Kapitel 21 – Spekulationen
Hermine und Draco apparierten nach Hogsmeade in die Nähe der Heulenden Hütte, wo Harry Draco einmal mit Schneebällen aus der Deckung seines Tarnumhangs beworfen hatte. Draco fragte sich, ob Hermine den Ort lediglich wegen seiner grausigen Erinnerung daran gewählt hatte.
Er trat sofort aus ihrem Griff heraus.
„Ganz bestimmt nicht. Ich gehe nicht da hoch."
„Warum nicht? Du hast dich ganz sicher bewiesen. Wenn ich dich nicht mehr umbringen will, sollten alle anderen ebenfalls kein Problem damit haben dich zu akzeptieren."
„Alle anderen? Das bezweifle ich. Dein Freund Potter hat mich seit dem ersten Moment, in dem wir uns kennen gelernt haben, gehasst."
„Nun... Harry ist ein besonderer Fall. Aber er ist nicht unvernünftig. Ich rede mit ihm. Es wird ihm recht sein", besänftigte sie ihn.
„Du bist eine ganz schön erbärmliche Lügnerin", erklärte er.
Sie errötete. „Du musst es früher oder später hinter dich bringen. Wir können uns nicht für immer verstecken."
„Warum nicht? Ich fange an es mögen", erwiderte er abfällig, seine Worte zu einer Lüge verdrehend. Hermines Augen blitzten auf.
„Tja, ich nicht. Die Todesser könnten jederzeit zurückkehren. Das Haus meiner Eltern ist einfach nicht sicher. Und wir müssen das da loswerden." Sie deutete auf den Becher, den Draco noch immer in der Hand hielt. „Da wir keinen Schimmer haben, wie man das macht, brauchen wir Harrys Hilfe."
Draco höhnte: „Ja, ich bin mir ziemlich sicher, dass der Auserwählte kein Problem haben wird es herauszufinden."
„Diese Einstellung bringt uns nicht weiter bei unserem Problem!"
„Ich habe kein Problem!"
„Selbstverständlich hast du es. Nach den letzten drei Tagen kannst du nicht so tun, als ob es dich nicht interessiert. Du willst nicht mehr als wir, dass Voldemort gewinnt. Sonst hättest du nicht so viele Risiken auf dich genommen."
Hermine trat näher an Draco heran und packte seine Jacke, als ob sie ihn festhalten wollte. Ihre Stimme klang weich und vom Herzen kommend.
„Schau mal, Malfoy. Du bist zu mir gekommen und ich weiß, dass es dir verdammt schwer gefallen sein muss. Vielleicht war es das Schwerste, was du jemals getan hast. Kannst du mir jetzt in die Augen sehen und sagen, dass du deine Entscheidung bereust?"
Draco blickte in ihre ehrlichen braunen Augen, in ihr schmutziges Gesicht und zerzaustes Haar. Er versuchte sich des Gefühls zu entsinnen, das er einst für sie empfunden hatte. Die unerträgliche kleine Besserwisserin, die ihn wie den niedrigsten Abschaum behandelt hatte, war verschwunden. An ihrer Stelle befand sich nun dieses verrückt machende, aufrichtige, hoffnungsvolle Mädchen, das ihn unverdientes Vertrauen entgegenbrachte.
„Du bist vollkommen übergeschnappt", flüsterte er.
„Wir reden gerade nicht über mich."
„Schau mich nicht auf diese Weise an."
„Auf welche Weise?"
„Als ob du volle Zuversicht in mich hättest. Ich verdiene dein Vertrauen nicht."
„Du bist ein ganz schön guter Lügner", bemerkte sie trocken. „Aber ich kann meine Entscheidungen selbst treffen. Kommst du nun freiwillig mit oder soll ich dich verhexen und bewusstlos hoch schleppen?"
Der stählerne Ton in ihrer Stimme versicherte Draco, dass sie es ernst meinte. Er startete einen letzten Versuch, sie umzustimmen.
„Können wir wenigstens noch einmal nach Caerphilly zurückkehren und eine letzte Dusche nehmen?"
Hermine lachte überrascht auf. „Nein. Wenn es dir etwas ausmacht, schmutzig zu sein, kann ich das beheben." Sie tippte ihn mit ihrem Zauberstab an und er spürte den Staub von Haut und Haar verschwinden.
„Autsch!"
„Kleinkind. Schau, ich mache es auch bei mir." Hermine wandte den Zauber an sich selbst an und eine unsichtbare Gewalt schien sie zu packen. Der Dreck verschwand und ihr Haar knisterte in seiner Sauberkeit. Der Pullover erstrahlte in wiederhergestelltem Weiß. Draco tat es beinahe leid zu sehen, dass der Schmutzfleck auf ihrer Wange entfernt worden war.
Hermine sagte: „Du hast Recht. Es brennt wirklich."
Draco konnte sich nur mit Mühe von einer Bemerkung zurückhalten. „Was hast du damit vor?" Er hielt den goldenen Becher in die Höhe und untersuchte ihn. Der eingravierte Dachs war so hässlich wie alle anderen Hufflepuff- Wappen, die er jemals gesehen hatte. „Elendes, scheußliches Ding. Kein Wunder, dass der Dunkle Lord es in einer verfallenen Hütte versteckt hat. Ein Dachs. Was für eine groteske Kreatur."
Hermine nickte nachdenklich. „Ja, Schlangen sind ja auch so viel liebenwürdiger und knuddeliger."
„Es freut mich, dass du das erkennst."
Sie beschwor einen Lederbeutel herauf und hielt ihn auf, damit Draco den Becher hineinstecken konnte. Sie warf sich den Beutel über die Schulter.
„Übrigens: keiner weiß von Horkruxen außer du, ich, Harry und Ron. Und das soll auch so bleiben."
Draco hob die Augenbraue und schnalzte missbilligend die Zunge.
„Ihr habt Geheimnisse vor dem Orden? Wie ungryffindorhaft."
„Pssst. Komm jetzt. Nicht mehr trödeln." Hermine ergriff seinen Arm und zog ihn zu dem Pfad, der zur Schule führte.
„Du kannst mich ruhig loslassen, weißt du."
„Nein, kann ich nicht. Ich habe nicht die Zeit dazu dich zu suchen, falls du verschwinden solltest."
Draco war überrascht. „Du würdest mir nachgehen?"
„Jemand muss dich ja vor dir selbst retten."
Er blickte sie finster an. Das war keineswegs die Antwort, die er erwartet hatte.
Sie wanderten, bis die Tore von Hogwarts in Sicht kamen. Hermine schickte einen Patronus los. Draco schaute zu, wie der silberne Otter zum Schloss emporschwebte. Ihr Patronus war interessant. Er war nicht so überrascht, wie er es gewesen wäre, hätte er ihn einige Tage zuvor gesehen. Jetzt kannte er die schelmische, verspielte Persönlichkeit, die sich unter all der herrischen, überheblichen Intelligenz verbarg.
Als sie die Tore erreicht hatten, warteten sie.
„Was hat dein Patronus für eine Form?", fragte Hermine neugierig. Draco errötete. Er hasste seinen Patronus, was der Grund dafür war, dass er ihn selten verwendete. Es war schrecklich peinlich und schließlich gab es noch andere Wege, einen Dementor zu bekämpfen.
„Ist doch egal."
„Warum? Ist es irgendetwas Schreckliches? Zum Beispiel ein Frettchen?"
Er funkelte sie an. „Sehr lustig. Nein. Es ist kein Frettchen."
„Also ich fand, dass du ein süßes Frettchen abgegeben hast. Ich wollte dich schon in einen Käfig sperren und in mein Zimmer mitnehmen."
Draco stöhnte. „Oh, das wäre ja sehr angenehm gewesen."
Hermine strahlte ihn an.
Professor McGonagall näherte sich ihnen. Draco wollte sich zurückziehen, doch Hermines Griff auf seinen Arm verstärkte sich.
„Es ist alles in Ordnung", murmelte sie.
„Miss Granger", brachte McGonagall überrascht hervor und starrte Draco durch die Gitterstäbe an. Sie machte keinerlei Anstalten, das Tor zu öffnen. „Was hat dies zu bedeuten?"
„Malfoy hat sich entschlossen, im Krieg gegen Voldemort auf unserer Seite zu kämpfen, Professor", erklärte Hermine schnell. „Wir verdanken ihm schon sehr viel." Draco schloss die Augen bei ihren Worten. Sicherlich hätte sie es doch besser machen können?
„Das klappt doch nie", murmelte er Hermine zu. Sie versetzte ihm einen leichten Tritt und er zuckte zusammen.
McGonagalls scharfe Augen verengten sich bei ihrem Schlagabtausch. „Wovon reden Sie da? Sind Sie unter dem Imperius- Fluch?"
Die Frage schien Hermine komisch vorzukommen. Sie kicherte und blickte Draco spielerisch an.
„Bin ich das? Kannst du überhaupt einen Imperius- Fluch vollführen?"
„Natürlich kann ich das", antwortete er hitzig. „Was für ein Speichellecker des Dunklen Lords wäre ich, wenn ich nicht einmal einen einfachen Unverzeihlichen ausführen könnte?"
„Naja, du warst nie wirklich ein Speichellecker des Dunklen Lords. Ansonsten wärst du jetzt nicht hier, oder?"
„Ein geringfügiges Detail."
„Miss Granger!", platzte McGonagall heraus und riss sie aus ihrer Unterhaltung.
„Entschuldigung, Professor. Sie müssen wissen, dass Draco verantwortlich für die Rettung von Neville Longbottom letzte Nacht gewesen ist. Er hat uns auch vor dem Anschlag auf Luna Lovegood und meine Eltern gewarnt, gerade rechtzeitig, um sie noch zu retten."
„Sie können es natürlich beweisen?", fragte McGonagall trocken.
„Tonks kann für ihn bürgen", erwiderte Hermine zuversichtlich.
„Tonks?"
„Sie können sie ruhig fragen. Wir warten hier."
McGonagall schien diese Worte nur schwer verarbeiten zu können, doch der Anblick von Hermine, die sich an Dracos Arm klammerte, entschied sie scheinbar. Sie verschickte einen Patronus, der nach Süden flitzte.
„Gibt es Neuigkeiten von Neville?", fragte Hermine plötzlich.
„Er ist wach und sollte sich wieder vollständig erholen können. Ihm ist wiederholt der Cruciatus- Fluch auferlegt worden, aber hoffentlich nicht oft genug, um bleibende Schäden anzurichten." McGonagall starrte Draco an. Schuldig durch Gemeinschaft, vermutete er.
„Also was hat Sie veranlasst, die Seiten zu wechseln, Mr. Malfoy?", fragte sie, als ob sie es für wahrscheinlicher hielte, dass die Sonne sich plötzlich in einen pinken Sonnenschirm verwandeln würde.
Draco zuckte die Achseln. „Ich war gelangweilt. Das ganze Foltern, Töten und Kriechen vor dem Dunklen Lord wurde ziemlich schnell eintönig."
Hermine stieß ihm den Ellenbogen in die Seite und versetzte ihm einen ihrer patentierten Blicke der Verärgerung.
„Kannst du mal ernst sein?"
„Nein. Und offen gesagt würde ich lieber gar nicht hier sein. McGonagall will mich nicht einlassen, ich will nicht hineingehen, wie wäre es also, wenn du mich einfach disapparieren lässt? Dann wären wir alle zufrieden."
„Auf gar keinen Fall", antwortete sie eisern. Draco wollte in seinem Frust den Kopf gegen die Gitterstäbe schlagen.
Tonks schickte nicht nur eine Nachricht, sie apparierte gleich zu ihnen. Ihr rosafarbenes Haar glänzte im Sonnenlicht. Sie grinste sie strahlend an.
„Hey, Hermine. Cousin Draco", begrüßte sie.
„Nymphadora", sagte McGonagall. Draco sah Tonks bei der Anrede zusammenzucken. „Ist es wahr, dass Draco Malfoy zu Neville Longbottoms Rettung beigetragen hat?"
Tonks nickte glücklich. „Jep. Er war grandios. Sie hätten ihn sehen sollen, als Hermine ausgeschaltet war. Hat gekämpft wie ein Löwe. Toll, jemanden in der Familie zu sehen, der vernünftig ist."
Draco blickte McGonagall selbstgefällig an und hob eine Augenbraue. Deren Gesichtsausdruck veränderte sich nicht im Geringsten.
„Na schön, Miss Granger. Ich werde Sie für sein Verhalten zur Verantwortung ziehen."
Draco schaute zu Hermine. Sie warf ihm einen warnenden Blick zu. McGonagall tippte das Vorhängeschloss an, das ein klickendes Geräusch von sich gab. Die Kette schlitterte durch die Gitterstäbe. McGonagall öffnete einen Torflügel, um sie einzulassen. Draco verspürte einen Anflug von Klaustrophobie. Es gab keinen leichten Weg aus Hogwarts heraus; er wollte wieder hinaus in die Freiheit. Nur Hermines beständige Anwesenheit und ihr unbeugsamer Griff an seinem Arm hielt ihn davon ab. Sie zog ihn durch das Tor.
Der Gang zur Schule fühlte sich an wie der Marsch zum Galgen. Hermine spielte die Rolle der ruhigen Geistlichen, festen Glaubens, dass Draco sich auf dem Weg zu einem besseren Ort befand. McGonagall glich dem wertenden Opfer, das stoisch darauf wartete, Gerechtigkeit walten zu sehen. Und Tonks war ein neugieriger Zuschauer – unbekümmert, aber glücklich zu sehen, wie die Ereignisse ihren Lauf nahmen. Sie plapperte den ganzen Weg über, größtenteils über belanglose Geschehnisse im Ministerium.
Sie betraten die Eingangshalle von Hogwarts, wo Hermine Draco endlich losließ. Tonks und McGonagall warfen ihnen neugierige Blicke zu, stiegen jedoch die Treppe empor und ließen sie allein.
„Ich gehe Harry suchen. Willst du zum Slytherin- Gemeinschaftsraum gehen und dich dort einquartieren?"
„Nein, ich denke nicht. Ich gehe mit dir."
Hermine blickte besorgt drein. „Das könnte nicht gerade die beste Idee sein. Ich sollte zuerst mit ihnen sprechen."
„Ich weigere mich, mich unter deinem Rock zu verstecken", erwiderte Draco kalt.
„Ich trage gar keinen Rock."
„Lass uns weitergehen, Granger. Mal sehen, ob dein teurer Potter wirklich so verständnisvoll ist, wie du denkst."
„Musst du immer so schwierig sein?"
„Gibt es eine andere Möglichkeit?"
Hermine warf die Hände in die Luft. „Also schön. Mach alles auf die harte Tour." Sie blickte ihn kritisch an. „Ich mag den Trenchcoat. Aber er sieht in Hogwarts nicht richtig aus." Ohne nach seiner Erlaubnis zu fragen, verwandelte sie den Coat in einen schwarzen Mantel, jedoch nicht in die Todesserroben, die er ursprünglich getragen hatte. Ihren eigenen weißen Pullover verwandelte sie in einen kurzen Umhang im Gryffindor- Rot.
Es bedarf eine überraschend lange Zeit, Potter und Weasel zu finden. Zuerst liefen sie in den siebten Stock, wo sie den Eingang zum Gryffindor- Gemeinschaftsraum versperrt vorfanden, da Hermine das Passwort nicht kannte. Das hässliche Porträt informierte sie, dass keiner sich drinnen aufhielt.
Als nächstes versuchten sie es bei der Bibliothek, entgegen Dracos Hinweis, dass Potter und Weasley sich nicht einmal in die Nähe der Bücherei begeben würden, wenn nicht Hermine sie dorthin zerrte. Er gestattete sich ein zufriedenes Grinsen, als sich seine Voraussage bestätigte.
„Gehen wir in die Küche", schlug Draco vor. „Weasley scheint maßlos davon angetan zu sein sich vollzustopfen, wenn das Essen umsonst ist."
Hermines Gesicht färbte sich rot und sie fuhr ihn an: „Wir sind noch nicht einmal eine halbe Stunde hier und schon fange ich wieder an, dich zu verabscheuen!"
Draco grinste lakonisch. „Deine Fähigkeiten zum Lügen haben sich nicht verbessert."
„Ach, halt die Klappe!"
Sie stiegen gerade die Haupttreppe hinab, als Harry und Ron aus der Großen Hall traten. Hermine erblickte sie zuerst.
„Harry!", rief sie. Sie stürmte die letzten Stufen hinunter und flog Potter um den Hals. Draco sah zu, wie sich Potters Arme um sie schlangen, und spürte seinen Kiefer leicht verkrampfen.
Hermine ließ Harry los und stürzte sich auf Weasley, der sie viel zu fest und viel zu lang hielt. Potter erblickte Draco, der sich nicht von seiner Position auf den Treppenstufen gerührt hatte. Harrys Zauberstab blitzte binnen eines Herzschlags hervor. Draco fragte sich, ob der Auserwählte das Zücken seines Zauberstabes vor dem Spiegel übte. Er ließ seinen eigenen Stab im Mantel stecken, wohl wissend, dass Mr. Gryffindor ihn nicht zu verhexen wagte, wenn er unbewaffnet war.
„Was macht der denn hier?", brüllte Weasley. Sein Arm lag immer noch um Hermines Schultern. Eine ziemlich Besitz ergreifende Geste, wie Draco fand. Was er ihr zugute hielt, war, dass sie Weasley abschüttelte und zu Draco zurückeilte.
„Steck deinen Zauberstab weg, Harry", befahl sie. „Malfoy arbeitet von jetzt an mit uns."
„Keine Chance!", schnappte Harry und erstickte, was für eine gemeine Beleidigung auch immer auf Weasleys Zunge gelegen hatte.
„Ich erzähle euch die Einzelheiten später. Aber ohne seine Hilfe, wäre Luna verloren, Neville immer noch ein Gefangener und wir hätten nicht das hier." Sie öffnete ihren Beutel und hielt Hufflepuffs Becher in die Höhe.
„Ist das – ?"
„Ein Horkrux, ja."
„Du hast es ihm erzählt?", schrie Harry auf. Draco bemerkte, dass Hermines Freunde sehr viel herumbrüllten, wenn sie aufgebracht waren. Es musste ein Charakterzug der Gryffindors sein. Slytherins neigten dazu, das Gegenteil zu tun und sich zu einem erzürnten Zischen, unheilvollen Blicken und abscheulichen Rachefeldzügen zurückzuziehen. Der Weg der Gryffindors war lauter, aber schneller.
„Er wusste es schon vorher!", keifte Hermine zurück.
„Ja, natürlich tat er das! Er ist wahrscheinlich hergeschickt worden, um sie von uns zu stehlen, sobald wir sie entdeckt haben!", knurrte Harry.
„Das ist lächerlich." Sie ließ den Becher wieder in den Beutel fallen und fuhr nüchtern fort. „Nun, wir müssen alle unser Kriegsbeil begraben und an unserem gemeinsamen Problem arbeiten, was heißt den Becher zu zerstören und die anderen Gegenstände ausfindig zu machen."
„Unser Kriegsbeil begraben?", brüllte Ron. „Bist du völlig verrückt geworden? Erinnerst du dich nicht mehr, wer die Todesser in die Schule gelassen hat? Es ist seine Schuld, dass Dumbledore tot ist! Er hat fast Katie Bell getötet, er hat fast mich getötet und wegen ihm ist Bill von diesem durchgeknallten Werwolf verunstaltet worden!"
Draco grinste und fragte sich, wie Granger dem entgegnen würde. Potter nickte die ganze Zeit wie eine Porzellanpuppe mit einem gebrochenen Hals.
Hermine stellte sich der Herausforderung. „Er hat das nur getan, um seine Eltern zu retten. Wenn du in dieser Situation gewesen wärst, Ronald, hättest du wahrscheinlich dasselbe getan!"
Weasleys Augen starrten sie kalt an. „Nein, ich denke wirklich nicht, dass ich es getan hätte. Und ich kann nicht glauben, dass du ihn verteidigst!"
Potter erhob seine Stimme: „Hast du nichts zu deiner eigenen Verteidigung zu sagen, Malfoy? Willst du Hermine all das Sprechen überlassen?"
Draco lächelte kühl, doch sein Blut kochte bei dem Gedanken daran, sich vor Potter rechtfertigen zu müssen. Er schaffte es nur mit Mühe, seine Stimme ruhig zu halten.
„Sie mag es zu reden, wie du vielleicht bemerkt hast. Offen gesagt, interessiert mich deine Meinung einen Scheißdreck, Potter. Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig und ich habe nicht die Absicht, meine Handlungen einer engstirnigen, beurteilenden Prüfung von dir unterziehen zu lassen. Du hast dir schon eine Meinung über mich gebildet und ich habe definitiv eine über dich. Also lass uns unsere gegenseitige Abneigung zugeben und mit unserer Aufgabe weitermachen. Je eher wir den Tand des Dunklen Lords zerstören, desto schneller könnt ihr damit fortfahren, euch gegenseitig auszulöschen, und desto schneller kann der Rest von uns zu unseren Leben zurückkehren."
Potters grüne Augen versprühten Funken der Wut. Weasley konnte nicht einmal mehr sprechen. Sein Gesicht war so rot, dass seine Sommersprossen nicht zu sehen waren.
„War das unbedingt notwendig?", zischte Hermine. In ihrer Stimme schwang schwerer Vorwurf mit. Draco war plötzlich zu Tode angewidert von den Gryffindors. Hermine und ihre verdammten Ideale! Was hatte sie erwartet? Dass er, Potter und Weasley sich wie Brüder umarmen würden? Er entschied sich, ihre Naivität zu bestrafen.
„Ja, ich denke schon", sagte er eisig. „Aber, danke für den Versuch."
Er streckte den Arm aus und schlang ihn um ihre Taille. Er zog sie eng an sich und lehnte sich zu ihr hinunter, um sie auf ihren überraschten Mund zu küssen. Er nahm sich Zeit, da er meinte, dass er es genausogut richtig auskosten konnte, wenn er nach dieser Aktion ohnehin schon so gut wie tot war. Da er im Sinn hatte sie zu züchtigen, kostete er sie ausgiebig und ließ seine Zunge in süßer Folter über ihre Lippen gleiten. Seine Sinne wurden erfüllt von dem Gefühl, Duft und Geschmack von ihr. Sein eigener Puls beschleunigte sich, was überhaupt nicht beabsichtigt war.
Hermine war zu steif und geschockt, um zu reagieren. Von all den Risiken, die er in den letzten Tagen auf sich genommen hatte, rangierte das Küssen von Hermine mit ihrem Zauberstab in ihrer Hand und vor den Augen ihrer zwei Beschützer ziemlich hoch in der Liste.
Draco knabberte an ihrer Unterlippe, während er sich wünschte, dass der Augenblick nicht so schnell enden müsste. Dann ließ er sie los und trat zurück. Ihre Augen hatten einen ungläubigen, verklärten Ausdruck und sie schien kaum zu atmen. Er fühlte sich selbst ein wenig benommen.
„Du weißt, wo ich sein werde", sagte er trocken und stieg die Treppen hinunter.
Die erschreckte Starre, die Potter und Weasley ergriffen hatte, wurde von Rons Schrei purer Wut durchbrochen.
„Du Bastard!"
Draco blieb nicht stehen, doch er warf Weasley einen Blick zu. Zu seiner Belustigung packte Potter Rons Arm, bevor er einen Fluch auf Draco losfeuern konnte.
„Halte dein Haustier lieber an der Leine, Potter", bemerkte er, als er an ihnen vorbeischritt. „Er wird sich sonst noch verletzen." Er gluckste leise, während er in Richtung des Slytherin- Gemeinschaftsraums lief und die Gryffindors hinter sich zurückließ. Hermine würde ihn nun wahrscheinlich wieder hassen und Draco fühlte sich zugleich erleichtert und enttäuscht bei diesem Gedanken. Es war alles wieder zurück beim Alten: Draco gegen das Gryffindor- Trio. Er seufzte. Verdammt. Der Kuss hatte sich viel besser angefühlt als er sich vorgestellt hatte...
Hermine war zu geschockt, um sich zu rühren. Dracos Kuss war so intensiv – forschend, neckend und elektrisierend. Innerhalb von zwei Herzschlägen fühlte sie sich so schwach, dass sie kaum stehen konnte. Jeder zusammenhängende Gedanke wurde durch das Gefühl von ihm gegen sie gedrückt und seinem Geschmack auf ihrem Mund übermannt.
Sie taumelte beinahe, als er sie losließ. Benommen blickte sie ihm nach, als er an Ron und Harry vorbeistolzierte und die Treppe ohne einen Blick zurück hinunterrauschte. Nur flüchtig bemerkte sie, wie Ron sich auf Draco stürzen wollte, jedoch von Harry gestoppt wurde.
Erst als ihr Blick zurückwanderte und Harrys stürmischen grünen Augen begegnete, schnappte sie zurück in die Realität. Sie spürte Schamesröte in ihr Gesicht steigen. Harry stieg die Stufen empor, bis er neben ihr stand.
„Ich hoffe, du hast eine verdammt gute Erklärung dafür", sagte er und ging weg. Ron folgte ihm und blickte sie mit verärgerter Empörung an.
„Du küsst Draco Malfoy?", spie er aus. „Was zur Hölle habt ihr beiden getrieben? Wer zur Hölle bist du?" Er stürmte Harry hinterher.
Hermine schaute zum Kerkereingang. In diesem Moment hätte sie es vorgezogen, Draco nachzulaufen als ihren zwei aufgebrachten Gefährten zu folgen.
Warum hatte er sie geküsst? Nur um Harry und Ron zu verärgern? Oder war es mehr als das? Am Haus der Riddles hatte sie geglaubt, dass er sie küssen würde, doch der Augenblick war verstrichen und sie war sicher gewesen, dass sie es sich nur eingebildet hatte...
Hermine seufzte und schüttelte ihre Gedanken an Malfoy ab. Hermine konnte ohnehin nie wissen, was sie von ihm zu erwarten hatte. Er könnte einen Grund für sein Handeln gehabt haben, es könnte aber auch infolge impulsiver Belustigung gewesen sein.
Sie eilte hinter Harry und Ron her. Sie holte sie ein, als sie im fünften Stock darauf warteten, dass die Treppe sich umdrehte.
„Schaut mal, ich weiß, dass es schwer ist. Es wird schwer für euch sein, Malfoy zu akzeptieren – vielleicht sogar unmöglich, doch wir können wirklich alle Hilfe gebrauchen", versuchte Hermine, sie zur Vernunft zu bringen. „Es war für mich auch nicht leicht."
„Ach wirklich", höhnte Ron. „Du schienst ihn ja nicht besonders hart bekämpft zu haben."
„Alles, was er getan hat, war mich zu küssen, Ronald! Ich nehme an, ich hätte ihn in einen Mungo verwandeln sollen?", schnappte sie.
„Ja!", brüllte Ron.
„Nun, ich bin mir sicher, dass er es nur getan hat, um euch zu irritieren. Und es hat ja anscheinend funktioniert! Wir sind die letzten zwei Tage durch die Hölle gegangen und ich glaube nicht, dass ich es ohne seine Hilfe geschafft hätte. Und Neville sicherlich auch nicht. Ich erwarte nicht, dass ihr an seine Veränderung glaubt, aber es steckt mehr in Draco Malfoy als die nervige Fassade, die er ständig aufsetzt."
„Tonks hätte Neville gerettet", sagte Harry hartnäckig, während er auf die Treppe stieg.
„Oh wirklich? Direkt nachdem Dobby und Kreacher verschwunden sind? Meinst du, sie hätte es allein mit allen Todessern aufnehmen können? Selbst ich wurde schon ausgeschaltet. Wenn Malfoy uns verraten wollte, hätte er uns beide mit Neville dort lassen können."
„Ich will kein einziges Wort mehr über St. Malfoy hören!", entschied Harry laut. Ron nickte in eifriger Zustimmung.
„Fein!", keifte sie. „Vergrabt eure Köpfe in Sand und weist Hilfe ab, wenn sie euch angeboten wird! Niemand anderes wird euch über die Todesser oder den nächsten Schritt von Voldemort informieren können. Vielleicht solltet ihr mal darüber nachdenken, statt euch an euren kindischen Hass zu klammern!"
Sie stürmte weg.
„Kindisch?", brüllte Harry ihr hinterher.
„Ich bin in der Bibliothek, falls ihr beide euch dazu entscheidet, erwachsen zu werden!", rief sie zum Abschied.
Zwanzig Minuten später kamen Harry und Ron in die Bibliothek. Hermine hatte sich beinahe vollständig hinter Stapeln von verstaubten Wälzern eingemauert.
„Irgendwas gefunden?", fragte Harry verlegen.
Sie schüttelte den Kopf. „Nicht eine einzige Bemerkung zu einem Horkrux. Ich glaube, ich muss weiter zurückgehen. Vielleicht finde ich in den Runenschriftrollen eine Erwähnung dazu, wer sie erfunden hat. Es könnte uns zumindest einen Anfang erleichtern. Wenn wir wissen, wie sie erschaffen werden, können wir vielleicht feststellen, wie man einen zerstört."
„Ich weiß, wie sie gemacht werden. Naja, nicht den Zauber, aber den Vorgang. Sie werden durch Mord erschaffen, also ist es nicht so, als ob wir es rückgängig machen könnten."
Hermine seufzte. „Nein. Vielleicht ist es mehr wie Exorzismus – dass wir die Seele, die in dem Gegenstand gefangen gehalten wird, befreien müssen. Wenn uns nichts anderes einfällt, müssten wir vielleicht die Mordor- Lösung anwenden. Ich sehe keine Möglichkeit, wie das versagen könnte."
„Was ist die Mordor- Lösung?", fragte Ron widerwillig.
„Es in einen aktiven Vulkan zu werfen", antwortete Harry.
„Davon haben wir nicht sehr viele in England."
„Wir haben überhaupt nirgendwo in der Nähe sehr viele davon", sagte Hermine. „Hoffentlich können wir eine praktikablere Lösung finden. Ich versuche jetzt mein Glück in der Abteilung für Religion und Klerus. Ihr könnt diese hier durchsuchen. Ich würde die Übersetzungsrollen der Alten Runen lieber als letzte Rettung aufheben."
Sie verschwand wieder zwischen den Regalen.
Draco wurde es allmählich leid, allein im Slytherin- Gemeinschaftsraum zu sitzen. Er erwog, Hermine durch die Münze zu kontaktieren, war sich aber nicht sicher, wie sie darauf reagieren würde. Schließlich entschied er sich, auf eigene Faust Untersuchungen anzustellen.
Als er die Bibliothek betrat, überkam ihn ein Anflug von Ärger, Potter und Weasley anzutreffen. Weasley saß am Fenster, wo er ein großes Buch, das auf seinem Schoß lag, durchblätterte und aussah, als wolle er lieber in Öl gekocht werden. Potter hatte sich an einem Tisch niedergelassen und war von Bücherstapeln umgeben. Hermine war nirgendwo in Sicht, was kein gutes Zeichen war. Vielleicht war sie doch aufgebrachter, als er erwartet hatte.
Harry sagte nichts, sondern blickte ihm nur aus kühlen grünen Augen entgegen.
„Verzieh dich, Malfoy", zischte Ron giftig.
Draco lächelte träge.
„Wo ist Granger?", fragte er, nur um Rons Reaktion darauf beobachten zu können. Sie war besser als erwartet.
„Lass sie ja in Ruhe!", brüllte Ron, während er sein Buch zur Seite warf und auf die Füße sprang.
Draco schnalzte die Zunge. „Es überrascht mich nicht, dass sie mich dir vorzieht, Weasel. Hast du in letzter Zeit mal in den Spiegel geschaut? Du hast sechs Jahre Zeit gehabt, sie für dich zu gewinnen, aber ich vermute, du hast schon dein Bestes gegeben. Mich hat es nur zwei Tage gekostet, aber das war ja zu erwarten gewesen, nicht?"
„Du solltest besser das Maul halten, bevor ich es für dich tue!"
Draco seufzte. „Deine Drohungen haben sich auch nicht verbessert. So leer wie eh und je."
„Bist du nur hergekommen, um dein übliches widerliches Selbst zu spielen, Malfoy?", warf Harry ein. Dracos Blick schweifte zu Potter, der überraschend lässig erschien.
„Nein. Ich habe keine Gesellschaft erwartet", gab er zu.
„Fühl dich frei zu tun, wozu du hergekommen bist, und hör auf, Ron aufzuhetzen."
„Wenn du hergekommen bist, um nach Hermine zu suchen: Sie ist nicht hier", sagte Ron. „Sie ist höchstwahrscheinlich damit beschäftigt, ihren Mund mit starker Seife auszuwaschen."
Weasleys Erwiderung war lächerlich. Doch Draco entschied, das Thema fallen zu lassen. Hermine zuliebe würde er sogar ein Friedensangebot machen.
„Reg dich ab, Weasel. Ich habe sie nur geküsst, um euch wütend zu machen. Du weißt doch, dass ich mich nie mit einem Schlammblut besudeln würde."
Draco vernahm ein Keuchen hinter ihm und sah Hermine mit den Armen voller Bücher hinter ihm stehen zu sehen. Ihre Augen waren weit aufgerissen und spiegelten blankes Entsetzen wider. Draco fühlte sich, als ob ihm jemand eine Faust in den Magen gerammt hätte. Tränen schwammen in Hermines braunen Augen. Sie knallte die Bücher auf den nächsten Tisch und verschwand zwischen den Regalen der Bibliothek.
Draco setzte ihr zwei Schritte nach und hielt dann inne, als er sich bewusst wurde, dass die Blicke ihrer Freunde auf ihm ruhten. Mehrere Flüche lagen ihm auf den Lippen. Sechs Jahre lang hatte er sie versucht zu verletzen und doch hatte er sie am tiefsten getroffen, als er es am wenigsten vorhatte.
Draco zwang sich zu einem kalten Lächeln, das ihm nur durch Jahre der Übung gelang, und ließ sich vor dem Bücherstapel nieder. Er ignorierte Potter und Weasley und schlug einen der Wälzer auf. Ohne ein Wort zu sagen blätterte er Seite um Seite um.
Hermine kehrte zurück und schritt an Draco vorbei, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen. Sie setzte sich gegenüber von Harry. Ron eilte hinüber, um sich neben sie niederzulassen.
„Also gut", sagte sie brüsk. „Nun, da wir alle hier sind, können wir anfangen, ein paar Ideen zu sammeln." Ihre Stimme war fest, doch Draco konnte einen verletzten Unterton ausmachen. Sie beschwor ein Blatt Pergament und eine Schreibfeder herauf. „Was wissen wir über Horkruxe? Wir sollten die Liste abarbeiten und mit den Personen, die damit in Verbindung stehen, anfangen. Die erste Person natürlich ist Voldemort. Ich denke, wir müssen uns auf die anderen Personen konzentrieren, zum Beispiel die, die über sie bescheid wissen – oder wussten. Professor Slughorn wusste bescheid, da er Tom Riddle die Information gegeben hatte, auch wenn Voldemort es ursprünglich von einer anderen Quelle erfahren hatte. Ich glaube nicht, dass wir es jemals herausfinden werden, aber wir könnten vielleicht in Erfahrung zu bringen, woher Slughorn sein Wissen darüber hat. Hat er davon gelesen, ist es ein geheimnisvolles Wissen, das ihm seine Vorfahren überliefert haben, oder irgendeine andere Quelle? Wenn es darauf ankommt, werden wir ihn wohl darauf ansprechen müssen." Sie machte sich flüchtig einige Notizen.
„Die nächste Person von Interesse ist Severus Snape. Er scheint über die Horkruxe bescheid zu wissen, wahrscheinlich von Dumbledore, aber vielleicht auch nicht."
Draco gab es auf Unaufmerksamkeit vorzutäuschen und ging zum Fenster, wo er sich in einen Sessel fläzte. Er schlug ein Bein über den Sesselarm und spielte mit seinem Zauberstab. Hermine hielt nicht inne.
„Die nächste Person ist Regulus Black. Er hat nicht nur über das Wesen eines Horkruxes bescheid gewusst, sondern auch über Voldemorts Horkruxe. Irgendwie ist es ihm gelungen, einen zu stehlen. Wir haben diesbezüglich zu viele unbeantwortete Fragen. Wie hat er es herausgefunden? Er sagte, er kenne Voldemorts Geheimnis, aber warum sollte ihn das vom Todesserdasein abwenden? Sirius hat gesagt, dass er keine Aussicht mehr sehen konnte und deshalb versucht hat auszutreten – wegen des Auftrags, den er erhalten hatte."
„Falsch", sagte Draco in einem gelangweilten Tonfall. Hermine verstummte und drei Augenpaare richteten sich auf ihn. Während er seinen Zauberstab zwischen den Fingern herumwirbelte, zuckte er die Achseln. „Regulus war ein typischer Black, bösartig, blutdurstig und besessen vom fanatischen Reinblüter- Ideal. Sirius war die Ausnahme – was ihm die Enterbung einbrachte."
Die anderen schwiegen, obwohl Ron bei der Erwähnung von „Reinblüter- Ideal" aufschnaubte. Draco fuhr fort: „Regulus hatte nicht im Geringsten Hemmungen davor, die schmutzigen Geschäfte, die der Dunkle Lord ihm abverlangt hat, abzuwickeln. Ich glaube nicht, dass die Horkruxe ihn sehr gestört hätten. Eigentlich handelte es sich bei dem Geheimnis, das Regulus aufgedeckt hat, um die Tatsache, dass sein toller neuer Herr und Meister ein Halbblüter ist. Regulus war von Geburt an mit der Vorstellung aufgewachsen, dass Reinblüter dem Adel angehören und alle anderen minderwertig sind. Könnt ihr euch denken, wie entsetzt und verraten er sich dabei vorgekommen wäre zu entdecken, dass er seine Seele an jemanden verkauft hatte, den er für wertlosen Abschaum hielt? Von dem, was ich höre, hätte Mum Black ihm bei der reinen Vorstellung den Cruciatus- Fluch aufgehalst. Ist euch aufgefallen, dass keiner der anderen Blacks sich darum bemüht hat, Todesser zu werden? Es war unter ihrer Würde. Regulus hat mit seinem Eintritt in den Todesserzirkel seiner Familie eine lange Nase gedreht. Es wäre unverzeihlich für sie gewesen, wenn sie erfahren hätten, dass der Dunkle Lord ein Halbblut ist. Ich glaube, Regulus ist bei der Entdeckung ein wenig durchgedreht. Und das ist der Grund, warum er begonnen hat, alles zu zerstören, was dem Dunklen Lord etwas bedeutet."
„Woher weißt du das alles?", wollte Harry wissen.
„Regulus war der Lieblingscousin von meiner Mutter. Sie haben sehr viel Zeit miteinander verbracht. Ich glaube, er war halb in sie verliebt, obwohl sie sechs Jahre älter war und bereits mit meinem Vater ausging. Sie war am Boden zerstört, als er verschwunden ist, aber sie kannte seine Beweggründe. Sie hat gesagt, er wäre für sein junges Alter verteufelt schlau. Er hat wohl noch mehr Dunkle Zaubersprüche erfunden als sein Freund Severus Snape."
„Sie waren Freunde?", ertönte schließlich Hermines Stimme. Draco fasste es als Ermutigung auf.
„Sie standen sich so nahe, wie es zwei egozentrische, überehrgeizige Einzelgänger nur sein konnten. Offensichtlich war die größte Gemeinsamkeit ihr tiefer, beständiger Hass zu James Potter und Sirius Black."
Harry blickte ihn ungläubig an. „Regulus hat Sirius gehasst? Seinen eigenen Bruder?"
„Ist das so schwer zu glauben? Regulus war der goldene Junge der Black- Familie, so wie er sich glücklich an ihre Familientradition und die Dunkle Künste geklammert hat. Sirius war der Ausgestoßene, der sich trotzig mit Werwölfen und Mugglegeborenen anfreundete und alles missachtete, wofür seine Familie einstand. Regulus war zwei Jahre jünger. Als er nach Hogwarts gekommen ist, haben ihn Potter und seine Gang gnadenlos gequält. Regulus hat die Dunklen Künste teilweise zur Selbstverteidigung ausgeübt."
„Woher hat er von Voldemorts Horkruxen erfahren?"
Draco nickte. „Das habe ich mich auch gefragt und eine Theorie aufgestellt. Ich halte es für wahrscheinlich, dass Bellatrix Lestrange es ausgeplaudert hat." Er hielt seinen Zauberstab fest und lehnte sich vor, da er das neuartige Gefühl genoss, drei Gryffindors gebannt an den Lippen hängen zu haben, und dadurch allmählich Begeisterung zu dem Thema aufbrachte. „Bella ist die wildeste von den Anhängern des Dunklen Lords. An der Grenze zu Wahnsinn, wie wir alle wissen. Sie rühmt sich damit, die treueste, zuverlässigste und beliebteste zu sein. Jetzt stellt euch den jungen Regulus vor, wie er zu ihnen stößt – ebenso fanatisch, aber nach dem, was man hört, sehr viel talentierter. Rücksichtslos und kreativ – eine Kombination, die der Dunkle Lord anerkennen und schätzen würde. Bellatrix war wütend. Sie war, laut Mutter, immer eifersüchtig auf Regulus gewesen. Ich glaube, dass der Dunkle Lord Bella einen Horkrux anvertraut hat. Ob sie ihn verstecken oder bewachen sollte, können wir nur spekulieren. Sie könnte vielleicht gar nicht gewusst haben, worum es sich dabei handelte, außer dass es dem Dunklen Lord von unschätzbarem Wert war. Wahrscheinlich ist Bella, überwältigt von dem Zeichen der Treue, direkt zu Regulus geeilt, um mit ihrer begünstigten Stellung zu prahlen. Und Regulus, sehr viel klüger als Bellatrix, hätte genau gewusst, was es war. Sobald er von dem schmutzigen kleinen Geheimnis des Dunklen Lords erfahren hatte, hätte er dieses Wissen verwendet."
Hermine schüttelte den Kopf. „Wenn er so schlau war, warum ist er dann so schnell erwischt und aus dem Weg geräumt worden?"
Draco seufzte. „Das hat mich schon immer gestört. Ich war nie davon überzeugt, dass er wirklich umgebracht worden ist. Wenn irgendjemand Tod vortäuschen und den Dunklen Lord hereinlegen könnte, dann Regulus Black."
„Aber wäre er nicht aus seinem Versteck gekommen, sobald Voldemort verschwunden war?"
„Nicht wenn er wie ein König auf Fidschi gewohnt hat. Er hat vielleicht alles hingeschmissen und ist geflohen. Schwer zu glauben, dass er seine verehrte Mutter zurückgelassen hätte, aber so rücksichtslos, wie er war, wäre es denkbar. Oder vielleicht hat er einen Fehler gemacht und die Todesser haben ihn erwischt."
„Ich fragte mich, ob es irgendeinen Weg gibt, seinen Tod eindeutig festzustellen", überlegte Hermine. „Weiß jemand, wo er angeblich getötet wurde?"
„Meine Eltern und der Großteil der Todesser. Nur sind sie leider im Moment nicht erreichbar", antwortete Draco.
„Das wären sie, wenn wir Telefone hätten", schnappte Hermine.
Draco grinste. Wenigstens redete sie noch mit ihm... mehr oder weniger.
„Ich würde vorschlagen, alte Kopien des Tagespropheten durchzuschauen, aber ich denke nicht, dass sie sehr viel Platz an tote Todesser verschwendet haben."
„Trotzdem", beschloss Hermine. „Wir könnten ja wenigstens ein Mal Glück haben. Soweit ich weiß, waren das all unsere Personen. Als nächstes müssten wir uns die Gegenstände anschauen. Den Becher haben wir schon, das Medaillon ist verschwunden und wir haben keine Ahnung, was für Hinterlassenschaften von Gryffindor und Ravenclaw Voldemort benutzt haben könnte. Anstatt bei dem Versuch herauszufinden, wonach wir suchen könnten, Zeit zu verschwenden, sollten wir uns lieber auf die Orte konzentrieren. Sobald wir einen Ort lokalisiert haben, sollte die übrige Arbeit relativ einfach sein. Wir hatten Glück mit dem Becher, obwohl wir keine Ahnung haben, warum Snape Malfoy helfen sollte, das Ding zu finden."
„Er mag mich", warf Draco bescheiden ein.
„Na wenigstens einer", höhnte Ron. „Das heißt, wenn man Snape als eine Person betrachtet." Er kicherte ihn sich hinein.
„Und die anderen Gegenstände waren alle an Plätzen versteckt, die eine Bedeutung für Voldemort hatten. Wenn wir die Orte feststellen könnten, die Tom Riddle etwas bedeutet haben..."
„Das Waisenhaus", sagte Harry plötzlich. „Dumbledore hat mir erzählt, dass Riddle in einem Muggle- Waisenhaus aufgewachsen ist. Die Höhle, zu der er Kinder mitgenommen hat, um ihnen einen Schreck einzujagen, war das Versteck eines Horkruxes – warum nicht auch der Ort, an dem er das erste Mal von seiner Identität als Zauberer erfahren hat?"
„Aber er hat es dort doch gehasst. Er verachtet seine Muggle- Wurzeln."
„Ein Grund mehr, es als einen Ort zu benutzen, an dem er seinen größten Triumph auslebt. Ich werde McGonagall bitten... oh das geht nicht. Wir müssen uns wohl selbst durch die alten Dokumente arbeiten. Ich werde herausfinden, wo die archivierten Schülerunterlagen aufbewahrt werden, und die Adresse mitgehen lassen."
„Ich helfe dir", bot Ron an.
„In Ordnung. Wo noch?"
„Hogwarts natürlich. Er ist besessen von diesem Ort", sagte Draco.
„Das stimmt. Wir müssen vielleicht die Kammer des Schreckens betreten."
„Dumbledore war sich sicher, es durch und durch untersucht zu haben", warf Harry ein.
Ron erschauderte. „Lasst uns das als letztes aufheben. Es ist schrecklich da unten. Voller Spinnen."
„Wir hätten es vielleicht schon vor Ewigkeiten durchsuchen sollen, aber du hast Recht, Harry. Dumbledore hat es wahrscheinlich schon richtig untersucht. Vielleicht hat Voldemort geplant, das Tagebuch für alle Zeit in Hogwarts zu behalten. Ein Buch hätte in einer Schule nicht sehr viel Aufmerksamkeit erregt. Malfoys Vater hat uns tatsächlich einen Gefallen getan mit seinem kleinen Streich, obwohl es zur der Zeit noch nicht den Anschein hatte."
Drei anklagende Augenpaare richteten sich auf Draco, der sie geflissentlich ignorierte.
„Ich würde auch das Zaubereiministerium vermuten", sagte er.
„Das Ministerium?", fragte Harry überrascht.
„Es würde ihn belustigen. Schwer für den Dunklen Lord, so einen Gegenstand hineinzuschmuggeln, aber seine Diener haben häufig freien Zugang zu dem Gebäude. Entweder das oder ein simpler Imperius- Fluch auf einem der Ministeriumsbeamten."
„Da werden wir es doch nie finden", sagte Ron. „Das Gebäude ist voll von seltsamen Dingen."
„Stimmt. Wir müssten dazu genau wissen, wonach wir suchen. Selbst dann würde es eine Weile beanspruchen. Ich werde dann wahrscheinlich einen Weg finden müssen, mit meinem Vater Kontakt aufzunehmen, um herauszufinden, ob er etwas weiß. Zu schade, dass ich nicht die Gelegenheit hatte, ihn darauf anzusprechen, bevor ich gegangen bin."
Einen Augenblick lang schwieg Draco nachdenklich. Seine Mutter war wahrscheinlich verrückt vor Sorge. Er musste ihr eine Nachricht schicken. Es gab einen Weg, der jedoch unangenehm war und ein großes Risiko barg.
Hermine fuhr fort: „Ich werde eine Liste mit allen Orten erstellen, an denen Voldemort einen Horkrux versteckt haben könnte, wie gering die Chancen auch sein mögen. Ich sage es ja nur ungern, aber Godrics Hollow ist auch ein mögliches Versteck."
Harry erbleichte. Hermine streckte ihren Arm aus und drückte sanft seine Hand.
„Du musst da nicht zurückgehen. Ron und ich schaffen es auch alleine."
Draco schnaubte beinahe. Ron schaffte es kaum, sich selbst anzukleiden. Ihre Bemerkung zeigte ihm deutlich, dass er nicht in ihre Pläne eingeschlossen war. Er würde wohl diese irrtümliche Annahme korrigieren müssen.
Als Hermine ihre Notizen auf dem Pergament beendet hatte, sagte sie: „Das war alles zu den Orten, es sei denn, uns fallen noch mehr ein. Die Zeit tut nichts zur Sache und wir werden sowieso nicht viel Glück mit den Daten haben. Wir wissen wirklich nicht, wann er die Horkruxe erschaffen hat, und auch nicht, wann er sie versteckt hat. Das gleiche gilt für die Art und Weise, in der er es getan hat. Diese Information scheint tief vergraben zu sein. Zum Schluss wissen wir bereits den Grund. Weil er den Tod fürchtet und komplett verrückt ist."
Hermine blickte die anderen an.
„Wo wollen wir anfangen? Harry, hat das Denkarium irgendetwas gebracht?"
Harry errötete. „Ich arbeite noch daran. Bis jetzt war es noch nicht sehr ertragreich."
Draco hob eine Augenbraue. Harry hatte in dieser Bemerkung ganz offensichtlich Bände von Informationen weggelassen. Gryffindors waren so durchschaubar. Hermine schien diese Unterschlagung jedoch nicht bemerkt zu haben.
„Nun, ich schlage vor, dass ihr damit weitermacht und zusätzlich herausfindet, wo die Schülerunterlagen archiviert sind. Ich bin gerade am Verhungern, deshalb will ich etwas zu essen holen, bevor ich zurückkomme und versuche, die Auswahl an möglichen Orten einzugrenzen. Ron, vielleicht kannst du die Archive suchen, während Harry sich mit dem Denkarium beschäftigt. Malfoy... mir ist es wirklich schnuppe, was du tust."
Hermine rollte das Pergament zusammen und stolzierte hinaus. Ron blickte Draco selbstgefällig an, was dieser mit einem bösen Grinsen erwiderte.
„Ihr habt eure Befehle erhalten! Dann fangt mal an!" Er schnipste mit den Fingern zur Bekräftigung. „Während ihr beschäftigt seid, habe ich vor, mich hier auszuruhen und meinen Schlaf nachzuholen. Genießt euren Nachmittag."
Draco lehnte sich mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck in den Sessel zurück. Er schloss die Augen und lauschte Harry und Ron, die vor sich hin murmelten, während sie hinausstampften. Draco gluckste in Befriedigung. Nun... was sollte er mit Hermine Granger anfangen?
