Vierter Teil: Wolfszeit
Kapitel 20:
Kästchen, Sarg und Brief
Mittwochmorgen. Im stickigen, staubigen Besprechungsraum der Aurorenzentrale quetschten sich sechs Personen um einen runden Tisch und lauschten ihrer Chefin Wang, die die bisherigen Ermittlungen im Fall Gustaf Cucudi in knappen Worten zusammenfasste. Ron saß glücklich mittendrin, und dass die meisten seiner sechs neuen Kollegen genervt, gelangweilt oder ironisch dreinschauten, störte ihn überhaupt nicht. Klar, ein unauffindbarer Ministeriumsbeamter schien auf den ersten Blick vielleicht wirklich kein Fall für ein Auroren-Inquisitorium zu sein, aber er war jedenfalls hautnah mit dabei. Weil er nur mittwochs und freitags hier mitarbeiten durfte, hatte er seit Sonntag gebangt, dass sich irgendjemand das Kästchen noch einmal gründlicher vornehmen und vielleicht etwas entdecken würde, bevor er es selbst wieder in die Hände bekam. Aber das war anscheinend nicht passiert: Das Kästchen stand in der Mitte des Tisches, neben einem düsteren und ziemlich nichtssagenden Bild, das sozusagen der einzige andere Gegenstand im Büro des Abteilungsleiters gewesen war. Mit diesem Bild, einer grau-schwarzen Zeichnung von irgendeinem Teich zwischen dunklen Bäumen, konnte er nichts anfangen, aber das Kästchen mit dem Vampir darin hatte es ihm angetan. Er wusste einfach, dass da noch mehr war, und was er in den letzten zwei Tagen nach dem Unterricht noch gelesen hatte, schien ihm seine Vermutung zu bestätigen.
Ob er sich das Ding jetzt noch einmal nehmen und von nahem ansehen konnte?
„Um es kurz zu machen, wir haben so gut wie keine Fortschritte gemacht", sagte Wang. „Der Mann hatte weder Familie noch Freunde, anscheinend nicht einmal nähere Bekannte. Niemand weiß, was er getrieben hat, wenn er sich nicht im Ministerium aufhielt, oder ob das möblierte Zimmer in der Fenchurch Street wirklich sein einziges Zuhause gewesen ist. Seine Angehörigen in Finnland geben an, dass sie seit seinem Eintritt in die Mysteriumsabteilung 1957 nichts mehr von ihm gehört haben."
Ron angelte das Kästchen zu sich heran – ein bisschen zögernd, in der Erwartung, dass ihn jemand zurückpfeifen oder zumindest strafend ansehen würde. Aber niemand beachtete ihn.
„Seine Akte konnten wir übrigens noch nicht durchsehen", sagte Broomcarver mit Betonung.
„Was soll das heißen?"
„Die hat Skanne immer noch."
„Die auch?", fragte Jones. „Der muss ja wirklich 'ne Menge zu tun haben. Gestern hab ich ihn im Archiv mit einem ganzen Stapel Prozessakten gesehen, ich dachte, es geht um Cucudi, und wollte mal ein bisschen nachfragen – aber er hat sich sehr bedeckt gehalten. Sagte, er hätte auch an anderen Fällen zu arbeiten. War irgendeine alte Sache aus den Fünfzigern."
Wang seufzte. Mit Skanne zusammenzuarbeiten, war nicht gerade ein Vergnügen, denn der war nicht ihr oder wenigstens Gawain Robards, dem Chef der Aurorenabteilung, unterstellt, sondern nur dem Minister selbst und konnte sich deshalb eine Menge Extratouren herausnehmen.
„Der gute Brian tanzt zur Zeit anscheinend auf vielen Hochzeiten", bemerkte Mainwaring grinsend. „Soviel ich weiß, will er heute auch nach Hogwarts und dort an der Snape-Bestattung teilnehmen. Rechnet anscheinend damit, dass der plötzlich wieder aus seinem Sarg steigt."
„Genug davon", beschloss Wang das Thema, bevor der Ton gänzlich entgleisen konnte. „Skanne wird uns gleich noch etwas ausführlicher über Körperwechsler informieren. Morgen reist er für ein paar Tage nach Irland, dann werden wir sicher auch die Akte bekommen. So oder so wird sie uns wohl kaum weiterhelfen", stellte sie säuerlich fest. „Im Augenblick haben wir keinerlei Anhaltspunkte dafür, wo Cucudi sich aufhalten könnte, warum – oder in welcher Gestalt, wenn Barclays etwas ungewöhnliche Vermutung zutreffen sollte. Alles, was wir wissen, ist, dass er wahrscheinlich unter irgendeiner Krankheit oder Verwirrung leidet. In den nächsten Tagen wird der Minister seine Absetzung offiziell verkünden."
„Wenn an dieser Körperwechsler-Geschichte von Barclay was dran ist, dann werden wir ihn nie finden", sagte Broomcarver düster. „Mir ist ohnehin nicht klar, wieso wir ihn überhaupt suchen. Das ist ein Fall für die Brigaden. Er hat ja kein Verbrechen begangen oder so, er ist nur –"
„Mr Broomcarver, Sie vergessen die Tatsache, dass sich in der Mysteriumsabteilung durchaus einige klärungsbedürftige Dinge zugetragen haben –"
„Ist das nicht immer so?"
„– so ist zum Beispiel Julius Jungbungle, nachdem er aus dem Nähkästchen geplaudert hat, auf immer noch ungeklärte Weise mundtot gemacht worden – und dann haben wir noch Frizzleburst, dessen Ermordung möglicherweise auch auf irgendeine Weise mit seiner früheren Tätigkeit in der Abteilung zu tun hat", fuhr Wang fort.
Wangs geschliffene Sätze gingen an Ron ausnahmsweise einfach vorbei. Das Kästchen war aus Metall und fühlte sich kühl an. Nach wie vor steckte der Schlüssel. Beknackt, dachte er. Man kann es aufmachen und alles. Und ganz sicher haben die längst Specialis revelio oder irgend so was damit versucht. Und jetzt komm ausgerechnet ich mit meinen frisch gelernten Fluchbrecher-Sprüchen …
„Also, haben wir wenigstens irgendetwas Neues über dieses Bild hier oder das Kästchen?", fragte Wang in diesem Augenblick und sah Ron direkt an. Der hatte dummerweise gerade den Schlüssel berührt und erschrak nun, als er sich so unerwartet doch noch ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt fand. Die Folge war ein Klicken im Schloss, der Deckel klappte auf, und der kleine Vampir schoss heraus. Begleitet von blechernem Gelächter zog er eine flackernde Runde durch den Raum. Die Auroren grinsten, und Ron wurde knallrot und wünschte nur, er könnte versinken. Nur Wang verzog keine Miene, sondern wartete, bis der Vampir in seine Kiste zurückgekehrt war und Ron den Deckel mit zitternden Händen wieder geschlossen hatte.
„Nun, Mr Weasley, haben Sie denn irgendetwas über dieses Kästchen in Erfahrung bringen können?"
„Ja – äh – es ist ein Kinderspielzeug –" Eine unglückliche Antwort, und leider wurde auch prompt gelacht.
„Dervish & Banges hat früher solche Dinger hergestellt", warf Broomcarver lässig ein. „Meine Mutter hatte auch mal so eins."
Ron gab sich einen Ruck. Er hatte bestimmt nicht umsonst stundenlang im Archiv und in der Bibliothek verbracht! „Dieser Vampir soll vermutlich eine bestimmte Art von Gebirgsvampir aus dem Norden darstellen, das – äh – kann man an seinem Gesicht sehen. Und diese Vampire bewachen in ihren Höhlen angeblich Schätze", sagte er und hoffte, dass sich die Röte nun endlich aus seinem Gesicht verziehen würde.
„Das ist interessant, Mr Weasley", sagte Wang überraschend ermutigend. „Und nun vermuten Sie, dass auch dieser Vampir –?"
Ron nickte. „Es könnte doch sein, dass – ich würde gern mal einen bestimmten Zauber versuchen – ich weiß, Sie haben bestimmt schon alle – aber –" Verdammt noch mal, musste er jetzt auch noch ins Stottern kommen? Was für eine blöde Situation! Aber er musste das einfach ausprobieren!
„Nur zu, versuchen Sie's. Solange es nichts ist, das unser mageres Beweismaterial vernichtet –"
„Nein – es ist nur ein Öffnungszauber –", erwiderte Ron. Dass die zu erwartenden Schätze laut Scharfzahnige Hort-Hüter im Allgemeinen vergiftet waren, hielt er für ein Detail, das nicht unbedingt jetzt erwähnt werden musste.
„He, also öffnen kann man das Ding doch!", sagte Broomcarver. „Der Schlüssel steckt!"
Ron hatte Broomcarver satt. Er nahm seinen Zauberstab, sammelte sich und hoffte nur inständig, dass er jetzt keinen Mist baute. „Iftach-ya Kästchen!", murmelte er mit aller Konzentration und führte genau die herrische Peitschbewegung mit dem Zauberstab aus, die Bill ihm beigebracht hatte.
„Die Zauber des Orients –", kommentierte Broomcarver albern. Aber sie reckten alle die Hälse, um zu sehen, was geschah.
Es geschah gar nichts, und Ron fühlte, wie die sengende Röte schon wieder seinen Hals hinaufkroch.
„Warum hast du denn –", setzte Mainwaring an, aber dann sahen sie alle, dass doch noch etwas passierte. Der Deckel klappte wieder auf, und der Vampir schaffte es gerade eben aus seinem Gefängnis hinaus, um dann mit einem Grunzen auf die Tischplatte zu fallen. Dort torkelte er im Kreis herum. Dieser Erfolg sorgte für ein paar Lacher und dumme Bemerkungen.
„Den hast du erledigt!"
„Mit dem Schlüssel ging das –"
In eben diesem Augenblick aber begann der silberne Schlüssel auf einmal zu vibrieren und drehte sich dann von allein im Schloss. Auch der Schlüsselkopf veränderte sich – das fiel zumindest Ron auf.
„Da, habt ihr das gesehen –"
„Der Schlüssel! Was war denn das für eine Formel –"
Und dann flog mit einem Knall eine schmale Klappe unten an dem Kästchen auf und krachte auf den Tisch. Ron fühlte klaftertiefe Erleichterung, dicht gefolgt von einer Woge des Triumphes.
„Ein doppelter Boden – Weasley hatte Recht!"
„Ist irgendwas drin?"
Auf einmal redeten sie alle durcheinander und drängten sich um ihn. Rasch nahm er das Kästchen, bevor es jemand anders tun konnte, und sah in das kaum zentimeterhohe Fach, das die Klappe freigegeben hatte. Darin steckte etwas wie ein Papiertütchen. Vorsichtig schüttelte er es in seine Hand.
Es war ein Tütchen, aus braunem Packpapier. Das musste er einfach genauer betrachten, und die anderen hinderten ihn auch nicht, sondern verfolgten die Sache gespannt. Nur bei Xue Wang überwog der gesunde Menschenverstand die Neugier.
„Warten Sie, Mr Weasley! Sie sollten das nicht so einfach –"
Aber da war es schon zu spät. Auf seiner Hand lag etwas, das wie ein paar Fetzen von getrocknetem, dunkelbraunem Blasentang aussah. Als er eine dieser Blasen berührte, platzte sie mit einem winzigen Zischen.
„Was ist das denn?"
„Gib das mal rüber, Ronald! Sieht nach irgendeiner getrockneten –"
„Halt! Rühren Sie das nicht an!", schnitt in diesem Moment eine scharfe Stimme durch den Raum, laut genug, um sie alle innehalten zu lassen. Skanne musste während der ganzen Aufregung unbemerkt in den Besprechungsraum gekommen sein. Jetzt starrte er ungläubig auf die kleinen braunen Blasen, und das unverkennbare Entsetzen in seiner Miene war beinahe ansteckend.
„Zurück! Gehen Sie alle vom Tisch zurück!", sagte er nun leiser, aber nicht weniger scharf. „Und Sie – Mr Weasley, bleiben Sie genau da, wo Sie sind!"
oooOooo
An diesem eisgrauen Morgen war der herannahende Winter zum ersten Mal ohne Zweifel zu spüren. Um Hagrids Hütte herum sah alles kahl und erstarrt aus, fand Harry, und selbst die dunkle Wand des Verbotenen Waldes wirkte eher grau als grün.
Umso überraschter war er, als Hagrid ihn nach dem Frühstück einlud, ihm bei der Ernte von etwas zu helfen, das er „Pixie-Trüffel" nannte. Harry räumte gerade ihre Teetassen und Frühstücksteller weg, während Hagrid in einer Werkzeugkiste herumwühlte.
„Was sind denn Pixie-Trüffel?", fragte Harry und betrachtete zweifelnd zwei angebrannte Toastscheiben, die übrig geblieben waren. Ambrose ließ von Hagrids übel zugerichtetem Flickenteppich ab und stürzte los. Mit seinen krummen und nicht besonders langen Beinen schaffte er einen grandiosen Luftsprung und schnappte Harry das Brot zwischen den Fingern weg. Harry war dankbar, dass er keinen Finger erwischt hatte.
„Glaub, die nennt man auch Heckennüsse", murmelte Hagrid und verwarf klirrend und lärmend ein Werkzeug nach dem anderen. „Hier muss doch noch irgendwo – ah, da is' sie ja."
„Und die sind jetzt reif? Im Dezember?"
„Noch nich' ganz. Eigentlich erst so um Weihnachten rum", erwiderte Hagrid und legte eine kleine Harke in den Sack aus dickem Stoff, in dem schon einige Gegenstände verschwunden waren. „Aber am besten schmecken die, wenn man sie pflückt, bevor sie runterfallen. Un' außerdem hab ich gestern gesehen, dass sich 'ne ganze Bande von Pixies in der Hecke rumtreibt – die lassen nix übrig, wenn wir sie nich' vertreiben. Sin' ganz verrückt nach den Dingern."
Wenige Minuten später gingen sie den kleinen Wiesenpfad entlang zum Wald hinüber, Hagrid und er und Ambrose, der, wie Harry wohl oder übel einsehen musste, der offizielle Anwärter auf Fangs Nachfolge war. Der kleine Dornkragen zerrte an seiner Kette aus Eisengliedern und versuchte unermüdlich, zur Seite auszubrechen. An Hagrid, der ihm wie einem übermütigen Kleinkind mit einer Engelsgeduld gut zuredete, störte er sich nicht im Geringsten. Der Wildhüter sah sich immer wieder besorgt um und wählte schließlich einen Umweg, obwohl es Harry inzwischen vollkommen egal war, ob ihn jemand sah. Genau genommen machte er sogar gerade Pläne, die Bibliothek zu besuchen. Mit zwei großen Zinneimern in den Händen stapfte er über das Gras, das leblos unter einer dicken Rauhreifschicht lag, und hing seinen eigenen Gedanken nach.
„Wird heut noch Schnee geben", sagte Hagrid und seufzte. „Hoffentlich erst, wenn die Feier vorbei is'. Wär' nich' schön, wenn's in das Feuer schneien tät, das wär' so – so, als wär' sogar das Wetter gegen ihn gewesen, mein ich."
„Wie wird denn das laufen, mit dieser – mit der Bestattung?", fragte Harry zögernd. Er war nicht sicher, ob er über Snape sprechen wollte.
„Er wird verbrannt. Liegt jetzt in 'nem Sarg oben im siebten Stock – un' heut Abend gibt's 'ne kleine Zeromo-, 'ne kurze Feier auf dem Astronomieturm."
„Was? Da?", fragte Harry schockiert.
Hagrid nickte düster. „Fand's auch schlimm. Aber das ham Professor Slughorn un' Professor McGonagall bestimmt. Die Schüler sin' nich' zugelassen, nur das Kollegium, un' ich."
Harry wollte nicht über den Astronomieturm nachdenken und auch nicht über Snape, und so gingen sie schweigend weiter.
„Hast du denn gestern von Professor Harper was Nützliches gehört?", fragte Hagrid schließlich.
„Nee. Sie sagt, sie weiß auch nichts. Hat mir geraten, ich sollte dich mal fragen – sie hätte immer so das Gefühl, dass du mehr weißt, als du ahnst."
Sehr zu Ambroses Verdruss blieb Hagrid blieb stehen und starrte Harry misstrauisch ins Gesicht. „Wie – was meint sie denn damit?"
„Keine Ahnung. Und wenn du mich fragst, hatte sie auch keine Ahnung, wovon sie eigentlich redet. Die wollte nur das Gespräch irgendwie beenden."
„Na, das is' ja – das is' ja – wirklich, Harry, ich find, du solltest mal mit Dumbledore reden, weißt du", sagte Hagrid zögernd. „Ehrlich, wenn einer was weiß, dann er! Du hast doch diese Karte noch, diese Schokofroschkarte, oder?"
„Ja. Irgendwo im Rucksack", sagte Harry zurückhaltend.
„Na, dann musst du doch nur mal –" Er unterbrach sich, als er Harrys finstere Miene sah. „Was is' los? Is' er nich' mehr drin? Oder schläft er die ganze Zeit? Weil's nämlich oben in seinem Porträt genauso is'. Ich hab mich schon gefragt – was meinst du, da, wo er jetzt is' – kann er da irgendwie – in Gefahr sein? Oder festgehalten werden oder so was?"
„Meinst du, er ist überhaupt noch – irgendwo?", fragte Harry skeptisch zurück. Seit er in der Muggelwelt gelebt hatte, waren ihm tiefe Zweifel am Wesen der sprechenden Porträts gekommen. Vielleicht war das nur ein Magie-Trick? Warum sollten gestorbene Zauberer mit den Lebenden reden können, wenn gestorbene Muggel ganz einfach nur mausetot waren?
„Aber klar is' er das!", rief Hagrid ganz entrüstet. „Er war der größte Zauberer, der je gelebt hat – meinst du etwa, der verschwindet so einfach?"
„Ja", sagte Harry leise. „Eigentlich denk ich das."
„Na, dann irrst du dich aber! Ich glaub, du warst zu lang bei den Muggeln!"
„Vielleicht. Aber ich glaub, du irrst dich auch mit Dumbledore. Er war nicht der Größte. Er hat sich selbst oft genug geirrt."
„Harry – wenn das jemand anders sagen würd –"
Ambrose zerrte jetzt so wild, dass sie sich endlich wieder in Bewegung setzten.
„Ich weiß schon. Aber hast du mal drüber nachgedacht, wie oft ihm sein großer Plan wichtiger war als die Leute, die er dafür brauchte? Ihm ging's doch vor allem darum, dass Voldemort endlich vernichtet wurde. Dafür hätte er – dafür hat er Menschen geopfert. Leute, die ihm nahe standen."
Hagrid sah ihn ganz unglücklich an. „Ich glaub, da tust du ihm aber mächtig unrecht. Für ihn war's das Allerschlimmste, dass er dich immer wieder in Gefahr bringen musste! Wo du doch schon als Baby – un' wo doch schon James un' Lily – ich glaub, das hat er sich immer vorgeworfen, dass er bei deinen Eltern nich' besser aufgepasst hat!"
Wieder schüttelte Harry nur den Kopf. Irgendwie war die aufflammende Wut, zu der ihn gestern noch Harper provoziert hatte, heute einer traurigen Nachdenklichkeit gewichen. Er fühlte sich wie ein Igel, der sich eingerollt hat, und seltsam still, ganz so wie dieser graue, kalte Tag.
Schließlich sagte er: „Er hat sich oft geirrt. Mit Sirius zum Beispiel hat er sich ganz furchtbar geirrt. Hast du nie darüber nachgedacht?"
Hagrid senkte den Blick, und Harry war klar, dass Hagrid wusste, was er meinte. Trotzdem führte er seine Gedanken aus. „Er war sicher, dass Sirius meine Eltern bei Voldemort verraten hat. So sicher, dass er ihn einfach nach Azkaban hat gehen lassen. Er hat nie irgendwo im Ministerium dagegen Einspruch erhoben. Er hat ihn nie da besucht oder mit ihm geredet! Kannst du dir das vorstellen? Zwölf Jahre lang – und das, obwohl er ihn schon so lange vorher gekannt hat. Obwohl Sirius im Phönixorden war und der beste Freund meines Vaters! Er hätte es besser wissen müssen! Wie konnte er einfach so glauben, dass Sirius so was getan hätte?" Harry atmete tief ein. Auf keinen Fall würde er sich jetzt wieder aufregen. Schließlich sagte er ruhig: „Nein, Dumbledore wusste längst nicht alles. Er war nicht unfehlbar. Und es war nicht richtig, dass ihm seine Sache wichtiger war als die Menschen, die dafür draufgingen."
„Damals ham wir alle geglaubt, dass Sirius schuld war, verstehst du", erwiderte Hagrid bedrückt. „Es war – wie hätt es denn sonst sein sollen? Keiner wusste doch, dass er gar nich' ihr Geheimniswahrer geworden war! Un' was – was, na, Du-weißt-schon-wen angeht, es war das Wichtigste, ihn zu vernichten! Das wussten wir alle. Du auch, Harry", setzte er leise hinzu.
Ja, dachte der. Das stimmt. Aber was ist jetzt?
Die Einsamkeit der Monate in diesem kleinen Zimmer, im Supermarkt, die totale Verlassenheit in der Zeit danach, auf der Straße, die Zeit, in der er sich allmählich vergessen hatte. Und dann die seltsam kühle Traumwelt des Jahrmarkts, in der er Frieden gefunden hatte, weil er sich selbst fremd genug geworden war –
Ich würd's nicht noch mal tun, dachte er. Ich hatte keine Ahnung, wie ich heute dastehen würde. Das konnte ich mir doch gar nicht vorstellen! Nein, heute würde ich diesen Zauber nicht mehr verwenden. Das ist die bittere Wahrheit über Harry Potter, den Jungen, der ihn bezwang – den Auserwählten, dachte er bitter. Ich würde alles andere versuchen, und wenn ich jedes Horcrux einzeln kaputtschlagen und ihn selbst irgendwann mit dem Avada Kedavra töten müsste. Aber das Tabula Rasa würde ich nie mehr aussprechen.
„Da sin' wir übrigens", sagte Hagrid.
Harry blieb stehen und sah auf. Wo Hagrids abgeerntetes Kürbis- und Kartoffelfeld an den Verbotenen Wald grenzte, hatte es früher einen groben Holzzaun gegeben, wie er sich erinnerte. Jetzt sah er verblüfft auf einen meterhohen, unabsehbar langen, dunkelgrünen Wall.
„Das is' sie", sagte Hagrid. „Grawpie hat letztes Jahr 'ne Kiste von den Nüssen mitgebracht. Ich hab'n paar davon eingepflanzt – siehst ja, was draus geworden is'!"
„Ist das alles in einem Jahr gewachsen?"
„Das un' mehr. Muss sie regelmäßig zurückschneiden, sonst wär' der Acker längst zu." Hagrid band Ambrose an einen kräftigen jungen Baumstamm und schüttete dann die Geräte aus dem Sack. Harry stand vor dem Blätterwall und betrachtete ihn staunend. Überall an den kräftigen, verholzten Ranken hingen ganze Trauben von runden, kastanienbraunen Nüssen.
„Die sin' die besten, vor allem, wenn man sie röstet."
„Die Sorte hab ich noch nie gesehen", sagte Harry und berührte eine der Trauben. Da quoll aus einer dunkelgrünen Kapsel am Stielansatz ein ganzes Büschel grüner Fäden hervor, fiel wie Haar über die Traube und umschloss sie wogend und seltsam bedrohlich. Harry zog seine Hand rasch wieder zurück.
„Nimm die Handschuhe, Harry! Sonst hast du 'ne Woche lang juckende Pusteln auf den Händen." Hagrid hielt ihm auch die kleine Harke hin. „Damit kannst du die Pixies rausschütteln. Wenn du einen hast, dann steck ihn in den Sack hier. Professor Moody wollt sowieso welche für den Unterricht, also trifft sich das ganz gut."
„Äh – meinst du, ich kann noch – Pixies und so was fangen?", fragte Harry unsicher.
„Was? Wieso denn nich'?"
Harry schüttelte nur den Kopf. Er war es leid, immer wieder auf sein Handikap hinweisen zu müssen. So nahm er Handschuhe, Harke und Eimer und machte sich an die Arbeit. Eine ganze Weile ernteten sie schweigend die haselnussgroßen, glänzenden Nüsse. Es war nicht schwierig, und obwohl er manchmal kräftig an den schützenden Fadenbüscheln zerren musste, machte die Sache sogar irgendwie Spaß. Endlich mal wieder was, was ich auch machen kann, dachte er, während er sich langsam an der Hecke entlangarbeitete.
In der tiefen Stille dieses Morgens überkam ihn nach und nach fast so etwas wie eine Trance, als er da im dicken, meterhohen Gehölz umherkroch und Büschel um Büschel der Nusstrauben pflückte. Die Blätter standen reglos in der stillen grauen Luft. Hin und wieder hörte man das furchteinflößende Klack!, wenn Ambrose drüben an seinem Baum wieder mal nach irgendetwas schnappte. Und gelegentlich ertönte ein ferner Tierlaut aus dem Wald jenseits der Hecke. Ein paar Mal hatte er den Eindruck, dass ihn zwischen den dunkelgrünen, reglosen Blättern ein abschätzendes Augenpaar ansah, oder dass ein dreieckiges, ledriges Gesicht zwischen dem Grün abtauchte, aber das kümmerte ihn nicht weiter. Er hatte nicht die Absicht, irgendein Wesen zu fangen, schon gar nicht, damit Moody damit im Unterricht irgendwelche faulen Tricks machen konnte, da mochte Hagrid sagen, was er wollte. Sollten sie sich von den Nüssen nehmen, was sie noch bekommen konnten.
Ich kann sie sehen, dachte er. Den ganzen Kram kann ich sehen, die ganze magische Welt. Ich kann zwar nichts mehr darin bewegen, aber sie ist überall um mich herum, und ich bin mittendrin. Wie bescheuert das ist!
Aber in dieser Stunde erschien es ihm nicht nur bescheuert. Da war plötzlich ein anderes Gefühl neben all der nutzlosen, kindischen Rebellion, etwas, das ganz zaghaft in seinem Bewusstsein auftauchte –
Zaubern ist Zwingen, ging es ihm auf einmal durch den Kopf, vielleicht, weil er immer noch Moody und seinen Unterricht vor Augen hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben sah er die Rückseite auch all der vergnüglichen und nützlichen Zaubereien, die er gelernt hatte: Letztlich war das auch nichts anderes, als Dinge und Tiere und Menschen unter seinen Willen zu zwingen. Wer zauberte, brachte sie dazu, etwas zu tun, das sie sonst nicht getan hätten.
Zaubern heißt, die Fäden zu ziehen, an denen sich alles bewegt, dachte er. Mit anderen Worten: Genau das zu tun, was Dumbledore und Snape mit mir gemacht haben –
Es muss noch andere Wege geben, auch in dieser Welt. Vielleicht muss ich sie finden.
Er stand jetzt reglos vor der hohen Hecke und sah in das Gewirr der Blätter, in die verschlungenen, dunkelbraunen Ranken, ohne sie wirklich wahrzunehmen.
Es gibt ein Netz, dachte er, ein Netz aus Familie und Freunden und Schule und Beruf. Normalerweise hält es einen, das ganze Leben lang. Aber ich bin irgendwie durch die Maschen gefallen. Immer weiter runter. Jetzt steh ich da, wo die anderen selten ankommen. Kann mir das Ganze sozusagen von unten ansehen –
Irgendetwas war da an dem Duft des Grases, dem schweren, dunklen Geruch der Erde und dem bitteren des Blättergewirrs um ihn herum, das eine Erinnerung in ihm weckte, die so tief lag, dass er keine Worte dafür hatte. Vielleicht, weil er in der Zeit, aus der sie stammte, noch keine Worte gehabt hatte. Es war eine gute Erinnerung, aber es fehlte noch etwas. Unwillkürlich suchte er nach noch einem anderen Duft.
Vielleicht muss ich einfach so in dieser Welt leben, dachte er, als er da wie träumend vor dem grünen Wall stand. Als jemand, der die Hecken aberntet oder so. Jemand, der all das sieht und riecht und fühlt und nichts darin verändern kann. Jemand, der sich erinnert. Vielleicht muss ich das lernen.
Ein Vogelschrei aus dem Verbotenen Wald. Ein wütendes Fauchen von Ambrose. Hagrid, der einen unglückseligen Pixie erwischt hatte und ihn leise vor sich hinschimpfend in den Sack stopfte.
Auf einmal war die Stimmung zerrissen. Nein, dachte er, erschreckt über seine eigenen Gedanken, nein! Niemals! Ich kann das nicht, ich kann nicht einfach nur ein Zuschauer sein! Ich will das nicht! Warum soll gerade ich mich damit abfinden – ich hab so viel für diese Welt getan! Das seh ich gar nicht ein. Das ist nur dieser Geruch hier – diese komische Stille – irgendwas, das mich blöd macht! Immer noch besser, der Marionettenspieler zu sein als die Marionette!
Unwillig schüttelte er die seltsame Lähmung ab. War richtig froh, als Ambrose mit einem wilden Gefauche und Kettengezerre loslegte, weil er an den zappelnden, quiekenden Sack wollte.
Aber so werd ich das nicht mehr machen, dachte er mit einem halben Grinsen. Fauchen und zerren und brüllen, das hat keinen Sinn. Die ganze blöde Fragerei hat offensichtlich gar keinen Sinn, da hat die Harper Recht. Ich warte jetzt noch, bis Bill hier fertig ist, und dann gehe ich nach Godric's Hollow und – na ja, mach mich selbstständig. Ich kann nicht ewig abhängig bleiben von irgendwem, der mich versteckt.
Und als hätte ihm dieser Entschluss neue Energie gegeben, erntete er danach schnell und gründlich einen großen Teil seiner Heckenseite ab, ignorierte alle Pixies und ließ sich von Düften und Erinnerungen nicht länger ablenken.
Es war Zeit zum Mittagessen, als sie sich endlich auf den Rückweg machten. Harry musste den Sack mit fünf gefangenen Pixies tragen und sich so weit wie möglich von Ambrose entfernt halten, den das beinahe in den Wahnsinn trieb. Hagrid trug die Eimer, die randvoll mit Nüssen waren.
„Die meisten geb ich dem Koch, aber'n paar behalten wir", sagte er munter. „Die rösten wir und machen –"
Sie bogen um die Ecke zur Hütte und entdeckten Bill, der an die Eingangstür gelehnt dastand.
„Endlich", sagte er, als er sie sah. „Ich warte schon seit zehn Minuten. Fred hat mich vorhin über das Ubiquit –"
In diesem Moment sah Ambrose Bill und Bill sah Ambrose, und Harry hätte schwören können, dass Bills dunkel umschattete Augen auffunkelten, während er den Rest seines Satzes erst einmal vergaß. Ambroses Reaktion war noch viel beeindruckender. Die zappelnden Pixies waren schlagartig vergessen. Er blieb mit einem Ruck stehen, und sein wütend aufgestellter Dornkragen klappte vernehmlich auf Hals und Nacken zurück – es sah so aus, als wollten sich sogar die Dornen in seine Haut verkriechen. Dann bewegte er sich, fast auf seinem hässlichen graubraunen Bauch rutschend, mit winzigen Bewegungen rückwärts, ohne das unheimliche zweibeinige Wesen aus seinen gelben Augen zu lassen.
„He – Ambrose – Ambrose? Was is' mit dir, mein Junge?" Hagrid bückte sich nach seinem Schützling und tätschelte ihm tatsächlich den kahlen Keulenkopf. „Er hat Angst! Was is' los, mein Kleiner?"
„Er hat Angst vor dir, Bill", bemerkte Harry und betrachtete Bill aufmerksam, aber das Leuchten in seinen Augen war längst vergangen. Er sah müde aus und auffällig ungepflegt, vielleicht, weil er sein Haar nur ganz nachlässig im Nacken zusammengefasst hatte.
„Er weiß, was gut für ihn ist", sagte er mit einem seltsamen Unterton, und das klang überhaupt nicht nach Bill. Harry fühlte einen unangenehmen Schauder, und auch Hagrid sah überrascht auf.
„Alles in Ordnung, Bill?", fragte er. „Hast du den Trank heut schon genommen?"
„Klar", sagte Bill und klang schon wieder fast so lässig wie sonst. „Dritte Portion."
Jetzt erst fiel Harry auf, dass es in der vernarbten und verzerrten Hälfte seines Gesichts beständig zuckte. Überhaupt bewegte er sich unruhig und fahrig, was sonst gar nicht seine Art war.
„Warum ich hier bin –", nahm Bill sein Thema wieder auf, „also, Fred hat mich vorhin über das Ubiquit gerufen. Ron hat Mist gebaut, wie es aussieht. Und wie es aussieht, bin ich schuld dran."
„Was ist denn mit ihm?"
„Er sitzt im St. Mungo in einem Quarantäne-Zimmer", antwortete Bill sarkastisch. „Hat heute Morgen in seiner Auroren-Runde irgendwas mit einem speziellen Öffnungszauber geöffnet – mit einem Zauber, den ich ihm am Sonntag beigebracht hab. In dem Ding, einem Kästchen, glaube ich, war etwas drin – Draciola oder so – ja, so hieß das Zeug: Draciola. Schätze, Mum wird mir noch einiges zu erzählen haben."
„Was ist Draciola?", fragte Harry entsetzt. „Und was – wie – ist er denn krank oder was?"
Bill schüttelte den Kopf (und Ambrose machte fiepend einen Satz rückwärts). „Draciola ist das Zeug, das Drachenpocken verursacht. Ihr habt vielleicht von dem Mann gehört, der vor ein paar Wochen daran gestorben ist, im Gefängnis? Na ja. Vermutlich geht's sogar um diesen Fall. Fred hat auch nichts Genaueres erfahren. Aber es gibt ein Heilmittel gegen die Krankheit", sagte er hastig, als er die erschreckten Gesichter sah, „und sie haben es ihm gleich mal für alle Fälle verabreicht. Er muss jetzt nur für ein paar Tage in Quarantäne bleiben, weil diese Sache so ansteckend ist. Er wollte unbedingt mit dir reden, Harry, und Fred sagte, ich sollte dir das jedenfalls mal erzählen."
„Scheiße!", flüsterte Harry. „Drachenpocken!" Der Drache hat ihn doch noch geholt – dieser Satz, von irgendwoher gekommen, schwirrte ihm auf einmal durch den Kopf. Richtig, das hatten sie zusammen in der Black-Chronik gelesen, Ron und er, letzte Woche noch! Im Zusammenhang mit dem Tod von Sirius' Vater! „Und er ist wirklich nicht krank?"
„Nein", sagte Bill. „Dieses Heilmittel soll inzwischen sehr wirksam sein. Ich hoffe nur, er langweilt sich so fürchterlich, dass er so einen Blödsinn nicht noch mal macht. Hätt ich ihm bloß nicht diese Formeln beigebracht!" Wieder fuhr er mit der Hand durch sein struppiges Haar, und diesmal löste es sich völlig aus dem Band, mit dem er es zusammengebunden hatte. Er bemerkte es nicht einmal, sondern machte nur ein-, zweimal eine komische, rollende Bewegung mit dem Kopf – wie ein Hund, den es im Nacken juckt.
Verdammt, was hat er denn bloß, dachte Harry. Er ist doch gar kein richtiger Werwolf!
„Wenn wir zurück sind, ist er wahrscheinlich schon wieder raus aus dem St. Mungo. Und bei seinen Kollegen ist er jetzt jedenfalls der große Star, wenn ich das richtig verstanden hab", sagte Bill. „Und ich muss los –"
Wohin, fragte sich Harry misstrauisch. Bills Aussehen drängte die Sorge um Ron erst einmal zur Seite. Laut fragte er: „Und was ist mit dir? Ich meine – äh, bist du ganz sicher, dass du diesen komischen Trank auch wirklich – äh – verträgst?" Und was passiert mit dem Medaillon, wenn du ihn nicht verträgst, hätte er am liebsten noch gefragt, aber das ging natürlich nicht.
„Klar. Aber wenn's dich beruhigt – ich wohne ab jetzt in den passenden Räumlichkeiten. Heulende Hütte, für die Dauer des Vollmonds", sagte Bill in demselben sarkastischen Ton wie eben. „War Moodys Idee, er bringt mich auch hin und so weiter. Hat mich übrigens ziemlich bohrend nach dir gefragt, Harry, aber ich hab ihm nichts gesagt. Er schien jedenfalls sehr an dir interessiert zu sein. Vielleicht redest du ja mal mit ihm, wenn sich das unauffällig einrichten lässt. Also, wir sehen uns – na ja, später."
„Ihm geht's nich' gut", konstatierte Hagrid besorgt, als sie ihm nachsahen. „Dieser Trank, der ist das reine Gift für – für – na ja, alle, die mal von 'nem Werwolf gebissen worden sin'! Sogar Ambrose hat's gemerkt."
Harry nickte nur, hin- und hergerissen zwischen heftigem Mitleid und Argwohn. Ron hatte ihm von dem Werwolf-Erkennungstrank erzählt, den die Leute vom Ministerium Verdächtigen verabreichten, um sie als Werwölfe zu überführen. Er enthielt unter anderem das für Werwölfe gefährliche Silber, aber in ganz geringer Dosierung, so dass es sie nicht tötete, sondern nur ihre Wolfsnatur auch außerhalb der Vollmondzeiten nach außen kehrte. Und nun zog er auch noch in die Heulende Hütte – hieß das, dass sie damit rechneten, dass er – gefährlich wurde?
Oh Mann, dachte Harry. Und die haben keine Ahnung, wie gefährlich er wirklich sein könnte!
Ein paar Schritte entfernt kam Ambrose allmählich wieder auf seine krallenbewehrten Füße und besann sich auf seinen vordringlichen Instinkt. Aber Harry war die Lust auf das Mittagessen – was immer Hagrid heute dazu machen mochte – ziemlich vergangen. Drachenpocken, Vollmond und die unberechenbare, unheimliche Verwandlung desjenigen, der Voldemorts Überreste aufbewahrte – das konnte einem den Appetit schon verderben.
oooOooo
Durch den grauen, vorwinterlichen Nachmittag bewegte sich auf dem Weg zwischen Hogwarts und Hogsmeade eine einzige Gestalt. Das war Brian Skanne, der soeben eine seiner heutigen Pflichten in Hogwarts erfüllt hatte und nun der nächsten Aufgabe in Hogsmeade entgegeneilte. In seinem dunkelgrauen, schweren Winterumhang und mit der gewohnten Miene gelassener Allwissenheit wirkte er genauso beeindruckend und würdevoll wie immer. Es kostete ihn täglich mehr Kraft, diese Haltung zu wahren, aber noch war ihm davon nichts anzumerken. Er hatte schon einen vollen Vormittag hinter sich. Zuerst das Durcheinander in der Aurorenzentrale, wo es ausgerechnet einem Aurorenschüler gelungen war, diesem dämlichen Scherzkästchen doch noch sein Geheimnis abzuringen. Der Fund dieser widerlichen Draciola-Blasen ausgerechnet im Besitz des verschwundenen Abteilungsleiters machte den Fall Cucudi nun eindeutig zu etwas, womit sich ein Auroren-Inquisitorium befassen musste. Und der Fall Frizzleburst – des mit Drachenpocken getöteten ehemaligen Angestellten der Mysteriumsabteilung – den sie schon beinahe als ungelöst zu den Akten gelegt hatten, musste neu aufgerollt werden.
Nachdem sie die gefährlichen Drachenhautfetzchen sicher verwahrt und den jungen Weasley den Heilern übergeben hatten, hatte er endlich seinen Vortrag über Körperwechsler halten können – dem ohnehin niemand außer Wang die gebührende Aufmerksamkeit schenkte. Danach war er nach Hogwarts aufgebrochen – dankenswerterweise lag der Portschlüssel zwischen dem Ministerium und der Schule noch, so dass er wenigstens nicht apparieren musste. Dort hatte er der Direktorin seine Teilnahme an den Bestattungsfeierlichkeiten am Abend angekündigt. Bei dieser Gelegenheit hatte er ihr außerdem noch einmal eingeschärft, dass der Sarg auf jeden Fall geschlossen bleiben müsse und Vertreter der Presse auf keinen Fall zugelassen werden dürften. McGonagall war derselben Ansicht und hätte, wie ihr deutlich anzumerken war, durchaus auch auf seine Anwesenheit verzichten können, aber das war er ja gewohnt.
Und nun nutzte er die bis zu der Bestattung verbleibende Zeit für einen Gang zu Dervish & Banges in Hogsmeade, wo er das Foto von Cucudis Scherzkästchen vorlegen wollte. Nicht, dass er sich davon weitere Aufschlüsse für den Fall versprach, aber nachdem nun einmal die Vermutung geäußert worden war, dass das Ding von dort stammen könnte und sie in Cucudis Fall sowieso so gut wie keine Anhaltspunkte hatten, würde er eben seine Pflicht erfüllen. Zumal es auch andere Gründe gab, sich in dem Laden einmal umzusehen …
Der Fall Cucudi beschäftigte ihn im Moment nur ganz am Rande. Während er dem schmalen Weg zwischen winterlich vergilbten, weiß bereiften Wiesen hindurch und über steinige Hänge hinauf und hinunter folgte, kreisten seine Gedanken vielmehr um die Ereignisse der letzten Tage, und ein zynisches Lächeln verdrängte nach und nach die Gelassenheit aus seinem Gesicht.
Sein Instinkt sagte ihm, dass Snape sie wieder einmal alle hereingelegt hatte und keineswegs tot war. Aber ihm, Skanne, waren die Hände gebunden. Der Minister selbst war nämlich mit diesem Ausgang des Snape-Fiaskos im Großen und Ganzen sogar zufrieden: Mochte Snape tatsächlich noch leben und sich irgendwohin ins Ausland abgesetzt haben – dann waren sie ihn zumindest los und mussten niemandem über die seltsamen Umstände seines Entkommens Rede und Antwort stehen. Er hatte Skanne noch den restlichen Sonntag zugestanden, um in den geheimnisvollen Wächtergängen nach Snapes Buch zu suchen, denn das hätte der gute Rufus ja dann trotz allem zu gern gehabt. Aber als sich nichts fand, hatte er sich auch damit zufrieden gegeben. Er habe eine Masse Schwierigkeiten wegen Leuten am Hals, die eindeutig lebendig seien, sagte er, und die hätten im Moment Vorrang. Von der tobenden Umbridge wolle er gar nicht reden. Der mysteriös verschollene Chef der Unsäglichen musste gefunden werden – nach der Entdeckung heute Morgen umso dringender. Frizzleburst sei zwar auch tot, aber die Umstände seines Todes könne man leider nicht mehr vertuschen – also seien sie auch da gefordert. Snape hingegen –
Ja, Rufus Scrimgeour war sehr entschieden gewesen: Keine weiteren Untersuchungen im Fall Snape! Der Sarg, der das enthielt, was der gefräßige Gemäuerkrill übrig gelassen haben mochte oder auch nicht, würde heute Abend verbrannt werden, und das war der Schlusspunkt unter die Angelegenheit Severus Snape. Wenn er sein geheimnisvolles Buch so versteckt hatte, dass nur er allein es finden konnte – na bitte, dann war es doch zumindest sicher verwahrt.
Skanne schnaubte. Dieses Buch! Über das Flüchtige und Bezwingende … Es war kaum zu ertragen, dass Snape im Besitz der seit Jahrhunderten verschollenen Schrift des Arkturius gewesen sein sollte. Jenes Buches, in dem sich Arkturius aller Vermutung nach ausführlich über seine Zeitreisen – und das Ding, das ihm diese Reisen ermöglichte – ausgelassen hatte …
Andererseits, bezwang Skanne seine Gedanken, andererseits, wenn das alles stimmen würde, wenn dieses Buch etwas wirklich – Verwendbares zu dem Thema beigetragen hätte, dann hätte Snape sich doch damit wohl auch selbst aus seiner Situation befreien können, anstatt sich im Gefängnis einsperren zu lassen. Oder? Oder hat er das erst jetzt getan?!
Skanne blieb stehen und atmete tief ein. Snape war fort, sein Buch im Moment unerreichbar. Diese Grübelei war vollkommen nutzlos. Aber Snape war jedenfalls nicht der Einzige gewesen, der Zugang zum Wissen des Arkturius gehabt hatte. Vor vierundvierzig Jahren war Caducus Fugit nach Azkaban geschickt worden, weil er einen Zeitenwandler gebaut hatte. Und er, Brian Skanne, hatte seine Hand gehalten, als er starb – an den Drachenpocken starb … Der Arm des Arkturischen Zirkels hatte den unglücklichen Erfinder sogar noch in Azkaban erreicht und ihn auf seine typische Weise bestraft.
Skanne nahm seinen Weg wieder auf. Der Arkturische Zirkel – das war es, was hinter all diesen Vorfällen steckte, das war es, worein all diese Personen verwickelt waren: Cucudi, Barclay, Frizzleburst, Dunstable und überhaupt die Mysteriumsabteilung. Der Draciola-Fund hatte das endlich bestätigt.
Nein, er brauchte sich wegen Snape nicht verrückt zu machen. Er war auf dem richtigen Weg. Und er war zuversichtlich, dass die Spur, die er morgen in Irland aufzunehmen gedachte, noch nie verfolgt worden war. Es gab keinen Grund, sich zu beunruhigen. Er würde Mittel und Wege finden. Noch hatte er Zeit genug –
Und dann kam endlich Hogsmeade in Sicht. Aus seiner eigenen, lang zurückliegenden Schulzeit hatte er das Dorf als verschlafenes Nest in Erinnerung, dem nur die Schüler durch ihre Besuche Leben einhauchten. Aber heute schien dieses Nest auch ohne Schüler vor Lebendigkeit zu sprühen. Nachdem er die kleinen Häuschen am Ortsrand hinter sich gelassen hatte, wurde schnell erkennbar, dass Markttag war, und als er genauer zurückdachte, fiel ihm wieder ein, dass in den Wochen vor Weihnachten in Hogsmeade fast immer irgendwie Markttag gewesen war: Da quetschte sich eine Reihe von Ständen zwischen die Läden der Hauptstraße, und von den üblichen Dingen wie Gemüse, Obst, Schafwolle und Ziegenkäse abgesehen, konnte man an denen in dieser Zeit auch Gebäck und Süßigkeiten kaufen; irgendwo wurde immer heißer Punsch ausgeschenkt, an irgendeiner Straßenecke wurde immer musiziert, und überhaupt spiegelte das Dörfchen alles in allem in kleinem Format, aber voller Fröhlichkeit die Winkelgasse. Und genau dort, in der Winkelgasse, hatte Skanne sowohl den Wanderheiler mit den Geheimelixieren als auch den Gaukler, der eine Horde von Kindern mit Seifenblasen beglückte, schon gesehen.
Heute hatten sich offenbar eine Menge Besucher aus anderen Dörfern eingefunden. Skanne musste sich an der Menschentraube, die den kleinen Stand von Theophrasts Heil- und Wunderelixieren vor Schreiberlings Federladen umlagerte, geradezu vorbeidrängen. So schnell wie möglich durchquerte er das Getümmel und verschwand schließlich hinter der Ladentür von Dervish & Banges. Nur wenige Minuten später kam er, begleitet von einem Schwall warmer, nach Maschinenöl und heißem Metall riechender Luft, wieder heraus. Der alte Banges war längst verstorben, und beide Dervishs, Vater und Sohn, waren für zwei Wochen nach Edinburgh gereist, wie ihm Dervishs Enkelin erklärte, die in der Zwischenzeit den Laden führte. Sie glaubte zwar, dass Kästchen wie das auf Skannes Foto durchaus einmal in ihrem Laden hergestellt worden seien, aber das war schon lange her und Genaueres könne ihm da wohl nur ihr Großvater sagen …
Skanne beschloss, sich über die Vergeblichkeit dieses Besuchs nicht zu ärgern, sondern stattdessen lieber ein spätes Mittagessen in den Drei Besen einzunehmen. Also drängte er sich wieder durch die Menge, wich einem beachtlichen Seifenblasen-Hogwarts-Express aus, der ihn zu überrollen drohte, und erreichte schließlich das Wirtshaus. Vor der einladend geöffneten Tür standen sechs, sieben finster aussehende Männer beisammen, die lautstark diskutierten. Gerade als er eintreten wollte, schoss die Wirtin heraus.
„Kommt jetzt endlich rein, Jungs!", rief sie und schaffte es, Skanne gleichzeitig ein einladendes Lächeln zu schenken. „Hier vor der Tür brauch ich keine Brüllerei, und der Stammtisch ist ja frei für euch!"
„Warten noch auf McGregor", war die geknurrte Antwort, und dann ging es gleich weiter. Skanne fing noch die Wörter Quintaped und Werwolf auf, während er die dämmrige Gaststube betrat, und wusste, dass es um die Sache ging, wegen der auch McIntyre immer noch hier herumhing. Es sah ganz so aus, als ob die Männer hier zur Jagd rüsteten, und er fragte sich, ob McIntyre das wusste. War nicht morgen Vollmond? Na ja. Diese Geschichte interessierte ihn nicht weiter.
„Na, wenn das nicht der Berater des Ministers, der Legilimens und Professor Brian Skanne ist!", erklang es plötzlich wenig erfreulich aus dem Dämmerlicht, an das sich Skannes Augen dummerweise einen Moment zu spät gewöhnt hatten. So erkannte er jetzt erst Rita Skeeter, die mit ausgesprochen saurer Miene vor einem Krug saß. Einem Krug, der – wie man ihrer Aussprache anhören konnte – sicher nicht nur mit Butterbier gefüllt war. Er grüßte reserviert und wollte weitergehen.
„Lassen Sie mich raten, Professor Skanne – Sie hat auch Severus Snapes letzter Auftritt hierher verschlagen, richtig?" Die Reporterin trug einen langen Umhang, der an den Säumen mit etwas besetzt war, das wie Eichhörnchenfell aussah, und ihre leicht verrutschte Frisur wurde von einem kecken Käppchen aus demselben Material gekrönt. „Sie könn' ruhig antworten, Professor, sehen Sie – weit und breit keine Feder in Sicht!" Sie deutete mit beiden Händen um sich und warf dabei beinahe ihren Krug um. „Und lassen Sie mich noch mal raten – Sie hat McGonagall auch zugelassen, das ist der Vorteil, wenn man über so gute Beziehungen zur Regierung verfügt, nicht wahr?"
„Ich werde als offizieller Vertreter des Ministers anwesend sein, Miss Skeeter", erwiderte Skanne kühl. „Und vielleicht könnten wir uns etwas leiser unterhalten?"
„Tja, die Presse ist jedenfalls nicht erwünscht. Das ist bedauerlich, wo doch gerade die Presse dafür sorgen könnte, dass gewisse – Unklarheiten ausgeräumt werden. Verdachtsmomente …"
„Unklarheiten? Verdachtsmomente?"
„Aber nicht so erstaunt, mein lieber Skanne! Ich habe gehört, dass Dolores Umbridge tobt und Gift und Galle spucken soll. Zwei Todesfälle in kürzester Zeit – in einem so vorbildlich geführten Gefängnis wie Forgettable Island!"
„Sind Sie wieder einmal einer Verschwörung auf der Spur?"
„Und jetzt sind Sie viel zu herablassend", sagte Skeeter und kippte einen großen Schluck. „Wissen Sie, McGonagall hat mir heute Morgen sogar einen Blick in den Sarg verwehrt. Und ich weiß, dass der bereits in Hogwarts steht."
„Natürlich tut er das", sagte Skanne ärgerlich. „Aber warum sollten Sie hineinsehen wollen?"
„Aber Skanne! Finden Sie das alles denn so ganz und gar nicht verdächtig? Sie, der große Skeptiker?"
„Darf ich Ihnen auch einen Krug bringen?", fragte Madam Rosmerta, die in diesem Augenblick an ihnen vorbeiging. Die knurrige Männerschar folgte ihr und ließ sich mit viel Stuhlgerücke am Stammtisch nieder.
„Bitte", sagte Skanne. „Aber für mich nur Butterbier!" Dann wandte er sich wieder an die verrutschende Eichhörnchenkappe. „Was bitte soll mir daran verdächtig sein, dass die Direktorin die Leiche ihres früheren Kollegen nicht jedem Pressevertreter vorführen will?"
„Na ja, möglicherweise tut sie das ja deshalb, weil der Mann vielleicht gar nicht so heldenhaft seinen alten Kampfverletzungen erlegen ist? Vielleicht ist er ja auch den Drachenpocken zum Opfer gefallen, so wie dieser arme Frizzleburst?" Die Reporterin kicherte bösartig. „Auf jeden Fall scheint Forgettable Island in letzter Zeit nicht gerade ein gesunder Ort zu sein!"
„Drachenpocken?" Das kam überzeugend ungläubig heraus – einfach deshalb, weil er auf diese Idee nun ganz bestimmt nie verfallen wäre.
„Ja! Das wäre doch eine Möglichkeit, oder? Es würde erklären, warum dieser Sarg so fest geschlossen bleibt! Mal abgesehen von der Ansteckungsgefahr – jemand, der daran gestorben ist, ist selten ein schöner Anblick, habe ich nicht Recht, Berater Skanne?"
Und bei diesen Worten war auf einmal etwas in ihrem Blick, etwas Herausforderndes, Bohrendes, Andeutungsvolles, das Skanne ein sehr ungutes Gefühl gab. Aber das war natürlich Unsinn. Unmöglich konnte Rita Skeeter etwas von der alten Sache wissen. Er fing schon an, überall Gespenster zu sehen, nur weil seine eigenen Gedanken kaum noch von Caducus Fugit lassen konnten!
„Ich habe Frizzleburst nicht gesehen", erwiderte er neutral. Die Wirtin stellte seinen Krug leider auf Skeeters Tisch, und so nahm er widerwillig ihr gegenüber Platz.
Frizzleburst nicht, dachte er und musste dabei an Fugits fieberverschleierte Augen, die Brandwunden auf seinen Wangen denken. Es war kein Zufall, dass ich ihm begegnet bin. Jetzt, vierzig Jahre später, ist seine Erfindung das Einzige, was mich retten könnte. Es muss einfach einen Hinweis darauf geben, wo er sie versteckt hat, ich bin nur noch nicht darauf gekommen. Und wieder einmal sah er das Bild vor sich, das er damals aus den Gedankenfetzen des sterbenden Erfinders aufgefangen hatte: Der kreisrunde, schwarze Teich inmitten eines Labyrinths aus dunklen Bäumen – exakt dasselbe, was der Kupferstich in Cucudis Büro zeigte, nur der auftauchende Drache fehlte dort. Der Teich im Labyrinth: Das war das Zentrum des Arkturischen Zirkels, wie er schon seit langem wusste, ohne dass es ihm im Geringsten weiterhalf.
Spuren – alles Spuren, die in eine Richtung weisen, Teile, die vielleicht ein Bild ergeben – und ich kann und kann es nicht erkennen –
„Sie sind ja heute so nachdenklich und schweigsam", sagte Skeeter und schob ihr Käppchen zurecht. Ihre blauen Augen waren boshaft und nicht halb so beschwipst wie ihre Konsonanten. „Eine Menge Probleme bei der Arbeit, wie ich vermute?"
Am Stammtisch drüben brandete in diesem Moment die Auseinandersetzung erneut auf und ersparte ihm eine Antwort.
„Die Herren werden in den kommenden Nächten die Aurorin Nymphadora Tonks jagen, wussten Sie das?", fragte Skeeter. „Sie streunt als eine Art Werwolf durch den Wald seit damals."
„Lassen wir das doch jetzt", sagte Skanne ungeduldig. Sein Blick war auf die klobige schwarze Uhr gefallen, die die Reporterin ums Handgelenk trug. Er blinzelte und versuchte, stattdessen den Eichhörnchenpelz auf Skeeters blonder Lockenpracht zu fixieren.
„Stimmt etwas nicht mit meinem Haar?", fragte sie mit falscher Koketterie.
Skanne nahm einen Schluck Bier. Es war wirklich an der Zeit, dieses Gespräch zu beenden. „Da Ihnen McGonagall die Teilnahme an der Bestattungsfeier ja nun verweigert hat, frage ich mich doch, was Sie eigentlich noch hier in Hogsmeade tun", sagte er.
„Oh, nicht dass Sie das etwas angeht, mein Lieber – wir leben in einem freien Land, nicht wahr, und ich stehe ganz sicher auf keiner Ihrer Verdächtigenlisten – aber wenn Sie es genau wissen wollen, ich habe hier bei Dervish & Banges noch etwas zu erledigen!" Skeeter klang jetzt gar nicht mehr beschwipst, sondern nur noch giftig.
„Soso", sagte Skanne nur, aber sein ungutes Gefühl verstärkte sich noch. Dervish & Banges?! Was hatte sie ausgerechnet da zu schaffen? Konnte das noch ein Zufall sein?
Und dann war auf einmal wieder diese schwarze Uhr im Zentrum seines Blicks, und diesmal war es zu spät, um wegzusehen. Ja, die Erscheinung erstreckte sich auch auf Rita Skeeters Armbanduhr – nicht, dass er ernsthaft daran gezweifelt hätte. Seit Sonntagnacht, seit dem Fiasko mit Snape, narrte ihn die Zahl seiner verrinnenden Tage auf jeder Uhr, die er sah, und zusätzlich konnte er unter den normalen Zeigern andere sehen, die rückwärts und in immer größerem Tempo um das Zifferblatt schwirrten.
„Hören Sie, Professor, Sie könnten ein gutes Wort für mich einlegen bei McGonagall", sagte Skeeter unerwartet. „Wenn ich bei dieser Feier offiziell dabei sein könnte, wäre mir das schon etwas wert."
„Wie bitte? Was wollen Sie denn damit sagen?" Skanne löste mit Mühe seinen Blick von der kleinen, leuchtenden 340 mitten auf Skeeters Uhr und sah misstrauisch in die Augen der Reporterin. Einen winzigen Moment lang hatte er den seltsamen Eindruck, stattdessen auf zwei große, pupillenlose, merkwürdig strukturierte Wölbungen zu sehen, die mit Menschenaugen gar nichts gemein hatten. Dann waren es wieder ganz die gierigen Augen, die er zur Genüge kannte. Er hoffte, dass das nur die Brille gewesen war und nicht seine Nerven. Oder, schlimmer noch, eine weitere Auswirkung seines persönlichen Fluches –
„Nehmen Sie mich mit nach Hogwarts. Überzeugen Sie McGonagall, dass ein informierter, ausgewogener, wohlwollender kleiner Nachruf in jedem Fall besser für alle Beteiligten wäre als die wilden Spekulationen, die ohne Zweifel morgen durch die Presse geistern werden. Das war es, was ich meinte."
„Auf keinen Fall."
Diese barsche Zurückweisung hatte Skeeter offensichtlich nicht erwartet. Sie starrte ihn böse an. „Denken Sie wirklich, dass Sie sich Ihre Arroganz noch lange leisten können?", fragte sie schließlich. „Oh nein! Nein, nein! Ich habe das Gefühl, dass Sie bald ganz schön umdenken müssen, mein Guter. Ich sehe da einige höchst unangenehme Dinge auf Sie zukommen."
Skanne ignorierte ihren andeutungsvollen Tonfall, nahm seinen Krug und stand auf. „Schön. Da wir nun also wieder bei den Drohungen angekommen wären, darf ich mich wohl verabschieden. Ich würde gern noch einen kleinen Imbiss einnehmen, bevor ich mich auf den Rückweg nach Hogwarts mache."
„Sie hatten Ihre Chance, Skanne!", rief Skeeter. „Vergessen Sie das nicht!"
Als er die Drei Besen eine halbe Stunde später verließ, dämmerte es schon. Ein trübes Orange mühte sich am westlichen Horizont durch das Grau, das erste bisschen Licht an diesem Tag. Auf der Hauptstraße perlte das Leben munter weiter; die Kinder genossen Bratapfeleis am Stiel und ärgerten die Dudelsackspieler, die vor dem Honigtopf um die Wette pumpten, und Theophrast verkaufte immer noch seine Schönheits- und Liebestränke an verlegene Kundinnen.
Skanne, der während des Essens seine Haltung einigermaßen zurückgewonnen hatte, ging mit schnellen Schritten die Straße hinunter und ließ den Trubel hinter sich. Er hatte kurz erwogen, Skeeter noch auf ihrem Weg zu Dervish zu beobachten, das dann aber verworfen. Man konnte den Argwohn auch zu weit treiben. Abgesehen davon schien die Reporterin in den Drei Besen an ihrem dritten Krug festzukleben. Die würde in einer halben Stunde vermutlich nicht mehr bis zur Tür finden.
Also genoss er die frische Abendluft und schob noch einmal jeden Gedanken an die zweifelhaften Knochen, die sie gleich zu Grabe tragen würden, von sich. Stattdessen fiel ihm plötzlich der übereifrige junge Mann ein, der jetzt in einem Zimmerchen im St. Mungo eingesperrt war und dort jede Menge Zeit hatte, über die unbedachte Verwendung von Zauberformeln, die weit über seinen Horizont hinausgingen, nachzudenken. Es verschaffte ihm eine rachsüchtige Befriedigung, dass das Draciola ausgerechnet einen dieser lästigen Weasleys, über die man ständig überall zu stolpern schien, aus dem Weg geräumt hatte. Und zugleich war ihm beängstigend klar, dass er bis vor kurzem nie so gedacht hätte, so persönlich und wenig distanziert. Er wusste das. Der kurze Moment der Entspannung war schon wieder vorüber.
In Gedanken versunken passierte er die letzten Häuser des Dorfes, als auf einmal eine große, bronzefarbene Seifenblase direkt an seinem Gesicht vorbeischwebte. Er sah auf, und da saß der Gaukler auf dem Dach eines Häuschens: Eine schwarze Silhouette vor dem Grau des Himmels, die mit dem Zauberstab unleserliche Zeichen schrieb und damit Kugel um Kugel in die stille Winterluft sandte. Als Skanne unten vorbeiging, begann der Seifenbläser leise zu singen, spielte spöttisch mit den Wörtern seiner Verse, bis sie sich in bloßes Wortgeklingel aufzulösen schienen. Hier und da unterbrach ein Auflachen seinen heiseren Sprechgesang, als amüsiere er sich über seinen eigenen Unsinn.
„Mühsam ist der Weg
Hinauf aufs Dach der Welt
Der wahnsinnigen Welt
Der Welt der Wahnsinnigen
Und auf dem Dach ist das Tor
Das Tor für den Toren
Ein Tor in einer Welt voller Tore,
Einer Welt voller Toren –
Mühsam ist der Weg
Ins Land der Verlorenen –"
Mich interessiert viel mehr, wie ich da wieder raus komme, dachte Skanne mit grimmigem Spott und warf dem Seifenbläser in seinem schwarzroten Umhang einen argwöhnischen Blick zu. Der fing gerade wieder von vorne an und beachtete ihn überhaupt nicht, aber Skanne wurde das Gefühl nicht los, dass dieser Verrückte sein Liedchen ganz allein für ihn gesungen hatte. Was nur beweist, wie dringend ich Urlaub brauche, dachte er grimmig. Ein Tor für den Toren! Überaus geistreich.
Achtlos ging er über das knisternde Eis überfrorener Pfützen, aber es fiel ihm schwer, den dunkel schillernden Seifenblasen nicht nachzusehen, die über ihm dahinschwebten, vage in dieselbe Richtung, die auch er einschlug.
oooOooo
Harry hatte lange draußen in der Dunkelheit gestanden und zu dem Schloss mit den vielen erleuchteten Fenstern hinübergesehen. Dahinter lebten sie jetzt ihren Schulalltag, die Leute, die nicht durch die Maschen des Netzes gefallen waren. Da lernten sie, wie man die Fäden zog, an denen man die Welt bewegen konnte …
Endlich schien oben auf der Spitze des Astronomieturms ein unruhiges Licht auf, das er selbst an seinem Platz noch sehen konnte, und er wusste, dass das Feuer nun brannte.
Er sah hin, bis das Licht wieder schwächer wurde und schließlich ganz erlosch. Dann ging er langsam zu Hagrids Hütte zurück und war froh, als er endlich das unverkennbare Fauchen von Ambrose hörte, der wieder einmal hinter der Hütte an seiner Kette zerrte.
Drinnen war es immerhin warm, und er setzte sich an den Tisch, aß ein paar von den gerösteten Pixie-Trüffeln und sah dem Kaminfeuer zu. Nach einer Weile hörte er Hagrid heranstapfen. Der ging erst hinter die Hütte, wo er Ambrose befreite, und kam dann mit ihm herein.
„Ich hab hier gewartet", sagte Harry und schob die Nussschalen zusammen. „Wollte noch nicht wieder ins Quallenhaus zurück."
„Gut. Gut, dass du hier bist", erwiderte Hagrid. „Is' kein Abend zum Alleinsein." Dann schnaubte er laut in ein riesiges Taschentuch. Ambrose stürzte derweil durch die Hütte und zielstrebig auf Harrys Beine zu. Harry hielt ihm geistesgegenwärtig ein Stück von dem versteinerten Kuchen hin, an dem Harper und er am Vortag gescheitert waren. Ambrose zerbiss ihn genüsslich und mit hörbarem Knacken, während Hagrid sich schwer auf seinen Stuhl am Tisch fallen ließ.
„Jetzt hat er seinen Frieden. Hoff ich", sagte er schließlich mit wackliger Stimme und faltete auf absurde Weise sein Taschentuch zusammen. Harry dachte, dass dies vermutlich die aufrichtigste Trauerrede an diesem Abend gewesen war und dass Hagrids Tränen wahrscheinlich die einzigen waren, die Snape auf seinem letzten Weg begleiteten. Er selbst war sich nicht einmal sicher, ob er ihm ehrlicherweise Frieden wünschen konnte.
„Warum bloß auf dem Astronomieturm?", fragte er, um das bedrückte Schweigen zu brechen.
„Dazu hat Professor Slughorn auch was gesagt in seiner Rede. Das war 'ne schöne Rede. Wie er Severus als Schüler kennen gelernt hat, un' dass er schon mit elf 'n schlauer Kopf gewesen is'. Un' dass er ihm später gern sein Amt als Zaubertrank-Professor übergeben hätt'. Hat gesagt, dass er'n hartes Leben gehabt hat, mit 'ner Menge Prüfungen, un' dass er nach ein paar Irrwegen immer nur für die Vernichtung von – von Voldemort gekämpft hätt. Dass er vielleicht nich' immer die richtigen Entscheidungen getroffen hat, aber wir nich' wüssten, was wir an seiner Stelle getan hätten, un' dass er sich jedenfalls nie vor den Folgen gedrückt hätt. Un' dann hat er gesagt, dass seine schwerste Prüfung sicher da oben auf dem Astronomieturm gewesen wär', wo er – wo er –" An dieser Stelle versagte Hagrid die Stimme, und er wischte sich noch einmal mit dem Taschentuch über die Augen. „Weil er da oben Dumbledore den Tod geben musste, weil Dumbledore das so wollte. Obwohl Dumbledore sein Lehrer un' sein Freund gewesen wär' –"
Weil Dumbledore das so wollte, dachte Harry bitter.
„Dann hat er, ich mein' Professor Slughorn, das Feuer angezündet. Hat ihm Frieden gewünscht, un' das war's. Sonst hat keiner was gesagt. Alle standen nur da un' ham zugesehen, wie der Sarg ganz schnell verbrannt is' un' der Wind die Asche rausgwirbelt hat, über die Brüstung vom Turm."
„McGonagall hat gar nichts gesagt?", fragte Harry erstaunt.
Hagrid schüttelte den Kopf. „Un' auch sonst keiner. Da war auch dieser Mann vom Ministerium dabei, dieser Skanne. Den konnte sie wohl nicht wegschicken, so wie sie das mit dieser Reporterin heut Morgen gemacht hat."
„Und Professor Harper?", fiel es Harry plötzlich ein. „War die auch dabei?"
Hagrid schüttelte wieder den Kopf. „Nee, die nich'. Gehört ja auch eigentlich nich' zum Kollegium, die is' jetzt nur Gast hier. Aber'n bisschen gewundert hat's mich auch, dass sie nich' da war. Dachte immer, sie hätt was übrig für Snape."
Er beugte sich zu dem Dornkragen, der jetzt erstaunlich friedlich neben seinen großen Stiefeln lag, und strich ihm über den kahlen Schädel. „Nu' kriegst du dein Fressen, Ambrose, hast lang genug gewartet –" Damit stand er auf, und Ambrose sprang erwartungsvoll hinter ihm her. Harry hörte seine Krallen auf dem Hüttenboden klicken. Er versuchte immer noch, das Bild loszuwerden, wie der Wind die Asche vom Turm in die Nacht hinausgeweht hatte.
Hagrid werkelte eine Weile herum, kochte den unvermeidlichen Tee, an den Harry sich allmählich beinahe gewöhnte, holte für Ambrose ein riesiges Stück rohes Fleisch hervor, das er ihm – unnötigerweise, wie Harry fand – in kleine Häppchen zerlegte, und kramte schließlich hier herum und da herum. Schließlich wurde Harry klar, dass er mit irgendeiner Sache kämpfte, und dabei beschlich ihn ein unbehagliches Gefühl. Von Hagrid hatte er schon so einige Dinge erfahren, die er lieber nicht gewusst hätte –
„Also, ich glaub, ich geh dann mal schlafen", sagte er und stand auf. Ambrose hielt mitten im besten Fleischzerfetzen inne und beäugte ihn misstrauisch.
„Ja? Jetzt schon? Is' denn noch genug Holz im Ofen drüben? Un' hast du's warm genug?"
„Klar."
„Tja, also dann – bis morgen. Gute Nacht!"
Harry war bis zur Tür gekommen (mit vorsichtigen Bewegungen, um Ambrose nicht auf sich aufmerksam zu machen), als Hagrid rief: „Nee, halt, warte doch mal, Harry, ich muss dir noch was erzählen – da gibt's noch was, das sollte –" Und da unterbrach er sich schon wieder. Klappte dann die Werkzeugkiste zu und fuhr endlich mit bekümmerter Miene fort: „Jetzt, wo Dumbledore tot is' – ich mein, jetzt, wo auch Snape tot is' – un' wo Dumbledore gar nich' mehr zu sprechen is' – ich hab überlegt, ob ich's vielleicht McGonagall geben soll – aber ich glaub, es ging um dich, Harry – also vielleicht sollt ich doch lieber –"
„Was?", fragte Harry geduldig, als Hagrid wieder schwieg.
„Einen Moment. Ich werd's dir einfach –" Hagrid stand auf und ging zu dem Schrank hinüber, in dem er alles aufbewahrte, von der Werkzeugkiste bis hin zur Teebüchse. Ganz oben gab es ein schmales Fach, bis zu dem nur er selbst hinaufreichen konnte, und daraus nahm er jetzt ein Buch, legte es auf den Tisch und blätterte umständlich darin herum.
Harry kam zum Tisch zurück und betrachtete neugierig das Buch, gespannt, was nun wohl kommen mochte. Der Titel des Buches war „Drachenpflege leicht gemacht", wie er oben auf einer Seite las, aber anscheinend ging es gar nicht um das Buch, denn als Hagrid weitere Seiten umgeblättert hatte, glitt da auf einmal ein heller Umschlag heraus.
Harry war augenblicklich hellwach. Diese Umschläge kannte er, er hatte schon viele davon gesehen –
„Da is' er. Hier – sieh's dir mal an und sag mir, was du meinst!" Mit diesen Worten hielt Hagrid ihm den Umschlag hin, und dann hatte Harry ihn in der Hand und betrachtete die Aufschrift „Severus Snape" in Dumbledores unverkennbarer Handschrift. Er setzte sich wieder hin.
„Was ist das?", fragte er.
„Ein Brief von Dumbledore. Er hat ihn mir gegeben, ganz kurz vor seinem Tod damals. Ich sollt ihn weitergeben, wenn er tot is', hat er gesagt, auf keinen Fall vorher. Aber dann – danach konnt' ich ihn doch nich' weitergeben – weil Snape ja weg war und wir ja alle – weil wir doch alle gedacht ham, dass er ihn umgebracht hätt und auf die falsche Seite gewechselt wär –" Hagrid räusperte sich. „Na, un' danach gab's nie mehr 'ne Gelegenheit, verstehst du? Erst wär' er beinah gestorben, un' dann war er nich' mehr ohne Bewachung un' dann im Gefängnis – un' Dumbledore hatte mir eingeschärft, dass es keiner mitkriegen sollte. Also eigentlich sollt ich den jetzt wohl vielleicht verbrennen, oder was meinst du?"
„Nein", sagte Harry bestimmt. „Ich glaube, wir sollten ihn auf jeden Fall vorher lesen." Und auch wenn sich das nicht völlig richtig anfühlte, so war er doch der Meinung, dass er lange genug die Spielfigur auf dem Brett dieser beiden Männer gewesen war, um jetzt das Recht zu haben, diesen Brief zu lesen. Immerhin waren sie beide tot. Und wenn es stimmte und es darin um ihn ging – dann war das sowieso sein gutes Recht.
„Dann lies du ihn", sagte Hagrid. „Vielleicht kannst du ihn ja auch vorlesen."
„Ja", sagte Harry. „Mach ich." Er überwand ein letztes Zögern, zerbrach das Siegelwachs, mit dem Dumbledore den Umschlag verschlossen hatte, und zog einen beschriebenen Briefbogen hervor. Während er ihn entfaltete und glatt strich und Dumbledores vertraute Schrift sah, merkte er, wie heftig sein Herz auf einmal schlug. Mit etwas heiserer Stimme las er vor:
„Severus, mein lieber Freund –
unserem Gespräch von vorhin muss ich nun noch dies hier hinzufügen – ein Testament, wenn Sie so wollen. Ich weiß, dass ich Ihnen eine Menge abverlange, und bitte glauben Sie mir, dass ich Ihnen nur sehr ungern noch mehr aufbürden möchte – ich stehe ja ohnehin schon tief in Ihrer Schuld.
Aber wenn es zu dem kommen sollte, was ich befürchte, und wenn Sie also gezwungen sein sollten, das zu tun, worum ich Sie gebeten habe, dann muss ich noch eine weitere Aufgabe auf Ihre Schultern laden. Damit Sie mir keine Fragen stellen können, die besser nicht gestellt und die noch viel weniger beantwortet werden sollten, übermittle ich Ihnen diese Aufgabe in dieser Form und durch die Hand des getreuesten und uneigennützigsten Menschen, den ich kenne.
Im Falle meines Todes müssen Sie Harry beschützen. Ein alter Auftrag, aber mit einem neuen Paragraphen. Auch wenn er den Feind besiegt hat – und ich vertraue darauf, dass ihm das gelingen wird! – wird er doch weiterhin Ihre Hilfe brauchen.
Es ist kein Zufall, dass die Prophezeiung ihm die Macht zum Sieg über Tom Riddle zugesprochen hat. Ich habe das schon lange gewusst. Diese Macht ist über Generationen durch die Vergangenheit hindurch an ihn weitergegeben worden – er ist der Letzte auf einer langen Liste, könnte man sagen. Sie verleiht ihm Zugang zu einem Mysterium, dessen Gewalt die Widerstandsfähigkeit eines Menschen bei weitem übersteigt. Und damit schwebt er in Gefahr, ja, er selbst kann zu einer Gefahr werden, von der ich aus zwingenden Gründen so wenig wie möglich bekannt machen will. Er braucht starke Freunde, Severus – seien Sie zumindest sein Wächter!
Und sollten sich unsere Hoffnungen zerschlagen, sollte er Riddle doch noch unterliegen, dann darf um keinen Preis sein Tarnumhang in dessen Hände fallen. Dieser Umhang ist weit mehr als eine Quelle des Ärgers für gefoppte Lehrer und Hausmeister! Vernichten Sie ihn mit dem entsprechenden Gerät in meinem Büro – Sie werden das richtige erkennen! Ich hätte das selbst längst tun sollen und hätte es auch getan, wenn er nicht gleichzeitig eine so unverzichtbare Hilfe für Harry gewesen wäre.
Leben Sie wohl, Severus – und lächeln Sie gelegentlich, das wirkt Wunder!
In Hochachtung und tiefer Dankbarkeit,
Ihr Albus P.W.B. Dumbledore."
Harry ließ den Bogen sinken, und minutenlang war nichts zu hören außer Ambroses Zähnen, die Fleischbrocken um Fleischbrocken zerrissen und verschlangen.
„Meine Güte! Meine Güte!", sagte Hagrid schließlich.
Es war nur ein Brief. Und Dumbledore war tot. Weg. Und doch war es, als sähen ihn durch die Zeilen hindurch die hellblauen Augen hinter den halbmondförmigen Brillengläsern an. Harry erwiderte diesen Blick ernst.
„Der Tarnumhang von deinem Dad – was mag bloß damit sein! Dass er ihn vernichten sollte!" Hagrids Stimme ließ die Augen ganz verschwinden. Und doch war Harry sicher, dass sie da gewesen waren.
„Ich hab ihn gar nicht mehr!", sagte er langsam. „Ich hab ihn Ron hier gelassen, als ich damals weggegangen bin. Er sollte ihn dem Phönixorden geben. Hat er auch gemacht."
Und auf einmal musste er lachen. Zumindest eines der Maschinchen in Dumbledores Büro hatte also immer einen Zweck gehabt – es war ein Tarnumhangvernichtungsgerät! Hätten sie da nicht selbst drauf kommen können?!
„Harry, was is' mit dir? Was is' denn komisch da dran?"
Harry winkte ab. „Entschuldige. Nichts ist komisch. Ich bin nur – das ist – einfach – na ja, überraschend." Das Lachen war ihm schon wieder vergangen. Macht! Es war dieses Wort, das ihn aus dem Briefbogen heraus anzuspringen schien. Noch ein Irrtum von Dumbledore. Er war der machtloseste Mensch in dieser ganzen magischen Welt.
Na ja. Vielleicht ja nur deshalb, weil ich den Umhang nicht mehr habe … Er bezwang sich, um nicht wieder loszukichern. Versuchte zu erfassen, was er da nun erfahren hatte. Es wollte nicht gelingen. Macht. Mysterium. Gefahr. Und der Umhang.
„Hast du eine Ahnung, wovon er da geredet hat?", fragte er schließlich. Hagrid schüttelte den Kopf.
„Ich auch nicht. Meinst du – ich kann den Brief behalten?"
„Ja. Dich betrifft er doch am meisten, nich'? Un' Severus können wir ihn ja nich' mehr geben. Harry, den Umhang – den hat doch dann ganz sicher Professor McGonagall, denk ich mir! Vielleicht solltest du ihr den Brief auch zeigen!"
„Ich – ich würd gern noch drüber nachdenken. Wär das in Ordnung?", fragte Harry, der nicht vorhatte, McGonagall auch nur ein einziges Wort von diesem Brief zu sagen.
„Sicher. Das musst du entscheiden, glaub ich."
„Dann geh ich jetzt rüber, schlafen."
oooOooo
Inzwischen war der Mond durch die Wolken gekommen und gab genügend Licht, dass Harry seinen Weg ohne Hilfe fand. Beinahe Vollmond. Er fragte sich, ob Bill schon irgendwo im Wald nach Tonks suchte. Und Ron fiel ihm ein, der im St. Mungo saß und mit ihm reden wollte. Der Brief in seiner Hand erschien ihm hier draußen ganz unwirklich, nichts als ein Überbleibsel aus einer Zeit, die endgültig vorbei und vergangen war.
Ob er mit dem Mysterium wieder die Liebe gemeint hat?, fragte er sich flüchtig, während er die Tür des düsteren Pavillons öffnete.
Drinnen glomm ein Feuer in einem kleinen Ofen und warf flackerndes rötliches Licht auf das Bett, das Hagrid ihm aufgestellt hatte. Er warf seine Cordjacke und die Kappe auf das Fußende und wühlte in seinem Rucksack nach etwas, worin er diesen Brief verwahren konnte. Schließlich griff er sich das Buch der Mysterien, das er am Grimmauldplatz im letzten Moment doch noch eingepackt hatte.
„Mysterien zu Mysterien", murmelte er, schlug es auf und legte den Brief hinein.
Er war müde und wollte eigentlich nur noch Dunkelheit um sich, aber das Bild im Buch schien ein eigenes, silbriges Licht auszuströmen. Fast ohne es zu wollen, schob er den Umschlag noch einmal beiseite und betrachtete es.
Es war wie ein Fenster in einem dunklen Raum, und durch dieses sah man in eine Welt aus Eis und Schnee hinaus. Er war zu müde, um den Einzelheiten noch Aufmerksamkeit schenken zu können, aber eine tiefe Einsamkeit schien davon auszugehen – oder waren das nur seine eigenen Gefühle? Mit schweren Lidern starrte er auf das Bild und sah zu, wie ein zarter Schleier aus Eisblumen von den Rändern her langsam immer weiter in die Mitte hineinwuchs. Sie sahen aus wie winzige Rosen, erkannte er auf einmal. Winzige Rosen, wie auf einer Tapete.
