ihm nicht wirklich etwas einfallen – Er konnte seine eigene Panik ja nur gerade mal so hinter seine ernste, stoische Fassade pressen.
„Wir müssen irgendetwas unternehmen…." Meinte er eher zu sich selbst als zu Asuka.

Doch diese fiese, schnöde Welt ließ keinem von ihnen eine wirkliche Chance, sich einen Plan auszudenken – Jeder halbbegonnene Plan, den Shinji zusammenzukratzen begonnen haben hätte, verflüchtigte sich wieder zu diffusem Nebel, als Misatos Stimme sie über das Interkom unterbrach: „Das Kabel geht zu Ende! Macht euch auf einen Ruck gefasst!"
Kaum, dass sie zu Ende gesprochen hatte, kam dieser Ruck auch, erschütterte das Schiff, pflanzte sich über Meilen hinweg durch die Tiefen hindurch fort, und riss EVA 02 trotz Asukas größten Anstrengungen vom Körper des Engels los.
„Verdammt!" fluchte sie.
In der Kommandozentrale fassten sie diesen großen Rückschlag mit einem knappen Satz zusammen, der den zahllosen Implikationen nicht im Geringsten gerecht wurde: „Der EVA hat das Zielobjekt verloren!"
Kensuke hatte inzwischen ganz andere Sorgen: „Menno! Ausgerechnet jetzt muss die blöde Speicherkarte voll sein!" Doch selbst seine Kamera, von der er ein Bauteil notdürftig mit dem Mund festhielt, während er daran herumhantierte, konnte seine Aufmerksamkeit nicht lange bei sich behalten, als er das Geräusch von Motoren vernahm: „Heiliges Kanonenrohr! 'Ne waschechte Yak-98!"
Tatsächlich war auf einer der Rampen, von denen eine andere den Piloten zum Verhängnis geworden war, ein stylisches, blau lakiertes Flugzeug aufgetaucht – Dessen Insasse sich sogleich über die Funkanlage meldete: „Hi, Katsuragi!"
Sie wusste nicht, wieso in aller Welt sie mit einem breiten Lächeln und einem Ausruf seines Namens, dem in Punkto erwartungsvoller Erleichterung wohl nur noch Lois Lane beim Anblick von – ja genau, weder eines Vogels noch eines Flugzeugs, sondern von Superman Konkurrenz gemacht hätte, auf das Auftauchen ihren unreifen Macho-Exfreundes reagiert hatte, doch jegliche Freude hatte sich spätestens dann verflüchtigt, als er nach einem lässigen Kommentar, nachdem er noch etwas abzuliefern hätte, und, womit er endgültig die Linie übertrat, ein paar völlig unbekümmerten Abschiedsworten den Befehl zum Abflug gab und sich allen Ernstes so mir nix, dir nix verdünnisierte.
Als Kensuke sich nach erfolgreichem Austauschseiner Speicherkarte zum Fenster wendete, gab es nichts mehr zu filmen, zumindest, wenn man von Misatos und Toujis Gesichtsausdrücken absah, die verdächtige Ähnlichkeit mit begossenen Pudeln aufwiesen.
„Der Kerl ist… einfach abgehauen." Fasste letzterer das lächerliche Geschehnis zusammen, das sich soeben vor seinen Augen abgespielt hatte.

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In der Zwischenzeit war der Engel, nachdem er etwas umhergeschwommen war, um nach seinem wahren Ziel zu suchen, davon aber nicht mehr das geringste spüren konnte, wieder einmal dabei, auf den nun antriebslos umhertreibenden Evangelion zuzusteuern.
„Es kommt wieder!" warnte Shinji, doch bevor er irgendetwas tun oder vorschlagen konnte, hatte sich Asuka bereits ärgerlich und frustriert von ihrer hilflosen Lage die Kontrollhebel geschnappt: „Dieses Mal erledige ich das Ding!" kündigte sie an, ohne das es Shinji nach allem, was er gesehen hatte, wirklich überzeugte.
Sie zog an den Hebeln – aber nichts geschah.
EVA 02 trieb weiterhin wie ein Stück Treibholz im Meer, ohne sich im geringsten zu bewegen – Hochmut kam ja bekanntlich vor dem Fall, und fallen, das tat Shikinami Asuka jetzt, im Sinne von in Panik verfallen: „W-WAS? E-Es funktioniert nicht?"
„Das muss wohl an der B-Ausrüstung liegen…" meinte Shinji resigniert.
„Was sollen wir tun?"
Er konnte nicht glauben, dass sie ihn das jetzt allen Ernstes fragte – Eben hatte sie noch damit angegeben, dass sie doch ausgebildet war, und so weiter – Doch er war zu deprimiert darüber, dass er wohl bald als Fischfutter enden würde, um sich ernsthaft aufzuregen.
„Woher soll ich das wissen?"
„Keine Ahnung! Du bist doch hier das ach so tolle, berühmte Third Child!"
„Es kommt!" warnte Shinji, nicht weiter auf ihre kindischen Motzerreien eingehend.

Asuka schaffte es gerade mal so, den Kopf des EVAs, anzuheben, bevor der Engel sein langes, riesiges Maul aufriss, um sie zu verschlingen.
„Z-Zähne!" jammerte Asuka panisch zurückweichend, nicht ohne ein paar Tröpfchen spontanen Angstschweiß im Plug zu verteilen.
Shinji hingegen blieb völlig ruhig und gefasst, wenn auch nicht gerade hoffnungsvoll.
„…Es ist wirklich ein Engel…" merkte er beim Anblick des Energiekerns an, den das Monstrum beim Öffnen seines Schlundes entblößt hatte.
Eine weitere Erschütterung schüttelte das schreiende Mädchen und ihren Gefährten, der alles mit stoischer Ruhe über sich ergehen ließ, als der Engel seine zahllosen, gekrümmten Zähne zwischen die Panzerplatten des Evangelions hindurch in dessen Fleisch trieb.
Shinji konnte sich vorstellen, das Asuka nicht bloß aus Angst schrie – von den Beißern des Engels aufgespießt zu werden, war ein seltsames Gefühl – Es waren schon schmerzen da, aber zugleich waren sie doch nicht da – der entsprechende Teil seines Bauches fühlte sich an wie ein eingeschlafenes Bein, in das das Gefühl bei erneuter Bewegung auf unangenehme Weise zurückkehrte – Es war kein richtiger, beißender Schmerz, wie er ihn wohl in Einheit Eins verspürt hätte – Natürlich. Das hier war ja Asukas EVA, in den er noch nie vorher gestiegen war – er hatte auch bei EVA 01 eine Zeit gebraucht, bevor er damit umgehen konnte.
Trotzdem hatte er keine Zeit, sich auf die designierte Pilotin dieses EVAs zu verlassen.
Ihrem Militärrang und all dem Geprotze zum Trotz war „Captain Shikinami" eben doch nur eine blutige Anfängerin – Shinji sah sich in der Pflicht dazu, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

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Unterdessen hatte man auf der Brücke der Over The Rainbow mit einem Blick auf die Messgeräte so in etwa erfahren, was sich unter der Oberfläche abgespielt hatte: „Der EVA ist in das Zielobjekt eingedrungen!"
„Eingedrungen?" wiederholte Touji die Neuigkeiten ungläubig. „Soll das heißen, der Engel hat den EVA verschluckt? Oh man, so in etwa kommt sich dann wohl beim Angeln der Wurm am Haken vor…"
„Beim Angeln? JA GENAU, beim Angeln! Suzuhara-kun, du bist ein Genie!" rief Misato mit einem gewissen Glitzern in den Augen, das denen, die sie kannten anzeigte, das in ihrem Kopf wieder einmal eine ihrer genialen, waghalsigen Ideen herangereift sein musste.
Augenblicklich drehte sie sich zu den Militärs, ihr Gesicht mit einem ernsten, entschlossenen Gesichtsausdruck bedeckend, der keinen Zweifel daran übrig ließ, dass sie in den „Professionellen Modus" umgeschaltet hatte.
„Admiral?"
„Ja?"
„Ich bin auf ihre Mitarbeit angewiesen."

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Nicht wissend, dass etliche hundert Meter über ihm vielleicht schon der Plan geschmiedet war, der ihn aus seiner misslichen Lage befreien könnte, kämpfte Shinji mit allem, was er hatte gegen sein nahendes Verderben.
Ein Ruck nach dem anderen erschütterte den Entryplug und forderte seine Fähigkeit, den Beben standzuhalten, jedes Mal aus neue heraus – Er schaffte es, seine Position halbwegs stabil zu halten, indem er sich mit aller Kraft an den Steuerhebeln festkrallte, und sein Körpergewicht gegen diese stemmte – trotzdem hatte er das Gefühl, das der EVA, der im Moment lächerlich zappelnd nur mit den Beinen aus dem Maul des Engels heraushing, in jedem Augenblick um ihn herum auseinanderbrechen könnte.
Unter größten Anstrengungen versuchte er, die gewaltigen Kiefer des Seeungeheuers auseinanderzudrücken, doch diese rührten sich keinen Milimeter, fast so, als drücke er gegen einen unbeweglichen Befestigungswall: Egal, wie viel Mühe er sich auch machte, es geschah absolut gar nichts, außer dass sich eine Schicht aus Schweißperlchen zwischen seiner Haut und seinem Plugsuit aufzubauen begann.
Er wusste nur zu gut, dass so ein EVA über gewaltige Kraft verfügte – Doch an diese Stärke kam er nicht heran. Egal, wie sehr er sich zu öffnen versuchte, es ging nur bis zu einem bestimmten Limit, das selbst mit Konzentration und Bestreben nicht weit zu verschieben war – Aus den undurchsichtigen, kühlen Tiefen von EVA 02 kam auch nicht wirklich etwas zurück – Sein Synchronwert war wahrscheinlich viel zu niedrig, um den alles andere als schwächlichen Engel übertreffen zu können – Es ging einfach nicht weiter.
Doch Shinji konnte es sich nicht leisten aufzuhören – er machte nicht weiter, weil er glaubte, dass er es schaffen konnte, sondern weil er es schaffen musste.
Auf die designierte Pilotin dieses EVAs, die ihn vielleicht hätte von der Stelle bewegen können, war kein Verlass, und Hilfe würde keine kommen.
„Wir stecken übel in der Klemme…" stellte er fest, seine zusammengebissenen Zähne voneinander trennend –Das Second Child, das ihn bis jetzt demonstrativ ignoriert hatte, fasste wohl irgendeinen Teil dieses Satzes als Beleidigung auf und giftete ihm entgegen, er solle doch die Klappe halten – als sie ihm jedoch wieder etwas mehr Aufmerksamkeit zukommen ließ als einer besseren Kartoffel war sie nicht mehr in der Lage, zu übersehen, dass Shinji es „gewagt" hatte, ihre Kontrollen anzufassen, wobei es sich, wie sie durchaus peinlich berührt und nicht darüber stehend, mit einem leichten Rosaschimmer im Gesicht zu reagieren feststellen musste, nicht vermeiden, dass er auf jeden Fall einmal mit ihren Schenkeln und Gelegentlich auch mit ihren Brüsten in Verbindung kam – nicht, dass er auf etwas anderes konzentriert hätte, als die Rettung ihrer beider Leben, doch seit wann interessierte so etwas die „glorreiche Captain Shikinami"?
Für sie war die ganze Sache von Anfang an klar: „Geh sofort von mir runter, du Perversling!" Sie unternahm einen Versuch, ihn schlichtweg brüsk zur Seite schiebend, womit sie ihm seine Arbeit nicht gerade einfacher machte. Ein Auge zukneifend, um dessen Vernichtung durch ihre Finger abzuwenden, protestierte er: „Aber wir müssen uns befreien!"
Er hatte nicht wirklich geglaubt, dass vernünftig auf diese kindsköpfige Angeberin einzureden auch nur den geringsten Erfolg haben würde, und er hätte wohl auch Recht behalten, jedoch brachte just in diesem Moment etwas ganz anderes die Rangelei im Entryplug kurzzeitig zum Stillstand: Es war der Klang von Misatos Stimme, die über das Interkom den Plug erfüllte, und Shinji vorkam wie der erste Sonnenstrahl, der durch einen Sturm brach: „Asuka, hörst du mich? Ihr dürft das Zielobjekt auf keinen Fall verlieren!"

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Der Plan lautete wie folgt: Zwei evakuierte Kriegschiffe sollten entlang des Kabels, dass um den Engel am Ausweichen zu hindern eingeholt werden sollte wie eine Angelschnur, im Meer versenkt werden und ihre gesamte Munition inklusive des Selbstzerstörungsmechanismus' im Maul des Engels entladen, und diesen schließlich auseinanderreißen – Die Rolle von EVA 02 bestand darin, sicherzustellen, dass die Kriegsschiffe ihren Bestimmungsort erreichten – Einerseits dadurch, dass er das AT-Feld des Engels neutralisieren sollte, andererseits aber auch – und das war der knifflige Part – indem er das Maul des Engels eigenhändig öffnen sollte.
„Das ist Wahnsinn!" erwiderte der Admiral, nachdem er sich die Erklärung bis zum Ende hin angehört hatte. Doch Misato hatte ihre Entscheidung bereits getroffen: „Das kann sein, aber es ist nicht unmöglich."
„Ich… verstehe. Aber was wird aus dem Evangelion?"
„Machen Sie sich da mal keine Sorgen. Die Beiden werden schon damit klar kommen."

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Ach, Misato. Optimistisch wie immer.
Es war sicherlich berechtigt, zu fragen, ob sie ebenso zuversichtlich gewesen wäre, wenn auch nur den leisesten Hauch einer Ahnung von dem gehabt hätte, was sich zurzeit im Inneren des Entryplugs abspielte.
Nachdem die altbewährte Methode des Schubsens keinen Erfolgt gehabt hatte, zog Asuka noch die guten alten Praktiken des „Hauens" und „Haareziehens" aus ihrem Repertoire der Kindergarten-Bosheiten hervor, um das Third Child damit zu plagen:
„Niemand steuert EVA 02 ohne meine Erlaubnis!"
Da sich hier außer ihm keiner mehr daran zu erinnern schien, dass dies hier ein Kampf um das Schicksal der Welt war, ließ Shinji die Qualen stoisch über sich ergehen und versuchte nach Kräften, auf Misatos Frage, ob sie den Plan verstanden hatte, damit zu beantworten, dass er sein Bestes geben würde – Oder, wie er in Gedanken hinzufügte, das Beste, dass möglich war, wenn seine Konzentrationsfähigkeit von Asukas Foltermethoden eingeschränkt wurde.
Er würde sich jedoch damit arrangieren müssen – Immerhin zählte Misato auf ihn.
Viel Zeit blieb ihn dafür jedoch nicht, denn kaum, nachdem Misato zuende gesprochen hatte, ging eine erneute, wesentlich stärkere Erschütterung durch den Plug – Man hatte begonnen, das Kabel einzuholen, woraus sich folgern ließ, dass die Kriegsschiffe bereits unterwegs waren, und in exakt dieser Sekunde während sie sich hier zankten auf das immer noch geschlossene Maul des Botschafters zurasten.
Shinji gab alles, was er hatte, doch seine Anstrengungen schienen ins Leere zu laufen – er schaffte es, die Kiefer an ihren vorderen Teilen etwas auseinanderzudrücken, sodass man die langen, scharfen Zähne deutlich sehen konnte, ohne durch das Fleisch des Mauls blicken zu müssen, doch es war bei weiten nicht genug, als das man es als Erfolg bezeichnen könnte – die Zahnreihen waren noch nicht einmal ganz voneinander gedreht, die Schiffe nahten, und die Kiefer rührten sich keinen Milimeter – und oh ja, Asuka war immer noch am Meckern, auch wenn sie tätlichen Übergriffe größtenteils mangels Effektivität eingestellt hatte: „Weg da hab ich gesagt! Geh sofort von meinen Schenkeln runter!"
„Hast du keine anderen Sorgen?" gab Shinji mit einer hörbaren Prise Ärger zurück. „Wenn das Ding nicht bald das Maul aufmacht, sind wir Fischfutter!"
Alle Kraft, die er noch übrig hatte, und alle Willenskraft, die er aus den kleinsten Ecken und Ritzen seiner selbst herauskratzen konnte zusammennehmend unternahm Shinji im Schein des hell glühenden Energiekernes eine letzte Anstrengung, das Maul der Bestie zu öffnen, doch die Muskeln, die allein dazu nötig waren, solch einen gewaltigen Mund überhaupt zu öffnen oder zu schließen, wären wohl selbst dann kaum zu bezwingen gewesen, wenn Shinji in seinem eigenen EVA gewesen wäre, von einem Fremden ganz zu schweigen.
Die fast schon höllischen Strapazen, denen er sich selbst unterworfen hatte, kamen einfach nicht an den Händen des Evangelions an, und das, was ankam, war bei weiten nicht genug, um eine Wirkung zu zeigen.
Das Third Child war mir seinem Latein endgültig am Ende.
„Es bringt nichts!" rief er, sich hilfesuchend nach Asuka umdrehend.
Doch die hatte erst recht keine Lösung für das Problem anzubieten: „Wir haben keine Zeit!"
Das hätte sich Shinji eigentlich denken können – doch er dachte auch noch an etwas ganz anderes: Dieses Mädchen dort war die designierte Pilotin dieses Evangelions.
Sie hatte ja selbst damit angegeben, ewig damit trainiert zu haben – Shinji konnte diese eigebildete Tussi weiß Gott nicht leiden, aber eins hatte er in diesem Moment begriffen: Wenn er das hier durchstehen und die Menschheit retten wollte, dann brauchte er Asuka – Er hatte die Kampferfahrung und die Nerven, um das hier durchzuziehen, aber sie hatte den höheren Synchronwert mit diesem EVA, und natürlich auch ihre Ausbildung – Wenn es noch irgendeine Chance darauf gab, das Maul dieses Monstrums rechtzeitig aufzukriegen, dann nur, wenn sie gemeinsam kämpften, wenn sie ihre Abneigung gegenüber der grundverschiedenen Persönlichkeit des jeweils anderen für ein paar Momente zum Wohle der Menschheit beiseitelegten, um einen Gleichklang zu erzeugen.
Er hatte das schon oft genug erlebt, dass eine schier unglaublich schwere Bürde oder eine unmöglich scheinende Aufgabe sich doch noch irgendwie hatte bewältigen lassen, wenn man nicht allein war, wenn man es schaffte, sich mit anderen zu verbinden.
Shinji hielt sich selbst nicht für besonders toll, aber wenn diese Captain Shikinami zumindest gelegentlich so toll war, wie sie es von sich behauptete, dann ließ sich das ausgleichen.
Und oh, diese Asuka hatte den Kopf in den Wolken, aber dafür war ja das" legendäre Third Child" da.
Wenn sie sich ergänzten, wenn sie eins werden konnten, um den Feind zu bezwingen… dann gab es für diese Welt vielleicht doch noch Hoffnung.
Shinji zögerte nicht.
Er drehte sich auf der Stelle mit einem höchst entschlossenen Gesichtsausdruck zu den Kontrollen, und versuchte, sich an eine Funktion zu erinnern, von der er im Training einmal gehört hatte – Gehorsam und ängstlich wie er damals gewesen war, hatte er versucht, sie sich einzuprägen, obgleich er nicht geglaubt hätte, dass er sie irgendwann einmal brauchen würde.
Dennoch konnte er von Glück sagen, dass er sich bei allem, was man in dieser ohnehin schon sehr turbulenten Zeit in seinen Kopf zu quetschen versucht hatte, gerade an dieses Detail erinnert hatte – aber wie hatte Kaji das gesagt?
Glück zu haben war Teil seines Schicksals.
Ein weiterer glücklicher Umstand war auch, das der Mechanismus bei EVA 02 genau der Gleiche war, auch, wenn die Steuerhebel um einige Tasten erweitert worden waren – Er zog das ganze Gerät aus seinem angestammten Platz, und klappte den oberen Teil aus, sodass dieser nun Platz für zwei Hände bot – und entgegen dem, was er erwartet hatte, spürte er ohne irgendwelche Überredungskünste anwenden zu müssen direkt nach dem Aufklappen warme Finger auf den seinen, die diese genauso umfassten wie das Metall darunter.
Durch die gleiche Farbe ihrer Plugsuits ließ die Konturen der einzelnen Hände verschwimmen, fast so, als seien die beiden Children tatsächlich miteinander verschmolzen, vereint in ihren verwobenen Formen und vereint in ihrem gemeinsamen Willen, diese Kiefer zu öffnen.
„Okay, komm jetzt nicht auf irgendwelche schrägen Gedanken!" warnte sie noch einmal.
„Auf welche zum Beispiel?" entgegnete er säuerlich, ernst und entschlossen nach vorne blickend.
„Ach, was, konzentrier dich einfach!"
„Das brauchst du mir nicht zu sagen!"
Hand in Hand zogen sie beide an dem Hebel, der ihnen immer noch großen Widerstand entgegen brachte, sich aber nun endlich von der Stelle bewegen ließ.
Nicht nur Shinji, sondern auch Asuka stand die Anstrengung ins Gesicht geschrieben, und doch kam sich zumindest Shinji wesentlich leichter vor als zuvor, als sei er bis jetzt gekrochen und jetzt ernst aufgestanden.
Es war immer noch weit weg von dem, was er bisweilen mit Einheit Eins erreichte, aber er merkte deutlich, dass ein kontinuierlicher Fluss von Informationen in den Evangelion zu fließen schien – und nicht nur von ihm.
Das Band seiner Gedanken war nun weit genug, um Asukas zu streichen, ein mächtiger, haltloser Schwall, der alles hier auszufüllen schien, viel stärker und gleichmäßiger, als alles das er bis jetzt zustande gebracht hatte – selbst mit Einheit Eins nicht.
Es schien doch etwas dran gewesen zu sein an ihrer jahrelangen Ausbildung, er konnte nicht mal abschätzen, wie weit ihr Synchronwert seinen übersteigen musste.
Selbst der reißende Strom ihrer Gedanken und Gefühle hüllte sich in ein sattes Rosenrot, und war doch gleichzeitig ganz anders, als er ihn erwartet hatte – nicht wirklich angenehm warm, aber auch nicht abstoßend, sonders süß und fruchtig wie frische Erdbeeren, vermengt mit kleinen, winzigen Funken von irgendetwas, dass seiner eigenen Essenz nicht unähnlich war.
Beide Ströme kamen sich näher und verflochten sich zu einer Doppelhelix, während sich ihre Verstände auch inhaltlich immer mehr annäherten, und ihr vereinigter Wille in dieselbe Richtung drängte, und sogar ihre Herzen im Gleichklang schlugen, als ihre Gedanken im Chor in den EVA hinein hallten:
„AUFMACHEN, AUFMACHEN, AUFMACHEN, AUFMACHEN!"
Was jetzt geschah, hätte man auf verschiedene Arten beschreiben können – Man könnte sagen, die zwei Strahlen hätten sich vereint, technisch ausgedrückt war es zu einer Resonanz ihrer Ego-Grenzen gekommen, mit dem Ergebnis, dass sich ihre verschiedenen Snchronwerte aufaddiert hatten, als seien sie eine völlige Einheit, wenn man poetisch veranlagt war, hätte man sogar sagen können, dass ihre Seelen sich berührt hatten.
So oder so, im Endeffekt war hauptsächlich eins geschehen: Das Schicksal des Engels war soeben besiegelt worden.
Gottgleich und mühelos richtete sich der Kopf des Evangelions auf wie die Waffe eines Henkers, und die Kopfpanzerung klappte auf, die vier Augen darunter entblößten, die hell strahlten wie die Sterne im Kreuz des Südens, während die Arme des roten Titanen die Kiefer des Botschafters scheinbar mühelos trennten, nur Sekunden, bevor die Kriegsschiffe links und rechts an dem Evangelion vorbeirasten und die scharfen, einst ehrfurchtgebietenden Zähne der Bestie zerbrachen wie billige Zahnstocher.
Was folgte, war Misatos Feuerbefehl und eine Flut aus Spengstoff und Raketen, die den Leib des Engels um ein vielfaches aufblähten, bis dieser einfach nicht mehr standhielt und zerplatzte wie ein Luftballon – gefolgt von einer gewaltigen Explosion, welche auch die letzten Fetzten des Engels der Fische restlos ausradierten.

An der Oberfläche manifestierte sich das Spektakel in Form einer Wassersäule, die explosionsartig in luftige Höhen schoss, im Vergleich zu der kreuzförmigen Lichterscheinung in ihrer Mitte, die noch weit in die Stratosphäre hineinleuchtete, jedoch lächerlich winzig und unbedeutend wirkte, egal, wie insektengleich die die Menschen mit ihren Schiffen auch dastehen ließ.
Das Wasser senkte sich wieder und peitschte die menschlichen Schöpfungen mit Wellen, einen Teil des Wassers als einen tiefroten Regen auf sie herabprasseln ließ, in dessen Tropfen sich das Meerwasser und die verflüssigten Überreste des Engels nicht unterscheiden ließen.
In den durch die Atmosphäre fallenden Wassern brach sich die kräftigte Mittagssonne, welche des ganze Spektakel auch noch mit einem doppelten Regenbogen krönte.
Und irgendwo in diesem Tumult aus Licht und Wasser war EVA 02 auf der Tiefe geschleudert worden, der dort tatsächlich noch in einer eleganten Position zum landen kam – Nur, um Sekunden später in sich zusammenzusacken, weil die Explosion das Stromkabel restlos zerfetzt hatte.

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Das nächste, woran Shinji sich erinnerte, war ein unangenehmes Gefühl, das sich durch seinen Körper zog, nicht wie ein Schmerz, sondern eher wie dessen Nachhallen, fast, als sei er verbrannt, oder gar verstrahlt worden, geschädigt auf eine Art, die selbst dann noch zersetzende Wirkung hatte, nachdem die tatsächliche Handlung des Schädigens selbst schon längst vorbei war – diese Empfindung verflüchtigte sich jedoch ein paar Sekundenbruchteile, nachdem er seine Augen geöffnet und seinen Kopf angehoben hatte – Was war geschehen?
Ach ja, er hatte den Engel besiegt… und war mit dem Inhalt von Asukas Kopf in Kontakt gekommen. Shinji schüttelte sich. Danach würde sich wohl jeder übel fühlen.
Doch das richtig üble kam erst auf ihn zu den Asuka selbst, lag immer noch bewusstlos im Plug, und das in einer verdrehten Position, die ihm wohl einen weiteren Roundhousekick der Marke Shikinami einhandeln würde, sobald die gute aufwachte – Er hatte nach seinem ersten Kampf fast einen ganzen Tag flach gelegen, aber er war nicht an den Umgang mit Evangelions gewöhnt gewesen, und dieser… dieser Berserk ließ sich in punkto Heftigkeit kaum mit dem vergleichen, was gerade eben passiert war – Ein Tag? Nein, eher eine Minute oder so, bestenfalls. Danach würde es Schläge setzten – Denn sie lag praktisch genau auf ihm, sein Gesicht halb mit ihren langen, roten Haaren bedeckend.
Er konnte ihre Brüste deutlich fühlen, zusammen mit dem Plastik der „Tittenschützer" seines eigenen Plugsuits die, weil er sie nicht wirklich ausfüllte, unter Asukas Gewicht etwas nachgaben – Nicht, dass sie besonders schwer gewesen wäre, sie hatte wirklich Modelmaße, und auch, wenn er sich nie an ihre scheußliche Persönlichkeit gewöhnen können würde, wenn sie bewusstlos war, dann sah sie einfach nur aus wie ein süßes, niedliches Mädchen, sie hatte fast schon etwas zierliches, schützenswertes an sich, mit diesem hellen, europäischen Hautton – Sie war jedoch nicht irgendwie blass, sondern sah schon noch rosig und vor leben strotzend aus, die Haut war perfekt gepflegt, und selbst ihren Haaren (Shinji musste zugeben, dass er die richtig toll fand, wie sie immer hinter ihr her schwammen, und dann diese exotische, strahlende Farbe, kaum zu glauben, dass sie echt war) merkte man trotz stundenlangen Kontakt mit nach Blut stinkendem LCL noch den dezenten Erdbeerduft ihres Schampoos an, ohne Zweifel eine richtig teure Marke voller toller geheimzutaten aus deutschen Chemiebetrieben.
Eigentlich, so dachte, sich Shinji, war diese Situation ja ganz angenehm – eine Meinung, der er schnell wiederrief, als Captain Shikinami sich zu regen begann, aufschaute und ihn fordernd mit ihren eisblauen Augen ansah.
„Uh… Alles in O-Ordnung, Shikinami…-san…?" stammelte er nervös.
Selbstverständig kassierte er eine Ohrfeige, und dann auch noch genau auf die Wange, die sich geradeerst von ihrem letzten Anschlag erholt hatte.
Das Second Child begann sogleich, ihn einen Lustmolch und einen Idioten zu nennen, ihn zu fragen, ob er denn komplett bescheuert sei und ob er bei dem Kampf denn nicht noch ein bisschen weniger nützlich hätte sein können.
Dann öffnete sie die Luke des Plugs und stieg nach draußen, wo Shinji bereits Misatos Stimme zu hören glaubte.
Ja.
Bei Fräulein Shikinami war definitiv alles in Ordnung.
Shinji stieß ein erleichtertes Seufzen aus, bevor er dem Rotschopf folgte – auch, weil er da draußen Misato nach ihm rufen hörte.
„Hey, Shinji-kun, ausruhen kannst du dich auch hier draußen! Los, wo bleibt du?"
„Was weiß ich, warum unser Papasöhnchen so ein Lahmarsch ist. Die Frage ist nicht, wo er bleibt, sondern wieso man so einem Idioten einen EVA anvertraut! Ich weiß, es ist nur das Testmodell, aber trotzdem! Maaaan, dieses berühmte Third Child war ja eine ganz schöne Enttäuschung!"
„Ich glaube, dass du ihn da zu schnell in eine Schublade steckst. Warte doch mal ab, bis du ihn richtig kennenlernst!"
„Machst du Witze?"

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Wenig später waren unsere Protagonisten im Hafen Neo Yokosuka angekommen, wo sie unter anderem von Ritsuko und einer Sicherheitsmannschaft empfangen wurden – Misato hatte sich bei der ernsten Gelegenheit neben dieser in den Sitz des Fahrzeugs sinken lassen, dass sie ins Hauptquartier transportieren sollte.
Es konnte ihr wohl keiner verübeln, dass sie nach der mehr als ereignisreichen Reise erst einmal völlig erledigt war, vor allem wenn man die demolierten Schiffe vor Augen hatte, die für allerlei Gründe zum erschöpft sein bürgten.
„Da hast du es mal wieder geschafft…" kommentierte die wissenschaftliche Leiterin von Projekt E auf ihre übliche, pessimistisch angehauchte Art und Weise.
Misato war jedoch wesentlich zu geplättet um darauf schlagfertig zu kontern.
„Es war meine Schuld, ich hätte besser auf einen Unterwasserkampf vorbereitet sein…"
„Ach was, du gestehst einen Fehler ein?" hakte Ritsuko auf freundschaftlich-neckische Weise nach.
„Sag das nicht. Immerhin konnten wir wertvolle Daten sammeln, zum Beispiel über das steuern eines EVAs mit zwei Piloten… "
„Das stimmt wohl…" bestätigte die Blondine, den Stapel Papier überfliegend, den ihr ihre müde Kollegin vormals in die Hand gedrückt hatte, bis sie irgendwas darin überrasch innehalten ließ. „Du, Misato?"
„Yah…?"
„Diese Aufzeichnungen sind wirklich wertvoll. Ich glaube, dass die beiden zusammen den Rekord für den höchsten Synchronwert gebrochen haben!"
„Aber nur für 7 Sekunden. Muss wohl das Adrenalin gewesen sein…"

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Während die beiden Frauen dazu übergingen, die Testergebnisse zu besprechen, war man anderenorts mit der Routineuntersuchung der Piloten fertig – Shinji hatte keinen Kratzer, Asuka hatte sich dort, wo der Engel in EVA 02s Fleisch hineingebissen hatte, ein paar leichte Hautirritationen zugezogen, die dank einer angeblich hochmodernen Salbe allerdings schon morgen oder aller spätestens übermorgen Geschichte sein würde, kurzum, man ließ sie ohne weiteres wieder gehen, wobei sie den notdürftig aufgebauten Stützpunkt durch eine kleine Rolltreppe verlassen sollten, an deren Fuß Touji und Kensuke bereits auf sie warteten, wobei letzterer die Gelegenheit nutzte, um die Verladung von EVA 02 zu filmen – Auch er würde am heutigem Tage ein paar „wertvolle Aufzeichnungen" mit Nachhause nehmen.
Zuerst fuhr eine sich suchend umblickende Asuka herab, die von Kensuke, der anderweitig beschäftigt war und eigentlich ein friedfertiges Kerlchen war, komplett ignoriert wurde, und auch von Touji nur einen leicht verächtlichen Blick kassierte.
Ganz anders viel jedoch die Reaktion auf Shinji aus, auf den Touji direkt mit weit aufgerissenen Augenzeigte und geschockt „P-PARTNERLOOK!" ausrief – und zu allem Übel drehte sich auch ein breit grinsender Kensuke zu ihm um, der obligatorischer Weise auf Schritt und Tritt von seinem elektronischen Helferlein begleitet wurde.
Zu dem Zeitpunkt, als er das untere Ende der Rolltreppe erreicht hatte, war die Farbe seines Gesichts von der des prekär sitzenden Kleidungsstücks nicht mehr zu unterscheiden.
Er begann sich enthaft zu fragen, ob es peinlicher war, dieses Ding anzubehalten bis man ihm seine Klamotten gebracht hatte, oder es einfach auszuziehen und stattdessen im Adamskostüm herumzurennen.
Am Ende entschied er sich für den Weg, der die wenigsten Handlungen erforderte und behielt es an, bis eine Dame vom Sicherheitsdienst auftauchte und sie alle anwies, in den nahe stehenden Wagen einzusteigen – erst auf dem zweiten Blick erkannte Shinji, dass er dieser Frau, die sie jetzt zurück nach Neo Tokyo-3 fahren sollte, schon einmal begegnet war – Es war die Frau, die ihm damals das Leben gerettet hatte, als er… als er weggelaufen war.
Er vermied es tunlichst, daran zu denken.
Eigentlich hatte sie jetzt ihre Arbeit zu tun und wollte das ganze sicher schnell hinter sich bringen, aber es kam nicht in die Tüte, dass er sie wiedersah, und die Chance nicht nutzte, um ihr zu danken.
Weil es ihm peinlich wäre, die ganze Geschichte vor seinen Freunden zu erwähnen (Es machte ihm irgendwie Angst, was sie dann über ihn denken könnten ), wartete er, bis diese vorrausgegangen war und wendete sich der Dame erst dann zu, als diese sich selbst in Richtung Automobil aufmachen wollte – sie anzusprechen brachte er jedoch erst fertig, als er für eine so lange Zeit dagestanden und sie angesehen hatte, das sie fragte, ob etwas sei.
„Uhm… Nun, Ma'am…." Er spielte erst nervös an seinen eigenen Fingern herum und traute sich kaum, sie anzusehen, sah ihr dann aber direkt in die Augen und sagte knapp „Danke!"
„…Für was?" fragte die Frau in Schwarz kurz.
Die Kleidung und die Sonnenbrille gaben ihr etwas Unnahbares, was vermutlich auch der Sinn der Sache war.
„Für das… neulich… am… am Fluss. Danke."
„Es gibt nichts zu danken." Entgegnete sie sachlich. „Ich habe lediglich meine Arbeit getan."
Shinji fand, dass sich das fast schon wie das anhörte, dass Ayanami ihm vor kurzem gesagt hatte. „Ich…ich wollte es aber… trotzdem tun. Also… ich bin Ikari Shinji."
„Das ist mir durchaus bekannt."
„Und Sie? Sie… sie müssen es mir nicht sagen, wenn Sie, wenn Sie es nicht dürfen, aber ich dachte, dass ich das wissen sollte, nachdem Sie mich…." Nachdem er keine Worte mehr herausbekam, bemühte er sich zu einem verlegenen Lächeln.
„Asahika Najiko."
„Uhm…?"
„Das ist mein Name. Nach dem hast du doch gefragt, oder?"
„J-Ja. Also, danke nochmal, A-Asahina-san."
Und weg war er, seinen Freunden hinterherlaufend.
Auch Asahinas Blick folgte den beiden Jungen.
Ihr sonst kühler, professioneller Ausdruck schien zwischen den Augen einen Augenblick lang von einer bitteren, sardonischen Note erfüllt, die sich auch auf das verdrehte lächeln auf ihren Lippen erstreckte.
„Ikari Shinji…" wiederholte sie, nur für sich hörbar, als könnte sie nicht entscheiden, ob sie den Namen absolut lächerlich fand, etwas unsagbar trauriges dabei fand, oder Wut in sich aufsteigen fühlte.
Doch es hielt nur für einen kurzen Moment, bis sich die Wogen ihres Antlitzes wieder glätteten, und sie den Jungen folgte, um ihren Job zu machen.

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Asuka war indessen schon vor den Jungs am Auto angekommen, weil sie direkt als erste zu diesem losgestürmt war. „Hey!" sprach sie die beiden Frauen aufgeregt an. „Habt ihr Kaji-san hier irgendwo gesehen?"
Misato, in deren Nähe man diesen Namen wohl besser nicht erwähnen sollte, wirkte sogleich um eine gute Oktave schlechter gelaunt. „Den wirst du nicht finden, der ist schon vor 'ner ganzen Weile abgehauen! Ich wette, dass er bestimmt schon wieder im Hauptquartier ist, dieser BASTARD!"

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Auch, wenn man über die Angemessenheit von Misatos Schimpfworten hätte streiten können, so lag sie zumindest mit ihrer Vermutung über den Aufenthaltsort ihres Ex-Freundes richtig:
Der langhaarige NERV-Angestellte befand sich in der Tat im Hauptquartier, genauer gesagt, im Büro des Commanders.
Der Raum war nichts als eine schier unendlich wirkende Fläche, die dem Auge außer dem Schreibtisch und den drei Männern, die sich im Raum befanden (Kaji, der Besitzer des Büros, und dessen Stellvertreter) nichts bot, an dem es sich hätte festhalten können. Sowohl über- und ein paar gute Meter über ihnen erstreckten sich glatte, glänzende Platten, die wenig mit den Baustoffen gemein hatten, aus denen Decken und Böden normalerweise bestanden – man hätte den Raum getrost auf den Kopf stellen und erwarten können, dass niemand es bemerken würde.
Der einzige Indikator, an dem man ein Vertauschen von Decke und Boden vielleicht hätte festmachen können, waren die nach irgendeiner nicht auf dem ersten Blick erkennbaren Symbole, die sich über die ganze Weite beider Flächen erstreckten.
Die Fenster, welche die von vier Wänden des Raumes komplett ausfüllten, und das helle, aber diffuse Licht aus den Beleuchtungsanlagen der Geofront hineinließen.
Trotz der Intensität des Lichtes vermied dessen kalte Farbe, dass es dieselben positiven Assoziationen auslöste, wie echtes Tageslicht.
Die Lampen, die dieses extrem weiße Licht erzeugten, waren zwar energiesparender und zuverlässiger, vermochten es jedoch nicht wirklich, der Geofront oder den Gebäuden, die sie enthielt, den Höhlencharakter zu nehmen.
Die drei Männer unterschiedlichen Alters warfen in diesem fahlen Schein lange Schatten, Fuyutsuki direkt von dem Fenster aus, vor dem er stand, Ikari und Kaji von dem Schreibtisch des ersteren aus, an dem sie sich gegenüberstanden, wobei der jüngere Mann in beiden Händen jeweils einen dicken, schwarzen Hartschalenkoffer trug, wobei der, den er rechts trug, ein Stückchen größer war.
„Das war wirklich keine leichte Aufgabe!" berichtete er lässig dem Commander, der ausnahmsweise einmal vor seinem Stuhl stand, statt auf im zu sitzen, und sich den Bericht mit undurchschaubarer Miene anhörte.
„Was den dritten Engel und Einheit Fünf angeht, so hat sich die Sache wohl erledigt. Man hat das ganze als Unfall eingestützt, und entschieden, das Marduk-Projekt in Bethania Base aufzugeben. Es ist alles nach Ihrem Szenario abgelaufen. In meinem jüngsten Bericht über SEELE finden sie auch-"
„Wir haben es bereits gelesen. Die Daten über den Bau des Mark VI haben sich als sehr nützlich herausgestellt." Bestätigte Fuyutsuki, ohne sich nach den zwei jüngeren Männern am Schreibtisch umzudrehen.
„Freut mich. Oh, und hier sind natürlich auch die Päckchen, die ich ihnen versprochen habe. Dieses hier ist aus Bethania."
Er wuchtete den etwas größeren Koffer auf den Schreibtisch und löste dessen Verschlüsse, wonach er sich automatisch öffnete, und die Gesichter der beiden Männer in einen kühlen, blauen Schein tauchte, der unangenehme Ähnlichkeit mit der Cherenkov-Strahlung hatte, die sich bisweilen in Atomreaktoren beobachten ließ, und ihre Gesichtszüge so in Kontrasten aus Licht und Schatten badete, dass es ihnen fast schon eine dämonische Note verlieh.
„Das ist es. Die Lost Number, die als Ersatz dienen sollte. Der Schlüssel zur Vereinigung des menschlichen Geistes mit dem göttlichen."
„Ja." Bestätigte Ikari, mit einem dünnen, verschlagenen Grinsen in die Augen seines Untergebenen blickend. „Er wird uns die Pforte zur Vollendung der Menschheit öffnen… der Schlüssel des Nebukadnezzar."
Der Deckel des Koffers gab einen länglichen, rechteckigen Block aus durchsichtigem, orangenen Material frei, der viel kleiner war als der eigentlich Koffer, und so ziemlich genau in dessen Mitte fixiert worden war. Was sich in dessen Inneren befand, hatte nur sehr entfernte Ähnlichkeit mit einem Schlüssel – Es war tatsächlich so etwas wie ein Griff dabei, mit „Henkeln", die zusammen eine Lemniskate bildeten, der Teil des Schlüssels, der die Schlussvorrichtung erfassen sollte, ähnelte jedoch mehr einem menschlichen Nervensystem mit all seinen Verästelungen und Verzweigen, jenem winzigen Bereich, den ein Mensch nur mit seinem Willen zu manipulieren vermochte.
Sachte, fast schon zärtlich legte Ikari seine wie üblich von einem weißen Handschuh bedeckte Hand auf den Deckel des Koffers und drückte diese mit großer Sorgfalt nach unten, bis der Verschluss des Koffers wieder eintastete.
Seine Hand lag immer noch besitzergreifend auf dem Koffer.
„Und was ist… mit dem, was Sie aus Deutschland holen sollten?" fragte der Commander, dessen nun erwartungsvollen Grinsen sein Gesicht noch nicht verlassen hatte.
„Ach ja, das. Der Grund für unsere ereignisreiche Reise."
Kaji platzierte den zweiten, etwas kleineren, aber genau so schwarzen Koffer auf den ersten, wo Ikari ihn sofort entgegennahm und dieses Mal persönlich öffnete.
Unter diesem Deckel kam ein weiterer beschrifteter Block zum Vorschein, wenn auch mit ganz anderem Inhalt: Darin steckte ein widerliches, verkümmertes Wesen, das entfernte Ähnlichkeit mit einem menschlichen Embryo in einem sehr frühen Entwicklungsstadium hatte – nur, das es trotz seiner insektenhaften Größe für einen solchen um ein zehnfaches zu riesig war.
Wie die Ausgewachsene Form dieses Dinges aussehen könnte, wagte man sich gar nicht auszumalen, zumal es in weiterem Gegensatz zu einem menschlichen Ungeborenen bereits über ein fast Traubengroßes, rotes Auge verfügte, von dem man sich fragen könnte, wieso es nicht aus dem Schädel des Wesens herausfiel, genau so wenig, wie sich feststellen ließ, ob das Auge einfach zufällig in ihre Richtung zeigte, oder ob das Wesen den beiden Männern– vor allem Ikari – irgendwie zu folgen schien.
„…Es hat sich selbst bis zu diesem Punkt regeneriert." Erklärte Kaji. „Es ist jetzt in Bakelit versiegelt, aber dennoch am Leben. Das hier ist auch eines der Puzzleteile, das Sie für die Vollendung der Menschheit brauchen, oder?"
„Ja." Bestätigte Ikari so hocherfreut, wie es seine Persönlichkeit zuließ. „Das ist der erste Mensch. Das ist Adam."
„Gut, dann wäre das erledigt." Folgerte Kaji. „Ich würde mir jetzt gerne eine Weile frei nehmen, um mich um ein paar private Angelegenheiten zu kümmern. Wenn sie danach noch einmal einen Lieferjungen brauchen sollten, sagen Sie nur Bescheid!"
Mit einem Wink, auf den er von keinem der beiden steif dastehenden, älteren Menschen ernsthaft eine Antwort erwartet hatte, verließ er den Raum, ohne sich noch einmal umzudrehen.
„…Kaji Ryoji, Leiter der Ermittlungsabteilung…" Fuyutsuki blickte dem jüngeren Mann mit leichter Besorgnis hinterher. „Können wir ihm wirklich trauen?"
Die Antwort auf diese Frage blieb Ikari seinem Untergebenen schuldig.

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Die orangene Flüssigkeit schoss in die Höhe und verdrehte sich zu einer Art spiralartigen Turm, fast wie ein umgedrehter, aus dem Ozean herausgelöster Mahlstrom wirkte, dessen Hals sich weiterhin verdrehte und verengte, bis seine Spitze sich zu verfestigen begann: aus der dünnen Flüssigkeit wurde eine dicke, aus dieser ein Gel, und dieses erstarrte dann von oben nach unten langsam zu einer Art, das nach weiter oben hin seinen Glanz verlor, und erstaunliche Ähnlichkeit mit lebendem, pulsierenden menschlichem Fleisch hatte, an dessen Spitze sich erst vage, dann immer deutlicher die Spirale in einen Zylinder umwandelte, an dessen oberem Ende winzige Fingerknospen sichtbar zu werden begannen… doch bevor diese sich zu einer nennenswerten Länge geformt hatten, zerplatzte der ganze Fleischturm von der innersten Molekularstruktur her, und die orangene Flüssigkeit, aus der er bestanden hatte, bespritzte die Wände der Lagerhalle, in der der Prozess von statten gegangen war.
Ebenfalls von Kopf bis Fuß bekleckert und immer noch mit ausgestrecktem Arm dastehend, wie sie es während des ganzen Prozesses getan hatte, stand das entkommene Experiment, dass kürzlich als Leatha klassifiziert worden war, mit weit offenen, sichtlich geschockten Augen.
Er ist hier.

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„Dank" seinen unerwarteten Begegnungen mit einem garstigen, aquatischen Engel und einer landbewohnenden, wenn auch nicht weniger garstigen EVA-Pilotin war der turbulente Sonntag so schnell verflogen, wie er gekommen war, und ehe er sich versah, befand sich Shinji am Montagmorgen im Schein der Morgenröte auf dem Weg in die Schule.
Da war es hin, sein schönes Wochenende, wie gewonnen, so zerronnen.
Heute Morgen hatte er wieder einen dieser Träume gehabt - wieder die Version, in der ihm alle, die er kannte, für irgendetwas gratulierten, das ihm spätestens nachdem er aufgewacht war endgültig entglitten war. Es war seltsam aber – als er diesen Traum das letzte Mal gehabt hatte, waren auch ein paar Personen dabei gewesen, die er noch nie zu vor gesehen hatte – eigentlich hatte er auch dieses Mal unbekannte Gesichter gesehen aber… Dieses Mädchen in dem gelben Kleid, und dieser Mann… Das waren doch Kaji und Asuka gewesen oder?
Es war sicher nicht verwunderlich, wenn sich die Ereignisse des Vortages in seine Träume mischten, aber… er hatte den Eindruck, als ob die beiden schon vorher in diesem Traum vorgekommen wäre, bevor er in der Lage gewesen war, ihren Gesichtern Namen zuzuordnen. Asuka hatte exakt dasselbe, sonnengelbe Kleid getragen, mit dem er sie gestern getroffen hatte, er erkannte sie in Erinnerungen, in denen sie nicht sein dürfte.
Es hieß ja, dass Träume einem manchmal die Zukunft verrieten, aber… das war doch viel zu irre, viel zu unmöglich. Selbst die fehlende Stimme aus seinen morgendlichen Déjà Vus schien Asukas gewesen zu sein – Vielleicht spielten ihm seine Erinnerungen auch einen Streich, und pflasterten diese wagen, sinnlosen Visionen nachträglich mit ihrem Gesicht – Es war doch unmöglich, dass sie das gewesen war, oder?
Doch auch ohne seine Träume beschäftigte Captain Shikinami seine Gedanken zu genüge – Sicher, gestern hatte er sich ohne Ende über sie aufgeregt, und er war nur wenigen Leuten begegnet, die noch mehr Ego pro Kilogramm Körpergewicht hatten, doch auch wenn Shinji für ihre Persönlichkeit kein anderes Wort finden konnte, als grauenhaft, so konnte er nicht anders, als sie auch ein wenig zu bewundern – Wenn sie irgendetwas sagen wollte, dann bestand die größte Anstrengung darin, ihre haltlose Klappe aufzumachen. Wenn sie etwas wollte, setzte sie es gnadenlos durch… Das waren beides Dinge, von denen Shinji wusste, dass er sie nie fertigbringen würde. Und es gab noch etwas anderes, dass ihn sogar noch weitaus mehr beschäftigte – das gestern war ihr erster Kampf gewesen.
Ihr allererster Kampf überhaupt – Shinji musste sich immer noch schütteln, wenn er an seinen ersten Kampf dachte…
„Shikinami… Asuka…" flüsterte er nachdenklich zu sich selbst. „Es scheint ihr… überhaupt nichts auszumachen, den EVA steuern zu müssen… Sie scheint sich sogar darüber zu freuen, Pilotin zu sein…."
Er verstand das nicht.

Shinjis Grübeleien wichen kurzzeitig einer leichten Neugier, als er für einen Moment glaubte, aus einer Gasse heraus, an der er gerade vorbeilaufen wollte wie an allen anderen Tagen auch etwas hervorleuchten gesehen zu haben, nur einen winzig kleinen Moment lang, so aus dem Augenwinkel heraus.
Shinji blieb stehen und warf verunsichert einen Blick in die Finsternis der Gasse.
Dort war eigentlich nicht wirklich etwas zu erkennen – Er musste sich das wohl eingebildet haben. An sich würde er jetzt einfach weitergehen, aber… wenn erst diese Träume kamen, und er in ihnen die Gesichter von Menschen sah, die er zuvor noch nicht gekannt hatte, und jetzt das hier geschah… begann er so langsam, an seinem Verstand zu zweifeln. Und diese Déjà vus waren ja auch noch da… Er sollte wirklich zusehen, dass er in die Schule kam, wo Menschen waren und Geräusche, hinein in volle Räume, in denen alles, was er sah, auch von mindestens zwanzig anderen Personen gesehen wurde.
Er wollte sich gerade ohne weiter hinein zu blicken von der Gasse entfernen, als ihn eine zierliche, in ein kühles, gummiartiges Material gehüllte Mädchenhand am handgelenkt packte.
„Halt!" rief eine Stimme, die ihm irgendwie bekannt vorzukommen schien – er drehte sich um und sah vor sich ein Mädchen, das nur geringfügig jünger zu sein schien als er selbst.
Er wusste nicht im Geringsten, was er mit diesem anfangen sollte.
Sie kam ihm entfernt bekannt vor, auch wenn er nicht hätte sagen können, woher.
Das Mädchen war ein Stück kleiner als er, und hatte exakt kinnlanges, schwarzes Haar, das ihr rundes, freundlich wirkendes Gesicht mitsamt ihrer tiefblauen Augen exakt einrahmte.
Ihre Kleidung erinnerte entfernt an einen Plugsuit, war jedoch etwas dicker und simpler aufgebaut, und sah technisch weniger fortgeschritten aus.
Der Anzug war größtenteils weiß, verfügte jedoch hier und da über blaue oder gelbe Elemente, wie zwei knopfartige Strukturen etwa dort, wo ihr Brustkorb beginnen musste, oder eine gelbe Plakette an ihrer rechten Brust, in die der Name „ " eingraviert war.
Shinji konnte nicht anders, als mehr der Plakette wegen zu starren, als wegen des wie aus dem Nichts erschienenen Mädchens – genau so hatte seine Mutter geheißen.
Doch ihm wurde nicht viel Zeit gelassen, um überwältigt zu starren, denn das Mädchen verschwendete keine Sekunde, und begann, ihn anzusprechen – er sah nur die Bewegungen ihrer Lippen und das Schwingen ihrer Haarspitzen, weil sich seine Augen nicht von ihrer Plakette entfernen trauten, aus Angst, dass die Aufschrift verschwinden könnte, wenn er wegsah.
Er erwartete, dass sich alles hier bald endgültig auflösen würde, wenn Misato kam, um ihn aus seinen Träumen zu wecken, aber Tatsache war, dass das Mädchen fest und körperlich blieb und die Hand, mit der sie ihn in ihrem Griff hielt, ihre äußerst reale Festigkeit nicht für einen Moment verlor.
„Ikari Shinji?", fragte sie, als sei sie tagelang am Rande des Todes in der Wüste umhergeirrt und wolle um die Erlaubnis bitten, hoffen zu dürfen, dass die Oase, die sich vor ihren Füßen erstreckte, keine Fata Morgana war. „Bist du wirklich Ikari Shinji?" wiederholte sie ungläubig.
Viel zu verwirrt, um etwas anderen zu tun, antwortete Shinji mit einem zögerlichen Nicken auf ihre Frage. Das Mädchen lächelte.
Weil er die ganze Zeit auf die Plakette gestarrt hatte, fiel ihm erst jetzt, als er zuu ihrem Gesicht blickte auf, dass sie ihren Kopf bis jetzt leicht gesenkt gehabt hatte – Sie war offenbar außer Atem und hatte nach Luft schnappen müssen, hatte sich inzwischen aber wieder gefangen und blickte zu ihm hoch.
„Ja…. Ja ich sehe, dass du es bist…"
Sie lächelte, man hätte sogar meinen können, dass ihre Augen etwas glasig geworden waren.
Shinji konnte sich diese Reaktion beim besten Willen nicht erklären.
Er hatte sie in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen.
Unwissend und ohne ein wirkliches Konzept davon, was hier genauer geschah, sah er zu, wie das Mädchen sich zu voller Größe aufrichtete und auch die erschütterten Züge ihres Gesichts zu einem steinernen, stoischen Ausdruck zusammennahm.
Die Art wie sie da stand hatte etwas soldatenhaftes, dass ihn irgendwie an Rei erinnerte – insgesamt hatte dieses Mädchen eine leichte Ähnlichkeit zu ihr.
Ihre Augenfarbe hingegen erinnerte ihn auf bizarre Weise an seine eigene.
„Hör mir bitte zu, ich habe nicht viel Zeit." Bat sie. „Entschuldige bitte meine Reaktion eben, es war wohl überflüssig, dich nach deinem Namen zu fragen…. Es ist nur, das der Ikari Shinji, den ich kenne, zum Beispiel etwas längere Haare hatte…"
„Der… den du kennst…?"
„Es tut mir leid. Dir das alles zu erklären würde leider zu lange dauern, und außerdem… hat meine Erfahrung gezeigt, dass das falsche Wort am falschen Ort gravierende Folgen haben kann… Machen wir es kurz. Ich bin Yui. Das ist alles, was du vorerst wissen musst."
Sie fasste an ihre Plakette und richtete sie in die Richtung seiner Augen aus.
„Du musst dich sicher fragen… Wieso ich denselben Namen habe wie deine Mutter, oder?"
Shinji erstarrte.
„Ja, ich weiß. Wie sollte ich den Namen deiner Mutter, oder auch deinen Namen kennen, wenn wir uns noch nie zuvor begegnet sind? Überhaupt nicht. Wir sind uns bereits begegnet – wobei man darüber streiten könnte, ob das wirklich du warst, wie du jetzt bist… Das hier ist nur eine der endlosen Möglichkeiten. Aber lass mich erklären, mein Name lautet „Yui", weil ich nach deiner Mutter benannt wurde – auch, wenn der Name nicht ganz gleich ist – Ich heiße Ichijou Yui. Ich kann natürlich nicht beweisen, dass das so war, aber ich kann dir sicher beweisen, dass du und ich keine Fremden sind: Oder wie könnte ich all das hier wissen, wenn wir uns nie zuvor gesehen hätten: Dein Name ist Ikari Shinji, du bist am sechsten Juni 2001 auf die Welt gekommen, und du spielst Cello. Du vertreibst dir deine Zeit auch gerne damit, Musik zu hören. Der antiquierte Player, den du benutzt, hat früher deinem Vater gehört – Dort, wo ich herkomme, war er ein Geschenk, aber ich habe größtenteils andere Versionen vorgefunden…. Dein bester Freund ist K- nein, er dürfte noch nicht hier sein… Touji Suzuhara. Dein bester Freund ist Touji Suzuhara, aber es war keine Freundschaft auf dem ersten Blick –Du hast ihn kennen gelernt, als er dir einen Schlag versetzt hat. Und was den Mädchennamen deiner Mutter angeht, es gibt keinen Mädchennamen. Dein Vater hat den Namen deiner Mutter angenommen, nicht umgekehrt!" Sie hatte seine ganzen persönlichen Daten in einem Zug runtergerattert.
„H…Hat er das?"
„Ups…"
Das Mädchen klatschte eine Hand auf ihren Mund und die andere darüber.
Die kühle Souveränität, die sie während der vorherigen Rede aufgebaut hatte, schien verpufft zu sein. „Vergiss es. Vergiss es bloß, es kann sein, oder nicht sein… Ich hab's ja schon erwähnt, ein Wort im falschen Moment und so weiter…Der Punkt ist, dass wir uns kennen, und das du mir vertrauen kannst… Sag mir… Wo bist du gerade? Was ist das letzte, was passiert ist, welchen Engel hast du als letztes besiegt?"
„Dieser… fischähnliche, das war mit Shikinami in Einheit Zwei… A-Also, Shikinami ist-"
„Ich weiß, wer Asuka ist. Diesesmal heißt sie also wieder mal Shikinami, hm?" Das fremde Mädchen kratzte sich am Kinn, als ob sie nachdenken könnte. „Hm… Ich wünschte, ich wäre irgendwo gelandet, wo meine Ratschläge nützlicher für dich gewesen wären… Ich habe mir für viele Situationen überlegt, was ich sagen könnte, aber für diese hier… für diese hier…hast du es in den meisten Fällen allein hinbekommen… Aber hör mir zu."
Sie wirkte jetzt wieder eher ernst.
„Für die nächsten Monate… gibt es vor allem eine Sache, an die du denken solltest… nein, du bist wahrscheinlich schon selbst darauf gekommen, nicht? Wenn ihr die Feinde besiegen wollt, dann müsst ihr eine Einheit sein, ein Herz und eine Seele."
„W-Was? Ich und… Shikinami?"
„Du, Asuka, Misato, dein Vater, wer auch immer noch da ist. Ihr alle. Und Shinji… auch, wenn jetzt sehr, sehr glückliche Tage auf dich zukommen… es fällt mir schwer, dir das zu sagen, aber es wird nicht lange halten. Das zuhause, das du dir aufgebaut hast, deine Freunde, die Menschen, die du liebst… all das wird nicht halten. Tatsächlich… wird es dir wohl sehr bald so vorkommen, als ob die ganze Welt um dich herum auseinander fallen würde, ohne das du etwas tun kannst… Ich weiß, das klingt sehr hart aber für mich… ist es praktisch schon geschehen."
„Schon… geschehen? Du willst mir nicht erzählen, d-das du aus der Zukunft kommst, oder so was?"
Nach allem, was mit ihm geschehen war, würde er ihr das ohne weiteres glauben.
Doch Yui bestätigte seine Vermutung nicht – Statt eine Antwort zu geben brach sie in ein lautes, irgendwie bitteres Lachen aus, dass er ihr gar nicht zugetraut hätte.
„Aus der Zukunft? Oh, Shinji, es gibt keine Zukunft mehr! Und damit meine ich nicht, dass ich keine Hoffnung habe, sonst wäre ich nicht hier… Ich meine, dass jeder einzelne Momnt nach jenem schicksalhaften Tag physisch aus dieser Welt verschwunden ist…"
„N-Nach welchem Tag?"
„Der Tag nach dem Third Impact."
„H-Heißt dass etwa… wir versagen?"
„Kommt darauf an, wie man Versagen definiert… Aber ich habe jetzt nicht die Zeit, dir das alles zu erklären… Also will ich mich auf die eine Sache beschränken, die du wissen musst, wenn du willst, dass du die Zukunft in Besitz nehmen kannst, für die du so hart gearbeitet hast, so viel, viel härter, und viel, viel länger, als du es dir vorstellen kannst…."
Yui packte ihn kurzerhand mit beiden Händen an den Schultern, und sah ihm direkt in die Augen.
„Die Welt ist falsch."
„F-Falsch…? Was… was soll das heißen…?"
„Falsch heißt falsch. Nicht richtig. Nicht, wie sie sein sollte. Du musst es doch auch gemerkt haben, oder? Du musst doch auch diese Träume gehabt haben. Oder zumindest unerklärliche Déjà vus, oder?"
Jetzt bekam er es wirklich mit der Angst zu tun – Diese ganzen Informationen über ihn hätte sie sich auch irgendwo zusammenklauben können, aber… Er hatte mit niemanden über diese Träume geredet, wie könnte sie das denn wissen? Ihm war, als würden einige entfernte Puzzleteilchen langsam zu einem ganzen zusammensetzten, von dem er sich nicht sicher war, ob er es sehen wollte.
Er verstand einfach gar nichts mehr…
„Du hast welche gehabt, oder? Man kann es dir praktisch ansehen… Und Asuka! Asuka. Du hast mir gerade erzählt, dass du sie kürzlich zum ersten mal getroffen hast, oder?
Das ist nicht wahr, und ich bin mir sicher, dass du es spürst… Asuka ist für dich ganz sicher keine Fremde. Ihr habt zusammen mehr durch gestanden als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben. Ihr kennt euch in- und auswendig! Sie ist eine deiner engsten Freunde!"
Er wollte ihr entgegnen, dass er sich mit dieser Verrückten nicht in Hundert Jahren anfreunden würde, doch dem widersprach dieses Gefühl einer fehlenden Stimme in seinem Haus, diese Bilder von ihr, wie sie in seinen Träumen auftauchen…
„Du weißt es, oder?" fragte Yui.
Er wusste beim besten Willen nicht, was er antworten sollte.
„Warum…? Warum sollte ausgerechnet ich…-"
„Ist das nicht offensichtlich? Weil du mit Abstand der wichtigste Mensch auf der ganzen Welt bist!"
Shinji erstarrte.
Genau das hatte auch diese… Massenmörderin gesagt.
„Wie kommst du darauf, das ich-!"
Sie war weg. Verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt, als ob sie niemals da gewesen wäre. Vielleicht war sie das auch nicht. Vielleicht begann er langsam, wirklich durchzudrehen…
Das Third Child warf einen Blick auf die Gebäude, die ihn umgaben – Tokyo 3, ein Ort, den er mittlerweile als sein Zuhause ansah- Touji, Kensuke, Misato, alle…
Nichts davon… würde halten…?
Keine Zukunft? Third Impact?
Die Welt ist falsch?
Das war ihm alles zuviel.
Er hielt es schlicht und einfach nicht mehr aus – er war doch nichts als ein einfacher, stinknormaler Junge ohne irgendetwas besonderes an sich, der in diese ganze, irre Sache hineingezogen worden war.
Seine Arme um seinen Körper schlingend rannte er los, ohne zurückzublicken, weg von diesem Ort, weg von dieser Stille und diesem Zwielicht.
Mit jedem Schritt versuchte er sich selbst davon zu überzeugen, dass nichts davon passiert war. Genau, das war doch völlig unmöglich, und selbst, wenn es möglich wäre, wie sollte er schon darauf reagieren? Mit wem sollte er darüber reden? Was sollte er tun? „Die Welt ist falsch", so ein Unsinn…
Es war doch alles Unsinn… Wie sollte so etwas denn geschehen sein? Natürlich war es nicht geschehen. Nein, nein, nein, nein…
Stehen bleibend, weil er außer Atem war, versuchte Shinji, sich auf das Muster der Pflastersteine des Gehwegs zu konzentrieren, statt auf seine merkwürdigen Träume… Denn das waren sie, nur Träume, oder? Es war nicht möglich, dass jemand von Träumen wusste, die er niemandem erzählt hatte. So etwas ging höchstens im Traum…
Es war doch unmöglich, und jeden, den er danach fragte, würde sicher dasselbe sagen – oder ihn für verrückt halten.
Sowas ging doch nicht…
Shinji war unsagbar dankbar, als das Geräusch eines startenden Automotors ihn aus seinen Gedanken riss – Dort, weiter vorne entlang der Straße, die ihn täglich zur Schule führte, hatte ein Mann seinen Wagen angelassen und ließ dem Jungen, der daneben auf der Straße stand, noch ein paar lockere Worte des Abschieds zukommen, bevor er losfuhr – Mitsurugi und sein Vater.
Der Junge, dessen Kopfverband übers Wochenende nicht merklich dünner geworden war, blickte dem Vehikel seines Vaters noch eine Weile gedankenverloren nach.
Dann aber packte er seine Schultasche, die er bis dahin in der Hand gehalten hatte, vermutlich, weil er sie gerade aus dem Kofferaum des eben losgefahrenen Autos geholt hatte, auf seinen Rücken, und machte sich auf den Weg zur Schule.
Shinji hatte nur ein paar Mal wirklich mit ihm gesprochen, aber in diesem Moment war seine Angst davor, mit seinen Gedanken alleine zu sein, stärker als die, die er mit der Kontaktaufnahme verband.
Er brauchte einfach irgendwelchen… Input, um das, was eben geschehen war, aus seinem Bewusstsein zu spülen und es in eine dunkle Ecke in den Tiefen seines Hinterkopfes zu quetschen.
Das Third Child dachte darüber nach, seinen Klassenkammeraden mit einem schnellen Laufschritt einzuholen, traute sich jedoch nicht so recht und hielt sich selbst schon nach dem zweiten Schritt auf.
Der Junge mit dem Kopfverband schien ihn bis jetzt noch nicht bemerkt zu haben, und wie auch? Die Distanz zwischen ihnen betrug gut sechs Meter, Tendenz steigend.
Es half wohl nichts – er musste wohl etwas tun, was er bis jetzt so selten getan hatte, dass er es sich an den Fingern abzählen konnte: Auf offener Straße laut nach jemandem rufen.
Es war schon seltsam, dass ihm das ebenso schwer vorkam wie der Kampf gegen fast schon surreale Monster.
Obwohl er ahnte, dass seine Worte irgendwo in seinem Hals stecken geblieben waren, vermochte er nicht, sie dort zu finden, und seine Lippen schienen sich inetwa genau so schwer voneinander entfernen lassen, wie die Kiefer des Engels – Aber die hatte er immerhin bezwungen, wenn auch mit ein bisschen Hilfe von eine irren Europäerin.
„…M-Mitsurugi-kun…!"
Shinji schien es tatsächlich auf die Reihe gebracht zu haben, laut genug zu rufen, um von seinem Mitschüler gehört zu weden.
Leicht verwundert drehte sich der geringfügig ältere Junge um.
„…Ikari-san? …Guten Morgen."
„…D-Dir ebenfalls." Antwortete Shinji rasch – ihm fielen solche Situationen immer noch ein wenig schwer, sodass ihm nicht wirklich einfiel, was er sagen sollte, und auch der einfache Weg einfach auf seinen Gesprächspartner einzugehen scheiterte wohl daran, das Mitsurugi selbst ein etwas zurückhaltender Typ zu sein schien. Allem Anschein nach wartete er darauf, das Shinji etwas sagte – und das konnte man ihm nicht verübeln, wenn man bedachte, wer das Gespräch begonnen hatte.
Jedoch lockerte sich die Zunge des Jungen mit dem Kopfverband recht schnell, als er seinem stillstehenden Gegenüber um einige Schritte näher gekommen war, wodurch er dieses näher betrachten konnte.
„…Ist irgendetwas? Du sieht recht… aufgelöst aus."
„Oh…"
Das lag wohl noch an…vorhin.
Ganz so sicher, ob er im Moment wirklich unter Leuten sein wollte, war er nicht mehr.
Aber er konnte sich jetzt auch nicht wirklich einfach umdrehen und weglaufen – wie würde das denn aussehen? -, also…
„…Es… es ist gar nichts, ich habe nur schlecht geschlafen, wegen dem… Kampf gestern…"
Das war eine kleine Notlüge, aber eine, die er sich durchaus erlauben dürfte.
„Was, noch ein Kampf? Es wurde doch gar kein Ausnahmezustand verhängt."
„Das war auch nicht hier, sondern mitten auf hoher See. Misato-san, also, das ist meine… Vorgesetzte bei NERV, und ich waren… einen neuen Evangelion abholen, der aus Deutschland hergebracht wurde…."
„Und ihr wurdet unterwegs angegriffen?"
„Ja, so wars…" Shinji bemühte sich zu einem Lächeln. „Aber ich komme schon damit klar, ich…" Er zeigte ein von Verlegenheit verdrehtes, halbunterdrücktes Lachen. „Ich sollte4 mich wohl mittlerweile daran gewöhnt haben, aber…"
„Nein, das wäre schrecklich." widersprach Mitsurugi, nüchtern und ein wenig distanziert wie üblich, aber doch mit einer hörbaren Bestimmtheit. „Das würde bedeuten, dass diese Welt endgültig durchgedreht wäre… Versteh mich nicht falsch, aber manchmal sehe ich mir die anderen aus unserer Klasse an und frage mich, wieso sie alle so begeistert von deiner Aufgabe sind… Mir machen diese Kämpfe einfach furchtbare Angst, und ich will mir gar nicht vorstellen, wie es sein muss, diese Schlachten selbst zu schlagen… Das man gezwungen ist, Kinder in unserem Alter als Soldaten zu verwenden, ist höchstens traurig… ich gebe zu, dass ich letzte Woche selbst etwas überwältigt war, als ich eure Roboter gesehen habe, aber wenn ich genauer darüber nachdenke, dann wird mir mehr und mehr klar, wie verrückt diese Welt, und insbesondere diese Stadt geworden ist… ich frag mich, warum das niemanden stört… oder wer weiß, vielleicht will es nur keiner zeigen, damit alles hier weiter funktionieren kann… Ich… ich will damit sicher nicht schadenfroh sein, und ich gebe zu, dass ich mich dafür schämen sollte, aber irgendwie ist es beruhigend, dass selbst du Angst zu haben scheinst…"
Shinji war ein wenig überwältigt – jemandem, der die Sache so gesehen hatte, hatte er bis jetzt noch nicht getroffen. „…Ist… ist schon in Ordnung… das ist mir erlichgesagt lieber, als mit einem Helden verwechselt zu werden… nicht, dass ich nicht gerne… beliebt wäre oder so, aber… Ich glaube nicht, dass ich… den Erwartungen gerecht werden kann, die die Leute an solche… ‚Weltretter' haben… Ich weiß genau, dass ich alles bin, nur kein Held…"
Er musste an Asuka denken, die ihn damit aufgezogen habe, das er doch das ‚Legendäre Third Child' sei… Wobei ihm das noch lieber war als ‚Papasöhnchen'. Das Second Child konnte das natürlich nicht wissen aber… es tat einfach zu sehr weh.
„Ich sehe das ein bisschen anders."
„…Hä?" Shinji drehte sich erstaunt zu Mitsurugi hin, der ein dünnes Lächeln auf seinem blassen Gesicht trug.
„…Es stimmt, das mir all diese verrückten Dinge zuwider sind, und das ich froh bin, dass du… nicht so verrückt bist, aber ich begreife auch, dass diese Kämpfe notwendig sind, um uns zu verteidigen. Dieses Land war schon immer von Katastrophen erschüttert, selbst vor dem Second Impact, und immer fanden sich Personen, die sich, ihr eigenes Glück und ihre eigenen Träume aufgegeben haben, damit alle anderen so normal wie möglich weiterleben können – Daran, dass du viel eingebüßt hast, und wohl noch mehr verlieren wirst… vielleicht auch dein Leben, daran lässt sich nichts machen. Irgendjemand muss es tun, und der Rest von uns kann es nicht, und kann dir auch das, was dir genommen wurde, niemals wieder zurückgeben. Aber das mindeste, was wir tun können, ist, die noblen Taten von dir und anderen wie dir in Erinnerung zu behalten… Ja, mir ist bewusst, dass deine Aufgabe kein… spaßiger Action-Streifen ist, wenn ich diesen Ausdruck denn gebrauchen darf, aber ich halte dich gerade deshalb für einen Helden."
„Ich… fürchte, da denkst du ein bisschen zu hoch von mir… ich tue dass wirklich nicht, weil es irgendwie nobel ist, oder…"
„…Macht das den Preis, den du gezahlt hast, in irgendeiner Form kleiner? Ich glaube, du bist es, der von sich etwas zu niedrig denkt…"
„Nein das… das ist ganz anders…."
„Nun, ich kenne nicht deine innersten Gedanken, aber-"
Was auch immer Mitsurugi jetzt sagen wollte, es blieb unausgesprochen, da ihm nun etwas ganz anderes einfiel. „Oh wir…. Wir sollten wirklich los. Das geht nicht, dass mein Vater mich extra bis hierher fährt, und ich dann zu spät komme…"
Shinji glaubte, im Gesicht seines Mitschülers fast so etwas wie eine Empfindung von Peinlichkeit zu erkennen.
„M… Mitsurugi-kun? Können wir… zusammen gehen…?"
„Ich dachte, du läufst immer mit Suzuhara-san und diesem Freund von ihm… Aida-san, nicht?"
„Ja, aber ich treffe sie normalerweise weiter vorne an der Brücke, wenn sie mich nicht abholen kommen – ich bin mir sicher, Touji und Kensuke hätten nicht dagegen, wenn du mitkommst… Das heißt, wenn sie nicht schon ohne uns los sind…"
„Dann sollten wir besser mal los… schätze ich…"
„…Ach und… Mitsurugi-kun?"
„Ich will mich für deine Nachricht letzte Woche bedanken… Sie hat mir… wirklich geholfen."
„Dafür brauchst du mir nicht zu Danken. Ich sehe es als meine Pflicht an."
„…Ich bewundere dich."
„…Verzeih mir, aber… weshalb denn?"
„Ach weißt du, langsam kommt es mir vor, als ob alle außer mir einfach hingehen können und das tun, was sie für richtig halten, ohne zu zögern… Du, Misato-san, Ayanami, die Pilotin von Einheit Zwei… Aber mir fällt es immer sehr schwer… das zu tun, von dem alle sagen, dass es richtig ist…"
„Aber du tust es dennoch, oder? …Einheit Zwei, sagest du?"

-

Der Rest des Schulweges wurde von einem Gespräch über die Ereignisse des letzten Sonntags begleitet, an dem sich auch Touji und Kensuke rege beteiligten, als Shinji und Nagato die zwei unterwegs trafen.
Kensuke berichtete Mitsurugi begeistert von den ganzen Militärvehikeln, während Touji mehr über Misatos cooles Auftreten, kreative Planung von vor allem über ihr attraktives Gesäß sprach, wohingegen Shinji den dreien davon berichtete, was sich fernab von ihren Augen im Entryplug oder unter Wasser abgespielt hatte – Wirkliches erzählerisches Talent hatte er zwar nicht, doch Touji und vor allem Kensuke machte das wenig aus, solange es nur um coole Kämpe ging und Shinji brav alle Fragen beantwortete – auch wenn er einige, etwas peinlichere Details für sich behielt. Kensuke und Toji hatten nicht viel Aufhebens darüber gemacht, dass Mitsurugi jetzt irgendwie bei ihnen mitlief, dund auch Nagato selbst schien nicht, wie Shinji es erwartet hatte, irgendwie eingeschüchtert zu sein, obgleich er nie den selben Grad an offen sichtbarer Begeisterung zeigte.
Doch so verschieden die Gewichtung der drei Jungen bei der Berichterstattung ausfiel, in einem Punkt waren sie sich einig: Asuka war abscheulich.
Gut, Shinjis Wortwahl war etwas zurückhaltender als das, aber es genügte – Nagatos Bitten, dass sie doch bitte nicht so abfällig über ein Mädchen reden sollten, hörten spätestens dann auf, als er Asukas „Begrüßung" des Trios in allen Einzelheiten geschildert bekam, auch wenn er immer noch damit haderte, wirklich Position zu beziehen.
„Sie ist aufbrausend, psychotisch, eingebildet, grauenerregend, arrogant, grausam, selbstsüchtig, kaltherzig, kindisch, egozentrisch, gewalttätig, selbstgefällig, wahnsinnig, hitzköpfig und eine totale Schlampe!" berichteten Touji und Kensuke überzeugt, jeweils abwechselnd eines der unfreundlichen Adjektive nennend, bis auf das letzte, bei dem sie einen Chor bildeten.
Mitsurugi schien nicht so recht zu wissen, ob er auf seine gute Erziehung oder sein Mitgefühl mit Shinji und seinen Kumpels hören sollte.
„Und ich dachte, unsere Klassensprecherin wäre wichtigtuerisch!" setzte Touji dann alleine fort. „Weißt du, die Kleine war ja echt hübsch und so, aber das war die zickigste Ziege unter der Sonne!"
„…Was sie denn wirklich so schlimm?" fragte Mitsurugi, nicht ganz glaubend, das ein zierliches, liebliches Geschöpf wie ein Mädchen ein derartiges Ausmaß an Abneigung produzieren konnte.
„Yap." Bestätigte Kensuke. „Obwohl es schon irgendwie cool ist, dass sie schon ein Captain ist, obwohl sie kein bisschen älter ist als wir…" Er korrigierte den leicht schwärmerischen Ton in seiner Stimme jedoch schnell nach unten: „Trotzdem bin ich froh, das wir sie nie wieder sehen müssen."
„Allerdings." Bestätigte Touji entschieden. „Aber unser armer, bedauernswerter Freund hier wird wegen seiner Arbeit leider noch öfter mit ihr zu tun haben. Dafür kann er einem echt leid tun, was?"
Doch Touji hatte sich zu früh gefreut – Vielleicht hatte es ja mit dem ganzen schlechten Karma zutun, dass er wegen Missachtung der Schulkleiderordnung angehäuft hatte, doch das, was seine entsetzten Augen erblickten, als sie sich, für den Fall, das entweder der Lehrer oder die Klassensprecherin aufgekreuzt sein könnte, zur Tür drehte, nachdem er das zumeist mit deren Öffnung einhergehende Geräusch vernommen hatte, war offenbar solch ein Gräuel, das er von dem Schock getroffen von seinem Stuhl kippte, nur um sich tief getroffen wieder aufzurichten und mit einem zitternden Finger sowie einem gepflegten „AAAAAAHHHH!" auf die Türschwelle zu deuten.
Doch Touji war nicht der einzige, der dort wohl lieber etwas anderes gesehen hätte – Die Gesichter von ihm, Kensuke und Shinji ließen sich jeweils ziemlich treffend mit den Worten „Ach du heilige Scheiße!", „Nein, Nein, bitte nicht!" beziehungsweise „Och nö!" beschreiben, wobei Mitsurugi, dem die akute Ähnlichkeit zwischen den Visagen seiner Mitschüler und Edvard Munchs „Der Schrei" nicht entgangen war, die Kreatur, die da gerade mit menschenverachtendem Kreidequietschen, das sicherstellen sollte, dass auch gar niemand, außer vielleicht einem Taubstummen, von denen ohnehin keine anwesend waren, die Frechheit besitzen würde, sie zu überhören, ihren Namen in verschnörkelter, makelloser Mädchenschrift an die Tafel schrieb, mit einer gewissen Besorgnis betrachtete.
Als sie sich umdrehte, brachte ihr langes, schwingendes Haar von der Farbe polierten Kupfers schon die ersten Jungs dazu, sie tief beeindruckt anzugaffen.
Das zuckersüße Stimmchen, mit dem sie sich vorstellte, verriet nichts von dem, was hinter ihrem charmanten Lächeln lag.
„Hallo! Mein Name ist Shikinami Asuka Langley! Freut mich, euch kennen zu lernen!"

(1) Das Zitat am Anfang ist nicht aus einem Lied, sondern ein Gedicht von Tite Kubo, den einige von euch vielleicht als den Autor von 'Bleach' kennen. Übrigens ist auch der Titel des Kapitels an den des Mangabandes angelehnt, in dem das Gedicht steht. Es passte einfach so gut.
(2) Eine Lemniskate ist dieses Unendlichkeitssymol. Die umgedrehte Acht.
(3) „Yui Ichijo" ist mitsamt dem Namen, dem Outfit und dem Aussehen einem alternativen Charakterdesign für Rei entnommen, dass in irgendeiner Sammlung von Produktionsskizzen zu finden war. Das hat alles seinen Sinn.
(4) Freut euch schon auf das nächste Kapitel: 05:[Das Modell]