Hallo meine Lieben!
So zwischen Weihnachten und Silvester ist es mir wieder möglich, euch ein Kapitel zu servieren. Es passt auch gut in die Zeit, das muss man zugeben, und ich hoffe, es gefällt euch.
Ich hätte es eigentlich auch schon vor zwei Monaten fertig gehabt, doch als ich dann wieder so ein unfreundliches „Review" bezüglich langer Pausen zwischen den einzelnen Kapiteln erhalten habe, entschloss ich mich dazu, die Sache ruhig angehen zu lassen. Grundsätzlich verstehe ich es, dass man als Leser einer laufenden Geschichte regelmäßige Updates sehen möchte, doch bitte denkt auch einmal an die Autoren. Es gibt auch ein Leben außerhalb von Fan Fiction und diese Realität ist oft krasser als jedes Fantasy-Hirngespinst auf Bildschirm. Da in meinem Leben bald ein größerer Umbruch bevorsteht, habe ich in letzter Zeit viel nachgedacht, versucht Prioritäten zu setzen, mit Dingen abzuschließen, einigen Leuten gesagt, wie viel sie mir doch bedeuten, weil ich das Gefühl hatte, sie müssten es nach einigen Jahren einfach auch mal hören. Ich glaube, es hat teilweise funktioniert. Daher meine Bitte an euch: Denkt darüber nach, was ihr zu anderen sagt, auch und gerade im Netz, wo alles so wunderbar anonym ist. Andere haben vielleicht nicht so ein dickes Fell wie ich und so viel Spaß dabei, unverschämte Kritiker in der Luft zu zerreißen wie ich, sondern sind von solchen Aussagen überfordert oder verletzt. Hinter jedem Rechner sitzt ein Mensch wie du, lieber Leser, und möchte einfach nur so viel Spaß haben wie du auch.
Dieses Kapitel ist für alle, aber ganz besonders für Scarlett, Mo, Fledi, Certhia und meine lesenden Freunde daheim. Ich danke euch für eure Treue und wünsche einen guten Start ins neue Jahr!
- Bonnie Ende -
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„Es gab einen weiteren Angriff", sprach Dumbledore ernst, nachdem sich alle für die rasch einberufene Notfallversammlung gesetzt hatten.
„Oh nein!" Auroras Stimme klang viel zu schrill.
„Nicht schon wieder!", quiekte Filius entsetzt. „Heißt das, die Kammer…?"
„Wir wissen es nicht", erklärte Dumbledore ruhig, jedoch mit einem besorgten Ausdruck auf dem alten Gesicht. „Dennoch gerät die Situation langsam außer Kontrolle. Diesmal gab es zwei Opfer."
„Oh Merlin! Wer?", hauchte Pomona.
Der Schulleiter sah der Hauslehrerin von Hufflepuff tief und ernst in die Augen. „Mr Finch-Fletchley und unser werter Sir Nicholas."
Pomona brachte kein Wort heraus, zu groß war der Schock.
„Versteinert?", fragte Aurora schwach, entschlossen nicht an die zweite Option denkend.
„Ja."
„Wie kann ein Geist versteinert werden?"
„Er ist nicht versteinert", übernahm Minerva die Erklärungen. „Er ist… schwarz, wie mit dunklem Rauch gefüllt…"
Selbst Binns schien es bei diesem Fakt einen Schauer den Rücken hinunter zu jagen soweit das eben möglich war.
„Was in dieser Welt ist fähig, einem Geist etwas anzutun?", fragte Septima ungläubig in den Raum.
Alle Augen wandten sich wieder Dumbledore zu, doch Lockhart begann bereits, lautstark zu dozieren: „Es gibt durchaus Kräfte, die Seelen binden und Geister ihrem Willen unterwerfen können. Bei den wilden Germanen – ganz und gar scheußliche Barbaren, müssen Sie wissen, meine lieben Kollegen – war es zum Bei-"
„Reden Sie nicht von Dingen, von denen Sie keine Ahnung haben", unterbrach Arian ihn wenig freundlich. Sie würde nicht zulassen, dass diese miese Entschuldigung für einen vermeintlichen Kämpfer gegen die Schwarze Magie Schande über ihr Fach und die Alte Magie brachte.
Severus lächelte innerlich böse. Wenn Lockhart so weiter machte, konnte der sich bald auf die kreativen Beleidigungen der jungen Professorin einstellen. Seit der letzten gemeinsamen Patrouille, bei der er einen Blick auf ihre angenehmere Seite hatte erhaschen können, hatte er darauf gehofft, dass sie ihr Gift vielleicht in eine andere Richtung verspritzen würde. Nicht weil das bedeuten könnte, dass sie ihm plötzlich wohler gesonnen war, da machte er sich gar keine Hoffnungen, außerdem konnte es ihm im Prinzip herzlich egal sein, was sie von ihm dachte, aber irgendwie… Es war angenehm, nicht mehr das Opfer zu sein, selbst wenn es womöglich nur für kurze Zeit war.
„Meine Liebe…" – Arian verzog angewidert das Gesicht – „… ich habe dann doch ein winzig kleines bisschen mehr Ahnung von Verteidigung gegen die Dunklen Künste als Sie. Bei Ihrem Alter ist natürlich noch Potential nach oben drin, aber bis dahin sollten Sie sich doch zurücknehmen und von den Großen lernen. Ich empfehle ein gründliches Studium meiner Veröffentlichungen."
Arians Wut war unterdessen so groß geworden wie zuletzt bei einer von Snapes Attacken, doch im Gegensatz zu damals war jetzt das gesamte Kollegium Zeuge dieser Bloßstellung. Am liebsten wäre sie dieser schmierigen Schmalzlocke an die Gurgel gegangen, vor dem Arbeitgeber machten sich solche Aktionen nur leider selten gut.
Severus kannte diesen zornigen Blick seiner Kollegin nur zu perfekt, war der doch schon oft genug auf ihn gerichtet gewesen. Er war sich sicher, wären Lockhart und die Waliserin mit dem unaussprechlichen Namen allein im Raum, würde es mindestens Schwerverletzte geben.
Arian schnaubte. „Sagt der Richtige! Falls Sie es noch nicht gemerkt haben sollten: Es geht hier um die Sicherheit der Kinder an dieser Schule und alles, was Sie tagein tagaus tun, ist an ihrem Ego herum zu polieren. Werden Sie mal erwachsen!" Sie atmete tief durch und wandte sich wieder Dumbledore zu. „Schulleiter?"
Die anderen kamen nicht umhin, ihre Wortwahl zumindest ein wenig zu bewundern. Lockhart jedenfalls war immerhin für einige Minuten ruhiggestellt, hatte er doch nicht mit so heftiger Gegenwehr gerechnet. Lediglich ein halblautes „Mein Tee ist gefroren!" war von ihm zu hören.
Zugegeben, eine etwas kindische Aktion, seiner Wut Luft zu machen, fand Severus, doch bei Gelegenheit würde er dasselbe mal bei Minerva ausprobieren.
„Nun", meinte Dumbledore, „ich hoffe, ich kann den Schulbeirat noch ein wenig länger überzeugen, aber ich warne Sie alle: Halten Sie besser Augen und Ohren offen und teilen Sie mir jede noch so scheinbar unbedeutende Kleinigkeit mit oder Hogwarts' Tage sind bald gezählt. Ich verlasse mich auf Sie alle. Und wie die Kollegin Llewelyn bereits richtig sagte: Das Wohl der Schüler hat oberste Priorität."
Die versammelten Lehrer nickten mit beklommenen Gesichtsausdrücken.
„Nach dem Vorfall im Duellierclub halten viele den jungen Harry Potter für den Schuldigen", fuhr der Schulleiter fort. „Ich möchte klarstellen, dass ich ihn für unschuldig halte, was auch immer die Gerüchte sagen. Die Kammer des Schreckens wurde vor 50 Jahren schon einmal geöffnet und ich befürchte, es handelt sich auch heute um denselben Täter. Nur wie dieser es anstellt, kann ich noch nicht genau sagen."
Es war eine Gruppe niedergeschlagener Erwachsener, die das Lehrerzimmer verließ. Einzig und allein Lockhart schien den Ernst der Lage noch immer nicht begriffen zu haben, denn er dachte halblaut darüber nach, welche Robe er sich für den nächsten Tag bereitlegen sollte.
OoO
Kaum hatten sich die Neuigkeiten von dem Doppelangriff herumgesprochen, da rannten die Schüler ihren jeweiligen Hauslehrern quasi die Bürotüren ein. Alle wollten sie jetzt doch über Weihnachten nach Hause und den unheimlichen Vorkommnissen in der Schule entfliehen. Die ersten Beschwerden von Eltern trudelten ebenso ein, der eine oder andere Heuler war für das Kollegium an der Tagesordnung. Zusätzlich mussten vor allem die jüngeren Schüler immer wieder beruhigt werden, sodass Severus gar nicht mehr wusste, wo ihm der Kopf stand. Einige glaubten obendrein den Unfug mit Potter als den Erben Slytherins so eindeutig nicht, dass es schon beinahe fahrlässig wirkte. Aber um das Überleben der Weasley-Zwillinge musste sich dann immer noch Minerva kümmern.
Albus verriet ihm auch jetzt nichts über die Identität des Erben, obwohl er sich immer sicherer zu werden schien. Mehr als einen durchdringenden Blick erhielt Severus als Antwort auf seine Nachfragen nie, obgleich er der Meinung war, als Hauslehrer Slytherins über so etwas Pikantes informiert werden zu müssen.
Der Beginn der Weihnachtsferien war schließlich für alle eine Erlösung. Je weniger Leute sich im Schloss aufhielten, desto weniger Schaden konnte das Monster theoretisch anrichten. Die Vertrauensschüler blieben alle, um die Lehrer zu unterstützen, wo sie nur konnten, auch wenn keiner so genau wusste, wie das im Notfall auszusehen hätte.
Am Weihnachtstag nahm sich Severus seit langem einmal wieder die Zeit, völlig ohne Zweck und Ziel durch den Wald zu wandern. Die Landschaft war eisig und tief verschneit, sodass er erst weit drinnen zwischen den Bäumen auf trockenen Boden stieß. Er zog seinen Winterumhang enger um sich, als er inne hielt, um die Stille einen Moment zu genießen. Auf einmal hörte er ein Geräusch, das er zuerst nicht einordnen konnte, und seine Finger schlossen sich um seinen Zauberstab, doch dann sah er das Scheinwerferlicht auf sich zukommen. Arthur Weasleys alter Anglia.
„Natürlich habe ich dich nicht vergessen. Wie könnte ich auch, schließlich bist du das einzige Auto, das ich persönlich kenne", sagte Severus leise.
Das Auto blitzte ihn an.
„Na dann erzähl schon. Was habe ich verpasst in der Zeit, in der ich dich angeblich so sträflich vernachlässigt habe? Nicht? Du willst wohl, dass ich dich unterhalte, hm? Normalerweise würde ich jetzt sagen, das kannst du vergessen, aber wenn ich eh schon mit einem Auto rede…" Severus seufzte, bevor er auf den Ford zuging und sich gegen die Motorhaube lehnte. Vielleicht tat es wirklich einmal gut, einfach frei reden zu können, und selbst wenn es mit einer alten Rostlaube war. „Die Kammer des Schreckens wurde geöffnet. Das bedeutet, dass jemand in der Schule ist, der alle Muggelgeborenen töten will, aber wir kommen nicht dahinter, wer es ist. Nur, sollten wir ihn nicht finden, dann wird Hogwarts geschlossen und…" Er verstummte und schüttelte den Kopf. Denselben verfehlten Ansichten war er, bereits als er noch ein Jugendlicher gewesen war, aufgesessen und es hatte nur Schmerz mit sich gebracht. Den Makel würde er für immer an sich tragen.
Der Wagen heulte leise mit dem Motor auf.
„Ich war so… so blind! Und jetzt muss ich damit leben… Manchmal…" Er brach wieder ab und starrte hinaus in den Winterwald. Das Auto blieb völlig ruhig. Manchmal wollte er seinem Leben ein Ende bereiten, das war es, was er hatte sagen wollen, doch ausgesprochen nahm das Ganze eine andere, viel größere Dimension an; als wäre er der Umsetzung seiner Gedanken einen Schritt näher. Und das durfte er nicht, zumindest jetzt noch nicht. Nicht bevor der Dunkle Lord nicht endgültig besiegt war. „Nun, man muss eben für das gerade stehen, was man getan hat. Und manche Dinge…" Wieder fehlte ihm der Mut, seine Gedanken auszusprechen. Wie erbärmlich war er, der sich nicht mal vor einem absolut verschwiegenen Auto von der Seele reden konnte. Die Leute hatten Recht, er war eine armselige Entschuldigung für ein menschliches Wesen – irgendwann sollte er es einfach akzeptieren.
Nur die frostige Kälte, die Severus in die Knochen kroch, brachte ihn schlussendlich dazu, wieder zur Schule zurückzukehren. Gerade rechtzeitig, Dumbledore hätte es nicht zu schätzen gewusst, wäre er nicht zum Weihnachtsessen erschienen.
Doch nicht nur auf ihn hatte die festliche Atmosphäre anscheinend die gegenteilige Wirkung. Seine walisische Kollegin schien mit Gedanken weit weg zu sein und starrte versunken vor sich hin, während sie lustlos in ihrem Essen stocherte und den Truthahn durchlöcherte. Worüber auch immer sie nachdachte, es war nichts Glückliches und ihre Freunde schienen viel zu fröhlich beim Feiern zugange zu sein, um etwas zu bemerken. Schon allein dass die junge Frau nicht heimgefahren war, hatte ihn gewundert, doch letztendlich ging ihn keltisches Liebesleben ja nichts an. Und interessierte ihn auch nicht. Aber dann dachte er wieder an die Nacht, in der sie zusammen Whisky getrunken hatten und sie diesen Brief bekommen hatte, den sie ungeöffnet in den Kamin befördert hatte. Vielleicht verstand er sie in diesem Moment ja besser als je zuvor und sie saß hier zwischen ihren Kollegen und war trotzdem unglücklich und einsam?
Den Rest dieses unangenehmen Festes hatte Severus eigentlich ab von allen anderen in seinen Räumen verbringen wollen. Seine Migränetränke bräuchten Verbesserung, sollten sie ihm bei der nächsten Attacke etwas Nutzen bringen. Jedoch wurden seine Pläne von Poppy durchkreuzt, deren Patronus auf einmal in seinem Labor stand und seine Anwesenheit im Krankenflügel einforderte. Fluchend löschte Severus das Feuer unter dem Kessel und begab sich auf den Weg nach oben.
Ein mit Vorhängen abgetrenntes Bett erwartete ihn und die Schulkrankenschwester kam sofort eilig auf ihn zu, kaum dass sie ihn hatte eintreten hören.
„Severus, danke, dass du so schnell kommen konntest! Mr Potter und Mr Weasley – " Severus stöhnte innerlich bei der Erwähnung der beiden Namen. „ – haben soeben Miss Granger vorbeigebracht. Sie wollten partout nicht sagen, was vorgefallen ist, jedenfalls hat Miss Granger im Moment Fell, einen Schwanz und Katzenohren. Das übersteigt nun doch etwas meine gewöhnlichen Fähigkeiten!"
Ein irrwitziger Verdacht kam in Severus auf. Konnte es sein, dass dieses nervige, clevere Mädchen…? Er würdigte die katzenartige Gestalt nicht mehr als eines flüchtigen Blickes, während er Poppy Haar-, Nagel-, Speichel- und Blutproben nehmen ließ. Ein kleines bisschen amüsierte ihn die Sache aber dennoch.
Zurück in seinem Büro bestätigte sich dann sein Verdacht: Inkorrekte Anwendung von Vielsafttrank, das war ja kaum zu glauben! Da braute dieses Gör direkt vor seiner Nase einen Zaubertrank, der ihr Können eigentlich um ein Vielfaches übersteigen sollte, perfekt und im Geheimen, nur um dann den dümmsten möglichen Fehler zu begehen und ein Tierhaar hinzuzufügen! Wäre das alles nicht so schrecklich illegal, gefährlich und mit Potter verknüpft gewesen, hätte er den Intellekt des Mädchens vermutlich bewundert. So wusste er einfach nicht, was er denken sollte, und machte sich erst einmal an die Theorie. Grundsätzlich war ihm das Gegenmittel zu solch einer Verwandlung natürlich durchaus bekannt, doch bei Kindern musste man äußerste Vorsicht walten lassen. Eigentlich sollten Kinder seiner Meinung nach von Vornherein nicht in Berührung mit dem Zeug kommen.
Auf einmal hörte er ein leises Geräusch, wie ein Schleichen. Wer konnte in seinem Büro sein, ohne dass er es bemerkt hatte?
Lautlos zog er seinen Zauberstab und trat einen Schritt von seinem Schreibtisch zurück…
„Was zum…?!"
Seren, die Katze seiner walisischen Kollegin, starrte ihn mit ihren goldenen Augen von unter seinem Schreibtisch aus an.
„Wie kommst du hier rein?"
Seren legte den Kopf schief und bedachte ihn mit einem wissenden Blick.
„Passt man einmal nicht auf und schon sind vier Beine mehr im Raum! Was wenn deine Besitzerin schon nach dir sucht?"
Der Katze war das eindeutig egal. Sie sprang auf Severus' Stuhl, stieg von dort auf seinen Schreibtisch über, rollte sich auf einem Stapel Schüleraufsätze zusammen und beobachtete ihn durch halbgeöffnete Augen bei der Arbeit.
Nach zwei Stunden rieb Severus sich müde die Augen.
„Jetzt ist Schluss. Du solltest zurück nach Hause. Deine Vorstellung von guter Gesellschaft ist äußerst zweifelhaft, selbst für eine Katze."
Wieder sah die Halbknieseldame ihn nur intensiv an, doch als er aufstand und sich zum Gehen wandte, erhob sie sich ebenfalls grazil und sprang vom Tisch.
Auf dem Weg durch die Kerker folgte Seren Severus auf Schritt und Tritt. Um diese Uhrzeit erwartete er eigentlich nicht, noch jemandem zu begegnen, doch als sie die Eingangshalle erreichten, klopfte sich gerade jemand vor dem Portal den Schnee von der Robe. Gerade die richtige Person.
Severus nickte der Waliserin zu, die wiederum ein unüberzeugtes Lächeln aufsetzte und „Guten Abend" murmelte.
„Hören Sie, Ihre Katze…"
„Oh, Seren! Da bist du also, hab' dich den ganzen Abend nicht gesehen, du Streunerin!", begrüßte Arian ihre Gefährtin herzlich, plötzlich gar nicht mehr unsicher. „Du magst Professor Snape wirklich sehr, hm? Aber stören sollst du ihn nicht bei seiner Arbeit, hast du mich verstanden?"
„Sie stört nicht. Ich dachte nur, es ist Ihre Katze und…" Ja, was dachte er eigentlich? Dass er sich über den Willen einer Katze hinwegsetzen konnte, dazu noch solch einer intelligenten? Fehlanzeige!
„Ach was, der eigenen Kopf gehört dazu! Aber schmeißen Sie sie ruhig raus, wenn sie lästig wird." Diesmal war ihr Lächeln echt, wenn auch etwas melancholisch. „Gute Nacht. Und frohe Weihnachten."
Severus blieb allein in der Eingangshalle zurück, nur Seren rieb gelegentlich zufrieden ihren Kopf gegen seine Beine.
OoO
„Ich komm' sofort, hol' nur noch 'ne Flasche Wein!", rief Arian Minerva hinterher, die sich schon mit den anderen auf den Weg zum Astronomieturm machte. Von dort konnte man das Feuerwerk mit zünden, wenn man wollte – die Schüler würden nie herausfinden, was für einen Spaß ihre Professoren dabei hatten!
Zielstrebig griff Arian nach einer Flasche Marqués de Riscal Reserva, einem ihrer bevorzugten Rotweine, die sie sich unter den Arm klemmte, und drückte die Klinke der Lehrerzimmertür.
„Das ist jetzt nicht wahr!", fluchte sie halblaut und rüttelte daran. Nichts. „Alohomora!" Sie rüttelte und zog wieder. Absolut nichts. „Agor nawr!" Rein gar nichts. Die Tür ließ sich nicht öffnen. Wütend trat sie mit dem Fuß gegen das dicke Holz.
„Was zum Henker machen Sie da bitteschön?!", fauchte eine genervte Stimme.
Erschrocken fuhr Arian herum. Schräg hinter ihr stand Snape und bedachte sie mit einem bösen Blick.
„Abgeschlossen…!", war alles, was sie hervorbrachte.
„Wie bitte?!"
Sie gestikulierte mit der Weinflasche zur Tür.
Snape packte die Klinke mit beiden Händen und drückte sie tief. Dann zog er daran. Das Schloss rührte sich kein Stück.
„Helfen Sie mir mal!"
Arian verdrehte die Augen, stellte jedoch den Wein ab und packte mit an. Gemeinsam zerrten sie nun an der Türklinkte. Danach versuchten sie einen doppelten Alohomora, vergeblich.
„Was haben Sie Komisches gesagt, vorhin?"
„Agor nawr. Das walisische Äquivalent zu Alohomora, so im Großen und Ganzen, nur folgt es den nebenmagischen Strömen. Manchmal werden Flüche darüber verstrickt, sodass man sie nicht über den hauptmagischen Fluss lösen kann. Allerdings… das ist entweder alte, fast unerforschte Magie oder etwas Schwarzmagisches, mit dem jemand etwas herumexperimentiert hat. Und zugegebenermaßen wirkt beides nicht sehr wahrscheinlich…"
Severus kam nicht umhin anzuerkennen, dass die kleine Keltin ihre Hausaufgaben gemacht hatte – nebenmagische Ströme kannte er selbst nur von den Dunklen Künsten beziehungsweise durch das Lesen über Urmagien wie die der Ägypter, Babylonier oder Griechen. Oder Kelten vermutlich.
„Das heißt wir sitzen hier fest", stellte er mit gerunzelter Stirn fest.
„Augenscheinlich", seufzte Arian und ließ sich mitsamt ihrer Weinflasche in den nächstbesten Stuhl plumpsen. „Wein?" Sie tippte den Flaschenhals an, murmelte „Mas!" und goss sich ein Glas ein.
Für einen Moment zögerte Severus, doch dann setzte er sich schicksalsergeben zu ihr.
Rasch füllte Arian ein weiteres Glas und drückte es ihm in die Hand. „Prost! Auf ein gutes gemeinsam eingesperrt Sein!"
Schweigend toastete er ihr zu und trank einen tiefen Schluck. Sie hatte sich gebessert, das musste er widerwillig zugeben, aber deswegen war sie trotzdem oft genug eine wahre Zumutung gewesen. Und jetzt durfte er auch noch mit ihr ins neue Jahr rutschen. Super. Nicht dass er scharf darauf gewesen wäre, Feuerwerke zu zünden, aber… Super.
„Meinen Sie, das war einer unserer lieben Kollegen?", fragte Arian, nachdem sie Snape eine Weile aus dem Augenwinkel beobachtet hatte. Er war eindeutig not amused.
„Die oder Peeves. Wobei der an Silvester vom Blutigen Baron im hintersten Eck der Kerker gehalten wird, seit…" Was redete er so viel?!
„Seit…?", erkundigte sich Arian unschuldig, während sie ihnen nachschenkte.
Innerlich seufzend beugte Severus sich seinem Schicksal und berichtete seiner Kollegin von dem Vorfall vor sieben Jahren, bei dem Peeves einige Feuerwerke entführt und in allen vier Gemeinschaftsräumen losgelassen hatte. Bei der darauffolgenden Hetzjagd hatte er noch Minervas Tartanumhang in Brand gesteckt (angeblich unabsichtlich) und eine Vertrauensschülerin in einer Rüstung eingesperrt.
Auch wenn sie eigentlich hätte ernst bleiben sollen, konnte Arian sich ein Lachen nicht verkneifen. Minerva musste bestimmt fuchsteufelswild gewesen sein! Sogar an Snapes Mundwinkel zuckte es ein klein wenig, meinte sie zu erkennen, als er den Rest der Flasche in sein Glas leerte.
„Jetzt hab' ich ja nichts mehr!", maulte Arian grinsend und hielt ihm ihr Glas entgegen.
Snape beäugte es kritisch, dann lächelte er sie spöttisch an: „Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass ich Ihnen noch etwas abgebe! Das ist meins."
„Dann einen Whisky?", pseudobettelte Arian mit Schmollmund.
„Okay."
„Danke!"
„Na, holen müssen Sie ihn schon selbst!"
„Bäh, also als Gentleman sind Sie durchgefallen, Professor!" Arian rappelte sich hoch – Mist, nebeliges Hirn – und spazierte hinüber zum Whiskykabinett, das hinter einem Teil der Holzvertäfelung versteckt war. Wow, Dumbledore hatte sich mit dieser Ausstattung hier wirklich alle Mühe gegeben! Die Auswahl war großartig, doch Arian entschied sich dennoch für ihren Lieblingswhisky Talisker. Vorausschauend nahm sie noch ein zweites Whiskyglas mit.
Severus hob eine Augenbraue, als die Jungkeltin mit zwei Gläsern und einer randvollen Flasche angelaufen kam.
„Ich dachte mir, aus Erfahrung, Sie wollen vielleicht auch ein Schlückchen. Minerva meinte außerdem mal, Sie hätten eine spezielle Schwäche für Single Malt."
„Altes Klatschweib!", murmelte Severus, allerdings nicht leise genug, wenn man aus dem Schmunzeln der Professorin irgendetwas schließen konnte. Doch darum kümmerte er sich nicht weiter, viel zu neugierig war er, wie die Flüssigkeit schmeckte, die sie da angeschleppt hatte. Zwar hatte er den Namen schon gelegentlich gelesen, den dazugehörigen Whisky jedoch noch nie probiert. Hoffentlich keine billige Plörre…
„So, hier hätten wir einen Talisker, den offiziell einzigen Whisky von der Isle of Skye! Und jetzt enttäuschen Sie mich nicht, das ist mein absoluter Lieblingswhisky!", klärte sie ihn auf. „Cheers, Kamerad!"
Eindeutig angeheitert, proklamierte Severus' Verstand, doch selbst fühlte er sich auch schon ein bisschen leichter im Kopf. Zum Teufel damit! Anders konnte man es auch nicht überstehen, von seinen eigenen Kollegen in ein Zimmer gesperrt zu werden, während alle anderen das neue Jahr feierten! Severus nippte von seinem Whisky und stellte überrascht fest, dass ihm dieser Tropfen durchaus mundete. Sollte er sich merken.
„Oh, wissen Sie", unterbrach Llewelyn seine Gedankengänge, „eigentlich sollten wir auch richtig feiern. Für Whisky bin ich zu aufgedreht." Und schon war sie aufgesprungen, das zu Severus' Erstaunen bereits leere Glas zurücklassend, und kehrte mit Likör zurück. „Ramazzotti? Sambuca?"
„Sambuca."
„Na, los dann! Weg mit dem Zeug!", lachte sie und goss die erste Runde ein.
Wollte dieses Weibsstück ihn jetzt unter den Tisch trinken? Das sollte sie mal versuchen!
Nach der fünften Runde begann er sich ernsthaft zu fragen, wo der Jungspund diese Ausdauer her hatte. Zwar zappelte und lachte sie schon wesentlich mehr und ausgelassener als zuvor, doch das Nachgießen funktionierte noch unwahrscheinlich gut. Zwischendurch hatte sie auch noch das Radio auf dem Regal entdeckt und angeworfen, sodass flotte Musik durch den Raum schallte, was sie zusätzlich anzuspornen schien.
Bei Runde Nummer neun schließlich ging dann der erste Alkohol über den Rand der Gläschen hinaus und Severus entwand ihr vorsichtig die Flasche.
„Das ist der letzte", sagte er streng und brachte den Schnaps außer Reichweite.
„Ooooookay…" Und weg war der Sambuca. Himmelmerlin nochmal…
„So, und jetzt schlafen Sie bitte. Es ist genug für heute. Für dieses Jahr", verbesserte Severus sich. Zehn Minuten hatte es ja noch…
„Hmpf." Seine Kollegin kam herüber geschwankt und ließ sich neben ihm beinahe neben den Stuhl fallen. „Un' jezz'?"
Oh nein, er hasste Lallen…! „Jetzt sitzen wir hier still, bissuns…" Merlin verschone… „… bissuns… bis – uns – hier wieder jemand… raus lässt!"
„Will nich'… Schau mal, lassuns tanz'n!" Wankend sprang sie auf, packte seine Hände und zerrte daran. „Komm'n Se scho', Pwofessor! Prrrofessorrr Snapey! Auf!"
„Ich tanze nich'!"
„Snapey, biddeeee!"
„Verdammd, nein! Schon gar nich' so, mit dem Nam'n!"
„Dohohohohooooch!"
„Nein!"
„Doch!"
„Nein!
„Snapey!"
„Wenn… Sev'rus!" Jetzt stolperte er schon über seinen eigenen Namen…
„Dann hal' Sev'rus! Nu' komm doch!"
„Sie sin' sowas von nerv- … hey!" Mit einem gewaltigen Ruck, den er ihr in ihrem Zustand gar nicht mehr zugetraut hätte, hatte sie ihn vom Stuhl hochgerissen und zog ihn nun an den Armen im Takt der Musik durch den Raum. Hilflos ließ er sich mitschleifen und ergab sich mehr unfreiwillig seinem Schicksal. Nur Betrunkene konnten derart ausgelassen durch die Gegend hopsen! Oder? Sie wirkte beinahe routiniert bei dem, was sie da machte, sang sogar fast richtig bei dem Song mit. Und dabei hielt sie eisern an seinen Händen fest – hatte er ihr nicht genug klar gemacht, dass er für solche Späße nicht zu haben war? Vielleicht sollte er dem eindringlichen Anklopfen des Alkoholeinflusses einfach nachgeben und nicht mehr weiter nachdenken. Im Prinzip war ein bisschen Bewegung ja auch nicht zu verkehrt…
„A Rockin' Good Way (To Mess Around And Fall In Love)" – Shakin' Stevens feat. Bonnie Tyler
Arians Silvester hatte sich schlagartig wieder verbessert – was gute Musik und dabei herumspringen doch bewirken konnten! Der Abend war schön, das Leben war bunt! Vor den Sprossenfenstern explodierten schillernd farbig die Sterne – seit wann explodierten Sterne? – und der Mond schwang lustig auf und ab – war das normal? – während der Raum im Rhythmus der Lieder steppte. Außerdem hatte sie gewonnen. Was genau, war ihr gerade nicht klar, nur dass es etwas mit Snape zu tun hatte. Mit Severus. Wie hypnotisiert starrte sie ihn an. Der Sternenregen draußen schimmerte in seinen nachtschwarzen Haaren wie Diamantenstaub und seine ebenso dunklen Augen funkelten mit einer ungekannten Faszination. Ein Schauer durchlief sie, unerwartet und spannend.
Die Hauselfen fanden die beiden am nächsten Morgen schlafend am Tisch, halb sitzend, halb liegend, als sie gerade zum Aufräumen anrückten. Einen Reim konnten sie sich nicht wirklich darauf machen, doch es hatte vermutlich etwas mit den leeren Gläsern und Flaschen daneben zu tun.
