Kapitel 2.06 – Gnome und Einhörner
- 18.08.2001 -
Etwa zwei Stunden nachdem Severus Hermines Blutergüsse versorgt und selbst ins Bett gegangen war, wurde er durch einen lauten Schlag aus dem Erdgeschoss geweckt. Er setzte sich auf, war von einer Minute auf die andere hellwach.
Im nächsten Moment folgte ein Krachen und er griff nach seinem Zauberstab. Ohne sich großartig etwas über seinen Pyjama zu ziehen, ging er zur Tür und trat auf den Flur. Unten war alles dunkel, aber es war nicht zu überhören, dass irgendjemand dort war.
Mit gespannten Muskeln warf er einen Blick auf die Tür zu Hermines Zimmer, doch diese lag komplett in der Dunkelheit des Ganges. Er konnte nicht sehen, ob sie es war, die da unten anscheinend gerade die Einrichtung zerlegte. Allerdings hielt er diese Möglichkeit eher für unwahrscheinlich. Nach dem letzten Tag würde sie sich hüten, nachts durchs Haus zu geistern.
Also umfasste er den Griff seines Zauberstabes noch ein wenig fester und ging leise die Treppe hinunter. Durch die Fenster der Ostseite fielen die diffusen Strahlen des Mondes. Dieses spärliche Licht schaffte nicht mehr als ein paar sehr undurchsichtige Schatten.
Immer darauf bedacht, selbst keinen solchen zu werfen und seinen Rücken stets nur den Wänden zu entblößen, bewegte er sich auf das Wohnzimmer zu. Von dort kamen die merkwürdigen Geräusche. Es klang beinahe, als würde eine wild gewordene Katze durch das Zimmer fegen und alles mit sich reißen, das nicht niet- und nagelfest war.
Am Türrahmen blieb er schließlich stehen und wartete. Es war still, doch er glaubte es pfeifendes Atmen zu hören. Er versuchte etwas in der Dunkelheit zu erkennen, gab allerdings selbst mit Hilfe des Mondes bald auf. Das einzige, was er erkennen konnte, war der Weg, den der Eindringling genommen hatte. Severus hatte am Nachmittag vergessen, die Terrassentür zu schließen. Und damit wusste er auch, womit sie es zu tun hatten.
Als der Gnom zu einer neuen Runde ansetzte, entschied er sich für die Offensive. Er sprach einen Zauber, der das komplette Wohnzimmer in helles Licht tauchte, brauchte dadurch aber selbst erstmal ein paar Momente, ehe er etwas erkennen konnte.
Das plötzliche Licht sorgte dafür, dass der rüde Besucher ein panisches Quietschen von sich gab, einige Bilder von den Wänden riss (woraufhin die Bewohner sich lautstark beschwerten) und sogar eine der Fensterscheiben zum Zerbrechen brachte.
Severus konnte nicht mehr als einen verwischten, braunen Fleck ausmachen, der sich in rasender Geschwindigkeit über Sessel und Tische, Schränke und Lampen schwang. Der Putz begann bereits von der Decke zu rieseln und immer mehr Glas ging zu Bruch.
Er folgte dem Fleck mit der Spitze seines Zauberstabes, rief „Stupor!", verfehlte aber das Ziel. Die roten Funken stachelten das Vieh noch mehr an, wenn das überhaupt möglich war. Die Deckenlampe schwankte bedenklich und löste sich schließlich aus ihrer Verankerung. Mit einem lauten Krachen ging sie auf dem Wohnzimmertisch hinunter, der ächzend in sich zusammenbrach.
Ein weiteres Quietschen folgte und angesichts seiner nackten Füße und den Scherben auf dem Boden traute Severus sich nicht, das Wohnzimmer überhaupt zu betreten. Dass Albus es tatsächlich geschafft hatte, ihnen von allen Geschöpfen, die die magische Welt zu bieten hatte, ausgerechnet einen Gnom mit in ihre kleine Realität zu packen, ließ ihn grummelnd den Kopf schütteln.
„Nutzlose, nervtötende Mistviecher", knurrte er leise und schleuderte erneut einen Fluch auf den Gnom.
Wiederum verfehlte dieser sein Ziel, beförderte allerdings eine Zimmerpflanze ins Jenseits. Severus verzog leidend das Gesicht. Der Hibiskus war für einige Tränke wirklich hilfreich; es war ein Jammer, nun auf ihn verzichten zu müssen.
Schließlich sah er sich dazu gezwungen, zwei auf dem Boden liegende Holzstücke in ein Paar Schlappen zu verwandeln, damit er das Wohnzimmer betreten konnte. „Elendes Zauberstabgefuchtel", murmelte er dabei und schlüpfte in die improvisierten und deswegen äußerst unbequemen Schuhe.
Doch der Gnom hatte beschlossen, dass es Zeit wurde, sich mit den Regalen neben der Tür zu beschäftigen. Er riss Türen auf, Geschirr heraus und sich selbst nicht zusammen. Severus schickte ihm eine ganze Salve von Flüchen hinterher, erzielte damit aber keinen Erfolg.
Letztendlich steckte er sich zwei Finger in den Mund, gab einen schrillen Pfeiflaut von sich und genoss die Stille, die daraufhin eintrat. Der Gnom war erstarrt, während er auf einer der Schranktüren saß, und starrte Severus mit großen, beinahe schwarzen Augen an. Der Atem des Geschöpfes ging schnell, doch er schien nicht panisch zu sein. Vielmehr machte es ihm Spaß, das Zimmer zu verwüsten.
Gerade als der Tränkemeister einen gezielten Fluch auf den Gnom loslassen wollte, um ihn endlich wieder in den Garten zu verfrachten, erschien Hermine an der Tür. „Was ist denn hier los?"
Diese simple und noch dazu recht leise gestellte Frage schien so etwas wie ein Startsignal für den Gnom zu sein, denn er machte sich sofort wieder daran, quer durchs Zimmer zu fegen und alles umzuwerfen, das nicht bereits auf dem Boden lag.
Severus drehte sich der Tür zu, stemmte die Hände in die Seiten und seufzte tief, als ihm der Putz auf den Kopf rieselte. „Wir haben einen Gnom im Haus", stellte er so betont ruhig fest, dass es nicht zu übersehen war, wie wütend er über diesen Zwischenfall war.
„Und ich hab's mal wieder verpatzt", stellte Hermine mit rotem Gesicht fest.
Severus zog es vor, darauf nicht zu antworten. Er würde sie nicht anlügen, doch sie sah nicht gerade so aus, als ob sie die Wahrheit vertragen würde, ohne in Tränen auszubrechen. „Hast du deinen Zauberstab dabei?"
Sie nickte und zog das Genannte.
„Sehr schön. Du zielst nach rechts und ich erwische ihn hoffentlich links!" Beide wandten ihre Aufmerksamkeit auf den quirligen Eindringling, der inzwischen einen hohen Pfeifton ausstieß, der dem von Severus verdammt ähnlich war. Er schrillte zumindest unangenehm in den Ohren und verursachte eine Gänsehaut auf seinem Rücken.
Dabei schaukelte der Gnom an der zweiten, noch intakten Deckenlampe über dem Tisch der Essecke und erinnerte vage an einen kahlen Schimpansen. Er schnappte nach Blättern der Yuccapalme, hob diese aus ihrem Topf und verteilte die Erde auf dem Boden. Der Rest landete auf dem Esstisch, den sie bisher zwar noch nie benutzt, aber trotzdem für äußerst nützlich erachtet hatten.
„Jetzt!", befahl Severus deswegen laut, bevor diese Nervensäge noch mehr anstellen konnte, und das doppelte „Stupor!" hallte laut durch das Haus.
Hermines Fluch steuerte, wie er es gesagt hatte, nach rechts, während Severus' nach links ging. Der Gnom tauchte unter beiden hinweg.
„Verdammt!"
Hermine fasste ihn am Arm und zog so seine Aufmerksamkeit auf sich. „Du den Murus, ich den Stupor, beide rechts!" Sie schien schwach und müde und er erklärte sich einverstanden, ohne weiter nachzufragen. Alles war in Ordnung, solange sie bald wieder ins Bett kam.
Severus wandte sich wieder dem Eindringling zu, der keckernd über seinen letzten Streich lachte und auf dem Tisch hüpfend Grimassen zog. Hermine deutete mit dem Zauberstab auf ihn, was ihn dazu brachte, nach rechts auszuweichen. „Murus!", rief Severus und die Mauer baute sich direkt vor dem kleinen Vieh auf, so dass es recht unsanft dagegen prallte.
„Stupor!", rief Hermine anschließend und endlich traf der Fluch. Der Gnom fiel geschockt zu Boden.
In der nun plötzlich eintretenden Stille stieß Severus erleichtert die angehaltene Luft aus und fuhr sich mit den Händen durch die Haare, wobei teils große Klumpen weißen Putzes zu Boden fielen. Hermine beobachtete es mit hochgezogenen Augenbrauen, ehe sie zu dem Gnom ging und ihn schweben ließ.
„Ich werde ihn in den Garten bringen."
Severus nickte erst und sie machte sich bereits dorthin auf den Weg. „Warte mal!", rief er dann allerdings und neigte den Kopf zur Seite. Hermine sah ihn abwartend an. „Ich denke, wir könnten ihn noch gebrauchen. Sperr ihn lieber im Labor ein." Ihre Augen bekamen einen panischen Ausdruck. „Mit einem Schutzzauber!", fügte er deswegen hinzu.
Aber auch das schien sie wenig zu besänftigen. „Muss es unbedingt das Labor sein?"
„Nun, wenn du lieber dein Zimmer opferst…" Er verschränkte die Arme vor der Brust.
„Das nicht, aber wir haben auch einen Dachboden."
Severus ließ sich diese Möglichkeit durch den Kopf gehen und nickte dann. „Dann bringe ich ihn aber hoch. Du siehst aus, als könntest du eine Pause gebrauchen." Hermine verzog das Gesicht, sagte aber nichts dagegen. Widerstandslos übergab sie den Gnom an Severus.
„Ich werde uns einen Tee kochen", murmelte sie und ging ihm voraus aus dem Wohnzimmer, bog allerdings vom Flur aus in die Küche und nicht zur Treppe ab.
Severus sah ihr skeptisch hinterher, beschloss dann aber, dass es schlauer wäre, sich vorerst um ihren Quälgeist zu kümmern. Also stieg er die Treppen in den ersten Stock hinauf, lief den Flur das erste Mal bis zum Ende hinunter und fand dort eine Luke in der Decke. Etwas unbeholfen werkelte er vor sich hin, da er nur eine Hand zur Verfügung hatte. Aber nach ein paar Minuten konnte er die schmale Leiter benutzen und ließ den Gnom vorsichtig im hinteren Teil des Dachbodens nieder.
Er nahm sich einen Moment, sich den Abstellraum genauer anzusehen. Hier oben gab es nichts außer Staub und Spinnweben. Keine Kisten, Kartons, alte Möbelstücke oder was man sonst auf einem Dachboden für Schätze vermutete. Es war schlichtweg perfekt. Den hinteren Teil des Raumes belegte er mit einigen Schutz- und Isolierzaubern, sorgte dafür, dass die Balken widerstandsfähiger und der Boden besonders solide wurde und weckte den Gnom anschließend aus seinem Schockzustand.
Das hässliche Geschöpf gab murrende und klackernde Geräusche von sich, klang wenig begeistert und setzte sich langsam auf. Severus verließ wohlweislich den isolierten Bereich und es wurde still. Nach wenigen Augenblicken hatte der Gnom seine neue Lage begriffen und begann – soweit sein angeschlagener Zustand dies zuließ – wilde Runden zu drehen. Severus glaubte eine gewisse Frustration erkennen zu können, als sein Toben nicht durch die Geräusche von zerbrechenden Dingen quittiert wurde.
Mit einem Kopfschütteln wandte der Tränkemeister sich um und verließ den Speicher wieder. Später würde er noch einmal kommen und dem unliebsamen Mitbewohner Wasser und Nahrung bringen. Er hatte Pläne mit ihm, also musste er sich um ihn kümmern.
Kurz darauf kehrte er in die Küche zurück und fand Hermine über einer Tasse dampfendem Tee sitzend. Sie zuckte leicht zusammen, als er an ihr vorbeiging, und richtete sich auf. Ihre Augen sahen feucht aus, doch Severus verbot es sich, genauer darüber nachzudenken.
„Ist er auf dem Dachboden?", fragte sie mit heiserer Stimme.
Er nickte. „Es wird ihm gut gehen dort oben. Zumindest wenn er es lernt, Abstand von den Kanten und Ecken zu nehmen."
Hermine nahm diese Erwiderung stumm zur Kenntnis und rührte ein wenig in dem schwarzen Tee, den sie ihnen gekocht hatte. Severus beobachtete sie nachdenklich und glaubte sehen zu können, dass sie an etwas knabberte, das sie durchaus mit ihm zu teilen gedachte. Sie schien nur noch nicht so richtig zu wissen, wie sie dies anstellen sollte.
Also lehnte er sich zurück, nahm einen Schluck des Tees und verabschiedete sich gedanklich davon, in dieser Nacht noch sonderlich viel Schlaf zu bekommen. Bei diesem Punkt verweilten seine Gedanken allerdings nicht lange; sie wanderten sofort weiter zu den Möglichkeiten, mit denen er die Zeit stattdessen verbringen konnte. Der Trank gegen das Problem mit Adia stand an oberster Stelle und er würde versuchen, hier einen Schritt weiter zu kommen.
„Ich dachte die ganze Zeit nur… Wo ist Ron, wenn man ihn mal braucht?"
Severus blinzelte mehrmals, als Hermine so unvermittelt zu sprechen begonnen hatte. Nun waren ihre Augen sichtlich feucht und er wusste, dass ihm dieses Gespräch nicht gefallen würde. „Bitte?", fragte er dennoch, denn sie hatte niemanden, mit dem sie es sonst führen konnte.
„Versteh mich nicht falsch. Wenn ich an Ron denke, dann denke ich nicht zuerst daran, dass er Erfahrung mit Gnomen hatte." Sie stockte und schluckte. „Aber sein Geschick mit diesen… Sie ging über alles hinaus, was ich jemals gesehen habe. Er hat es manchmal sogar geschafft, dass die Gnome freiwillig Mollys Garten verließen, nur weil er sie darum bat." Eine Träne rollte über ihre Wange. „Ich habe immer versucht, Kontakt zu magischen Geschöpfen zu bekommen, doch er war derjenige, der es wirklich geschafft hat."
Severus senkte den Blick und betrachtete angestrengt den Inhalt seiner Tasse. Was zum Teufel sollte er dazu jetzt sagen? Und welche Frage noch viel interessanter war: Was hatte er getan, dass er sich überhaupt in einer solchen Situation wiederfand? Das war wirklich… er wollte zu gerne sagen grauenhaft, aber als sich dieser Gedanke formte, fiel ihm auf, wie falsch er sich anfühlte. Es war… in Ordnung.
Genau das sagte er Hermine. Und: „Du hast in Hogwarts immer versucht, in allen Gebieten die Beste zu sein. Meinst du nicht, dass es allmählich Zeit wird, deine wirklichen Stärken zu erkennen und auszubauen?"
Sie sah ihn flüchtig an, zuckte mit den Schultern.
Er vermutete, dass er nicht mehr als Antwort erhalten würde. Andernfalls würde sie den Kampf gegen die Tränen verlieren. „Mr Weasley war talentiert im Umgang mit magischen Geschöpfen und dem Besen. Und ich kann nicht leugnen, dass er auch im Umgang mit dem Zauberstab ein gewisses Geschick an den Tag legte. Es entspricht der Natur der Dinge, dass du ihn auch wegen dieser Fähigkeiten vermisst. Aber du solltest dies nicht dazu nutzen, dich selbst zu quälen. Dem Gnom geht es gut. Ich denke, wir waren ein annehmbares Team."
Sie lächelte schwach und wischte sich über die Wangen. Dennoch sah er die Tränen, die dabei auf die Tischplatte fielen. „Ja, vielleicht waren wir das." Sie holte einmal tief Luft. „Tut mir leid, dass ich mich bei dir ausweine. Das war so nicht geplant." Eine zarte Röte überzog ihre Wangen.
„Falls es dir hilft, ich kann dieses Wissen gut im Umgang mit Adia gebrauchen."
Hermine nickte enthusiastisch. „Ja, das hilft mir sehr."
Severus neigte wohlwollend den Kopf und trank einen weiteren Schluck seines Tees. „Wie kommt es überhaupt, dass du wach bist? Der Trank hätte dich mindestens bis morgen früh schlafen lassen sollen." Er zog die Augenbrauen zusammen.
Hermine sah es und brachte sogar ein kleines Grinsen zustande. „Fürchtest du um die Qualität deiner Tränke?"
Er zuckte beiläufig mit den Schultern.
„Es lag nicht daran, der Trank war einwandfrei. Es scheint nur so, dass ich ein Bestandteil oder ein Zusammenspiel mehrerer Bestandteile nicht vertrage. Mein Magen ist ein wenig… störrisch, seitdem ich…" Sie stockte.
„Hermine…" Er wusste, was sie sagen wollte, sie musste es nicht aussprechen.
Doch mit einer erhobenen Hand hielt sie ihn auf. „Seitdem ich schwanger war", beendete sie den Satz mit fester Stimme. „Es zu verschweigen, macht es nicht besser." Dennoch war die Haut unter ihren Fingernägel weiß, während sie ihre Tasse fest umklammerte.
„Wie sieht es mit der Wirkung der anderen Tränke aus?", wechselte er nach ein paar Sekunden das Thema.
„Ich bin mir nicht sicher. Ich habe Kopfschmerzen, aber die können auch von der Übelkeit kommen. Das allgemeine Unwohlsein entspringt wohl eher der Lage an sich. Ich bin momentan eben nicht auf der Höhe." Es war ihr anzusehen, dass sie unter der physischen und psychischen Schwäche litt.
Auch Severus sah dies nur ungern – sowohl die Schwäche an sich, als auch ihre Unfähigkeit, damit umzugehen. Hermine war immer eine starke Frau gewesen, vor allem in der Zeit vor dem Ende des ersten Krieges. Er traute sich zu behaupten, sie einigermaßen kennen gelernt zu haben und hätte man ihm während ihrer Schulzeit gesagt, dass diese Dinge in ihr steckten, er hätte es nicht geglaubt. Sie hatte ihn eines besseren belehrt und es gab nur wenige, die dies von sich behaupten konnten. Sie hatte seine Erwartungen im wahrsten Sinne des Wortes übertroffen.
„Das wird sich geben. Ich werde einen Weg finden."
Sie zog die Nase hoch, woraufhin Severus aufstand und ihr ein Stück Papier von der Küchenrolle abriss. Normalerweise hätte er ihr eines seiner Taschentücher gegeben, doch er trug noch immer nicht mehr als seinen Pyjama und diese unbequemen Latschen. Und bisher war ihm das nicht einmal bewusst gewesen. Jedenfalls zog er es nun vor, sich nicht wieder zu setzen, sondern sich gegen die Arbeitsplatte zu lehnen.
Hermines Finger strichen beinahe andächtig über das Tuch, nachdem sie sich die Nase geputzt hatte. „Manchmal frage ich mich, ob es wirklich einen Sinn hat, gegen Adia zu arbeiten. Der Trank stand nicht umsonst als irreversibel in diesem Buch und ich habe ihn trotzdem benutzt." Sie hob ihren Blick zu ihm und in ihren Augen stand die ungestellte Frage, ob sie es nicht vielleicht sogar verdient hatte, nun die Konsequenzen ihres Handelns ohne Hilfe durchstehen zu müssen.
„Nun, ich kann dir nicht sagen, dass es kein Fehler war. Einen solchen Schritt für einen garstigen Kerl wie mich zu tun, ist definitiv ein Fehler."
Sie lächelte schwach und er fühlte sich besser, weil er diese Reaktion bei ihr hervorrufen konnte.
„Aber ich weiß, dass jeder eine Chance verdient hat, seine Fehler wieder gut zu machen. Und ich habe nicht vor, dir diese Chance abzusprechen." Er stellte sich noch ein bisschen gerader hin und versuchte es mit dem besten Lehrerton, den er noch ausgraben konnte (wobei er versuchte zu ignorieren, dass er in einem verdammten Pyjama vor seiner ehemaligen Schülerin stand). „Also halte ich es für sinnvoll, wenn du jetzt in den Zimmer gehst und versuchst zu schlafen. Du kannst Ruhe gebrauchen. Wenn etwas ist, ich bin im Labor."
Seine Stimme hatte offenbar ein ausreichendes Maß an Entschlossenheit enthalten, denn Hermine stand beinahe augenblicklich auf und hatte das Gesicht zu einer skeptischen Miene verzogen. „Wenn ich nicht so furchtbar erschöpft wäre, würde ich dir jetzt sagen, dass du mich nicht länger wie eine Schülerin behandeln solltest. Das Echo könnte unangenehm werden. Aber da ich die Drohung ohnehin nicht wahr machen kann, spare ich mir das für eine andere Gelegenheit."
Severus mühte sich redlich, das feine Lächeln zu verbergen. Sein Weg, dies zu tun, war, den Kopf zu schütteln. „Es wird mir schwer fallen, dich nicht als Schülerin zu behandeln, wenn du nach wie vor so viel plapperst wie ein Schulmädchen. Und bevor du darauf einen weiteren Sturzbach an indirekten Drohungen auf mich los lässt, sage ich dir lieber gleich, dass ich mir durchaus vorstellen kann, wie diese aussehen. Du kannst es dir also sparen und die Kraft lieber dafür nutzen, dich ins Bett zu begeben."
Hermine schnaubte und wandte sich nach einem letzten, schon beinahe angriffslustig zu nennenden Blick ab. „Wer hier wohl zu viel redet", murmelte sie allerdings, während sie die Küche verließ und die Stufen ins obere Stockwerk hinaufstieg.
Severus folgte ihr mit seinen Blicken, bis die Dunkelheit des Flures sie verschluckt hatte. Dann riss er sich mit einem tiefen Atemzug aus den Gedanken, trank seinen Tee aus und bereitete sich darauf vor, eine Nachtschicht im Labor einzulegen.
- 20.08.2001 -
Das Problem waren die Einhorntränen.
Die Kunst des Tränkebrauens kannte viele Zutaten, die über ein gewisses Maß an magischer Kraft verfügten. Drachenblut zum Beispiel. Oder auch Phönixtränen. Letztere unterschieden sich von den Einhorntränen in ihren sekundären Eigenschaften. Ein Phönix stand für Ewigkeit, ein Einhorn für Reinheit. Man konnte die Ewigkeit bezwingen, Nicolas Flamel hatte dies eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Doch was einmal unrein war, würde es immer sein.
Dieser Unterschied wies den Einhorntränen einen Platz zu, der über allen anderen Zutaten stand. Die magische Kraft war so stark, dass man sie mit der eines Zauberers oder einer Hexe vergleichen konnte. Und das war enorm, wenn man bedachte, dass es nur Tränen waren.
Gedankenverloren starrte Severus auf seine Notizen und tippte mit der Spitze der Feder mehrmals neben die Zutat, die er noch immer nicht ausgleichen konnte. Bis die Spitze abbrach und er die Feder leise fluchend in den Mülleimer warf.
Der Spruch war das kleinere Übel. ‚Reverto origo' – zurück zum Ursprung – sollte hier ausreichende Dienste tun. So wie beim ursprünglichen Trank würde er den Spruch nur brauchen, um dessen Fertigstellung abzuschließen.
Doch die Einhorntränen…
Es war ihm noch immer ein Rätsel, wie Hermine an diese Zutat gelangt war. Nicht einmal die Nokturngasse – oder vielleicht eher gerade nicht die Nokturngasse – verfügte über eine Quelle dieser absolut begehrten Zutat. Das war auch der Grund, warum der Vicissitudo Virtus so selten zum Einsatz kam. Er würde Hermine bei der nächsten Gelegenheit danach fragen.
Dieses Vorhaben half ihm allerdings nicht im Mindesten weiter, was den Ausgleich betraf. Erneut glitten Severus' Blicke über die Liste der magischen Zutaten und den Gehalt der Kraft, den sie pro Milligramm oder Milliliter enthielten. Wenn man die richtigen Zutaten vermischte, würde sich die Kraft potenzieren. Doch so oft er die am höchsten dosierten Zutaten auch kombinierte, nichts reichte an Einhorntränen heran. Und diese vertrugen sich aus Gründen der Reinheit überhaupt nicht mit anderen magisch behafteten Zutaten.
Nachdenklich drehte Severus seinen Zauberstab in der Hand, nachdem nun die Feder bereits das Zeitliche gesegnet hatte. Seine Schreibutensilien hatten bereits häufiger dran glauben müssen, wenn er über einem Trank brütete. Nun stoben zarte Funken in verschiedenen Farben aus der Spitze und er streckte die Hand aus, um sie aufzufangen. Ein Prickeln zog sich durch seinen Arm.
Abrupt hielt er in seinen Bewegungen inne und kniff die Augenbrauen zusammen. Möglicherweise…
In diesem Moment klopfte es an der Labortür und er bat Hermine verstimmt herein. In den letzten zwei Tagen hatte sie sich seiner Anweisung gefügt und viel geschlafen. Dennoch hatte Adia ihm nicht einen einzigen Besuch abgestattet und laut Hermines Aussage war sie auch nicht draußen gewesen, während er selbst seinem Schlafbedürfnis nachgekommen war.
Diese Ruhe hatte auf jeden Fall dazu geführt, dass Hermine mehr oder weniger erholt aussah. Der Schmerz, den sie nun schon seit vier Monaten so erfolgreich unterdrückte und ignorierte, zeichnete sich natürlich trotzdem in ihrem Gesicht ab, doch allgemein hatte er den Eindruck, dass es ihr besser ging.
„Ich will kochen. Hast du auf etwas Bestimmtes Appetit?"
Er schüttelte kurz den Kopf und sah sie nachdenklich an. „Einhorntränen", stellte er sein Problem schließlich einfach in den Raum und beobachtete Hermines Reaktion.
Diese bestand aus einem Heben ihrer Augenbrauen und einer zarten Röte auf ihren Wangen. „Was ist damit?"
Severus legte seinen Zauberstab endlich beiseite. „Wie bist du da rangekommen? Ich habe nur ein einziges Mal mit dieser Zutat arbeiten dürfen und das war während meiner Ausbildung." Zweifellos stand in seiner Stimme Neid. Doch jeder Tränkemeister würde einiges dafür tun, nur ein paar Tropfen dieser eindrucksvollen Flüssigkeit in die Hände zu bekommen.
„Hagrid hat mir geholfen", antwortete Hermine so selbstverständlich, dass Severus mit einem stillen Seufzen die Augen schloss.
„Es gibt Momente, in denen wünsche ich mir die Art deiner Attribute, die diesen Halbriesen um den Finger zu wickeln vermögen", brummte er.
Hermine hingegen sah ihn nun mit großen Augen an und schien nicht sicher, was sie von dieser Aussage halten sollte. Nun gut, die Vorstellung, Hermine könne Hagrid gezielt um den Finger wickeln, war auch sehr abwegig. Aber das war es ja gerade, was ihn neidisch machte. Sie schaffte es, ohne es zu beabsichtigen – und das nicht nur bei Hagrid.
„Und nur, damit du nicht auf falsche Gedanken kommst: Nein, ich denke nicht an sexuelle Reize. Ich spreche von deiner zeitweise noch immer ausgeprägten Naivität, die Hagrid einfach das Ausmaß seiner Hilfe nicht verstehen lässt. Und von deinem Geschick, die richtigen Bemerkungen über magische Geschöpfe zu machen."
Nun senkte sie mit einem amüsierten Lächeln den Blick und scharrte mit dem Fuß über den staubigen Boden. „Na ja, wenn mir die magischen Geschöpfe selbst schon skeptisch gegenüber stehen, dann kann ja wenigstens der Wildhüter glauben, dass ich sie schätze."
Severus verzog das Gesicht. „Nonsens. Du weißt, dass ich dich für die Erfahrung, mit Einhorntränen gearbeitet zu haben, hassen muss?"
Ein scheinheiliges Lächeln schlich über ihr Gesicht. „Möglicherweise habe ich noch ein wenig davon…"
Severus kniff die Augen zusammen. „Biest!"
„Unter diesen Umständen sehe ich allerdings davon ab, sie mit dir zu teilen."
Er gab ein paar unverständliche Worte von sich, was absolut beabsichtigt war. Hätte Hermine verstanden, was er gesagt hatte, würde sie ihm diese Tränen niemals geben. „Genieße das Gefühl der Macht, solange es anhält!", drohte er stattdessen.
„Oh, das werde ich. Worauf du dich verlassen kannst!" Sie grinste sehr selbstgefällig.
Und hob damit auch seine Laune, denn jede Ablenkung, die zur Verbesserung ihrer Gemütsverfassung beitrug, war es wert, genutzt zu werden. Sie sollte viel öfters lächeln, es stand ihr hervorragend.
„Also, hast du auf etwas Bestimmtes Appetit oder soll ich dich überraschen?", kehrte sie zur Ausgangsfrage zurück und wippte auf ihren Füßen.
„Überrasch' mich!"
Hermine lächelte. „Aye, aye, Sir!" Mit einem wilden Schwung ihrer Haare drehte sie sich um und lief die Treppen hinauf.
Severus sah ihr hinterher, sogar noch lange nachdem die Tür sich hinter ihr geschlossen hatte. Sie besaß tatsächlich noch Einhorntränen… Und solange Hagrid nicht beschloss, sich von einem seiner Viecher töten zu lassen und Hermine ihm, Severus, wohl gesonnen war, bestand sogar die Möglichkeit, mehr davon zu bekommen.
Das wiederum stellte alles, was er sich an Gedanken für Trankrezepte gemacht hatte, in ein vollkommen anderes Licht. Nicht auszudenken, welche Forschungsmöglichkeiten sich ergaben, wenn er nur hin und wieder an ein paar Tropfen dieser Zutat gelangen konnte. Wenn es sein musste, würde er Hagrid auch mit einem Jahresvorrat Feuerwhiskey erpressen (und wenn man bedachte, dass er diesen vermutlich zum Füttern irgendwelcher verrückter Tiere nutzen würde, die gut und gerne das Fünffache von Hagrids Konsum verschlangen, war das ein äußerst großzügiges Angebot).
An dieser Stelle seiner Gedanken seufzte er bedauernd auf, denn solange sie in diesem Haus festsaßen, war an Dimensionen dieser Art nicht mal im Entferntesten zu denken. Albus kannte die Wirkung von Einhorntränen und niemals würde er sich ohne einen triftigen Grund dazu bereit erklären, ihnen welche zu überlassen – Forschung fiel leider nicht in den Bereich 'triftig'.
Also wandte er sich wieder seinem anderen Problem zu und begann nun, mit seinem Zauberstab auf dem Pergament herumzutippen (was dazu führte, dass dieses munter die Farben wechselte). Er konnte nur hoffen, dass Hermine das Essen bald fertig hatte. Möglicherweise gab es dann noch Hoffnungen, die Knoten in seinen Hirnwindungen zu lösen.
TBC...
